Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 7.
Verantwortlich für den reöattionelieii Teil: Dr. I. Kramer, - sür die Anzeigen: I. Parze!ier-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Ferniprecher Rr. ti. Telegr.-Adrelse: Fuldaer Zeitung.
Mittwoch, tt* Januar 1922,
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Anzeigen: Kleinzeile nach Coronel IMk.-, auswärts 1.50 Mk-
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49. Zahrg.
kiii eGW-smzWer SmAiaatW.
Vie Uonserenz in Cannes.
Der O b e r st e R a t ist Montag nachmittag zu eitler Vollsitzung zusammengetreten. Um 4 Uhr nachmittags fand wiederum eine Sitzung der alliierlen Minister statt, um übet die von Deutschland in; Jahre 1922 zu verlangenden Geldzahlungen zu verhandeln. Der „Temps" berichtet ,daß, nachdem es gelungen sei, die englischen Delegierten von der größeren Zahlungsfähigkeit Deutschlands zu überzeugen, die übrige Arbeit erleichtert werde. Die Frage sei, ob man, wie in Spaa, nach Anhörung der Deutschen zu einem Ultimatum greifen werde, das zwar von den Belgiern und Franzosen für wirksam erklärt, von Italien jedoch obgelehnt rmd von England mir mit Widerstreben angenommen werde. Die Beantwortung dieser Frage werde von der Haltung der Deutschen abhängen.
Vormittags 11 Uhr berieten die Minister über bie Garantien, welche von Deutschland verlangt werden sollen, um die Sanierung seiner Fimmizen sicherzustellen. Die Minister seien über die nuÄsten Punkte zu einer Einigung gelangt, HÄten aber einige andere MrückMstellt, um die Ankunft der deutschen Delegierten abzuwarten.
Wie Havas meldet, hatte Vricmd Montag vormittag mit Lord Curzon eine Unterredung übet dieenglisch- französischen Beziehungen im allgemeinen, der weitere Besprechungen im Hinblick auf den Abschluß eines französisch-englischen Garantiever- trages folgen sollen. Dem Frühstück, an dem Brian-, Lloyd George, Lord Curzon, Bonomi und della To- retta teilnahmen, wird große Bedeutung beigemessen, da man rnnmmmf, daß von den Garrnttieabmachungen die Red; gewesen sei und davon, weiten Antett Italien daran nehmen könnte.
Das „Journal des Debats" schreibt zu diesem Thema: Daß Briand und Lloyd George sich über diesen Gegenstand unterhielten, begreife man und freue sich darüber. Aber was gehe das den Obersten Rat an? Wenn Lloyd George den Wunsch cmsspwche, daß das Sicherheitsabkommen zugleich die Regelung her englffch-frcmzösffchen Angelegenheiten in den vsrschiede- nen Teilen der Welt umfaste, so sei man mit ihm einverstanden. Eine solche Regelung könne aber nicht im Laufe der Tagung des Obersten Rates behandelt und abgeschlossen werden. Der „Temps" sagt, in seinen Augen müsse der Pakt vor allem eine gegenseitige Garantie für die gemeinsamen vitalen Interessen Frankreichs und Englands bieten. Der wesentlichste Vorteil sri, daß er eine französisch-deutsche Ent- fpannungerleichtere, ohne daß England hierdurch in den Schatten trete.
Lloyd George befragt sich.
Lloyd George hat an seine Kollegen in London telegraphiert, um sie über ihre Ansicht bett, de? in Lussicht genommenen Garantiepaktes zwischen England und Frankreich zu befragen.
Vie deutschen Vertreter.
Bei der Wichtigkeit, die der nach Cannes berufenen deutschen Abordnung zukommt, ist rs für uns von besonderem Interesse, wer die Männer sind, die an dieser Abordnung' teilnehmen.
Es war nur selbstverstänSAch, daß Wolter Rathenau die Führung dieser Abordmmg erhielt. Don allen Staatsmännern Deutschlands ist er wohl am besten mit den Verhältnissen vertraut, er hat mit Lou- cheur in Wiesbaden in tagelanger Arbeit das Weder- oufbauabkommen geschaffen. In London hat er aus nächster Nähe und durch persönliche Aussprachen die Ansichten der englischen Staatsmänner und der Hochfinanz über das Reparationsproblem und die Weltwirtschafts-
®to§ eaufmann Selftermann.
