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M 5.

Sonntag, «. Januar 1922.

-- Fuldaer Heilung

Druck der Fuldaer Actieudruckerei in Fulda

Ar neue ^Einteilung in Minnen.

Zahlreichen Lesern in der zum Freistaat Th üringen gehörigen Rhön werden die folgenden Aus­führungen willkommen sein, die über etne wichtige Angelegenheit erschöpfend Aufschluß geben.

Am Vorabende vor Weihnachten ist dem Land- fage von Thüringen der mit großer Spannung erwar­tete Entwurf über die Neuabgrenzung der Kreise und Gemeinden zug:gangen. Der Gesetzentwurf umfaßt 12 Paragraphen und eine Anlage. Er ist von außer- ordentlicher Bedeutung für die fernere Entwicklung Thüringens. Die Regierung hat deshalb dem Entwürfe eine umfängliche Denkschrift mit Karten und Meßlisch- blättern beigefügt.

Die neuen Kreise sollen nicht nur rote bisher der Staatsverwaltung, sondern vor allem, was für Thürin­gen im allgemeinen neu ist, der Selbstverwaltung der Kreisangelegenheiten dienen. Die bisherigen Kreisauf- gaben der reinen Staatsverwaltung, wie z. B. die An­gelegenheit der inneren Verwaltung, der Polizei, der Aufsicht über die Gemeinden, das Schulwesen, die Religionsgesellfchaften und andere Korporationen ujro., werden in Zukunft voraussichtlich dem Umfange nach rrheblich gegenüber dem Aufgabenkreise wirtschaftspoli- lischer b?zw. kommunalpolitischer Art zurücktreten. In letzter Hinsicht sollen zur Zuständigkeit der Kreis- fol­gende Arbeitsgebiete gehören: Das Verkehrswesen, wv: 5. D. dii Einrichtung von Automobillimen und sonsti­ger Verkehrsmittel, die Obhut her Kreis- und G:- meindestraßen, das Kredit- und Sparwesen, die Für- sorge für Arme und Waisen, das Gesundheitswesen vor allem die Errichtung und Verwaltung von Kreis- krankenhäusern, das Ernährungswesen, die Errichtung von Handels-, Gewerbe- und landwirtschaftlichen Schu­len, das Wohnungs- und Siedlungswchen. Aber auch an die Lösung kultureller Aufgaben sollen die Kreist Herangehen; sie sollen Volkshochschulen und Kr»is- wanderbüchereien errichten und sich um Turnen und Sport bekümmern. Ferner sollen die Kreise sich auch mit gewerblichen Anlagen, wie Kraftwerken, Gasanstal- len und sogar hier kommt der sozialistische Pferde­fuß zum Vorschein mit der Bewirtschaftung von Bauerngütern befassen. Damft die Kreise alle diese Aufgaben lösen können sollen sie mit den Rechten einer juristischen Person und einem hohen Maß von Srlbst- verwaltungsbefugnisien ausgestattet werden. Schön! Aber zu solchen Dingen gehört auch Geld, und noch einmal Geld. Wo die Steife das herbekommen sollen, darüber schweigt sich die Vorlage, abgesehen von einigen allgemeinen Redensarten, ziemlich gründlich aus.

Eine eigenartige Regelung erfährt die Stellung der Städte zu den Kreisen. Es wird ein«teilweise und eine volle Kreissreiheit" eingeführt. In der Staats- verwaltung gehören alle Gemeinden bis zu 10 000 Ein­wohnern zum Kreis. Die Gemeinden mit über 10 000 Einwohnern find selbständige st a a t l i ch e Verwal- tusgskörper. 3n der Selb st Verwaltung um­faßt der Kreis alle Gemeinden, die nicht Stadt­kreise sind. Wohl mit Rücksicht auf die ungeheure Belastung, die den Kreisen aufgelegt werden soll, hat dl« Vorlage nicht den Mut, bestimmte Städte ohm weiteres zu Stadtkreisen zu erklären. Sie bestimmt lediglich, daß dir Städte Gera, Jena, Gotha, Eisenach, Altenburg, Weimar, Greiz Apolda und Arnstadt zu selbständigen Stadtkreisen erklärt werden können, wen» deren Stadtvewrdnetenversammlungen dies durch Mehrheitsbeschluß beantragen. Ob dieft Städte den Antrag stellen werden, wie di« Vorlage annimmt, scheint mit Rücksicht auf ine finanziellen Folgen einigermaßen zweifelhaft.

