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Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Aulda.

Nr. 49.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil- Dr. I. Kramer, n für die Anzeigen: I. Parzeller-Fuida. s Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Remfpred)et Nr. 0. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.

Mittwoch, t. Märr §922.

Bezugspreis: Monatlich 8.00 Ml. zugestellt frei ins haus, z AbgehoN in der Geschäftsstelle 7,50 ZRL s Anzeigen: Kleinzeil« nachSoionei 1 Mk., auswärts 1.50Mk. Rrklamezeiie (Trpkreite) nach Coloneimaß 4 Mark.

49. Zahrg.

3m Leichen der sinkenden Mark.

Das Sachliessrungrabkommen.

lieber den Jnhaü des m Berlin paraphierten Sach- fieferungsabfcnmrerts mit einer Delegation der Repa- rativtrskommif sicm teilen die Blatter mit, daß das Ab­rommen an dir Stete der bisherigen gebundenen Wirt, ischast durch Die Staatsbehörden die freie Wirt- Schaft der Interessenten öinfiihrt.

Das bisherige behSMiche Verfahren war sehr um­ständlich. 2n Zukunft wird der stMizösische oäer son­stige GchchädigitL direkt bei den deutschen ßieferanten bestellen, und nur die Zahlung wird durch die Regie- mng cmsgeführt. Bei toafem neuen System wird der deutsche Lieferant in der Regel Weltmarktpreise er­zielen kSnmn. Die deutsche Regierung wird die Liefe- tunten in entsprechender Höhe in Papiermark bezahlen.

In ter besonders schwierigm Frage der aus-, könd ischen R ohstosse ist jetzt eine Vereinbarung zustande gekommen, wonach SachlichMmgen, dis zu 25 Prozent aus ausländischen Rohstoffen bestehen, voll bezahlt werten. Ilm die Einmischung von Schieber« firmen möglichst zu verhüten, ist bestimmt worden, daß von drulscl^r Seite nirranerkannte Handels- firmen oder die Hersteller selbst als ßieferan» ten zuyelasfen werben. Die geplante große Organisation der Lieserungsverbände und des Leistungs- verbantdes wird nunmehr nicht zur Durchführung ge­fangen. Der große Apparat des Wiederaufbau. Smi n t ft e r i u m s, des Reichskommffsariais und der Landesaustragstellen kann in großem Umfang ab ge­baut werden. Die Aufträge der Siegerstaaten wer» dm aller Voraussicht nach hauptsächlich Gegenständ« betreffen, die deine Konkurrenz für die eigene Indu­strie darstellen.

Die Vertreter der ReparationskcmNrission, die seit 14 Tagen unter Führung des Belgiers Eenerlmans Wer das neue SaMisstrungsabkommen verhandelt, ha» ben am Montag Berlin verlassen und sich noch Paris begeben, um dort in der Reporationskommission tuen endgültigen Abschluß des Abkommens vorUlbereiien.

Das MUblasem Ei mb Gem.

llnfer Berliner Mitarbeiter schreibt uns:

3n Boulogne hat die ftcmzösisch-englifche Vorkonfe- «nz lmter vier Augm stattgefundEn und das Ergebnis ist, daß öre Vollkonferenz von Genua zwar stattfindm wird, Ä«r nur unter Ausschluß der für Dmtschland wichligsöen Fragen.

Di« Börse hat am Montag das Zwischenspiel von Doulogne leider richtig emgeschätzt durch eine weitere Meigenmg des Dollarkurses. Die Einigung Kvischen Poincare und Lloyd George wirb als un- g ü n st i g s ü r Deutschland sinyeschätzt und dem- gemäß ein? noch ärgere Verschlechterung der deutschen Valuta in Aussicht genommen.Befürchtet" darf man nicht einmal sagen; denn die deutschen Börsenmänner betrach-tm di« Entwertung unseres Papiergeldes als ein Signal zur Hausse und treiben die Kurst der Wrrtpa- Piere kalt lächelnd in die Höhe.

