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act Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
49. Zahrg.
Sonntag, 22. Januar 1922
Nr. 17
in
hatte er feinen Hut
Ich
HZortfetzuna folgt.)
Ihr Ge- Be- ge-
Mit einer raschen Wendung ergriffen und war fortgeeilt.
„Müller!" rief Selstermann.
Dann setzte er sich schwer in auf die Fetzen des Vertrages.
Godächtniskrast schwindet, der Kranke spricht nur noch gebrochene Sätze.
Aussperrung und Streik.
Aussperrung der Hamburger Zimmerer.
„Müller!"
den Stuhl und starrte
Wilsons Rechtfertigungsversuch.
Der wachsende Unmut in Amerika gegen Frankreich scheint wohl der Anlaß gewesen zu fein, daß Wilson durch seinen Freund Baker mehrere Ge» Heimdokumente des Biererrates veröffentlichen ließ, run zu beweisen, daß er den französischen Toll
streiche die halbjährliche Kündigungsfrist aus Ihrem Vertrage. Ich mache ihn unkündbar für Lebensdauer. Ich fetze das ausdrücklich hinein. Ich erhöhe gleichzeitig Ihr Gehalt um eintausend Mark und gebe Ihnen einen vollen Jahresbetrag als Vorschuß, den Sie in beliebigen Raten, beginnend, wann Sie wollen, abtragen können. Jetzt seien Sie aber vernünftig! Sehen Sie endlich einmal ein, daß ich es ehrlich und gut mit Ihnen meine, daß ich allen Absonderlichkeiten der Sache hinreichend Rechnung trage und Ihnen aufrichtig verzeihe . . . hier!" Er streckte dem Kassierer die Hand entgegen und reichte ihm mit' der andern den Vertrag.
streik der Zimmerer hat der Arbeitgeberverband des Baugewerbes die Aussperrung aller Zimmerer Grotz- Hamburgs ab 21. Januar beschlossen.
Die sächsisch«» Eisenblchncr vor dem Streik.
Wie die Blätter aus Dresden melden, haben dir radikalen Elemente der sächsischen Eisenbahner über ine Köpfe der Gewerkschalsten htnweg seine Streklk- leitung gewählt, die Samstag mittag den Ausstand dcr sächsischen Eisenbahner proklamieren wird, falls bis dahin die von ihnen aufgesttellten Lohnforderungev nicht bewilligt sind.
Benedikt XV. im Sterben.
Die Befürchtungen, die sich sofort an die ersten I Nachrichten von der Erkrankung des 68 Jahre alten I Heil. Vaters knüpften, haben sich als nur zu be- | rechtigt erwiesen. Die Nachrichten, dis aus Rom I in den letzten Stunden einliefen, meldeten eine I fortschreitende Verschlimmerung und erklären zum I Teile den Zustand des Hl. Vaters für hoffnungs- I los. Die Telegraphen-Union hat bereits eine Meldung herausgebracht, die auch hier in Fulda von anderer Seite verbreitet worden ist, wonach der Heilige Vater am 21. kurz nach Mitternacht entschlafen sei. Diese Nachricht ist falsch gewesen. Freilich lauten die Nachrichten, die uns im Augenblicke des Redaktionsschlusses (21. Jan., 1 Uhr mittags) vorliegen, derart, daß mit dem Ableben des | Papstes zu rechnen ist. Wir lassen die Meldungen l folgen:
• Rom, 20. Jan. Der Papst hat die letzte Nacht (von Donnerstag auf Freitag) unruhig verbracht. Der Bronchialkatarrh ist in Bronchitis übergegangen; infolgodeffen traten Atmungsbeschwerden ein. Um 8.30 Uhr vormittags fanden die Aerzte Battistini und Marchiafavo sowie Prof. Bignimi die Respiration freier; immerhin besteht die Gefahr von Herz- oder Lungenaffektion.
wtb Rom, 20. Jan. 6.15 Uhr. Das Befinden des Papstes ist unverändert sehr ernst. Das Fieber bewegt sich um 38,5 Grad. Ein schweres Anzeichen Ist die Schnelligkeit der Atmung, die sich auf 54 Atem- jüge in der Minute beläuft. Es besteht die Gefahr, daß der Kranke einem Erstickungsanfall unterliegt.
