Einzelbild herunterladen
 

Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 3.

Verantwortlich für Öen reöauionetten Teil: Dr. I. Kramer, ~ für die Anzeigen: I. Parze ller-Fulda. " Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitu ng.

Donnerstag, 5. Zanrrar 1922»

Bezugspreis: Monatlich 6,0i) IRL zugestellt frei ins Haus- :: Abgeholt in der Geschäftsstelle 5,50 All.

Anzeigen: Kleinzeile nachTolonel 1Ä; auswärts 1.50M.

Reklamezetie (Textvreftei nach Colonelmaß 4 Mark.

49. Zahr^

Die richtige Taktik.

Lehren des Eifenbahnerftreiks.

Don Fritz Nienkemper-Berlin.

Die Störung des Bahnbetriebes sah sehr bedrohlich cjis, ist jedoch verhältnismäßig schnell bchitigt worden. Nicht auf'dem Wege der Gewalt, sondern durch Der- hmdlungen über Ergänzung und Erneuerung des Taris- vtrttages.

Nun ist in der rechtsstehenden Poesie wieder ein- nal gesagt worden, man dürfe bei wilden Streiks und wmentlich bei offenem Tarifbruch sich überhaupt nicht <uf Verhandlungen einlassen, sondern müsie dem Ter- m der Ruhestörer unbeugsamen Widerstand entgegen- sitzen. Es ist nicht das erste Mal, daß die Frage nach ter richtigen Taktik gegenüber dm Streikhetzern aufge- vorfen wird. 3m vorliegenden Falle formten die Kri­tiker sich auch noch berufen auf das Vorgehen der Be- iltzungsbehörden am Rhein, die im besetzten Gebiet Urzer Hand den Eisenbahnbetrieb „militarisiert" und 8e Streikenden mit dem Kriegsgericht bedacht haben.

Was die fremden Machthaber tun oder lassen, kann ür uns nicht chne weiteres vorbildlich sein. Auch ter Augenblickserfolg im besetzten Gebiet darf uns licht bestechen. Das besetzte Gebiet ist ein engerer ßezirk, der an Kriegszustand noch gewöhnt ist und so nel militärische Machtmittel aufweist, daß die Ver- juchung zum Widerstand im Keime erstickt. Für das zanze große unbesetzte Deutschland eine ähnliche, Ge- valtkur durchzuführen, würde ganz andere Schwierig- leiten und Gefahren mit sich bringen.

„Grundsätzlich" haben ja die Kritiker gewiß recht. Bon Rechtswegen sollte man den Tarifbrechern und den Anzettlern von wilden Streiks jedes EntgeAmkom- ncn versagen. Aber der Realpolitiker darf nicht bloß ruf das Prinzip und die Theorie achten, sondern muß fei allen Maßnahmen fragen: Was wird dabei herauskommen?

Wenn ein Schadenfeuer angelegt worden ist, so er­geben sich zwei Aufgaben: die Verfolgung der Frevler und die Löschung der Feuersbrunst. Das letztere ist offenbar die erste und dringlich st eAuf» gäbe. Um so mehr, je wertvoller und je feuergefähr­licher die bedrohten ©egenftänbe sind. 3m vorliegen­den Falle stand nichts Gerinaercs auf dem Spiele, als die Lahmleaung unserer ganzen Volkswirtschaft und das zu einer Zeit, wo eine solche Störung geradezu verhängnisvoll wirken müßte sowohl für die innere Wohlfahrt wie für die Weltstellung Deutschlands.

Wie ernst die Gefahr war, zeigte sich in der stetigen Lusbreitung des Streikfiebers. Sogar in Schlesien, das doch weit genug vom rheinischen Herde der Be- uegung entfernt liegt und feine besonderen Sorgen Ha­fen sollte, war kurz vor Toresschluß noch die Streik- parole ausgegeben worden.