Die bisherigen halbamtlichen Mitteilungen über die Vorkonferenz von Boulogne lassem noch Raum genug für aterhand Unterscheidungen und Vorbehalte, die man zugunstM des englischen oder des stanzösischen Standpunktes machen kann. Wer alles in Älem genom- wen, hat die Sache den leider ungewöhrllichM Anschein, daß bi« französische GewaltpolM ihren Zweck erreicht und Lloyd George wieder einmal sich hat Herumkriegen taffen. Für Guma ist die eingeschränkte Tages- Ordnung nach den Wünschen Poincares festgestellt wor- den. Die Pariser können ruhig dahinfahren. Dinge, die ihnen unbequem sind, wie die Revision unserer Reparationen, sollen ausgeschlossen bleiben. 3m übri­

gen können die Teilnehmer an dem SchmchM reden und deklamieren, u. a. auch über den Eintritt von Sowjetrußland oder Deutschland in den Völkerbund und über die Theorie des europäischen Wiederaufbaues. Zu pvakKschen Ergebnifsen und wirk, sichen BestWsien wird sich aber die DolWmvstrenz nicht auffchwingen dürfen; denn es ist dieenglisch- französische Einheitsfront" hergesteW wor- dm, d. h. diese beitet maßgebentei Mächte haben un­ter sich bereits ausgemocht, was die anderen Staaten gefälligst zu beschlichen oder nicht bchhließen dürfen. Damit das Diktat von Boulogne gang sicher durchgeht, will Poincare sogar seinen früheren Widerspruch gegen die Politik im Umherziehen cmsgeben und höchstselbst nach Italien sichren, um das reue italienische Ministe- rium Facta auch für seine Taktik eingufangen. Auch nach London will Poincare im März noch reifen, trat den Schutzvertrag mit England zum form- sichen Abschluß zu bringen, «he ein Äußerster in Genua dieses Thema anschneiden könnte.

Als früher noch die Parforcesagden zum Der» gnügen der allerhöchsten Herrschaften stattfanden, pflegte man den Eber, der gehetzt werden sollte, vorher einzufangen und ihm die Hauer auszubre- chen. So wurde derFang" für den Jagüherrn ungefährlich. Die Konferenz von Genua ist auch ungefährlich gemacht worden.

Es ist eine Komödie, aber wir müssen uns mit ernsthafter Miene an dem Spiel beteiligen. Optimfften suchen herauszutüfteln, wo und wie sich doch Gelegenheit finden könnte, vernünftige 0e- danken über den wirtschaftlichen Aufbau und die Annäherung der Völker an den Mann zu bringen. Mögen unsere Vertreter die Sisyphusarbeit ge­treulich versuchen. Werm es auf dieser sabotierten Konferenz nicht glücken will, so wird es ja noch weitere Konferenzen geben, und die Mundsperre wird doch nicht auf die Dauer sich in der setzt be­liebten Strenge durchführen lassen. Inzwischen müssen wir versuchen, die Neuordnung unserer Tribute auf dem Wege über die Repara- t i o n s k o m m i s s i o n, also durch Verhandlungen mit England und Frankreich zu verlangen. Viel­leicht (wer weiß es?) wird Poincare etwas zugäng- sicher für uns, wenn er in der Konferenzfrage den ersehnten Erfolg errungen hat. Er könnte sich am Ende sogar mit einer deutschen Weltanleihe be­freunden, wenn er seinen Franzosen daraufhin die Füllung der Staatskasfe versprechen dürfte.

Also abwarten, solange der Atem noch oorhält. Zu dem neuen Termin für die Konferenz sei nun noch bemerkt, daß die Herren Sieger eine auffäl­lige ©leidjgültigfeit gegen die kirchlichen Feiertage bekunden. Am 10. April fängt aus- gerechnet die Karwoche an. Die Konferenz scheint auch am Karfreitag und am hohen Osterfestear­beiten" zu sollen. Und doch wäre es für alle Be­teiligten sehr gut, wenn sie sich von dem Geiste dieser Festtage durchdringen sießen. Poincare hat es nicht verboten; er scheint es leider auch nicht zu erwarten.

Vie Neuwahl des Reichspräsidenten.

Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung erfährt, teilte der Reichskanzler den Parteiführern mit, er werde in kürzester Frist mit ihnen wegen der Wahl bc8 Reichspräsidenten Fühlung nehmen. In der Kan­didatenfrage sei bisher von einer Einigung der bürgerlichen Parteien auf eine einzelne Persön­lichkeit noch nicht die Rede.

Grotzkausnmrm Selftermaim.

Bon Wilhelm Herbert, München.

38s ----------

Stiller und ruhiger stoßen die Töne. Endlich ver- siegten sie.

Lore lächelte. Sie erhob sich und drückte ihm schwel- gend die Hand.

Da trat noch einer in den kleinen Kreis, den die Sorge hergetrieben hatte, weil sie so lange nicht heim- gekommen war. Johann hatte den Weg in diese Ein. samkeit gesucht und gestochen. Er hatte, dem merk­würdigen Spiele lauschend, längst unbeobachtet am Zaune gestanden, bis die Töne allmählich verklangen.