wtb Rom, 20. Jan. 7.45 Uhr abends. Nachdem die^Sterbefakramente empfangen, patte ct eine Besprechung mit dem Kardinalstaatssekte- tär, wobei sonst niemand zugegen war. Man nimmt an, daß der Papst ihm seinen letzten Willen mitteilen wollte.
wtb Rom, 21. Jan. (Tel.) Heute nacht gegen 2 Uhr wurde in der an das Krankenzimmer des Papstes angrenzenden Kapelle eine hl. Messe zelebriert, die der Papst durch die offene Tür anhörtc. Dann wurde ihm die hl. Kommunion gereicht. Der Papst hat die letzte Nacht ohne Veränderung seines Zustandes verbracht. Sein Beichtvater, der Kardinal G i o r g i, hält sich bereit, im Falle des Ablebens Sr. Heiligkeit die vorgeschriebenen Zeremonien auszuführen. Nach Empfang der hl. Kommunion verlangte der Papst die letzte Oelung, die ihm kurz nach 2 Uhr früh gespendet wurde.
Nach einer weiteren Meldung um 3 Uhr 40 Min. hat sich der Zustand des Papstes verschlimmert und kann als hoffnungslos betrachte! werden. Die
ganzes Benehmen feit c:ner halben Stunde als Das bahren eines Mannes auf, der in wirtschaftliche brängnis und dadurch etwas aus dem Häuschen raten ist.
Müller! Sehen Sie, was der „Teufel" tut:
Verantwortlich für den reüanionellen Teil: Dr. I. Kr amer- - für die Anzeigen: I. Parzelier-Fulda. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Ttemlpredjer Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fu ldaer Zeitung.
Ein Bekenntnis zur Reichseinheit.
In der Konferenz der Reichsregierung mit den Mi- nifterpräfidenten der Länder, in der Reichskanzler und später der Vizekanzler den Vorsitz führte, gaben einzelne Regierungschefs, befonders die M i ni st e r p r as i • deuten von Preußen, Baden und Württemberg, ihrem vollen Verständnis für die Schwierigkeiten der deutschen Außenpolitik Ausdruck und bekundeten den festen Entschluß ihrer Regverungen, auch fernmhin irr allen Gefahren treu zum Reiche zu stehen. _________________ _
„Sie hat bis jetzt wenigstens nichts vorgefunden! Deswegen eben war sie bei mir", erwiderte Dr. Weiß.
„Oh!" sagte seine Begleiterin und seufzte beklommen. „Dann liegt etwas sehr Schlimmes vor — bann hängt die Todesursache mit Dingen zusammen, die Mül- [er feiner Tochter nicht sagen konnte, von denen er an- nahm, daß sie sie nach feinem Ende früh genug erfahren würde — wenn nur nicht in unserem Hause etwas geschehen ist!"
Der junge Jurist sah sie verblüfft an. „Nein! Ader nein, Fräulein Gretchen!" sagte er beruhigend. „Sie sehen zu schwarz! Sie müssen nicht alles und jedes auf dem düftern Hintergrund einfte.Uen, den Sie Ihren Familiengedanken geben!"
„Mögen Sie recht haben!" antwortete das Mädchen sehr ernst und blieb stehen. „Aber verzeihen Sie: Ich will jedenfalls sofort zü Lore. Ich weiß, sie hat nie- mand auf der Welt. Ich würde nicht ruhig werden können, wenn ich nicht zu ihr ginge. In einer solchen Stunde, stelle ich mir vor, darf ein Mensch nicht ganz allein sein. Wenn man auch keinen Trost geben kann, der irgend einen Anspruch auf Wert erheben dürfte — sie ist doch nicht ganz allein!"