Bedeuten nun die Verhandlungen und ihr Ergebnis einen „Triumph" für die Streikhchw? Die radikalen Drahtzieher erftrabten viel mehr, als die bewilligten Teuernngszufchläge. Ihnen wäre es lieber aewsim, Denn die Regierung sich auf das „Biegen oder Brechen" ringelassen und die gewaltsame Unterdrückung versucht hätte. Sie wünschen ja gerade Ruhestörungen, Kra- malle, Kämpfe zwischen den Ordmmgskrästen und lern aufgeputschten „Proletariat", Bürgerkrieg und neuen Umsturz. Diese Spekulation ist den Ränteschmir. fern und Raufbolden vereitelt worden.

Daß der Streik unberechtigt war, ist auch in der getroffenen Vereinbarung anerkannt worden: die Streit, tage werden nicht bezahlt . Diepmigen, die sich nur pas­siv durch Arbeitseinstellung beteiligt haben, erhalten keine andere Strafe als diesen Verlust am Tageslohn. Wer aber aktiv gegen Gesetz und Ordnung verstoßen

Die Jagd nach dem Glücke.

64] ---------- >

Seit dem merkwürdigen Fund in der Burgruine und krr darauf folgenden, Entdeckung der reichen Silberader in Mühlbachtale waren nunmehr acht Tage vergangen. Snilie konnte es nicht unterlassen, täglich, wenn auch rar für kurze Zeit, nach der Burgruine emporzusteigen, jSoch nicht, um wie früher sich in ihre Musikstudien und ir die alten Schriften zu vertiefen, sondern um erwar- tuigsooll nach dem Garten des Nachbars Ausschau zu Häfen und zwar stets zu einer Stunde, in welcher, rote sie wußte, Wilhelm Friedroald und seine Braut oder aüh der Nachbar Schlosiermeister in der Laube verweil­ter. Für letzteren schien das schöne Fleckchen Erde in jüigfter Zeit ebenfalls eine ganz besondere Anziehungs- treft zu besitzen, denn regelmäßig gesellte er sich nach Feierabend zu den jungen Leuten und erwiderte wie diese den freundlichen Gruß, den Emilie von dem Burg­felsen herabwinkte. Traf es sich dann, daß die drei noch in der Laube weilten, wenn Emilie wieder in das Dokderhaus zurückkehrte — und sie beeilte sich jedesmal rechtzeitig den an der Mauer vorüberführenden Weg zu paffteren — bann entspann sich gewöhnlich eine freund- licht Unterhaltung zwischen ihr und dem Brautpaar, welhem Emilie, ihrem Versprechen getreu, gleich am Tagt nach Auffindung der kleinen Eisentruhe von deren Inhalt Mitteilung gemacht hatte. Naturgemäß bildete die Auffindung des Kästchens den Inhalt dieser Ge­spräche und wurden die jungen Leute nicht müde, immer wieder die einzelnen Umstände der merkwürdigen Be- geberheit 3“ besprechen. Vater Hochfeld spielte dabei den stummen, aber desto aufmerksameren Zuhörer und als die Nachbarstochter einmal erwähnte, daß es ihre Eltern im höchsten Grade interessieren würde, das „die Jagd nach dem Glücke" darstellende Bild in seiner Ver­einigung SU sehen, da nickte der Alte dem Mädchen freundlich zu und erklärte, daß das Gemälde jederzeit dem Herrn Nachbar zur Verfügung stehe.

Das tpar gestern abend in der Dämmerstunde ge­wesen. Als Emilie heute am Nachmittage an dem nach dem Hofe zu gehenden Fenster des Wohnzimmers stand, ssn welchem aus man, wie wir willen, lowobl den die

Hai, wirb nicht amnestier». Mit dieser Behandlung der Einzelpersonen kann man sich unter den ob­waltenden Verhältnissen zufrieden geben. Die Haupt­sache ist, daß die sämtlichen Verbände der Eisen­bahner sich neuerdings förmlich und feierlich zur Tariftreue verpfichtet haben.

