uld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadk Fulda.
49. Zahrg
Nr. 27
Remipretber Nr. 9. Telsyr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung.
Der CifenbahnerstrerK im Gang
Die neuesten SireiKmeldungen.
Auf telephonischem Skye haben wir folgende Mel» fomgcrt erhalten:
wtb Berlin, 2. §ebr. (Dkl.) Lage im Eisenbahn er streik ist noch ungeklärt. Der Streik Hal sich tiuraufeinzelneDireNioas- bezirke ausgedehnt. Wie die Berliner Blätter melden, ist für Heu!« immerhin mit einer vorläufigen Einstellung des Verkehrs zu rechnen. Die eigeullichen Herde des Streiks find in Nord- und Dsfkdsutfchland zu suchen.
wtb Karlsruhe, 2. 3an. Wie von zuverlässiger Stelle miksrlei'l wird, Hal sich im hiesigen Direktion«- bezirk nicht das Geringste geändert.
wtb M ü n ch c n, 2. 3an. Bach Meldungen, die bei hiesigen emllichen Sleilen einlirfen, soll sich der Streik eines Teiles der Eisenbahrs-r auch auf verschiedene Gebiete Bayerns erstrecken. Auch in der hiesigen Eisen- bahn-WerkstAte ist das Lokomotiv-Perssual in den Streik getreten.
wtb Berliu, 2. Fedr. Vie BdeNnmg eines Abend- bluttes über die bevorstehende Verhängung des Ausnahmezustandes ist erfunden.
LeramworUich !ür den ieDaäionellen teil- Dr. I. Kramer» z für die ’ilrqetgcn: I. Iß ar je I Rotationsdruck u. Vertag der gulöaer 21dl
aus, sondern sind schon in ihrem Entstehen Kompro» misse, das heißt Ergebnisse der Zusammenarbeit meh- rerer Parteien der bctressenden Parlamente. Diese Par» teien verpflichten sich durch diesen Kompromiß, gemein» (am und solidarisch die Politik des Kabinetts zu tragen. Diese KoalitionspÄitik ist zweifellos mehr als bloße Taktik, schließt sie doch immer irgendwie ein Aufgeben gewisser Programmpunkte in sich. Die Koalition in Deutschland, ihre Entstehung, ihre Ausbreitungs» und Llbbröckelungstendenzen brauchen hier nicht auseinander» gesetzt zu werden. Interessanter dürfte für uns ein Blick auf das übrige Europa sein.
e Gerade eben hat Poincarä in Frankreich ver» sucht, eine große Koalition aller Kammergruppen von rechts bis zu den Nadikalsozialisten einschließlich zu» stände zu bringen. Bekanntlich ist ihm das nicht gelungen, weil die Radikalsozialisten abgesagt haben. (Ra. dikalsozialisten ist eine bürgerliche Gruppe.) Sm» merhin geht sein Kabinett durch sehr viele Parlaments, gruppen hindurch, wenn auch noch nicht zu sehen ist, ob der alte Rationalblock so geschlossen, wie er von 1918 bis 1921 war, hergestelli ist. Er begann im Frühjahr 1921 auseinander zu bröckeln, in dem die äußerste Rechte (Leon Daudet) nicht zuletzt infolge der Treibe» teien Poincares sich abwandte. Gehört diese chauvinistische Rechte doch zu jener Parteigattung, die wir die „sich ifollerenbe" nannten. Aus ihrer Tendenz heraus, da» Frankreich darzustellen und alle anderen als Der- räter der Sache Frankreichs zu brandmarken. Solche Parteien lasten sich natürlich ebenso schwer wie die Kommunisten zur Koalition, das heißt zum Kompromiß und zur Zusammenarbeit mit den anderen Teilen des Volkes gewinnen. Denn auch die Kommunisten glauben, die Zukunft und die einzigsten Repräsentanten des wirk- lichen Dclkswillens zu fein.