Don Wilhelm Herbert, München.
1. Kapitel.
»Also wirklich wieder" . . .
Frau Alwine Selftermann, die Gattin des Groß- taufmanns Ernst Hugo Selftermann, faß vor ihrem Schreibtisch und stützte in schwerer Sorge und peinlicher Unruhe den Kopf in die Hand.
Dann begann sie von neuem, wie schon ein halbes Dutzendmal vorher, die Banknoten, die vor ihr lagen, zu zahlen, griff immer wieder und wieder in die Schublade, in der genaueste Ordnung herrschte, hob jedes einzelne Päckchen an Quittungen und Rechnungen heraus, das dort aufgeschichtet war, prüfte es durch, ob sich nicht die fehlenden Noten doch vielleicht dazwischen ver- schlüpft hätten, und gab das von vornherein hoffnungslose Beginnen jedesmal wieder auf, um seufzend dem Rätsel nachzusinnen.
Richt der Verlust des Geldes, das ihr von dem gestern durch ihren Gatten erhaltenen monatlichen Wirt- schastsbettage' abging, war es an sich, der sie so sehr beunruhigte . . ,r ließ sich ja ersetzen. Denn sie lebten, rote allgemein bekannt, in sehr guten Verhältnissen.
Die Tatsache, daß irgend eine unehrliche Hand im Hause war, drückte sie in fast unerträglicher Weise nieder, und ihr gütiges, seines Gesicht seh darüber blaß und mehr gealtert aus, als die stattliche Vierzigerin sonst erkennen ließ.
Von jeher war ihr nichts entsetzlicher gewesen als Unehrlichkeit — Unehrlichkeit überhaupt, Diebstahl vor allem.
Sie hatte es im Elternhaus nicht anders gekannt, als daß Kasten und Laden auch vor den treuen, längst- bewähxten Dlenstboten unverschlossen blieben. Auch sie selbst hatte es dann in nun zweiundzwanzigjähriger Ehe im eigenen Hauswesen immer ebenso gehalten. Wer in ihren Diensten stand, war seit vielen Jahren im Hause. Man liebte den Wechsel nicht, und man hatte ihn nicht
krise kenneugelernt; in Paris hat er aus nächster Nähe das Auf- und Abwogen der politischen Wellen beobachten können, und er hat sich so gut informiert, daß er nach Berlin zurückkchrte, um der deutschen Regierung bei der Ernennung der deutschen Sertreto mit Rat und Tat zur Seite stehen, bevor noch die Aufforderung Lloyd Georges bekannt war, durch die deutsche Vertreter nach Cannes berufen wurden.
Auch seine Mitarbeiter, die offenbar von ihm der Regierung vorgeschlagen sind, sind mit dem Wollen und Wesen der Entente-Minister vertraute Männer. Schröder hat ht feiner zweijährigen Tätigkeit als Dvrsitzendm der Kriegslostenkommission in Paris bei den Verhandlungen mit der Entente ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden gehabt. Blinder Haß, Bosheit, Verhetzung, äußerste llnfermtms standen ihm entgegen. Doch hartnäckig hat er Stand gehalten und sich die Achtung der Gegner zu verschaffen gewußt.
Staatssekretär a. D. Bergmann ift mit dem Gebähten der Ententemächte nicht viel minder vertraut. Auf der Brüsseler Fmanzkonprenz hatte er durch seine Rede tiefen Eindruck gemacht, der befonders auch m Amerika fehle Wirkung nicht verfehlt hat; in Wiesbaden stand er an Rachenaus Seite, und zuletzt hat er in Nswyork und in Washington Verhandlungen mit dem amerikanischen Schatzsekretär Mellon gepflogen, die für die amerikanisch? Europa- und Rußlandpvlitik von Bedeutung fern werden.
Die andern Teilnehmer der Delegation sind Staatssekretär Hirsch und Legationsrat Markus, di« besonders für Wirffchafts- und Ausftchraus-künfte in Frage kommen werden. Staatssekretär Fischer und Geheimrat Trendelenburg hoben in Paris der Reparationskommtsston Rede unb Antwort stehen müssen.
So hat die deutsche Regierung Männern ihr Vertrauen geschenkt, deren bisheriges Arbeiten dafür bürgt, daß sie das Bestmöglichste unter den gegebenen Umständen wohl erreichen werden. s
Die Einladung an Rußland.
