Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 2.
Verantwortlich für den reüauionellen Teil: Dr. I. Kramer, z für die Anzeigen: I. Parzeller-Fuida. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernjprecher Nr. 9. Telegr.-Ndreife: Fu ldaer Zeitung.
Mittwoch. 4« Januar 1922.
Bezugspreis: Monatlich 6.00 IRL zugestellt frei ins Haus- = ASgehoU in der Geschäftsstelle 5,50 2RL :t Anzeigen: Kleinzeile nach Colonel IM., auswärts 1.50 M. Reklamezeile (Textbreite) nach Colonelmaß 4 Mark.
49. Zahrg.
Vor der Tagung in Cannes.
Mimifflto Mflfitongm in Weit
Aus Anlaß der Jahreswende bringt der Pariser „Temps" eine außerordentlich pessimistische Betrachtung über die Lage. Der außenpolitische Horizont Frankreichs sei mit dunklen Wolken verhangen. In E n g l a n d, D e u t s ch- land und Rußland denke man an eine neue Entente auf Kosten Frankreichs.
Die an die Washingtoner Konferenz geknüpften Illusionen seien völlig in sich zusammengebrochen. Von Washington aus sehe man wohl die Schornsteine von Manchester, nicht aber die eingestürzten Mauern von St. Quentin. Eine Aenderung in der Lage könne nur durch eine Wandlung in den eng« lisch-franzöfischen Beziehungen herbeigeführt werden. Das sei aber unmöglich, solange man über die zukünftige Taktik des Seekrieges im Ungewissen sei. Bezüglich der Reparationsfrage käme es nicht so sehr auf ein Moratorium für Deutschland, als auf umfangreiche Kreditoperationen an, die es Deutschland ermöglichten, seine Zahlungen zu Refften.
Gintreffen Her Wnmoten in Bonnes.
Briand wird mit den französischen Sachver- Mndigen am morgigen Mittwoch in Cannes ein« treffen. Lloyd George, Winston Churchill, Donar Law und Sir Worchington Evans sind bereits dort zusammengetroffen. Die japanische und belgische Delegation werden für Donnerstag erwartet. Briand undLloyd George werden am Mittwoch und Donnerstag Vorbesprechungen haben. Die offizielle Tagung des Obersten Rates wird am 6. Januar eröffnet werden.
Wirtschaftliche Vernunft.
Von Dr. Grunenberg in Düsseldorf.
Kein Mensch wird die Frage, was uns im vergangenen Jahre mehr zerrissen und geschwächt hat, ob das Diktat von Versailles oder jene innere wirtschaftliche Unvernunft!, jemals treffend beantworten können. Letztm Endes ist trtes eine müßige Frage, eine Frage des wirtschaftlichen Machtinieresses. Das Versailler Diktat allein vermöchte uns bis in den Tod zu treffen und es blieb vielleicht die viel weniger wichtige Frage, um wie vieles eiender uns der innere Egoismus gemacht hock. Die Wirkungen der wirtschaftlichen Unvernunft liegen in allererster Linie auf einem ganz andevM Ge- biä als dem wirtschaftlichen; aus dem moralischen, völkischen Gebiet. Können Volksgenossen in einem schlimmmen und unfruchtbareren Kampf ihre besten Kräfte vertun, als in einem Kampfe gegen und untereinander? Die Zerrissenheit der innerwirtschoftlichm Front hat die heften Kräfte geschwächt und müde gemacht und jenen unheimlichen Klassenhaß großAezogm, der zwar heute nicht mehr an Intensität zugenommen hat, aber in erschreckendem Maße in die Breite gegangen ist.
Ist es nicht ein unfruchtbares Geschäft, an die Schieber aller Klassen und die Spekulanten aller Farben zu appellieren, ihnen in der einen Hwü> die gefüllte Geldtasche und in der anderen ein wirres Ideal, das Ideal der wirtschaftlichen Vernunft, entgegrnzuhalten? Und
Die Iagd nach dem Glücke.
