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M 16.

gamStW' 21. Januar 1922.

Fuldaer Heilung

Druck der Fuldaer Actieuvruckerei ia Fulde

p,e neuen Richtlinen -er Deutschen Zentrumspartei.

D« ttentrumspnrtei ist die christliche Soft spartet, die Mmirftt Xur deutschen Volksgemeinschaft steht und sest !^lossen ist, die Grundsätze des Christen, «um s in Staat uni) Gesellschaft, in Wirtschaft und Kul- L. w oem>ir«ichsn. S> steht in einer zielklaren christ. lich. nationalen Politik die sichere Gewähr für irie Erneuerung und die Zukunft des deutschen Volkes.

Die Gesch'östenheft der deutschen Stämme nach außen Ed die einheitliche Kraftentsalmng im Innern sind Grund- tage der Weltgeltung Deutschlands. Aus die nationalen Notwendigketten, die unbedingt der PartoipoWk üderzu- ockmen sind, muß der politische Wille des ganzen Volkes eingestellt werden. Das Verlangen nach Selbstbehauptung und Selbstbestftmnung soll dabei nicht, von eigensüchtigen M«htgedanken, sondern von der sittlichen Idee des Rechts getestet fein. Die wahre ch r i st l i ch e D ö l- kergmesnschäft gilt der ZentrumsportÄ als höchstes Meal der Weltpolitik.

Die Stellung der Aentrumspartei zu den mnerstaat- kchen Angelegenheiten wird durch die christliche Staatsauffassung und durch den überlieferten Charakter der Derfassungspartei bestimmt. Jeden gewaltftnnen Unrstrmz der versaffungsmäßigen Zustände lehnt sie grundsätzlich ab. Ebenso entschieden wie sie die Staatsallmacht verwicht bekämpft sie die Verneinung und Auflösung des Staatsgedankens. Die Staatsgewalt findet ihre Grenzen im naiüvlichen Recht und im göttlichen Gesetz: die Unterordnung nach Pflichterfüllung dem Staate gegenüber ist eine Forderung des Gewissens.

"Die Zentrumspartei bekennt sich zum deutschen Do lksstaat, dessen Form durch den Willen des Dol- kes auf verfassungsmäßigem Wege bestimmt wird. Das Volk muß als Träger der Staatsgewalt und mit dem Bewußtsein der Verantwortung für die Stawtsgeschickltch- keft erfüllt werden. Darum sind die Bürger aller Volks- sch'chten in weitgehender Selbstverwaltung an den öffent- kicher, Angelegenheiten zu beteiligen, wobei das Berufs- beamtenhim Rückgrat der Verwaltung bleiben muß. Die Vorherrschaft einer Klosse oder Kaste ist mit dem Wesen des Bolksstaates unvereinbar. Die verantwortliche An- tellnohme aller Bürger an den Aufgaben des Volksstaates bedingt die politische Gleichberechtigung der Feau und die volle Auswertung der wetblichön Mit. arbeit in Gesetzgebung und Verwaltung.

Die Reichseinheit, die begründet ist in der Kul- turgemeinschast und Sch'r^alsverbundenhest der deutschen Stämme, gilt der Zentnumspartei als unverletzlich. Mit chr steht und fällt die staatliche Lebenskraft des deutschen Volkes. Im Rahmen der Reichseinheft ist das Eigenleben der Länder zu schützen und zu pflegen. Eine starke Zentralgewalt sichert den Stämmen und Ländern Bestand und Lebensentsaltung. der zentralisierte Staats- auftxni entspricht nicht dem deutschen Dolkscharakter.

»Das organische Wachstum der deutschen DoSsgemein- fchaft beruht auf der Solidarität aller Schichten trrtb Be­rufsstände. Die Zentrumspartei will die natürlich gege. bene Gemesnsamkeft im Geiste christlich^ozialer Lebens­auffassung zu einem starken Gemein sch aftsbewußt- fein entwickeln und damit dem staatlichen Leben dienst­bar machen. Sie lehnt jklassenkampf und Klasienherv- schast grundsätzlich ab, will dagegen die Auswirkung der sozialen Triebkräfte des Berussgedonkens und der Be­rufsgemeinschaft. Als Grundlage des berufsständischen Aufbaues hat trie organische Selbsthiffe und die freie Ge­nossenschaft zu gelten.