Aehnlich ist die Koalitionsbildung auch in Italien vor sich gegangen. Hier hat sich aber, umgekehrt wie in Frankreich, die Tendenz zur Koalition immer mehr ver» stärkt. Es liegt dies an den besonderen italienischen Parteioerhältnissen, vornehmlich an dem plötzlichen Auftreten und raschen Erstarken der katholischen Volks- partei, die eine immer wachsende Anzahl von Minister» sitzen beanspruchte. Die letzten Monate haben eine in- terestante, übrigens typische (cgi. England) Folgeerscheinung der Koalition gebracht. Es ist nämlich gelungen, die vielen liberalen Gruppen zusammen mit Teilen der Reformsozialisten (bürgerliche Gruppet) zu einer neuen Partei, der demokratischen Partei, zusammenzuschwei» ßen. Freilich ist nicht sicher, ob diese Neubildung, die vorläufig nur im Parlament glückte, analoge Bewegung draußen im Lande auslösen wird. Dies vorausgesetzt, muß fortan mit den drei Parteien: Demokraten, Volkspartei, Sozialisten gerechnet werden, während bisher die italienische Kammer in eine Unmenge kleiner Gruppen zerfiel.
Diese Zusammenfastung darf deshalb typisch genannt werden, weil sich in ihr eine auch anderswo zu beobachtende Rückwirkung der Koalition auf das Parteileben ausdrückt. Gruppen, die in einer Koalition zusammen Politik machen, werden, wenn sonst keine Hemmungen bestehen, die Tendenz haben, sich auch parteilich zusam- menzuschließen. In der idealsten Form ist das in England geschehen, wo die „Koalition" Lloyd Georges längst mehr als ein Bündnis der Liberalen und Unionisten ist. Die englische Koalition nähert sich auch organi» fatorlsch immer mehr der Form einer Partei.
Die Koalition oder der Regierungsblock war in der Vorkriegszeit eine mehr oder weniger sporadische Erscheinung in der Innenpolitik der Länder, fieutc ist er zweifellos mehr, und man wird sagen können, daß die Koalition als politische Form nicht mehr verschwin» bet. Im Gegenteil. Wir sehen am englischen und italienischen Beispiel, daß sie zu Neuformungen im Parteileben Anlaß wird, die dem eigentlichen Parla- mentarismus über den Kopf wachsen. Parteien, die Koalition machen, sind eben nicht mehr Parteien im
ler» Fulda. 2 ienbrjtferei tn Fulda-
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Das Koalitionsproblem.
Don Dr. Alph ons Nobel.
Der Versuch, das Koalitionsproblem ober bester die zur Koalition drängenden Zeitumstände soziologisch zu erfassen, müßte auf einer genauen Wesensbetrachtung der heutigen Parteien aufgebaut fein. Das Wort „Partei" hängt mit pars zusammen. Und das scheint kein sprachlicher Zufall, denn „Partei' kann den Begriff „Teil" sicherlich noch in einem tieferen Sinn enthalten, als nur der wäre, daß es sich rein äußerlich bei Parteien um Zerspaltungen und Teilungen der politischen Gesamtheit einer Nation handelt. Einen tieferen Sinn als diese Selbstverständlichkeit hat der Name „Partei" erst dann, wenn das Teil-sein ins bewußte Denken der Partei übergeht, Prinzip ihres Handelns wird, indem sie sich bestrebt, auch die Funktion des Teils zu erfüllen. Dies ist zweifellos bei der Mehrzahl der europäischen Parteien heute der Fall — und dies ist das Koalitionsproblem.
Was mit der „Funktion des Teils" gemeint ist, dürfte klar werden, wenn man (nur zu diesem Zwecke) zwei Wesensarten von politischen Parteien unterscheidet: eine Gruppe von Parteien (es sind meist radikale und extreme Parteien) behauptet irgendwie der Kern der Nation dar- zustellen, zum Träger feiner Zukunft bestimmt zu fein und glaubt alle Andersdenkenden im Irrtum befangen; eine solche Partei muß notwendig alle anderen vernich- ten und deren Anhänger in sich einbeziehen wollen, sie erhebt ja den Anspruch alleiniger Daseinsberechtigung, identifiziert sich mit der Nation (in der sozialistischen Terminologie mit dem „Volke") dessen historische Idee, besten Werte und Ziele sie allein zu vertreten angibt.