Erzählung von Fritz Ritzels
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17. Kapitel.
Konrad und Albrecht.
Die in den öffenüichen Blättern erlassene Erklärung ter „Deutschen Industriebau!" bezüglich der bei dieser wrgekommenen vermeintlichen Unterschlagung hatte für üe Angehörigen der Familie Hohenfels noch eine uner- vartete Folge. Frau Franziska Hohenfels, die feit dem Dde ihres Sohnes in beängstigendem Trübsinn dahin- gckebt und jedem Zuspruch ihres Gatten, sich ergebungs- vü in das Geschick zu finden, eine stumme Abwehr eitgegengefetzt hatte, war heute zum ersten Male Wiede an dem gemeinsamen Frühstückstisch erschienen, nchdem Herr Hohenfels ihr nochmals die dringendsten Bestellungen gemacht und dabei sowohl von dem seltsamen Fund in der Burgruine und dessen für feine Bemögensverhältnisse so günstige Folgen, wie auch von de! seitens der Industriebank 'erlassenen Erklärung Kslntniz gegeben hatte.
Beim Durchlesen der Zeitungsnotiz hatte die unglück- ki-P Stau wie befreit aufgeatmet — war ihr doch von ihrim Gatten her bekannt gewesen, welchen Vergehens sich Max schuldig gemacht und hatte die beständig na« geiOe Furcht, daß das Andenken ihres vergötterten, da- hinsefchiedenen Lieblings eines Tages vor aller Welt gebiandmarkt werde, doch wesentlich dazu beigetragen, ihre» grenzenlosen Schmerz zu dem beängstigenden Gemütszustände zu steigerz. Ein schwacher Funken von Lebensmut schien wieder in ihr entglommen zu sein, als sie der liebevoll um sie besorgten Tochter und dem wieder sein ruhiges, bestimmtes Wesen zeigenden Gatten wie in früheren Tagen gegenübersaß und sich mit einem Anfluge von Interesse nach den näheren Umständen der saltsamen Entdeckung in der Burgruine erkundigte. So- flpt ließ sich etwas von ihrer früheren Lebhaftigkeit an ihr erkennen, als sie die näheren Umstände erfuhr, durch welche die Erklärung der „Deutschen Industriebau!" veranlaßt uiorden war.
doch muß diese mühsame Apostvlarbeit getan werden, wenn wir nicht völlig untergehen wollen. Aus dem rein nebensächlichen Wort muß die Tat erwachen, jenes individuelle Bewußtsein einer planmäßigen Einordnung nung m das gemeinsame Ganze! Die Bildung einer wirtschaftlichen Einheitsfront ist eine Aufgabe des unorganisierten Bundes der Anständigen, jener Gruppe von Gesinmmgsintelli gong, die keineswegs an akademische Grade und hohe Schulen MMknüpftn braucht.
Die Aufgabe ist unendlich schwer, schon aus dem einfachen Grunde, weil jede Kampfgemeinschaft gegen den Egoismus sich notwendigerweise mit allen Formen des Kollektivismus ausemandersetzen muß und damit alle diejenigen Probleme streifen muß, die das Heil der Wirtschaft von einer Zwangsorganisation der Wirtschaft, von dem organisatorisch gesammelten und zu Machtzentren zusammengeLalltm Einzelwillen erwarten. Es ist hier nicht der Ort, in solche Kombinationen einzugehen, solange wir die Gesundung von jenem gemäßigten Egoismus erwarten, der offen und ehrlich seine Existenz erstrebt, aber in den natürlichen Grenzen einer Ausdehnung, die dem Nebenmann den notwendigen Platz nicht nimmt; jener Egoismus muß so scharf Wschust und gebildet fein, daß er zum mindesten verstehen ikamr, daß jede feiner wirtschaftlichen Taten tausendfältig zmückwirkt. Nm in einem aus diese Weise «vidierten Egoismus, in einer bewußten Einstellung des Einzelintereffes, das an und für sich unausrottbar ist, MMnnen wir wieder die innerwirtschaftliche Front.
