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Fuld aer Zeitung

Amllicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

nr. 12.

Veranlwortttctz tür Cen leoauionetlen Teil L V.: 21. Weßler, " für die Anzeigen: I. ParzeUer-Futva. - Rolationsdruck u. Bering der Fuldaer Äüiendruckerei in Fulda. ?ternlpred)er Nr. 9. Telegr.-Adreise: Fuldaer Zeitung.

Dienstag, 17. Januar 1922.

Bezugs preis: Monaili» 6.0J Zilt. zugestellt frei ins Haus- - Abgehou in der Gejchäftsst.lle 5.50 Mk. := Aazeigeu: Kleinzeile nachüvonri I Mk.. auswärts 1.50Mk. Äeklamezeite (L»N»rrste1 nach Colone maß 4 Mark.

49. Zahrg.

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Der WGitteittz ta 3atrmiyutä

Der Reichsarbeitzminijter über die Lage.

Als Auftakt zum Reichsparteitag des Zentrums tagte am Samstag ter Augustinus-Verein zur Pflege ter kaihäischen Presse im Reichstag. Die Müglieder hatten sich in großer Zahl eingefunden. Zu­nächst wurtvn geschäftliche Angelegenheiten erledigt.

Dann erstattete Hauptredakteur Dr. H oe be r (Köln) ein ausführliches Referat über die Lage unserer Partei- presse, ihrer Aufgaben und ihrer Vertretung in Partei und Parteiorganisationen, über ihre steuerliche Bela­stung sorvll über die umstrittene Frage der Theater- und Kino-Anzeigen. Die von ihm vorgelegten Richtlinien Wer die Behandlung der Kino-Anzeigen wurden an­genommen.

Im Mittelpunkte der Tagung stand eine ausführ- kiche Rede des Reichskanzlers Dr. Wirth über t« politische Lage. Der Reichskanzler gab eine übersichtliche Darstellung der politischen Geschichte seit der Annahme des Ultimatums und kennzeichn>:te hierauf die Lage, wie sie sich augenblicklich darstellt. Der Rede folgte einstimmig: starke Zustimmung der An­wesenden. Abends sand eine Begrüßung für den Par­teitag in den Restaurationssälen des Reichstages statt.

Die Verhandlungen des Parteitage begannen Sonn- Lag vormittag im großen Saal des Reichstages. Unter Den Anwefcnden bemerkte man den Reichskanzler Dr. Wirth, Reichsarbeitsminister Dr. Brauns, Reichspoft- ininister Giesberts, Reichsfinanzminister Dr. Hermes und den früheren Reichskanzler Fehrenbach. Präsident Dr. P o r s ch begrüßte die Amoefendrn und gedacht«: zunächst der Toten der Partei. Seit der Hoerschau Pom Januar 1920 so führte er aus habe das Zentrum bei drei Kabinettsbildungen den Kanzler zu stellen gehabt. Der Parteitag, der beim Zentrum unzweifelhaft eine höhere Bedeutung habe, als sie den entsprechenden Einrichtungen der anderm Parteien zu- konrme, werde von der Arbeit aller Instanzen Rechen­schaft erhalten, die von ihm Vertrauen erbäten. Zwei Ziele stünden dem Parteitag vor Augen: klare Ziel- setzung für die e i g e n e Arbeit, die die christkicho deut­sche Volksgemeinschaft arrstorbe, und vorurteilslofts aus- richtiges Zusammengehen mit allen Deutschen, die die Verfassung anerkennten und schützten und die ge­willt seien, auf ihr als Grundlage eine opferbereite deutsche Volksp.nneinschaft aufzubauen.

Zu Vorsitzenden des Parteitages wurden dann Dr. Porlch und der Vorsitzende der Zmtrrrmsfraktion des Reichstages, Abg. Marx, gewählt. Abweichend von der ursprünglichen Tagesordnung, dir ein Referat von Marx über die allgemein« politische Lags und den Rechenschaftsbericht der Zmtrumssraktion vorgesehen hatte, erteilte Dr. Porsch dem Reichsarbeitsmi- nister Dr. Brauns das Wort 'zu einem groß an- Solegten Referat über die

politische und wirtschaftliche Lage Deutschlands.