Das ist wesentlich für die weitere Erziehung der Arbeiterschaft zum Widerstand gegen die Stveikhetzer. Die Sammlung und Organisation der besonnenen Elemente läßt sich nicht durch Gewalt hrrbeisühven und auch nicht von der Regierung schaffen. Der gewerk­schaftliche Gedanke muß sich innerhalb der Arbeiter­schaft selbst wieder durchrmgen, und die Führer der Ge­werkschaften sollten in dieser Richtung all ihre Kräfte in Wort und Schrift, in den weiteren Kreisen und in den einzelnen Werkstätten, mit verstärktem Eifer um­setzen. Das Streikfieber muß von innen heraus Über­wunden werden.

Zu diesem Erziehungswerk muffen aber die Be­hörden und die sonstigen Arbeitgeber auch ihrerseits Mitwirken, indem sie das, was den Arbeitern gewährt werden kann und soll, recht­zeitig bewilligen und unverzüglich zur Aus­zahlung bringen. Sonst setzt sich in der Arbeiterschaft die Ansicht fest: „Ohne Streik ist überhaupt nichts zu erreichen; erst muß ein Notstand geschaffen werden, ehe die Engherzigkeit und der bürokratische Schtendlian überwunden werden." Doppelt gibt, wer schnell gibt. We rbfe Auszahlung des Versprochenen verschleppt, ver­eitelt die Wirkung seines Zugeständnisses.

Wenn die einsichtigen Elemente von beiden Seiten zufammenwirken, kann sich allmählich eine Gesundung der sozialen und wir-schaftlichen Verhältnisse anbahnen. Mit Gewaltmitteln läßt sich viel verderben, aber wenig erreichen.

Zltt Reform der Eisenbahn.

In feiner letzten Sitzung hat sich der Organi­sationsausschuß der Eisenbahn mit dem Entwurf zum ReichLbahnfinanzgesetz beschäftigt.

Bezüglich des Teils des Gesetzentwurfes, der die Beamtenfragen regeln soll, sprach er sich dahin aus, daß die Notwendigkeit einer selbständigen Be­triebsverwaltung auch eine selbständige Gestaltung der Besoldungsbezüge der Reichsbahsbeamten er­fordert. Die deutsche Reichsbahn müsse unbedingt als selbständiges wirtschaftliches Unternehmen in der Gestaltung der Besoldungsordnung und der Besoldungsvorschriften unabhängig von ben für die übrigen 'Hoheitsverwaltungen erforderlichen Rege­lungen gemacht werden.

Ueber ein Arbeitszeitgesetz haben in den letzten Wochen im Reichsverkehrsministerium Ver­handlungen stattgefunden, die bisher noch nicht zum Abjchluß gekommen sind. Die beteiligten Organi- fationöbertreter haben ihrerseits nun einen Entwurf für ein Arbeitszeitgesetz ausgearbeitet, das sie der Regierung unterbreitet haben. Ein ähnliches Gesetz ist bei der Postverwaltung in Vorbereitung.

Die Tagung in Tannes.

Briand und Loucheur sind am Dienstag von Paris nach Cannes abgefahren. In dem Augen­blick, wo sich der Zug in Bewegung fetzte, traf ge­rade der aus London angekommene Staatssekretär des Aeußern Lord Curzon ein. Lord Curzon und die französischen Staatsmänner wechselten einige Begrüßungsworte.

Briand wird in Cannes mit Lloyd George eine Vorbesprechung haben.

