49. Zahrg.
Nr. 22
Der ReWwz!« über öteMkt»Wrmiß md WMPM
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Nachrichtenwesens im Inland sowie sür lieber» gangsmaßnahmen zur Umwandlung geeigneter ehemaliger Militärbildungs anstalten m bürgerliche ReichsbildungstmstaUen genehmigt.
Auf der Tagesordnung steht die Entgegennahme einer Erklärung derReichs re- gierung. Als Kommissar ist, wie der Präsident mftteilt, dazu Reichsminister a. D. Dr. Rat Henau gemeldet.
Der Reichskanzler, der sofort das Wort er
griff, erklärst:
In der inneren Politik werde die Regierung nach Er- [xrltung und Wiederausbau des Reiches und Ueberwindung der wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Kriegsschäden aus innere Kons olidierung der Nation trachten, in der auswärtigen Politik auf Mitarbeit Deutschlands bei der Herstellung eines wahren Weltfriedens. Als Mittel hierzu muffe die Bereitwilligkeit Dcuffchlaicks, die Lasten aus dem Friedensvertrag'bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit zu erfüllen, dienen.
Im Mittelpunkt aller Wellprobleme stehe die Reparationsfrage.
Das Ersuchen Deutschlands um eine langfristige Anleihe zu Reparationszwecken sei von der Bank von England abgelehnt worden und die Regierumg mutzte infolgedessen bei der RepaMtionskommifsion um Stundung der Jamiar- und FebrrmrzahllMgen nachsuchen. die unter den bekannten Bedingungen gewährt worden fei. . Das Reparationspro- gvamm der Regierrmq wird morgen Gestar» einer kurzen Denkschrift der Repärationskominüssion übergeben werden.
IDer Reichskanzler kommt daun auf
die Konferenz von Genua
3M sprechen und erklärt, wir werden nach Genua gehen, nicht mit dem Dolch im Gewand und mit hinterlistiger Absicht, sondern mit offenem Visier und mit der Devise, an dem gemeinsamen Ziel der Wiederherstellung der internationalen wirtschaftlichen Beziehungen mitzuarbeiten. Der Reichskanzler stellte alsdann fest, daß der Kabinettswechsel in Frankreich, der Herrn Poincare an die Spitze der Regierung führte, fast in der ganzen Welt als em Symptom dafür angesehen werde, daß der Wiederherstellung eines dauernden politischen und wirtschaftlichen Friedens in Europa noch Rückschläge drohen könnten.
Die Behauptungen Poincares
im Senat und in der Kammer, daß Deutschland nichts ge- leistet habe, sei nicht richtig. Der Reichskonr/er weist dann den von französischer Seite erhobenen Vorwurf der Par- testichkeit des Reichsgerichts mit Schärfe zurück und erklärt, daß auch im vierten Jahre nach Beendigung des Krieges keine deutsche Regierung den Verfluch machen könnte,
die Auslie ferung der Kriegsbefchuldigten zwangsweise durchzusllhren und drückt die Befürchtung aus, daß die französische Regierung diese Frage dazu benutzen möchte, um von neuem das System der Garantten und Sanktionen anzuwenden, das in so verhängnisvoller Weise die Regelung der zwischen Deutschland und Frankreich schwebenden Fragen verhindert habe. Dem negativen unfruchtbaren Programm der französischen Regienmg werde Deutschland ein posttioes Programm entgegensetzen, von dem man hoffen könne, daß es die öffentliche Meinung Frankreichs langsam cmfklären werde. Die Regierung werde mit ollen verfügbaren Mitteln und Kräften am Wie- deraufbau Nordfrankreichs und Belgiens mithelfen, wie das in Wiesbaden abgeschchssene Abkommen schlagend beweise.
