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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Aulda.

Nr. 15.

LeranuoorMch für den reüouionellen Teil: Dr. I. Kramer, = füt die Anzeigen: I. Parzelier-Fuioa. - Rorationsdrnck u. Verlag der Fuldaer AcNendruckerri in Fulda, teemiprech« Rr. 9. Trlegr..Adresse: Fu ldoer Zeitung.

Freitag, 20. Januar 1922.

Lerugs preis: Monatlich 6. IRL zugejteüt frei ins Haus.

- Abgrholt in der Gelchältest.lle 5,50 IRL

Anzeigen: Kleinzeile nach Laionet 12!IL; auswärts 1.50Alk.

Reklamezetir (Teflorrtte) nach Colonemaß 4 Mark.

49. Zahrg.

Die Steuerträgern

Das Ringen um eine Verftündignng.

Das Steuerkomprmniß, das von der Regierung angestrebt wird, beschäftigt die Dessen tlichkeit in steigendem Maße. Es taucht immer wieder die Behauptung auf, daß das Steuerkompromiß be­reits zustande gekommen fei. Daß das nicht rich­tig ist, ergibt sich aus der Rede, die der Reichs­kanzler Dr. Wirth auf dem Parteitag des Zen­trums am Dienstag gehalten hat. Zweifellos werden aber mit dem Wiederzusammentrrtt des Reichstags die Verhandlungen zwischen den Par­teien über die Steuerfrage in das entschei­dende Stadium treten.

Die sozialdemokratische Reichs- ftogssraktion war zu einer Sitzung zusam­mengetreten, um zur Frage des Steuerkompromis- ffes Stellung zu nehmen. Es ist noch nicht be­kannt, wie die Entscheidung der soziaDemokra» tischen Fraktion ausgefallen ifL Bemerkenswert ist aber eine Auslassung desVorwärts" zur Ste-ucrfragc. DerVorwärts" betont einleitend die Forderung, daß der Besitz in ganz anderm Maße, als das bisher geschah, heranzuziehen sei, wobei insbesondere die Sachwerte ins Auge ge­faßt zu werden verdienten. Die Auslassung des Vorwärts" läßt vielleicht den Schluß zu, daß die Sozialdemokratie sich doch noch nicht ganz hart­näckig auf ihrem Standpunkt versteifen wird. Der Vorwärts" sagt nämlich, die Sozialdemokratie stehe prinzipiell auf einem ausgezeichneten Kampf­boden, aber ihre Stellung werde taktisch durch den Umstand erschwert, daß sich die gemeinsame Front der beiden sozialdemokratischen Fraktionen nicht «ruf das ganze Steuerproblem erstrecke, sondern nur auf den Teil, der die Besitzbesteuerung betreffs. Die sozialdemokratische Mitarbeit an den Ver­brauchssteuern sei aber unvermeidlich. Der Vorwärts" erklärte dann weiter, daß die sozial­demokratische Partei zu dieser Mitarbeit bereit sei, allerdings unter bestimmten Voraussetzungen.

Das Blatt sucht dann auf, die bürgerüchsn Parteien einzuwirken, daß sie sich dem nicht ganz entziehen sollten. Die Sozialdemokratie werde angesichts der gespannten äußeren Lage nicht be­denkenlos in innere Krisen hineinsteuern, aber sie Tönne Ihre Politik nicht ausschließlich von denk Wunsch, solche Krisen zu vermeiden, bestimmen lassen. v _

Wie gesagt, lasten die Ausstihrungen desVor­wärts" eine Berständigungsmöglichkeit nicht als ausgeschlossen erscheinen. Das ist um so bemer­kenswerter, als nach einer Münchener Beeidung eine Versammlung der Funktionäre der Münche­ner Sozialdemokraten einstimmig einen Entschluß an die Reichstaasfraktion gefaßt hat, worin diese oufgefordert wird, einen Eingriff in die Vermo- gsnssubstanz (Sachwerte) mit allen Mitteln nach­drücklichst zu fördern und auf der weiteren Durch­führung dieser Maßnahme zu bestehen. Die Frak­tion wird ersucht, in dieser Frage keinen .Kom­promiß zu schließen.

Die Sozialdemokraten und die Steuerreform.

Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion be­faßte sich Mittwoch nachmittag mit der Steuer­frage. Der Fraktionsvorsitzende Hermann Mul­ler erklärte in einem Referat, daß die in den Regierungsvorlagen vorgesehenen B e s i tz st e u - ern unzureichend feien, lieber die Aussich­ten für ein Steuerkompromiß, dem die Sozial­demokratie zustimmen könne, äußerte sich Müller skeptisch. Er wies jedoch auch auf die Gefahr hin, daß das Kabinett Wirth über die

Srotzbaufmam Selstema»«.

Don Wilhelm Herbert, München.

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Wie meinst Du das?!" fragte Selstermann lauern». «Weiht Du was von ihm? Er ist doch ein äußerst korrekter Mensch!"

Ob es gerade sehr korrekt ist, wenn er den Sohn unterrichten soll und dabei der Tochter den Kops ver­dreht," lachte Alfred höhnisch,das möchte ich Deiner besseren Einsicht überlassen!"

Hat er sich Gretchen aufgedrängt?" forschte sein Vater.

Aufgedrängt!" meinte der junge Mann.Ach nee! Wie wird er das! So plump macht er das nicht. Es hegt eben so in feiner ganzen Art etwas außerordent­lich Imponierendes für junge Schneegänse von der Qualität meiner idealen und hochstrebenden Schwester. Sie hat das Schwärmen für diese Sorte Menschen im Blute. Und das hat er gewußt und nutzt es aus. Sie haben ein geheimes Bündnis miteinander, und dieses Bündnis geht gegen zins gegen Dich und mich!"

Selstermann biß die Zähne aufeinander.

Was mich betrifft", meinte er überlegen,fo wurde ) ein solches Bündnis nicht zu scheuen brauchen, so un­natürlich und unangenehm es an sich wäre. Aber Du Du deshalb habe ich Dich kommen lassen, um Dir

einmal allen Ernstes zu jagen Du sollst Dm, besser in acht nehmen!"

fiat er gehetzt gegen mich?!" rief der junge Mann in teidenschastlicher Gehässigkeit.Er soll sich vor mir in acht nehmen .. . ich weiß nicht, mir geht der Bursche so wider den Strich, daß ich zu allem Erdenklichen fähig wäre!"

Er hat nicht gegen Dich gehetzt!" sagte sein Vater. Aber er wird Dich beobachten, lind er ist ein scharfer Kops!"

Was geht denn das alles Dich an? Soll ich ihm etwa das Versuchskaninchen für feine Detektivgelüste ab- geben? Soll ich mich auch noch weiter von ihm tyran­nisieren und ,bemuttern lassen?" schrie Alfred kirschrot. ,3(6 bewundere wirklich Deine Langmut" ...

Steuerreform stürzen könnte, was eine verhängnisvolle Verschlechterung unserer inneren und äußeren Lage bedeuten würde. In der De­batte wurden die verschiedenen Möglichkeiten des Gedankens der Erfassung der Sachwerte und auch die Frage der Auflegung einer Zwangs­anleihe eingehend erörtert. Die Beratungen sollen Donnerstag fortgesetzt werden.

Reichsverband der Kinderreichen.

Am Sonntag haben sich die Bünde der K'.irder- reichen zum Schutze der Familie zu einem Reichs- verband geeinigt. In der im ehemaligen Herren­hause tagenden Sitzung wurde beschlossen, den Reichstag auf das dringendste zu ersuchen, ange­sichts der erschütternden Not tausender kinderrei­chen Familien und angesichts der Tatsache, daß durch die neuen indirekten Steuern und die er­höhte Umsatzsteuer der Kinderreichen, statt daß ihre Not erleichtert würde, in weit höherem Maße be­lastet worden als die wirtschaftlich weit besier- stehenden Junggesellen und Kinderlosen, aus den Erträgen der Umsatzsteuer 10 Proz. zugunsten der Kinderreichen zurückgestellt. , .

Aus diesen jährlichen Rückstellungen soll em Schatz gebildet werden, um in Ausführung der Art. 119 der Reichsverfassung die größeren Lasten der Kinderreichen auszugleichen. Die Mittel sollen besonders auch verwendet werden, um die unbe­schreibliche Wohnungsnot der Kinderreichen zu mindern und ihnen bei der Erziehung der Kinder zu guten Staatsbürgern zu helfen.

Vor einer EkLißruny Pome^r6§.

Die ministerielle Erklärung, die Poincare Donwrrs- tag dem Mimfterrai zur Genehmigung vorlegen wird, umfaßt zwei Teile.