Der Wirtschaftseinheit des Landes Thüringen ent­sprechend sollen auch die Kreise in sich abgeschlossene Einheiten Herstellen, mit anderen Worten Wirtschafts­grenzen und Kreisgrenzen sollen sich decken. In jedem Kreise soll der das Wirtschaftsleben in roenem Umfang bestimmende Zenlralort der Sitz der Kreisverwaltung werden. Auf die historisch« Entwicklung tn. gegen­wärtigen Zustände in Thüringen soll keine Rücksicht genommen werden. Auf die Gefuhlsströmungen der vom Kleinstaatengeist noch Angekränkelten will die Vorlage nicht eingehen. Demi, fügt sie zynisch hinzu Schaden dieser Art sind ohne Kosten heilbar. Man braucht kein Prophet zu fein, um vorherzusagen, daß gerade die Nichtachtung der historischen Entwicklung im Landtage zu schweren Kämpfen führen wird, zumal die Rcgwrung bei dem früheren Herzogtum Meiningen mich anderes gekonnt hat". Freilich war dieser Staat

Unpolitische Zeitiause.

Von Fritz Nrenkemper.

Berlin, 4. Januar 1922.

Es gibt viele Leute, die Müller sind, und noch mehr £evit, die Müller heißen. Ich gehöre nicht dazu, «der »och summt mir gelegentlich das Liedchen durch den topf: Das Wandern ist, des Müllers Stift

Die Wanderlust steckt uns allen im Blute. Es ist rbliche Belastung: denn unsere Vorfahren waren auch chon sehr versessen auf Ortswechsel und ausgreifende Weltanschauung. Der Trieb ist alt; die Verkehrsmittel sind nur anders geworden. Doch im Zeitalter der Eisenbahnen und Autos bemerkt man auch einen Rück- /all in die altväterliche Sitte der Fußwanderung. Die Lugend von heute bildet unter verschiedenen Formen und Titeln Gruppen vonWandervögeln", die nicht fliegen wollen über Berg und Tal, sondern vielmehr ihren Genuß darin suchen, daß sie einen Fuß vor den andern setzen und die Welt sich schrittweise erobern.

Auch für die Wanderer auf Schusters Rappen bleibt die Eisenbahn ein beliebtes Hilfsmittel, namentlich für die Einleitung und für die Heimkehr. Für die anderen Reisenden, die wenig Zeit und schwache Spazierstöcke haben, ist die Eisenbahn unentbehrlich. Daher große Bestürzung, als zum Jahreswechsel der Eifenbahnerstreik wie ein Wintergewitter losbrechen wollte. Zum Glück ist es bei einem paar kalter Schläge geblieben; der Streik hat sich verzogen bis zum nächsten Male. Wir haben vorläufig wieder Reisefreiheit, solange das Geld für die steigenden Fahrpreise reicht.

Run fügt es sich sonderbar, daß jetzt in der Kirche zweimal hintereinander Evangelien verlesen werden, die vom Wandern berichten. Zunächst am Dreikönigs, tage, am Feste der Erscheinung des Herrn, wo uns aus­führlich berichtet wird über die große und herrliche Wall­fahrt der Weifen aus dem fernen Morgenlande zur Krippe von Bethlehem. Und am folgenden Sonntag hören wir den Bericht über die Reife der heiligen Fa- ^Üie nach Jerusalem, deren zweite Hälfte durch das Zurückbleiben des zehnjährigen Gotteskinde« bedroht er- schien.

®as.°re#' das für mutige und rüstige Wanderer!

