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Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Lkadi Fulda.

49. Zahrg.

Zreitag, 10. Zebruar 1922.

Nr. 33.

Betuqspreis: Monatlich 9.00 Bit. zugestellt frei ins Haus.

AbgehoU in der Gejchäftssttlle 8,50 Mk. ::

llmciaen. Kleinzeile nach llo one! 1 Mk.i auswärts 1.50Mk. e f i a m e 8 e i i e (ieyhreüe) nach Colone maß 4 Mar .

Lerantwonlich für den reoauioneUen Teil- Br. I. Kramer. - für die Anzeigen: I. ParzeUer-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Aeliendruckerei in Fulda ^emlrredjet Nr. M. Teleqr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung

Langsame Desserung der Lage.

Der Streikabbruch.

wtb 3etlin, 8. Jebr. Wie vom Reichsminiskerium IvttgeleM wköt hat die Reichagewerkjchaft deutscher Lisenbahnbeamtenund Anwärter ihre Ortsgruppen telegraphisch angewiesen, den Streik abzu brech en und die Arbeit wieder aufzunehmen. Noch einem späteren Bericht des Reichsverkehrsmini­steriums kehren die Beamten auf einigen Bahnhöfen nur zögernd zurück, während sie aus anderen so zahl­reich zum Dienst erscheinen, daß alle erforderlichen Aunklionen des Betriebes ausgenommen werden können. Es dürfte bereits in den nächsten Tagen gelingen, den Personenverkehr bedeutend zu verstärken, während die Ingangsetzung des ordnungsmäßigen Güterverkehrs noch mindestens eine Woche beanspruchen wird. Durch den Jrost sind wesenliiche Teile der Lokomotiven zerstört worden; der dadurch entstandene Schaden wird auf mehrere hundert Millionen geschäht.

Die Matzregelnngen.

wtb Berlin, S. Jebr. (Priv.-Tel.) Das „Bert. Tagbl." keilt die von der Reichsregierung gestern festgesetzten Richtlinien mit. nach denen die Maßregelung der Strei­kenden erfolgen soll. Darnach wird das ordentliche Disziplinarverfahren eingeleitet gegen Beamte, die a) Urheber des Streiks sind; b) soweit sie Sabotage voll­führt haben oder andere Beamte durch Drohungen oder Gewalt an ihrer Dienstpflicht gehindert haben. Soweit einzelne Beamte wegen des Streiks zur Verantwortung gezogen werden, soll auf eine Ordnungsstrafe erkannt werden, sofern sie alsbald zur ErsöNung ihrer Dienst- pflicht zurückkehren. Kündbare Beamte, die unter la oder lb fallen, sind zu entlassen . Die nicht kündbaren Beamten die unter la oder lb fallen, werden zur Be­schäftigung wieder zugelassen, auch wenn sie schon entlas­sen worden sind. Die Streiktage werden nicht bezahl«.

3m vireklionsbezirk Frankfurt a. M.

wtb Frankfurt a. 21t., 9. Febr. Rach dem Bericht der Eisenbahndirektion hat im Bereich der Eisen- bahndireklion Frankfurt a. M. die Wiederaus- n a h m e des Dienstes im Lause des 8. Februar an vie­len Dienststellen bereits eingesetzt. Bei den Dienst­stellen in Mrotz-Jranksurt wird voraussichtlich am Don­nerstag oormittofl der Dienst im wesentlichen wieder ausgenommen werden.

Em Zugzusammenstotz.

wtb Berlin, 8. Febr. Heute nachmittag stießen zwei von der Technischen No Hilfe geführte Züge, von denen der eine von Spandau, der andere vom Lehrter Bahnhof kamen, in voller Fahrt zu­sammen. Es wurden zwei Personen gelötet und vier verletzt.