Im Gegensatz zu dieser sich naturgemäß isolierenden Zarieigattung steht eine andere Gruppe politischer Par- teien, die von vornherein zum Kompromiß neigen aus dem Bewußtsein heraus, eben nur Partei, das heißt Teil, zu fein. Daß dem mitunter eine Resignation im Glauben an die Durchschlagskraft des Programms zu- gründe liegt, ist in diesem Zusammenhänge unerheblich. Andererseits schließt diese Einstellung keineswegs ein fanatisches Bekenntnis zum Programm aus. Worauf es hier ankommt, ist die Bereitschaft, auch anderen Parteien Dasein, und mehr, Daseinsberechtigung zuzuspre- chen.
Das klastische Besspiri für solche Einstellung war das englische Zweiparteiensystem der Vorkriegszeit. Jede der beiden großen englischen Parteien, Liberale sowohl wie Unionisten, erkannte die andere auch in der Opposition al» wesentlichen Bestandteil des Staates an und wünschte keinesfalls, daß der Gegner zusaminenschrumpfe ober gar verschwinde, sondern auf dem Wechsel der Macht, dem Schaukelsystem (Regierungspartei — Opposition — und wieder Regierungspartei und so fort in fast regelmäßigem Turnus) beruhte das ungeschriebene Staatsrecht des englischen Parlamentarismus.
Und nun in der Nachkriegszeit: die von den ungeheuersten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Problemen belastete Politik aller europäischen Länder trieb die im englischen Zweiparteiensystem aus^espro- chene Tendenz noch weiter. Die Parteien, oder vielmehr die Gruppe der Parteien, die sich als Teil empftnden und das Dasein der anderen Teile nicht ignorieren, werden dazu getrieben, aus dieser Erkenntnis eine weitere (vielleicht nicht die letzte) Konsequenz zu ziehen: bas Zusammenarbeiten mit anderen Teilen. Das englische Zweiparteiensystem war auch ein Zusammenarbeiten, aber auf lange Sicht hin, in der stillschweigenden Vereinbarung, einander ablöfenb die Last des Staates zu tragen. Heut aber ist kein einziges der innerpolitischen Gerüste Europas mehr elastisch genug dazu. So liegt das gleichzeitige Zusammenarbeiten mehrerer Parteien ats Norm der europäischen Innenpolitik in der Logik der Entwicklung.
Diese Zusammenarbeit aber ist Re K v a l i t i o n. Kabinette bilden sich nicht mehr aus einer Partei her
Das Verfahren gegen
die LrzbergermSrder.
Nach einer Münchener Meldung der Boffischen Zeitung hat sich die Badische Staatsanwaltschaft in Offenburg entschlossen, das Verfahren wegen der Ermordung gemeinsam mit einem Verfahren wegen Äeheimbündelei bei der Strafkammer tu Offenburg anhängig zu machen. Das Verfahren richtet sich gegen Kapitänlentnant von Killingrr und Korvettenkapitän Weber, die der Begünstigung angeklagt sind.
punkte sind van Schupo and Militär besetzt und bbe Technische Nothilfe organisiert worden. Der Reichs- wehrmmister hat gleichfalls aSe höheren Beamten auf- sewrdert, die früher im praktischen Eifenbchndienst als Lokoinoliv- und Zugführer ausHrbildet mobben find, diesen Dienst während der Streiftage zu versehen.