. Dret Weisen wurdenKönige" genannt weil nur reiaje und mächtige Herren imstande waren, eine Ra» canume ausrurüsten, wie sie unbedingt nötig n-ar uir

so klug, vor dem Zusammenschluß mit Thüringen eine Anzahl Bedingungen zu stellen, die nun die Vorlage der Regierung berücksichtigen muß. Gern geschieh! das nicht ,wie sich aus mehr als einer Stelle der Denk- schrift ergibt. Ob aber die Regierung alles getan hat um Meiningen von seinen zumöeil geradezu eigensinni­gen Wünschen abzubringen, das bedarf noch sehr der Aufklärung.

Di« Vorlage sieht fünfzehn Kreise vor:

1. den Kreis Jena-Roda, der ausschkeßlich der Stadt Sena (48 504 Einw.) nntb 77 600 Einwohner zählt;

12. den Kreis Weimar, der ohne die Städte Weimar (37 237 Einw.) und Apolda (21103 Eimw.) etwa 102 000 Einwohner zählt; .

3. den Kreis Eisenach mck cmer Einwohnerzahl von rund 94 000, wobei die Einwohner von Eisenach (39 229) nicht mitgezählt sind;

4. den Rneis Meiningen mit 90 700 Einwohnern einfchl. der Stadt Meiningen;

5. den Kreis Hildburghausen mit insgesamt 57 900 Einwohnern;

6. den Kreis Sonneberg mit rund 73 000 Ein­wohnern;

7. den Kreis Schleiz mit rund 48 500 Einwohnern;

8. den Kreis Greiz mit rund 54 000 Einwohnern, außer der ©tobt Greiz (26 876 Eimv.);

9. dm Kreis Altenburg, der ohne die Sicsdt Al- tentring (40 000 Einw.) etwa 93 000 Einwohner umfaßt;

10. den Kreis Gera, »er mit Ausnahme der Stadt Gera (74 603 Cinw.) etwa 86 200 Einwohner umfaßt;

11. den Kreis Saalfeld mit rund 76500 Cinwoh» nom einfchl. der Stadt SaalfÄd;

12. den Kreis Rudolstadt mit 61 800 Einwohnern (infchl. der Stadt);

13. den Kreis Arnstadt, der mit Ausnahme bar Stadt (19 374 Einw.) rund 81 300 Einwohner umfaßt;

14. den Kreis Gotha, der ausschließlich der Stadt Gotha (41 500 Einw.) rund 102 000 Einwohner zählt;

15. den Kreis Sondershausen mit rund 69 000 Einwohnern (einfchl. der Stobt).

Es würde zu wett, führen, auf dis Zusammensetzung ter einzelnen Kreise ernJUgehen. Wir wollen deshalb hier nur den Kreis Eisenach, der unsere Leser am meisten interessieren wird, etwas näher be­trachten. Er setzt sich im Wesentlichen aus den bis­herigen Verwaltungsbezirken Dermbach und Eisenach zusammen. Dom Dermbacher Bezirk werden aber der Amtsgerichtsbezirk Ostheim und der Ort und Forst Ziltbach abgetrennt und dem Kreise Meiningen zuge­schlagen. Dafür kommen die bisher mrrmngischen Orte Dietlas, Bernshausm und Kaltenlengsfeld zum Eise­nacher Kreis. D'rfem Kreise werden weiter zugeführt die gothaische Exklave Nazza mit den Gemeinden Hal­lungen, Frankenroda und Ebenshausen, sodann Neu­kirchen Lauterbach, Ettenhausen und Hostrurigsfeld so­wie d:r Amtsgerichtebezirk Thal mit Ausnahme des kleinen Ortes Fischbach. Auch die meiiringische Exklave Oberellen kommt zum Kreise Eisenach. Seine Aus­dehnung beträgt von Sudan nach Norden durchschnitt­lich rund 60 Stirn.; bin Breite wechselt von 10 bis 38 Kttometer.

