Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda.
Dienstag, 10. Januar 1922
Nr. 6
Verantwortlich für den cedattionellen Teil: Dr. I. Kramer, - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fuida. 2 Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Teleqr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung,
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49. Zahrg,
JeitfWd wirk in Lmes gehört.
hochpolitische Tage.
Die Pressevertreter, die im Gefolge der Entente- Diplomaten in Cannes am schönen Mittelmeer weilen, sind tüchtige Arbeiter. Sie schreiben an ihre Blätter lange und kurze Telegramme und mehr oder weniger zuverlässige Nachrichten. Durch die Flut Lieser Nachrichten wird es schwer, das Wichtige und Tatsächliche aus dem bloß Bermuteten oder Gewünschten herauszuholen. Heute liegt jedoch auch eine Reihe positiver Nachrichten vor. Das Wichtigst- für uns ist die Einladung an Deutschland, Vertreter nach Cannes zu schicken.
Die Einladung an Deutschland
Nach einer Meldung aus Berlin wurde ain Sonn- rag vormittag dein deutschen Reichskanzler als dem Minister des Auswärtigen durch die französische Botschaft folgendes Telegramm zur Kenntnis gebracht, das der Präsident des Obersten Rades an die französische Botschaft in Berlin zur Hebermittlung art die deutsche Regierung übersandte:
„Der Oberste Rat wird ohne Zweifel das Bedürfnis haben, Ihre Ski tretet in der nächsten Woche (vom 8. bis 15. Januar) zu hören. Um Zeit zu gewinnen, regen wir an, daß Ihre Vertreter sich nach Varis begeben und sich dort bereit halten, um unserem Rufe Vl folgen, gez. Briand."
Die deutsche Delegakioii.
In Berlin fand nach Eingang dieser Einladung alsbald eine Kabinettssitzung statt. Es wurde beschlosfett, die zu entsendende deutsche Delegation unter die politische Führung des Reichsmmisters a. 2 Dr. R a- thenau zu stellen. Dr. Rathenau. der cm Samstag nach Berlin zurückgekchrt war, Halle inzwischen dem Reichskanzler Bericht über feine Pariser Vsrhcmdlun- gcn erstattet. Der Delegation werden ferner angehören: Staatssekret. Schröder vom Reichsfinanzministerium Staatssekretär Hirsch vom Reichswirtschaftsministerium, Staatssekretär Bergmann, ferner der Vorsitzende der Kriegslastenkommission in Paris, Staatssekretär Fischer sowie Ministerialdirektor Trett- helenburg und der LeLativnsrat Martins.
Der Siaitö der Reparationsfrage.
Wie der Sonderberichterstatter des „Temps" aus Cannes meldet, wird bis Montag abend im Obersten Rat ein Einvermhmen über die Reparationen für das Jahr 1922 erzielt fein. Die deutsche Delegation würde am Dienstag benachrichtigt und Mittwoch m Cannes fein. Die Verhandlungen mit ihnen würden sich auf zwei Tage erstrecken, worauf am Freitao die Konferenz auseinandergehen werde.
Dis Zahlungserleichlerungen.
Der Sonderberichterstatter des „Petit Journal" berichtet feinem Blatte, daß man sich in Beratungen ter alliierten Finanzmini st er am Samstag in Cannes über die Notwendigkeit geeinigt habe, Deutschland Zahlungserleichterungen für 1922 zu gewähren.
Der zwischen Briand und Lloyd George am 22. D e z e m b e r au f g e ft e l l t e P l a n, der neun Punkte enthält, soll als Grundlage für dis weiteren Verhandlungen der Alliierten dienen. Der „Malin" gibt den Inhalt des Abkommens wieder. Art 1 bestimmt, Deutschland im Kalenderjahr 1922 nur 500 Mil- Iionen in Goldmark zahlen soll. Art. 2 bestimmt die Garantien, die von Deutschland für die Sanierung seiner Finanz Verhältnisse verlangt werden sollen. Art. 4 beschränkt die Sachlieserungen Deutschlands an Frankreich für 1922 auf 1200 Millionen Goldmark ftr fcie beiden folgenden Jahre cmf 1500 Millionen Eoldmark. Art. 5 bestimmt, daß die anderen alliier -
Die Iagd nach dem Glücke.
Erzählung von F r i tz Ritzel.
