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itlbtwx eitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

49. Zahrg

Donnerstag, l9. Januar 1922

WllMer UM des ZeMmsPtteiWr

Der Reichskanzler über Deutschlands Lage

hätten. Abg. Marx

der

ichtung konfeffioneller Schu- i gewährt werden.

len verlangen, muß sie ihnen gi

Menn die Zentrnmspartei für die Durchdringung des gesamten öffentlichen Lebens mit christlichen Ideen ein. tritt, so bekämpft sie auf der andern Seite die Lernet- nung und Auflösung des Staatsgedankens. Die V e r>

Bezugspreis: Monatlich 6.00 Mk. zugestellt frei ins Haus. " Abgeholt in der Gefchäftsstrlle 5,50 2HL " Anzeigen: Kleinzeile nachCo onel IMk.: auswärts 1.50Mk. Reklamezelle (TeNbreiie) nach Colonelmaß 4 Mark.

Zar. Dabei wollen wir konfeguenterweife unsere Auf. fassung nicht Andersdenkenden aufdrängen. Gewissens­freiheit ist für uns unantastbares Gut. Wer seine Kin- der ohne die Vermittlung der Heilrwahrheiten erziehen zu können glaubt, der mag das mit sich abmachen und seine Kinder der weltlichen Schule anoertrauen. Aber die Forderung erheben wir mit aller Kraft und wissen uns darin in Uebercinstimmung mit den weiteren Krei­sen der christlichen Bevölkerung: es ist eine unabweis­bare Forderung, die in der Verfassung ihren unbestreit- baren Ausdruck gefunden hat, daß unser Schulwesen im Deutschen Reiche nach dem Willen der Er­ziehungsberechtigten eingerichtet werden muß. Ueberall, wo Eltern die Einrichtung konfeffioneller Schu-

In der Aussprache gab ein Vertreter der christ­lichen Gewerkschaften aus dem Saargebiet, Hillen­brand, ein Gelöbnis der Saarbewohner zum u n oerbr üchlichen Festhalten am Deut­sch e n R e i ch ab und dankte der Zentrumspartei, daß ihre Politik die Lage der deutschen Bewohner in den besetzten Gebieten wenigstens einigermaßen erleichtert habe. Abg. H e ß l e i n (Dresden): Wenn der Block der Linken in Sachfen nicht so schalten und walten kann wie er möchte, so haben wir das einzig und allein der klugen Politik der Zentrums­partei in Weimar zu verdanken. (Beifall.) Schul­rat Dr. v. A a l e n hat die maßgebenden Instan­zen, dafür einzutreten, daß nicht nur der Kampf gegen die Rektoratsfchulen baldigst einge­stellt wird, sondern auch für diese Schulen Regie- rungszuschüsse bewilligt werden. (Verfall.) Sun- desrat Dr. Drezel (Oesterreich), von der Der- sammlunc lebhaft begrüßt: »Wir sind gern der Einladung zu ihrem Parteitag« gefolgt, rmi mit­einander in ein engeres geistiges Verhältnis zu treten. Ich möchte den warmen Wunsch ausspre­chen, daß die Beziehungen, die wir hier eingeleitet haben, zu einem festen Verhältnis werden. (Seif.) Wir stehen im großen und ganzen vor denselben Problemen. Oesterreich ist zwar ein selbständiger politischer Organismus, sein Volk aber ein Teildesdeutschen Volkes (stürmische Zu­stimmung). Sie haben hier im Deutschen Reich die­selbe Aufgabe, wie die Christlichsoziaten in Oester­reich. Wir haben jetzt den Beweis zu erbringen, daß wir imstande sind, in dieser Situation den Staat aus den Tiefen heraus aufwärts zu bringen. (Seif.) Heute ist es unsere Aufgabe, daß wir Katho­liken, wenn es schlecht geht und nur noch ein Idealismus aufwärts helfen kann, diejenigen sind, die im Staat an die vorderste Stelle treten. In Oesterreich ist die Christlichsoziale Partei unentdehr- llch geworden. Wir müssen heute wieder mit Ihnen die Zusammengehörigkeit pflegen, die sich im Kriege so oft bewahrt hat. Unseren Beschluß, mit allen Volksgenossen im Deutschen Reich und in den anderen Staaten in enge Verbindung zu treten, haben wir durchgeführt. Ich wünsche, daß diese Verbindung stark tieiben möge imd daß auf eine derartige freundschaftliche Zusammenarbeit auf geistigem Gebiet für das ganze deutsche Volk Gutes Hermrskommen werde. (Stürm. Beifall.)