Wie bekannt, ist dir Bevölkerung des Dermbacher Bezirks mit der Einverleibung m den Eisenacher Kreis nicht einverstanden. Erst jüngst hat der Bezirksaus­schuß von Dermbach einstirnmigdieBeibehal- tungdes4. Verwaltungsbezirks als Kreis gefordert. Auch ist man offensichtlich bei der Bildung des Eisenacher Kreises von dm aufgestellien Grundsätzen abgewichen. Der neue Kreis bildet trotz allem was die Vorlage sagt, keine wirtschaftliche Einheit. Er enthält vielmehr zwei gänzlich verschiedene Wirtschaftsgebiete, das Lndustrvegebiet von Eisenach und das Kaligebiet um Dacka. Don einem nennenswerten Einfluß der Stadt Eisenach auf die meisten Orte des Dermbacher Bezirks kann nicht geredet werden. Di« Ressierungs- Vorlage fühlt auch selbst die Schwäche ihres Stand­punktes und macht so zwischen den Zeilen das Geständ- nis, daß die Eingliederung des 4. Verwaltungsbezirks in den Eisenacher Kreis in der Hauptsache deshalb er­folgt ist, um Eisenach bei Thüringen zu halten Sie kleidet ihr Geständnis in folgende schöne Sätze:

Das Verlangen (Eisenachs) nach weitgehendster Em- kKedenmg benochborisr KreisteA« muß von Staats wegen unterstützt werden tmb zwar umsomehr, als für diesen Grenzdreis (Ersannch) zu befürchten ist, tmß benachbarte preußische Gebietsteile wittschchlliche Absperrungsmaß- ncchmsn gegen ihn ergreifen können. Eine so'che Gefahr besteht deshalb besonders, weil die von Eisenacher Seite vor einiger Zett ausgvnomrnenen Verbindungen nach den roestiich anschließenden preußischen Regierungsstellen zwar zu feinem Ziele führen konnten, immerhin ader das Begehren Preußens nach Thüringer Lan­desteilen angefacht haben möchten."

Vielleicht zieht das Geisaer Amt aus solchen weisen Sätzen auch einmal eine Lehre.

Ueberroinbung des weiten, ungebahnten, gefährlichen Weges. Mit ihren Kameelen find sie langsam fürbaß ge­zogen über Berg und Tal, durch dürre Wüsten und tückische Sümpfe, durch räuberische Stämme und über reißende Flüsse, immer treu und tapfer ihrem Sterne folgend. Und als sie ihr Ziel erreicht hatten, besaßen sie noch Wagemut genug, um einen anderen, neuen Wo zur Rückkehr in ihre Heimat zu suchen. Alle neuzeit­lichen Wallfahrten, und seien sie noch so groß, schrump­fen zusammen, wenn man sie vergleicht mit dieser kühnen Pilgerfahrt aus dem fernen Osten zur ersten Entdeckung der Geburtsgrotte.

Und die Reise der Familie Joseph von Nazareth nach Jerusalem! Die (Entfernung ist feine Kleinigkeit nämlich ungefähr 65 deutsche Meilen, fast 500 Kilometer. Also so weit, wie von Berlin an den Rhein. Diese Sttecke mußte zweimal zurückgelegt werden ohne Hilfs von Kameelen «der Fuhrwerk. in wochenlangemFuß- marsch. Wir wißen, daß Joseph und Maria den We kurz vor Weihnachten zurückgelegt hatten, um sich <0 pflichttreue Staatsbürger in der Heimatsstadt ihres Stammesaufschreiben" zu lassen. Aus dem Eoange- lium vom Sonntag erfahren wir, daß sie als fromme1 Bekenner der Religion die Gewohnheit hatten, alle Jahre zum jüdischen Osterfest nach Jerusalem zu wallfahrten zum heiligen Tempel. Welch' eine Anstrengung, welch' ein Wagnis! Eine gewiße Milderung lag ja darin, daß sich größere Gruppen von Pilgern zusammenschlo;- fen, die den größten Test des Weges gemeinsam zu- rücklegten. So erklärt er sich, daß die Eltern den Rückweg antraten, ohne sofort bas Fehlen des Knaben Jesus zu bemerken.Sie meinten", heißt es im Evan­gelium,er sei bei der Reisegesellschaft und so machten sie eine Tagereise und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten." Wir sehen daraus, daß erst am Abend des ersten Reisetages, als für das Nachtquartier sich die Familie sammelte, die Gegenwart des Zehnjährigen peinlich vermißt wurde. Während des Tagesmarsches hatte man geglaubt, ihm volle Bewegungsfreiheit un­ter der Reisegesellschaft lasten zu können. Nebenbei ein Zeichen, daß das alles brave Leute waren, die einander vollständig verttauten und in brüderlicher Gemütlich­keit den langen Marsch sich gegenseitig erleichterten.Offen- bar hatte auch der zehnjährige Knabe schon genügend Proben von Einsicht und Tatkraft gegeben, sodaß die Eltern ihm Bewegungsfreiheit gestotten durften. Am Abentz bes ersten Waschtages müssen sie nun sorgenvoll