I'] (Schluß)
Allsonntüglich fanden sich in der Laube des chers bei schönem Wetter die benachbarten Familien Hojenfels und Hochselh zusammen, um in herzlichem, fcs keinem Migton getrübten Zusammensein einige Stv'den zu verplaudern und die Ereignisse der Vergangenheit immer wieder Revue passieren zu lassen, checke waren nur die beiden alten Ehepaare und die beiden jungen Frauen Hedwig und Emilie anwesend Wilhelm Friedmald und Karl Hochfeld waren bei dem herrlichen Wetter, wie sich der alte Hochfeld ausdrückte, „schon in aller Frühe ausgeschlitzt, um in den Bergen herumzurcnnen", denn sie hatten ihre alte Passion — das Wandern in Gottes freier Natur auch in dem Ehestände nicht ausgegeben. Ihre jungen Frauen gönnten ihnen das Vergnügen von Herzen — waren doch die beiden Männer während der ganzen Woche anstrengend in ihrem Berufe beschäftigt rind empfanden es somit als dringendes Bedürfnis, sich des Sonntags in der freien Luft der Berge zu ergehen. Wilhelm Friedwald bekleidete noch feine alte Stellung bei dem Bankhaus- Firnhaber u. Co., während Karl Hochfeld bei seinem Schwiegervater als Teilhaber der Firma Albrecht Hohenfels emgetreten war und diese durch seinen Fleiß und seine Umsicht wieder zur höchsten Blüte gebracht . hatte. Bor bret Sauren, kurz nachdem die beiden Paare vor dem Altar der Marienkirche gestanden hatten, war es anders gewesen; nicht etwa, daß die jungen Ehemänner ihren besseren Hälften zuliebe zu Hause geblieben wären — nein die jungen Frauen waren allsonntäglich mit von der Partie. Dann aber waren Zeiten gekommen, in welchen sich das von selbst verbot. Gevatter Storch schien in der Nähe des Burgfelsens sein Standquartier , aufgeschlagen zu haben, denn fast in jedem Jahr war er in den benachbarten Häusern, sowohl hüben wie drüben zu Gaste und legte jedesmal
ten Mächte zusammen von Deutschland im Jahre 1922 nur Sachlieferungen im Werte von 500 Millionen Golümark verlangen können. Art. 6 setzt fest, daß die Ausgaben für das Besatzungsheer auf 200 Mllionen Goldmark limitiert werden müssen unter Hinzufügung von 2 Eolbmark pro Tag und pro Mann für das britische Hon. Art. 7 beschäftigt sich mit dem Prris der von Deutschland zu liefernden Kohlen. Art. 3 mit dem alliierten Finanzabkommen vom 13. August.
Nach dem „Matin" scheint insofern eine Aenderung dieses Abkommens geplant zu feitt, daß nicht das Kalenderjahr für die Berechnung zugrunde gelegt wird, sondern daß man ein sog. Reparationsjahr schaffen will, das am 1. Mai beginnt. Hierdurch werde es ermöglicht, die betzte Nooemberzcchlung Deutschlands zu den zu erwartenden Geldzahlungen in den Monaten Januar bis April zu schlagen.
Frankreich, Englanb und -le Einladung Deutschlands.
„Marschalk Hindenburg und Reichskanzler Mrth."
Der Pariser „Temps" schreibt über den Beschluß des Obersten Rates, deutsche Delegierte nach Paris bezw. Cannes einzuladen, man müsse die Nervosität den Schwachen überlassen. Frankreich habe ein mächtiges Heer und halte das linke Rheimrfer besetzt und man solle dos Zittern bekommen, weil der Oberste Rat sich entschlossen habe, Berintter des Deutschen Reiches anzuhören? Man tönne sagen, daß die Frage der deutschen Zahlungen anders hätte geprüft werden können, aber der Vertrag sehe doch eine Prozedur vor, die Zah- luttgsfrist zu verlängern imb die Zahlungsmodalitäten abzuandern. Die Reparakionskommmrssion hätte die Angelegenheit durchführen sollen. Vor ihr hätten die Vertreter Deutschlands gehört werden müssen, aber die alliierten RLgterungen hätten, damit diese Bedingung durchgeführt werden konnte, einig sein müssen. Bevor die deutschen Vertreter anyehöri würden, muffe man wissen, was man ihnen zu sagen habe. Wenn man diese elementare Vorsichtsmaßnahme mcht ergreife, werde man dem Chaos verfallen. Aber die Nachrichten aus Cannes kündeten ja ort, daß diese Vorsichtsmaßnahme ergriffen werden solle.