Dar erste beschäftigt sich mit dw Innen-, der zweite Toll mit der Außenpolitik. Um ihre Aufgabe zum guten Ende zu führen, rechn? die Regierung darauf, dos; ihr das Vertrugen des Parlaments nicht fehlen iverde. Bevor die Samrrur in der Lage sein wende, den Bud­getentwurf für 1923 zu prüfen, werde sie wichtige Ar­beiten zu erledigen haben, wie die Gesetze für die na­tionale PerterCtgurrg, die mit der Verkürzung oct mili­tärischen Dienstzeit in Einklang gebracht werden müß­ten und die Lerabschiedimg ter Gesetze übe: die soziale Solidarität.

Der zweite Teil der Erklärung, der sich mit der auswärtigen Politik befaßt, betont die Sorge der Re- Regirrung, ife Allianzen aufrecht zu erhal- t en und zu befestigen, ebenso rote ihren Willen, sich auf den Vertrag von Versailles zu stützen.

Bezüglich der auf der Tagesordnung stehenden be­sonderen Frage wegen der K o n f e r en z v o n G en u a ist das Kabinett der Ansicht, wie Poincare es bereits zu erklären Gelegenheit hatte, daß Frankreich v o n d e n Sowjets im voraus Sicherheiten fordern müsse. Was Deutschland betreffe, das seine Unterschrift unter den Vertrag von Versailles gesetzt habe, so müsse es sich entschließen, seine Verpflichtungen zu halten un-d die Ruinen mtebrr aufzubauen, die es aufgehäufl hab?. Am Schluffe appelliert die Erklärung an die na­tionale Einigkeit in den Gesetzen der Repriblik für die Größe und Las Gedeihen Frankreichs.

Bezahlt.

Die Kriegslastenkommiffion hat die Reparatione- kommission offiziell davon verständigt, daß der G e g e n- wert von 81 Millionen Goldmark in fremden Devisen von Deutschland gezahlt worden sei.

Wieso?" fragte Selstermann kühl.

Aber so schmeißt ihn doch endlich raus!" rief sein Sohn leidenschaftlich.Wie es jeder andere längst ge­tan hätte. Ich glaube beinahe. Du fürchtest ihn!"

Merk' Dir das. Junge!" sagte er dann sehr kalt und drohend.Ich fürchte niemand, auch Dich nicht! Ich habe Dich bloß warnen wollen. Und ich werde ihn nicht herausschmeißen, weil solche Menschen drau­ßen noch viel gefährlicher sind als drinnen. Gefährlich für Dich, nicht für mich! Das merke Dir und geh und sei vorsichtig! Es muß ein Ende haben, daß Du das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirfst!"

Sein Sohn blies in die Luft und meinte dann ver­schüchtert und unsicher:23a komm' ich wohl heute ganz zur unrechten Stunde ich hätte gerade jetzt dringend einiges gebraucht!"

Vor nächster Woche keinen Pfennig!" sagte sein Vater streng.Lern Dirs einteilen! Und jetzt geh, ich habe noch zu arbeiten!"

Alfred zögerte noch einen Augenblick und schien einen letzten Versuch machen zu wollen, den Großkaufmann I umzustimmen. Dieser warf ihm aber, von seinen Pa- ! gieren anstehend, einen Blick von fo splitternder Schürfe zu, daß der junge Mann sich auf die Lippen biß und wortlos aus dem Zimmer ging.

Wie er die Tür geschloffen hatte, erhob sich Selfter- mann von dem Stuhl urb trat an das Fenster. Seine > Bewegungen waren nicht von der sonstigen Eeschmei- digkeit und Frische. Es schien, als ob ihn eine Last ; Niederdrücke, die ihm die letzte Stunde unvermutet auf- i gebürdet. Er murmelte ein paar Worte vor sich hin und trommelte mit den Fingern nervös auf der Scheibe. > Dann wendete er sich jäh und ging bis in die Mitte des : Zimmers. Dort blieb er stehen und stampfte mit dem Fuß auf. Sein Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, und in seinen Augen glühte es von einem leidenschaft­lichen Entschluß. Er trat ein paar Schritte gegen das Kastenzimmer hin, das an fein Prioatkontor grenzte, blieb aber bann stehen und kehrte langsam und ruhiger i nach dem Schreibtisch zurück. Dort setzte er sich wieder ; in den breiten und bequemen Ledersessel, nahm eine ! Zigarre aus dem Kistchen zu seiner Linken, pruste sie » -inem langen sorgfältigen Wick und ichien dabei

Nach dem SentruMpattritag.