Diele Orte des Dermbacher Bezirks sind 40 und mehr Kilometer von Eisenach entfernt. Was das bei den jetzigen teuren Eisenbahnfahrpreisen, abgesehen von der großen Zettoersäurnms, für die Bevölkerung im Verkehr mit den Krsisbchörken bedeutet, braucht wohl nicht näher ausgeführt zu werden. Die Regierung will deshalb den Beroo^wrn der Dorderrhön Gelegen­heit geben, notroentnge persönliche Geschäfte bei einer Kneisverwaltungsbehörde abzuwickeln. Diese Nebenstelle sollrnDermbach ihren Sitz erhal­ten. Nichts kenMichnet wohl mehr das Verfehlte der Kreiseinteilung als dieses Zugeständnis. Cs soll ober wohl zur ersten Beruhigung der Bevölkerung dienen. Solche Nebenstellen können später sehr leicht aufgehoben werden.

Wenn auch die Regierung in der Denkschrift bemüht ist, nur mit sachlichen Gründen zu opervrren, so gibt cs doch viele böse Menschen, die behaup.en, bei der Kreis­einteilung spielten cmch parteipolitische Bestrebungen eine nicht geringe Rolle. Man weist darauf hin, daß die meisten Kreise, darunter auch der Eisenacher, so zu- geschnitstn sind, daß in ihnen die sozialistischen Parteien die Mehrheit haben. Wir können nicht entscheiden» was an diesem Vorwurf wahr ist, glauben aber als Zentrumsblatt berechtigt zu fein, einmal zu untersuchen wie die Verhältnisse ttn Eisenacher Kreise sich für die Katholiken gestalten. Im Derwattungsbezirke Dermbach bekannte sich etwa ein Viertel zur katholi­schen Kirche und war polttiisch im Zentrum organisiert. Im Bezirksausschuß war das Zentrum ziemlich stark vertreten. Es stellte sogar in letzter Zeit den Vorsitzen­den. 3m Kreisausschuß von Eisenach wird das Zen­trum höchstens mit einem Mitglied« vertreten und ohne jeden Einfluß fein. Daß man in Eisenach freiwillig auf die Gefühle und Jnteresten der Katholiken gebüh­rend Rücksicht nehmen wird, ist bei den sattsam be­kannten Traditionen der Lutherstadt kaum anzunehmen.

Das Schicksal, das die Regierungsvorlage im Landtag haben wird, istkaumzweifelhast. Zwar wird eine schwerer Redekampf toben, zwar wird dir Regierung in Einzelheiten dem Willen der Bevölkerung geringfügige Zugeständnisse machen müssen, die Vorlage als Ganzes wird aber mtt der bekannten Zweistimn.en. Mehrheit angenommen werden. Bei der Virwfttät, mtt der die sozialistischen Parteien die Abstimmungsguttlo- tine handhaben, ist dieses Ergebnis mit Sicherheit vor­herzusehen. Der Bevölkerung des Derroaltungsbezirks Dermbach ist anturaten, ihre Wünsche noch einmal mit Nachdruck geltend zu machen. Wenn alles Sonstige fehlt schlage, müssen ihr rorniosbens feste Zusicherungen wegm der möglichst weitauszubauenden Kreisnebenstelle in Dermbach gemacht werden.

Das ReichseisenbahnfiaanZgefetz liegt jetzt nach eingehenden Beratungen im Reichs­verkehrs- und im Reichsfinanzministerium im Re- ferentenentrourf vor.

