Einzelbild herunterladen
 

FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

nr. 25.

Verantwortlich für den redauionellen TeU- Dr. I. Kramer, u für die Anzeigen: I. Parze Iler-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fulbarr Äctiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 0. Telegr.-Adreffe: FuldaerZeitung.

Mittwoch, l. Februar 1922.

Bezugspreis: Monattich 6.00 TÜL zugestellt frei ins Haus, u AbgehoU in der Geschäftsstelle 5,50 M. :: Anzeigen: Kleinzeile nachLoionellM.; auswärts 1.50M. Retlamezeiie (Textvreite) nach Coloneimaß 4 Mark.

49. Zahrg.

Die EsfO eines EWchmWks.

Sie Mierwz trifft MetaMmen.

Das Reichskabtnett beschäftigte sich am Montag abend mit dem angcdrohten Streik eines Teiles der Reichseisenbahnbeamten. Man war sich darin einig, daß dte unvermeidliche politische Wirkung dieses Streiks die Zerstörung der Vorrechte des deut­schen Beamtentums sein müßte und daß ein Streik mit den Bestimmungen und dem Wesen des Beamtentums völlig unvereinbar sei.

Die Rcichsrrgierung richtet deshalb an alle m De- kracht kommenLim Kreise die dringende War­nung, sch nicht zu Handlungen verleiten zu lassen, die für die Gestaltung ihrer Zukunft verhängnisvoll fein würden. Die innere und äußere Lage unseres Landes dulde es nicht, daß von verantwortungsloser ©eite durch di« Lahmlegung des Eisenbahnverkehrs Hand an die Gurgel des Staats gelegt wird, wie der von radikaler Seite beliebte Ausdruck laute. Die Regierung werde deshalb im gegebenen Falle mit äußerster Energie ge­gen solche Bestrebungen vorgehen.

Wie dasBerliner Tageblatt" hört, hat am Mvn- tag der geschäftsfiihrende Vorstand der Neichsgewerk- schaft deutscher Eisenbahnbeamter den Hauptvorftand der Gewerkschaft erneut beauftragt, den Streik zu verkün­den falls dte in dem Ultimatum gestellten Forderungen obgelehnt worden. Der Hmiptvorstand hat daraufhin seine Mitglieder zu einer dringlichen Sitzung für Diens­tag nachmittag einberuscn.

Die Blätter mold.m, daß die Eisenbahiwerwaltung alle Maßnahmen getroffen hat, um den Eisenbchnver- kehr so weit wie möglich aufrecht zu erhalten, insbe­sondere um die Lebensmittel - und Kohlen- Versorgung zu sichern. Alb.» zur Lokomotivfüh- rung befähigten EisenbahnangestelttW, auch die leiten­den Beamten, sollen, ohne Rücksicht aus ihre sonstige Verwendung einspringen und auch die Technische Nothilfe zum raschen Einsetzen bereitgehalten wer­den. Zum Schutz der ArbeitswMgen soll Schutz­polizei aufgeboton und zu-r verschärften Bahnbe- wochung noch besonders geeignetes arbeitswilliges Per­sonal herangezogen lvn-en.

Wie derBerl. Lokalanzriger hört, sind Schritte etngeleitet, um mit Hilfe des parlamentarischen Deamtenausschusses nochmals die Regierung zp erneuten Verhandlungen mit den Vertretern der Spitzenorganisationen zu bewegen. Demselben Blast zufolge hat der Deutsche Beamtenbund, dem die Reichs- gewerkschast als Unterverband angchört, Montag abend einen Vorstandsbeschluß veröffentlicht, in dem der Deutsche Beamtenbund die Gründ« würdigt, die die Reichsgew-erkschast zu ihrem Ultimatum geführt hat. Der Deutsch» Beamtenbund erwartet, daß die Reichs- eegterung den drohenden Konflikt mit der Reichsgewerk­schaft noch abwrndet und im ©inne der gestellten Forde­rungen die Verhandlungen sofort mit ihm aus- ndnmt.