Er drückte ihr stumm die Hand und ging mit feinen eigenen Gedanken, die durch das Gespräch neue Anregung bekommen hatten, dem Hause Selftermanns zu. Und wieder, wie neulich, mußte er Gretchens klare Auffassung der Dinge bewundern. Hatte ihr Verstaub nicht sofort den Punkt herausgegrifsen, auf den allein es nach feiner Meinung ankam? I Mußte nicht eine Schuld im Geschäfte die Ursache an dem Tode des Mannes fein, der sonst, soviel sich von seiner Tochter er- Mitteln ließ, ein zurückgezogenes, einwandfreies Leben geführt und aus diesem jedenfalls keinen Grund zu einer solchen Gewalttat hergeleitet hatte?'. Denn feine Liebe zu feinem einzigen Kinde, zu der einzigen Lebensgefährtin, hätte ihn doch weit eher mit taufend Banden an das Leben feffeln müssen Es mußte also etwas vorliegen, was ihn, gerade aus dieser Liebe heraus, das ■ Ende dem Weiterleben vorziehen ließ, weil das letztere dem Kinde Sorgen, Unruhe, Schande gebracht hätte.
Kein Zweifel, er war auf dem rechten 22ege.
Einen Augenblick zögerte Müller. Er fann vor sich hin, und ein weicher Ausdruck unendlicher Traurigkeit legte sich über fein Gesicht.
„Lore!" murmelte er.
Dann aber sprang er wie ein wildes Tier auf den Vertrag los ergriff ihn hastig, zerriß ihn mit ein paar heftigen Bewegungen und warf ihn dem Kaufmann vor die Füße.
„Ich war Sklave", rief er, die Hände ballend, „es ist richtig, ich war Ihr Sklave! Aber ich bin es nicht mehr ... es gibt noch ein Mittel, mich zu befreien!"
Ein letzter Liebesbeweis für Deutschland.
Der Papst hat dem schweizerifchen deut- schenHilfskomitee für notleidende deutsche Kin- der durch Kardinalseknetär Gaspari in einem fchr warmherzigen Schreiben feine AnerkemMNg ausgefpro- chen und gleichzeitig, veranlaßt durch eine Darstellung des Komitees über die Notlage der deutschen Kinder, mitgeteilt, daß er neuerdings dem Nuntius von Mün- chen die Summe von 200000 Lire für die deutsche Kinderfürsorge in Deutschland überweisen ließ.
So traf ihn fein Sohn, der weinroten Gesichts kurz nachher in das Zimmer trat.
„Was ist denn los?" fragte er neugierig und arg- wöhnisch. „Beinahe rennt mich einer über den Hau- fen. Müller wars. Und Du fitzest hier und machst ein Gesicht wie ein Nußknacker" . . .
„Geh auf Dein Zimmer!" herrschte ihn sein Vater an.
3. Kapitel.
Gretchen Selstermann war am nächsten Morgen früh ausgegangen, um für ihre Mutter, die heuie Ge- burtstag hatte, einen Blumenstrauß zu besorgen.
Ihr Weg führte sie an der Kanzlei von Dr. Weiß vorüber.
Eben, als sie an ihn dachte, trat er leichten und eiligen Schrittes aus dem Haufe.
"„Zu meinem Vater?" fragte sie gespannt.
„Ja freilich!" antwortete er. „Ihm ein schweres Unrecht abbitten!"
„Sie meinem Vater ein Unrecht abbitten?!“
„Doch! Doch!" entgegnete er und lenkte in die stille Seitenstraße ein. „Ich habe einen häßlichen Verdachi gegen Ihren Bruder Alfred ausgesprochen, der Ihren Herrn Vater erboste. Denn ich weiß jetzt, daß ich auf durchaus falscher Fährte war."
„Ich verstehe Sie nicht!" antwortete sie mehr beunruhigt als neugierig
selbst nicht einen Augenblick bestreiken. Aber ich fasse
alles Menschliche rein menschlich auf. Ich fasse
Infolge der vom Zentralverband der Zimmecer Hamburg wegen Lohndifferenzen veratllaßten Teil-
Großkausmann selstermann.
, Von Wilhelm Herbert, München.
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Müller stand mit offenem Mund und verzerrten Zügen einen Augenblick wie erstarrt vor ihm. ,
„Wa . . . Was?!" schrie er dann. „Sie sind ja ein Teufel. . . Sie sind ja kein Mensch mehr! Sie halten wich an dem Strick, an dem Sie mich gebunden haben, auch jetzt noch fest?! Sie freuen sich meiner Ohnmacht in der Sicherheit Ihrer Rolle als der mächtige Prinzipal, als der unantastbare Großkaufmann Selstermann?! Alles würde mir nichts helfen, loszukommen?! Ich hätte keine andere Wahl, als schweigend hier auszi,- halten und ganz und gar zugrunde zu gehen?!"