Deutschlands politische Lage so legte Dr. Brauns bar hängt heute mehr als je von seiner Stellung und seiner Geltung in der Welt ab Ungeachtet aller Ereignisse der letzten Wochen ist unsere außenpolitische Lage nach wie vor sehr ungünstig. Wir find lei- der in der Hauptsache immer noch Gegenstand der Welr- politik oller übrigen Böller, aber nicht selbst Tröger weltpolitischer Entwicklung. Dadurch, daß England an der politischen Entmannung Deutschlands sich betet* ligt hat. hat es seine eigene militärische und politische Schwächung und die militärische Herrschaft Frank- r e i chs herbeigeführt. Deshalb ist auch heute Frank­reich nicht mehr das allgemein bemitleidete Boll rote nach Beendigung des Krieges; Frankreich muß sich heute porsehen, politisch nicht noch mehr zu vereinsamen. Eine

GreßkaufMnn SePermann.

Don Wilhelm Herbert, München.

51 -___________

1 Man hörte, daß er ein Spieler gewesen, ein Lebe- nann, der mit einem leichtfertigen Frauenzimmer Geld »ergeudet hatte er verschwand aus der Stadt und mirde vergesien, ein Gegenstand ebenso tiefer allgemei­ner Verachtung unter den Altersgenossinnen, wie er stuher ihre höchste Schwärmerei entfacht hatte. Das- oar ja wohl die gesunde Reaktion in ihren frischen, dem lnchten Sinn des Lebens glücklich zugewandren Ge- tiüfem.

Mr mich kam es anders.

2ch war mißtrauisch geworden. Ich glaubte nicht »ehr an das Glück.

Unld ich begann zu beobachten. Ich begann zu be- viachtcn im eigenen Heim und Haus.

Ich sah unruhige, lauernde Blicke bei meinem Da­ta. womit er die Mutter anscheinend unbemerkt aus­faschte, wenn sie am allerwenigsten daran dachte.

Ich sah nach langem nächtlichen Ausbleiben in seinen Sitzungen, in seinen Gesellschaften Anzeichen des lieber» drilsses, des künstlichen Dortäuschens einer Unbefangen- h-t a" ihm, die mir früher nie aufgefallen waren.

Ich bemerkte bei solchen Gelegenheiten sorgenvolle, vorwurfsvolle Blicke unserer alten Bediensteten, mit denen sie, wenn sie sich unbelauscht wähnten, an seinem Gebaren hingen, feine Worte verfolgten.

Ich nahm wahr, daß er log. Ach, es handelte sich meist nur um Kleinigkeiten, um ganz unbedeutende Dinge des täglichen Lebens. Aber diese kleinen, hier und dort achtlos hingestreuten Unwahrheiten, die or! leicht außer mir niemandem auffielen jedenfalls meiner Mutter nicht verdichteten sich für mich all­mählich zu einen: stleier, der sich mir über die Sonne legte, der seinen i ..rotier verdunkelte und färbte.

Dann kam ich einmal dazu, wie ein bösartiger und gemeiner Mensch, den er mit Reckst aus dem Geschäft entließ, noch dem Weggang des ganzen Personals, als ig den Baier gerade tum Abendstfch rufen wollte, zu