■aeM—li IIWIIII

Burgruine tragenden Felsen, wie auch den nachbar­lichen Garten überblicken konnte, meinte sie dort plötzlich eine Gestalt zu gewahren, deren Anblick ihr ein stür­misches Herzklopfen verursachte. Deutlich hob sich das helle Kleid Hedwig Hochfelds zwischen dem die Laube des Gartens umschlingenden dünnen Geranke ab; ihr Bräutigam Wilhelm Friedroald trat soeben die nach unten führenden Stufen hinab — wer war der dritte, der hochaufgerichtet in der Laube stand und in lebhaf­tem Gespräch mit Hedwig begriffen war? Diese Gestalt, die stolze Haltung, die lebhaften Bewegungen — sie wa- ren nur ihm eigen, der in ihren Träumen lebte! Es war kein Zweifel — Karl Hochfeld war heimgekehrt, weilte wieder in ihrer Nähe, jetzt nachdem freundliche Be­ziehungen zwischen den 3hrigen und der Nachbarfamilie angeknüpft waren. Ein unendliches Glücksgefühl durch- strömte das junge Mädchen und einer augenblicklichen Eingebung folgend, wollte sie sofort nach dem Garten eilen — da stockte plötzlich ifcr Fuß vnb überrascht sah sie hinab in den weiten Hofraum, durch welchen fneben Karls Vater mit einem Paket unter dem Arme nach der zum Kontor führenden Tür schritt. Brachte Herr Hoch­feld so rasch das Gegenstück des Bildes, um den von ihr gestern abend angedeuteten Wunsch ihrer Eltern zu erfüllen? Aber warum kam er selbst — warum sandte er nicht das Bild durch Herrn Friedroald, oder — das Mädchen zitterte bei dem Gedanken — durch Karl? 3hr Gedankengang wurde durch die Mutter unterbrochen, welche wohl durch das sichtliche Erschrecken Emiliens aufmerksam geworden, aus der Tiefe des Zimmers ebenfalls an das Fenster getreten war, und den Schlos- sermeister gerade noch erblickte, als er in die Tür des Seitenbaus trat. Einen prüfenden Blick auf die Toch­ter werfend, deren Antlitz eine hohe Röte überflog, fragte sie: „War das nicht Herr Hochfeld, der soeben nach dem Kontor ging?"

„Gewiß, Mama! Wahrscheinlich bringt er das Bild, welches Du und Papa zu sehen wünschtet — ich bat ihn darum gestern abend.

„Das Bild, das mit dem unseren vereint, „die Sagt) nach dem Glücke"' darstellt? Und durch die Bereini­gung entsteht eine Brücke, auf welcher die beiden Brü­der Konrad und Albrecht das Glück erreichen können? Ist es nicht io. mein Kind?"

Die Pariser „Liberte" schreibt, nach der Ansicht Lloyd Georges müsse Frankreich das englische Pro­gramm, das ein Zusammenwirken mit Deutschland und Rußland vorsehe, annehmen, andernfalls würde der Oberste Rat von Cannes der letzte fein. Die Allianz würde gebrochen und wenn Frankreich und Belgien gegen Deutschland vorgehen würde, würde England eingreifen und sie daran hindern. Das Blatt glaubt deshalb, daß man sich auf ein Kompromiß einigen und die Schwierigkeiten zurückstellen werde.

Einberufung des Reichstagsausschusses für aus­wärtige Angelegenheiten.

Wie die .Deutsche Alloem. Ztg/ aus parlamen­tarischen Kreisen hört, wird beabsichtigt, den Reichs­tagsausschuß für auswärtige Angelegenheiten nach der Konferenz von Cannes und der Rückkehr von Dr. Nathenau, der nach einem Gerücht inoffiziell in Cannes dabei sein totrb, zu einer Aussprache Über die außenpolitische Sage einzuberufen.

Zur Neuwahl des Reichspräsidenten.

Zur Frage der Neuwahl des Reichspräsidenten er- fährt die „Deutsche Wlg. Ztg.", daß die Reichstagssrcck- tionen vorläufig noch nicht beabsichtigen werden, eine Entscheidung in dieser Frage zu treffen, solange nicht die Gesetzesvorlage über den Volksentscheid verabschie­det worden ist.

Ueber die Frage einer gemeinsamen Kandidatur konnte trotz vielfacher Bemühungen bisher noch keine Einigung getroffen werden, sodaß vorläufig eine Wie­derwahl des Reichspräsidenten Ebert noch nicht ge- sichert ist. __________________

Rus dem besetzten Gebiet.