Zu den Gerüchten über den unmittelbar bevorstchen- den Eisenbahnmstrvik wird von der Eisenbahn­direktion Köln berichtet, daß im besetzten Gebiet bis jetzt noch keine Einstellung der Arbeit stattgefunden hat. An den in Berlin Menblickkich stattfindenden Verhandlung'm des Deut­schen Beamtenbundes nehme für die Rheinland» der Vorsitzende dieses Provmzialverbandes teil. Die Rach- richt, daß sich der Provrnzialverbcmd der Rheinischen

Sroßbaustnann Selstermann.

Don Wilhelm Herbert, München.

16] ----------

Der Zusammenbruch war dal '

Nein! Nein! Nein! Das nicht! Das nicht mit an- 'eben, das nicht erleben, das,nicht die Seinen erleben fehen!

Befreiung! Es gab noch ein Mittel zur Freiheit es gab nur ein Mittel zur Freiheit noch!

Er erhob sich schwerfällig'und umkrampfte den Re- rolver fester. Mühsam ging er bis an die Wand, wo ein Spiegel auf die Papiere nicderschaute, die unter ihm aufgehäuft waren.

Nun stand er vor dem Spiegel und sah sich in das eigene Gesicht. Seine Augen waren groß und starr, seine Züge erschienen unheimlich fremd und verzerrt.

Er schloß die Augen, hob den Revolver an die rechte Schläfe und schob ihn mit den Fingern der anderen Hand zurecht . . .

Da klang von draußen, von der Straße her ein un- gemein weicher und rührender Gesang dos Lied einer süßen und traurigen Frauenstimme, die ihm m die Seele schnitt.

Einen Augenblick lauschte er.

Dann wurde die Tür vom Kassenzimmer heftig auf« üestoßen und das derbe Gesicht des Revisors erschien unter dem Rahmen.

»Das ist eine schöne Lumperei!" sagte der Sensal »°uh und zornig. Da haben Sie sich ja einen netten Schwindler an den Hals gezogen. Auf Jahre zurück «eht die raffinierte Fälschung. Ein Loch auf, das andere Ju. Daß Sie das- nicht gemerkt haben?"

Selstermann hatte den Revolver mit einem Ruck in ie Tasche gesteckt.

Der scharfe, rücksichtslose Ton des Sachverständigen Zweckte in ihm Widerspruch und Lebenstrotz aufs Neue. $ur jetzt ruhig fein_ nur jetzt die Gelegenheit benüt- die ihm das Schicksal selber bot nur wieder» Seraustommep aus den augenblicklichen Schwierigkeiten . dann war alles gerettet

Effenbahner an die Interalliierte Kommission gewandt habe, entspricht nicht den Tatsachen.

Lohnbewegung im seemännischen Beruf.

Nach Blättermeldungen aus Hamburg teilte der Aktionsausschuß seemännischer Derufsvemine mit, daß der Tarifvertrag für die Besatzungen der Großschiffalzrl sowie für die Besatzungen der Soeschlepper und Secleich- ter am 1. Februar gekündigt wird.

Arbeikerentlassungen in den Beichsbekrieben.

Der sog'mlpolitiische Ausschuß des vorläufigen Reichs- wntfchoftsrates hat in feiner letzten Sitzung mit allen gegen zwei Stimmen dem von der Reichsregierrmg bean­tragten Entwurf ebner Verordnung bett. Aenderung der Verordnung über die Einstellung und Ent­lassung von Arbeitern und Angestellten während der Zeit der wirtschaftlichen De­mobilmachung zugestimmt. Danach wird dem § 12 der vorgenannten 'Verordnung folgender vierter Absatz an« gefügt:Der Reichseifenbahn und der Reichspostverwal- tumg kann eine Vermehrung der Arbeitsgelegenheit durch Verkürzung der Arbeitszeit (Streckung der Arbeit) nicht Sugemutet wenden". Die Verordnung soll mit ihrer Ver» kündmtg in Krast treten.

