Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
49. Zahrg.
Sonntag, 29. Zanuar *,922
- Nr. 23
v
Mr die Kommunisten stimmen für ein Mißtrauensvotum
er»
Veröffentlichung der deutschen vorkriegrakten.
Die ruffische Hungersnot.
In seinen Ausführungen auf der Konferenz Les mteTiratiancfen Komitees für die Rußlantzhllfe in <3 en : fchiiLerte Nansen die furchtbare Hungersnot, die in
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Lerantwortiich für den reüallionellen Teil« Dr. I. Kramer» - für die Anzeigen: I. Parzeiler-Futda.
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acilendruckerei in Fulda.
Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreste: Fuldaer Zeitung.
Wie die „Deutsche Allg. Ztg." meldet, wird dis Note der Reichsregierung an die Reparationskornmission Samstag nachmittag dem Berliner Vertreter der Reparationskommission S)uguenin überreicht und voraussichtlich in den Sonntagsblättern veröffentlicht werden. Zu den Mitteilungen cm» seiner Berliner Blätter über den angeblichen Inhalt der Reparationsnote bemerkt das Blatt, daß diese Veröffentlichungen größtenteils auf Kombinat tonen, zum kleineren Teile auf Indiskretionen beruhen.
Die deutsche Industrie
und die ZwÄNgsanleihe.
Von einer gudmterrichteten Stolle, die bei den Bemühungen um die Kreditaktion politisch und wirtschaftlich mitgewirkt hat. wird der „Tägl. Rundschau" mit» geteilt, daß durch die vom Reichstag cm genommene Zwangsanleihe das Kreditangebot der deutschen Industrie hinfällig geworden sei. Die maßgrben- t>en Kreise des Reichsverbanües der deutschen Industrie seien der Auffassung, daß durch die Zwcnrgsanfeche die Industrie so angespannt werde, daß sie überhaupt kein cixmres Angebot mehr aiffrechterhEen könne. Auch diedeutscheLandwirtschaft habe beschlossen, feine freiwilligen Leistungen mehr an das Reich ju machen, da durch die neuen Steuern und die Zwangs» aetteihe die L indwirtschast sich kaum noch wirtschaftlich lebensfähig erhalten könne.
Raihenau, Minister des Auußern?
Aus parlamentarischen Kreisen verlautet erneut mit großer Bestimmtheit, der Reichskanzler beabsichtige, Dr. Rathenau zum Minister des Aeußern zu ernennen.
die von der Mehrheit gestützt werde und lehnten jede Verantwortung ab. .
Inzwischen ist ein Mißtrauensantrag des Abg. Plettner (Komm.) eingegangen. Abg. Hcrg. (Dn.) erklärt dazu: Wir betrachten durch die von mir verlesene Erklärung die Frage des Vertrauens- oder Mißtrauensvotums als e n d g i t i g e r l e d i g t. Ben von kommunistischer Seite gestellten Antrag lehnen mir ab. ..
Das Mißtrauensvotum wird gegen die EÄmmm der beiden kommunistischen Parteien abge» lehnt, wobei sich die Unabhängigen der Abstimmung enthalten und die Deutsch nativ nalen den saal oerlasserk.
preutzischer Landtag.
Rededuell Dr. Lauschcrs-Dallraf.
Die Grundsteuer.
Der preußische Saroteag fetzte am Freitag die am Donnerstag begonnene Aussprache über den Staatshaushalt fort. Da dir Redner der meisten Parteien schon im Lause des vorhergehenden Tages ^sich zum Etat geäußert hatten, so füllte sich der heutige -ras zum großen Teil mit Entgegnungen aus aus gestern gefallene Aeußerungen. . .