Sodann bespricht der Reichskanzler die imrerpolltLschen Fragen und ffixiert ausführlich
die neuen Steuern,
wie sie auf Grund des Kompromisses zustande kommen sollen. Die Gesamthöhe der Steuern belaufe sich auf mmi> 300 Milliarden Mark. Zum Schluffe faßte der Reichskanzler die Ziele seiner Politik nochmals zusammen und erklärte, daß die Regierung bestrebt sein werde, internationales Vertrauen zu gewinnen. Die Welt wolle Frieden und die Völker wollen den Weg frei haben für
schen übrig bleibt und jeder Zugeständnisse machen muß. Bei Fragen von so überragender Bedeutung können auch nicht die Interessen bestimmter Bevölkerungskreise, so berechügt sie an sich sein mögen, allein ausschlaggebend sein. Sie zu wahren" im Bereich des Möglichen war das Zentrum bestrebt und es hat in der Beziehung auch manches erreicht. Heber allen Sonderinteressen mußte aber das Gesamtwohl des Volkes stehen. Und dieses verlangt gebieterisch das Zustandekommen einer Verständigung. Wir glauben nicht, daß jemand den Mut gehabt haben würde, die Verantwortung sür das Scheitern des Steuerkompromisies zu übernehmen. Selbst die Sozialdemokratie, die eigentlich von allen Parteien in der günstigsten Lage war, und diese sehr zu ihren: Nutzen auszubeuten versucht hat, ist zuletzt doch vor den Folgen eines Scheiterns des Steuerkompromisies zurückgeschreckt. Sie hat in manchen Punkten nachgegeben, obwohl sie gewisse Vorbereitung sür Neuwahlen bereits in großem Umfange getroffen hatte. Die beste Rechtfertigung aber für die vermittelnde Politik des Zentrums ist bie Zustimmung der Deutschen Volkspartei, die sich ja selbst als die Partei des Besitzes bezeichnet, zu dem erzielten Steuerkompromisse. Diese Haltung der Deutschen Volkspartei ist der beste Beweis dafür, daß alles, was an Zugeständnissen erreicht werden konnte, tatsächlich erreicht worden ist und daß auch die Deutsche Volkspartei ihrerseits nicht gewillt war, trotz starker Bedrängung von der äußersten Rechten die Verantwortung für das Scheitern der Verhandlungen zu übernehmen.
Dem Steuerkompromiß kommt neben ber, inner» politischen Bedeutung, die sich aus dem vorstehend Gesagten von selbst ergibt, noch eine außenpo l i- tische Bedeutung zu" Das deutsche Volk beweist mit der übernommenen Zwangsanleihe, daß es gewillt ist, die Politik der Erfüllung bis an die äußerste Grenze der Möglichkeit aufrichtig und ehrlich burd)= zuführen. Die Zwangsanleihe ist ein aller Welt deutlich sichtbares Zeichen für den ehrlichen Erful- lungswillen des deutschen Volkes. Das früher feindliche Ausland wird heute nicht mehr auch nur mit dem geringsten Schein des Rechts die Behauptung aufftellen können, Deutschland wolle sich den auferlegten Verpflichtungen entziehen.
Innenpolitisch wird das Steuerkompro- miß wahrscheinlich ebenfalls noch eine Auswirkung haben, die bisher nicht erwähnt worden ist. Das Mitwirken der deutschen Volkspartei und der Demokraten an dem Steuerkompromiß hat u. E. die Voraussetzung geschaffen, für die von uns nmner geforderte und erstrebte Erweiterung der Koalition. Wir glauben, daß jetzt die Stunde gekommen ist, wo die sog. große Koalition endlich zur Wirklichkeit werden kann, und daß bei allen beteiligten Kreisen der Wille vorhanden ist, sie zur 4xit werden zu lassen.
Drwrrlhr Erklärung im Reichstag.