Maßgebend für den Beschluß waren folgende Erwä- cpmgem Die Reichsersenbahn und die Reichspostoerwal- tung sind dirrch die finanzielle Lage des Reiches genötigt, ihren Personalbestand auf das geringste Maß zn beschrän­ken, das mit den sachlichen Bedürfnissen irgend vereinbar ist. Dieses Ziel kaim in der gebotenen Frist durch den natürlichen Ab-gong an Arbeitskräften allein nicht erreicht werden. Es läßt sich vielmehr die CMassung von Arbeit­nehmern nicht vermeiden. Bei den Entlassungen soll die soziale Lage der einzelnen Arbeitnehmer berücksichtigt wer- den, soweit es mit den Anforderungen des Dienstes irgend vereinbar ist.

Wie dieDeutsche Allgern. Zig." erfährt, hak das Reichs- Verkehrsministerium eine Verfügung hermrsgegeben, wo- rmch rm Bereich der deutschen Reichsbahn über den natur- kichen Abgang hinaus Ms zum 31. März 19*22 20000 Arbeiter entlassen sein müssen. Hiervon tref­fen aus Preußen-Hessen 15 000, auf Srojem 1800, auf Sachsen 1400, auf Württemberg 600 ufiv. Don den 20 000 zu Entlassenden entfallen 5000 auf die Werkstät­ten; hiervon sollen die Lehrllnge, die am 1. April nur- gelernt haben und die Eisenbahn verlassen, mitgezählt wer- den. Etwa 89000 Arbeiter, die Ur die Entlassung vor­gesehen find, sind Bauarbeiter, die itn DangewerLe alsbakd benötigt werden. In Betracht kommen insgesamt etwa 30 OOO Dienststellen, auf die' sich die Entlassungen verteiZen.

Die Maßnahme fst efn erster ernsthafter Schritt zur Wiederherstellung der Wirtschaftlichkeit der Eisenbahnen auf der Ausgabenseite.

Segen das ZteuerLompromitz

wendet sich die' Zentrallertunc, der Unabhängigen in einem fpaltenlangen Aufruf in derFreiheit". Der Aufruf richtet sich in erster Linie gegen die Mehrheitssozia ldemokrat.ie und kommt zu folgenden Feststellungen:Erfolgreich ist diese Koaiitionspolitik gewesen für die Bourgeoisie. Die rechtssozialistische Koalitionspolitik hat vollkommen Bankerott gemacht! Daraus gilt es, die Lehre zu ziehen. Nicht rechtssozialistische Koalinonspolitik ist es, was die Arbeiter, Angestellten und Beamten aus Rot und Unterdrückung zu befreien vermag, sondern der geschloffene Klasienkampf des Prole­tariats um die Eroberung der Macht!"

Dte Unabhängigen scheinen vollkommen wieder in ihr früheres radikales Fahrwasser zurückzeraten zu sein.

Ein Gauner erster Güte war er!" rief der Bücher­revisor.2ch habe selten so was gesehen!"

Während dieser Worte hatte sich die Tür gegen den Kassenraum geöffnet und Lore Müller war erschienen. Zwei brennende Augen hingen an den Lippen des schreienden Mannes.

Wer war ein Gauner?!" stieß die Eingetretene hastig hervor und streckte die Hand gegen den Sachver­ständigen aus.Meinen Sie meinen Vater?"

Wer ist denn das?!' fugte der Sensal unwirsch. Rabiate Frauenzimmer können mir jetzt am aöerroe« nigften brauchen. Man hätte hier absperren sollen!"

Sie meinen meinen Vater?!" sagte das Mädchen. Ich bin Lore Müller, die Tochter des Kassierers Mül­ler ... ich bitte Sie, sagen Sie mir, warum Sie ihn einen Gauner genannt haben?! Mein Vater war kein Gauner! Mein Vater war ein Ehrenmann. Ich dulde nicht, daß ihn irgend jemand einen Gauner nennt!"