Die Zentrumspartei wckl die gesamte Wirtschafts- nnd Sozialpolitik ftn gleichen christlich-soziasen Geffte und in engster Verbindung miteinander geführt wis- ftn. EnSizsel der Wirtschaft muß der Mensch und feine ysyere &ebensaufgäbe fein. Darum dürfe« Mertschen- würbe und sittlicher Charakter der Ackeft niemals den rein wirtschaftlichen Zwecken geopfert wecken. Die Wirtschafts­ordnung muß vom Gemeinsinn getragen sein und das Ge­samtwohl über den Vorteil des Einzelnen stellen. Den politischen, sozialen und kulturellen Gefahren einer Heber- macht des Kapitals fft weftschamend vorzubeugen. An alle Träger des Wirtschaftslebens, an Grundbesitz und Kapital, im Kopf- und Handarbeiter richtet sich die For­derung des pflichtmäßigen Dienstes am Gemeinwohl

Arbeit und Wirtschaft haben den Lebensbedarf des Einzelnen und der Gemeinschaft zu befriedigen, haben sedem Volksgenosien ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Dieses Ziel verlangt neben der zunehmenden Steige­rung der Gütererzeugung eine gerechte Güterverteilung, die allen Volksschichten außer dem Lebensnotwendigen die Teilnahme an den Kuktur- roerten sichert. Die Zentrumspartei hält grundsätzlich am Präoate'mentum fest nnft fft bestrebt, die Zahl der Eigen­tümer ständig zu mehren. Sie erkennt die volkswirtschast- liche Bedeutung der freien Unternehmertätigkeit und der persönlichen Erwerbslust an. Als gleichbedeutsam^ schätzt sie die fyebimq der Arbeftsfreuldigkeft und Leiftungsfähiakeit 6er Arbeitnehmer ein. Darum will sie auch diesen Mft- verwaltung sichern, Ertragsbeteiligung und Eigentum er» möal'chen.

"Die staatliche Sozialpolitik muß,Planvoll fortgeführt und ausaeführi wecken. Sie soll zunächst dem Schutze und der Föckeruno der Berufsstände dienen, im übrigen müssen unparteiische Abwägung und Ausgleichung

der entgegengesetzten Intereffen, gerechte Verteilung der öffentlichen Saften, tatkräftige Unterstützung der wirtschaft­lich Schwachen, feststehende Richtpunkte für die gesamte Gesetzgebung und Verwaltung sein. Darüber hinaus weist die Zentrumspartei dem Wohlfahrtsstaate umfassende Aufgaben der unmfttelbaren Dolkssürsorge und Wohlfahrts­pflege zu, die gemeinsam mit der freien und kirchlichen Liebestättgkeit zu lösen sind.

Die deutsche Kulturpolitik muß auf die Erneuerung und Festigung der geistigen und sittlichen Do l k s- g e m e i n s ch a f t abzielen. Die Kultur des deutschen Volkes wurzelt in der christlichen Religion; die Zentrums­partei betrachtet es daher als ihre besondere Aufgabe, unter Wahrung der verfastungsmäßigen Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und Unterrichtsfreiheit das christlich- deutsche Geisteser b e zu schützen und die freie Aus­wirkung der rel giüseu Lebenskräfte zu sichern. Die Zeu- trumsparici will die Freiheit und ihren Einfluß auf das Volksleben gewahrt wißen. Staat rind Kirche sollen zum Segen der Volkskultur auf allen Gebieten einträchtig, ohne Verletzung der beideisMgsn Selbständigkeit Zusammen­wirken.