MM te Mil« NnmmWilr.

wtb Berlin. 8. Febr. Heute nachMtag gegen 4 Uhr erschien die Streikleitung mit den Spitzenorganisationen der städtischen Arbeiterschaft beim Berliner Oberbürgermeister, um von ihm die Erklärung zu verlangen, daß sämt­liche Entlassenen wieder einzustellM feien, sofern sie die Arbeit morgen wieder aufnchmm. Der Oberbürger­meister erklärte jedoch, daß nur solche Kräfte wieder eingestellt werden könnten, deren Arbciteste-llen inzwi­schen nicht besetzt seien. Der Magistrat wnde aber solchen Arbeitern, die wieder eingestellt werden können, die vor der Entlassung erworbenen Rechte kürzen. Um 8 Uhr abends wurde bekannt, daß die Streiklei­

tung beschlossen habe, den Streik abzu­brechen und die Arbeit wieder auf,zunehmen.

J« »iiMwW unö Set Md*.

Wtb Berlin, 8. Febr. Die nächste Plenarsitzung des Reichstages wurde auf den 9. Februar nachmittags 3 Uhr festgesetzt. Auf der Tagesordnung sicht an erster Stelle eine Erklärung der Regierung über die Streik­lage.

der Lisenbahnerftre K und ole presse.

Die Zeiten nach dem Krieg sind für den Redakteur alles weniger als angenehm. Namentlich in kleineren Städten, wie z. B. in Fulda, gibt es immer Leute, die für alles, was ihnen ober ihren Gesinnungsgenossen nicht paßt, die Zeitung verantwortlich machen, die nicht das schreibt, was ihnen angenehm und förderlich ist. Sie übergehen die Tatsache, daß ein vernünftig geleitetes Zeitungsorgan der Allgemeinheit, dem G e» meinwohlzu dienen hat und sich nicht in den Dienst einer Gruppe stellen kann, die Sonder tntercffen, mögen sie an sich noch so berechtigt sein, vertritt. Durch Verdrehungen, persönliche Ausfälle, häufige Wieder­holung von nichtssagenden Redewendungen wird ver­sucht. Volksleidenschaften in Bewegung zu setzen und Haß zu säen. Es ist für den Schriftleiter nicht leicht, gegenüber solchen Anfeindungen den Weg der Pflicht zu gchen und trotz gemeiner Beschimpfungen kühle Ruhe zu bewahren.

Dm Eisenbahner streik war ein zweifaches zu unterscheiden. Einmal die Beschwerden, die von den in Betracht kommenden Beamtengruppen über ihre Be­soldung und andere Angelegenheiten geltend gemacht wurden. Wir haben seinerzeit den von der Reichsge- werkschaft selbst abgefaßten Artikel über die Beschwerde- Punkte ungekürzt veröffentlicht, lieber die Beschwerden ist eine sachliche Diskussion durchaus möglich, was von allen politischen Richtungen, die eine Versöhnung des Volkes auf mittlerer Linie erstreben, namentlich also auch vom Zentrum, immer anerkannt worden ist. Zur sachlichen Beurteilung ist Kenntnis der Verhältnisse erforderlich. Es durfte nicht die Meinung bestehen bleiben, als sei das Arbeitszeitgesetz, das von den Strei. kenden beklagt wurde, bereits geltendes Recht. Es mußte klar gestellt werden, daß es sich bei den fraglichen Bestimmungen um Entwürfe handslte, über die der auf freiester Grundlage gewählte Reichstag das letzte Wort zu sprechen hat.

Besonderes Dntnesse finden auch genaue Angaben über die Höhe der Besoldung der Eisen» bahnbeamten. Wir sind von verschiedenen Seiten gebeten worden, diese Zahlen mitzuteilm. Wir ent­sprechen diesem Ersuchen, indem wir Wiedergaben, was über diese Frage dem „Hanauer Anzeiger" von amt­licher Stelle zur Verfügung gestellt worden ist:

Will man, so heißt es dort, bei unserer vielgestaLigen Besold-migsordMmg für jede Gruppe nur eine Zahl an« geben, so muß diese dem Einkommen der mittleren Stufen und. dem Durchschnitt sbetrag der Ortszuschläge (Durch­schnittseinkommen) entsprechen. Die enlsprechenben Zah­len sind nachstehend in Fettdruck an mittlerer Stelle tote» berge geben.