Der Revisor zuckte nur die Achseln und wendete sich wieder dem Kassenzimmer zu.Sorgen Sie dafür," sagte er kalt zu Selstermann,daß wir nicht mehr ge­stört werden, und kommen Sie da rein ich habe mit Ihnen zu sprechen!"

Lore Müller wollte ihm folgen. Er schob sie aber mit einer kräftigen Handbewegung zurück, schloß und verriegelte von innen.

Das Mädchen stand eine Weile wie erschöpft, gegen die Tür gelehnt.

"Herr Selstermann," sagte sie mit heißer Stimme. Sie müßen mir Eintritt verschaffen. Sie müssen es mir ermöglichen, mit dem Herrn zu sprechen! Er muh den Vorwurf zurücknehmen und erklären, wie er dazu gekommen ist. Ich bin das einzige Kind, ich bin die einzige Verwandte, ich bin die Einzige überhaupt, die meinen Vater. schützen, die ihn verteidigen kann ich dulde nichts gegen ihn ich kämpfe mit meinem gan­zen Leben für ihn."

Selstermann sah mit Bewunderung und mit Furcht zugleich die leidenschaftttche Erregung, in der das schöne Mädchen um die Ehre ihres toten Vaters rang. Die würde sich nicht mit Redensarten davon abbringen las­sen sie würde die - Wahrheit, die volle Wabrbeü vor-

Die deutsche Note.

2)ie Reparationskornnflssion hat Montag nachmittag dte Note der deutschem Regierung in der Neparations- ftage zur Kenntnis genommen itni> sie sofort den alliier- toi Regierungen übermittelt, die entweder die Frage selbst bearbeiten oder sie zur Beschlußfassung an die Ritparationskommifsion zirrückverweisen werden.

Der Garantievertrag zwischen England und Frankreich

ist noch immer der Gegenstand eingehender Erörterun­gen zwischen den Regierungen der beiden Länder. Frank­reich forderte einen Vortrag auf Gegenseitigkeit und genaue bindeckin Abmachungen zwischen den beiden Generalstäben, mit anderen Worten eine Militär­konvention. Auch beabsichtigte es, P o l e n mit in den Vertrag hineinZubeZiehim, sodaß England im Falle eines Angriffes auf Polen gezwungen gewesen wäre, an der ©eite Frankreichs gegen diesen Angreifer oorzu- gehen.

Die Derhcm-dllmgen, die zunächst in London zwischen dem französischen Botschafter ©t. Tulaire und Lord Curzon geführt imrr&en, hoben noch zu keinem endgül­tigen Ergebnis geführt. Nach den Aeußerungen der englischen Presse scheint die englische Regierung bereit zu fein, dem Vertrag Gegenfertigikcitscharakter zu ver­leihen und ihn auf 30 Jahre auszudehnen.

Nach einer letzten Meldung aus London wird sich Lloyd George noch vor Beginn der Konferenz der interalliierten Außenminister nach Paris begeben, um dort mit Poincare über den Garantieoertrag und die Konferenz von Genua zu konferieren. Das zeigt, wie sehr die englische Regierung bemüht fft, mit der fran­zösischen Regierung ins Emoernehrnen zu kommen. Lloyd George wird vor allem versuchen, die Bedenken Frankreichs gegen eine Teilnahme an der Konferenz von Genua zu zerstreuen. Wsrm Lloyd George sich deshalb persönlich nach Paris begeben hat, so darf man wohl vermuten, daß die Schwierigkeiten der französi­schen Regierung ernster Natur [ein müssen.

Verschiebung der Mniskerzusammenkunft in Paris?

Nach Haoas Hut die srangösische Regierung gestern den Kabinetten von London und Rom in einem Me­morandum ihren Standpunkt in der Orient frage auseinandergesetzt. Lord Curzon hat verlangt, daß die Zusammenkunft! der drei Außenminister um einige Tage verschoben wird zur Prüfung des französischen Me­morandums. Der italienische Auße-mmmster della Toretta hat sich dem Ersuchen Lord Curzons croae. schloffen.