Die Rsichstagssitzung am Donnerstag begann mit dreistündiger Verspätung. Sie wurde nach 6 Uhr abends eröffnet. Am Regierungstifch waren erschienen Reichskanzler Dr. Wirth, Vizekanzler Bauer mit sämtlichen Reichsministern. Das Haus ist stark besetzt. Die Tribünen und die Diplomat erflogen sind überfüllt. Neben dem preußischen Ministerpräfrdenten Braun sind auch zahlreiche Vertreter der anderen Länder anwesend.
Mit der vvrgeschrrebenen Zweidrittelmehrheit werden nachträglich die Ausgaben zur F ö r d e r u n g d e s
Vas abgeschlossene SteuerKompromitz.
Von parlamentischer Seite wird uns geschrieben:
Das nach schwierigen und langwierigen Ver- wmblungen endlich zustande gekommene Steuerkompromiß, welches mehrfach zu scheitern drohte, muß für alle, die auch nur einigermaßen ein Politisches Urteil haben, wie eine Befreiung wirken. Denn das Scheitern der Steuerverhandlungen wäre kurz herausgesagt gleichbedeutend gewesen mit dem völligen Zusammenbruch des deutschen Volkes.
Innenpolitisch wäre die erste Folge der Rücktritt der Reichs reg i erring und die Auslösung des Reichstags gewesen. Neuwahlen aber hätten narb Ansicht aller beteiligten Kreise einen arbeitsfähigen Reichstag aller Boraussicht nach nicht ergeben, jedenfalls wäre die Bildung einer auch nur einigermaßen gefestigten Regierung völlig ausge- schlössen. Es wären vielmehr die Gegensätze von rechts und links aufeinandergeplatzt und das hätte letzten Ende zu einer neuen Revolution geführt, in deren Wogen das Wenige, was das deutsche Volk nach unsäglichen Mühen und Opfern aus dem verlorenen Kriege gerettet hat, völlig untergegangen wäre. Alles, was in den letzten drei Jahren mühsam erreicht worden ist, wäre mit einem Schlage hinfällig geworden.
Außenpolitisch wären die Folgen, wenn möglich, noch verhängnisvoller geworden. Daß die gerade jetzt die ersten, wenn auch kleinen, Erfolge zeitigende Politik des Kabinettes Wirth mit einem Schlage vernichtet gewesen wäre, bedarf keines Beweises. Die ersten schwachen Ansätze sür eine beginnende Erkenntnis der früheren Feindstaaten der wirt- schriftlichen Notwendigkeiten Deutschlands und damit Europas wäre im Keime erstickt worden. Die Konferenz von Genua, die ein weiterer Markstein auf dem Wege der wirtschaftlichen Verständigung nach unserer aller Hoffnungen sein soll, wäre gegen- standslos geworden. Die außenpolitischen Answir- hingen eines Scheitern der Steuerverhandlungen sind durch diese Feststellungen noch keineswegs erschöpft. Ein Rücktritt des Kabinetts Wirth würde aller Wahrschein lichkert nach den Rücktritt Lloyd Georges zur Folge gehabt haben, eines Mannes, der, so merkwürdig es klingen mag, heute bei unseren früheren Gegnern wohl der einzige Mann ist, der das deutsche Volk — natürlich nicht ihm zuliebe, sondern im Interesse des eigenen Volkes — vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch retten kann und will. Der Rück- iritt Lloyd Georges aber wäre gleichbedeutend gewesen mit dem Triumphe Frankreichs, welches dann aus seiner Isolierung herausgekommen sein und feine Machtpolitik gegen Deutschland ungehemmt zur Durchführung hätte bringen können. Die erste Auswirkung wäre ganz zweifellos, dafür liegen bestimmte Zeichen vor, die Besetzung des Ruhrgebietes durch Frankreich gewesen.