(fpb) Die gefährliche Feuerwehruniform. Der Nas- säuische Feuerwehrtag für 1922 sollte in Elt­ville, also im besetzten Gebiet abgehalten werden. Bei einer Besprechung mit dem militärischen Kreiskomman- banten wurde dem Vorstand der Feuerwehr mitgeteilt, daß die Besatzungbehörde i>te Abhaltung der Tagung m der geplanten Weise wahrscheinlich nicht genehmigen werde, namentlich wenn die auswärtigen Wehren in Uniform erscheinen würden. Nun sucht der Vorstand nach einem geeigneten Ort im unbesetzten Gebiet.

* Weilarer Abzug von Amerikanern. Die ameriko- msche Besatzungsbehönde tert nunmehr auch von der 8. In- tunterie, der 6. Feldartillerie und der Hauptquartierkam- panie in die Heimat zurückgesandt. Außerdem reiften meh­rere OffiztersfamUten, Kranke und Gefangene heim.

Niedergang der volksfittllchLett.

Der Verband zur Bekämpfung der öffentlichen Un- Michkeit hat an den Reichskanzler eine längere Ein­gabe gerichtet, worin es heißt:

Die Unsittlichkeit hat in unserem Volke nach Um« fang und Wirkung in verhängnisvollem Maße über« Hand genommen. Die Schamlosigkeit vieler öffentlichen Schaubühnen, des Kinos, der Spezialitätenvvrstellun- gen, die schwüle Atmosphäre der UnterhaltungÄitera« tur, das Gift in Schmutz- und Schundbüchern, in Bild, Postkarte, Photographie und Plakat haben in weiten Kreisen zu einer vollständigen Verwirrung der sitllichen Begriffe geführt. Alb- diese Erscheinungen des entsetz­lichen sittlichen Niederganges, an dem auch die Jugend bis ins schulpflichtige Kindesatter hinein schon in star­kem Maße beteiligt ist, stempeln die Unsittlichkeit zu der) schlimmsten, ja, zu der eigentlichen, entscheidenden Ge­fahr für den Weiterbestand des deutschen Volkes, die seinen Untergang in unmittelbare Nähe gerückt hat. Wenn diese Gefahr nicht baldigst und gründlich beseitigt wird, werden alle Versuche zur Rettung des

Und als Emilie bejahte, zog Frau Hohenfels die Tochter zu sich heran und flüsterte: „Konrad und Albrecht haben sie geheißen, gerade so, wie die beiden dort drübenl Vielleicht finden auch sie in dieser Stunde die Brücke, die zu unser aller Glücke führt!"--

Zu gleicher Zeit war Herr Albrecht Hohenfels in sei­nem an das Kontor stoßenden Extra-Kabinett in leb­hafter Auseinandersetzung mit einem kleinen, schwarz­haarigen Herrn begriffen, dem man beim ersten Anblick den Börsenmenschen ansah. Nicht allein die nervöse Hast feiner Redeweise, die Ungeduld, mit welcher er fortwährend auf seinem Stuhle hin- und herrückte und die unruhigen Blicke aus feinen kleinen schwarzen Aeug- lein sprachen dafür, auch der Eifer, mit welchem er alle Augenblicke ein Notizbuch aus der Tasche zog, um ir­gend etwas abzulesen oder zu notieren. Eben war Herr Nathan Bär, so hieß er, der geriebenste Makler der Börse, wie schon einige Mal von seinem Sitz empor- gesprungen und hatte in vorwurfsvollem Ton und hell­sten Diskant gerufen: „Aber Herr Hohenfels — warum wolle Sie verkaufe? Sind die Papiercher doch geftiege von 25 auf 160 — warum solle sie nit weiter steige bis auf 200? Sind sie heut morgen doch schon notiert morde 161% Brief! Aber wenn der Herr Hohenfels denkt loszuschlage--Gott soll mich behüte, daß ich

davon abrat--ist mein Geschäft nicht gute Ratschlag

zu gebe — nur das sag ich: wenn ich die Papiercher hätt, ich töt noch warte! Verzig Prozent mehr is e Differenz von 80 000 Mark! Was meinen Sie, Herr Hohenfels?"

