Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Aulda.
~ " I Berantwortluh für den reü-mionellen Teil: Dr. I. Kramer,
Hr 13 » sür die Anzeigen: I. Parze Iler-Fulda. -
1 I Rotattonsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerri in Fulda.
| Fernsprecher Nr. 8. Telegr.-Adreffe: FuldaerZeitung.
Mittwoch, tS. Zanuar 1922.
Bezugspreis: Monatlich 6.00 Att. zugestellt frei ins Haus. z Abgeholt in der Geschäftsstelle 5,50 Ml. :: Anzeigen: Kleinzrile nochCownei IMk., auswärts 1.50M. R e k I a m e z e i > e (Textbrette) nach Colonelmaß 4 Mark.
49. Zahrg.
Sie Willig zur Koufweiiz in @tooa.
Stellungnahme der Reichrregierung,
Der italienische Botschafter hat Montag abend in Berlin dem Reichskanzler die Einladung an die deutsche Regierung zu der am 8. März in Genua stattfindenden Wirtschaftskonferenz überreicht.
Unter den zur Teilnahme an der Konferenz aus. drücklich aufgeforderten Mächten befinden sich außer Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Bulgarien und Rußland.
Nach einer Meldung des ,B. T.' wird sich die Keichsregierung am Dienstag in einer Kabinetts- Atzung mit der Einladung zu der Konferenz von Genua beschäftigen. Am Freitag werden sich die Ministerpräsidenten aller deutschen Län- der in Berlin zu einer Konferenz über die innere und äußere Politik zusammenfinden, die unter dem Vorsitz des Reichskanzlers abgehalten werden soll.
Die Welt bleibt ruhig.
Das Aufbäuimen des französischen Nationalismus hat die ungeladene Welt nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Auch Deutschland ist von dem neuen Ministerium Poincare nicht in Schrecken geraten. Mr Haben allgemein das Gefühl, daß wir unseren politischen Kurs nicht zu ändern brauchen u. unsere Arbeiten in der bisherigon Weise fortzusetzen haben Damit steht sogar b-e Haltung der sonst so wetterwendischen Börse in Einklang. Am Montag ist freilich der Dollarkurs wieder etwas gestiegen, von 180 auf 184; aber diese Schwankung ist verhältnismäßig gering, und der Ge- stnntcharakter des Verkehrs war eine besonnene Zurück- Haltung. Das Publikum wartet ab, und bei dem Mange! an Aufträgen müssen auch die gewerbsmäßigen Spekulanten abwarten.
Es trifft sich ganz gut, daß gerade zu dieser Zett der Parteitag des Zentrums in Berlin abgchalten wird. Den Ministern, die unserer Partei angehören, wird dadurch Gelegenheit zu freimütiger Aussprache gegeben, und die wichtigste Partei des Reichstages kann sich in ihrem obersten Organ zur Stärkung der Reche- rungspolitik betätigen.
Wenn wir das Zentrum als die wichtigste Par- fei bezeichnen, so ist das keine SsldstschpWichelei, sondern die Feststellung einer urrbestreitbawn Tatsache. Mit vollem Recht konnte aus dem Parteitage betont werden, daß alle anderen Parteien in den letzten schweren Jahren gefehlt oder geschwankt haben, während das 3ßntnsm_ stets bei der Stange geblieben ist, auch in den kritischen Stunden, wo die Verantwortlichkeit wie ein gefährliches Risiko für die Partei absfah. Die Zen- trmnspartei war der feste Pal in der Erscheinungen Flucht, , t«r wirkliche Mittelpunkt. Der Ehrentitel des »merschüll>srlichen Turmes, den schon vor 40 Jahren Windthvrst für unsere Partei in Anspruch nahm, Hot sie fetzt in v o l l st e m Maße sich verdient. Um so schwerer fallt Sie Entscheidung ins Gewicht, die der Parteitag einstimmig gefaßt hat, um sich „rückhaltlos emverstanden zu erklären mit der von der Regierung geführten Politik der Klugheit und M a ß j g u n g, die du wirtschaftlichen Gesundung der Siten Welt und der Zusammenarbeit der Bölkec die ebnen wird".
Angesichts der außenpolitischen Lage kann man in EihchlarÄ und für Deutschland nichts dringender wün- schm, als daß die „weise Politik der Mitte" mich bei
Großkaufmann ZePermarm.