Das Zentrum darf es für sich als ein Verdienst in Anspruch nehmen, daß feine unablässigen Bemühungen die Verständigung erzielt und damit unser Volk vor dem endgültigen Zusammenbruch bewahrt habe. Wir sehen daraus, daß die K r i - tik an dem, was erreicht worden ist, nicht schweigen wird. Wir geben auch ohne weiteres zu, daß, wenn unsere Wünsche allein ausschlaggebend gewesen wären, manches anders aussehen würde. Aber die Kritiker, auch bis im eigenen Lager, müssen sich zunächst einmal vor Augen halten, daß Kompromisse niemals alle Beteiligten zufvieben stellen können, sonbern baß jebem etwas zu wün-
Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Aulda.
neue Aufbauarbeit. Der Kriegsgeist muffe begraben werden. Die Politik einseitiger Macht, wie sie feit dem Waf- enstillftmiid geherrscht ba.be, muffe ein Ende finden. Die wirtschaftliche Not, auch bei den Siegern, wachse sich zu einer großen weltwirtschaftlichen Krise aus. Die Well müsse die Warnung verstehen, die sich aus der Arbeitslosigkeit und dem Reparcttionsprogramm ergäbe. Unter den etzigen unerträglichen Zahlungsverpflichtungen könne die Weltwirffchaft ökonomisch nicht bestehen. Es könne dann nicht ausbleiben, daß der ganze Welthandel in die größt, Verwirrung geraten -werde.
Der Reichskanzler denkt dann in bewegten Worte? dem Wirten
des verstorbenen Papstes für den Frieden und erklärt bann, daß das neulich in England ausgesprochene Wart „Friede auf Erden und den Menfchen ein Wohlgefallen" der Welt neuen Trost bringen könne, daß aber diese Derheiftrmg an die Bedingung geknüpft fei, daß -er Friede nur denen beschieden fei, die guten Willens sind. Diesen guten Willen habe Deutschland gezeigt und werde ihn dauernd erweisen. 3m Vertrauen darauf, daß ihm auch Beachtung und gerechte Würdigung nicht versagt werde. (Lebh. Beifall.)
Rach dem Reichskanzler sprach nur noch der deutsch, nationale Abgeordnete Westarp in der bekannten Weise des Besserwissers. Während seiner Rede erlitt die Abg. Frau Zietz einen Ohnmachtsansall, wodurch die Sitzung einige Minuten unterbrochen wurde. Dcmv würbe die Weiterberatung auf Freitag vertagt.
Vie Ausnahme der Neichskanzlerrede
Die Rede des Reichskanzlers wird von der Mehrheit der Blätter als ein parlamentarische ErfolgDr. Wirths bezeichnet. Die „Frankfurter Zeitung" nennt sie „die beste Rede, die Dr. Wirth ge> halten Sie „Voss. Ztg." sagt: Die sehr eingehende Polemik des Kanzlers gegen die Regierungs- erllärung Poincares war im Ton sehr maßvoll, in der sachlicher Abwehr aber sehr bestimmt.
Die „Germania" knüpft an die Bemerkung des Reichskanzlers an, daß die Politik Dr. Wirchs die Be- friedigmig der Interessen Frankreichs erstrebe, soweit dies in Deutschlands Macht stehe udn führt fort: Mehr hat der Friedensvertrag nicht statuiert, mehr kann auch Frankreich nicht verlangen! Umso größer aber ist unser Recht, auf diesem Gebiet die Anerkennung unserer tatsächlichen Stiftungen zu verlangen. In dieser Beziehung hat Dr. Wirth eine Festigkeit der Sprache gezeigt, die aufs neue beweist, daß die Politik der Erfüllung nichts weniger ist als eine Politik der Schwäche fans phrcrse. Wahrheit und Recht find unsere einzigen Waffen gegenüber Bem Gegner, die zu gebrauchen wir uns keinen Augenblick zu scheuen haben. Man redet mit gutem Recht so viel von der weltwirtschaftlichen Vernunft, die mm endlich in den internationalen Beziehungen die Oberhand gewinnen müsse. Die finanziellen Anstrengungen, die wir nun machen, beweisen jedem, der schen will, daß Deutschland keineswegs ein Hindernis, sondern vielmehr geradezu ein Pionier auf dem Wage dahin ist.