Dir Warme, mit der am Beginn der Nachmittags­sitzung der oberschlesische Abgeordnete Ulitzka bit Treue der Oberschlesier zum Zentrum und die Treue der

stellt die Forderung noch

Sicher st ellung und Beibehaltung konfessionellen Schule

von uns losgrrissenen Brüder zum deutschen Daterlande unter großem Beifall hervorhob, diese Wärme lehrt uns, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Zen- trumssreunde trotz des Ansturmes widerlichster Ge- walten noch fest und uiwrschüttert ist. Treue um Tome: diese Losung gilt für uns, die wir in unserem nieder- getretenen Vaterlanbe mit unmtwegter Kraft für den Wiederaufbau arbeiten. Oberschlesien wird im Zentra^ niemals vergessen sein. , , ,

Man spart das Beste bis zuletzt auf so heißt eine alte Regel! Empor zu den Höhen des inneren Mitgr- rissenseins, der sich spontan äußernden Vegeislerung führten die Darlegungen des' Kanzlers Dr. Wirth. Man hat fein Auftreten erwartet-, er täuschte diese Hofs- nung nicht- Und Beifallsstürme spontaner Zustim­mung begleiteten die von hohem Schwung und Idealis­mus getragenen Ausführungen des Kanzlers.

Reichskanzier Dr. Wirth

sagte u. a.:

Die Achmede der PokM der nächsten Tage wird darin bestehen, zu der Sage, die in Cannes geschaffen worden ist, Stellung zu nehmen. Wir werden die EntschWsse fas­sen, die ttrnerpolitifch notwendig sind. Nur unter dem Mt der Verantwortung kann man überhaupt das, was man christliche WeltMsäMNMg nennt, m die Tot umsetzen. Niemals werden wir eine politische Linie betreten, neben der das Chaos rmd die Katastrophe sichen. Ich holte schon bei Annahme des Ultimatums gesagt, daß die weltwirt- fchwftlichen Folgen dieses FriedensdiNats untern Gegnern zur Last fallen, und trotzdem war das Ja richtig, tmfl> es ift heute noch als richtig onzusehen. Ich bin heute dar­über unterrichtet, daß man auf der Gegensekte über trie Höhe der Milliarden, die das deutsche Volk zahlen soll, über die weltwirtschaftliche Bedeutung dieser Milliartzen sich überhaupt rächt unterrichtet hatte. Heute hat man in allen Ländern gelernt, was eigentlich eine Milliarde Gold wtrtschaMch bedecket. Wäre das deutsche Volk in der Loge, die Forderungen des Mttmamms buchstäblich zu er­füllen itrti) wären wir so boshaft, es zu tun, fo würden, abgesehen von den deutschen Schornsteinen, (ein e Sch o ru­ft eine in der ganzen Welt mehr rauchen können. So werden wir die Politik, zu leisten, was menschenmöglich ift, weitergehen. Wir werden aber die West fragen, welches Ziel sie sich eigentlich fetzt. Die Kaufmikräft des deutschen Volkes und der östlichen Völker werden einen Weltbankrott unter allen Umstände» herbMchren.