Auch der Minister Severing nahm zu ewigen Angriffen, die sein Ressort angingen, Stellung. Zu grundiatz- vichen und wichtigen Aeußer-impsn, wie man sie gewohn- kich bei einer Ministerrede erwartet, kam es dabei mcht. Interessanter gestaltete sich die Apologie Professor Lauschers gegen die Angriffe des deutsch national en Abg. Wallraf. Mit lärmigem Humor, aber auch mit ernsten Worten wies er die gegen ihn gerich-cien Angriffe des früherem Oberbürgermeisters vom Köln zuruck. Pröfeffor Lauscher rechtfertigte zunächst feine Stellungnahme gegen das frühere Preußen. Er hielt ferne Be» hauptungen aufrecht, daß das alte Preußen im Rheinland nicht das Nötige getan habe. Und er illristnene seine Ausführungen mit kräftigen Beispielen. Natürlich gab der Redner zu, daß Preußen im Rheinland auch manches Gute geschaffen habe. Aber dafür habe Preußen von dem Reichtum Rheinlands und Westfalens sich genährt. Er wies mich dem demffchnationalen Redner daraus hin, daß gerade das Zentrum den feparatistischen Bestrebungen im Rheinland einen Dumm entgegengesetzt habe, und daß, wenn das nicht peschehen wäre, die Doutsch- mitionalen es nicht hätten verhindern können. Den Vorwurf, das Zentrum benütze feine jetzige Stellung zum Nepotismus entkräftet der Redner durch den Hinweis, daß bisher nur 2 Ob-erprüsidemten und 3 Regierungspräsidenten Zentrumsmänner feien. Den Deutschnationalen wirft er vor, daß ihre alte Partei, nämlich die Sonfernaticcn als sie das Heft in der Hand hatten, sich nicht nur m dem Kreuze gesegnet, sondem andere sogar damr , auf den Kopf geschlagen hätten. Der Abg. Wallraf hatte dem Sah aufgestellt, daß es gut gewesen wäre, wenn auch in anderen Parteien Katholiken säßen, damft sie dort in ihrem Sinne Einfluß gewinnen könnten. Prof. Lauscher macht ihn aber darauf aufmerksam, daß die Praxis das Gegenteil bewiesen habe und daß es den Katholiken niemals gelungen fei, im einer anderen Partei Einfluß zu. gewinnen. Auf öie Haltung der deutfchnat tonalen Presse beim Tode des Pap st es kommt der Redner gleichfalls zu sprechen. Wenn der Abg. Wall- raf versucht habe, die Berantwortiumg dafür vom der Deutsch- nationalen Pattei abzuschütteln, so müsse er doch bemerken, daß solche Aeußerungen, wie sie sich der „Reichsbote" und die „Deutsche Tageszeitung" geleistet hätten, einer Partei unwüMg seien. p
Leider mußte der Redner vorzeitig abbrechen ,da seine Redezeit verstttchen war. Der Abg. Wallraf benutzte dem Schluß der Diskussion, um noch einmal auf die Worte Prof. Lauschers zurückzukommen. Prof. Lauscher bedauerte es, daß die Geschäftsordnung es ihm verbiete, auf die geistreich zusammengeftelllen Sätze Wallrafs zurückzu- ifonnmen. Aber die Antwort wird ihm der meisterhafte Redner doch nicht schenken.
Damit fchließt die allgemeine Aussprache. Es folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfes über die Erhebung einer v orläufigen Steuer vom Grundvermögen.
Finanzminister Dr. v. Richter erklärt, die heutige Regierung billige grundsätzlich den von ihrer Vorgängerin übernommenen Entwurf der staatlichen Grundsteuer. Sie lege sich aber nicht auf alle Einzelheiten fest und sei gerne bereit, in einem Ausschuß an einer Verbesserung mitzuwirken. Ohne die Schaffung neuer steuerlicher Einnahmen sei der Etat nicht zu balan-
Wie die „Tägliche Rundschau" zuverlässig führt, fallen Anfang Februar bje Varkriegsakten des Auswärtigen Amtes veröffentlicht werden. Diesem Entschluß liegt die Absicht zugrunde, der Welt ein Bild von der deutschen Außenpolitik in jenem Zeitalter zu geben, das man auf gegnerischer Seite als das Zeitalter des deuffchen Imperialismus bezeichnete, der angeblich zur Welt- katastraphe führte. Die gesamten Dokumente über die diplomatischen Verhandlungen seit 1871, also feit dem Bestehen des Deuffchen Reiches, fallen veröffentlicht werden. Zunächst wird ein Teil dieser geheimen Akten in sechs Bänden erscheinen. Die Zusammenstellung des Materials hat Lepsrus im Auftrage des Auswärtigen Amtes übernommen.