Das „Journal des Debais" sagt, indem es von einer Inszenierung in Cannes spricht, es werde immer klamr, daß Briand in London ausgedehntere Verpflichtungen übernommen habe, als er dem französischen Parlament eittgestanden Hütte und daß tte Verhandlungen sw" Cannes dem ftanzösischen Volke auf Umwegen ein im Voraus geregeltes Programm zur Annahme empfehlen soll. Die wahre Triebfeder der Handelsfreiheit hinter den Kulissen, das sei der Deutsche. Er werde nichi zögern, auf der Szene zu erscheinen, beim brr Oberste Rat habe sich entschlossen, ihn nach Cannes zu berufen. Der große deutsche Gedanke, der Marschall Hindenburg und den Reichskanzler Wirth beseele, sei auf dem Wege zur Verwirklichung: Rußland solle der Ausbeutung des Deutschen Reiches 'überliefert werden.
Die zwei Seelen Louchenrs.
Wie der Sonderberichterstatter des ,Jntrcinsigeant' in Cannes berichtet, erklärte der französische Wicder- aufbauminister Loucheur, niemand hätte nach der Beendigung des Krieges voraus'ehen können, daß ein Chaos entstehen würde, wie es heute festge- stestt sei. Die Beeinträchtigung des Handels nach dem Kriege sei schrecklich. Der Gesaml- umfang der Ausfuhr der Völker habe sich in beunruhigender Weise vermindert. Auch Deutschland sei unter den Völkern, die in ihrem Handel beein« trächtigl seien. Man dürfe sich also nicht wundern, oai; das Deutsche Reich die Verpstichtungen nicht
einen funkelnagelneuen kleinen Erdenbürger in die Wiege. Bei Friedwalds war er bereits drei Mal gewesen, während er im Hause Hohenfels erst zweimal feine strampelnde und schreiende Visitenkarte abgegeben hatte — Grund genug für die von ihm bedachten jungen Mütter, ihrer. Wanderlust Zügel anzulegen und sich ausschließlich mit zärtlichster Sorgfalt den rosigen kleinen Angebinden Meister Langbeins zu widmen.
So saßen denn heute die beiden elterlichen Ehepaare mit den jungen Frauen in der Laube des Burggärtchens, von welcher man eine herrliche Aussicht auf die Serge genoß. Herr Albrecht Hohenfels ist ebenfalls ganz weiß geworden, zeigt aber immer noch beim €pre= t^en die vornehmen gelassenen Bewegungen, während sich bei seiner Frau ein ihr etwas matronenhaft gebendes Embonpoint entwickelt hat. Konrad Hochfeld und feine Frau sind die Alten geblieben — an der riesigen Gestalt des ersteren scheint die Zeit spurlos vorübergegangen zu sein und so ungeschmückt und derb ist seine Ausdrucksweise wie früher, als er eben eine mit dem Nachbarn gepflogene Erörterung über die neuesten Verkehrsmittel, ein Lieblingsthema von ihm, mit den Worten festsetzt: „Mir können sowohl Autos, wie Luft- chisse und Flugmaschinen gestohlen werden! Mich brächten keine zehn Pferde in so ein Ding! Pressiert's, bann fahre ich mit der Eisenbahn, preffiert’s nicht, dann reit ich auf Schusters Rappen — da bricht man wenigstens nicht so leicht den Hals! Dieses wilde Sagen in allen möglichen Mordmaschinen ist mir in der Seele zuwider — in dem Schnelligkeitswahnsinn, den die Menschheit heutzutage erfaßt hat, ha ist kein Segen drin! —"
„Jetzt ist der Papa in feinem Fahrwasser!" slüsterte Hedwig ihrer Schwägerin zu; „komm, laß uns nach den Kindern sehen."
Und geräuschlos erhoben sich die beiden schlanken Gestalten und gingen nach der zum unteren Garten führenden Treppe.
Unter hellem Jubel liefen drunten die vier unter der Obhut zweier Fräulein auf dem Rundplatz des Hohenfelsischen Gartens spielenden Kleinen den jungen
ausführen könne, die man im Jahre 1919 von ihm gefordert habe.
Der Sonderberichterstatter fügt hinzu, das fei vielleicht die Sprache der Vernunft, aber Minister Loucheur habe hinzugefügt, Frankreich brauche die Reparationszahlungen, es wolle sie und werde sie haben. Der Berichterstatter bemerkt, es scheine a priori schwierig, diese beiden Erklärungen Loucheurs miteinander in Einklang zu bringen.