Aber rote endlos weit sind solche schönen Hoffnungen von den Tatsachen entfernt. Kann eine Tatsache uns mißmutig stimmen, so ist es allein die im letzten Wirtschaftsjahre notwendig gewesene zroangsmäßige Aufdrängung eines revidierten und gesäuberten Wirt- schaftswillms durch die wirtschaftspolitische Gesetzgebung. Es gibt kein niederdrückenderes Zeichen für die mivere Unselbständigkeit eines Volkes, als wenn ihm wirtschaftliche Sermmft durch Gesetz vor geschrieben werden muß, wenn das Gesetz, von diesem rein ethischen Standpunkt aus gewertet, den Charakter eines wirtschaftlichen Wiklensersatzes annimmt, wenn es die Duititatg der mißbrauchten wirtschaftlichen Freiheit wird. Es muß uns die Schamröte in die Stirne treiben, wenn wir bedenken, daß wir als politisch freiest gestelltes Volk der Erde nicht die eigen: Selbstbeherrschung besitzen, die einzig und allein eine solche Freiheit zu wahren otimog.
Aber nicht nur diese Tatsache kann uns den Mut nehmen. Im letzten Wirtschaftsjahr hat ter Egoismus twn eigentlichsten und raffiniertesten alles Triumphe gefeiert in der ungeheuren Zusammenballung der gleichlaufenden Wirtschasts-
s? D«chr hat so unter dem unglücklichen Aspekt einer rein monopolistischen Jnteressenver- knupsung gestanden wie gerade das letzte. In der Tai- fache der immer schärfer werdenden Kartellierung, m &eu unheimlich an Zahl gewachsenen Konventionen W der Gruppenegoismus feine beste Verherrlichung er- sahren. Gesetzgebung und Regierung stehen dieser Form des Eigenmrtzes machtlos gegenüber und können nur immer wieder die Tatsache feststellen, daß dieser rein mechanischen, von jedem Gosamtinteress- losgelösten Or- gmtvfatrön der Selbstsucht gegenüber alle Mittel rer- affcirt. Welches Propagandanmiertal diese Zusammenballung in den Preiskonventionen der Idee der kollektivistischen Zwangswirtschaft geliefert hat, ist gar nicht ichgftsohm. Kann man die Jeder auch versichert und billigen, solange sie die rein organisatorischen Formen des Produktionsprozesses im Auge bchält, fo fit sie doch zweifellos zu verdanunen, solange sie in der «aßen und herzlosen Berechnung enfiieht, daß für den Konsumenten oder die Vielheit der Konsumenten die praktische
Ein freudiges Empfinden durchzuckte Emilie^als die Mutter mehrmals, während der Vater feine Unterredung mit dem Nachbar Hochfeld erzählte, beifällig mit dem Kopfe nickte und schließlich mit einer Milde, wie man sie noch nie an ihr wahrgenommen hatte, bemerkte: „Dem Manne haben wir viel zu verdanken, Albrecht! Der hat den adeligen Sinn von den gemeinsamen Vorfahren geerbt, wenn er auch nur ein simpler Schloß fer ist."