Das italienische Außenministerium bat dem ruffischen Handelsminister die Einladung Rußlands nach Genua übermittelt. In der Einladung wird besonders unterstrichen, daß nach Ansicht der Entente die persönliche Anwesenheit Lenins die Verhandlungen bedeutend erleichtern wurde.
Es wird amtlich bestätigt, daß Lenin die Einladung zur Teilnahme an der Konferenz in Genua bedingungslos angenommen hat, daß die in Rußland herrschende Hungersnot die Sowjetvertreter nicht verhindern wird, ihr Land zu verlaffen.
Ein Aulounsall des amerikanischen Dokschaflvrs Harvey.
Oberst Harvey, der Botschafter Amerikas in London, wurde am Montag das Opfer eines Automobilunfalles. Das Automobil, in dem sich auch der Chefredakteur der „Times" befand, stieß mti einem anderen Auto- mobil zusammen. Beide erlitten nur beichte Verletzungen, bedürfen über einige Tage der Ruhe. Harvey wird infolgedessen 5 oder 6 Tage ben Sitzungen des Obersten Rates nicht beiwohnen können, sodaß man sich fragt, ob die amerikanische Regierung nicht einen zweiten Dewgiorten bestimmen wolle.
Das wiederaufbau-ttonsoiMm.
Der Sonderberichterstatter der Agentur Havas meldet: Die alliierten Minister haben Montag nachmittag endgültig das in Paris ausgearbeitete Projekt betreffend Errichtung eines mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas beauftragten Konsortiums festgelegt.
nötig. Denn zwischen Herrschaft und Dienerschaft bestand jenes schöne patriarchalische Vertrauensverhältnis, das man in kerndeutschen Familien trifft. Eins gehört zum andern. Eins denkt und sorgt für das andere, mit dem andern. Es ist keine soziale ober irgend sonst geartete Scheidewand aufgerichtet zwischen den Menschen innerhalb der Mauern des Hauses.
So nachsichtig sie von Natur aus und noch mehr durch die Erfahrungen eines reichen, mit warmer Seele gelebten Lebens geworden war, für den Dieb hatte sie nie die volle Verzeihung finden können. Stehlen war ihr immer ein ungeheuerlicher Begriff gewesen, und sie hätte es nicht über sich gebracht, einen Dieb auch nur eine t>albe Stunde lang unter einem Dache mit sich zu behalten. Das ganze Haus wäre ihr entehrt, verunreinigt, in der Heiligkeit seines Herdfeuers entweiht vorgekommen.
Und nun begegnete es ihr heute bereits zum dritten. Male, daß am Tage nach Empfang des monatlichen Wirtschaftsgeldes von dreitausend Mark Wie Summe von tausend Mark fehlte. Fehlte ohne jeden Anhaltspunkt,^ wohin sie gekommen war. Fehlte, ohne daß an dem schloß des Schreibtisches, an der Ordnung in der Schublade das geringste verändert worden wäre.
Sie quälte sich mit dem Gedanken ab, ob nicht ein Irrtum vorgekommen fein könnte. Sie wäre froh um einen solchen Irrtum gewesen. Er hätte sie des schkeck- lichen Gedankens überhoben, daß etwas anderes, daß eine Handlung vorlag, die nur aus ehrloser Gesinnung geflossen fein könnte.
Aber wo sollte denn ein Irrtum geschehen sein?
War er schon bei ihrem streng genauen Gatten unmöglich, so mußte sie ihn für sich selbst ebenso und erst recht ausschließen. Sie hatte von je in Geldsachen auf das sorgfältigste gerechnet und vermochte sich trotz des großen und wohlhabenden Hausq»esens über jeden Pfennig auszuweifen. Ihr Haushaltungsbuch stimmte mit ihrer Kasse zu jedem Zeitpunkt vollkommen überein.
Es war an sich, zumal bei einem Betrage von tausend Mark, der leiseste Seba"**-* nn ein Versehen von der Hand zu weisen. __
Zwei Pläne wurden vorgelegt: Der eine, britischen Ursprungs, sieht die Bildung einer Gesellschaft mit einem Kapital von 20 Millionen Pfund Sterling vor. Dieser Plan hat den Nachteil für die Völker mit schlechter Valuta, daß er ihnen Verluste durch den Wechselkurs auferlegt. L o u ch e u r seinerseits hat die Bildung einer Hauptgesellschaft mit einem beschränkten Kapital von nur 2 Millionen Pfund Sterling vorgeschlagen, an welche in den verschiedenen interessierten Ländern Tochtergesellschaften angeschlossen werden sollen, deren Kapital in der Währung des Landes gezeichnet werden soll, für Frankreich in Franks, für Italien in Lire ufw.