Was die AusdchmmL des Streikes anlangt, fo haben sich die süddeutschen Staaten tm allgemeinen gegen den Streik erklärt, sodaß der Streik m örtlicher Beziehung sich wshi auf Preußen und Sachsen bsschrän» ten wird. Erschwerend ist, daß die Schwesterorgani» sationen der Reichsgcwerkschaft deutscher Eisenbahn« sich im großen und ganzen nicht gegen bett Streik ausgesprochen haben und sich weigern wollen, Streikarbeit zu verrichten.
Nur ein Mittel tonn dem liebel abhekfen: die Einsicht der Streikenden und die feste Haltung der Regie- rnng. Die Retchsrepjerimg kann versichert fern, daß das ganse Parlament imb ba» ganze Volk geschloffen hinter ihnen steht.
Deutscher Reichstag.
Die SteneraasfchSsfe solle« arbeite«.
Der Sitzungssaal bot amMittwoch eine gähnende Leere. Gründ genug war dafür vorhanden: zunächst die Nachricht, daß bet Eisenbahncrstreik in der nächsten Nacht beginnen würde; das bewog Manche Abgeordnete so schnell wie möglich in die Heimat zu gelangen, da da» Plenum sich sowieso für einige Tage vertagen wollte. Tann waren es auch beunruhigende Gerüchte wegen derHaltung der Deutschen Volkspartei, durch die die Abgeordneten in den Wandelgängen aufgehalten wurden.
Aber auch der Inhalt der Tagesordnung bot nichts Außergewöhnliches; so gab es denn Momente, in denen nur etwa G bis 10 Abgeordnete den weiten Sitzungssaal vor gänzlicher Leere zu betoahren suchten. Die Beta- tung des Gesetzentwurfs über die Entsendung von Betriebsratmitgliedern in den Aussichtsrat, die unter andern Umständen eine lebhafte Debatte herbeigeführt hätte, wurde ohne besondere Erregung erledigt. Ein Antrag des Zentrumsabg. Andre, der die RegierunaSvorlage in dem Punkte wieder herstellte, daß die Wählbarkeit von einer mindestens einjährigen Beschäftigung im Betriebe abhängig gemacht wird, wurde dabei angenommen.
Die daran sich anschließende Fortsetzung der AuS- spräche über den Reichshaus halt bot gar kein Jntereff», da die meisten Parteien sich im Laufe des vorhergehenden Laxes sich schon dazu geäußert hatten. Nur die Kommunisten benutzten bade: die Gelegenheit, gegen die Regierung zu Felde zu ziehen, weil sie gegenüber den Eiscnbahnbeamten eine fest» Haltung einzu- nehmen entschloffen ist.
Um den Ausschüssen besser Gelegenheit zu geben, sich mit den Einzelheiten deS eingebrachten Haushalts zu befassen, wird das Plenum sich für kurze Zeit vertagen, um wahrscheinlich am 7. Februar seine Arbeiten wieder aufzunehmsn.
Was alle fürchteten, aber doch ntemwö bis »um letzten Augenblick glauben wollte, ist zur Wirklichkeit geworden: Der Vorstand der ReichsKWerkschaft Deutscher Eisenbahner hat am Mittwoch srich den Streit beschlossen mL feine Mitglieder aufgefordert, im Laufe der folgenden Nacht in den Streik zu treten. Die geschlossene Haltung der Parteien SMN den Streik, die bestimmte Erklärung der Reichsregiarm^, die tckckch- nende Haltung der Bevölkerung haben estticht vevuVcht, die Verlreter des Streikgrdanken» zuriickMhÄten, die Schlagader des deutschen Wirischchtslebens $u imtertori- den; und dazu in einem Augenblick, wo eine eben überwundene Kälteperiode nicht nur die Schiffahrt lcchmge» legt hat, sondern auch die Eisenbahn durch bau Frost Hemmungen unterworfen ist, die überall eine bedeutende .Knappheit an Kohlen und Lkbensmittein hervorgerufen haben, sodaß der Streik in kürzester Zeil zur Katastrophe für das Volk werden muß.