6. Don Wilhelm Herbert, München.
„Das ist fol* entgegnete sie. „Ich würde wirklich Tnu- wahichaftig mein Bestes, vielleicht mein Leben selbst darum geben, wenn ich ihn noch von dieser Tyran- befreien könnte, die seine moralischen und wirtschaftlichen Kräfte erschöpft.. Ich Hobe schon mehr als hundert Mal gesehen, wie er rechnet, und rechnet, wie er in geheimen Abendstunden sich in das Kassenzimmer emschließt — Vorgänge, die er der ahnungslosen Mut- cr , ,nur zu leicht mit geschäftlicher Gewissenhaftigkeit verschleiert. Und es ist unheimlich, zu denken, daß diese Tyrannei bereits von dritten fremden Menschen aus- zeubt wird, wie ich Ihnen geschildert — ja, nicht bloß »on fremden ..."
„Nicht bloß von fremden?!" sagte Dr. Weiß erstaunt. ,«>e wollen doch nicht sagen?!" . . .
„Doch! Doch!" entgegnete sie hastig und schlang die Hande ineinander. „Sein schlimmster Tyrann, sein tesährlichster, der ihn vollkommen in der Gewalt hat rnd sich selber damit vergiftet, ist sein eigener Sohn!" . "Alfred!" murmelte ihr Zuhörer. „Ich habe mir bese unheilvolle Schwäche immer mit der eitlen Vater- hebe zu dem einzigen Sohn erklärt."
„Sie allein vermöchte nicht so viel Unheil anzustif- t<n , sagte Gretchen, „wie da täglich und stündlich und immer mehr und mehr geschieht. Mein Bruder hat für seine neunzehn Jahre eine unheimliche, ich möchte sagen, eine gem e Witterung für die Wesensart seines Vaters. Ob er lr9en° etwas weiß, ist mir nicht enträtselbar. Aber er hat ihn vollkommen in der Macht. Er erzwingt sich Duldung für.seinen Müßiggang, für seine Verschwen- düng, für iede Aeußerung seines jugendlichen Leichtsinns. Er wickelt den Vater um den Finger und rennt dabei blind in sein Verderben. Besonders seitdem er es durchgesetzt hat, daß er seine Studien vollkommen aufgeben durfte, und dadurch auch noch dem Rest des guten Einflusses sich entziehen konnte, den Sie ja un- ermüdlich auf ihn auszuüben versuchten . . ."
„Leider ganz vergeblich!" sagte Dr. Weiß.
allen anderen gutwilligen Parteien das volle Derständ- nis und die tapfere Unterstützung finde. Je mehr sich die Deutschen einigen zur Unterstützung der wacker strebenden Regierung, desto besser wird Deutschland seine Ehre und füne Rechte behaupten gegenüber den Anzapfungen, die von dem unruhigen Frankreich vielleicht zu erwarten sind.
Nach den bisherigen Berichten über die Unterredung von Poincare mit Lloyd George scheint es freilich, daß der neue fianzösische Ministerpräsident zunächst den Hauptwert auf den Schutzoertrag mit England legt. Wenn er von England noch verstärkte „Garantien" verlangt für das vermeintlich von Deutschland bedrohte Frankreich, so braucht uns das nicht aufzuregen, da wir an keinen Angriff denken und es den Engländern selbst ü^rlgssen, wie weit sie sich binden wollen. Für uns ist es von wesentlicher Bedeutung, daß wir einerseits den A u f s ch u b erlangt haben, der uns für die nächsten Monate vor Konfliklen wegen mangelnder Leistung bewahrt, und daß die Konferenz von Genua trotz der fianzösischen Krisis gesichert ist. Poincare will freilich nicht persönlich nach Genua reifen, aber das ist auch nicht nötig. Er wird den weltwirffchafilichen Entschlüssen der Konferenz schon Rechnung tragen müsien, wenn er nicht die volle Isolierung Frankreichs riskieren will. Frank- reich wird bald genug haben cm feiner veveinfamten Sonderstellung, die ihm schon jetzt den bedenklichen Ruf des Störenfriedes verschafft hat.
Demgemäß betracht^ man auch in England und in Nordamerika das Pariser Zwischmspiel mit Ruhe. Alle Well denkt, daß die französischen Nationalisten bei dieser höchsten und letzten Anstrengung bald die Gren- zm ihrer Kraft erkennen wehren und sich dann be- tjneron müssen zur Fortsetzung der weltwirtschaftlichen Behandlungen, die Lloyd George sorgsam in Gang zu pcmon sucht.
Bange machen gilt mchi.
Die Keparaiionsfrage.