aeleat werden. Wir verkennen nicht, daß die Steuer» lasten die dem Volk zugemutet werden, ganz unge- Heu erlich sind. Ein solches Opfer für wette Kreise der Bevölkerung konnte aber nur ins AiM gefaßt werden, wenn sich auch der Besitz berat erklärte, bet ter SM» bringung der Lasten Nicht ruruckMftehen. Dieses Opfer ist die Zwcmgsanleihe. Alle Bedenken dagegen, mögen sie noch so schwerwiegend fein, muffen zurücktrestn Hutter ter Notwendigkeit, an den gemeinsamen Losten für das Vaterland teilzunehmen. Jetzt hat auch fierabe bie Landwirtschaft ihrerseits emen Schritt nach dieser Richtung zu tun und sich zur aktiven Teilnahm tm bieten Dienste für das Vaterland bereit zu erbaten. Was haben denn die Herren Graf Westarps und Genosieu zur Besserung unserer Berhältuisse vorgesch-agen. ~>epp ihre Politik verfolgt worden wäre und statt der Ersm- liunaspoMk die cepanzette Faust ter Entente und besonders Frankreichs "deutsches Land in Besitz genommen haue, bann würden wir noch ganz anderen Lasten gegenuosr- stehen, als sie gestern voigeschlagen mutten. Wenn Gras Westarps Ratschläge befolgt Worten waren, wäre wohl das Reich schon zertrümmett und ter Reichstag wurde nicht mehr bestehen. (Zuftinnmmg im Zentrmnch Wir würden es mit Freuten begrüßen, wenn die rum Parteien, die sich in ter Stea erfrage zusammengefuttten W>en, auch weiterhin sich zusammewschli eß en wollten Das wäre dann ein abermaliger Ersolg der Politik ves Kabinetts Wirth, der segensreich für das ganze deutsche Volk fein wirrte. (Lebh. Beifall im Zentrum.)
Auch ter Abg. Dr. Vrettscheid (U. S.) meinte, daß ft, Cannes ein gewisser Erfolg für Deutschland erzielt worden fei.
Abg. Dr. Decker-Hessen (D. 93p.): In unserer Mitarbeit ist ferne Wandlung in unseren Anschauungen dem Kabinett Witth gegenüber zu sehen. Das Steuerkompromch ist lediglich ein Vergleich. Die Zwangsanleihe erdrosselt weder Industrie noch Hantel und ist schon früher von uns als dos kleinere Hebet empfohlen worden. Die neuen Steuern, vor allem aber die Zwangsanleihe, bedeuten eine schwere Last für die deutsche Wittschost. Wir haben erklärt, daß mir dem Kompromiß nur zustimmen können, wenn wir die Gewähr dafür haben, daß di« Er- trägntffe einer wirklichen Sanierung der Wirtschaft hn Reiche zugeführt werden. Wir haben deshalb unsere Zustimmung an die Bedingung geknüpft, daß uns die persönliche und sach^che Gewahr für die richtige Verwendung der Reichseinnahmen und für ernt Gesundung ter Reichswittschaft, insbesondere ter Be» triebsoeiwaltungen, Post mW Etsentechn, gegeben wird. . ... _
Abg. Dr. Pekersen (Dem): Wir sind bereit, die Re» gierung zu fttitzen. Wir begrüßen den Zusammenschluß der Parteien als einen großen Fortschritt des Parteiwesens und als Stärkung des Verantwortlichkeitsgefühls für Volk und Vaterland. Redner schließt mit einer Wa r n u n g vor dem Streik der Beamten. Koalitionsrecht sei nicht identisch mit Vertragsbruch. (Beifall).