Dieser Entwurf verfolgt bekanntlich den Zweck, den Betrieb der Reichseisenbahnverwal­tung wirtschaftlicher zu ge st alten. Er bringt für die Reichseisenbahnverwaltung einige grundlegende Neuerungen. Organisatorisch soll die Reichseisenbahnverwaltung nach dem Entwurf aus der allgemeinen Reichsverwaltung herausgsnom- men und zu einem selbständigen weder vom Reichs­kabinett noch vom Reichstag abhängigen Unter­nehmen gemacht werden. Der Reichseisenbahn- minifter soll gegenüber dem Reichstag nur eine be­schränkte Verantwortung haben; er soll nämlich nur dafür verantwortlich sein, daß die Vor­schriften der Reichsverfassung beachtet werden und daß die Reichseisenbahn in einem be­triebssicheren und den Anforderungen des Ver­kehrs entsprechenden Zustande sich befindet. In allem übrigen aber soll der Reichseisenbahnminister in Zukunft unabhängig gestellt sein.

So sehr man die wirtschaftliche Tendenz dieses Gesetzes gutheißen muß, so sehr kann man Zweifel hegen, ob nicht das Streben der Reichssisenbahn- verwaltung nach einer so weft gehenden Unab­hängigkeit gerechtfertigt ist. Jedenfalls sind über diese Fragen im Reichstag, dem der Entwurf, wie wir hören, alsbald zugshen soll, sehr eingehende Auseinandersetzungen zu erwarten.

DerVorwärts" kündigt bereits an, daß diese weitgehende Unabhängigkeit der Reichseisenbahn­verwaltung unannehmbar für die So­zialdemokratie fei, da sie eine verfassungs­rechtlich ganz unhaltbare Konstruktion darstelle.

auf die Suche gehen. Daß ihm etwas zu Leibe geschehen wäre, werben sie wohl nicht befürchtet haben; denn ber zurückgelegte Weg war ja belebt von heimkehrenben Tempelpilgern, also von braven Leuten. Aber sie muß­ten fragenb unb suchend eine ganze Tagereise zurück- machen, unb erst am dritten Tage fanden sie ihn in Jerusalem, im Tempel selbst. Für unsere Begriffe, die sich kein erträgliches Nachtquartier ohne regelrechtes Bett denken können, ist der nächtliche Schlummer in den Tempelhallen oder im Freien nicht verlockend; aber da- zumal war man nicht so anspruchsvoll. Sonst hätten ja die Pilger auch nicht die Dutzende von Tagereisen zurücklegen können, wobei sie natürlich für die Nächte nur auf den notdürftigsten Unterschlupf ober meistens nur auf ein Quartier unter dem Sternenzelt rechnen durften. Sie machten aber doch ihre Tempelfahrten, ihre Besuchsreisen (vergl. Mari« bei Elisabeth) unb selbstverständlich auch ihre Geschäftsreisen. Langsam unb beschwerlich, aber unverzagt. Auch die Verlängerung der Rückreise ber heiligen Familie würbe nicht tragisch ge­nommen. Drei Tage mehr, das machte bei dem langen Marsch nicht viel aus.

Es gibt heutzutage Leute, die sich nach dem Evan­gelium benennen, aber doch von Wallfahrten nichts wissen wollen. Das stimmt nicht; denn gerade bas Evangelium führt uns die erhabensten Beispiele von Wallfahrten vor. Wenn ber rounberbare Stern bie drei Weisen aus dem Morgenlande nach Bethlehem berief unb Jesus mit feinen (Eltern jedes Jahr die Osterwall- fahrt zum Tempel unternahm, bann handeln die katho­lischen Pilger wahrhaft chrisllich unb biblisch, wenn sie ben Weg zu heiligen Stätten nicht scheuen. Im üb­rigen pflegen bieAufgeklärten", bie an mrseren reit« giöfen Wallfahrten nörgeln, selbst recht viel Ptlger- fabrten zu weltlichenHeiligtümern", zu allerhand Se­bent» und Prachtstätten zu unternehmen. Warum {ol­len die frommen Leute nicht auch Reisefreiheit haben?