Zur Au'Märung möge daher die nachstehende Zu- sammenstellnng dienen. Sie enthält:

1. an erster Stelle das jährliche Ansangseinkommen der ersten Besolbungsstufe in der niedrigsten Ortsklasse;

2. das Einkommen der mittleren BesoDungsstufen nebst dem Durchschnkttsbetmge des Ortszuschlages und

3. das Einkommen der obersten Stufen in der höchsten Ortsklasse.

Gruppe 2 (Bahnwärter, Bahnhofsgehilfen): 15440 Mk„ 19 040 Mk., 23 300 Mk.

Grotzkaufmann Selftermann.

Don Wilhelm Herbert, München.

23] --

Da tret ein Mann auf sie zu, der im Dunkel eines Torbogens sich gehalten hatte.

„Derzethen Sie, Fräulein Gretchen!" sagte Dr. Weiß. »Aber ich Hobe hier auf Sie gewartet. Ich sah an den erleuchteten Fenstern, daß Lore Müller schon zu Hause sein müßte, und vermutete Sie bei ihr. Ich dachte mir,

Sie würden nicht allzu lange oben bleiben, und ich wollte Sie heute gern noch sehen und sprechen. Es ist ja der ereignisreichste, zugleich der dunkelste Tag tm Hause, seitdem toir uns kennen — es ist mir ein Be­dürfnis, Ihnen da noch die Hand zu drücken und Ihnen zu sagen, was Eie ja freilich schon wißen, daß ich in allem, was sein mag, mit Leib und Seele zu Ihnen stehe!"

„Ich danke Ihnen", sagte Gretchen. „Sie wißen auch von mir, wie hoch ich Ihre Kameradschaft schätze. Sie wird sich nun freilich gum ersten Male — erproben müßen. Wir gehen einer Katastrophe entgegen und werden einander gegenseitig zeigen müssen, ob wir uns verstehen und ob wir im Fühlen und Denken so ganz eins sind, wie es nach den Plänen, die wir für die Zu­kunft hegen, erforderlich ist-

„Zweifeln Sie daran?" sagte er schmerzlich berührt. „Wir gehen einer Katastrophe entgegen, meinen Sie? Ich möchte sagen, Fräulein Gretchen, wir stehen, Gott fei Dank, hinter einer Katastrophe — sie ist vorüber. Sie hat dem armen Müller das Leben gekostet — sie hat den alten Johann aus dem Haus gerißen. Aber jetzt ist der Sturm vorbei. Die Wolken verziehen sich, und wenn wir nun jetzt alle fest und treu zufamrnen- stehen, um die Lücken auszufüllen und über die ersten unangenehmen Eindrücke Hinwegzukommen, dann ist alles gewonnen!"

„Denken Sie sich", fügte er mit großer Wärme bei und schaute ihr glücklich in die Augen. „Ihr Pater hat mich zum Syndikus der Firma berufen! Morgen be­reits soll ich vor allem Personal zugleich mit Alfred, der in das Geschäft tritt, in mein neues Amt eingeführt

werden!"

Sie lächelte bitter.

„Wie hätte mich unter anderen Umständen diese Nachricht Ihrer engeren Verbindung mit unserer Fami­lie erfreut", sagte sie. „Jetzt ist sie mir nur ein neues erschreckendes Zeichen" . . .

„Aber, Gretchen!" rief er gekränkt und zürnend. „Ein erschreckendes Zeichen?"

„Ein erschreckendes Zeichen", wiederholte sie und wich seinem grollenden Blick nicht aus. „Ein erschrecken- des Zeichen, wie schlecht es um die Sache meines Vaters stehf. Der tote Müller steht als drohender Feind leben­dig vor seinen Augen. Dieser Weggang Johanns be­deutet nichts Gutes. Jedenfalls beargwöhnt mein Vater feine Entfernung als einen gefährlichen Faktor. Auch von Ihnen hat er gestern noch besorgt daß sie hinter seinen Geheimnissen her sind. Daher hat er Ihr Ver­trauen zu gewinnen, hat er Sie zu täuschen und ein­zulullen versucht. Die Form, wie er das gestern ange­fangen, scheint ihm angesichts der neuen Ereignisse nicht mehr wirksam, nicht mehr stark genug, um jeden Druck auszuhalten, der kommen könnte. Da müssen Sie denn Syndikus werden, damit er Ihrer ganz sicher ist!"