Seit jener Stunde war mit Frau Franziska Hohenfels entschieden eine Wandlung vor sich gegangen. Nicht nur, daß sie wieder täglich mit den Ihrigen, wenn auch wortkarg und mit einem gewisien todesmatten Gleich, mut verkehrte, und sich nicht mehr in stummer Welt- entfagung von allem abschloß, auch ihr ganzes inneres Wesen schien durch den erschütternden Trauerfall verändert worden zu sein Mochte ihr derselbe zu Gemüte geführt haben, wie nichtig alles im Leben ist, was ihr früher als das Erstrebenswerteste erschien — der äußere ©tanj der Welt, oder machte die selbstlose Handlungsweise des Nachbarn sie mit Ehrfurcht vor dem inneren Sßert dieses Mannes erfüllen — sie lauschte mit anschei- nend immer reger werdendem Interesse, wenn von den Nachbarsleuten die Rede war und versäumte es nie, die» fen mit einigen Worten ihre Anerkennung zu zollen. Und als sie eines Nachmittags, ohne von Emilie viel dazu gedrängt worden zu sein, mit dieser die Burgruine bestieg, um die Fundstätte, sowie die schwebende Glücksgöttin auf dem Bilde in Augenschein zu nehmen, äußerte sie betreffs des letzteren den Wunsch, auch das Gegenstück des Bildes zu sehen und sprach die Zuver- sicht aus, daß sich dazu wohl bald Gelegenheit finden werde, da von nun an doch selbstredend ein freundnachbarliches Verhältnis mit den Hochfelds unterhalten wer- den müsse. Als sie bann mit Emilie das Burgzimmer verließ und in den nachbarlichen Garten hinabsah, in welchem Wilhelm Friedwald mit feiner Braut ver- weilten, meinte sie zu Emilie gewendet:. „Die beiden jungen Leute scheinen recht glücklich zu sein — na, Herrn Friedwald, ist es zu gönnen!“
Die Veränderung im Wesen der ehemals so stolzen Frau zeigte sich aber auch in ihrem Verkehr mit den
Unmöglichkeit besteht, ihr Konsumtionsmteresse zu or- ganisieren. Es darf keineswegs verallgemeinert werden, aber die Gefahr, daß solche egoistischen Zusammenschlüsse von Wirfichastsgruppen, von allen Seiten getrieben, letzten Endes gegen ihren eigenen Willen in eine monopolistische Ausbeuterpolitik des Konsumenten getrieben werden besteht.
Aber nicht nur diese Form des Gruppenegoismus hat im oergangenrn Wirtschaftsjahr ihre Opftr gefordert, auch der Einzelegoismus hat sich schrankenlos ausgewachsen. Was getan werden konnte, um dem Äons-umenten das Leben schwer zu machen ist getan worden. Der Wechsel der Wan; durch die vielen Hände konnte nicht genug ousgefceirtet werden. Die Grundsätze eines reellen Kauftnanns, sich lediglich als Vermittler ber Ware zu fühlen und fein Geschäft nach der Masie der Umsätze z>, bewerten, wurden durchbrochen. Der Gedanke, des Umsatzes wurde verdrimgt durch eine stärkere Belastung der Ware, gleichgültig die Höhe des Umsatzes. Die fixe Ido; der Unentbehrlichkeft einer solchen rein mechanischen Vermittlertätigkeit hat zu den unsinnigsten wirtschaftlichen Ausartungen geführt. Wer noch ganz andere Egoisten gilt es hier zu treffen, jene unglaubliche Menge von Spekulanten, d» die Wirtschaft wohl am tiefsten und nachhaltigsten dtrch die Schaffung eines künstlichen Bedarfes geschädigt haben, die alles getan haben, jenen widersinnigen Zustand eines darbenden Spielers den Augen der Welt vertraut zu machen. Die Folgen dieser unsinnigen Spekulation haben wir in der Entwicklung gesehen, die aus unseren Industriepapieren reine überwertete Spekulatiorrspapiere gemacht hat und die unsere Mark immer mchr zu einem Fetzen Papier stempelte.
All diese Ursachen haben Wirkungen gehabt, die bei der Krankheit des Wirfichaftskörpers von doppelt schlimmen Folgen waren. Die Wirkungen jeder wirt- schaftlichm Tat, des Händlers, der mrt feinen Preist n die Löhr,; tr.eb, des Spekulanten, der mit der Schaffung des künstlichen Bedürfniffes die Preise, die der Rohstoffaufkäufer zahlen muß, m die Höhe trieb, all diese Wirkungen haben sich tausendfältig vermehrt. Geradezu machtlos standen die leitenden wirfichaftlichen Stellen diesen ungeheuren Folgeerschtimmgen gegenüber, diesem bis ins Unendliche hinein summierten Wirfichaftsegvismus.