Genua steht vor der Tür, ehre Wiittchcffdskcmfereni der Welt. Man sieht, der Seterte hat sich Bahn ge- brochesi, daß nur eine Solidarität der Völker miteinander hi wirtschaftlichen Fragen die groß« Katastrophe der Welt- wirischüft überhaupt verhindern kann. Die Parteien, die Geduld haben, können allein die deutsche Politik mei­stern. Die andern, die meinen, nach einer Epoche von sieben Jahren von Krieg. Not, Elend und Nenzwestlung könne man mit enier vornehmen Geste oder gar mit einem Parademarsch die Loge meistern, sind nicht zur Führerschaft

Eine K oalitivn auf breiter ©rurrMace muß eine Regierung auf läng ere Sicht sein, wenn man rächt jeden Tag Gefahr fanfen will, daß eine Partei aus Angst vor den Wollen sich wieder in die Büsche schlägt. Die Lösung von Cannes ist nur vorübergehend. Dir große Reinigung steht noch aus. Wir brauchen ein offe­nes Bekenntnis, daß es rms imierpolitffch ernst ist. die Fämrrzen des Reiches in Ordnung zu bringen. Wenn irgendwo in einer andern Partei ein geeigneter Fnmrz. Minister ist, der diese Probleme meistern kann, so bitte ich jene Partei, den Namen dieses großen Mannes mir in der Wilhelms trotze zu melden. An Gegensätzen über die Fragen der Steuern und ihrer Verteilung fehlt es auch in unseren Reihen nicht. Aber wir werden ein Kompro-r miß zustandebringen, das bei den Besitzenden und den Richt- besitzMden als ein anständiges Kompromiß an­gesehen werben kann. Ist es nicht möglich, dieses Kom­promiß zu sinder, und mA der Mehcheitssozioldemokratie zu einer Verständiramg darüber zu kommen,, so ist inner- politisch unsere Politik gescheitert und Sie müssen sich nach einer neuen Regierung umsehen, die dieses große Problem, diese Riesena-ufgabe in den nächsten Togen lösen muß. Glauben Sie aber nicht, daß wir uns in den nächsten Togen äcretT erckaffen werden, zur Verwirrung der Gei­ster be^irtrngen. Durch eine Regierungskrise allein ist die neue Regierung nicht imstande, die Probleme mit den Parteien, die guten Willens sind, zu lösen. Unsere Re­gierung rst mir in offener Felbschlacht. rm Plenum des

In emporklimmender Linie stiegen die Berhmidlun- len ixs Reichs Parteitages der Zentrumspartei aufwärts :.s zur begeisterten Höhe des dritten und letzten Tages. 'Hag vielleicht mancher am ersten Tage sich die Höhe <es Schwunges erwünscht haben, mag er erstaunt ge­wesen fein ob der ruhigen Sachlichste und der kühlen Dorstandeserwägung, mit der die Dinge der hohen Polittk und der praktisch politischen Arbeit behandelt und besprochen wurden, nun, der dritte Tag, der Diens­tag, wird unvergeßlich sein für tejemgen, die mit in­nerer Anteilnahme und Wärme, mit der Liebe für unser Vaterland und unsere Partei mit emporgeklommen find auf die Höhen, auf die uns der letzte Tag führte.

Abg. Marx über Ideen und Ziele der Zenirumspartei.

In der Vormittagssitzung am Diensttw sprach der Vorsitzende der Zentrumsfraktton, Abg. Marx, über obiges Thema. Senatspräsident Marx verstand es, aus den Traditionen großer Vorgänger heraus, nicht nur die unwandelbar festen Grundsätze unserer Partei mft festem Umriß zu zeichnen, nein, was nicht minder wert­voll für das Verständnis der Zentrumspolitik überhaupt ist, auf den Ideellen Grundlinien unserer Weltanschau, ung aufbauend, stellte er sich und uns mitten hinein in die praktische Tätigkeit von Partei und Fraktion. Mit Befriedigung und mit vollstem Recht dursten wir auf diesem Parteitage wiederum die Tatsache feststellen, daß es noch das alte Zentrum ist, und mag es noch so viele geben, die es bester wissen wollen das in den Werken und Taten des heutigen Zentrums fortlebt, fortlebt indem es der Zeit gerecht wird, in die uns die Geschichte hineingeftellt hat Die christliche Weltairschouung ift das Urfundament, auf das das Ge- bäude aufgebaut ist. Daraus ergeben sich die andern Konsequenzen der praktischen Handlung. Die Betonung der rein politischen Partei war notwendig: denn die­jenigen sterben nicht aus, die manchmal in gewolltem Irrtum, in agitationslüsterner Art dos Gegenlett zu behaupten wagen.