Montag nachmittag fand in der Reichskanzlei die angekundigte Chefbesprechung über die Reparationsfrage statt. Än Her Sitzung nahmen der Reichskanzler Dr. Wirth und ms an der Frage beteiligten Minister teil. Dr. Rath en au erstattete Bericht über den Verlauf der Beratungen in Cannes.
Im Anschluß an diese Besprechung hielt der Reichsratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten eine Sitzung ab, in der der Reichskanzler das Wort nahm, um den Vertretern der Länder Mitteilung über die auswärtige Politik und insbesondere über die mit der Konferenz in Cannes in Zusammenhang stehenden Fragen zu machen. Die Ausführungen des Kanzlers waren vertraulich.
Seine Denkschrift des Reichsverbandes der deutschen Industrie.
Blättermeldungen, daß der Reichsoerband der deutschen Industrie zu der Konferenz in Genua eine Denkschrift über die wirtschaftliche Lage Deuffchlands ausarbeiten wolle, wird von der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" dahin richtig ge- stellt, daß der Reichsverband in dieser wie in allen bedeutsamen Wirtschaftsfragen Deutschlands Stellung nimmt, und daß er wie bisher auch fernerhin in jeder Hinsicht der Reichsregierung seine Hilfe leihen wird. Von der Ausarbeitung einer Denkschrift soll jedoch keine Rede sein.
„Es ist alles vergeblich bei ihm!" seufzte Gretchen. „Seine Entwicklung macht selbst der sonst so blinden und nachsichtigen Mutter schon schwere Sorgen. Anders wenigstens kann ich mir den Schatten nicht erklären, der nun leider feit ein paar Monaten über ihr lagert und keinem Zureden und Ausforfchen von meiner Seite weichen will. Sie ist jetzt auch schon von einem geheimen Kummer angefreffen, den ich mir nur aus der Sorge um Alfred einigermaßen deuten kann. Denn auf den Vater schwört sie noch wie früher . . ."
Sie brach ab.
„Es kommt jemand!" flüsterte sie und erhob sich rasch. „Lassen Sie uns gute Kameraden sein!" fetzte sie bei. „Die besten!" sagte er. mit Wärme und Bestimmtheit. Ihre Hände fügten sich dabei fest ineinander.
2. Kapitel.
Der alte Johann klopfte und trat ein.
lieber sein anscheinend teilnahmloses Gesicht flog es rate ein Heller Schimmer, als er die beiden jungen Menschen sah. _
„i^err Selstermann läßt Herrn Doktor hinunterbitten!" sagte er.
. . . Der Großkaufmann saß in feinem Kontorledertuhl und bot dem EiMretenden eine Zigarre an;
„2ch möchte Ihnen noch, ehe Sie das Haus verlasen, einen Beweis dafür geben," begann er, „wie ich Sie schätze und wie die Besprechung vorhin nichts daran geändert, im Gegenteil diese Empfindung noch gesteigert hat."
Dr. Weiß betrachtete ihn mit einem Gefühl erhöhter Aufmerksamkeit. Er hatte sich, während er die Treppe heruntergestiegen, energisch vorgenommen, das Wesen Selstermanns unauffällig zwar, aber auf das genaueste zu beobachten. Er wollte hier Wandel schaffen, wenn das überhaupt in eines Menschen Macht lag. Denn die ganze Familie war ihm mit seiner Liebe zu Gretchen tief in das Herz gewachsen, und er hielt sich für ihr Glück und Unglück mit verantwortlich.
„Ich wende mich an Sie als Juristen!" fuhr Selster- mann fort. „An Sie als Menschenkenner. Aber auch an Sie als Menschenfreund.
Gerade als Freund unserer ganzen Familie.
Der Parteitag bis Zentrums.
Die neuen Richtlinien.
Der Reichsparteitag der Zentrumspartei in Berlin nahm am Montag seinen Fortgang in einer geschloffenen Sitzung. Generalsekretär Dr. Katzen- berger sprach über die Parteiorganisation. Seit dem 15. Mai 1921 erscheint die Halb- monatschris! „Das Zentrum". Die Organisation der Zentrumsjugend läßt sich die Windthorst-Bewegung »'egen sein. Hand in Hand damit und im Anon einen Beschluß des ersten Reichsparteitages wird die Schulung und Erfassung des akademischen Nachwuchses betrieben und zu diesem Zweck ein Dezernat für Akademikerfragen im Reichsgeneralsekretariat errichtet. Auf Grund der Ausführungen des Referenten über die Notlage der Presse, die schon Gegenstand der Derhand- lungen des Augustinus-Vereins am Samstag ge- wesm waren, wird eine Kommission von Sachverständigen und Mitgliedern der Parteileitung gebildet, die einen praktischen Weg finden soll, der Presse durch wirtschaftliche Erleichterungen die ihr gebührende Stellung zu verschaffen. An das Referat Dr. Katzenberger schloß sich eine vertrauliche Aussprache.