Selstermann war nach fernem Schreibtisch im andern Ammer gegangen.
Als er wiederkam, legte er ein Papier auf den Tisch-
„Lieber Freund!" sagte er und nahm den Kassierer mit beiden Händen an den Schultern. „Ich habe hier Ihren Dienstvertrag. Er tautet, wie Sie wissen, auf halbjährige Kündigung. Daß ich allen Anlaß hätte, Ihnen zu kündigen — nicht bloß halbjährlich, sondern außerordentlich mit sofortiger Wirkung, werden Sie
„Ich darf Ihnen für den Augenblick nichts weiter sagen!" erwiderte er. „Aber ich hoffe, daß sich noch heute alles so aufklären wird, daß ich rücksichtslos auch mit Ihnen darüber sprechen fann. Ich bin so unendlich froh darüber — froh, obwohl ich gerade etwas Erschütterndes erlebt habe. Wir Menschen find nun einmal schon solche Egoisten für uns selbst und für die, die wir lieb haben, daß wir das Schwerste, was andere trifft, mit einem gewissen Frohmut aufnehmen, wenn es uns selbst und den uns nahe Stehenden Erleichterung bringt!"
„Was Sie erlebt haben, hängt also mit uns zusammen?" sagte sie.
„Ja!" antwortete er. „Erschrecken Sie nicht zu sehr: Müller hat sich erschossen!"
„Was für ein Müller?! Doch nicht unser Müller — unser alter Kassierer?!"
„Er ist's!" bestätigte Dr. Weiß. „Ich weiß es leider aus nur zu guter Quelle — seine Tochter, die keinen andern Rat wußte, war eben bei mir und hat es mir mitgeteilt!"
„Die arme Lore!" sagte Gretchen Selstermann erschüttert. „Der der Vater ein und alles war auf der Welt! Die niemand sonst hatte und haben wollte. D Gott! Ich mache mir solche Dorwürfe. Ich war ftüher öfter bei ihr — ich hatte sie öfters zu uns eingeladen — ihre zielbewußte, fröhliche Art, ihr starkes Frauen- tum war mir fo sympathisch, lieber den eigenen Ge- danken habe ich aber in den letzten Monaten ganz diese kleine, lose Freundschaft vergessen. Ich hätte sie mehr pflegen sollen — ich hätte sie nicht vernachlässigen dürfen; vielleicht hätte ich ihr irgend etwas sagen können, von ihr etwas erfahren, was die Katastrophe hätte ver- meiden lassen. . ."
„Machen Sie sich deswegen keine Vorwürfe!" sagte der junge Anwalt bestimmt. „Lore Müller hat selber keine Ahnung, warum ihr Vater seinem Leben ein Ende gemacht hat. Er ist vollkommen unvermutet geschieden. Er kam nachts nicht nach Hause und, als man nach- forschte, hat man ihn auf dem Friedhof an dem Grabe seiner Frau mit der Wunde in den Schläfen gesunden!"
„Und er hat feinem Kinde, an dem er mit solcher Zärtlichkeit hing, kein Wort der Aufklärung, des Trostes , hinterlassen?!" rief Gretchen erstaunt und erschüttert.
heften stets mit Nachdruck entgegrugetreten ftt Drei Vorschläge für den Friedensvertrag sind nach diesen Mitteilungen Wilson vorgelegt worden; der erste rührte von Fach her, verlangte die Rhemlune und deren Schutz durch ein internationales Heer; den zwei- ien hatte Bourgeois ausgearbeitet, dcr verlangte, daß man eine Liga der Militärnationen gegen Deutsch- land mit einem gemeinsamen Generalstab bilde; den dritten hatte sich Loucheur gleistet, der alsWirt- schastler nicht mir die Kontrolle der deutschen Abrüstung, sondern auch der deutschen Industrie, namentlich der Chemie umö der Schwerindustrie, forderte. Nach seinem Plane sollte auch Essen dauernd besetzt werden, Oberschlesien ganz an Polen fallen und das e-aargeb-ct Frankreich einverleibt werden. .