Jetzt trat er ein und fand sich zu den übrigen.

Als Gretchen ihn sah, erhob sie sich und verab­schiedete sich von der Freundin:Ich komme wieder, sobald ich kann. Mein Vater erwartet mich!"

Sie ging aus dem Garten und wanderte den Weg °^e weiter nach der entgegengesetzten Rich-

8- Sie fühlte das Bedürfnis, vor dem Heimkehren nocy nut sich allein zu fein und die vielfachen und eu rege en Eindrücke des heutigen Morgens in sich zu nerar et en, ehe ge Haufe neuen und unbekannten Ansorderungen an ihre Nerven, ihre Ruhe und Ent- schlußfahigkelt gegenübertrat.

Hofmanns Mutter unterhielt sich in ihrer stillen, be- da ästigen Weise bei wenig Worten mit Lore. Sie zeigte ihr die kleine und saubere Wirtschaft und führte sie durch den Garten, ihr alI bit Freuden und Geheimnisse weisend, die sch da bargen. Sie zeigte ihr die Blu- menbeete, die Gemusepslanzungen, das Geflügel und das Haus, die einfachen, freundlichen Zimmer mit dem Wichten, zum größten Teil von ihrem verstorbenen Mann und Sohn selbstgefertigten Hausrat die Küche und die Kammern, die Werkstätte . . . fürs, das ganze kleine Reich, in dem die drei Leute miteinander hausten.

Alles atmete zufriedenes Behagen und die Selbftbe« scheidung von Menschen, denen die Welt nichts zu geben und zu nehmen hatte, weil sie nicht nach dem begehrten, was da draußen war und Tausende lockt« und Tausende 8u Grunde richtete.

Johann und Heiner hatten sich inzwischen zusammen, gefunden und tauschten in ihrer Art ihre Lebensansichten aus der eine mehr brummig und rauh, der andere ruhiger und fteundlich beide aber auf den gleichen Grundton der Bedürfnislosigkeit gestimmt.

Heiner blinzelte den andern an und reichte ihm die Schnupftabaksdose hin für den, der ihn näher kannte, ein Zeichen besonderen Vertrauens. Der alte Diener, der sich geduldig zuhorchend vorräsonnieren ließ über Welt und Menschen und zu dem einen und andern Witz und Spruch beifällig lächelle oder nickte, er gefiel dem brummigen Philosophen im Schreinerhabit.

Es machte sich ganz von selber, dcch die zwei als eben eine Fuhre Werkholz angeliefert wurde einträch- tig zugriffen und es miteinander abluden, als ob da, schon immer so gewesen wäre. Dann holte Heiner aus der in der Nähe gelegenen Wirtschaft Wurst und Brot und die beiden Alten verzehrten das Frühstück, auf einigen Blöcken sitzend, in beschaickicher Ruhe und tausch­ten gelegentliche kurze Bemerkungen über Lore, die mit der Mutter Hofmanns unter den Bäumen umging und die reifen Früchte in einen Korb pflückte.

Nun wollen wir aber gehen," sagte sie lächelnd. Sie würden uns sonst gar nicht mehr los werden!"

.Hätt' nichts dagegen," schmunzelte die Alte und schaute sie mit freundlichen Blicken an.Bloß unter Männern so gut die beiden sind ist doch für un­sereins ein bissl zu streng und einförmig. Kommen Sie nur recht bald und oft wieder!"

Za, recht bald und oft wiederkommen," sagte auch Hofmann, der diese Worte gehört hatte.Die Ruhe hier und die Herbstsonne heilt am besten aus, was Ihnen weh tut Und keine Gedanken machen ... die Stimme kommt schon auch wieder!"

Lore schaute in die Ferne und nach den Bergen hin­über.

Es ist alles anders in diesen zwei, drei Tagen! Dielleicht ist es gut, wenn auch das anders wird. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich jetzt noch Mut und Freud« hätte, vor alle die Menschen hinzutreten und ihnen mein Bestes, mein Innerstes zu geben, seitdem ich weih, wie hart, wie erbarmungslos sie sein körnen!"

Line Kundgebung der Internationale.