Auf diese letzte Kombination hat man sich end- giltta geeinigt. Sie bietet den doppelten Vorteil, daß sie die Verluste durch den Wechselkurs vermeidet und daß sie den Gruppen der verschiedenen Rationen die Möglichkeit läßt, ihre Tätigkeit gemeinsam in den Ländern weiterhin auszuüben, in denen ihre Interessen besonders engagiert sind. Die Hauptgesellschaft wird ihren Sitz in Lon- d o n haben und den englischen Gesetzen unterstehen.
aus dem besetzten Gebiet.
• Weitere Verringerung der amerikanischen Be- sahungstruppen. Wie aus Koblenz gemeldet wirb, werben bis Mitte März im ganzen noch zwei größere Truppenabteilungen ber amerikanischen Besatzung nach ben Vereinigten Staaten zurückbeförbert. Es wirb bann bie vom amerikanischen Kriegsdepartement festgesetzte Zahl von ca. 5000 Mann erreicht sein.
» Mißglückter Verrat von Fabrikgeheimnissen. In Köln-Kalk wurde ein früherer Techniker verhaftet, der sich Fabrikationsgeheimnisie der Leverkusener Färb- werte zu verschaffen suchte, um diese an Ausländer zu verkaufen. Der Verhaftete hatte bereits Verbindungen mit Ausländern angeknüpft.
Deutsches Reich.
* Berlin, 10. Jan. Reichsarbeitsmmister Dr. Brauns, der sich im Hedwigs-Krankenhause einer Operation unterziehen mußte, ist wiederhergestellt und übernahm feine Amtsge-schäste. — Mmtag mittag hvelt das Reichskabinett eine Sitzung ab, woran Dr. Rathenau teilnahm. Sn der Sitzung wurden nochmals die Vollmachten erörtert, welche den deutschen Delegierten für die Konferenz erteilt werden sollen. Die Abfahrt der deutschen Delegierten erfolgte Montag nachmittag 2 Uhr.
(f.) Der neue amerikanisch? Botschafter in Berlin, B. Houghton, steht im 50. Lebensjahre. Er ist mit deutschen Verhältnissen vertraut und hat ehren Teil seiner Studienzeit in Deutschland und zwar an den Universitäten Berlin und Göttingen zugisbracht. Er ist Mitglied des amerikanischen Parlaments und des Auswärtigen Ausschuffes desselben. Seine V-ertraut- hrit mit deutschen Verhältnissen forme seine Stellung zu Industrie und Finanzwelt dürfte den Präsident Har- bing bestimmt haben, Hougthon als Botschafter in Berlin zu bestimmen. Nachdem seitens der Amerikaner der Botschafter für Berlin gestellt worden ist, wird man wohl damit rechnen können, daß nun auch Deutschland, welches in den Bereinigten Staaten feit dem Friedensschluß durch einen Geschäftsträger vertreten ist, nun auch seinerseits einen Botschasterposten irr Washington benennen wird. Bekanntlich wurde vor geraumer Zeit als Kandidat für den Botschasterposten in Washington der jetzige Reichsminister Dr. Her- m e s genannt.
* Eine Zusammenkunft der württembergischen und bayerischen rNiniflerprusidenken. Nach einer Meldung der „Boss. Ztg." aus München ist dort der württembergische Ministerpräsident Dr. Hie- ber zum Besuche des bayerischen Ministerpräsidenten Grasen Lerchenfeld eingetroffen. Zwischen beiden Ministerpräsidenten soll eine Reihe wichttger Fragen erörtert werden, die die süddeuffchen Länder besonders berührt.
Aber, wenn auch einmal irgend ein unerklärliches Versehen hätte vorliegen können, wie denn nun zum dritten Male?!
Hier war ein Dieb am Werke, ein Dieb in ihrem Hause, in ihrem eigenen 3immer, an ihrem Schreibtische — ein Dieb, ber alle Gepflogenheiten unb Umstände genau kannte, denn nur ein solcher konnte in dieser unerklärlichen und unauffälligen Weise sich den Zutritt zu ihrer Banknotentasche verschafft haben.