Den Gefahren einer geistigen und moralischen Zer­setzung des Volkslebens tritt die Zentrumspartei mit allem Nachdruck entgegen. Die Volkssittlichkeit ist die Quelle der Volksgesundheit und der Nährboden aller kui- turgestaltenden Kräfte. Die Familie muß als Keim­zelle der menschlichen Gememschaft und als wesentlichste Lebensbedingung der Kultur gesund erhalten wecken. Die mütterliche und "hermgeftalltenLe Kraft der Frau in Familie und Volksleben ist als unersetzbares Volksgut zu hüten. Die Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts zu persönlicher, beruflidjer und staatsbürgerlicher Tüchtigkeit, unter voller Entfaltung der christlichen Lebenswerte, ist als Dwsernssrage des deutschen Volkes eine chauptsorge der Zentrumspartei. Sie erkennt den Anteil des Staates an der Jugenderziehung durchaus an, muß aber das staatliche Schulmonopol ablehnen und an dem Rechte der Kirche auf die religiös-sittliche Erziehung der Jugend unbedingt festhalten. Sie tritt entschieden für das natürliche, auch in der Reichsverfassung verbürgte Recht der Eltern auf die Erziehung der Kinder ein und fordert grundsätzlich die Bekenntnisschule.

Die Leitgedanken der Zentrumspartei sind also: Na­tionale Freiheit und Erneuerung, christliche Staatsausfas- sung, Volksstaat und Reichseinheft unter Wahrung des Eigenlebens der Länder, sittliche und soziale Wirischafts- ocknung, christlich-deutsche Dolkskultur, christliche Völker- gemeinschaft._____________ _ _____________

jn Strafültm WM der MtstiM.

Wir sind in dec Lage, durch ein Entgegenkommen des Verlages einen besonders bemerkenswerten Abschnitt der demnächst erschernenden Schrift des ehemaligen ArmeearzteS des deutschen Äsienkorps, Ob.-Gen -ttrzt Dr. S t e u b er: Jildirim", Deutsche Streiter auf heiligem Boden (herausgegeben unter Mitwirkung des RerchsarchivSr nach­stehend veröffentlichen zu tonnen *'

Der Weltkrieg war an Jerusalem nicht spurlos vorübergsgangen. Das äußere Bild der Stadt bot zwar keine Veränderung. Einer Krone gleich mit gezacktem kapelliertem Rande, überragt von dem Kuppeljuwrt desFefiondomes", so thront di« Stadt Davids,die hoihgedaute Stadt", auf den kahlen, rvildzerrifsenen Höhen des Gebirges von Juda. Fest in sich abgeschlos­sen, uwyürttt von den altersgrauen, noch ungeborstenen Mauern mit ihren Türmen und Bastionen, steil ob- fallend nach Osten, Süden und Westen in das Kidron- tal und in die Talschlucht von Hmnom, wirkt die heilige Stadt auf den Fremdling schon von weitem mit einem gchermnisvÄstn Reiz, dem sich keiner entziehen kann.

Aber das Orden mrd Treiben in den halbdunkeleu engen Gassen der alten Stickt hatte während des Welt­krieges einen anderen Charakter

Zwar hockt wie immer neben dem dämmerig- dun- kelen Eingang des Damaskuslvres der alte Fellach zur Seite des mit Drangen beladenen kleinen Grautiers, mck mit unsäglich blasiertem G sicht auf die Menge herabsetzend, schiebt sich das mit Brennholz beladene Kamel durch das Gedränge, dichte Wolken weißen Kalkstaubes auf der nie gesprengten Straße aufwirbelnd. Was aber da um Orangen und Brennholz handelt und feilscht, sind nicht russische Pilger und Gläubige aus alten christlichen Ländern der Well, sondern feldgraue deutsche Kraftfahrer und türkische Askari in ktzaki- farbener Schirmmütze oder braunem Kalpak.

*)Jildirim" Deutsche Streiter auf heiligem Boden. Unter Benutzung der amtlichen Quellen herausgegeben und bearbeitet unter Mitwirkung des Reichsarchivs von Obergeneralargt Dr. «teuber, Armeearzt des deutschen ÄsienkorpsJildirim" (Blitz). Mit 36 Bildern, eine Kriegsgliederungstabelle uno 4 großen Karten. Geh. 22 Mark, geb. 26,50 Mark.

Unpolitische Zeitläuse.

Bon Fritz Nienkemper.

Berlin, 18. Januar 1922.