Das Urteil der Außenstehenden.

Wer die deutsche Tagespresse durchstöbert, hat den starken Eindruck: der Berliner Zentrums- Parteitag hat imponiert.

In derVoss. Zig." beschäftigt sich im Ansch. an ite Wiedergabe der großen Rade drs Reichskanzlers auf tem Reichsparteitag des Zentrums W. S). Edwards des näheren mit der vom Zentrum eingeschlagenen posi­tiven Politik der S t a a t sf r eu d i g ke l t und V erant roor t ungs da re itfcha f t. Er nennt diese beiden Begriffe die zwei Hauptokkorde in den Verhandlungen des Reichsparteitages des Zentrums. Und unter einer offenen kritischen Auseinandersetzung mit dem Versagen derliberalenParteien, "artferm heutigen Staate rechtes Fundament zu werden, kommt er zu der Anerkennung, daßdie Zentrums- partei schon in ter Nationalversammlung ihre Aufgabe richtig erkannt habe, als sie sich entschloß, das zu wer­den, was in Deutschland nach der. Revolution nicht fehlen durfte: die deutsche Verfassungspar­tes. Die Partei, die es sich zur Ausgabe setzte, den Ausgleich der Extreme von rechts und links auf dem Boden der Staatsnotroendigkeiten Lurchzuführen, die Partei, die bann aber auch in der Folgezeit mit Kon­sequenz daran sesthislt, den einmal gefundenen Aus­gleich vor Erschütterungen zu bewahren."

Die Darlegungen führen den Dersasser von selbst zu einer Mahnung an di e anderenPar- teien, die Verfassung als das gemeinsame Gut des ganzen Volkes anzusehen und sich ihren Schutz ange­legen fein zu lassen. Darum erhebt er die Forderung, daß Verfassungsschutz und Verfassungsdestünbigkeit ein Gemeingut der überwiegenden MehrlM des deut­schen Volkes hüben müßten. Arbeiterschaft und libe- rales Bürgertum müßten diese Notwendigkeit aner­kennen und für die Beständigkeit der demokratischen Staatseinrichtuitgen Deutschlands sorgen, damit die deutsche Demokratie imstande sei, die äußeren Formen imb Voraussetzungen zu schaffen, die einer Befriedigung der Welt dienlich sind.

Er schließt seine Ausführungen mit einem Gedan- kengang, ter zweifellos den Kern der Sache trifft, in- dem er wörtlich sagt:Die politische und wirtschaftliche Gesundung Deutschlands hätte schon in den vergan­genen Jahren größereFortschritte machen ton­nen, wem: die Politik anderer Parteien ähnlich stetig gewesen wäre, wie die des Zentrums. Der Schutz der Verfassung erfordert nicht nur wortreich: Ve- kermlniffe zu demokratischen Grundsätzen, sondern auch in weitesten Kreisen ein Gefühl für die Schicksalsver- bundenheit mit dem Staat. Erst wenn dafür ter Sinn wächst, wird man dte Hoffnung h:gen dürfen, daß das Zentrum ten Mittelpunkt einer dauerhaften Parteikonstellation wird, die in der deutschen Geschichte den Namen tragen darf: BlockderVerfassungs- Parteien".

Das gerechte Urteil dieser Stimme aus dein demo­kratischen Lager über die staatspolitische Haltung des Zentrums beweist, daß man bei objektiver Abwägung der Dinge auch in den andern Lagern weiß, was man dem Zentrum zu danken hat und was man an ihm schätzen muß. Wir stimmen mit dem Versasser des Artikels überein, wenn er der Mefnung fft, daß. wenn andere Parteien sich derselben Stetigkeit in ihrer Po­litik befleißigt hätten wie das Zentrum, daß wir dann sicherlich schon weiter gekommen wären, als wir es im gegenwärtigen Augenblicke sind. Bei den andern Par­teien liegt die Verantwortung, wenn eine feste Konso­lidierung der Verhältnisse immer noch nicht möglich ge- trrfen ist. Und wenn Las Zentrum nicht immer fest bei der Sache xnblicben wäre, daun hätte das Chaos längst die Geschicke Deutschlands überflutet.