Kommen wir nun auf die Wandervögel zurück, so kann man vielleicht bezweifeln, ob diese Ausflüge mit den anbächitgen Wallfahrten in demselben Atem ge­nannt werben dürfen. Es gibt verschiedene Arten des Wanderns. Don ber leichtsinnigen Bummelei, bie Ge. legenheit sucht für sittlichen unb wirtschaftlichen Unfug, wollen wir nicht reden. Aber wenn brave Jungmen- schen ausziehen, um die Schönheiten der Schöpfung an ber Quelle zu genießen und in seinem Werke den Schöpfer zu bewundern, bann ist bas gut und chrisllich

Dem Reichseisenbahnminister soll nach dem Ent- wurf ein Derw a lt u n g sr a t beigegeben wer­den, der sich aus je 6 Mitgliedern des Reichsrats, des Reichstags und des Reichswrrtschaftsrats, aus 12 vom Reichsrpäsidenten aus Vorschlag des Reichs­verkehrsministers ernannten Sachverständigen und aus 6 Vertretern des Personals der Reichseisen­bahnverwaltung zusammensetzt. Dieser Äerwal-^ tungsrat ist begutachtendes Organ in allen wich­tigen Fragen der laufenden Verwaltung; beschlie­ßendes Organ ist er für die Feststellung des Haus­hafts, für die Entlastung der Verwaltung, die Ge­nehmigung zur Aufnahme von Anleihen, für die Ausübung der Tarifhoheit und für die Festsetzung wichtiger Aenderungen der Löhne und Gehälter. Diese Befugnisse des Derfassungsrats sind also sehr weitgehende, und der Reichsverkehrsminister ist durchaus nicht so unabhängig gestellt, wie es auf den ersten Blick wohl scheinen könnte.

Allerdings soll er nach dem Entwurf eine be­schränkte Tarifhoheitsgewalt haben, da ihm das Recht zustehen soll, in dringlichen Fäl­len, insbesondere bei plötzlicher und erheblicher Aenderung des Geldwertes Mehrausgaben durch Tariferhöhungen unverzüglich selbständig auszu­gleichen. Eine weitere grundlegende Neuerung des Entwurfs besteht in etatsrechtlicher Hinsicht. Der Entwurf sieht in dieser Beziehung eine strenge Scheidung des Detriebshaushalts vom Anleihe- Haushalt vor. Der Betriebshaushalt soll sich selber tragen und außerdem noch Ueberschüsse für den Anleihehaushalt und für Rücklagen bilden. Diese Rücklagen sind dazu bestimmt, etwaige Fehlbeträge auszugleichen. Zu dem Zweck wird der Betriebs- Haushalt von allen größeren Anleihen und Auf­bauausgaben entlastet. Die Mittel, die der An­leihehaushalt erfordert, sollen durch Eisenbahnan­leihe aufgebracht werden. Dagegen fallen die Ver­zinsung und Tilgung der Eisenbahnschuld dem Be­triebshaushalt zur Last und müssen also aus dem laustnden Haushalt gedeckt werden. Die Eisen­bahnschuld selbst wird abergereinigt", d. h. es werden von ihr beträchtliche Summen abgebürdet, deren Verzinsung und Tilgung die Reichsbahn nicht übernimmt, sondern dem allgemeinen Reichs- haushalt überläßt. Grundlage der Eisenbahnschuld bildet der Erwerbspreis, den das Reich beim lieber» gang der Staatseisenbahnen an die Länder bezahlt bezw. anerkannt hat. Don diesem Erwerbspreis wird aber einmal der Wert der an fremde Staaten abgetretenen Strecken abgesetzt, ferner ein Betrag für denKriegsverschleiß" an Bahnlagen und Be- triebsmitteln, endlich die Summe der auf den Er­werbspreis aufgeschlagenen Fehlbeträge der Staats- eisenbahnverwaftung in den Kriegsjahren. Alle diese Posten sind sachlich zutreffend als Kriegs- aufwendungen zu buchen und daher auf die allgemeine Finanzverwaltung zu übernehmen. Ebenso gehört die Verzinsung und Tilgung des Kapitals der im Saargebiet gelegenen Eisenbahnen zu den Kosten des Friedensvertrages, und sie wird deshalb, solange diese Bahnen der Verwaltung und Nutznießung der Reichsbahn entzogen sind, folge- richtig der allgemeinen Finanzverwaltung über­wiesen. '

Durch diese budgetären Maßnahmen wird em ziemlich beträchtlicher Teil des Defizits be»t seitigt werden, der bisher tatsächlich nur durch eine sachlich ungerechtfertigte Buchung der Reichs­eisenbahnverwaltung zur Last fiel. Auf ber andern Seite lebt natürlich dieses Defizit als Fehlbe­tragsmehrung bei der allgemeinen Finanzverwaltung wieder auf.