Zu Anfang des Jahres seh« ich mir mal die Kalen­der an, und da finde ich zu meinem Aerger, daß immer noch die sogenannten Pkaphezeiungen des hundert­jährigen Kalenders im Schwange sind. Das Papier ist sehr teuer geworden, doch geduldig ist es noch immer. Derselbe Unsinn, den ich in meinen Kinder- fahren gelesen Hobe, wird heute noch frisch gedruckt.

Da steht z. B. in dem weitverbreiteten Marien- Kalender von Regensburg für den Januar 1922 al» Witterungsbericht nach dem 100jährigen Kalender: An­haltend kalt bis zum Ende, wo es milde wird." Da wir den größten Teil dieses Manats schon hinter uns haben, kann jeder aus Erfahrung beurteilen, wie zu- verlässig dieser hundertjährige Laubfrosch ist. Die Her­ausgeber unserer Dolkskalender glauben natürlich selber nicht an das alte Zeug: aber sie denken wahrscheinlich, das Publikum hat teilweise noch Begier danach, und tun ihm den Gefallen. Sie fällten es lieber nicht tun, denn erstens befördert das den Aberglauben, und zweitens können leichtgläubige Leute in schädlichen Irrtum ge­raten.

Was ist zäher: der christliche Glaube ober der un- christliche Aberglaube? In dieser Zeit, wo die göttlich Offenbarung so heftig befehdet wird, hält man immer noch fest an menschlichen Einbildungen, deren Boden- losigkeit klar zu erkennen ist. Seft Jahrzehnten mühen sich unsere Forscher ab, den Gang der Witterung für die nächsten' Tage oder wenigstens für den morgigen Tag vorauszusagen, und dabei greifen sie trotz aller Hilfsmittel noch oft daneben. DerHundertjährige' aber prophezeit feste darauf los für unabsehbare Zeiten. Wir wißen ja auch alle aus der Erfahrung, daß die Witterung in Deuffchland nicht gleichmäßig ist. Wen, es im Westen regnet, kann man im Osten frieren ob: fchwigen, und wenn im Süden Stürme toben, können im Norden alle Windmühlen stillstehen. Der Hundert­jährige aber .will alles über denselben Ramm scheren

Das zähe Festhalten an den alten törichten Wetter- Prophezeiungen ist nur ein Stück von dem riesige» Tew.

des Aberglaubens. Die. moderne W r.uni kick

aufgeklärt", aber sie bleibt doch in einem Winket hocken wo die dickste Dunkelheit herrscht. Es wird immer noch Blei gegossen; es werden immer noch gefundene Huf eisen an Türschwellen genageü; die Ziffer 13 ist immer noch schreckhaft für große Kinder; durch allerhandun günstige Vorzeichen" lassen sich nicht bloß Jäger und Schauspieler, sondern auch gewöhnliche Spießbürger irre machen, und was besonders zu beklagen ist: die ge­werbsmäßigen Wahrsagerinnen können über regen Zu­spruch lachen trotz der erhöhten Preise.

Die Menschhell war vor Tausenden von Jahren schon abergläubisch, und wenn nicht alles täuscht, wird sie wohl bis zum jüngsten Tage abergläubisch bleiben. ( scheint, daß in der menschlichen Natur unausrottbar der Drang steckt, gerade das zu roiffen, was der Menst nicht wissen kann und nicht wißen soll, vor alle, die Zukunft, die uns die weise Vorsehung in Schleie, gehüllt hat. Die Zipfel dieses Schleiers sollen durchau - gelüftet wecken. Um einen Blick in die Zukunft § tun, haben neugierige Menschen sogar dem Teufel ein;i Pakt angeboten und der hat sie elbstverstänlich be- ircgen. Der moderne Aberglaube will ja sreiikch ieln Entente mit dem Höllenfürsten eingehen, aber er diente doch dessen Zwecken. Denn der Aberglaube ist eine schleichende Gefahr für den echten und rechten Glauben.