Die außenpolitischeWirkungistsar nicht obzuschrn. Nicht nur., daß eine Stockung der Lieferungen an die (Entente eintreten wird, die trxi fron» zösischrn Nationalisten wieder Vorwände zu ZawnJs- maßuahmrn bietet, sondern auch deujemZen früher feindlichen Staaten, di« uns schon etwas näh« stchon. werden berechtige Zweifel an unseren guten Willen oufsteigen müssen, eine Tatsache, welche die uns Aün- stiA: Atmosphäre in der Außenpolitik und damit dan Erfolg der letzten Monate gänzlich vernichten kann.
Die Rrichsregienmy hat nicht gesäumt, die nötgien Maßregeln zu treffen. Der Reichspräsident hat eine Ausnahmeverordnung erlassen, die ten Beamten die Entstellung oder Verweigerung der ihnen obliegenden Arbeit verbietet. Wer einen Beamten der Reichsbahn zur Verweigerung der Arbeit auffordert oder anreizt, wird mit Gefängnis und mit Geldstrafe bis zu 50 600 Mark bestraft. In derselben Verordnung wird der Reichsrerkehrsminister berechtigt, Notftcmdrar- berten und Notftendsversorgungen zu sichern. Beamte.. Angestellte oder Arbeiter, die den Betrieb der Reichsbahn weitersühren, dürfen in keiner Weise wirtschaftlich benachteiligt werben. Wer dazu auffordori oder cmreizt, wird mit der Zeichen Strafe wie oben bedroht — die wnfessendstett Vorsichtsmaßregeln sind ebenfalls getrof- wichtigsten Bcchrchöfe und Knoten»
GroMausmarm Selstermann.
Don Wilhelm Herbert, München.
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Dr. Weiß war darum sehr froh, daß Gretchen die Waise, deren Stimme man unten vernommen, herauf, geholt halte, grau Selstermann verfügte über die Gabe einer echt weiblichen warmherzigen Beredsamkeit, mit her sie an Trost zufarnmensuchte, was ihr teilnehmendes Herz ihr eingab. Allmählich lenkte sie das Gespräch auf die Lebensgewohnheiten der Müllersck)en Familie, öffnete 1° "em durch ihren Schmerz und ihre Erregung scheu gewordenen Mädchen Herz und Mund und veranlaßte sie, diese und jene Züge aus dem Leben des Vaters zu erzählen und fo das erste bittere, stumme Leid in lin- öern&e, wehmütige Erinnerung aufzulösen.
Die alte Margaret war unhörbar mit den Teetassen gekommen, und man sah nun im engen vertrauten Streifebei dem anregenden aromatischen Getränk, von ^5”' c,!” bm und wieder dem unglücklichen Mädchen, das den ganzen Tag noch nichts genossen, die vor Elend erfch.afften Glieder angenehm durchwärmte.
„sie bleiben heule bei uns!" sagte Frau Selster- mann gütig zu ihr. „Gretchen wird sich eine Freude baraus machen, Ihnen m ihrem Zimmer ein Rachiquar- tier einzuraumen. Auf dem Diwan richten wir Ihnen ein behagliches Lager. zurecht und Sie verbringen die Nacht in der Nähe eines zweiten, Ihnen und Ihrem Leid von Herzen zugeneiglen Menschen viel besser wie * zu Hause in den leeren, heule noch zu sehr mit traurigen (Erinnerungen getränkten Räumen."
„Nein! Nein! erwiderte Lore mit einer gewissen Heftigkeit. „Nehmen Sie mir es gütigst nicht für Ün- dank, wenn ich Ihr liebenswürd>ges und von mir sicher nicht unterschätztes Anerbieten ablehne, aber ich würde ! es als einen Frevel, als eine Unkindlichkeit gegen mei- j nen guten, armen Vater empfinden, wenn ich in der ' ersten Nacht, in der er nicht mehr bei mir ist, unsere Wohnung meiden würde, wo jeder Winkel seine Sorge nm mch atmet. E» wäre ein Verrat an ihm — und roenn schon so jorele andere ihn heute verraten haben, ich will es nicht tun."