Nach einer Tagung in Frankfurt a. M. erließen die Delegierten der sozialistischen und Arbeiterparteien Belgiens, Deutsch- lands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens eine Kundgebung, worin sie den offenen Bankerott der Politik des Zwanges und der Gewalt feststellen, die bisher den Wiederaufbau der Weltwirtschaft verhindert habe. Die Wieder- Herstellung der zerstörten Gebiete müfl« zwar von Deutschland im vollen Umfange seiner Leistungs­fähigkeit übernommen werden, doch hätten die Tat­sachen schon die Unhaltbarkeit des im Friedensver- trag von Versailles zur Durchführung des Wieder­aufbaus vorgesehenen Systems erwiesen. Es muffe Deutschland die Wiedergutmachung ermöglicht wer­den, ohne es zu Maßnahmen zu zwingen, die zur Verelendung des deutschen Proletariats führen.

Ku§ dem besetzten Gebiet.

Gegen das hochverräterische Treiben der rheini­schen Sonderbündler wendet sich ixeKöln. Jtg.". ©te schreibt dazu u. a die Rheinländer wünscht«, im In- Kresse des friedlichen Einvernehmens, daß die fr an- zösifche Propaganda hier am Rhein ganz auf- hört. Darin werde es den deutschen Gerichten möglich fein, die Elemente nach Gebühr zu faßen und zu be- strafen, die im besetzten Gebiet den Bürgerfrieden zu stören und das Stzraltsgefuge zu zerreißen trachten. Das Rhsiu- tafflb erwarte, daß Pracher, wie das Reich sich mit oller Entschiedenheit dagegen zue Wehr fetze, daß die Sonder- büntter am Rhein weiter als Störenfriede, Volks- oerhetzer mrd Hochverräter wirken tonnen. Die Bewohner des besetzten Gebietes erwarteten auch daß di« Staatslenker der ehemals feindlichen Mächte und die In- tsralliierte Kommission in Koblenz volles Verständnis für die bitteren Gefühle haben, die bei den Rheinländern auf- kommen muffen, wenn solche Umtriebe fernerhin geduldet werden. Wir wollen Frieden am Rhein, ©meet» und Dorten sind die Friedensstörer.

* Die Amerikaner am Rhein. Ms Ergebnis einer De- fprechrmg des amerikanifchen Oberkommandisrenderr Ge­nera! Allen mit General Segoutte ist beschlossen worden, daß trotz beträchtlicher Dsvmindenmg der amerikanischen Trrrppemtärke das am Rhein verbleibende amerika­nische Kontingent seine bisherige Besatzungs- zone in vollem Umfange beibehalten und das amerikanische Houpchuarüer auch weiterhin in Stotterns ver­bleiben soll.

Kus -er christlichen Arbeiterbewegung.

Au« christl. G ew erkf chaf tskreisen wird uns geschrieben: Am 31. März 1922 laufen die gesamten baugewerblichen Tarifverträge, und zwar einheitlich für Hoch-, Beton- und Tiefbau, ab. Die Verhandlungen über die Erneuerung der Verträge wurden am 21. Fe­bruar d. I. ausgenommen, sind aber schon in den An­fängen gescheitert. Die Frage ist: Was soll wer- den? Verharren die Unternehmer auf ihrem die Zeit- verhältnisfe so gründlich verkennenden Standpunkte, so winkt ab 1. April für da« gesamte Hoch-, Beton- und Tiefbaugewerbe eine tariflose Zeit. Eine endlose Kette von Kämpfen, die zu den gewaltigsten Erschütte- rungen des Baugewerbes führen müßten, wäre die Folge. Die gefährlichen Rückwirkungen, die ein solcher Zustand auf den ohnehin trostlosen Wohnungsmarkt haben müßte, liegen zu nahe, als daß wir sie beson- ders kennzeichnen müßten. Wir möchten die Hoffnung nicht aufgeben, daß auf Unternehmerseite die Einsicht in das unter den gegebenen Verhältnissen Mögliche und die Verantwortung gegenüber dem Volk-ganzen doch noch die Oberhand gewinnen. Von den Unternehmern ist bei den Verhandlungen wiederholt betont worden, daß es ihrerseits keinesfalls auf eine Machtprobe abgesehen, sondern man von dem ehrlichen Willen zur Verständigung beseelt fei. Verlauf und Ausgang der Derhandlungen dürften ihnen mit allem Ernste ge­zeigt haben, daß auf der Grundlage ihrer jetzigen For­derungen keine Verständigung möglich ist. Es kommt nun darauf an, ob eine neue Verhandln ngs- bafis gefunden werden kann. Das hängt aber, so wie die Dinge jetzt stehen, in erster Linie von der Hal- tung der Unternehmer ab.