3m Grunde genommen ist es eine wahre Schande für die Völker, die sich christlich nennen, daß noch heute, fast zweitausend Jahre nach der Offenbarung des Herrn der alte Wust des Aberglaubens noch nicht aus den Kö­pfen und den Sitten der Menschen ausgeräumt ist. Wir wissen, was Gott uns geoffenbaret hat, und wir können uns auch klar machen, warum er uns nicht mehr ge- offenbart hat. Und da bilden sich viele Leute doch noch ein, sie könnten aus staubigen Phrasen von erkünstelten Karten, aus abgestandenem Kaffeesatz ober aus sonsti­gen lächerlichen Zufälligkeiten die Geheimniße der Zu­kunft erkennen.

Das Untraut ist schwer zu oertilgen und pflegt üppi­ger zu wachsen wie die gute Saat Es kann die gute Saat überwuchern und ersticken. So steht es mit dem Verhältnis des Aberglaubens zum Glauben.

Jn den letzten acht Jahren haben w'r doch verzwei fest viel erlebt, was kein angeblicher Prophet und kein berühmte Wahrsagerin uns angetünbtgt hatte. Wir mitt fen die letzten Reste der körperlichen und geistigen * Kräfte daran fetzen, um den Kopf über Waßer zu Hal

Jerusalem ist eine Fremdenstcckt. Seine jüdischen, mohammedanischen und christlichen Bewohner wetteifer­ten während der Friedenszeit untereinander, die Pilger der ganzen Welt auszusaugen, um von ihren frommen Almosen zu leben. Das hat nun der Weltkrieg tr.ft einemmal alles weggewischt, es ist unhnmlich still ge­worden in den Gassen und Straßen der heiligen Stadt, Kleinhandel und Gewerbe stocken seit langem, und der Hunger klopft auch hier mit knöchernem Finger an die niedrigen dunkelen Türen der Innenstadt. Wie ein Schleier der Schwermut liegt es über Jerusalem, und wenn man die Klagemauer der Juden besucht, an der sie, der Urväter Ueberliefertmg treu, über den Untergang ihrer Vaterstadt klagen und beten, dann drängt sich uns die Frage auf: Ist es das Unglück ihrer Urväter, über das sie weinten, oder spricht die Vorahnung kom­menden schweren Unheils aus ihren Klagen?

Da auf allen Gemütern schwere Sorge wegen der drohenden Lage an der Front lastete, war es kein Wunder, daß in den werrigm freien Stunden, öle der Drsvst ließ, die Macht der Umgebung, die unmittel­barste Nähe der heiligen Stätten, die gegen den Feind zu verteidigen wir berufen waren, die tiefe Schwermut der Oertlichkeit ganz besonders ergreifend auf unsere Stimmung einroirfte.

Immer wieder lieft man in den Berichten der Rei­senden und gläubigen Pilger von der jammervollen Ent­täuschung, die sie beim Besuche des Heiligen Landes und der Stätten erfuhren, an denen Jesus wirkte, an denen er feinen letzten Leidensweg ging. Nur zum Teil ist das zuzugeben. Gewiß müssen zahlreiche Aeußer- lichkeiten und Begleiterscheinungen, die die Heiligkeit des Ortes überwuchert haben, auf das Gemüt der ein­zelnen widerwärtig und abstoßend emwirken. Ohne Zweifel trägt auch die zänkische Eifersucht der ein» Seinen christlichen Glaub:ncbetenntnisse und die klein­liche, oft schmutzige Art, mit der Lateiner, Griechen, Armenier und Kopten vor der Krippe in Bethlehem so wenig wie vor Golgatha Haltmachen, um die Heiligkeit den eigenen Sonderinteressen dienstbar zu machen, dazu bei, unser Gefühl zu verletzen und uns zu enttäuschen. Wer das sind Aeußerlichkeiterr, die wohl jeder schnell ickerwindei. Dann aber bleibt doch die geschichtliche Tatsache Sieger, denen Spuren aus Schritt und Tritt uns auf dem Boden des Heiligen Landes mit beredter Zunge zurufen: Hier ist wirklich Jesus Fewandelt, hier hat er gewirkt, hier hat er den Tod erlitten. Hier setzte ein: andere Epoche der Menschheit ein, die der Geschichte ter Welt ganz neue Bahnen wies.