Deutscher Reichstag.

Dr. Hermes zum Relchshgushalksplan.

Zum ersten Mal fest dem Begum des großen Welt- lmeges ist der Re^chshiajushaltspkjain so zeitig vor dos Parlament gebracht worben, daß man mit be- Mmbeter Hoffnung seiner Erledigung noch vor Abschluß des Rechnungsjahres entzegenfehen kann.

ßn üblicher Weife ist der Etat und die Debatte über ihn emgeküet worden durch eine große Rede des Neichs- sinanMlnisters Dr. Hermes. Man wird nicht gerade ja­gen tonnen, daß das Haus sonderlich gut besucht gewesen wäre, tsn diese wichtigen Erklärungen entgrgenzuneh- men: umso mehr aber fiel die Aufmerksamkeit auf, mit der die Anwesenden aller Parteien den Darlegungen des Ministers Dr. Hermes folgten. Trotz der Einzelheiten, auf die der Minister in dankenswerter Weife einging, war die Rebe Moßzügig, klar und fm Gedankengang nicht nur wohl disponiert, sondern auch, was die schwierige Materie angeht, in allen ihren Tellen durchsichtig und ver­ständlich. Die Trockenheit der Materie wurde dadurch gemindert, daß es der Finanzminister verstand, auch die großen politischen Gesichtspunkte mit unfern finanziellen Maßnahmen zu verquicken und gebührend zu würdigen.

Dieser gliicküchen Gedankenführung ist es sicher zu verdanken, wenn auf keiner Seite des Hauses sich während

langen und mit der Wahrheit als Waffe gegen jeden kämpfen, der dadurch ihrem Vater gegenüber bloßgestellt wurde.

In seinem noch von dem eben Erlebten beunruhigten und verwirrten Kopf wirbelte es wild durcheinander. Cs hieß vor allem Zeit gewinnen, zu einem Plan, zu einer Möglichkeit gelangen, einen Ausweg finden. Die überstürzten und gänzlich unvermuteten Ereignisse der letzten vierundzwunzig Stunden waren nicht dazu an­getan gewesen, sich auf einen sicheren Weg aus dieser Klemme zu besinnen.

Sie sehen, Fräulein," sagte er höflich und rücksichts­voll, im Augenblick kann ich nichts für Sie tun. Der gerichtliche Sachverständige prüft die Bücher. Er würde keine Störung dulden und sie nur höchstens als den Versuch auslegen, die Wahrheit verschleiern zu wollen."

Um Gotteswillenl" rief das Mädchen.Nichts liegt mir ferner als das. Ich will ja nur die reine, volle, unbarmherzige Wahrheit. Aber das ist die Wahrheit nicht das ist sie nicht, daß mein Vater ein Gauner gewesen wäre. Wenn der Mann so spricht, dann irrt er entweder oder er hat keinen guten Willen, die Wahrheit zu ermitteln er ist voreingenommen, weil mein Va­ter sich erschossen hat. Als ob nicht auch andere Dinge als Schlechtigkeit einen unglücklichen Menschen dazu be­stimmen könnten. Wenn ich nur wüßte, warum mein Vater unglücklich war ... er, der mir immer ein heiteres, fröhliches, sorgenloses Gesicht gezeigt hat, der, wenn er ja einmal verdrossen war, es mir stets mit der vielen Arbeit erklärt hat. Und ich Törin habe das leichtgläubig, weil es mir so paßte, als bare Münze hingenommen! Oh, wie mag er gerade unter dieser Ver­stellung gelitten haben, unter diesem Zwang, mich täu­schen zu müssen, sich mir gegenüber, an der er mit dem ganzen Leben hing, nicht aussprechen zu können! Viel- leicht wäre sonst alles anders gekommen."