Wie wir uns retten werden, das ist eine Frage, de-en Beantwortung nur bei uns selber liegt. Wird nicht dafür Sorge getragen, da ßdiese Erkenntnis dient- halben verbreitert wird, wie destruktiv und reich an schädlichen Folgen dieser Wirfichaftsegvismus ist, so werden wir in ein noch schweres Wirtschafts, j a h r hEingehm. Das Ende aber kommt umso dop- peü schneller, je mehr unsere innere wirfichastliche Front zerrissen ist. Wenn einzig der Gedanke der SeDster- Hallung ausschlaMebMd ist, so muß jeder Denkende ein. fthsn können, daß diese Gewinne des wirfichaftlichen Egoismus nur Scheingeroinne sind, Teile des wirfichaftlichen Dlrtt- und Lebenssaftes, die dem Körper entzogen, fernem schleunigen Verfall hrrbtiführen und damit auch das Ende des Einzelnen. Der allgemeine Twstgedanke, daß heute ein formeller Staatsbanverott unmöglich fit, liegt zwar sehr nahe, aber wer garantiert uns dafür? Ist es nicht ebenso denkbar, daß über das zusammengebrochene Deutschland die Geaner stürzen und aus dem Zusammenbruch an sich reißen was ihre Hände tragen können?
Wirtschaftliche Vernunft! Wer es nicht um einer höheren Idee befolgen kann, der denke an sein eigenes g-escchrdetes Selbst. Die Ido; der WirfichastssolidaritA m u ß sich durchsetzen; wenn noch zu retten ist, so kann es nur durch eine sofortige Inangriffnahme des schweren Werkes gelingen. Darum müssen sich alle Kräfte im neunn Wirtschaftsjahre, foroeft sie noch an sich selber und an die deutsche Geltung glauben, zusammenfinden zu jenem großen unorganisierten Geistesbunde der Anständigen!
Ztienftboten und den sich nach und nach wieder zu Be- suche einfinbenben Bekannten bes Hauses. Da war nichts mehr von der früheren Unnahbarkeit ober der je nach der Persönlichkeit des Besuchers zur Schau getragenen überströmenden Liebenswürdigkeit beziehungsweise kühler Vornehmheit an Frau Franziska zu bemerken — mit ruhiger Milbe tarn sie jebem entgegen, mit freunb- lichern Wohlwollen, wie es eine vom Schicksal geläuterte Seele dem Nächsten widmet und während sie früher sich gegen ihre Tochter in einer gewissen kühlen Reserve verhalten hatte, suchte sie sich derselben entfliehen in- nerlich zu nähern. Es war gleichsam, als hätte früher Frau Hohenfels ihre ganze mütterliche Liebe nur dem Dahingeschiedenen geweiht und als hungere ihr Herz nach dem leider unwiederbringlichen Verlust jetzt nach einem anderen Gegenstand seiner Neigung, nach einer mitfühlenden Seele, deren Regungen in den gleichen Akkorden wie die ihre erklang. So traurig auch der Anlaß gewesen, welcher diesen Umschwung bewirkte, Emilie freute sich von ganzem Herzen der erst rote tastend unternommenen, dann immer deutlicher werden- den Versuche der Mutter, ein innigeres Verhältnis mit ihr, der Tochter, anzubahnen und setzte denselben das wärmste Empfinden entgegen, so daß sich von Tag zu Tag der Verkehr zwischen Mutter und Kind harmoni- scher gestaltete.