Am Montag nachmittag referierte unser Fuldaer Landsmann Emil Ritte r-M.-Gladbach über die
neuen Richtlinien der Zentrumspartei.
Emil Ritter ging davon aus, daß das Zentrum bis zum Jahrs 1918 überhaupt kein Programm im Sinne einer Kodifikation der Ziele ttnö Forderungen gehabt habe. Erft durch die Beschlüsse des Reichspartettages von 1920 ist eine neue Fassung des 1918 amsgeaibesteten Entwurfs von Richtlinien der Zentrumspartei angebahnt worden. Das Ergebnis der Arbeit der hierzu berufenen Programm- kommisiion liegt jetzt dem Parteitag vor. Die Richt- limien find in zwei große Abschnitte eingefeilt; der erste umfaßt die Grundsätze der Partei, der zweite ihre Stel- Rung zu den pro!Äschen Tagesaufgaben. Die leitenden Ideen der Zentrumspartei sind, so führte der Referent aus, mit dem Wesen der Partei gegeben. Das Zentrum ist eine Partei, in der die Weltanschauung zum garte ibildenden Prinzip geworden ist, sie ist eine Gesinnmigsoemsmschast auf positiv-christlicher Grundlage. Dieses Lebensprinzip ist in den Richtlinien Kor aus- gedrückt. Zum reinen Prinzip tritt aber auch die Tradition der Partei als bestes Erbstück, die natürliche Ver- rouitjetetg in Volk «und Vaterland, das Natioralbewußt- stln. Die Gssmmmgsgcmomfchaft des Zentrums wurzelt ebenso tief in der deutschen Dolksart und im deutschen Schicksal, wie in der religiösen lleberymgtmg. Um alle Ziele der Gegenwart festznsteüen, muß ober auch die innere Struktur, die Zuscmrmensetzrmg der ParteigesEt- beit, mit entscheiden. Das Zentrum ist eine Partei des Volkes ohne jeden Klassencharakter. Der Einleitrmgssatz der neuen Richtlinien zeigt neben dem Bekenntnis zum christlichen Prinzip die bewußte Zugehörigkeit zur deutschen Volksgomeiinschast. Die nationale (Erneuerung, die Wiedergewinnung innerer Kraft und äußerer Freiheit, die Selbstbehauptung und Selbstbesinnung des deutschen Volkes gilt der Zentnumspartei als Zentrch. arifga.be der deutschen PoStsik. Sie ist entschlossen, diese Ausgabe nur m Ue'oereinstinmMng mit den sittlichen Grundsätzen des Christentums zu lösen. Sie lehnt den nationalistischen Egoismus nNd den brutalen Machtgedanken ab und hält an der christlichen Idee der friedlichen Dölker» fantifie fest, die den Triumph des Rechts über die bloße Macht voraussetzt.