„Dars ich," sagte Gretchen zögernd, „darf ich mit. Sehen und bei dir bleiben?"
„Ich danke Dir," verneinte Lore und faßte die Hand der wiedergewonnenen Freundin mit festem Druck. „Aber ich möchte allein sein! Du wirst mich verstehen und mir es nicht verübeln, wenn ich Dir das ganz offen
„Ich verstehe Dich," antwortete Gretchen schlicht.
„Aber laß mich Dich wenigstens begleiten!" fügte sie bei, da die Tochter des Kassierers sich erhoben hatte. „Du sollst unser Haus nicht einsam verlassen, sondern wissen, daß Du hier immer aufrichtige und wahre Freunde hast, die in dieser schweren Zeit an Deiner Seite gehen."
Die zwei Mädchen schritten still imb eng nebeneinander in die Nacht hinaus.
Dr. Weiß, der sich angeboten hatte, sie zu begleiten, blieb auf ihren Wunsch bei Frau Selstermann zurück.
„Es wird beiden wohl tun," sagte diese, „wenn sie in der kühlen Nachtluft draußen sich noch ein wenig ganz allein aussprechen können, und mir ist Ihre Gesellschaft wenn Sie mir sich kurze Zeit noch widmen wollen, sehr erwünscht."
Dr. Weiß verneigte sich und sagte: „Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung!"
„Es mag Ihnen seltsam vorkommen, wenn ich in dieser Stunde, die über bas arme Mädchen fo schweres Leid gebracht hat, von etwas anderem spreche," begann Frau Sejtermann, „aber gerade das Unglück Lo- res führt mich zu dem Thema, das ich mit Ihnen erörtern möchte. Man denkt, roenn man das Kind anderer leiden sieht, nur zu gern an das eigene. Mein Mann hat mir gesagt, daß Sie um Gretchens Hand angehalten haben."
„Es ist fo," entgegnete Dr. Weiß. „Es war vielleicht eine Uebereikmg und überhaupt ein Unrecht an sich, daß ich nicht zuerst mit Gretchen und mit Ihnen darüber gesprochen. Aber es drängte mich, vor allem zu erfahren, ob das Haupt Ihrer Familie meiner Werbung Schwierigkeiten bereiten würde, ehe ich in Ihre stillen Frauengemächer Unruhe und Mißbehagen hätte tragen wollen!"
„Wie sind Sie denn dazu gekommen?" fragte Frau Selstermann, ohne seine letzten Worte zu beachten, aus dem Wissensdrang der Mutter, einen Blick in bas Herz des eiaenen Kindes zu tun, das nicht fo offen vor ihr
lag, wie sie es gewünscht hätte „Wann sind Sie und Gretchen sich denn näher getreten?"
„Sie werben es sonderbar finden/ antwortete der Rechtsanwalt, „wenn ich Ihnen gestehe, daß bis gestern zwischen Ihrer Tochter und mir überhaupt nie darüber gesprochen worben war, ob wir uns näher getreten und in welchem Maße. Erst gestern, als ich offen den Schritt besprach, den ich getan, und die Antwort, die mir Ihr Herr Gemahl gegeben — Sie kennen ja wohl diese bereits — da hat mich Gretchen die frohe Ueberzeugung gewinnen lassen, daß sie mir gut ist. Sie hat bas mit wenigen schlichten und klaren Worten gesagt, wie cs so in ihrer Art liegt Vorher hatte ich bloß aus unserer Uebereinftimmung in den allermeisten Lebensfragen, aus dem Vertrauen, mit dem sie mir entgegenkam, aus der Wärme, in der sie mit mir verkehrte, die Hoff- nung geschöpft daß wir uns mehr fein könnten, als nur ein paar gute Freunde. Ausgesprochen hatten wir uns noch nie darüber . . . aber es war eine beglückende Gewißheit in mir, die mir Mut gab und der ich um fo eher vertraute, als ich sonst kein Optimist bin und eine so harte Jugend durchgemacht habe, daß ich nie mehr zu hoffen wagte, als ich sicher annehmen durste."