Auch wir hegen den Wunsch, daß man endlich ein­mal über den Parteiegoismus selbst der Parteien, dte zur Verfechtung der Demokratie mitberufen sind, hin- seine Selbstbeherrschung vollkommen wiederzugewinnen. Er lächelte höhnisch und überlegen vor sich hin, zündete die Zigarre umständlich an und tat mit Behagen den ersten tiefen Zug. Dann blies er die Rauchwolken schmunzelnd in die Luft. Es war, als ob er das drohende Gewölk, das vor ihm aufgestiegen, mit einem kräftigen Stotz zerstreuen und sich von der Wetterfchwüle befreien wollte, die über ihm gelegen war.

Er hatte fein Selbstbewußtsein wiedergewonnen und verriet den Nachmittag über vor feinem. Personal und abends bei der gemeinsamen Mahlzeit nichts, daß er einen schweren inneren Kampf durchgemacht.

Nach dem Essen zog er.sich, wie häufig, noch einmal in fein Kontor zurück. Man mar es schon so gewohnt, daß er die Abendstunden allein verbrachte und zu Ar­beiten benutzte, bei denen er nicht gestört sein wollte. Der Eifer, mit dem er fein Geschäft leitete und alle wichtigen Dinge selbst erledigte, brachte es mit sich, daß fein eige­nes Tagwerk zuweilen länger dauerte wie jenes seiner Angestellten.

Es war im ganzen Hause ruhig geworden. Oben saßen die beiden Frauen in stillem Gespräch über die Ereignisse des Tages, Alfred hatte wie jeden Abend die Wohnung verlassen, um irgend einem leichten Vergnü­gen nachzugehen. Dis Bediensteten Igelten sich in ihren eigenen Räumen auf.

Im ganzen Unterstock befand sich niemand mehr als b;r Geschäft-Herr. Die Büros waren geschlossen und finster. Nur über feinem Schreib:) brannte die Lampe, die ihren kreisrunden Cchetn auf die Dokumente warf, an denen er arbeitete.

Allerdings schien ihn diese Arbeit heute weniger in Anspruch zu nehmen als sonst. Immer wieder und wieder sah er von den Zahlen auf, zog die Uhr und lauschte nach der Straße, wie. wenn er etwas erwartete. Seine Sippen zuckten unruhig. Er legte die geliebte Zigarre weg, nahm sie wieder auf, machte ein paar rasche Züge, erhob sich halb, setzte sich derb in den > Stuhl und stand endlich zu voller Größe auf. Er streckte 1 sich gerade und ging mit langsamen, auf dem Teppich ! unhörbaren Schnitten nach der Tur zum Kasienschrank.

Als er diese öffnete, fuhr er einen halben Schritt zurück und blieb überrascht stehen. Cs war, als ob er

roegkomnst, Lotz es aus lange Sicht hinaus doch noch einmal möglich wird, ineinem großen Block der 3er« ässrmgsparteien" der deutschen Politik einen festen und gesunden Halt zu geben. Aber wo eine egoistische Par- tetpolitik vorherrscht, dort wird es schwer sein, daß die Erkenntnis von der geschichtlichen Aufgabe, die rote s tzt Haden, Eingang erhält.

ErkraiiSrmg des hl. Vaters

Eine besoraniserregende Nachricht kommt av< Rom. Papst 'Benedikt XV., der im 68. Lebens fahr steht, ist ernstlich erkrankt. Wir erhalten folgende Drahtmeldungen:

wtb Rom, den 18. Jan. (Tel.) DerOffervatore Romano" teilt mit, daß Seine Heiligkeit der Pap st wegen eines grippeartigen Bronchialkatarrhs das Bett hüten muß. Die Audienzen wurden abgesagt.

wtb Rom, 19. Ian. (Tel.) Der Zustand des Papstes gibt zu einiger Besorgnis Anlaß. Er zeigte heute 39,9 Grad Fieber. Infolge der großen Ausdeh- nung des Bronchialkatarrhs befürchten die Aerzte Kom­plikationen. In vatikanischen Kreisen fragt man sich, ob es möglich sein werde, daß der Papst den König von Belgien Mde Januar empfangen könne.

Deutsches Reich.

* Berlin, 19. Ian. Reichsarbeitsminister Dr. Brauns, der erst kürzlich von einer akuten Nieren­entzündung genesen war, hat einen R ü ck f a l l erlitten, der ihm die vorläufige Wahrnehmung der Dienst- geschäfte außerhalb des Krankenzimmers nicht gestattet

Tagung des auswärtigen Ausschusses im Reichs­tag. Nachdem in der Sitzung des auswärtigen Ausschusses des Reichstages äußer dem Reichskanzler und Rathenau nochHelfferich über die Verhandlungen in Cannes gesprochen hatte, nahm am Nachmittag Stinnes das Wort, auf das in ausführlicher Rede Rathenau entgegnete. Die Verhandlungen werden bet Gelegenheit der Erörterung über die bevor­stehende Konferenz in Genua im auswärtigen Aus­schuß demnächst weiter fortgeführt.