Abg. Leicht (Bager. Dpt.): Da bei der Zwangsanleihe das mobile Kapital nicht so leicht faßbar ist wie das immobile, müßten Maßnahmen getroffen werten, die ins Ausland gebrachten ober dort versteckten Kapitalien 31t erfaffen.
Abg. Dr. Levi (Komm. Arbeitsgemeinschaft) bedauert, daß die Regierung den Fehler gemacht habe, nicht rechtzeitig mit Rußland zusammen zu gehen.
Abg. Koenen (Komm.) wendet sich gegen die G e» Heimdiploma tie, die nunmehr auch von der Sozialdemokratie befolgt werde. Die Regierung stehe vor der entscheidenden Wendung nach rechts. Demgegenüber müsse seine Partei ihr den schärfsten Kampf ansagen.
Abg. Herzt (Dntl.) gibt eine Erklärung ab, in der es heißt, die Regierung habe sich nun endlich unter dem Druck der Valuta und des Auslandes zur Erkenntnis der UnerfüUbarteit der Verpflichtungen durchgerungen, die von den Deutschnationalen von Anfang an vertreten worden sei. Auch jetzt veffuche sie das Unmögliche möglich zu machen Die DeutschnationÄen seien zu Opfern bereit, sähen aber rn der geplanten Form der Zwan gs» anleihe die Gefahr der Exekution am Volke. Sie mißbilligten die politische Aktion der Regierung,
Nachdem noch am Donnerstag abend im An- , tchluß an die große Rede des Reichskanzlers der deutschnationale Graf Westarp in der verantwortungslosen Art der negierenden Krittk, die jenen Kreisen eigen ist und die in ihrer geistigen Arm» ieligkeit niemals etwas Positives, etwas Besseres an die Stelle dessen setzen kann, was man verneint, >11 den Ausführungen des Kanzlers im Tone lauter vtraßenpropaganda Stellung genommen hatte, haben am Freitag die übrigen Parteien das Wort. Und sie marschieren alle auf. Das Interesse ist dem Vortrage gegenüber durchaus nicht geringer geworden. Oben auf den Tribünen wie unten im Saale herrscht unter den zahlreich Anwesenden geneigte Aufmerksamkeit. Die ganze Debatte zeigt, daß der Friedenskanzler Dr. Wirth noch niemals einen so starken Block von Parteien hinter sich gehabt hat wie dieses Mal. Selbst die Deutschnationalen und die Unabhängigen haben keine Lust, für das Mißtrauensvotum zu stimmen, das die Kommunisten am Schlüsse der Sitzung einbringen. Soweit überhaupt der gesunde Menschenverstand reicht, sieht man offenbar ein, daß auf realer Grundlage, im Bereich der Wirklichkeit, keine andere Politik geführt werden kann, als sie Dr. Wirth verfolgt.
Zu Beginn ter Sitzung widmet Präsident Lobe der verstorbenen Abgeordneten Frau Zietz. (U. e.) einen warm empfundenen Nachruf, den die Anwesenden stehend anhören. .
Sodann wird die Aussprache über die Regierung-- Erklärung fortgesetzt. Abg Müller-Franken (Soz) polemisiert gegen den Grasen Westarp, desien Verhalten beweise, daß ihm wahres Christentum fern liege. Unsere Politik feit Mai v. I. war ein Erfolg, der, wenn auck nicht überschätzt, so doch auch nicht unterschätzt wer» den kann. Es ist eine bessere Atmosphäre für Europa geschaffen worben, namentlich durch die Tätigkeit Rathenaus. Daran änbert auch das Gekeife des deutschnationalen Radau-Antifemttismus nichts, «hätte der Reichskanzler den Reichstag aufgelöst, dann hätten die Arbeiter, Angestellten und Beamten einen tnb eren Reichstag gewählt, der ein gerechteres Kompromiß gemacht hätten. Aber sie haben erreicht, »as in diesem Reichstag zu erreichen möglich war. Rachem Redner noch die Frage der Kriegsverbrecher gestreift und betont hat, daß bet einem Gerichtsverfahren jetzt nach sieben Jahren nicht Justiz, sondern Rache die Urteile diktieren würden, forderte er von der Konferenz in Genua die allseitige Ausschreibung von Neuwahlen in Frankreich, England und Deutschland, damit sich die Völker über ihre Haltung zum Frieden tußern können.
