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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Aulda.
Nr. 67.
jSerantwoniia; rür öen reoautoneUen Teil* Dr. I. Kramer« u iür die Anzeigen: I. Parzeller-Fuida. U Rotationsdruck n. Verlag der Fuldaer Äctiendruckerei in Fulda, itemloretber Nr. 9. Teleqr.-Adresie: Fuldaer Zeitung
Mittwoch, 22. Mär- 1922.
Vemosvreis: 'JJtonailid) 8.03 Mk. gugejieU; ;:u uu Haus- ~ Abgeholt in der Gejchäftsfulle 7,50 Bit - Anzeigen: Kleinzeile na^ilc'cnei Hilf.; auswärts 1.50INk. Reklamezeile (lentnreite’) nach Colone maß 4 liier'-.
49. Zahrg.
Der Kampf um frie Sd)ule«
sicher Neuerung nach jeder Richtung hin große Schwierigkeiten bereitet. Denn das Reich kann unter ben ob» wallenden Verhältnissen nicht genügend Mittel zu einer wirklichen Neuordnung zur Verfügung stellen. Dann aber ist das in der Serfafiimg vorgesehenx Reichsgesetz über die Neuordnung der Schule noch nicht erlassen und darf der Staat bis zur endgültigen Festsetzung dieser ncrmaticen Gesetzesbestimmungen des Reiches keine westmliche Veränderung der bestehenden SchuiverlM-
WeltanschaMNgs-ßragen.
Dir Verhandlungen über den Haushalt des preußischen Kultusministeriums, die in der vergangenen Woche zu Ende gcfichrt wurden, haben wieder einmal vor der Oesfenliichkeit ein Bild entworfen, von Len Kämpfen um die Kulturfragen, die sich sonst in den Ausschüssen und unter der Oberfläche des Part:liebens abfpieten. Da vor allem durch die Schule der Staat den größten Einfluß auf Kultur und Bildung des Volkes ausüben kann, stand die Schul- frage in Vordergrund.
Während bis zur Revolution durch die Machtstellung des Königs und des Herrenhauses der Einfluß des Landtages auf diese Fragen relativ gering war, so hat die Neuordnung der Dinge dem'Voiksparlament große Machtbefugnis in dieser Frage übertragen, wenn auch das Reich durch die Weimarer Verfassung gewisse Richtlinien fc st gesetzt hat. Da die nnie Staatsordnung dem Volke größere Rechte, aber auch größere Pflichten übertragen hat, so ist es selbstverständlich, daß gerade in der Schule, sowohl in der Volkssch-ite, als auch in den höhnen Schulen, die Iugmd zur Erfüllung chrer staatsbürgerlichen Pflicht erzogen werden muß. Darin sind sich alle Parteien einig; ihr gemeinsames Ziel ist: Die Erziehung zum guten Staatsbürger.
Doch in der Art und Weise, rote dieses Ziel erreicht werden soll, sind ihre Meinungen von Gnmd aus verschieden. Es sind die Weltanschauungen, die hier trennen; drei Richtungen sind es, die bei den Debatten im Landtag sich geltend machten: Die ch r i st - liche Weltanschauung, dir imbedingt an der kmrfessio- nüllen und christlichen Schule festhAt, die materialistisch-sozialistische Auffassung, die jegliche Religion, sei es in offener oder versteckter Form, aus der Schule verbannen will und eineoer Mitteln de Richtung, deren Halbheit jedoch keinen befriedigt. Dieser Kampf ist aber nicht nur ein Kamps um die Form, sondern vielmehr ein Kamps um die Existenz der Weltanschauung ober besser gesagt, um die zukünftige Macht der Weltanschauung. Denn si gt die eine oder bis andere Richtung, dann bedeutet das für den unterlegenen Teil den Untergang, weil, wer die Schute hat, die Zukunft besitzt.