Auf Herrn Hohenfels hatte der Umschwung seiner äußeren Verhältnisse, wie schon angebeutet, förmlich elektrisierend gewirkt. Dem Palmbaum vergleichbar, der nach dem Volkslied wieder emporschnellt, nachdem ihn Regen und Sturmwind gebeugt, sobald die strahlende Sonne wieder Herr über die verderbendrohenden Wal- ken geworden ist, so richtete sich der Herr des Hauses in alter Kraft empor und waltete wieder mit der frühe- ren, gemessenen vornehmen Ruhe im Kontor seines Am- tes. Nur die fein ganzes Wesen ehedem charakterisierende kühle Unnahbarkeit war nicht mehr an ihm im geschäftlichen Verkehr mit seinen Untergebenen zu beobachten. Dieselbe war einer ruhigen, wohlwollenden Umgangsform gewichen, die ungemein sympathisch berührte und wie blauer Himmel nach trüben Tagen, die seither um ihn herrschende dumpf drückende Atmosphäre
Blindwütiger lkatholikenhatz.
Gibt es so etwas noch? Hören wir nicht, daS Zeitalter der Gewissensfreiheit und Toleranz sei angebrochen? Lesen und hören wir nicht, wie gerade von den Stellen, die sich deS höchsten Ansehens in der Welt des Geistes erfreuen, in unseren Tagen der katholischen Kirche bewundernde Anerkennung gezollt wird? Das ist richtig. Aber in versteckten Winkeln des deutschen Vaterlandes, da blüht noch der giftigste Katholikenhaß und der wäre ein weltfremder Tor, der annähme, daß nicht dieser Haß aus versteckten Winkeln bei günstiger Gelegenheit (z. B. wenn die Katholiken ihre Geschlossenheit int öffentlichen Leben preisgeben würden) zur kräftigen Offensive übergehen wurde.
In Bad Wildungen im Freistaat Waldeck erscheint die WaldeckscheZeilung. Sie nennt sich „Organ für die öffentlichen Angelegenheiten in Waldeck und den Nachbargebieten", ferner legt sie sich stolz die Bezeichnung bei: „Publikationsorgan fast sämtlicher Behörden in Waldeck, der lanbroirt« schafilichen Vereine, sowie vieler anderer Korporationen und Vereine*. Dieses Druckerzeugnis von vielen Graden ist trotz der Häufung von Fremdwörtern in seinen Untertiteln der politischen Gesinnung nach deutschnational. Am 31. Dezember brachte das Blatt einen Aufsatz, überschrieben: »Die Gefahr eines Konkordats mit dem Vatikan*, den wir unseren Leser« unverkürzt und unverändert Mitteilen wollen. Er lautet:
Seit längerer Zeit schweben zwischen dem Deutschen Reiche und dem Vatikan Verhandlungen über den Abschluß eines Konkordats. Durch ein Konkordat wird ein Vertrag geschlossen, in dem der Staat einen Teil seiner unaufgebbaren Hoheitsrechte doch aufgibt, und zwar zu Gunsten der römischen Kirche, die ihrerseits in dem Konkordat das Recht erhält, dem Staate Befehle zu erteilen, die Gesetzeskraft haben. (Hort, hort, die Red.) Naturgemäß ist ein Konkordat der Ausdruck für das Hineinregieren einer fremden Macht in innere deutsche Verhältnisse. 1821 hatte das Königreich Preu- 6en die Gefahr eines Konkordats erkannt und die Be- ftrebungen des Vatikans auf Abschluß eines solchen abgelehnt. ' Heute in der „glorreichen“ Republik denkt man weniger national, sondern öffnet den römischen Wünschen ein williges Ohr. Aber was bei diesen ganz heimlich geführten Verhandlungen herauskommen will, bedeutet eine schwere Schädigung der st aal- lichen Macht und eine unerträgliche Be. nachteiligung des nicht römischen Teils des Volkes, besonders des evangelischen. Rom stellt jetzt das Verlangen, daß der Religionsunterricht an allen, höheren und mittleren Schulen ordentliches Lehrfach sein soll, aber ohne das in Art. 149 der Verfassung vorgesehene stattliche (!) Aufsichtsrecht. Der Staat darf zwar den Religionslehrer