Der Zentrumsredner,
Abg. Marx (Zir.): Wir sind entschlossen, den Reichs- tan.tfer zur Erreichung ter Ziele seiner Politik, die er gestern eingehend dargelegt Hai, mit allen Kräften zu unterstützen Die Politik, die das Kabinett Witth seit fernem Bestehen verfolgt hat, hat zu einem Erfolg geführt ter nicht mehr beftriften werten kann. (Sehr richtig! beim Zentrum.) Ich stelle sogar die Vermutung cmf, daß die Watte, die gestern Graf Westarp über den Ausschluß ter Deittschnätionalen Pattei von den Verhandlungen uoer das Steuerkompromiß gesagt hat, zeigen, daß doch m feinem Innersten ter Gedanke schon heranrefft, daß man auch im deutschnationalen Lager mit ter rein negativen Politik die dort verfolgt ist, nicht mehr zufrieden ist. Es steht ja auch einer nationalen Pattei nicht am, dem Daterlaiite hn Stunden ter Gefahr nur durch fortwährende Kritik beizustehen, anstatt zur praktischen Mitarber t mit Hand anzulegen. (Lebh. Zustimmung im Zentrum.) Ohne daß wir uns einem Optimismus hinzugeten brauchen, müssen wir mit federn Schritt auf der Bahn zufrieden sein, die uns wieder zu den vollberechtigten Nationen hinfühtt. Das S t e ue r k 0 mp r 0 miß, bas gestern von den Parteien verei-nbatt wurde, war eine unbedingte Notwendigkeit. Der unfekige Streit mußte endlich im Interesse des Vaterlandes und des Volkes bei
Rußland unaufhörlich um sich greife und nunmehr ein von fast 32 Millionen Menschen bewohntes Gebiet um» affe 19 Millionen Menschen seien unmittelbar non. Tode bedroht, davon 15 Millionen jedenfalls rettungslos dem Tode verfallen.
Es war ein ernster Augenblick, als Nansen er klarte, daß all; diese Menschen hätten gerettet werden türmen, wenn sein Appell im September gehört wor- ten wäre. Wenn aber diejenigen, denen noch zu helfen eh nicht ebenfalls umkommen sollten, so mußten die Regierungen jetzt einschreiten. Man dürfe keinen -tag mehr verlieren. —
Grotzkausrnann Selstermann.
p Don Wilhelm Herbert, München.
15] ------------ *
Da kehrte der Alte noch einmal zurück.
„S)trr Selstermann," flüsterte er mit belegter Stimme. »Ich wünsche Ihnen Glück und den Ihrigen. Ich geh' nicht leicht . . . aber ich habe immer und immer gewartet, und es ist nicht bester geworden."
Er griff in die Tasche und nahm einen Gegenstand heraus.
„Das da," sagte er tonlos, „das habe ich gefunden an Müllers Grab im Busch abseits."
Er ging langsam mit müden Schritten zur Tür uns schloß sie vorsichtig und geräuschlos, wie er immer zu tun pflegte.
Eine ungewohnt weiche Regung wollte den Kaufmann ausspringen, dem treuen Alten nacheilen und Wotte zu ihm sprechen lassen, wie dieser sie seit langem umsonst erwartet haben mochte. Aber der Stolz, die Eigenliebe, das Ehrgefühl, die Lebenslust kämpften die Wallung des Herzblutes rasch nieder und Selstermann hörte mit seinem durch die Erregung geschärften Ohr, wie der Alte draußen langsam und schleppend den Korridor zur Haustür zurücklegte.