Sa. Demokratisierung des Staates hat jedoch auch Swch andere Fragen aufgeworfen, denen zwar nicht d'.c Bedeutung zükvmmt, wie dem Kampf um die christliche oder d'e weltliche Schutt, die aber dennoch eine große Dedvutuny besitzen. Es ist die Forderung nach organischer Verbindung der Volksschule mit der höheren Schule. Es soll den talentvolleren Schulern der Aufstieg zu höheren Lehranstalt«! möglich gemacht werden, die sich organisch an das Programm der Volksschule anschließen. Weiter muß der Frau, der ja durch die Revolution grundsätzlich Gleichstellung mit dem Mcn'.lre gewährt worden ist, in der Schule di- Möglichkeit geboten werden, sich so auszubilden, daß sie nicht mir ihre Pflicht als Frau, sondern mich als vollberechtigte Bürgerin des Staates erfüllen kann. Das bedingt eine grundsätzliche Neuordnung der Mädchenschulen.
Die Voraussetzung zur Lösung dieser Schulsragen ist jedoch eine Neuordnung der Lehrerausbildung. Diese Frage nahm daher einen weiten Raum bei den Verhandlungen ein. Der Widerstand eines großen Teiles der Lehrerschaft gegen die Semmarbtt- düng findet bei den Wgeordneten vielfach Zustimmung und der Gang der Ereignisse hat dazu geführt, daß die Lehrerseminare sozusagen zum Tode verurteilt sind. Vollgültigen Ersatz hat ir.cn jedoch noch nicht geftmd.n, wie überhaupt über der ganzen Schul frage ein ungeklärtes Etwas schwebt. Zunächst ist es die finanzielle Abhängigkeit des Staates vom Reiche, die >eg- Mill I«IIIII11II«l TOffllM
Grotzkaufmann Selfiermamt.
Don Wilhelm Herbert, München.
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Es war dem Kaufmann, als ob er den SIrpi des Nachbarn ergreifen, diesen auf die Seite führen und zu ihm sagen müßte: „Hören Sie mich! Ich bin ja der nämliche. Hören Sie meine Beichte vom ersten Tag meines Jrrlebens an! Sie werden es verstehen — ®ie werden mir sagen können, was ich jetzt tun soll — ®’* sind ein völlig Fremder, durch nichts für mich und 9e9t1' mich eingenommen — aus Ihrem Munde, Mann Se0en Mann, will ich mein Urteil und meine Zukunft ncbmeti!"
$e wehr er den andern betrachtete, der in seine tot.aniert versunken stand, desto mehr gewann er Der- rauen zu jhm. Gerade diese Ruhe, diese Sicherheit, m n’m?n^et3i9c lebhafte Anteilnahme an dem auige- re ,etI ^^nschruschicksal war es, der er selber bedurfte, naa) Der et sich jehrtte . . . wer weiß, ob nicht seine Erregung sich doch noch in der einen oder an«
r.ffnn 'm« persönlich gefärbten Bemerkung Lust ver- schastt -hatte, wenn nicht der Gerichtshof eingetreten und bte Derhandung ausgenommen worden wäre.
Ter Angeklagte saß wieder völlig ruhig und teilnahmslos cur seinem Pluße.
2er Vorgtzende hielt es aber doch für geratener, statt gleuh noch emmal auf die Vorgänge bei der Tat selbst zuruckzukommen, an die Beweiserhebung zu beginnen.
13. Kapitel.
Allerhand Zeugen traten auf. Arbeiter, Gefährten des Angeklagten, die ihm den besten Leumund gaben hinsichtlich feiner Kameradschaft, seines Fleißes, feiner Nüchternheit. Die alle nur nicht begreifen konnten, wie er sich so von dem andern hatte ausnützen lassen klonen, an dem er mit einer unbeschreiblichen Zöhigieit und Nachsicht gehangen hatte. Da- Gleiche bekundeten 2tietleute aus den verschiedensten Häusern, in denen die beiden zusammen gewohnt. Immer hatte der An
nis st vornehmen.