Sie rang die Hände und sah Selstermann flehentlich an:Ich bitte, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir, war­um hat sich mein Vater erschaffen?! Warum war er unglücklich?! Sie wissen es ja sicher! Vor Ihnen hatte er keine Geheimnisse von Ihnen hat er früher, wie er mir noch mehr vom Geschäfte erzählte, stets in den Vr»-

um

hat ae-

2k

hat sich gewiß nur des Geldes wegen erschaffen. Er Geld gestohlen. Er hat Geld unterliegen und hat sehen, daß er aufkommt, daß er eingesperrt wird, hat er sich umgebracht!

So reden und schreien alle die Diebesaugen, die

mich her sind und ich kann nicht mehr, wenn ich auch mit beiden Händen, wenn ich mit jeder Faser meines Herzens das kostbare Guider Ehre meines Vaters decke, verhindern, daß es zerrißen und zerbißen, befleckt und in die Schmutzwinkel gezerrt wird.

.fFoiffetzung folgt.)

drücken der höchsten Verehrung gesprochen. Sagen Sie mir,,bitte, warum hat sich mein Vater erschaffen?! War­um war er ungerecht? Wer ist der Dieb, der ihm sein Leben gestohlen hat? Wo ist der Dieb, der mir den Vater gestohlen hat? Wo ist der Dieb, der uns beiden die Ehre rauben will?"

Selstermann stand erschüttert vor der leidenschaft­lichen Klage, die sich von den zitternden Lippen des jungen und in seiner fiebernden Erregung doppelt schö­nen Geschöpfes rang.

Oh," fuhr sie fort, ohne auf feine Antwort zu war­ten.Ich war ja bis heute eine Träumerin! Ich habe das ßeben nicht gekannt. Ich habe es für offen und ehrlich gehalten. Ich habe geglaubt, daß da nur Son- nenglanz und Lachen und Reinheit und Fröhlichkeft ift Ich habe geglaubt, daß der Herbst und der Winter, die uns die Wärme und das Licht nehmen, nur Krankheften der Natur sind und daß auch nur kranke Menschen schlecht und unglücklichein können.

Ueber Nacht habe ich gesehen, daß die Well ganz an- bers ist, daß sie von Unheil wimmelt, daß Diebe in ihr umgehen, die wie die Wölfe plötzlich in ein ruhiges, stilles, frohes Haus einbrechen und alles herausstehlen, was an Glück, an Reinheit, an Wahrheit, an Ehre drin­nen ist. Heute habe ich Dutzende solcher Diebe um mich erkannt . . . überall, wo ich hinschaue, haben sie mit Fingern auf mich gedeutet auf dem Friedhof, in un­serer Nachbarschaft, in unserem Hause selbst, wo wir so lange friedlich und glücklich gewohnt haben."

Ihr Vater hat sich erschaffen. Er war Kaffierer. Er

seiner Worte Widerspruch echob, sondern nur hier und da sich Beisall regte. Die Ausführungen in ihrer Gesamt­heit geben ein anschauliches und klares Bild nicht nur der finanziellen Lage des Staates, sondern auch der An- [trerogirngen, die man rn Deutschland unternimmt, um allen finanziellen Forderungen, sei es mm im Innern des Rei- ches, sei es nach außen hin, gerecht zu werden. Menn es heute noch in Frankreich solche Elemente gibt, die sowohl den guten' Willen Deutschlands, als auch seine tatsächlichen bisher aufgebrachten Leistungen anzuzweisein wagen, jo wird diesen wie der gesamten andern Welt , durch die ($ tot siebe des Finangminisiers der Beweis erbracht sein, daß untere praktischen Anstrengungen bis an den Rand von Leitungskraft und Menschenmöglichkeit gehen.

Der Haushalt ficht ganz unter dem Zeichen der ungeheuren Last des Friedensverira- ge s. Sems schließt der ordentliche Haushall der allge­meinen Reichsverwalttmg mit einem lieber]ebuß von 16,5 iMlliarden ab, so «fordert der HaushÄt des Frikdens- vertrages allein die Aufbringung einer Summe von rund 171 Milliarden, ja die schwebende SHuK» ist geeignet, den Versuch einer Lastendeckung aufs äußerste zu erschweren.