Mächtig und überwäüigend ist der Eindruck, den der Beschauer vom Delberg aus erhält, wenn die sin­kende Sonne mit ihren letzten Strahlen die stellzackigen Berge Moabs jenseits des Toten Meeres noch einmal in leuchtendem Farbenspiel erglühen läßt.Ist es nicht", so bemerkte einmal Falkenhag n,als ob Gott selbst das Land mit Unfruchtbarkeit, Oede und Trostlosigkeit für alte Zell hatte strafen wollen für all das schwere Leid, das es damals dem edelsten Men- fchenfshn angetan hat?"

Wieviel» deutsche Feldgraue wonidelten den Weg am Oelbcrx hinab, hinüber zur Stadt! Kahl und vor» bramti zog sich dann zu ihren Füßen das Krdrontal hin, auchdas Tal Josaphat" genannt, an feinen steilen Wänden alte Felsengräber und jüdische Grabsteine. Denn hier erwarten die Duden den Anbruch des Iüng» sten Tages, und wertvoll erscheint es ihrem Glauben, unmittelbar an der Stelle des Jüngsten Gerichtes der Auferstehung zu harren. Denselben Pfad beschritt Jesus vor seinem Einzug in Jerusalem, und heute zeigt eine Marmorinschrift die Stelle,hic stabat Jesus et fleost fupra illam urbem" wo er über die Stadt weinte.

Das Innere des an dte Wände des Tales sich an- fchmiegenten Gartens von Gethsemane mit seinen ur­alten Celbäumcn und schattigen Gängen ladet noch heute zur einsamen Rast mck ernsten inneren Einkehr ein. Bange Sorge umfaßt an dieser geweihten Stätte den inmitten des Weltkrieges stehenden Menschen, trübe Gedanken umflattern den Sinn, den Fledermäusen gleich, die zwischen den alten Oebäumen hin und wider fliegen.

Ku§ dem Mchdsrgedret.

)( Hanau. Mittwoch früh ereignete sich aus der Station Heldenbergen-Windecken an der Strecke Hanau-Friedberg ein Eisenbahnunglück. Der aus Richtung Hanau kommende Güterzug fuhr auf eine ins Friedberger Geleis stehende Ma­schine auf. Einige Beamte erlitten leichtere Ber­

ten. In dieser Schicksalszeit müßten doch eigentlich all erkennen, daß die Zukunft nicht der Neugier gehört, son­dern der eifrigen und zähen Arbell. Mehr wie jen ist heutzutage der Mensch seines Glückes Schmied. Der Schmied aber kann nicht mit dem Traumbuch arbeiten, sondern muß den Hammer schwingen im. Schweiße sei­nes Angesichts.

Du möchtest gerne wißen, was morgen ober übet, morgen Dir und den Deinigen beschieden ist. In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne. Wenn du tüchiig deine Pflicht und Schuldigkeit tust, wird es dir besser gehen, und wenn du faulenzt ober Torheiten machst wird es dir schlechter ergehen. Der Dichter hat cs schön ausgedrückt in den Versen:

Liegt dir <3 e ft e r n klar und offen. Wirkst du heute kräftig, frei, Darfit du auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei.

Das ist wahr gesagt, aber ohne törichte Wahrsagern Drei Punkte sind da verbunden. Erst setze dich mit der Vergangenheit auseinander, d. h. mache dir ein klares Bild von der entstandenen Lage und erforsche auch dein Gewissen, ob du nicht Versäumnisse und Fehler began» gen hast. Das führt zu heilsamen Vorsätzen. Auf die- ser Grundlage gilt es dann zu wirken und zu schaffen in der Gegenwart nach bestem Wissen und Können. Uno aus dieser strammen Pflichterfüllung erblüht die Hofs, nung auf eine gedeihliche Zukunft.

Ja, sägt der Zweifler, es ist nur die Hoffnung, ich möchie aber die Gewißheit haben!