Geduld! Geduld, Fräulein Müller," sagte der Mei- ster mit seiner klaren, ruhigen Stimme.Auch diese Eindrücke werden allmählich wieder vergehen und freund- kicheren Platz machen, lieber all das reden wir, so Gott will und wenn Sie kommen mögen, noch öfter. Kopf hoch . . . Ihnen kanns nicht schlecht gehen!"

Miteinander begleiteten. sie darauf das Mädchen und den alten Diener bis zur Gartentüre. Hofmanns Mut- ter ging noch mit hinaus und zeigte ihnen gewiße Richt­punkte in der näheren und ferneren Umgebung.

Ms sie zurückkehrte, stand der Meister vor dem Haufe und hatte die Arme untergestemmt.

Run Mutter, was meinst Du? Ist das nicht ein prächtiges Mädel?"

.Wohl prächtig, Hans!" nickte sie und sah ihn an und lächelte.

Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und seufzte:Könnt' fast ihr Vater sein!"

Wenn Du früh geheiratet hättest, ja! Aber statt beffen bist Du heute noch Iunggesell', wo sich schon die grauen Haare in Deinen Bart schleichen! Wer weiß, > wofür Dich unser Herrgott aufgehoben hat!"

Geh', red' nicht so, Mutter. Es ist ja doch nichts! Ein Schreinersweib und jo ein feines Mädel!"

Eine Meistersfrau, bitte kann keine zu fein fein für ein ehrliches Handwerkerhaus."

Da faßte er sie am Arm und lugte nach Heiner hinüber, vor dem er sonst nie ein Geheimnis hatte. Weißt Du, Mutter, ein grundschlechter Kerl bin ich!"

Du? Was hast Du denn heut' für Grillen im Kops?"

Ja, ich! Denk' Dir, vorhin, wie ihr das Unglück geschah, daß sie auf einmal nicht mehr fingen konnte und meinte, nun ihre Stimme verloren zu haben, weißt Du, was da in mir war? . . ."

Nun, was denn, Han»? Mitleid hall?"

Oh, Milleid auch, Mutter! Aber doch nicht nur Mitleid allein. Ganz zu tiefunterft, obwohl ichs nicht in mir hab' aufkommen lassen, hwb' ich doch was ge­merkt wie eine Freude drüber." . . .

Ach, Bub'!"

Dom Kampfe um die christliche Kultur in Sachsen.

Aus dem Freistaat Sachsen wird uns folgendes geschrieben:

Vor dem Kriege galt das Großherzogtum Ba­den als dasMusterlandle", indem der Liberalis­mus vereint mit der Sozialdemokratie versuchte, den Kampf gegen das Christentum zu führen unb im deutschen Reiche außer der Reihe zu tanzen. Seit der Revolution haben sich die Verhältnisse wesentlich geändert. Der Freistaat Sachsen ist in­zwischen dasMusterland" geworden, in dem sich die Kämpfe um die christliche Kultur abspielen. Es ist bekannt, daß der kleine katholische Volks­teil in 'Sachsen einen Hauptteil der Lasten in die­sem Abwehrkampfe zu tragen hat.

Der katholische Bolksteil in Sachsen ist in den letzten 50 Jahren vor dem Kriege und nach der Revolution außerordentlich bedrängt gewesen; jede Bewegungsfreiheit war ihm genommen. Der Zen-, trumsabgeordnele H e ß l e i n hat erst kürzlich mit vollkommenem Recht im sächsischen Landtag festge­stellt, ohne Widerspruch festgestellt, daß es eine konservative Regierung gewesen sei, die also den Kampf gegen die katholische Kirche geführt hat. Seit der Revolution haben sich nun die Verhältnisse insofern geändert, daß es sich nicht nur mehr um einen Kampf gegen die katholische Kirche handelt, sondern um einen Kampf um das Ch risten» tum überhaupt und die Erhaltung der konfes­sionellen Schule, um die Erhaltung des Religions­unterrichtes. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, zu erwähnen, daß selbst in den Tagen des heißesten Kampfes um die christlichen Kulturgüter, nämlich bei den Schuldebatten des Jahres 1919 in der Sächsischen Volkskammer, Redner der deutsch- nationalen Partei und der deutschen Volkspartei er­neut vom Kampf« gegen denUltramontanisiniis" gesprochen haben.