Was die Engländer sagen.
Die auf die Initiative der britischen Delegation in Cannes zurückzuführende Einladung des Obersten Rates an die deutsche Regierung, Vertreter Deutschlands nach Paris zu entsenden, die sich für Cannes bereit hallen sollen, wird von der Londoner Presse eingehend besprochen. „Sunday Times" schreibt, nur wenige Leute diesseits des Kanals würben die an die deutsche Regierung gerichtete Einladung nicht billigen. Deutschland sei die größte Handelsmacht auf dem Kontinent und kein Wiederaufbauplan könne erfolgreich fein, der zum Ziele habe Deutschland in einem Zustand der Knechtschaft zu halten.
Der Derichterftatter des „Weekly Dispatsch" in Cannes drahtet, daß die unerwartete Einladung an Deutschland wahrscheinlich zu einer Verlängerung der Konferenz fuhren werde. Die Ansicht der Franzosen und Belgier auf der einen und der Engländer auf der anderen Seite feien für den Augenblick nicht in Einklang mit einander zu bringen.
Eine Exchange-Meldung aus Cannes besagt, Briand habe sich der Einladung der deutschen Vertreter nach Cannes widersetzt mit der Begründung, es sei unmöglich, die Deutschen zu berufen, bevor sich die Alliierten selbst nicht in Uebereinstimmung befänden.
Ein Reuierbericht aus Cannes besagt, es scheine klar zu sein, daß trotz der vorherigen optimistischen Mitteilung ein endgültiger Beschluß bezüglich der deutschen Zahlungen noch ni ch t erzielt worden sei.
Die Einigung?
Im Saufe des Montag Vormittag übermittelte uns das Wolff - Büro telephonisch noch folgende Meldungen:
wtb London, 9. Ian. (Tel.) Die gestern abend 7 Ute abgesandte Reutermeldung aus Cannes besagt: Es könne von zuverlässiger Seite mitgeteilt werden, daß vom britischen Standpunkt aus ein ausgezeichneter Fortschritt festzustellen sei. In Kreisen der britischen Delegation werde der lleberzeugung Ausdruck gegeben, daß in allen Punkten ein llebereinkom- men erzielt werden wird. Die Berichte über ernste Meinungsverschiedenheiten sind unbegründet, und für den Augenblick besteht aller Grund, einen v 0 llstcindi- gen Erfolg von der Konferenz in Cannes zu erwarten.
wtb London, 9. Jan. (Tel.) Eine Reutermeldung von gestern abend 9 Uhr besagt, es sei ursprünglich vorgeschlagen worden, daß Deutschland im Jahre 1922 in bar 25 Millionen Pfund Sterling zahlen solle. Belgien habe jedoch auf weitere 10 Mill. Pfund gedrungen; es sei daher festgesetzt worden, Deutschland 3 5 Millionen Pfund in bar zahlen zu lassen und 8 7 Millionen Pfund in Waren, demnach 122 Mill. Pfund, d. h. 25 Mill. Pfund weniger als ursprünglich vorgesehen. Deutschland solle auch weiter 12 Mill. Pfund für die Kosten der Besatzung tragen. Großbritannien sei bereit, auf 7 Mill. Psund für fein Besatzungsheer zu verzichten, unter folgenden, Deutschland aufzuerlegenden Bedingungen: Deutschland solle eine Z 0 l l t a x e auf einer G 0 ldbasis einführen und seine Eisenbahnen- und Postgebühren, sowie den Preis der Kohlen erhöhen, die Ausgabe von Papiergeld beschranken, Maßnahmen treffen zur Verhinderung der Kapitalflucht und seine Währung neu ordnen. Die Z ollabgabe soll beibehalien werden.
Müttern entgegen, während ein ♦ fünftes, Friedwalds Nesthäkchen, unter lautem Gekrätze feine Aermchen aus dem Korbwagen reckte. Das war ein Herzen, Tollen und Schäkern ohne Ende, bis plötzlich wie mit einem Zauberschlage alle verstummten und aufmerksam nach der Mauer des Nachbargartens spähten, durch welche jetzt ein weiter, grünumrankter Durchgang nach dem Hochfeldschen Garten führte. „Kuckuck", „Kuckuck", hatte es mehrmals von dorther gerufen und: „Papa, Papa", schrieen die zwei ältesten Buben und rannten nach der Stelle, woher der Ruf gekommen war, während die Schwesterchen, so schnell es ihr- kleinen Beinchen vermochten, nachtrippelten, unterstützt von den beiden glücklich lächelnden Müttern. An dem Durchgang zeigten sich jetzt zwei in Touristenanzug gekleidete Männergestalten, die die ihnen entgegenspringenden Kleinen em- pornahmen und sie herzlich an die Brust drückten.