Der Haushalt tritt uns zum ersten Mal im neuen Gewand entgegen. Er enthält drei streng voneinander gesondert« Teste: den Haushalt der allgemeinen Reichs- verwvüung, den Haushalt der Betriebsverwaltung und schließlich an dritter Stelle den Haushalt zur Erfüllung des Friedensvertrages. Mau wird zugeben müssen, daß dadurch die Ueberfichtsichkeit erheblich gesteigert worden ist. Die Forderung«! der Entente und die Notwendig­keit der Ausgleichung des Hous Halls verlangen eine finan­zielle Kräfteentf-altnng von noch nie erhörtem Umfang. 100 Milliarden Maik sollen durch die neuen Steuern aufgebracht werden. Aber soviel ist klar, daß mich diese Summe allein nicht hinreichen kann, um die Forderungen des Reiches zu decken.

Hier soll die Z w a n g s a n l e i h e helfen. Nach wel­chem Maßstabe imb tn welcher Form sie ausgeschrieben wird, das soll nach den Mitteilungen des Finanzministers Gegenstand der nachstnotweEgen Besprechungen sein. Aber der Minister begnügt sich nicht allein mit solchen grundlegenden und großen Gesichtspunkten. Er geht in Einzelheiten, um das Bikd zu vervollständigen. Es ift sicher richtig, daß die Veranlagung der Steuern allein nicht genügt, sondern daß sie auch eingezogen und bezahlt werden müs' >: diese Forderung muß nach wie vor mit Nachdruck erhoben werden. Der Mini­ster sieht das ein und stellt zu diesem Zwecke eine Vor­bedingung, die man billigen wird, daß man Den Behörden endlich einmal eine Atempause lasse, um die Gesundung des Verwaltungsappcrates in Ruhe durchführen zu fön- neu. lieber das Prinzip der Spar gern Teil spricht der Minister und wendet sich in diesem Punkte vor­nehmlich gegen Behauptungen des französischen Finanz- immsters de Laftery. Das Subsidimwejen findet in der Rede seinen Platz. Der Mnister verspricht völligen Ab- bren noch rm Verlaufe dieses Jahres. Die Zahl der Beamten strefft er und ihre geldlichen Forderungen. Er hofft, daß es hierin zu einer gütlichen Einigung kommt. Energisch und nicht mißzuverstehen sind feine Worte, die er denjenigen gegenüber findet, die zum Streik reizen oder der AüffoiÄenmg zum Streike Folge leisten wollen. Jede unverantwortliche Störung will die Regierung mit allen ihr z u Gebote stehenden Mitteln bekämpfen.

Die Quinteffenz der Darlegungen des Ministers aber ist die: Deutschland will alles tun, was in fernen Kräften steht, um an feinem Innern finanziellen Aufbau sowie am Aufbau der gesamten Welt tatkräftig mitzuarbeiten. Aber nur eine andere Gestaltung der Reparationsleistungen ist imstande, die gesihwundene Kvedstiühigkoit Deutschlands wieder Herzufiellen und damit Deutschland die Möglichkeit zu geben, der Weltwirtschaft ein nützliches Glied zu sein. Die noch immer herrschende Disharmonie zwilchen der polttffchen Gedankenwelt und den wirtschaftlichen Noiwcn- Weiten muß behoben werden und der Stimme der Ver- mmft weichen. Der ernste Erfiillimgswille ist noch wie vor vorhanden aber auch die Entente muß ihr übriges tun. um der deutschen Wirtschaft Leben und Atem nicht abzuschnüren.

Dieser durchaus beifällig enfgenommenen Rede des Finanzrninifters schloß sich ohne Pause die Debatte an. In ihr sprach zunächst Schcidcmann in heftigster Po- lenwt gegen die deutschnotionale Rechte, mit der es zu stürmischen Auseinandersetzungen kam. Ein langes Sün­denregister hält er diesen Feinden des jetzigen Staates vor, und erregt dadurch ihren lauten Widerspruch, den