Erwartungsvoll sah der kleine Mann den ihm mit stillem Lächeln Zuhörenden an, doch dieser erwiderte ruhig: „Ein Sperling in der Hand ist mit lieber wie zehn Tauben auf dem Dach, Herr Bär! Derkaufen Sie morgen für 160 000 Mk. Silberbau-Aktien zum Kurse von 160; — ich habe gar nicht die Absicht, länger zu­zusehen!"

.Machen wir, Herr Hohenfels — machen wir! Ganz wie Sie wollen!" sagte Herr Nachan Bär und notierte den Auftrag in feinem Buche. .Für 160 000 Mark gut — hab ich verkauft schon für 40000 Mark — Da will der Herr Hohenfels mit den anderen 80 000 Mk. noch warten? Hab ich doch damals für 280 000 Mark von bene Papiercher gekauft!"

Volkes auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellen» Gebiet ben Untergang nicht verhindern. Dieser Gefahr zu steuern ist deshalb die wichtigste und erste Aufgabe, deren Erfüllung unter keinen Umständen hinter ande­ren zurirckg»estellt werden darf, mögen diese auch noch so dringend sein.

Der Reikysregierung sind diese Zustände imb Tat­sachen wohl bekannt. Minister und andere Dertceler der Regierung haben wiederholt zmn Ausdruck ge­bracht, daß der wirtschaftliche Wiederaufbau Deutsch­lands nicht möglich ist ohne die sittliche Gesundung. Herr Stegerwald z. B. erklärte als Minister wie­derholt, das3deal der christlichenFamilie müsse wieder lebendig werden und von diesem 3deal aus muffe die Gesundung der ganzen Gesellschaft korn- men. Der Herr Reichskanzler selbst erklärte am 1. Juni 1921, daß die Nation nur durch eiserne Selbst, zücht in sittlichem Wiederaufbau ihr Schicksal meistern könne Aehnlich drücken sich die Staatsmänner der verschiedensten Richtungen aus.

Die Pflicht für den sittlichen Wiederaufbau, diese Lebensnotwendigkeit des deutschen Volkes, alle Kräfte einzusetzen und ohne Verzug alle geeigneten Maßnah­men zu treffen, trifft in allererster Linie die Regierung selbst. Sie ist berufen, dem Volk den Weg zu bahnen, der aus Not und Verderben führt. An ihr ist es, in dieser Lebensfrage des Volkes Führer zu sein, da das Volk selbst und die einzelnen Volksgenossen nur in ge­ringem Maße Macht und Mtttel zu erfolgreicher, posi­tiver Arbeit haben.

Namentlich diejenigen Regierungsvertreter, die auf christlichem Standpunkt stehen, mäffen, durchdrungen von ihrer hohen Verantwortlichkeit, sich ber schweren Gewisscnspflicht bewußt sein, die ihnen die Sorge für die Sittlichkeit des Volkes auferlegt. Es wäre ehrt Verletzung dieser Gewisscnspflicht, nicht alles daran zu setzen, wenigstens das Notwendige zur Er­haltung und Förderung der Volkssittlichkeit durchzufüh­ren und dagegen auftretende Widerstände zu überwin­den. Die Mitarbeit der christlicher Kreise an der Re­gierung muß deshalb bedingt sein durch die Anerken­nung der Regierungsparteien, daß die Sittlichkeit ein nationales Gut von besonderer Bedeutung ist, dessen Schutz gerade der Regierung besonders am Herzen lie­gen muß. Christliche Politikirr können und dürfen nur dann an der Regierung teilnehmen, wenn sie gewiß sind, daß sie sittliche Grundsätze bei der Gesetzgebung und Verwaltung in ausreichendem Maße durchzufüh­ren in der Lage sind.