Eine starke Ausprägung fand in den Aussiihrungen des Vorsitzenden der Reichstagsfrottton die Forde- tun g nach Parität. Nicht nur nach der konfef- fionellen Seite verlangen wir gerechte Berücksichtigung, sondern namentlich angesichts der veränderten Gestai- H.ru» der Dinge in unserem Vaterlande, auch nad; der Seite der Parteizugehörigkeit. Es wäre unrecht, nicht anzuerkennen, daß in den letzten Jahren manches an­der sgeworden ist. Und dennoch ist es nach wie vor erforderlich, die Forderung nach paritätischer Behand­lung mit aller Entschiedenheit und Kraft zu erheben.

Eine stärkere Folgerung aus dem Grundsätze, daß die christliche Auffassung die Grndinge der Polittk sein soll,

fassung vom 11. August 1919 ist durchaus ein­wandfrei zustandegekommen und nmß nach christlicher Auffassung von einer christlichen Dolkspartei als ver­bi nd l i ch betrachtet und anerkannt werden. Wenn die Beobachtung und die Anerkennung der Ber- faffmig verlangt wird, dann wird damit in keiner Weile die Forderung erhoben, daß diejenigen, die in ber Mo- narchie die beffere Staatsform erbltrfen, ihre Meimmz aufgeben und die republikanische Staatsfarm als die des. sere anerkennen sollen. Rur das eine muß vom Stand­punkte des Staates und auch der Zentrumspartei mtt aller Entschiedenheit verlangt werden, daß der chrrst- liche Staatsbürger an der ordnungsmäßig zmtandege- kommenen Staatsform festhält und eine Aenderung der- selben ausschließlich auf oerf affungs- mäßigem Wege anstrebt. soweit er eme Aende- runa der Persasiung für erforderlich ober zweckmäßig erachtet. Ganz selbstverständlich ist es. daß das Zen- trum die mm einmal nach eingehender und reichcher Beratung beschlossene Derfastung nur dann einer Rach- Prüfung und Abänderung unterziehen will, wenn wich­tige Grunde dazu vorhanden sind. Zur Zelt wäre es das Unzweckmäßigste, sich in neue Derfassungskumpie einzulaffrn.

Einen weiteren Vorwurf macht man in dieser Rich- tunfl dem Zentrum, indem man sagt, daß es den s ö d e- rativen Charakter Lee Reiches mcht fest- halte, sondern in unzckäffiger Weise den Einheitsstaat gefördert habe In unseren neuen Richtlinien haben wir ausdrücklich die Reichseinhett als unverletzlich für die Zentrumsportei feierlich erklärt und daran den sah ge­knüpft: Mit ihr fleht und fällt die staatliche Levens- traft des deutschen Volkes! Dann aber fahren unsere Richtlinien fort:3m Rahmen der Reichseinheit ist das Eigenleben der Lander zu schützen und zu pffe- gen." Eine starke Z-ntralgewalt sichert den Stammen und Ländern Bestand unb Lebensentfaltung. Der zen- trolrftifche Staatsaufbau entfpricht nicht dem deutsche,'. Volkscharakter. Damit ist der zentralistische Einheitsstaat mit aller wünschenswerten Scharfe und Klarheit abgelehnt.

Zur Zeil scheint es mir eine über dos frühere Maß hinaus gehende Verpflichtung der Zsntrumsangehörigen zu sein, nicht nur formell dem Staate die Treue zu hat­ten, sondern auch von ganzem Herze» bereit zn i->' alles zu tun, was geschehen kann, um unser Staatsleben zu fördern und zu beben. Wir wollen bereit sein, auch Opfer, große Opfer, se nach KPast unb Fähigkeit zu bringen. Unser Ziel soll fein, unser zu Boden geschlagenes Volk und Daterland wieder aufzurichten und ihm neue Kraft einzuflößen. Sollte hierbei uns unser Reichskanzler Dr. Wirth nicht ein weit- hin leuchtendes Vorbild sein? Wie oft hat er mit Him- cmsetpmg aller persönlichen Rücksicht kühn die ^ahne de- Führers der deutschen Politik ergriffen, wenn andere zaghaft und zweifelhaft, oft aus kleinlichen Parteiruck­sichten. zur Seite traten und Opfer zu bringen sich scheu- ten. Diesem Vorbild sollten alle solgen, die guten Wil­lens sind. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.)