Sic betrachtete einen Augenblick den kleinen spiegelblanken, silbern glänzenden Schlüssel, den sie noch immer in ber Hanb hielt. Dann legte sie ihn, wie von momentanem Ekel ergriffen, weg. War nicht auch er mit gegen sie im Bunde?! Hatte er sich nicht zu dem Dieb- stahl hergegeben unb dem Diebe heimtückisch und hinter ihrem Rücken die Lade geöffnet?!
Aber das war ja unmöglich. Sie trennte sich nie — auch nachts nicht und nicht auf eine Minute — von ihren Schlüsseln. Der Täter konnte nie unb nimmer ben rechtmäßigen Schlüssel benutzt haben . . .
Also einen Dietrich, ein falsches Werkzeug?! War denn bas ganze Haus von Hinterlist unb Verbrechen umftellt? Saß sie denn zwischen ©lasroänben, bie jeben geheimsten Vorgang an bie draußen lauernde Niedertracht verrieten?
Zum erstenmale in ihrem Leben wurde ihr in ben liebgewonnenen unb vertrauten Räumen des eigenen Hauses unbehaglich zumute, unb sie schaute sich unmill- kürlich befangen und mit einem gewissen Grauen um, als stünde unmittelbar hinter ihr irgend eine ihr unb ihrem Glücke, ihrer Ruhe und ihrem Frieden gefährliche unb feindselige Macht . . .
Da sah sie ihren Gatten, der leise unb von ihr unbemerkt eingetreten war.
Er hatte sie scharf beobachtet. Jetzt lächelte er, wie er ihr erregtes und beunruhigtes Gesicht sah.
Seine hohe, schlanke Gestalt beugte sich über sie. er strich ihr mit den Händen leicht über das von wenigen grauen Haaren durchzogene braune Gesiecht unb meinte mit einem Anfluge von gutmütigem Scherz: „Na, was gibts denn in aller Frühe zu sorgen und zu (innen?.
zm 70. Wmlsw Sanft. McnbM.
Am Mittwoch begeht der Reichskanzler a. D. Konstantin Fehrenbach in rüstiger Frische seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, der in schwerer Not des deutschen Volks berufen war, an überragender Stelle die Geschicke des Reiches zu leiten und der zu den mar- kanttsten Persönlichkeiten des Zentrums des Reichstages gehört, spielt schon seit langem eine führende Rolle zunächst in der Politik feines Heimatlandes Baden, bis er sich später trer großen Politik des Reiches zrtwandte.
Am 11. Januar 1852 ist Konstantin Fehrenbach zu Wellendingen, Amt Bonndorf, in Baden geboren. Nach erfolgreichem Besuch des Gymnasiums und der Universität Freiburg i. Br. ließ sich Fehrenbach im? Jahre 1882 in Freiburg i. Br. als Rechtsanwalt nie- der. Sehr bald erklomm der junge Nechlsgelehrte, der in seiner Heimatstadt eine reiche kommunalpolitische Tätigkeit entfaltete, die Leiter politischer Führung. Don 1884 bis 1895 war er stellvertretender Obmann des Siadioerorümtenvorstandes, feit 1895 Stadtrat in Freiburg i. Br. Fehrenbach wuchs bald über die Aufgaben der Kommunalpolitik feines engeren Heimatkreises hinaus. Im Jahre 1901 wurde er als Abgeordneter der Stadt Freiburg zur 2. Badischen Stände-' kammer gewähll, dort nahm er bald die leitende Stelle ein; denn er war von 1907 bis 1909 Präsident der Badischen Ständekammer. Bis 1913 gehörte Fehrenbach diesem Parlament an. Schon 1903 wurde Konstantin Fehrenbach Mitglied des Reichstages.