Wilson wäre über diese Plane, rote Baker berichtet, sehr entrüstet gewesen. Aber weder er noch Lloyd George haften Frankreich von seiner fatalen Widersinnigkeit abbringen können. Diese Ausführungen Wilsons stehen aber in einem starken Widersprach zu den Mitteilunsm, die der frühere Staatssekretär Lansing in seinem Buck)e über die Entstehung des Versailler Friedensvertrages gemacht hat. Hätte Wilson damals bei den Verhandlungen über den Friedensver- trag die Entrüstung gezeigt, bfe er jetzt an den Tag legt, dann hätte er bei dem gewaUign Ansehen, das er da- mals als Präsident der größten Macht der ganzen Welt besaß, dann hätte es ihm doch ein leichtes sein müssen, den Friedensvertrag in ehre bedeutend mildere Fassung bringen zu können. Immerhin ist es auch schon etwas wert, daß Wilson jetzt erkennen läßt, wie wenig stolz er auf die Mitarbeit an dem Diktat von Lcisailües ist.
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Nach poincar6 L!oyd George.
Poincares Rede in der französischen Kammer, über die wir schon berichteten, ist in England sehr wenig freundlich aufgenommen worden. In einem Leitartikel des „Daily Chronicle" heißt es u. a. unter Bezugnahme auf die Behauptung PoincarLs, daß man befugt fein werde, zu erklären, der Termin für die Räumung des linken Rheinufers habe noch nicht begonnen, dies fei eine Ansicht, die Großbritannien auch nicht für einen Augenblick annehmen könne, am allerwenigsten angesichts der loyalen Haltung, die die Berliner Regierung gegenüber dem Friedensvertrage gezeigt habe, feitöem Dr. Wirth an ihre Spitze getreten sei.
Die französischen Stimmen zur Rede des Minister- präfibertien sind ohne Interesse. Der Chorus der »lütter der Mehrheit fällt natürlich exakt auf den vom neuen Mann angeschlagenen Ton ein. Die paar Zeitungen, welche die Opposftion per treten, haben nichts zu vermelden, wie in Frankreich überhaupt kein Mensch etwas zu sagen hat, der Vernunft in der Politik gegen Deutschland auch nur schüchtern empfiehlt. Trumps sind Chauvinismus, Militarismus, Haß gegen Deutschland.
Die englischen Pressestimmen überschätzen wir nicht, halten sie vielmehr für die eine Schwalbe, die noch lange keinen Sommer macht. Allein es kann auf die Dauer nicht ohne Wirkung bleiben, wenn die in der ganzen Welt verbreitete englische Presse das sagt, was man deutschen Blättern noch immer nicht glauben will: das größte Hindernis für den aUgämeinen Frieden ist der französische Militarismus, der im Poincarismus feine Edelreife zu erlangen scheint.
Lloyd George wird sprechen.
Nach einer Meldung des „Daily Telegraph" erwartet man für heute (Samstag) eine große Rede Lloyd Georges, die von größtem politischem Interesse sein teerte, und insbesondere die Hoffnungen und Aussichten behandeln werde, die auf die Konferenz von Genua für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas s gesetzt werden.
Deutscher Reichstag.
Vie Krage nach den Erzberger-Mördern.