Frau Selstermann reichte ihm die Hand. „Ich danke Ihnen für diese offenen Worte!" sagte sie. „Sie beruhigen mich darüber, daß Gretchen noch nie mit mir über diese Herzensangelegenheit geredet hat Es hätte mir, aufrichtig gesagt, sehr weh getan und mich um bas Vertrauen meines Kindes zu mir besorgt gemacht, wenn Ihr gemeinsamer Bund schon lange und ausge- sprachen bestanden hätte und meine Tochter würbe gar nie mit einem Wort den Weg zum Herzen der Mutter gefunden haben. Denn roenn auch ihr zurückhaltendes Wesen sie nicht so mitteilsam macht, wie wohl andere Töchter fein mögen, so glaube ich ihr doch nicht fremd und dermaßen fernstehend zu sein, daß sie in der wichtigsten Angelegenheit, die es für ein junges Herz gibt, mich ganz übersehen und bei Seite gestellt haben würde."
„Sie spricht von ihrer Mutter nie anders als in der liebevollsten Weise," sagte der Anwalt.
„Ich weiß es," nickte Frau Selstermann, „daß sie an ihren Eltern hängt, und auch wir kennen keine größere Sorge ats die um ihr Wohl. Damit mögen Sie es auch gerechtfertigt finden, wenn mein Mann nicht
gleich eine zustimmende Antwort gab. Wir wollten doch erst Gretchens eigene Gesinnung erforschen und wir woll- ten Ihnen, ganz offen gesagt, auch erst noch Gelegen- heit geben, sich zu bewähren. Sie sind jung und in Ihrem Berufe mehr oder minder noch neu. Mag es ein Vorurteil fein, das meinen Mann und mich be» herrscht, weil wir selbst in ein vollkommen ausgebautes und sicheres Heim heirateten — aber wir sind nun einmal der Meinung, es sollte ein Mann erst sich selbst in feinem eigenen Leben, in seinem Beruf, in feiner Betätigung voll und fest verankert haben, ehe er den Herd für zwei gründet."
„eine Meinung, die ich ehre und achte," sagte Dr. Weiß, „roenn ich auch persönlich vielleicht einen Mittelweg insofern vorziehen möchte, als ich glaube, daß ein gemeinsames Erstreiten und Erringen bas festeste Band fürs Leben und zugleich die schönste Erinnerung für alle Zeiten bildet!"
„Sie werden zum gemeinsamen Kämpfen noch Gelegenheit genug finden," läche ie Frau Selstermann wehmütig. „Sehen Sie, unser eigenes Leben war eigent- sich bis jetzt arm an schwerem Leid. Und doch will jeder Tag erst wieder neu erkämpft und erlauft fein — und ganz ohne Soorgen geht auch bet uns die Zeit nicht um."
„Ich weiß vielleicht, gnädige Frau", sagte Dr. Weiß, „was sie selbst jetzt besonders drückt, und darf die günstige Minute benutzen, mit Ihnen darüber zu sprechen, weil ja Ihr Herr Gemahl mir einen vertrauensvollen Auftrag gegeben hot, bei dem ich die ersten Sporen verdienen mochte. Es sind die merkwürdigen Vorgänge in Ihrem eigensten Reich, in Ihrer Haushaltung."
Frau Selstermann errötete leicht und wollte etwas erwidern; da trat die alte Margaret ein, um den Teetisch abzuräumen.
„Margret!" sagte Frau Selstermann. „Schicke doch meinem Mann den Tee durch Johann hinunter in» Kontor, er scheint zu sehr beschäftigt zu fein, um herauf» zukommen."
„Johann ist nicht da!" antwortete die Dienerin mit; ihrer klang» und ausdruckslosen Stimme, ohne vom Tische aufzusehen.
(Forifetzung folgt.)