neue politische Weltlage ist entstanden, die auf die Stellung der Welt zu Deutschland und umgekehri günstiger einwirken muß, als es der Versailler Vertrag beabsichtigte. Die Einstellung unserer Außenpolitik aus die Durchführung des Londoner Ultima tum 5 bis zu den Grenzen des Möglichen war richtig. Das Zustandekommen der Konferenz von Cannes ist ein Lichtblick, der auch durch den augenblicklichen Sieg der Chauvinisten in Frankreich nicht ganz und gar verdun­kelt werden kann . Es war zu erwarten, daß in Cannes unsere Reparationsverpflichtungen auf ein einigermaßen erträgliches Maß zurückgefühlt werden würden. Und doch sehe ich darin nur eine vorläufige Erleichid* rung unserer Gesamtlage. Ein sogenannter Garantie- vertrag zwischen Frankreich und England braucht uns nicht zu beunruhigen, beim auf dem Boden eines sol­chen Abkommens wäre eine gewisse Entspannung der Nachkriegsatmosphäre möglich. Daß Frankreich ge­rade diesen Vertragsentwurf mit einer Regierungskrise beantwortet hat, kann uns wohl vorübergehend Schwie­rigkeiten bereiten, doch wird sich Frankreich auf die Dauer mit dieser Politik nur selbst schaden. Wir wüsten jetzt eine Politik der Geduld und der weisen Mäßigung treiben. Auch in den weltpolitischen Vorgängen gibt es eine organische Entwicklung, deren Ergebnisse man nicht gewaltsam vorroegnehmen kann, weder durch selbstbewußte nationalistische Reden und Proteste, noch durch neue Putsche oder phantasii^.' Kriegsplane. Wir sagen auch nicht: ..Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heißt!" Für uns bedeuten Nation und deutsche Kultur die Ergebniste einer mehr als tausendjährigen Geschichtel (Beifall.) Diese für uns natürlichen Bande zu pflegen und fester zu knüp­fen ist unsere religiöse Pflicht. Wir unterscheiden je­doch zwischen nationalem und nationalistl» f ch e m Denken, zwischen vaterländischer Pflichterfüllung und alldeutschem Chauvinismus!

Dr. Brauns ging dann auf die Fragen der inne­ren Politik ein: Unsere. Wirtschaft krankt vor alle-- daran, daß wir mehr verbrauchen, als wir er» zeugen: Der Mehrverbrauch kommt deutlich in d-> Zahlungsbilanz zum Ausdruck. Ein anderes schwere, Uebet der deutschen Wirtschaft ist die ewig schwankende Valuta, deren Stabilisierung nicht allein von uns ab bangt Große ausländische Kredite können wir nicht erhalten, wenn nicht die bisherigen Diktate der Ent' abgeändert werden. Ich hoffe, daß die geplante Welt- wirtschaftskonferenz diese Zusammenhänge erkennen und darauf ausbauend Reformen zum Sen­der ganzen Welt bringen wird. Wir müssen bemüht fein, die Produktivität unserer Wirtschaft zu erhöhen. Ich halte aber die Art und Weise, wie in einer gewissen Zeitschrift der Arbeitgeber die Frage des Acht­stundentages behandelt worden ist, nicht für ge- rabe sehr glücklich Meine Parteifreunde und ich sind der Ansicht, baß bas Zentrum keinen Anlaß hat, vom Achtstunden-Slrbeitstag abzugehen. Wir müssen aber oer- langen, baß der Achtstunden-Arbeitstag nicht bloß al» ein Recht, sondern auch als Arbeitspflicht aufgefaht wird! Das Ergebnis der ersten Lesung der neuen Steuergesetze im Ausschuß entspricht nicht dem Bedarf des Reiches. Die Wählerschaft des Zentrums wirb schließlich bereit fein, das zu bewilligen, was die Regierung als unumgänglich bezeichnet. An eine Erfül­lung des Londoner Ultimatum allein auf dem Wege der Steuerreform können wir allerdings nicht denken. Die Frage der (Erfaffimg der Sachwerte war bisher hart umstritten. Das Zentrum wird bereit sein, den­jenigen Dolkskreisen, die immer wieder für die Erfastung der Sachwerte eintreten, nach Möglichkeit entgegen« zukommen. Wir leugnen nicht, daß der Staat un­ter Umständen bas Recht hat, in die Substanz des Vermögens einzugreifen, über dieser Eingriff hat feine Grenzen. Er muß zeitlich beschränkt sein und einer wirklichen Sanierung der Wittfchast die­nen. Die so erzielten Werte in ein Faß ohne Boden zu werfen, rote es unsereReparationsoerpflichtungen sind, kann man niemand zumuten; dafür sind auch wir nicht zu haben! Ich glaube, daß durch Ausgestaltung der

ihm m fein Privatkontor drang und sich dort eine Sprache gegen ihn erlaubte, die für mich unerhört war in ihrer drohenden, hämischen frechen Form und ihrem kühnen Inhalt . . .