* Preußischer Staatsrat. In der Sitzung des Prenßrschen Staatsrats wnrde Der bisherige Vor­stand wiedergewählt. Demnach bleibt Adenauer- Köln Präsident, Gräf-Frankfurt a. M. erster und Iarres-Duisburg zweiter Vizepräsident. Mit dem Gesetzentwurf betreffend dte Einverleibung Pyrmonts in Preußen erklärte sich der Staats­rat einverstanden.

* Dte bayerischen Feskungsgefangenen. In einer Sitzung des LerfassungsEschusses des bayerischen Landtages wurde auf einen Antrag des Unabhängigen Niekrfch auf Einsetzung eines Untersuchungsausfchussts für NiLerschönenfeld von einem Regierungsverircter erklärt, die Festungsgefangenen hallen zu Weihnachten Pakete im Eesamtgarvicht von 26 Zentnern erhalten, darunter dte feinsten Leckerbissen. Zwischen Weihnachten und Neujahr sei Sin L u m p en b a l L veranstaltet worden, wobei die Leute vier Tage lang maskiert umhsrliefen. Der Antrag wurde abgelehnt.

Knsland.

* SchweizerKriegskosien". Nach der Gene­ralabrechnung für dte Mobilisationskostsn der Schweiz während des Krieges belaufen sich diese unter Abrechnung der nicht verwendeten Vor­schüsse und des Erlöses aus dem teilweisen Ver­kauf des Kriegsmaterials auf rund 1 Milliarde 200 Millionen Franken.

* Der Zersiornngswille der Entente. Nach einer Meldung derArbeiterzeitung" aus I n n s-

umroenben und wieder zu dem Stehle gehen wollte. Dann aber bezwang er sich und sagte kühl und geschäfts­mäßig:Ah, Müller, Sie noch da? Haben Sie es so notwendig, daß Sie lleberstunden machen muffen?"

Sein alter Kassierer, der sich bei dem Geräusch von der Kasse weg nach der Seite gedreht hatte, ließ mit einer müden Bewegung die Hand mit Den Schlüsseln sinken, daß diese auf den Boden glitten.

Ich mache keine lleberstunden!" sagte er mit einer leltfam heiseren barschen Stimme.

Ja, aber was denn sonst?" fragte Selstermann er­staunt und trat mit zwei Schritten näher.Sie sind doch da und an der Kaffe?!"

Das grelle Licht des elektrischen Lüsters schien jetzt voll in bas bleiche runzelige Gesicht des Alten, das einen fanatischen und dämonischen Ausdruck annahm. Ec zog die von vieffähriger Arbeit schief und zu hoch gewordene linke Schulter noch stärker hinauf und ging steif mit kurzen bedächtigen Schritten auf feinen Prinzipal zu. Dann sah das kleine Männchen mit einem wilden Trog in den flackernden Blicken zu dem hochgewachsenen stol­zen Manne auf.

Ich habe Sie eben bestehlen wollen, Herr Selster- mann!" sagte er dazu tonlos, aber mit einer solchen Schärfe des Ausdrucks, daß ihm jedes Wort förmlich von den Lippen sprang.

Müller!" rief fein Chef in ungekünsteltem Entsetzen. Müller, Sie sind verrückt!"

Ich war in den letzten Jahren tausendmal der Ver­rücktheit viel näher als jetzt!" sagte der Kaffierer trocken. Ich bin vollkommen klaren Verstandes. Ich sehe jetzi auch ganz deutlich, wo alles hinaus will: Da hat's mich haben wollen das Schicksal und da bin ich jetzt.

Ja, ich habe Sie bestehlen wollen und Sie sind just "w zwei Minuten mi früh gekommen, tonst hätten Ei'* mich über der vollendeten Tat ertappt!

Aber ich hätte Ihnen das nicht geraten, Herr Sel­stermann!" schrie er in wilder Leidenschaft.Ihnen am allerwenigsten! Lieber jedem andern!"

Was fall das heißen?!" rief fein Prinzipal hoch- j fahrend.

1Was das heißen soll?" jagte der Kaffierer und hielt sich mit beiden Händen an der Stuhllehne, an der er