Dort blieb er noch einmal stehen und schaute mit einem müden, wehmütigen Blick zurück auf die Räum.-, in denen er fast fein ganzes langes Leben zugebrachr hatte. Er schaute zurück auf dieses Leben selbst und sein Herz wurde ihm zum Brechen schwer. Er glaubte, es nicht über sich bringen zu können, daß er {ort mußte. Er glaubte, wieder umkehren zu müssen, umkehren zu dem Herrn, an dem er trotz alledem hing. Er glaubte, die Hände falten und ihn bitten zu müssen: „Sprechen Siel Sprechen Sie endlich selbst das erlösende Dort, das alles noch gut werden lasten könnte!"
Da fühlte Johann eine alte, müde Hand, die feine eigene für einen Augenblick fest und zitternd umschloß unb drückte. Margret wers, die hier auf ihn gewartet
hatte, um dem stillen Gefährten ihres Pflichtlebens noch einmal zum Abschied ein Wort zu sagen.
„Ich halt aus," fugte sie, „der Frauen wegen!"
Er nickte und ging stumm in die Nacht hinein.
Selstermann hatte mit der tastenden Hand nach dem Päckchen gesucht, das Johann auf den Tisch gelegt. Es griff sich kalt und schwer an. Seine Finger wickelten langfam das Papier herunter.. Jetzt blinkte der spärliche Schein der benachbarten Sttatzenlaterne über den blauen Stahl und erweckte in ihm fahle, gespenstische Lichter. Selstermann zog unwillkürlich die Hand zurück und schaute wieder wie beim Eintritt seines alten Dieners mit einem Blick voll Grauen in das finstere Zimmer. - . .
Aber er war allein.
Und wieder griff feine Hand — diesmal mit einem energischen Ruck — nach dem Revolver, faßte ihn fest und hob ihn von der Tischfläche unter das Lampenlicht. §s war eine neue Waffe, noch halb geladen. Nur an der Laufmündung zeigte die metallische Regenbogenfär- bung von dem Schuß, der dem Leben des Kassierers ein Ende gemacht hatte.
„Es gibt noch ein Mittel, mich zu befreien" . . .
Wieder fielen dem Kaufmann die Worte ein, mit denen Müller fein Schicksal angekündigt hatte . . .
Lag nun dieses Mittel zur Seldstbefteiung nicht auch in feiner eigenen Hand? War es ihm nicht zu dem gleichen Zweck von dem alten Diener zurückgelassen worden?
Sollte er fein Leben daran wagen, sollte auch er versuchen, Selbstbefreiung mit der Waffe zu finden?! Würde sie ihm die Freiheit bringen können?
lind dieses fein Leben zog, während der Revolver auf feiner Hand lag, in scharfgezeichneten Umrissen an seinem Auge vorüber.
Er sah feine glücklichen Iugendjahre als einziger Sohn eines begüterten Kaufmanns, als beneideter Erbe eines guten Geschäfts, ter sich nur in das warme, für ihn bereitete Nest zu setzen brauchte. Er sah sich wieder als junger Chef und Inhaber dieses Geschäftes, als
junger Ehemann an der Seite einer schönen, liebenswürdigen, ihm von Herzen zugeneigten Gattin. Er sah die ersten Jahre feiner Ehe vor sich, die harmonisch und glücklich verlausen waren. Er sah die angeregten Stunden emsiger,, erfolgreicher Tätigkeit — er sah die Stunden eines glücklichen, mit allen Gütern ter Erde gesegneten Familienlebens — die Stunden der Erholung, geteilt in Genießen der Natur, der Kunst, jeder Erheiterung und Ausspannung, die sich ein gebildeter, wohlhabender, gesunder und vernünftiger Mensch bieren konnte.