Es tat mir in tiefster Seele wohl, als ihm mein Vater ruhig, eisig und energisch entgegnete.

Ich wollte nicht lauschen und ging nach den wenigen unklaren Sätzen, die ich bei der offenen Tür vernom- men hatte.

Da bannte mich eine Wahrnehmung an die Stelle, die mich auf das heftigste erschreckte. Sie lähmte mich geradezu.

Der entlassene Bedienstete stieß in höchster Wut ein paar Worte heraus, die ich nicht verstehen konnte. Aber ich fühlte, daß sie den Gipfelpunkt seiner kecken und drohenden Bemerkungen darstellten und daß sie eine entehrende Erpressung enthielten, wie sie nur die tolle Leidenschaft eingeben kann.

Ich drückte mich in den Mauereinschnitt des Ganges, weil ich erwartete/ daß sich im nächsten Augenblick die Tür öffnen, und mein hin und wieder jähzorniger kräf­tiger Vater den Burschen mit elementarer Gewalt her- ausschleudern würde.

Einige Augenblicke war es ganz still. Mir klopfte das Herz.

Jetzt vernahm ich die Stimme meines Vaters wie­der.

Sie war merkwürdig leise und gedämpft, ja, ich möchte sagen, beinahe gütig und bittend.

Er redete dem Menschen zu er unterhandelte mit ihm.

Mir stand Verstand und Herz still. War so etwas möglich? Möglich bei dem stolzen unnahbaren Wesen, das mein Vater sonst seinem Personal gegenüber zeigte?! Möglich einem solchen unwürdigen, verbreche­rischen Eindringling gegenüber, der unter Schimpf und Schande entlassen worden war?!

Ich flüchtete mich vor meiner eigenen Neugierde in mein Zimmer. Ich schämte mich meines Vaters und seiner Ohnmacht, die in nichts anderem als in einer mir nicht näher erklärlichen Schuld ihren Ckunb haben konnte.

Besitz steuern unter Einbeziehung des Rot- Opfers diese Frage sich wird regeln lassen.

Minister Brauns ging bann sehr ausführlich auf bte Arbeit des Zentrums auf bem Gebiet der Sozialpolitik sowie des Wohnungs- und Siedlungswesens ein und fuhr bann fort: Die Zentrumspartei hat sich stets de- müht, der Regierung eine möglichst breite Basis in der Volksvertretung zu schaffen. Waren diese Bemühun­gen nicht immer erfolgreich, so lag die Schuld nicht an uns. Eine Regierungskoalition muß derart zusammen- gesetzt fein, daß sie arbeitsfähig ist natürlich unter der Voraussetzung, daß alle Beteiligten sich ein­mütig und aufrichtig auf den Boden der bestehenden Verfassung stellen. Eine Wiebergesundung des Reiches ist herbeizuführen durch die Stärkung der Staatsautorität, besonders im Reiche selbst. Jetzt finden wir hie und da einen gewissen Gegensatz und Kämpfe zwischen Staatsorganismus und Wirtfchafts- organismus. Uns liegt es fern, die Bedeutung der Wirtschaft für den Staat zu verkennen, aber die führen­den Männer der Wirtfchaft dürfen noch ebensowenig die Bedeutung eines starken Staates und einer starken selb­ständigen Regierung übersehen! Es ist dringend not­wendig, daß sich unsere wirtschaftlichen Drganifaticnen bei ihrer unvermeidlichen Auseinandersetzung mit ftaar- lichen Behörden einer größeren Rücksicht nähme befleißigen, denn der Staat ist kein bloßes Wirtschaft», inftrument er hat höhere Aufgaben. Das Zen­trum hat vollkommen recht, wenn es gegen die Politik der Extreme mit aller Macht anfämpft und es ist dies eines feiner größten Verdienste um Deutschland in den schweren Tagen der Gegenwart. Wer es ehrlich mit dem Wiederaufbau Deutschlands meint so schloß Dr. Brauns seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen, der darf sich ebensowenig nur an der Vergangenheit orientieren, wie am Radikalismus unserer Tage, er mutz sich vielmehr auf Grund der Um- wAzungen unserer Zeit bamühen, neue Formen zu finden, die den Gegensatz zwischen früher und heute ausgleichen und den Aufbau eines neuen einigen starken deutschen Volkstums ermöglichen.