Ebensoweiüig wie wir Zugeben dürfen, daß Re Zen- trumspartsi ingenönne ihre allen Grundsätze verlassen öder mifcad>tet hab«, ebensowenig wollen wir auf diejenigen tonen, Re von einer UmMckllmg und Umwälzung der Zentnmnspcstei unv ihrer Grundsätze sprechen. Unsere Grundsätze haben sich mm schon seit Jahrzehnten bewährt und verdüngen do« Heft des Staates und des Volkes, wenn nach ihnen das 8ffcmilche Leben eingerichtet wird. Schwer ist die Stunde, schicksalsschwere Jahre fie­pen hinter ms, unheilvolle Monate drohen uns m den kommenden Zetten, ober den Glauben an unser Volk und dir Raffung auf eine beffere Zukunft wollen ny.r nicht verlieren, wenn cs geß-ngt bk Jdrcke und Ziele der Zentrumspartei weit mehr noch als bisher im öffentlichen Leben DouischLnds und der Länder zur Geltung zu bringen.

Die Rede des Abg. Marx wurde von der Ver­sammlung wiederholt durch lebhaften Beifall unter­

brochen, besonders an einer Stelle am Schluffe, wo er das Verhältnis der Zenirumsfraktion zur Politik des Reichskanzlers Dr. Wirth behandelte. Er er- wähnte in humoristischer Form die in Berliner Blättern geäußerte Vermutung, der Umstand, da') nicht er, Marx, sondern Minister Dr. Brauns das einleitende Referat über die politische Lage gehalten habe, sei darauf zurückzuführen, daß er, Marx, der dem rechten Flügel des Zentrums nahestehe, viel- leicht Ausführungen hätte machen können, die na­mentlich in der Erfüllungspolltik nicht der Ansicht des Reichskanzlers entsprochen hätten. Abg. Marx trat der Behauptung entgegen, daß er auf dem rechten Flügel der Zentrumsfraktion stehe, und hielt ihr die Meinung anderer Leute gegenüber, daß er auf dem linken Flügel stehe; das fei doch schließlich nur ein Beweis dafür, daß er einrechter Zen- trumsmann fei.

i Berantworittch mr den ceOauioneUen 2etl: Dr. I. Kramer, n für die Anzeigen: Z. P a r z e I l e r » Fulda. u

Rotattonsdruct u. Verlag bet Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. -Zernwrecher 9h. ti. Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung

Grotzbaufmcmn Selffetmann.

Don Wilhelm Herbert, München.

Er war erschreckt. Es. schien, als ob er da etwas sernommen hätte, woran er selber niemals zu denken gewagt haben würde.

-Mein Sohn?!" wiederholte er und fügte beinahe hastig und unhöflich bei:Wie kommen Sie zu einer foldjen Zumutung?!"

Er hatte sich erhoben und ging mit raschen Schritten durch das Zimmer.

Dann blieb er vor Dr. Weiß stehen und lächelte.

Fast scherzend drohte er mit dem Finger:Doktor- chen! 6je stehen noch ganz am Anfang Ihrer Praxis! Lasten Sie sich von mir, der ich ja kein Jurist bin, ber ich aber doch auch schon das eine und andere erlebt habe, rechtzeitig warnen, die Dinge der Wett gar zu unfach anzusehen! Nicht wahr, da liegt etwas Uner- klärlichcs vor, das Sie gern herausbringen möchten! Und da ist ein junger leichtsinniger Mensch! Ein leichtsin­niger Mensch, der Geld braucht und ausgibt! Also mutz «r auch bas . . . das andere Geld" . . .

Er unterbrach sich und schlug lebhaft mit der Hand tttf den Tisch.