Aber auch die. Parteien selber schrecken vor einem Schulkampf zurück, der unbedingt mit großer Schärfe entbrennen muß, wenn einmal die ganze Schutfrage zur endgültigen Entscheidung aufgerollt wird. So beschränkte sich denn bei den Diskussionen die Behandlung der Anliegenheit auf grundsätzliche MeinunM- äußerungen, Kritiken an gemachten V.rsuchen und Dor- schrägen von neuen Plänen.
feine andere kulturpolitische Frage von an sich wichtiger Bedeutung wurde nur mehrere Male gef traft: Das Verhältnis von Kirche und Staat. Man darf wohl agen, daß die Parteien im allgemeinen ruhig und objektiv darüber urteilen und daß sie wegen der augenblicklichen schwierigen Lage eine Auseinandersetzung zwifchen Kirche mÄ Staat für unangebracht hielten. Es such also die äußeren VerhÄtmste, die beschwichtigend die Geister des Streites in kult-rrpolitifchen Angel agenheiten bannen. Werm aber einmal diese Der- hältnisst crchers geworden sind, dann wird ein Kamps »usbrechen von solcher Heftigkeft, wie ihn nur eine abgrundtsrse Verschiedenheit der WellanschMmng Hervorrufen kann tuti> den wir nur bann siegreich bestehen können, wenn wir uns schon jetzt dafür rüsten mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Dann wird die christliche Weltanschauung, die auf dem tetz- ten Parteitag als diejenige des Zentrums bezeichnet worden ist, zum Siege gelangen.
Die Vsrderettmrgen für Genua.
Wie die Blätter erklären, find die deutschen Vorbereitungen für Genua zu einem gewissen Abschluß gelangt. Voraussichtlich wird das Kabinett in seiner Sitzung am Dienstag sich mit dem (Ergebnis der Ressortprüsungsn befassen, lieber die Zusammensetzung der deutschen Delegation für Genua weiß der „Lokal-Anz." mitgu» teilen, daß die zuständigen Ministerien, das Auswärtige Amt, das Wirischastsministerium und das Wiederaufbanministeriurn durch ihre Minister oder Staatssekretäre vertreten sein werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde Dr. Aathenciu die Führung der Delegation übernehmen. Der „Lok.- Anz." erklärt, das schließe aber nicht aus, daß auch Reichskanzler Dr. Wirth nach Genua fährt.
Der Direktor dos internationalen Arbeitsamtes in Genf, Albert Thomas, der auf der Durchreise von Posen nach London in Berlin weilte, erklärte in einem Gespräch mit einem Redaktions- mitglieÄ tes „Vorwärts" auf die Frage der Mitwirkung des Internationalen Arbeitsamtes an der Wiederaufbaukonferenz in Genua, daß Lloyd George, als Thomas ihm im Auftrage des Verwaltemgsrats des internationalen Arbeitsamtes die Mitwirkung des Arbeitsamtes auf der Konferenz anbot, mit einer etwaigen Beratungsinstanz durchaus einverstanden war. Auch P o i n c a r e und Bonomi Hütten nichts dagegen einzuwenden gehabt. Das internationale Arbeitsamt habe sehr umfangreiches statistisches Material gesammelt und zwar über die Produktion in den verschiedenen europäischen Län-
geklagte die gangen Lasten getragen, immer der andere ein bequemes Leben auf seine Kosten geführt.
Denen, die zur Zeit der Tat unter den beiden gehaust, war ein heftig potterndes Geräusch ausgefallen. Es konnte das Ringen zweier Menschen gewesen sein. Sicher ließ sich nichts sagen.