„Ihr seid schon zurück?" rief Hedwig Friedwald ihrem Manne zu. „Wir erwarteten Euch erst mit dem Achtuhrzuge!" worauf Karl Hochfeld sich rückwärts wendete und auf den eben erscheinenden Baron Greiffenstein mit den Worten deutete: „Das haben wir dem .Herrn Baron zu verdanken, der uns in seinem Wagen vom Forsthause Grünhalde bis hierher gefahren hat."
„Nur um Dank von schönen Sippen zuu ernten Habich die zwei Ausreißer da draußen aufgslesen und zurückgebracht! sagte Herr von Greiffenstein nähertretenb und begrüßte die Damen mit altväterischer Grandezza. „Wollte habet nicht versäumen, mein kleines Patchen zu begrüßen! Ach, der Junge macht sich!" fuhr er fort, indem er den blonden Krauskopf des bildschönen Buben, der ihm von dessen Vater Karl Hochfeld zuaefützrt wurde, freundlich tätschelte — „die ganze Frau Mutter in Liliputausgabe!"
Und während sich der Junge zutraulich an den vornehmen Herrn Paten schmiegte, ließ dieser seine Blicke auf den glücklichen Gesichtern rings im Kreise ruhen und versicherte kopfnickend: „Kinder, Euch ist bte Jagd nach dem Glücke zum Segen geworden — Ihr habt das Glück erreicht und hallet es fest!"
von einem ZteuerLompromiß wissen verschiedene Berliner Blätter zu berichten. Danach sollen zwischen den Parteien des Reichstage» über die in den Ausschüssen befindlichen Steuervorlagen ein Kompromiß zustande gekommen sein. Diese Mitteilung eilt aber unseres Wisiens den Tatsachen voraus. Soweit wir unterrichtet sind, hat in der Tat in diesen Tagen eine Besprechung innerhalb der Parteien über die Steuervorlage stattgefunden, bei der aber Vertreter der Reichsregierung nicht zugegen waren.
Diese Frage wird möglicherweise zur Entscheidung kommen in der gemeinsamen Sitzung der beiden Steuercmsfchüfse des Reich?, die für Dienstag den 10. Januar in Aussicht genommen ist. Die unabhängige .Freiheit' bemerkt zu den Meldung«« über das angebliche Steuerkompromiß, daß, soweit sie unterrichtet sei, die sozialistischen Parteien weit davon entfernt seien, die Forderung nach der Erfassung der Sachwerte zugunsten einer „gemeinsamen Basis" zur Lösung des SteuerproblemS preiszugeben. Ob bte .Freiheit' berechtigt ist, diese Feststellung auch für die Mehrheitssozicilde- mokratie zu machen, das wird man zunächst einmal abwarten müssen.
Parteitag der Unabhängigen
In Leipzig trat der Parteitag der U. S. P. D. zusammen. Parteivorsitzender C r i s p i en bezeichnete als Ausgaben dieses zweiten Pardtitags die Steuer- fragen, die Koalitionspolitik und die E i n i g u n g d e s Proletariats. Zu Vorsitzenden wurden einstimmig der Reichstagsabg. D i 11 m a n n und Seeger-Leipzig gewählt. Dittrnann begrüßte die er- fchienenen Ausländer Grumbach-Frankreich Bäcker- Luxemburg, Aytes-England, Reinhard-Schweiz, Pro- fesior Ballod-Lettlmtd, Hillebrand-Sschecho-Slowakei, Adromtisch-Rußland und Friedrich Adler-D.'Utsch- Oesterreich, die mit lebhaftem Händeklatschen empfangen wurden. hierauf überbrachten die Vertreter dex einzelnen Länder die Grüße ihrer Parteigenossen.
Uns dem besetzten Gebiet.