Die Gewißheit über dein Erdenschicksal bleibt dir oer. sagt, und das ist auch gut für dich. Denn wenn du sicher oorauswühtest, was für ein Glück dir beoorftünbe, so würdest du übermütig, leichtsinnig, unwürdig und un­geeignet für die Auswertung dieses Glücksfalles werden. Wenn du tmöererfeits vorauswüßtest, welche Heim- s u ch u n g e n dir und den Deinigen noch bevorstehen so würdest du leicht den Mut verlieren, und dann wäre das Unglück erst recht verhängnisvoll. Darum begehre nimmer zu schauen, was die Vorsehung verschleiert tr Nacht und Grauen. Ich sage: Begehre nicht! Dem- bei der Begierde muß es ja doch bleiben. Kein Pro- phet und kein Zeichendeuter kann dir die Zukunft ent. hüllen. Die krankhafte Neugier kann dich nur schwach und töricht machen.

letzungen, die drei ersten Wagen des Güterzugs, in denen sich ein Biehtransport befand, wurden erheblich beschädigt. Eins Kuh mußte adgefchlach' tet werden. Das Unglück ist angeblich darauf zu- rückzuftthren, daß der Güterzug wohl Einfahrt, aber keine Ausfahrt hatte, was bei dem starken Nebel übersehen worden war. Der Verkehr blieb aufrecht erhalten.

mc. Frankfurt a. 2IL Seit einigen Tagen wu^e der 62jährige Dentist Fred Büttner vermißt. Als man feine Wohnung im Haufe Hochstraße 5 öff­nete, fand man Büttner in einer Lachs Blut, einen Knebel im Mund und an Hand e n.und yuß er gefeffeltalsLeiche vor. Sämtliche Schranke, Tische und Einrichtungsgegenstände waren durch wühlt und ihres wertvolleren Inhalts beraubt. Bon den Mördern hat man bisher keine Spur, doch muß die Tat schon anfangs der Woche ausgefuhri worden fein, da feit dieser Zeit Büttner nicht mehr gesehen wurde. Nach Lage der Dinge ist weiterhin anzunehmen, daß es sich um mehrere Tater handelt

Hus Oberheffeu und den hessischen Aenttern.

Marburg. In ter Stadtverordnetensitzung legte Oberbürgermeister Trost den Haushaltsvoran» fcvlag für 1922 vor. Dieser schließt ab mit dem doppelten Betrag wie der vorjährige, nämlich mtt 18 Millionen, wovon 2 Millionen als ungedeckt aufge­führt fmd. Im vorigen Jahre belief sich die letztere Summe auf 1% Million Mark.

Aus Niederheffen.

V Driklar. Der Schafbestand im Kreise Fritzlar hat sich seit 1915 um 3005 Stück vermehrt und betrug Ente 1920 7747 Stück. Gezüchtet wird das englisck-s Fleischschaf.

Vermischter.

* Ein Graf Schliessen als MajoralsrSuber. Dor dem Görlitz er Schwurgericht begann ter Prozeß aeam die Gräfin Eleonore von Schneffen und, ihren Sohn Hans Heinrich, die beschuldigt werden, die Ge» srllfchüfteriit ter Gräfin Minna Rwlps, den Händler Bruno Rosche! und den Hochfchuler Heraert Stenzke gelungen zu haben, don Majo ratsbe s uz er Gr a- fen Georg Wilhelm von Schlieffen auf feinem Schloß in Mecklenburg in die Luft S» sprengen, um das Majorat an sich zu bringen. Der Anschlag tourte dadurch vereitelt, daß Stenzke den alten Grafen vorher tenachrichtigte, so daß die Berliner Kriminalpolizei Stenzke und Roschel verhaften konnte. Be: Roschei wurde eine Sprengladung gefunden, die genügt hat-e. einen ganzm Eisenbahnzug in die Luft zu jprengen Bei ter Vernehmung legte ter ältere Sohn em v olles Geständnis ab. Er erklärte, nicht den Maiorats- Herrn, sondern dessen Sohn und Majoratserben, den Grafen Georg Wilhelm, also seinen Vetter, habe er beiseite schaffen wollen, damit er Majoratserbe wurde. Zur Ausführung der Tat habe er dem Mitangetlagten, dem Handelsmann Roschel, nacheinander im ganze» 26 000 M. gegeben. Weiter hatte er Roschel versprochen» 500 000 Mark an dem Tage zu zahlen, an dem er in den Besitz des Majorats eintreten würde. Er erklärte weiter, daß er seine Mutter in den Plan eingeweihl habe. Die Gräsin habe dem Abgesandten Rosches, Stenzke, gesagt, der junge Graf Georg Wilhelm, sollte durch einen Brief oder durch das Telephon aus dem Haust gelockt und dann erschossen werden. Zu diesem Zwecke gab ter junge Graf Stenzke einen Armeereool- ver und zwei Streifen Patronen. Gin anderer Plan ging dahin, das Gut Schliesfenberg in Mecklenburg, den Sitz des Majorarsherrn, in die Luft zu sprengen.