Der „Vorwärts" führt aus, daß die Polemik Dr. Wirchs gegenüber dem neuen französischen Kabinett streng im Rahmen des Sachlichen geblieben ist und der Möglichkit einer späteren Verständigung nicht die Tür verriegelt hat, was in den Reihen der Soziaibemo- kratie angenehm berührte. Die „Freiheit" meint: Es ist im wesentlichen bie Politik, die wir in ihrer Grundlage stets gefordert haben: Eine Politik der Offenheit, Ehrlichkeit und des gesundim. Menschenverstandes.
Die „Zeit" nennt die Abrechnung des Reichskanzlers mit den Unrichtigkeiten Poincares sehr milde und vorsichtig m der Form, vernichtend aber in der Sache. Es werde der französischen Presse schwer fallen, Stichhaltiges gegen die Ausführungen Wirths vorzubringen. Sechst der „Lokalanzeige r", der im übrigen an der Rede mancherlei auszufetzen hat, betont, daß die Rede Dr. Wirths auf die Anschuldigungen Poincares, soweit sich dieses auf Gegenwart und Zukunft beziehen, eine ausreichende Antwort erteilt hat.
Beramrvortlich für den reöanionellen Teil: Dr. I. Kramer- 2 für die Anzeigen: I. Parze! I er-Fulda. tt Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in tfulöa. üfernipredjet Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeiiung.
LamstaZ, 2S. Januar 1922
Grotztzaufmanu Selstermann.
Don Wilhelm Herbert, München.
14] --.——
4. Kcipnel.
Selstermann war heftig aufgesprungen und hatte den Diener an den Schultern gepackt und gerüttelt, daß er hin und herschwankte. ,
„Bin ich denn in einem Narrenhaus?!" schrie der Kaufmann mit einer Stimme, aus der neben dem Jähzorn und der Wut deutlich die Angst herausklang. „Was ist denn hier los, daß plötzlich alles ausreißen will?! Warum schießen Sie sich denn nicht auch gleich tot wie der andere?! Wenns fchon einmal eine Verrücktheit fein muß!"
„Herr Selstermann!" sagte Johann in feiner leisen, unterwürfigen Art. „Zum Toffchießen, was mn- wirklich manchmal am allerliebsten tun möchte — dann hätte man feine Ruhe wenigstens und nichts mehr zu denken — zum Toffchießen reiches bei mir nicht. Ich habe noch was zu tun auf der Welt, wenns auch was ist, was ein anderer hätte tun sollen. 3ch will mich der Lore Müller annehmen!"
Der Kaufmann horchte auf.
„Was fall denn das heißen?!" sagte er unwirsch und blieb vor Johann stehen.
„Da? geht so zu!" entgegnete dieser in seiner schüchternen Weise. „Ich hin vor vierzig Jahren in das Haus gekommen" . . .
„Und wollen jetzt weglaufen!" warf fein Herr ein.
Johann seufzte. „Oft will man nicht selber weg« taufen, sondern man wird hinausgedrängt!" sagte er. ..Also vor vierzig Jahren kam ich als Diener zu Ihrem seligen Herrn -Vater ins Haus und drei Wochen nachher roars, daß ein junger Schreiber im Kontor eintrat. Wir hatten damals noch das finstere, enge Kontor hinten hinaus. Der Schreiber war Müller."
„Ich kann mich feiner noch gut erinnern," fügte der Kaufmann, „er war ein hübscher, junger Mensch!"