anstellen, aber nur mit bischöflicher Genehmigung, und muß ihn entlassen, wenn der Bischof mit ihm nicht zufrieden ist. Die Pension fällt der Staate- lasse zur Last. In Orten, deren römische Einwohnerzahl gering fit, sollen auf Antrag der Eltern römische Volksschulen errichtet werden. Also große Lasten, die bet evangelische Teil zu tragen hat. Ferner soll der Staat für die ausreichende Zahl katholischer Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten sorgen und erlauben, daß Mitglieder von Orden und religiösen Kongregationen unter denselben Bedingungen wie die Laien zum Lehramt« zugelassen werden. (Fürchterlich! D. Red.) Me Kosten, die aus der Erweiterung des religiösen Unterrichts aller Stufen entstehen, hätte selbstverständlich der Staat zu tragen. Weiter soll das staatliche Hohcitsrecht bei der Eheschließung eingeschränkt werden, inber für katholische Ehen bte kirchliche Einsegnung wieder vor der bürger- lichen Eheschließung erfolgen' dürfe unter Aufhebung der entgegenstehenden Bestimmungen des Personenstandsgesetzes. (Ist ja ganz enffetzlichl D. Red.) Auch sollen — trotz der in der Verfassung festgelegten Tren- nung von Staat und Kirche — die kirchlichen Amtspersonen die Stellung und die Vorrechte von öffentlichen Beamten erhalten, ohne daß sie dem Staat einen Diensteid zu leisten haben.
Daß diese fehr weitgehenden Forderungen in einem machteigenen Staate mit konfessionell gemischter Bevölkerung nicht durchzuführen sind, liegt auf der Hand.
verscheuchte. Ein ganz frischer Geist schien in das Ge- schäft eingezogen zu fein, seitdem die Schwierigkeiten, in' welchen sich die Firma befunden hatte, überwunden waren; er prägte sich sowohl in dem regeren Arbeits- sinn, rote in dem fröhlichen Gehabe der Angestellten des Hauses aus und teilte sich auch den Räumen des Dor- derhauses mit, wo infolge des langsam beginnenden Wiederauflebens der Hausftau und der dadurch bewirkten hoffnungsfredigen Stimmung des Gatten, ein immer sich harmonischer gestaltendes Familienleben herrschte/ Demi auch Emilie schien ganz darin aufzugehen, die! Kluft, welche sie von den Ellern, besonders von der Mutter seit jenem Morgen, an welchem ihre Liebe zu Karl Hochfeld zur Sprache gekommen war, innerlich trennte, zu überbrücken und zu innigem Verständnis mit ihnen zu gelangen — war es ihr doch, als wehe ihr aus dem Wesen der Eltern ein etwas entegen, das mit dem früheren enffchiedenen Versagen ihres Herzenswunsches in Widerspruch stand. Fast bei jeder Ge- legenheit kam der Papa auf feine Unterredung mit dem Nachbar Hochfeld zurück und wurde nicht müde, dessen Biederkekit und Gradsinn zu loben. Um so höher rech- ncte er dem Nachbar dessen Wohlwollen an, als Kon- rad Hochfeld doch alle Ursache gehabt hätte, sich auf einen1 feindlichen oder doch wenigstens gleichgültigen Stand-1 punkt zu stellen. Auch von Wilhelm Friedwald spracht Herr Hohenfels in den Ausdrücken der höchsten Achtung1 und bedauerte nur, daß diese vorzügliche Kraft ihm ver- loten gegangen war. Und einmal hatte der Vater! Worte fallen lasien, die Emilie freudig erbeben ließen.! „Hätte ich die Hochfelds früher fo gekannt, dann wäre vieleicht manches anders gekommen," hatte er gesagt unbl babet wie zufällig einen Blick auf seine Tochter geworfen. „Dann wäre ber Friebwald heute noch bei uns im Hause unb das Geld für das Gitter auf der Gartenmauer hätten wir vielleicht gespart." Die Mutter hatte dazu bestätigend genickt und leise geäußert: „Die blonde Hedwig hat Dir mit dem Bilde das Glück gebracht — hatte es fest, Albrecht!"
(Forfietztmg folgt.)