* Die Drangsalierung der Rheinländer. Anfang Dezember vorigen Jahres hatte in Düsseldorf di- französische Besatzungsdehörde eine große Anzahl Pers» nen unter dem Verdacht verhaftet, einem politischen Geheimbund anzugehören. Dir Derdast-ten wurden unter französische Bewachung gestellt und sollen von dem Krieggericht der Rheinarmee abgeurteilt werden. Es war lange Zeit nicht möglich, über die Vorgänge sowie über Namen und Zahl der Verhafteten Näheres von der Besatzungsbehörde zu erfahren. Jetzt ist die List- be> könnt geworden. Verhaftet sind 29 Personen, darunter ein Postdirektor, 10 Angestellte, 8 Kaufleute und 3 Stu- deuten, lieber die Begründung der Verhaftung wird man wohl etwas bei der Verhandlung vor dem Kriegs geeicht erfahren.
* Grußpflicht für die amerikanische Armee. Gin- Verordnung des amerikanischen Hauptquartiers by stimmt, daß die Angehörigen der amerikanischen B-» satzungsarme- in Zukunft auch die alliierten Offiziere zu grüßen haben. — Das scheint also bislang nicht gc- schehen zu sein.
* Die Beschlagnahme von Privakhäusern durch Be- sahungstruppen. Die Verwaltung der Stadt Koblenz hatte beim amerikanischen Hauptquartier angefragt, ob eine Beschlagnahme von neun zu erbauenden Privat- häusern in Frage käme. Das Hauptquartier hat geantwortet, daß zur Zeit die Verhältnisse die Requisition solcher Gebäude nicht erforderten. Indessen könne durch eine Aenderung der politischen Lage auch eine Aenderung der Koblenzer WohnungsvervMtnisse eintreten.
VerMaffenkanrpf im Berliner Rathaus.
„Echt uns nichts an!" denkt da vielleicht mancher Leser. O Loch! Denn wenn auch die neugezimmerte Riesengemeinde Berlin ein eigenartiges Gedüde ist mit besonderen Schicksalen, so wirken doch die Aorgänge in Ler „Haupt- und Residenzstadt" leicht auf die allgemeine Politik in Reich und Staaten zurück, und in manchen anderen Städten können sich ähnliche Berhält- nisfe entwickeln, so daß man immerhin Dem „Wasser- köpf der Republik" etwas Erfahrungsweisheil be« ziehen kann.
Die Berliner Siadtwirtfchaft läßt sich in ihrer bisherigen Entwicklung kurz dahin kennzeichne in Aus der roten Diktatur in die O b st r u 11 i 0 n! Man könnte sagen: aus der Traufe sind die Berliner in den Regen gekommen. Eine Erleichterung, aber noch keine Erlösung aus den Wehen und Wirren des Staffen- kampfes zwischen dem sozialistischen und dein bürgerlichen Block.
Die Wurzel des Hebels steckte in der Schlafmütze, welche die bürgerlichen Parteien bei der ersten Stadtverordnetenwahl aufbehalten hatten. Die sozialistischen Parteien erlangten die absolute Mehrheit; die gemößig. ten Sozialisten ließen sich unter die Fuchtel der Kommunisten und Unabhängigen bringen: es kam zu der ein- feitigm Parteiherrschaft in der schärfsten Form mit Pfründenjagd, Günsttingswirtschaft, Geldverschwendung, Terrorismus von der Straße usw. Ein beschleunigtes Notgesetz schränkte das Untreren insofern ein, daß wenigstens ein Teil Les Magistrats mit Fachmännern besetzt und den einzelnen Bezirksoersammlungen die Wahl ihrer Geschäftsführer gesichert wurde. Zum Glück wurde die »erste Wahl der Stadtverordneten wegen formeller Verstöße angefochten und kassiert; die zweite Wahl ergab eine trappe Mehrheit für die bürgerlichen Parteien.
. Nun kam es auf die A u s n u tz u n g dieses Wahl- orfolges an, und die ging leider nicht so glait vor sich, Wie man gehofft hatte. Die neuen Stadtoäter aus der deutschnatilliialen, der nationaUiberafcn, der demokrati- fefcn und der Zentrumspartei standen vor der Frage:
"^mtt halben Dutzettd Sttmrnenmchr- heif die Geschäfte auf eigene Faust führen, oder müfsen wir die gemäßigten Sozialisten gut Mitarbeit heran- ziehen? Das letztere wäre offenbar das beste gewesen, •MBühl ?.ur Sickerwra her kawvumotor' Arbeit, als