„Das war er," bestätigte Johann, „und ein gutes Herz hafte er. Und da war eine Köchin im Haufe, nebenan bei Geheimrais. Sind auch schon lange tot, die Leute. Sie stach Müllern und mit in die Augen. Wies aber darauf ankam, hat sie ihn genommen, und sie sind
ein Paar geworden und haben glücklich gelebt miteinander. Ich Habs ihm nie nachgetragen, daß er der Hahn im Korbe blieb. Wir waren immer gute Freunde, und wie nach etlichen Jahren ein kleines Mädchen kam, da wurde ich Taufpate und habe die kleine Lore in den Annen gehalten, ehe sie noch ein Wort reden konnte".
„Sa; ober jetzt?" sagte Selstermann freundlicher. „Was wollen Sie jetzt mit ihr? Jetzt ist sie groß und braucht niemand mehr. Muß ja wohl schon an zwanzig sein?"
„Sft sie am 12. Dezember geworden — drei Wochen vor Fräulein Gretchen," sagte der alte Diener. „Ich hab' sie so heranwachsen sehen und war gewiffermaßen der Onkel im Hause, der sich zu Weihnachten und bei anderen feierlichen Gelegenheiten mit einem kleinen Geschenk einstellte und an dem munteren, schönen und gescheiten Kind feine Freude hatte wie an einem eigenen. Selber hat man ja niemanden und, wenn man auch noch fo an seiner Herrschaft hängt, schließlich möchte man doch einen Herzenswinkel für sich behalten."
„An feiner Herrfchast hängt!" meinte Selstermann fpitz. „Und dann wegläuft, wenn diese anfängt, all zu werden. Ist das die ganze Anhänglichkeit?"
„Vielleicht bliebe mancher eher, wenn er weniger anhänglich wäre!" sagte Johann leise, mehr für sich hin. „Ja, ja," fuhr er dann in seiner Erzählung fort, „da sind wir denn so miteinander alt geworden — Müller und ich, und eines schönen Tages machte seine Frau plötzlich die Augen zu und hat als erste von uns vieren bem Leben Valet gesagt. Das gab einen Riß in Müllers Dasein, der niemals ganz geflickt wurde, wenn er nud) weniger merken lassen wollte und mit dem fröhlichen Mädchen lachte und scherzte, sobald die Zeit wieder drüber hingegangen war. Denn das Mädel hatte die natürliche Gottesgabe, die Welt immer von der goldenen Seite zu nehmen. Weiß Gott, woher das in ifjr kam, daß sie es so mit dem Lachen und dem Singen und der Kunst verstand! In ihrer Mutter war wohl tiefunterst im Herzen fo was helles und frohes geschlummert und auch. Müller selbst bekam warme Augen, wenn eine Geige klang. Möglich, daß es in den beiden brach gelegen ist. wie auf einem Acker, der Ruhs braucht, und daß dann dafür das Mädel so den srohen Sinn und die Glvckensümrne mit auf die Welt brachte" -. .
„Sie will ja Sängerin werden, nicht?" warf Selster- mann dazwischen.
„Und ob!" sagte Johann mit einem gewissen Stolz in der Stimme. „Die wird einmal was Großes. Ihre Figur und ihr Feuer und alles — die singt am liebsten nur Wagner, und doch trällert sie dazwischen hinein wieder wie ein Kanari ein lustiges Liedl. Ach, warum hats Müllern so verlaßen, daß er ihr das antat?"
Selstermann zog es bei den letzten Worten des Allen förmlich zusammen. Es war, als krümmte er sich unter der Last dieser halblaut und mit dünner Stimme gesprochenen Silben. Er faßte den Diener bei der Hand und drückte ihn auf den Stuhl, der neben feinem Schreibtisch stand.
„Johann!" sagte er mit einer seltsamen, slackcrnden Stimme. „Warum hat sich Müller erschossen?"
Seine Augen suchten die Finsternis zu durchdringen und in dem Gesicht des Alten zu lesen. Wie wenn er wüßte, was Johann antworten würde — und wie wenn er doch eine andere Antwort erzwingen, erbitten könnte.