In der A u S s p r a ch e wandte sich Fabrikant Pfeifer (Elberfeld) gegen die Reichspoftverwaltung. Wenn eS wahr sei, daß 30 bis 35 Prozent der Beamten ständig krank seien und daß die Beamten erst am fünften Tage ein Krankheitsattest einzureichen brauchten, dann sei eS unerklärlich, wie ein Reichsminister eine derartige Wirtschaft verantworten könne. Minister Graf (Stutt­gart) klagte darüber, daß der Vereinheitlichungsgedanke, so erstrebenswert er an sich sei. Formen annehme, die man bedenklich finden könne.

Der frühere Reichskanzler Fehrenbach dankte humorvoll für die Glückwünsche zu seinem siebzigsten Geburtstag und äußerte sich zur Frage der Koalition s- Politik. Man sollte glauben, sagte er u. a daß die Not deS Vaterlandes alle Deutschen gu gemeinsamer Wiederaufbauarbeit vereinen würde, ä'ieine Regierung und ich haben uns früher jede berechtigte Kritik gefallen lasten. Aber wenn man eine gewisse Presse lieft, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, daß alle Hand- lungen der Regierung mit hämischer Schadenfreude, mit ätzendem Spott in Grund und Boden kritisiert werden. Ein solches Vorgehen kann einen nur mit Ekel erfüllen! (Lang anhaltender Beifall.) Dr. Bauer (Konstanz) beklagte sich darüber, daß in den eigenen Reihen des Zentrums vielfach zerfetzende Kritik an der Tätigkeit der Führer in Staat und Reich, besonders in der Frage der KoalitionSpoirttk, geübt werde. Man behaupte sogar, das jetzige Zentrum sei nicht mehr das a Ite Zentrum. (Zuruf: Reiner Unsinn!) Diesen Kritikern möchte ich den Rat erteilen, die Grund­sätze der alten Zentrumsführer zu studieren. Was hätten diese Bührer an unserer Stelle seit dem 8. November 1918 grmacht? Nichts anderes, als was die Zentrumspartei in Staat und Re:ch unter FehrenbachS und WirthS Führung getan hat!

Im weiteren Verlauf der Aussprache ergriff Reichs- ernährungSminister Dr. Hermes das Wort, um zu der von einzelnen Rednern an dem Umlagever- fahren geübten Kritik Stellung zu nehmen. Die Landwirtschaft müsse berücksichtigen, daß wir uns in einer Zeit des UebergangS zur freien Wirtfchaft befänden. Da, wo besonders schwierige Verhältnisse vorlägen, wie z. B. im Rheinland, sei bereits eine Revision der Umlage eingeleitet worden. Ob man das Umlageverfahren auch tm kommenden Wirtschaftsjahre beibehalten werde, lasse sich heute unmöglich voraus-

Don meinem Fenster aus, das, wie Sie wissen, in die Nebenstraße mündet, sah ich einige Zeit nachher den Gauner, wie er sich gemächlichen Schrittes, die Hände in den Hosentaschen, entfernte, wie er bann stehen blieb, einen hämischen Blick am Hause heraufwarf, einige Banknoten aus seiner Rocktasche zog, sie befrie­digt zählte und langsam weiterschlenderte.

Ich wußte nicht, was geschehen war. Aber ich wußte, daß mein Vater ihm sein Stillschweigen in irgend einer schimpflichen Sache abgetauft hatte, daß er sich für den Augenblick Dinge vom Halse geschafft hatte, die nicht wir, nicht die Mutter, wahrscheinlich kein Mensch kennen durfte.

Als er nachher zum Essen tarn, sah ich deutlich, wie sein Blick prüfend über meiner Mutter Gesicht flog, und dann über das meine, auf dem er nur einen Gedanken lang ruhte. Denn mir mißtraute er damals noch nicht.

Heute mißtraut er mir!