Auch im deutschen Roichsparlament bekleidete er, den eine glückliche Befähigung für die führenden Stellen prädestinierte, die höchsten Ätzmter. Zunächst war er vom August 1917 bis Juni 1918 Vorsitzender des Haushaltsausschusses, bis er am 8 Juni 1918 zum Präsidenten des Reichstages gewählt wurde. Alle Par- leien stellten ihm das rühmende Zeugnis einer gerechten, objektiven und gewandten Geschäftsführung aus. Fehrenbach nimmt auch in der Geschichte der Nationalversammlung einen bevorzugten Platz ein; denn auch dieser gesetzgebenden Körperschaft des neuen Deutschland stand er als Präsident vor. Seine bei der Lei- denschaft der Parteien nicht immer leichte Sttllimg übte er mti der Gewandtheit und ihm eigenen ßie« benswürdigkeit aus. Oft war es allein seine Person, die bie Wogen der Erregung, die in den Tagen von Weimar durch das Parlaoient gingen, glättete. Auch in den neuen Reichstag zog Konstantin Fehrenbach als1' alter Zentrumskämpe ein.
Als nach glücklich überwundenem Kapp-Puffch die Neuwahlen zum ersten Reichstage der deutschen Republik stattgeftmden hatten, nahm Fehrenbach auf Drän- gen seiner Freunde das schwere Opfer auf sich, die Leitung des Staates in feine Hände zu nehmen. Damals stattd die Konferenz von Spaa vor der Tür; es war die erste Aufgabe der Regierung Fehrenbach, auf dieser Konferenz zumi ersten Male mit den ehemaligen Gegnern Auge in Auge zu verhandeln. In Spaa war die Rrparationsfrage offen geblieben; in der neuen Konferenz von London kam es zu keiner Einigung. Ihr unglücklicher Ausgang führte zum Ultimatum und damit zur Kabinetisnsubildung. Fehrenbach stand an der Spitze einer kleinen Koalition von Zentrum, Dolkspartei unb Demokraten unter Ausschluß der Mehrheitssozialdemokraten, die jedoch in wohl- wollender Haltung zur Regierung standen. Konstantin Fehrenbach fft der erste Zentrumskanzler im neuen Deutschland, der zweite nach dem Grafen Hertling.
Wir wünschen dem hochverdienten Zentrumspoli- tiker, daß ihm noch viele Jahre vergönnt fei, für das Wohl und Gedeihen ferner Partei und feines Vaterlandes in Rüstigkeit und Frische zu arbeiten.
Du bist doch nicht auch in Finanzschrvierigkeiten rote alle Welt?!"
Gequält unb unschlüssig sah sie ihn an.
Sie schämte sich förmlich, ihm auch nur eine Andeutung des schrecklichen Verdachtes zu machen, der ft» im Innersten bewegte.
. Und doch mußte es nun endlich sein!
Was sie zwei Monate für sich behalten unb immer roieber zu erklären, zu enträtfeln, ja, am allerliebsten zu vergessen gesucht, durfte nun nicht länger verschwie- gen werden. Es tarn ihr wie ein großes Unrecht vor, daß sie nicht längst davon zu ihm geredet. Sie war nicht gewohnt, in ihrer harmonischen Ehe dem Gatten, wenn sie auch infolge seiner starken geschäftlichen In- anspruchnahme eigentlich wenig von ihm hatte, irgend etwas zu entziehen, was von Wert und Bedeutung war.
Unb boch scheute sie vor dem ersten Wort zurück. , Es kam ihr wie ein Frevel vor, wie ein Rütteln atr ben Grundlagen dieses auf strengster Rechtlichkeit auf. gebauten Heims und Familienlebens, rote ein Vorwurf gegen alle die guten unb anständigen Menschen, die im Geschäft unb in der Hauswirtschaft bedienstet waren — wie ein Vorwurf vor allem gegen die treue Margaret, die allein sie bediente und in diesen Räumen schaltete und waltete, seitdem sie verheiratet mar — wie ein Vorwurf auch gegen Johann, der fast ebensolange schon der Diener ihres Mannes war. Außer diesen beiden betrat kaum je ein Mitglied ber Dienerschaft ihr eige ncs Zimmer.
Aber heute mußte von der Sache gesprochen werben
Ein Mann hatte zudem auch den schärferen Bist für derlei Vorkommnisse, die an die rauheste Seite bet Lebens streiften unb sonst nur aus ben Lokalberichte« ber Zeitungen unb aus ben flüchtig gelesenen Gerichts saglverhandlungen rote etwas Fremdes, Unheimliches in ihr vornehmes, ruhiges Heim und Haus herüber, drangen ....
„Bitte, Ernst" — jagte sie — fetze Dich, wenn D» eine Viertelstunde für mich übrig hast, einmal da ?■ mir — ich muß Dir etwas gestehen!"
.... . ......________ (Fortsetzung folgt.)