Leider waren die bisherigen Maßnahmen der Re­gierung zur Bekämpfung der Unfittlichkeit bei weitem nicht ausreichend und blieben infolge innerer Mängel und mangelhafter Durchführung zum größten Teil praktisch wirkungslos. Die Regierung hat gegen, über der Verwilderung der Sitten nicht genügend Entschiedenheit und Initiative bewiesen, sodaß das Verträum auf die Hilfe des Staates und der Be­hörden stark erschüttert ist. Wohin uns dies führt" zeigen blitzartig die Erfahrungen beim Reigenprozeß und d'e mit ihm zu Tage getretenen traurigen Erschei­nungen. Auch jetzt noch steht die Regtevung sich nicht» veranlaßt, daraus praktische Schlußfolgerungen zumi Schutz der Sittlichkeit zu ziehen.

Das Lichtspielgesetz hat die Schrnutzslut nur in geringem, gänzlich unzureichendem Maße ringe-, dämmt. Das Jugendschutzgesetz, das schon beft der Durchberatung der Verfassung in Weimar in Aus­sicht gestellt war, hat die Regierung dem Volke noch nicht vorgelegt. (Vergl. §§ 118 Abs. 2 und 122, Abs. 1 der Verfassung und der Antrag der Mehrhcitspar« teten auf Schutz der Jugend). Der im Theaterwesen aber sich breitmachenden Unfittlichkeit steht die Regie­rung völlig tatenlos gegenüber und läßt den Dingen ihren traurigen Lauf. Angesichts dessen ist wohl die Frage berechtigt: „Was gedenkt der Herr Reichskanz­ler für den sittlichen Wiederaufbau auf dem Wege der Gesetzgebung und Verwaltung zu tun?"

Ohne auf die in fragendem Ton geäußerte Meinung des Maklers eine Antwort zu geben, erhob sich Herr Hohenfels von feinem Sitze, als wolle er damit andeu» ten, daß er die Unterredung als beendet betrachte.

Herr Nathan Bär steckte fein Notizbuch hastig wieder in die Brusttafche, nahm feinen auf dem Pult liegenden, Hut und sagte im Hinausgehen: „Bring ich Ihnen den Schlußschein gleich nach Börsenschluß morgen, Herr Hohenfels, Adjö!"

In der Tür stieß er mit Herrn Meißner, dem Buch­halter des Hauses, zusammen, der nach Entfernung des- Maklers dem Chef meldete, daß Herr Schlossermeister', Hochfeld draußen sei und Herrn Hohenfels zu sprechens wünsche.

„Lassen Sie den Herrn sofort eintreten!" befahl diese», und ging, nachdem sich der junge Mann entfernt hatte, unruhig in dem mäßig großen Raum auf und ab, in- dem er vor sich hinmurmelte: „Was mag er wollen?, Bringt er das Bild, oder kommt er, um sich für das Vermögen zu bedanken, das ihm so zufällig in den! Schoß gefallen ist?"

Der Eintritt des Schlosfermeisters unterbrach seine! Erwägungen. Mit offener Herzlichkeit trat Konrad Hoch, feit) auf den Nachbarn zu und beagnn ohne weiteres:, „Sie muffen schon entschuldigen, daß ich nicht schon früher gekommen bin, Herr Nachbar! Ich hab zuerft gar nicht glauben wollen, was der Friedroald und die Hedwig mir von dem merkwürdigen Fund erzählt ha- ben, den sie mit Ihrem Fräulein Tochter dort oben in dem alten Gemäuer gemacht haben! Sollte man es denn für möglich halten, daß so etwas noch heutzutage pas­siert? Das Bildchen hab ich mitgebracht, weil Sie und Ihre Frau Gemahlin es zu sehen wünschten und offen gestanden — mich plagt auch die Neugierde, einmal zu sehen, wie sich die Bilder ausnehmen, wenn sie zusam. mengesetzt sind. Der die gemalt hat, ist ja unser beider- seifiger Vorfahr gewesen — meinen Sie nicht auch? Der Wilhelm hat mir erzählt, wie dem von seinen zwei Schlingeln von Söhnen mifgespielt wurde — da hat er’s feiner gar nicht ausklügeln können, rote er's gemacht hat! Muß doch mal mit Ihrer Erlaubnis die alte @<w schuft in der Bibel durchlesen l"

(Sortierung folgt.)