Ich habe ja leider nicht immer sofort die häßliche Kunst der Verstellung ganz so in meiner Macht, daß er nicht schon hin und wieder nach derlei Beobachtungen , in meinem Gesicht Spuren des Miterlebten hätte erken- nen müssen . . ."

Ja, und was ist es, was hier vorgeht?" fragte Dr. Weiß, den diese Enthüllungen erschütterten. »Was ist der tiefere Grund dieser Handlungen Ihres Herrn Da- ters?"

Ich weiß es nicht!" entgegnete Gretchen.Sonst wäre ich längst zu ihm gegangen und hätte auf jede Gefahr hin offen mit ihm gesprochen Mir fehlen zu einem solchen Kampfe gegen die Leidenschaft, die ihn sicherlich beherrscht, die Zusammenhänge, die Kenntnis der Beweggründe, die allein eine Aussicht aus Erfolg versprechen könnte, wenn hier ein Wandel und eine Verhütung de, Aeußersten überhaupt noch möglich ist. Aber ich habe die Ueberzeugung, daß er von einem Triebe beherrscht wird, der seine Ruhe und seine Ehr­lichkeit vernichtet hat . .

Seine Ehrlichkeit!" wiederholte Dr. Weiß.Ein fürchterlicher Gedanke für ein Wesen, dem so wie Ihnen Ehrlichkeit das oberste Gesetz des Denkens und Han­delns ift*

sagen. Auf jeden Fall werde man aus den Erfahrungen^ lernen und caS System so veredeln, daß die Land­wirtschaft weniger Anlaß zu Klagen habe. Die Brot- Preiserhöhung sei unbedingt notwendig gewesen, da das Reich unmöglich l'J bis 18 Milliarden SZatZ art. Zuschüssen jährlich ausbrrngen könne. Was die Steuer», frage betreffe, so müsse man offen ausfprechen, daß. der Steueroerwaitungsapparat im Reiche nicht funltic« niete. Gerade die Kreise der Linken, die darüber' klagten, daß zunächst nur die Lohnempfänger belaßet wurden, müßten dafür Verständnis haben, daß es an der Zeit sei, mit neuen Stevergesetzeu aufzuhören und ein gesundes Verhältnis zwischen Steuergesetzgebung' und Steuerapparat zu schaffen. Wir werden uns Dafür ernsetzen müssen, daß die Steuern, die jetzt dem Reichs­tag öorliegen, m einer erträglichen Form vcrab- schiedet werden und daß eine möglichst breite Mehr- heit für sie gewonnen wird!«

Das Schlußwort sprach Retchsarbeitsministrr Dr. Brauns. Dm Minister versicherte, daß die Zen-i trumspartei auch für die wirtschaftlichen Imeressen ter etn^elnan Stände volles Verständnis habe, daß aber die SiandespoMk hinter bem großen Gesichtspunkt zurück- treten müsse, daß zuerst einmal das Reich gefunbär müsse.

Der Parteitag nahm dann einstimmig eine von dem Abgeordneten Joos (M.-Gladbach) eingebrachte

Entschließung

an ,in der der Parteileitung und Reichstagssraktirm das vollste Vertrauen ausgesprochen wird und in der sich die Parlli mit der Politik der Regierung als einer Politik der Klugheit und der Mäßigung rückhaltlos einver­standen erSärt. Die Partei so heißt es in der Resolution weiter empfindet es mit hoher Genug­tuung, daß die Führer der Zentrumspariei in ban1. schwersten Augenblicken an verantwortungsvoller Stelle ausgeharrt haben. In der Erwartung, daß die bisherige Finanzpolitik energisch weiter geführt wird, wird als das Gebot der Stunde eine Politik der Mitts gefordert, mit entschiedener Abweisung der einseitigen politischm Richtungen von rechts und links. Am Montag erfolgt die Weiterberatung.

Vie politische Lage in Frankreich macht das Mitglied der französischen Kammer und der sozialistischen Frakrion Pierre Renaud et in der Samstagairsgabe derFreiheit" zum Gegenstand einer eingehenden wie auch interessanten Betrachtung.