Ms die Mutter des Angeklagten kam, gab es viel Aufregung im Zuhörerraum. Er selbst hotte nur einmal kurz nach ihr hingesehen und lauschte dann bei ihren Worten in die Lust hinein, wie wenn er Dinge hörte, die ihm durchaus unwahrscheinlich und fremd vorgekommen wären. Einige Male lächelte er auch wie einer, der es besser verstand, und schüttelte leise den Kops.
Sie schilderte ihren Sohn als einen braven, gutmütigen, für feine Mutter besorgten Menschen. Erst, als die Freundschost mit dem andern immer stärker und stärker geworden, vernachlässigte er die alte Frau vollkommen und lebte schließlich in Feindschaft mit ihr, weil sie ihm Vorwürfe machte. Ihre Worte waren furchtbare Anklagen gegen den Toten, der ihr den Sohn, diesem selbst die Früchte seiner Arbeit und nun auch noch die Ehre und die Zukunft genommen habe.
Niemand hörte den Wehruf der Greisin ohne Er- griffenbeit.
Nur der Angeklagte blieb ruhig dabei.
Jetzt war die Beweiserhebung bis auf die Sachverständigen beendet.
Diese — die Aerzte — erklärten übereinstimmend das Ganze für ein psychologisches Rätsel, zu deuten nur einigermaßen aus dem brutalen gewalttätigen Egoismus des Toten und dem weichen, nachgiebigen Charakter des Angeklagten, der eine Art von schwärmerischer Unterordnung gegenüber dem andern gefühlt habe.
Schießlich aber habe ihn ein Wutanfall übermannt, und er habe den lebenslangen Quälgeist in fürchterlicher Weise erschlagen. Ob ein Geraufe der An>ng gewesen, laste sich aus den Wunden des Getöteten nicht feststellen. Jedenfalls müsse der Angeklagte noch sinnlos auf diesen eingeschlagen haben, wie der sich nicht mehr habe wehren können.
bern, über die gesetzgeberischen und volkswirtschaftlichen Verhältnisse in Sowjetrußland und über die Arbeitsverhältnisse und die Arbeitslosigkeit in Europa. Es sei wohl anzunehmen, daß eine Me- derausbaukonserenz zur positiven Arbeitsleistung eines solchen Materials bedürfe.
Auf die Frage, wie Thomas die allgemeinen Aussichten für Genua beurteile, erwiderte er, daß man zwar über die positiven Erfolge eine Voraussage wohl noch nicht wagen könne, daß man aber mindestens einen starken mora 1 ischen F o rt- schritt von der Konferenz erwarten dürfe.
Deutscher Reichstag.
Die zweite Lesung des Sleuergefchcs.
Die Beratungen der großen Steueroorlagen wurden am Montag vom Reichstage fortgesetzt. Da man noch in dieser Woche die zweite Lesung zu Ende führen will, schlug der Präsident zu Beginn dec Sitzung vor, man möge die Sitzungen dieser Woche täglich um einige Stunden ausdehnen, da sonst der nächste Samstag und Montag nicht sitzungssrei bleiben kann.
Dann begann die Beratung über den Entwurf eines Vermögens st euergesetzes.