Sie hatte die letzten Worte mit großer Bitterkeit ge­sprochen. Nicht geringer aber war die Erbitterung, mit der Dr. Weiß ihren Ausführungen folgte.

Seine Erregung war schließlich zu vollem Zorn ge­steigert worden.

„Nein, Fräulein Gretchen", rief er jetzt und blieb stehen, „das geht nicht mehr! Das dulde ich nicht mehr. Aus einer förmlichen Sucht heraus, andern gerecht zu werden, werden Sie auf das empfindlichste ungerecht gegen ihre eigene Familie, gegen Ihren Vater. Schon der Verdacht, den Sie gestern ausgesprochen und mit aUen erdenklichen wirklichen und vermeintlichen Be­obachtungen gestützt haben, schien mir sehr weit zu aehen. Ich muhte aber Ihr schärferes Auge und Ihre größere Fähigkeit anerkennen, hier Beobachtungen zu machen.

Wenn ich aber sehe, wie die heutigen Vorgänge sich in Ihnen widerspiegeln und wie alles nur grau in grau erscheint, dann muß ich sagen, ich bin überzeugt, daß Ihre Grübelei, daß Ihr Wahrheits- und Gerechtigkeit?' fanatismus Sie auf falsche Bahnen führ'

Gruppe 3 (Eisenbahnschaßner. Rottenführer, Ran­gierer, Weichenwärter, Oberbahnwärter): 17 240 Mk , 21824 7Nk., 25 760 Mk.

Gruppe 4 (Eisenbahnoberschaffner, Rottena.fi eher, Rangieraußcher, Aufseher, Wagenaufseher, Stationsauf» scher, Oberweichemvärter, Lokomotivheizer, Triebwagen­sichrer): 18 800 Mk., 23 024 Ult., 27 920 Mk.

Gruppe 5 (Eisenbahnassistenten, Zugführer, Lade­meister, Rottenmeister, Rangiermeister, Wagenmeister, Stationsmeister, Stellwerksmeister, Maggzinmeisier, Werk­führer, Lvkvmotiooberheizer, Rejervelokomotivsichrer): 20 360 Mk., 24 848 Mk., 30 080 Mk.

Gruppe 6 (Eisenbahnsekretäre und Vorsteher. Loko­motivführer): 21 566 Mk., 27 512 Mk., 33 080 Mk.

Vorstehende Beträge umfassen den Grundgehalt, den Ortszchchiag und die seit dem i. Januar d. Is. gellenden Ausgleichs- (Teuerungs-) Zuschläge, ohne Berücksichtigung jedoch des Steuerabzuges. Daneben erhalten die Beamten die Kinderzulagen.

Diese Summen sind wahrhaftig nicht derart, daß sich angesichls der heutigen Teuerung jede Kritik an ihnen verbietet. Allerdings sind sie auch nicht niedrioer, als die Einkommensummen vieler anderer Kreise cs heute beider sind.

Während über diese Fragen die „Fulger Zeitung" jeder Meinung Roum geben kann, war es für uns aber heilige Pflicht, den Streik der Eisenbahnbe­amten als solchen unzweideutig abzu lehnen. Weil in den Streiktagen keine auswärtigen Zeitungen heran­kamen, schien es manchem vielleicht, als sei das eine SpezMbitiü der „Fuldaer Zeitung". Heute liegen wie­der Zeitungen aller Richtungen von auswärts vor. Mit Einschluß der soziairernokratifchsn Blätter haben alle Zeitungen den Streik als solchen vorbehaltlos verurteilt. Wir könnten zum Beweise heute hier lange Auszüge aus d:n Zeitungen über diese Frage bringen. Es würde zu weit führen. Die „Frankfurter Zeitung", gibt z. B. im Abendblatt vom Montag, den 6. Februar, eine vernichtende Kritik über den Streik. Ganz besonders scharf verurteilt in der Nr. vom 4. Februar die sehr weit links stehende Frankfurter „V o l k s st i m m e" den Sivnk. Sie schreibt u. a.:

„daß die Gefahr nicht von der Hand zu weisen sei, daß reaktionäre Elemente im stillen das Feuerchen schüren in der Hoffnung, irgendwie und irgendwo der verhaßten Republik ein Bein stellen zu können. In der angeblich „neutralen" Reichsgewerkschaft haben erzreaktionäre Herren führende Rollen über­nommen. Und die Regie, die Verteilung der Rollen ist wirklich bewunderungswürdig. Hörte man doch gestern schon in deutschnationalen und volksparteilichen Krei­sen die Meinung äußern, wenn Stinnes die Eisen­bahn in der Hand hätte, wäre eine solche Desorgani­sation, wie sie sich jetzt zeigte, unmöglich gewesen. Es fällt wohl schwer, noch deutlicher zu werden! . . . . Dieselben Leute, die vor der Revolution die Eisen­bahner so terrorisierten, daß sie nicht zu mucken mag- ten, und in den Parlamenten alle Anträge der Sozial- demokraten, den Eifenbahnbeamten und Arbeitern höhere Löhne zu zahlen, niedergestimmt haben, dieselben Leute, die jede Organisation der Eisenbahner verhin­derten, sie haben jetzt auf einmal ihr „warmes Herz" für die Eisenbahner entdeckt. Sollte das nicht allen Leuten, die etwas tiefer zu schauen vermögen, zu den­ken geben?"

So die sozialdemokratische „V o l k s st t m m e", deren Behauptungen wir natürlich nicht untersuchen können und auch nicht übernehmen wollen, di« aber zeigen, wie man auch in anderen Lagern in politischer Hinsicht die Wirkung b?s Streikes nicht anders beur­teilt hat. als es hier geschehen ist.

Jetzt gilt es, möglichst schnell die Schäden, die aus dieser bald achttägigen Berkehrsuniwbrechung entstan­den sind, wieder zu beseitigen. Vielleicht hat gar man­cher bei diesem Versuch etwas gelernt, was in der Zu­kunft nützlich werden kann. Besonnenheit und kühle Ruhe waren nie so notwendig als heuticon Tages. Die Dreckspritzer, denen man sich im Kampf für das Rechte stets ausfetzen wird, muß man in den Kauf nehmen.

Sie vermuten überall Arges, Sie sehen überall Be­weise gegen Ihren Vater, wo man im Gegenteil deut­liche Zeichen feiner Unbefangenheit, feiner — wenn bas Wort erlaubt ist — feiner Unschuld seststellen muß! Das geht zu weit, und ich möchte Sie bringend warnen, sich nicht zu sehr in die Netze derer einspinnen zu lassen, die nun eben doch einmal andere Gedankengänge und Ziele verfolgen, als Ihr Herr Vater!"

„Meinen Sie Lore damit?" fragte Gretchen erzürnt.

„Nun ja, mein Gott", antwortete er. „Ich meine sie damit. Ich kenne und ehre und achte ja das Mädchen sicher und verstehe die Leidenschaftlichkeit vollkommen, mit der sie für ihren Vater kämpft — eine Leidenschaft­lichkeit, die in gewissem Sinne sogar für Sie selbst, Fräulein Gretchen, vorbildlich fein müßte. Aber Lore ist nun eben einmal ihres Vaters Kmd. Sie vertritt feine einseitigen Interessen — in ihrem Hause werden Sie keine objektive Wahrheit finden!"

„Oh", sagte Gretchen mit stolzem Ernst. „Ich bin überzeugt, daß Lore und Johann, bei denen ich eben mar, keine andere als die ernsteste und heiligste Absicht haben, der Wahrheit zu dienen — und ich muh Ihnen allerdings bekennen, daß ich mich Ihrem Bunde als Dritte eingefügt habe und fest entschlossen bin, ohne jede slücksicht für Wahrheit und Recht einzutreten, weil ich darin das einzige Heil für unser aller Zukunst sehe!"