"Rein! Ich roi[f ben häßlichen Satz nicht zu Eure sprechen! Unb auch Sie sollen ihn nicht aussprechen! Nicht einmal baran denken sollen Sie! Ich will Ihnen etwas sagen: 3n diesem Hause stiehlt man nicht! Mein Sohn sttehlt nicht! das geht gegen unser Blut! Dar gehr gegen den ganzen Geist, der hier weht! Das will ich nicht mehr hören!

Dr. Weiß folgte mit lebhaftestem Interesse im Blick ben raschen Schritten, mit denen Seljtermann wieder das Zimmer durchmaß.

Hatte der Dater vielleicht selber Argwohn auf seinen Sohn, weil ihn die Erwähnung des letzteren in diesem Zusammenhang so erregte unb aus der gewohnten kal­ten upd überlegenen Haltung brachte?

Sie dürfen mir das nicht verübeln!" sagte er ruhig. Sie bedenken, Herr Setftermann, daß ick- i'er

Angelegenheit ganz objektiv gegenüberstehe. Ohne lebe Voreingenommenheit zu ungimften Ihres Herrn Soh­nes. Aber auch das Recht muß ich für mich bean­spruchen zu feinen Gunsten. Ich kann Ihnen nich' den Wunsch erfüllen so sehr ich ihn ehre und be­greife daß ich Ihren Sohn ganz aus meinen Ge­dankengängen ausschalte. Ich würbe dadurch nach mei­ner Ueberzeugnng einen schweren Fehler begehen. Bitte, bedenken Eie doch, daß man, um einer solchen Aufgabe gerecht zu werden, alles berucksichtgen mutz, nichts aus den Augen lasten darf, nichts von vornherein als un­möglich betrachten kann. Wie oft ist schon in den be­sten Häusern irgendein unüberlegter Schritt eines jun­gen, etwas leichtlebigen Familienmitgliedes oorgekom- men? Ich habe ja gar keine weiteren Anhaltspunkte gegen Alfred. Aber Ihnen gegenüber, der Sie für mich nicht bloß als fein Vater, fondern zugleich unb fast noch mehr als mein Auftraggeber, als mein Informator in Betracht kommen, Ihnen gegenüber muß ich doch im strengsten Vertrauen auch davon reden, mich auch in der Richtung informieren dürfen!"

Em schneller feindseliger Blick schoß aus ©elfter- mann Augen.

Aber natürlich!" sagte er.Das Recht nimmt Ihnen niemand. Das Recht haben Sie. Entschuldigen Sie nur, wenn ich das gleich nicht eingesehen habe. Ich verstehe es jetzt vollkommen. Ich halte mich ganz zu Ihrer Verfügung. Aber ich kann Ihnen sagen: Sltfre- ist ein grundehrlicher Mensch. Er bekennt mir jeden Pfennig Geld, den er ausgibt. Er hat es nicht nötig, selbst wenn er einen so schweren moralischen Defekt hätte, daß er Neigung besäße, sich an fremdem Geld, sich am Geshe seiner Mutter zu vergreifen er hat es aar nicht nötig. Er bekommt von mir, was er will!"

Leider!" meinte Dr. Weiß ruhig. Selstermann sah scharf auf.

Wollen Sie mich kritisieren!"

Nein!" erwiderte der junge Jurist.Aber ich be­teuere es, daß Ihr Sohn nicht knapper gehalten wird, daß er über den Wert des Selbes unb ben Unwert *>«

Dinge, für die er es verschwendet, nicht bester aufge­klärt wird."

Selstermann lachte.

Sie sind ein unangenehmer Mensch!" sagte er sovlal. Sie gehen einem auf die Nerven. Sie haben alle An­lagen, ein famoser Verteidiger zu werden. Eigentlich noch mehr ein Ankläger. Sie hätten sich der staats- anwalffchaftlichen Karriere zuwenden sollen" . . .