Die Besprechung wurde durch eine Oppositionsrede der Deutschnationalen eingeleitet. Herr Helfserich war es, der die Schläge abwehren sollte, die Dr. Becker-Hessen und der Abg. Herold seiner Partei bet den Beratungen der vergangenen Woche versetzt hatten. Besonders muß ihn der Vorwurf der rein negativen Kritik getroffen haben, den Dr. Becker den Deutschnationalen zugerufen hatte. Immer wieder kam er darauf zu sprechen, aber alle seine Beteuerungen, daß dem nicht so sei sind so lange vergebens, bis die Deutschnationalen auch durch die Tat beweisen, daß sie Positives schaffen können. Durch feine ganze Rede zog sich auch dec Gedanke der Verärgerung darüber, daß das Steuerkom- promitz nicht mit den Deutschnationalen, sondern mit den Parteien der Mitte geschlossen worden sei. Er, Helfserich, zeigte in seiner Rede auch einmal „Mut". Er sprach sich dagegen aus, daß man immer das kleinere Hebel gewählt habe, man müsse auch einmal dem größeren Hebel ins Auge sehen. Das ist nun zwar Heroismus, aber ein Heroismus, der Land und Volk ins tiefste Elend stürzen würde. Herr Helfserich schien auch noch die Hoffnung zu hegen, die deutsche Volkspartet noch in letzter Stunde vom Steuerkompromiß abbringen zu können; Warnung auf Warnung und Prophezeiung auf Prophezeiung richtete er an ihre Adresse, um sie zur Umkehr zu bewegen. Ein wenig Stolz fehlte gleichfalls seiner Rede nicht, denn er war sehr empört darüber, daß der Herr Reichskanzler seinen Worten nicht zuhörte Er schien mit der Anwesenheit des Reichs- finanzministers nicht zufrieden gewesen zu fein. Der Reichsfincmzminister Dr. Hermes gab ihm auf diese Forderung die richtige Antwort. Dieser wies darauf hin, daß wichtige außenpolitische Geschäfte den Reich», kanzler am Erscheinen verhinderten. Uebrigens mochten wir Herrn Dr. Helfserich fragen, ob zu seiner Zeit, als er noch Vizekanzler war, die von ihm vertretne Regierung und er immer zur Stelle war, wenn die Opposition in nutzlosen Reden und Bezeichnungen, die dem zoologischen Wörterbuch entnommen waren, die Zeit der Sitzungen ausfüllten?
Dem Unabhängigen Selbmann, der nach Helftench spricht, ist der Steuersatz der Vermögenssteuer zu gering, ebenso dem Kommunisten Höllein, der die resllose Erfassung der Sachwerte fordert. Der Mehrheitssozialift Kahmann sagt gegenüber den Angriffen der Vor- rebner, daß di- Sozialdemokratie durch ihre Zustrm- mung zu dem Steuerkompromiß die Forderung nach den Sachwerten nicht aufgegeben habe. Die Ver- mögenssteuer bezeichnet er als eine schwere, aber nicht unerträgliche Last. Er tritt für Durchführung des Steuertompromiffes ein.
Dann wird Paragraph 1 angenommen.
In der nun folgenden Einzelberatung werden die folgenden Paragraphen teils ohne, teils nach nur kurzer Debatte unter Ablehnung aller Abänderungsanträge der Opposition von rechts und links angenommen. .
Erst in später Abendstunde wird die Beratung beendet.
E- handle sich bei dem Täler um einen willens- schwachen, aber keineswegs unzurechnungsfähigen Menschen.
Dann, nachdem die von den Geschworenen zu beantwortenden Fragen gestellt waren, begann der Staatsanwalt seine Rede. Er hielt die Anklage auf Mord nicht mehr aufrecht. Er erkannte an, es habe sich nicht beweisen lassen, daß der Angeklagte die Tat mit Ueber- legung ausgeführt. Aber den Totschlag, die vorsätzliche Tötung eines Menschen erachtete der Staatsanwalt für nachgewiefen und begründete diese Anschauung in einer formvollendeten, ungemein roirtfamen Rede.
Er sprach ohne Leidenschaftlichkeit und ohne Erbitterung gegen den Angeklagten. Er ließ seinem zu duld- famen Wesen, seinem schwachen Herzen alle Gerechtigkeit wiedersahren. Aber er sah gerade darin schwere Charakterfehler, aus denen sich langsam, doch fast unabwendbar die Schuld aufbaute. Denn alles ließ sich auch ein Mensch von seiner Energielosigkeit nicht gefallen. Die Natur forderte ihr Recht. Und als die Stunde der Abrechnung kam, hatte ein Mensch, der seinen Willen nie im Versagen geübt, diesen Willen auch jetzt nicht gegenüber dem eigenen, nun plötzlich furchtbar erwachten Zorn und Rachegesühl. Er begnügte sich nicht mehr mit einer, wenn auch noch so kräftigen Züchtigung des ihm körperlich ja vollkommen ausgelieferten Gegners — er wollte den jahrelangen Quälgeist beseitigen und erschlug ihn in fürchterlicher, unmenschlicher Weise.