„Was?" sagte der junge Anwalt aufgebracht. „Jo­hann ist auch da oben — und mit dem weggelaufenen Diener Ihres Vaters lassen Sie sich in ein förmliches Komplott ein? Oh, das ist nicht recht, Fräulein Gret­chen — das ist unnatürlich — und Sünden wider die Natur, mögen sie in noch so guter und wohlmeinender Absicht begangen werden, haben nie zu wirklich gutem Ende geführt. Wenn Sie sich nicht bekehren lassen und von diesem Wege abstehen, fo werden Sie das noch einmal bitter bereuen und, statt Besserung zu erreichen, alles nur schlimmer machen, als es ist.

Ich ko. .: <>en ganz offen bekennen, ich habe heute Abend, als ich eben von Ihrem Vater weggegangen bin, I von ihm den dringenden Wunsch, ich möchte sagen, den Auftrag erhalten, Ihre Freundschaft mit Lore zu lösen."

„Was Ihnen nie gelingen wird!" sagte Gretchen mit ; leuchtendem Blick. (Forts, folgt)

Deutschland zahlt.

wtb Paris, 8. Fedr. Die Reparationskom- Mission teilt mit, daß Deutschland soeben in Aus- londsdevisen an die von dem Garantie-Ausschuß be­zeichneten Banken ein« dritte Zahlung von 31 Millio- nen Goldmark gemäß der Entscheidung, die am 13. Januar in Cannes getroffen wurde, gezahlt hat.

Um tai WliMiWWkil Pult.

Wtb London, 8. Febr. Im Untechcmse erklärte Lord Robert Cecil, er sei durchaus nicht für dm AbWutz eines englisch-französischen Paktes gegen, Delttschlarch. Man werde in Deutschland niemals, «me friedliche Stimmung schaffen, wenn man es mit künftigen Kriegen bedrohe; man werde Deutschland nur zu eurer östuchm Allianz treiben. Die richtige Politik sei Deutschland in den Kreis der Wcstrüchte aufzimchnren und zwar obald als möglich. Burnis erklärte unter Bezugnahme auf ten Pakt mit Frankreich, er werde für keine Politik timmen. die England in eine besondere Beziehung irgimdwelcher Art zu irgend einem europäischen Staat bringe. Im Volkerbundsvertrag sei bereits die Unter­stützung jedes Landes, das ungerechtsertiglrrweise am gegriffen werde, vorgesehen.

SrlanDo IMilWr WMMMkkl?

wtb Rom. 8. Febr. Nachdem de Nicolai die Ka- binettsb'ldung abgelehnt hat. wurde Orlando vom König damit betraut. Orlando batte im Lause des Tages Bifprechungen mit Abgeordneten der verschiede­nen parlamentarischen Gruppen über die Lösung der Krise. Morgan nachmittag wird Orlando vom König empfangen.

$!$ WWMWn SMM1UW 66k MlWM.

wtb Genf. 8. Febr. Die deutsche Abordnung teiße dem Präsidenten der deutsch-polnischen Konferenz mit daß der Eisenbahnerstwik unter Umständen die Reift nach Genf etwas verzögern könnte.

Die tage in Indien.

wtb London, 8. Febr. „Pall Mall anb ®Iobce erklärt, daß aus Indien febr ernste Nachrichten ein» getroffen sind; die Lage verursache die oröß'e Besorg, nis. Es sei nicht genau bekannt, welche Aktion die Regierung gegen die herrschende Disziplinlosigkeit beabsichtige.

W lo«M WntmlMtoiig Mische» MWztrtiM mS WeMimiti.