Märkte.

fpt>. Frankfurt a. M., 19. Jan. Dem heutigen Dreh- mar k t waren zugetrieben 22 Ochsen, 8 Bullen, 92 Fär­sen mrd Kühe, 936 Kälber, 526 Schafe und 421 Schweine. Der Markt hinterließ bei langsamem Handel Ueberftattb, mrmenftich bei Schweinen. Es wurden bezahlt für einen Zentner Lebendgewicht Kälber: feinste Mastkätber 1200 bis 1350 M, mittlere Mast- und beste Saugkälber 1100 bis 1200 M,_ geringere Most- mck gute Saugkälber 900 bis 110 M; Schafe: Mastlämmer und Masthamimel 750 bis 850 M, geringere Matthammel und Schafe 600700 M, mäßig genährte Hammel und Schafe 450600 M: Schweine: vollfleischige unter 80 Kg. 14001600 <M., über 80 Kg. 16001750 M.

Am leichtesten kann man sich die Sache klar machen, wenn man sich denkt, wir wüßten die Stunde unseres Todes voraus. Was wäre die Folge? Die noch ein längeres Leben sicher hätten, würden meistens in Leichr- sinn und Genußsucht saften und ihr Leben sogenießen", daß sie schon längst vor dem anberaumten Termin siech und verkommen in der Ecke lägen. Und andererseits würde der Sterbetermin, wenn er naher rückt, eine heil­lose, quälende und lähmende Todesangst auslösen. In der Ungewißheit ist es leichter, sowohl die vernünftige Lebensführung als auch das unvermeidliche Sterben.

Und hat nicht der Christ die volle Gewißheit für jene Zukunft, die hinter dem Sarge liegt? Nicht aus trügerischen Prophezeiungen der Menschen, sondern aus ber Offenbarung Gottes. Sorge für ein gutes Gewis­sen und eine selige Sterbestunde, dann ist die Zukunft im Jenseits gesichert die ewige Zukunft.

Das ist das wahre Glück und dazu gelangt man nicht durch Aberglauben, sondern durch lebendigen, werktäti­gen Glauben.

Hasenbraten als Schönheitsmittel. Zur jetzigen Hafenzeit sei darauf hingewiesen, daß Dkei» ster Lampe in der antiken Welt und auch noch jaftr- bunderte später als ein unfehlbares Schönheitsmittel gegolten hat. Scbon Plinius sagt, daß man um schön zu werden, Hasenw'ldpret eßen muffe. Und von dem 233 im Lager von Sicrlia, dem heutigen Boitzenheim bet Mainz, ermordeten Kaiier SeveruS wird in einer Chronik belichtet, daß er ein sehr schöner Mann gewestn sei, weil er die Jagd liebte undtäglich ein Häslein ver-peifte." Versuche matt es al o einmal mit diesem schmackhaften Schönhei-s- mittel, wenn andere Mittel nicht helfen wollen. Man kann es ja ganz unauffällig zur Anwendung ringen! mos

Allerlei Weisheit. Seit den Tagen des Pyra- midenbgues hat die Sonne mit allen ihren Planeten, ihren Ort im Welienraum um rund 500 'Milliarden Meilen verändert, und doch hat diese unermeßliche Bahn den Sternenhimmel für unser Auge nicht wesentlich verändeit. Tie Fixsterne find eben un- derhkar weit. Der Vollmond besitzt nur de» 570 000. Teil der Leuchtkraft der Sonne. mos.