Als der Staatsanwall geendet hatte, waren mindestens neun Zehntel aller Zuhörer von der Richtigkeit feiner Ausführungen überzeugt. Wie das bei guten und geschickten Rednern fast immer geht, hatte er die Zuhörer immer mehr und mehr in seine Gedanken- gänge eingesührt und mitgerissen. Gerade diejenigen unter den Leuten, die vorher am ärgsten über den Toten losgezogen, nickten nun, da sich der Ankläger setzte, und warfen höchstens noch einen bedauernden Blick auf den Angeklagten, dessen Schicksal ihnen be° siegelt schien — und das von Rechts wegen.
Unter feierlicher Stille erhob sich der junge Verteidiger.
Hus dem besetzten Gebiet.
* völlige Zurückziehung der amerikanischen Besatz- UllgStruppiN. Der S:aais|etretar für 0a» arnerrkainfche RrregLwc;eri, Weeks hat angeorönct, daß alle zurzeit am Rhern bcfinollchen amertlantf chen Truppen bls 1. Jul, zurückgezogen werben sollen.
Heuer Gedüttraud im Osten.
Die Königsberger Zeitungen veröffentlichen soigen- den Aufruf über Ostpreußens Not:
fein schwercrBruchdesVerfaiiler Vertrag s! Der Versailler Friedensvertrvg sichert m Ar- titel 97 idem durch den polnischen Korridor vorn übrigen Deutschland abgefchlosfenen Ostpreußen freien und un- flchindert.n Zugang zur Weichest. Trotzdem beugte am 13. März die interalliierte Gren-sescseZungLrLmai-.fwn die Grenze östlich des Stromes und schlug eine Reihe von Dörfern auf dem östlichen Weichsemfec zu Polen und nahm Deutschland j.lbjt die bei d.r vorläufigen Grenzfestsetzung um Lahre 1920 noch belassene, völlig unNireichenre, letzte Zugangsmöglichkeit zum Strom tn Gestalt eines wenige Meter braten Uferstückes bei Kurzebrack. Dir neue Grenze durch schneidet an vier Stellen den Sam m, der die fruchtbare Marienwerder Niederung vor Urberschwemmung schützt. Die Abtrennung Ostpreußens von der Weichsel wurde damit vollständig und dir Ring um dir belagnie Feste geschlossen. Wach auf, Deutschland! Richte den Buck auf den letzten Außenposten jenseits der WeichjÄl Ent- riimmg, heiliger Zorn über den Gennitbruch, über den Bruch des Versailler Vertrags durch die Grenzkommis, sion flamm» hoch empor! Die Stimme Les ganzen dem. schm Volkes alter Stände, Stämme MÄ> Parteien vereinige sich zu dem stärksten Widerspruch gegen Len neuen Bruch zu einem entschlossenen Nein! Woran weder das Gerechtigkeitsgefühl des neutralen Auslandes, noch der Botschafterrat, noch der Völkerbund vor- übergehen können, fei, daß unsere Regierung den Ne- fonanzboden gibt für die unbedingte Ablehnung dieses neuen Raubes am deutschen Lande.
Verhaftung von Kommunisten.
Bei einer bei dem kommunistischen Vertrauensmann Mechaniker Walter Ahrends in der Linten- straße in Berlin vorgenommenen Haussuchung wurde eine hochwertige, mit allen Apparaten reichlich ansgestattete kostspielige Funkenanlage entdeckt. Außer der Anlage wurden zahlreiche Dienstvorschristen, Verzeichnisse von Funkenstationen, Kabeln und unterirdischen TelegrapHenlinien, Verzeichnisse von Postanstalten, Pläne, Zeichnungen und anderes auf das amtliche militärische und polizeiliche Funken- und Telegraphenwefen bezügliches geheimes Material, teils im Original, teils in Abschriften vorgefunden. Ahrends ist flüchtig.