Jnnerpolitisch geht die Partei von einer durchaus positiven Staatsauffassung aus. Nach Prinzip und nach Tradition ist das Zentrum eine„Berfasiungspartei". Es achtet die Staatsform, die Staatsordnung, auch wenn sie nicht seinen eigenen Idealen entspricht. Nur eine Grenze der Staatsgewalt halt es fest: Das natürliche Recht und das göttliche Gesetz. Das Volk muß in feiner Gesamtheit und in feinen einzelnen Schichten am Staate beteiligt sein, es muß den Staat als seine ureigenste Sache ansehen. Nach fester Zentrumstradition ist die Reichseinheit die wichtigste Vorbedingung für die
staatliche Lebenskraft unseres Volkes. Ebenso traditio- nell ist die Ablehnung der zentralistischen Tendenz, die schonende Rücksicht auf das Eigenleben der Lander. Stärker noch als bei den staatlichen Problemen kommt das christliche Prinzip der Zentrumspartei bei den f o- zi alwirtfchaftlichen zur Wirkung. Der positive Eharakter der neuen Richtlinien bedeutet die grundsätz- liche Rechtfertigung der individualistischen Auflösung der Gesellschaft, der liberal-kapitalistischen Anarchie der Wirtschaft und der sozialistischen Mechanisierung des Er- werbslebens. Die Zentrumspartei will die unentrinn- bare Gegenseitigkeit der Schichten und das Volk zur bemühten Gemeinwirtschaft, zur Solidarität erheben. Aus dem Boden der Solidarität soll dann die Wirtschafts, orbnung stehen ,bie sich, beschränkt durch das Gemein- schaftsleben, Bindung durch die Solidarität gefallen las- fen muß. Die Partei erkennt das wirtschaftliche „In- teresse" des Einzelnen als fruchtbaren Antrieb der Wirtschaft und das Privateigentum als Grundlage des Er- werbslebens an, aber auf dem Boden der Solidarität müssen alle Träger der Produktion, die aus- führenden Kräfte sogut wie die unternehmenden, an der Wirtschaft interessiert werden. Das Zentrum will „Gefahren einer Uebermacht des Kapitals weit- gehend vorbeugen", es ist bestrebt, „die Zahl der Eigentümer ständig zu mehren", es hält „eine große Anzahl leistungsfähiger Gigenbetriebe für eine wirtschaftliche und staatspolitische Notwendigkeit" um des gesunden wirtschaftlichen Aufbaus willen. In der gleichen Richtung will die Zentrumspartei soziale Politik in engerem Sinne führen. Wirtschaftliche und soziale Politik sollen ein untrennbares Ganzes bilden. t
Als Krönung des grundsätzlichen Teiles der Richtlinien sind die' kulturpolitischen Abschnitte ge- dacht. Aus historischen und prinzipiellen Gründen sieht« die Zentrumspartei nur die christlich-deutsche Volkskultup als lebensfähig an. Daraus erwachsen von selbst die kulturpolitischen Aufgaben: Bewahrung der christlichen! Kulturüberlieferung im deutschen Volk, Hochhaltung der Religion und Kirche im Volksleben, Schutz der Volks-^ sittlichkeit und der christlichen Familie, Erziehung des jungen Geschlechts in Geist und Hebung des ümisUichen Glaubens. Das alles unter Wahrung der verfafsungs- mäßigen Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und Un- terrichtsfreiheit, d. h.: die Zentrumspartei wird bei aller Entschiedenbehit der Verfolgung dieser aktiv-christlichen Kulturpolitik die Toleranz als unverbrüchliche Regel des bürgerlichen Zusammenlebens hochhalten.
। Im Anschluß an das Referat wurde der Programm- entwurf auf Grund der dem Parteitag vorliegenden Borschläge einstimmig bewilligt. Er soll in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.
An die gffchlosienr Sitzung des Reichspartcitages schloß sich eine Tagung des Reichsoerbandes" der Windthor st Kunde an.
In einer Sonderversammlung der Akademiker am SoimtagabM im Plenarsitzungssaale des Reichstages! sprach Abgeordneter Dr. L a u s ch e r in überaus fesselnder Weise Über das Thema: Der Akademiker^ und die neue Zeit.
Am Dienstag wird anstelle des Reichstagsabgeord- neten Dr. Saas, der ursprünglich als Referent in Aussicht genommen war, der Vorsitzende der Zen-, trumsfraFtron des Reichstages, Abg. Marx, über di>: Idee und die Ziele des deutschen Zentrums sprechen.
Bus Sem besetzten Gebiet.
* Der verbotene Reichsgründungstag. Die inter- alliierte Rheinlandkommission bat jede Kundgebung und Feierlichkeit anläßlich des Gründungshages des Deutschen Reiches im besetzten Gebiet verboten. Mit Recht bemerkt dazu die „Franks. Zig.": Im dritten Jahr des Friedens, nach vollkommener Entwaffnung Deutschlands, ist die Sicherheit der bedauernswerten Besatzungstruppen offenbar noch so wenig stabilisiert, daß sie durch feindliche, nationale Feiern der deutschen Bevölkerung am Rhein gefährdet werden formte. Es ist verwunderlich, daß man noch nicht so weit gegangen ist, im nationalen Charakter des Rhein- lands selbst eine Gefährdung der Truppensicherheit zu sehen.
Die Bitte, die ich an Sie richten möchte, würde federn anderen gegenüber eine unbescheidene sein. Bei Ihnen stellt sie einen Vertrauensbeweis dar, von dem ich annehme, daß Sie ihn begrüßen.