Es ist bekannt, daß Renoudel sich zurzeit in Deutsch­land aufhÄt, weil er als Vertreter der französischen Radikalsogialrstm am Parteitag der Unabhängigen in* Leipzig teilnahm. Wie er selbst also im Eingang seiner Ausführungen sagt, sei er nur imstande gewesen, aus den Zeitungen seines eigenen Landes die in Parts emgetreienen Ereignisse kennenzuiernen und aus der Entfernung die Äschchmsse zu beurteilen. Nichts destoweniger ist das, was er zu sagen hat, durchaus be* achtenswert.

Dem scheidenden Ministerpräsidenten stellt er du» Zeugnis aus, er habe sich sicher Mühe gegeben, ange- jichls der europäischen Schwierigkeiten eine Politik ge­schickter Anpassung zu treiben. Bei diesem fernem Unter­nehmen sei er tmrch das Parlament des nationalen Blocks nur sehr mangelhaft unlerstützt worden, i Nach Renaudels Ueberzeugung ist die Krise in Frank­reich aber vornehmlich durch die Stellungnahme des gegenwärtigen Präsidenten der Re­publik verschärft worden. Renaudel weist also auf eine aktive ^Beteiligung des französischen Präsiden ton Mil­lerand, die sich hinter den Kulissen abgespielt haben muß, mit ziemlicher Deutlichkeit hin. Daß Brirrnd ohne Abstimmung des Parlaments von seiner Stelle gewi- chen ist, findet durch Renaudel eine einleuchtende Er­klärung, Er habe seine persönliche politische Stellung in Takt hallen wollet:, ja ihn habe vielleicht der Gedanke an die Zukunft beeinflußt. Denn Briand wisse schr wcchl, daß diese Karnrner dein ewiges Leben habe und haß die nun folgende Feststellung dürste besonders interessant sein bte Kammer sich von dem gegen- wärtigen Lugercklick an in einem tiefen Gegensatz jum Lande befinde.

lieber die Krise selbst urteilt Renaudel so, daß ei glaubt, sie werde der Ausgangspunkt einer Krise sein, die tiefer gehe, als eine einfache Parlumentskrife. Ist der Präsident der Republik selbst in sie verquickt, dann erwärm Renaudel einschneidende Rückschläge bereits in, wenigen Monaten. Dann wendet sich der französische - Sozialist dem neuen Manne, Poincare, zu. Er hast den- neuen Mmisterprästdenten für zu intelligent, als daß! er nicht verstehen werde, wie die Polllik ber rinnen Ge-' walt selbst in Frankreich auf energischen Widerstand' stoßen werde und wie sich Frankreich, mir wenn es sichs noch mehr isolieren wolle, in einen unmittelbar und' brutalen Widerspruch zur englischen Politik stellen dürfe.'

Allerdings muß Renaudcl zugeben, daß Poincare; eine Politik treiben wird, die sich von der wesentlich' unterscheidet, die man Briand zum Vorwurf macht.! Im übrigen sicht sich Poincare", so schießt Renau­del seine Ausführungen wörllich,einer sozialistischen - Fraktion gegenüber, die immerfort vor brr Kammer die,' posstwen Lüftungen vortraxen wird, die nach ihrer An- - sicht möglich und notwendig sind. Sie wird wahrlich, nicht auf die Kritik verzichten, die eine Politik der Bcu-' taliläi und der Isolierung verdient."

Das fiabinett poincare.

Am Sonnlag nachmittag hat Poincare dem Präsi­denten der Republik das neue Kabinett, das er auftragsgemäß gebildet hat, vvrgestellt. Das neue Mi-! nifterium setzt sich aus drei Senatoven und 10 Depu-f tierten zusammen. Es enthält zwei Mitglieder der re» publikanischen Union des Senats, zwei Radikale, vier Mitglieder der republikanischen timten, drei Mitglieder der republikanisch-demokratische Entente (Arago). cllrz Mitglied der Linksrepublikaner, ein Mitglied der repu­blikanischen und sozialen Wtion. Mit Ausnahm« deft neuen Finanzministers (be Laftegris) waren sämtlich» Mitglieder des Kabinetts bereits Minister ober Unter­staatssekretäre. Die neuen Minister gehören ausnahms»; tos dem ^iaiion«.l<n Block* «u