Der in die Angelegenheit verwickelte kommunistische Stadtrat und Parteisekretär G r y l e w i c z wurde festgenommen und wird demnächst der Staatsanwaltschaft wegen Hochverrats zugesrihrt.
Zu den Entdeckungen teilt das „D. T." noch mit, daß sich unter den vorgefundenen Aufzeichnungen Angaben über die Telephonleitun- gen der Berliner Sicherheitspolizei mit ihren einzelnen Nummern befanden. Die entdeckte Funkenanlage war eine sogenannte Aufgabestation, die nur Telegramme empfangen konnte. Aus dem vorhandenen Material geht hervor, daß Ahrends in letzter Zeit zahlreiche Gespräche aus Moskau auf genommen hat.
Das entdeckte Material für Telephon- und Telegraphenanlagen kann nur durch Diebstahl kommun i st i s ch e r Postbeamter in den Besitz von Ahrends gelangt sein. Zur Weiterführung der Untersuchung hat sich die Polizei mit der Postbehörde in Verbindung gesetzt.
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Ohne Pathos, schlicht und einfach, begann seine Diebe mit einer Schilderung der Jugend und des Werdegangs des Angeklagten und feiner unheilvollen Beziehungen zu dem Freunde. Sn den Anfangssätzen zitterte, für jeden aufmerksamen Zuhörer bemerkbar, die Erregung des ersten Auftretens des jungen Verteidigers in einer großen Sache. Allmählich aber sprach er sich von dieser natürlichen Befangenheit frei. Sein Rodnerlalent ge- wann die Oberhand über die ungewohnten Verhältnisse. Die Begeisterung, die ihn beseelte, erhielt die Macht über Zett und Ort. Der Saal, die ganze Umgebung verschwand vor ihm. Die Mienen der Geschworenen, gegen die sein Auge gerichtet war, verschwammen vor seinen Blicken. Er sah sie wohl noch mit seinen dufferen Sinnen, fein innerer Blick aber war nur noch auf den großen Stoff, auf die gewaltige Frage gekehrt, auf die Frage der Schuld an dem Schicksal, das sich vollzogen hatte in jener unheimlichen, von keinem Ohr be» lauschten Nacht. Seine Rede schwang sich auf zu einer mächtigen Anklage gegen den Eigennutz, den Egoismus, der in jeder Natur als eine der gewaltigsten Triebfedern schlummert für alles Denken und Handeln.
Die Begabung, die in dem jungen Anwalt zum Redner lag, entfaltete sich in ihrer ganzen Schönheit. Sie befreite sich von allem Zwang, von allen Hemmnissen. Sie füllte sich der eigenen Kraft und Stärke sicher. Uit- gesucht und ungewollt sand sie die Gedanken und Worte; sie strömten aus Öen geheimnisvollen wunderbaren Speichern des Gehirns in ungeahnter Fälle. Mühelos, freudig wuchsen Die Redebilder aus seinem Herzen und aus feinem Verstände empor, formten sich ohne Stocken und ohne Fehlgriff zu Worten und Sätzen und rissen die Hörer mit sich fort.
Atemlos lauschten die Anwesenden. Jene unter ihnen, die gewohnt waren, solche Reden zu vernehmen und zu beurteilen, suhlten den werdenden, den gebotenen Meister. Jene, die in naiver Ungelehrtheit nur das Wort, wie es eben kam, erfaßten und auf sich wirken ließen, gaben sich ganz dem Zauber der klangvollen Stimme, der schönen Sprache, der tresfenden, begeisterten und begeisternden Ausführungen hin.
.(Farljetzuna feist),