Wien und die Kleine Entente.

Kaum hat die Tschecho-Slowakei rnft Wien in Saito ein Wirtschaftsabkommen getroffen, da wird auch schon gemeldtt, daß der ungarische Ministerpräsideni Gras Bethlen unb der serbische Ministerpräsident Pa- sitsch mit b?tn Gedanken umgehen, eine Reise noch Wien zu machen, um dort mit dem Bundeskanzler Schober Verhandlungen anzuknüpfen.

Hier kreuzen sich verschiedene Pläne. Die Tschecho- Slowakei hat durch das Wirtschaftsabkommen, mit Oesterreich den ersten Schrift getan, um eine direkt» Verbindung mit Jugo-Slavien, seinem Verbündeten; zu bekommen. Jugo-Slawien sucht nun auch seiner­seits mit Oesterreich einen Pakt zu schließen, um den Weg von der andern Seit« freizumachen. Die Tschecho-

und auch ein Gottesdienst. Der Geist ist es, der dem Wandern seinen Wert oder Unwert gibt. Wo die rechte Gesinnung herrscht, da wird auch Zucht und Ordnung gewahrt werden, und wenn Leib und Seele sich er- frischen in reiner Luft und Sonnenschein und Waides­grün, dann können auch die Mandolinen die Orgeln ersetzen, und wie ein Choral wirkt der Gesang:Wer hat dich, du schöner Wald . . ."

Richt nörgeln und hindern, sondern vielmehr in die rechte Bahn leiten! ,

Und wenn wir von den ausgedehnten Fußwande» rangen der heiligen Vorfahren lesen, so wollen wir uns im Zeitalter der Eisenbahnen und Autos bewußt blei­ben, daß man die Schönheiten der Natur nur gründ­lich genießen kann, wenn man Schritt für Schritt die Schöpfung Gottes durchwandert und unter dem hohen Himmelsdom eine kleine Andacht hält. Kurz, aber herzlich!

Wir können feinen Stern sehen, wenn wir nur Ml Augen offenhalten!

* 62 Millionen Bewohner in Deutschland. Vom statistischen Reichsamt ist jetzt nach der Austeilung Oberschlesiens die Zahl der Einwohner in den euro­päischen Ländern festgestellt worden. In Oberschlesien hat Deutschland fast eine Million Einwohner ver­loren. Mit 101 Millionen Einwohnern steht Ruß­land in Europa an der Spitze, es folgt Deutsch» land mit rund62Millionen, dannG roßbritannien (mit Irland) mit 47,3 Millionen, Italien mit! 39,5 Millionen, Frankreich mit 39,2 Millionen,! Polen mit 29 Millionen, Spanien mit 20< Millionen, Rumänien mit 15,4Millionen, Jugo­slawien mit 14,5 Millionen, Tschechoslowakei mit 13,6 Millionen, Ungarn mit 7,48 Millionen, Belgien mit 7,62 Millionen, Niederlande mit 6,84 "Millionen, Deutsch-Oesterreich mit 6,13 Millionen, Portugal mit 5,96 Millionen, Schweden mit 5,81 Millionen, Griechenland mit 5,60Millionen, Bulgarien mit4,86Millionen, s Litauen mit 4.80 Millionen, die Schweiz mit 3,89 Millionen, Finnland mit 3,33 Millionen,. Dänemark mit 3,27 Millionen, Norwegen mit 2,45 Millionen, Estland mit 1,75 Millionen, Lett­land mit 1,73 Millionen, die Türkei in Europa mit 1,25 Millionen, alle übrigen Länder mit 1,75* * Millionen.