Der Alte schwieg und beugte sich tief in den Stuhl zusammen, als wäre die Frage für ihn viel zu schwer, als ertrüge er die Verantwortung nicht, die ihm damit aufgebürdet wurde; als fände er den Mut nicht, das, was in ihm war, endlich einmal, so lange es schon nach Offenbarung schrie, laut und schallend in die Ohren besten zu rufen, dem es vor allen andern bestimmt war.
Leise, wie wenn er sich noch eine Gnadenfrist er- bitten wollte, sagte Johann: „Darf ich das noch zu Ende erzählen?"
Selstermann schwieg und er begann wieder: „Es war so ein glückliches Leben in Müllers Wohnung in der Vogelsangstratze. Ach, wenn ich so Sonntags mittags hinkam und schon von weitem die schmetternde Stimme Lores einen empfingl Oft sind die Leute unten auf der Stratze gestanden und haben gehorcht wie in der Kirche und cm Schlüsse geklatscht, wie wenn sie im Theater gewesen wären. Dann leuchteten die Augen Müllers und er sagte gar oft zu mir: „Die Elsa", wenn sie einmal singt, Johann, dann sitzen wir zwei vorn in der ersten Reihe und wenn der Platz zehn Mark kostet, und am Schluß kaffen wir ihr einen großen Lorbeer- frans hinaufreichen mit einer mächtigen rosenroten Schleife unb den goldenen Worten darauf: .Von ihren
zwei alten Verehrern!" . . . Und jetzt liegt er mit zerschossener Stirn draußen und Lore geht herum mit zwei Augen, vor denen man sich fürchten möchte, und sucht den Mörder ihres Vaters!"
„Was?" sagte Selstermann und horchte scheu nach dem andern hin. „Den Mörder ihres Vaters? Er hat sich ja selbst getötet!"
Johann antwortete nicht auf die Frage, sondern fuhr fort: „Das geht auf lange zurück. Ich habe bemerkt, daß eine Zeit kam, in der Müller nickst mehr so ruhig war und nicht mehr so offen wie früher. Lore, die ganz ihrer Kunst lebte und jung war und hellblütig, sah das nicht. Aber ich sah es draußen und hier drinnen, wie er über den Büchern und über der Kasse saß und brütete und wie er dann gar oft vom Büro nicht mehr gleich heimging, sondern herumlief, um sich ein wenig freizu- kriegen und wie er schließlich dabei in eine Kneipe geriet und zu trinken und zu spielen ansing. Das blinde Mädel — die Jugend ist ja leicht zu blenden — hat ohne Arg an die immer wechselnde Arbeit geglaubt und damii sein Ausbleiben und seine Verstimmung sich erklärt Aber ich habe alles so mitangesehen und alles ja nur riebt und mitdurchgemacht bis zum Letzten. Gesprochen haben wir nie miteinander darüber. Wir hatten ja auch nicht miteinander zu sprechen Wir fanr.teu einander zu gut und wußten alles ungerede:"
„Und mit mir?!" stieß der Kaufmann kurz und halb widerwillig heraus. „Warum habt Ihr denn nicht mit mir gesprochen?"
„Hätte denn das nicht die Diensttreu verlangt," fetzte er mühsam bei und sah auf die Seite, „daß einer von Euch mit mir gesprochen hätte, wenn ihm etwas auffiel?!"
„Herr Selstermann," sagte der Alte leise in einet gewissen schlichten Größe, „es gibt eine Treue, die lieber stirbt, als daß sie spricht — und bas war die Art von Müllern. Vielleicht roärs bei mir auch so gegangen, wenn nicht Lore wenigstens einen brauchte von ihre» zwei alten Verehrern."
Es blieb eine Weile ganz still.
„Ich gehe jetzt," sagte Johann.
Selstermann sah in seinem Stuhl, hatte bas gesenkt und schwieg. Er suchte ihn nicht zu holten.
(Sortiefeistfi togLx