Mit kurzen Worten gesagt, handelt es sich um fol- gendes: Meiner Frau kommen in ihrem Zimmer aus ihrem versperrten und sorgfälttg verwahrten Schreibttsch seit drei Monaten je knapp nach dem Ersten von dem Wirtschaftsgeld zu dreitausend Mark, das ich ihr be- händige, nun jedesmal tausend Mark weg. Der Dieb ist zweifellos ein intimer Kenner der Verhältnisse. Denn nur ein solcher kann in Betracht kommen, da nur ein solcher den Verwahrungsort, den Auszahlungstermin und die Möglichkeit beherrschen kann, sich Zutritt zu verschaffen.
Meiner Frau und mir fehlt, wie ich Ihnen aus- drücklich bemerken möchte, aller und jeder Anhaltspunkt für die Auffindung des Täters. Es besteht auch nicht der geringste Verdacht gegen irgend eine Person. Im Gegenteil, jene Personen, die in unserem Hause bedien- tet sind, besonders die alten und bewährten Familiendiener, die Sie ja selbst kennen, sind über jeden Verdacht erhaben."
Dr. Weiß hörte diese Darlegungen mit wachsendem Erstaunen. Nach dem, was er eben vorhin von Gretchen vernommen, mußten ihn gerade solche Enthüllun- gen innerlich auf das tiefste in Anspruch nehmen. Er beherrschte aber diese Erregung mit starker Willenskraft und fragte ruhig: „Und jeder Irrtum ist nach Ihrer Frau Gemahlin und Ihrer eigenen Meinung voll, kommen ausgefchlosien?!"
Selstermann schien eine Minute die glühende Aschen- spitze feiner Zigarre zu betrachten.
„Vollkommen!" sagte er dann.
Er wartete einige Sekunden.
„Das heißt," setzte er langsam bei, „so vollkommen, wie eben der Irrtum, die Selbsttäuschung im mensch- lichen Leben als ausgeschlossen gelten kann.
Ich halte Sie für einen feinen Psyochologen, Herr Doktor.
Ich glaube, daß Sie eine ganz besondere Kraft be- sitzen, nicht bloß durch Wißen und Studium, sondern a>>k Grund natürliche'' Veranlaouw» ’n fcu * tp"'
hineinzuschauen und aus ihnen herauszulesen, was in ihnen verborgen liegt.
Nicht auf der Oberfläche, sondern in einer oft sehr verschlossenen und dem gewöhnlichen Sterblichen unzugänglichen liefe.
Sie kennen insbesondere, wie ich aus Ihren Berner« Jungen über mein eigenes Kind entnommen habe, die Frauenseele.
Unser Gretchen ist kein einfacher Charakter. Sie ist ein tiefgründiges Wesen. Das Gleiche nehme ich für meine Frau in Anspruch.
Was da für psychologische Möglichkeiten sind, ich weiß es nicht.
Ich verstehe mich als einfacher Kaufmann, als ein Mann realer Wirklichkeiten, trockener Zahlen viel zu wenig darauf, als daß ich mir irgend ein Urteil an- maßen möchte. Das muß Ihre Sache sein, wenn Sie sich mit der ganzen Angelegenheit überhaupt befafjen wollen. Ich würde allerdings darin einen Beweis besonderen Vertrauens sehen und würde es Ihnen hoch anrechnen, wenn Sie die Lösung des Rätsels versuchen, wenn Sie gar sie finden würden — finden wenigstens in dem Sinne, wissen Sie, daß meine Frau, die sich sehr hierüber beunruhigt, davon befriedigt und wieder zu ihrer Ruhe gelangen würde!"
„Ich danke Ihnen!" sagte Dr. Weiß. „Ich bin Ihnen doppelt dankbar gerade in der Stunde, daß Sie mir eine Sache übertragen, die ich, wie Sie selbst sagen, nur als den Beweis besonderen Vertrauens auffassen kann. Ich darf mit Rücksicht auf die Natur der ganzen Angelegenheit das gleiche Derttauen auch bei Ihnen voraus- etzen und für mich erbitten. Und aus diesem Vertrauen heraus ertaube ich mir eine Frage, die Sie mir, bitte, nicht verübeln wollen!"
„Keine!" sagte Selstermann und schaute ihm vosi in das Gesicht. „Was wollen Sie wissen?"
„Ist Ihr Sohn außer allem Zusammenhang mit de» Sache?" erwiderte Dr. Weiß schnell und bestimmt.
„Mein Sohn?"
Selstermann schaute den Fragenden mit einem Blick Hellen Entsetzens an.