Den Bestrebungen auf vollständige Beseitigung der konfessionellen Schule und des Religionsunrer- richts hat das Zentrum in der Reichsoerfaf- fung einen Riegel vorgeschoben. Heute gilt es daher, in Sachsen in erster Linie die in der Reichs- oeriasiung gewährten Rechte zu verteidigen. Der unabhängige sozialdemokratische Kultusminister Fleißner ist feit mehr als einem Jahre eifrigst bemüht, darauf zu sinnen, wie er der Reichsverfaf» fung ein Schnippchen schlagen kann. So hat er einen Erlaß herausgegeven, wonach alle Eltern, die für ihre Kinder Religionsunterricht wünschen, das be- sonders anzumelden haben, obwohl Artikel 149 der Reichsverfassung ausdrücklich den Religionsunter­richt als ordentliches Lehrfach der Schulen, mit Aus­nahme der bekenntnisfreien Schulen, vorsieht. Es ist also eine Anmeldung nicht erforderlich. Diese Frage hat ja auch schon wiedecholt im Reichstage gespielt. Sie kam auch im Sächsischen Landtage cm 16. Februar bei einer Interpellation über die Si­cherstellung des Religionsunterrichts in den Volks­schulen aller Orte des Landes zur Sprache, und zwar wurde sie vorn Abg. Heßlein behandelt. Der Zentrumsabgeordnete wies nämlich auf den § 2 Absatz 2 des Reichsgesetzes über die religiöse Kin­dererziehung vom 15. Juli 1921 hin, das die Frage im Sinne der Reichsoerfasiung unzweideutig regelt. Dieser Hinweis hat den sächsischen Kultusminister außerordentlich nervös gemacht, und er hat von der Hartnäckigkeit und Zähigkeit" gesprochen, mit der der Abg. Heßlein diese Dinge behandelt. Der Herr Unterrichts-Minister hat in der ihm eigenen Art nach dem stenographischen Bericht erklärt:Wollen Sie das nun endlich einmal glauben, Herr Abge­ordneter Heßlein, ich sage es Ihnen wohl zum zehnten Male." Trotz dieser liebenswürdigen Mahnung konnte sich der Abgeordnete Heßlein nichts entschließen, auf Herrn Fleißner zu schwören, zumal'

Ja, es ist miserabel. Aber weißt Du, Mutter, wenn sie eben keine berühmte Sängerin mehr würde" ..

Dann könnte sie eher eine kleine, ganz, mibe kannte Schreinermeisterin werden!"

O je, Mutter! Spott' nicht auch noch. Es ist ja zu schlecht und zu bmnm! Der Heiner hat ganz recht, wenn er sagt, je älter unsereiner wird, desto dümmer wird er!"

Er seufzte noch einmal tief auf, ging dann langsamen Schrittes an die Arbeit und begrub in das Menschen­gehäuse hinein, an dem er werkelte, seine .Q Öffnungen, um in der nächsten Minute wieder den Hobel wegzu­legen, dem Finken zuzuhorchen, der ein munteres Sieb auf dem Birnbaum pfiff, und es ihm nachzupfeifen.

Heiner, der an feiner Wiege leimte, hielt hie und da inne, nähme eine Prise und schaute dabei nachdenk- lich herüber und brummte etwas. Es klang nicht allzu respektvoll über seinen Herrn und Meister drüben.

Gretchen hatte von der Idylle, die sie miterlebt«, nach ihrer Art weniger die frohen als die ernsten Ein­drücke fortgenommen.

Ihr war bas Versagen der Stimme Lores, mochte es nun wirklich ein dauernder Verlust, mochte es nur eine vorübergehende Schwäche fein, schwer aufs Herz gefallen. Sie sah darin wieder eine Verkümmercmg des Lebensbesitzes ihrer Freundin, einen Diebstahl an ihr eine Schmälerung der Existenz, herbeigeführt und verschuldet durch die gleichen Umstände, die nach ihrer Ueberzeugung alles Leid über die Familie Müller gebracht hatten.

Und sie schwur sich und der Freundin von neuen« Treue in dem Kampf um die Sühne. Auch wenn Lore selbst jetzt, und wenn sie immer erlahmen sollte in dem Streit um ihr Recht, um ihres Vaters Ehre, Gretchen wollte nicht ablafien, für sie zu ringen, bis alles, was Menschenkraft noch gutmachen konnte, gutgemacht wäre. Erft dann konnte nach ihren Empfindungen die Rede ein, wieder an eigenes Glück und Behagen zu denken und von dem Schicksal zu erwarten, daß es die Rächer- aust entballen und den Reuigen gütige Gaben auf das entsühnte Haupt spenden würde.

'Fortsetzung folgt.)