Ich denke", antwortete der junge Jurist,eines ist die Hauptsache für jeden, der sich mit dem Rechte be- faßt: Die Wahrheit. Don ihr allein hängt es ab, ob sie zur Anklage, ob sie zur Verteidigung wird. Wenn ich hier stünde, um Alfred Selstermann gegen einen ungerechten Verdacht in Schutz zu nehmen, könnte Ich nicht objektiver denken und handeln als jetzt. Ich schütze ihn ja gerade, wenn ich meine Nachforschungen auch au ihn erstrecke. Könnte sonst nicht statt meiner einmal ein anderer gegen ihn auftreten? Vielleicht der wirk­liche Täter, wenn wir ihn ermitteln, und wenn dann der zu feiner eigenen Verteidigung alle die Derdachts- gründe Zusammentragen würbe, die er gegen andere aufbringen könnte."

Prr!", sagte Selstermann und schüttelte sich in sar- kastischer Weise.Da fühlt man sich ja schier selber nicht mehr sicher in seinen vier Wänden und in der eigenen Haut vor Euch Juristen!"

Darüber muffen Sie sich von vornherein klar sein," erwiderte Dr. Weiß, der sich nicht aus der Ruhe drin- gen ließ, mit der er sein Ziel verfolgte,daß hier für mich alle anderen Regungen wegfallen, daß ich nur au die Wahrheit ausgehen kann und darf und daß meine suchende Laterne ihr Licht nad) allen Seiten ausstrahlen lassen muh!"

Selstermann schwieg eine Minute und sah aufmerk- sam durch das Fenster auf den bewegten Mittagsver­kehr hinaus.

Gut", fagfe er bann mit w iebergewonnenem Gleich­mut.Tun Sie, was immer Sie für ihre Pflicht hal­ten! Mein Hans wird jede Prüfung bestehen. Rur schonen Sie, bitte, unser Ansehen nach außen hin! Sie willen, es gibt unersetzbare Güter und dazu gehört der

tadellose Ruf meiner Familie. Auch das geringste Stäubchen auf unserem blanken Schild würde von un­seren Feinden und Neidern mit Wonne bemerkt und ausgenutzt werden. Man würbe es benutzen, um btt unerhörtesten Gerüchte über uns zu verbreiten. Es würbe nicht nur unsere Familienehrt, es mürbe di, Ehre, die Sicherheit des Geschäftes, es würde mein Kredit darunter leiden ich weiß nicht, ob Sie das alles so in den äußersten Konsequenzen Überblicken!"

Ich überblicke es vollkommen, unb ich bin mir auch meiner Pflicht zu strengster Verschwiegenheit bewußt!" sagte Dr. Weiß im Tone mannhafter Sicherheit.Sie selbst könnten mir Dinge nicht entreißen, die ich nicht für ihre Ohren bestimmt erachten würde!"

Ah, sieh einmal!" bemerkte Selstermann, unb wie­der flog ein gehässiger Blick auf ben andern hinüber. Ich habe also da nur einen sehr bedingungsweisen Bundesgenossen an Ihnen gewannen! So, daß mich das Bündnis beinahe reuen mußte! Ich hatte mir ein' durchaus offenes und ehrliches Zusammenarbeiten er- wartet!"

Wie es anders von mir nie zu erwarten gewesen wäre!" entgegnete Dr. Weiß ohne Schärfe.Gerade in der Ehrlichkeit liegt es begründet, wenn ich hier nicht bloß eine Scheintätigkeit entwickle, fondern es fo ernst nehme, wie es die Sache verlangt!"

Selstermann empfand ein äußerstes Unbehagen und brach ab.

Der Worte sind genug gewechselt," sagte er mtt kühler Höflichkeit,wir wollen Ihre Taten abroarten!"

. . . Gleich, nachdem Dr. Weiß weggegangen war,- rief Selstermann seinen Sohn zu sich.

Du," sagte er,die Bemerkung, die Du vorhin über ben Doktor gemacht hast, klang merkwürdig gehässig hast Du etwas mit ihm?"

Ich?!" tat Alfred hochmütig.Mit dem?" Dazu ist er mir viel zu wenig. Ich kann ihn nur nicht lei­ben, weil er mir gegenüber den Schulmeister, den Ge- scheiteren herausgekehrt hat und das vertrage ich schlecht. Am schlechtesten von einem Sittenrichter, ber selber für sein eigenes Handeln ganz andere Prinzipien befolgt'" LForts. folgt.)