Don Pros Dr. iheol. E Weber, Kaßel.

lieber dieses in der Gegenwart höchst bebeutfame Thema sprach am 27. Jomrar im Kasseler ßeiemuf-eum der Nürn­berger protestantische Pfarrer Dr. S t ä tj l i n . der als Führer in der süddeutschen Protest. Jugendbewegung vor­teilhaft bekannt ist. Veranlaßt ward der Dortrog durch den „Iugendring", der hier eine Reihe von Vorlesungen über Wei anschm ungsfragen plant. Auch der „Evangelisch« Bund" hatte in einer Anzeige in den Tagesblättern zum Besuch des Vortrags eingeladen, wahrscheinlich in der ©mrtanfl, die viele mit ihm teilten, daß der Vortragende im Stil der stüher hier üblichen scharfen polemischen Form des „Evangelischen Brmdes" sprechen werde.

Doch diese Erwägung wurde aufs angenehmste in vielen Punkten enttäuscht. Denn Dr. Stählin sprach in dem weit größeren Teil seiner tiefen und feinsinnigen Aus­führungen in einer Werse, die deutlich zeigte, datz er nicht mir am geistigen Pulsschlag unserer Zett gelauscht, hat, sondern auch in hohem Grad die Gabe der psychologischen Einfühlung besitzt für die hohen geistigen, stttlichen unt> erzieherischen Werte, die im geschlossenen System der tc* cholischen Kirchen liegen. Gar manchem der arrnxfenöen Katholiken ist es warm um das Herz geworden, als er aus dem Munde eines protestantischen Pfarrers Worte vernahm, die aufs anschaulichste zeigten, daß die Glau, benslehre der koch. Kirche, ihr Kultus, ihre seelsorgliche Arbeit dem durch die seelischen Katastrophen des Kriegs- erlebens innerlich zerrissenen modernen Menschen mit sei­nen Sehnsüchten, Wünschen und Bedürfnissen entgegen- kommt MÄ ihn dort ehre Befriedigung empfinden und er­leben läßt, die er vergeblich im Protestantismus sucht. Aus dieser nicht wegzuftuMrenden psychologischen Ersah- vungskttsache rklärt sich rach Stählin die Beobachtung, daß gegenwärtig Protestanten in Scharen der kath. Kirche- zuströmen, und zwar in erster Linie sind es nach Stählms Versicherung jugendliche Kreise, die durch das Feuer de, Krieges hindurchgegangen sind, in denen ein unerbittliches Wchchetts- und Wahrhoftigkettsverlanqen, ein Drang nach Festem irrt» Unoe-rückbarem, nach dieser feierlichen Gemein- schast, lebendig fit. Diese jeden wahren Deutschen, der sein Vaterland liebt, froh stimmende Tatsache, daß der Geist der Erneuerung und inneren sittlichen Aufbaus gerade von der Jugend, unserer lebendigen Zukunft, ausgeht, macht es nach Stählin einfachhin zur Unmöglichkeit, daß in Zu­kunft die bisherige Form der Polemik, „die auf einer fast fo’-gfältig gepflegten gegenseitigen Unkenntnis beruht", weiterhin geübt wird. Diese wiederholt stark unterstrichene Forderung' des Vortragenden hebertet zu unserer Freude eine schärfe sachliche Absage an die früheren Kamps- Methoden des „Eoanaelischen Bundes".

Im Einzelnen führt Dr. Stählin aus: Es ist ein Irr- tum zu glauben, daß die Reformation den Gedanken 6er Toleranz in die West gebracht Hot. Luther und die an­deren -Reformatoren erhoben genau wie die kath. Kirche den Anspruch, die allein wahr« und berechtigte Form des EHMentums yi fein. In der Zeit der „Retattoitä!" alle, Denkens muß sich der modern« Mensch klarmachen, daß auch all« religiösen Denk- und KMormen nur geistige Schicksale sind. Daraus ergibt sich die Folge, daß Katho­lizismus und Protestantis-mus nur als verschiedene gleich- beredetet neben einander stehende religiöse Typen zu be­trachten sind. Nach dem Gesetz des Beharrungsver­mögens, das auch im geistigen Sehen gilt, roinb es aller­dings noch lange dauern, bis diese im Gegensatz zur bis­herigen Form der Auseinandersetzung stehende Anschau, ung'sich iiKhleben wwd. Stählin schließt sich der Schleier-