Dann plötzlich war es anders gekommen. N'cht eigentlich plötzlich. Langsam war es an ihn herange- schlichen. Der Ehrgeiz hatte ihn verblendet. Er wollte immer höher und höher hinauf. Er übersah die Grenze, die ihm dafür gezogen war. In der Gesellschaft der Reichsten, der lcuchlendsien Erscheinungen zu sein, war fein Begehren geworden. Er erkaufte sich das mit finan- zielten Opfern, die allmählich über feine Kräfte und Erwerbsoerhältnifsc gingen, fo gut diese waren. Er lieh b'er Freundschaft, der anspruchsvollsten, zu Liebe Sum- men aus, die nicht verloren werden dursten, ohne emp» fmdliche und erschütternde Lücken in seine Einnahmen zu reißen. Die Summen wurden aber verloren. Sie mußten ersetzt werden.
Und sie wurden auch ersetzt. Es gab ja dazu, wenn man schon einmal auf der Bahn der Geldgier vorwärts schritt bis an die Grenze, über die Grenze, der Mittel und Möglichkeiten gar viele, viel zu viele für die Ruhe, für die gesunde Entwicklung . - .
Seine Hand legte sich über die Augen. Die Schlä- fen stachen ihn und die Nervosität, die ihm in diesen Tagen trotz seiner Energie schon so manchen Streich gespielt, erzeugte in ihm plötzlich ein starkes und erschreckendes Angstgefühl. Es war ihm, als müsse er in der nächsten Minute den Verstand verlieren, als bräche eine jähe Katastrophe über ihn herein, die seinen Körper und seinen Geist zugleich mit der Vernichtung be« drohte.
Um den Hinterkopf legte sich ein stahlharter, schmer- l zenter Ring. Sein Nacken begann zu zittern. Er fühlte.
wie ihn die Kraft verließ, geregelt zu denken. Er öffnete den Mund, um zu rufen. Er sah momentan feine arme, ahnungslose Frau, seine stille, brave Tochter, seinen törichten, leichtsinnigen Sohn vor sich und es war ihm, wie wenn er sich an sie alle, wie wenn er sich ihretwegen an das Leben klammern müßte mit der ganzen und der letzten Kraft. Es erschien ihm plötzlich alles, was gegen sie, was gegen das ruhige, geordnete Zusammenleben geschehen war, so wahnsinnig, fo unverantwortlich, so schaal und teer und verbrecherisch, daß er nicht glauben konnte, es wäre derlei überhaupt je geschehen. E» war ihm, als ob er die letzten Jahre nur geträumt hätte, als ob er nur mit der Hand über die Augen und die Stirn zu stteichen brauchte, um die Erinnerung und den lastenden drückenden Schmerz wegzu- wischen und wieder aufzuwachen zu der sorglosen Ruhe und dem freien, frohen Gewissen von früher . . .
Einen Augenblick erleichterte ihn dieser Wahn von den quälenden Bildern und Empfindungen.
Dann aber preßte sich der Ring noch fester und schwerer um ihn und nun drückte plötzlich auch mitten von oben her eine bohrende Last auf feinen Kops. Es fing ihm an, in den Ohren zu fingen. Dor feinen Augen spielten blaue wirbelnde Ringe in der Lust. Er griff nach einem Halt und meinte, in jenem Schwindel berg- tief zu versinken. Gleichzeitig fiel ihm mit Entsetzen ein: Müller hat sich erschossen! Johann, ohne den er sich die Familie gar nicht denken konnte, war auf Nim- merwieterkehr fortgegangen. Die Polizei war im Haufe. Der Revisor saß über den Büchern. Die Bücher waren gefälscht. Lore Müller suchte den „Mörder" ihres Vaters. Die Oeffentlichkeit war auf der Spur — auf der Jagd nach all dem, was im Geheimen lag. Es gab feint Möglichkeit mehr, die ausschwirrenden Gerüchte aufzuhalten, einzufangen. Es gab auch keine Möglichkeit mehr, die sich überstürzenden Ereigniffe zu hindern. Gretchen war mihttauisch. Dr. Weiß nur von dem Bestreben erfüllt, Aufklärung um jeden Preis zu schaffen.
Es war zu viel! Es ließ sich nicht mehr ertragen Es ließ sich nicht mehr wegtäuschen.
(Fortsetzung joW.>