Der Reichstag hat sich schnell in eine gewohnheitsmäßige Arbeit wieder hineingefunden. Der Freitag bringt als Auftakt der Verhandlungen 26 Anfragen. Davon erregt besonders diejenige des Adg. Hergk unser reges Interesse, die sich mit dem Stande de, Verfahrens zur Ermittlung der Mörder des zlbg. Erz- berqer beschäftigt. Die Regierung erteilt soweit Auskunft, als sie ohne Gefährdung des Untersuchungszwecks dies tun kann. Haftbefehle gegen den der Teilnahme an der Ermordung Erzbergers verdächtigen Kaufmann Heinrich Schulz und Oberleutnant zur See a. D. XU- kessen sind erlaßen worden. In Untersuchungshaft be- findet sich zur Zeit der in München wohnhaft gewesene Kapitänleutnant a. D. Manfred v., K i Hi n g e r, der des Beistandes an der Tat beschuldigt ist- Aus der Antwort erfahren wir auch interessante Einzelheiten Über die in München bestehende Geheim- agitation. Ehemalige Offiziere der Marlnebrigade Ehrhardt haben sie gegründet; sie erstreckt sich über große Teile des Reiches. Ihre Ziele sind polittfch. Er teilt sich nunmehr auch heraus, daß sowohl Schulz als auch Tillessen und auch von Killinger der Oberleitung dieser Geheimorganisation angehört haben. Die zentrale befand sich in München. Heber die Verquickungen der Organisation mit der Ermordung Erzbergers können Mitteilungen noch nicht gemacht werden. Soviel steht fest, daß der Plan eines weiteren Ausbaues der Geheimorganisation bereits fertig gestellt war, durch die verfrühte Entdeckung sind diese Pläne verhindert wor- den. Man wird verlangen müssen, daß die Regierung auch weiterhin keine Mittel scheut, um m btefe bunt- len Machenschaften staatsgefährlicher Elemente Licht zu bringen.
Mag aber manche der Anfragen ganz unzweifelhaft zur Klärung dieser ober jener Frage beitragen und damit die Notwendigkeit der Anfragen im Reichstage genügend erwiesen fein, die große Häufung erschwert den Gang der Verhandlungen an den Tagen, an denen die Anfragen auf der Tagesordnung stehen, ^außerordentlich. So bliebe doch einmal ernsthaft zu überlegen, ob nicht der schon bisher geübte Brauch der schriftlichen Beantwortung soweit wie möglich erweitert werden könnte; denn zumeist handelt es sich um solche fragen, ble nicht immer eine Antwort erheischen. Und es gibt Mittel genug, um auch die schriftlichen Antworten der Presse und bamit ber Oeffentlichkeit zugängig zu ma- chen. Das Geschäft von Frage- und Antwortspiel im Reichstag ist nur baju geeignet, die schon für b.e gesetzgeberische Arbeit nur zu knappe Zeit für notwendigere Aufgaben zu beschränken.
Endlich wendet man sich der eigentlichen Tagesordnung zu, nachdem die Erledigung ber Anfragen zwei Stunben Zeit in Anspruch genommen hatte. Zwei Em- würfe gehen an bie Ausschüsse. Der eine, bas 21 r- beitsnachweisgesetz, an den sozialpolitischen Ausschuß, ber andere, eine Vorlage über Ersatz der durch den Krieg verursachten Personenschäden, an den Ausschuß der Kriegsbeschädigten. Eine. Debatte findet nicht statt.
Erst, als man sich ber Besprechung der Interpellation ber Demokraten über bie Finanznot zuwenbet, setzt eine längere Aussprache ein; es kommen diejenigen Parteien zu Worte, die am Donnerstag zu der -jn> terpellation Stellung noch nicht genommen haben. Der Reichsfi na ngminister henr.es beftieiiet denn, daß das
Das SfeuetproMem.
Die interfraktionelle Sitzung zwischen Zentrum urti> Sozialdemokratie zur Beratung der Stouerangetezen- heiten hat einen Weg zur Verständigung nicht ergeben. Bor allem konnte eine Einigung über die Frage der inneren Anleihe, di« für die Sozialdemokratie gewissermaßen die Grundlage der Verhandlungen bildet, nicht erzielt werden. Die Verhandlungen sollen fort* gefetzt werden.
Wie die „Deutsche Allgem. Zig." hört, fanden am Freitag b>e i m Reichspräsidenten eine Besprechung mit den Führern dcr Sozialdemokratie unter Hinzuziehung des Reichskanzlers und des Rrichsiinanz. Ministers statt, in der gleichfalls vornehmlich die Steuer» fragen erörtert wurden.
Auch der gemeinsame Steuerausschuß der beiden sozialistischen Parteien und der freien Gewerkschaften setzte seine vertraulichen Besprechungen fort. Die Beratungen wurden aber abgebrochen und auf längere Zeit vertagt.