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Fuld aer Zeitung

Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 301.

Lerantwortltch für den reüauionellen Teil: Dr. I. Kramer, ~ für die Anzeigen: I- Parzeller-Fuloa. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung.

Samstag, 3t Dezember 192t

Bezugspreis: Monatlich 5.08 Alk. zugestellt frei ins Haus- - Abgeholt in der Geschäftsstelle 4,60 2RL s Anzeigen: Kleinzeile nach C o lon e lmatz 1 Mark', Reklamezeile (Textbreite) nach Colonelmah 3 Mark.

48. Zahrg.

Die Kriegs schuldfrage.

MfflimoEn Böer Die Will! Worts.

SmBerliner Tageblatt" veröffentlicht Theodor Wolff Dokumente über die persönliche Politik Poincares, rmd zwar handelt es sich um Berichte aus den Jahren 191244, die von dar Sowjetregiemng ans russischen Archiven veröffentlicht worden sind.

Sn einem Bericht vom 15. Dezvmber 1912 heißt es: Poincare habe die englische Regierung daraus hinge- aröefen, daß die englische Unterschrift unter das Neu­tralitätsabkommen mit Deutschland die französisch-eng­lischen Beziehungen gefährden würde. Am 18. Dezbr. berichtet Sswc"lki: Das Telegramm des russischen Generalstabs, wonach Rußland selbst bei dem unwahr­scheinlichen Fall eines österreichischen Ueberfalls nicht in den Krieg eintreten werde, versetzte Poinrare in die größte Bestürzung. Sswolski schreibt weiter: Sch be­mühe mich, die für uns wünschensmrrie Stimmung zu schaffen. 2lm 29. Januar 1913, kurz nach der Wahl Poincares zum Präsidenten, berichtet Iswolski über eine lange Unterredung mit Poincare, der gesagt habe, er werd- nicht versäumen, sich seines Einflusses auf die französische Außenpolitik zu bedienen, um ihr die wün­schenswerte Stetigkeit zu sichern. Cs fei für Frankreich sehr wichtig, die französische öffentliche Meinung auf eine Teilnahme an einem aus den Balkanangeliegenhei- t-m hervorgegangenen Krieg vorzubereiten. Daher möge Rußland keinen Krieg beginnen, ohne vorhergegan- genen Meinungsaustausch.

Sn einem Brief Iswolskis an Saffanow vom 30. Januar 1913 bemerkt er: Aus feinen Unter­redungen mit Poincare habe er den Schluß gezogen: Die französische Regierung ist sich be­wußt, daß das Endergebnis der Verwicklungen die Teilnahme Frankreichs an einem allge­meinen Krieg notwendig machen werde.

Das europäische Wiederaufbau. Programm.

Freitag vormittag haben die Beratungen der alliier- lsn Sachverständigen der Finanz- und Jndustriewelt, deren Aufgabe es ist, ein wirtschaftliches Wiederaufbau- Programm für Europa vorzubereiten, mit einer Bera­tung der französischen und englischen Delegierten urrler- »inander in Paris begonnen.

Abänderung der Reparationszahlungen.

DerTemps" erklärt, die britische und die französi­sche Regierung hätten sich dahin verständigt, daß man anstelle der vorgesehenen Zahlungen von Deutschland im kommenden Sahr nur vier Zahlun­gen von je 125 Millionen Goldmark frte erste am 15. Januar und die anderen monatlich bis zum 15. April verlangen wolle. Von da ab wurden tm Laufe des Sahres 1922 die alliierten Re- gterungen von Deutschland keine andere Zahlung in Geld beanspruchen. Sie würden jedoch die deutsche R^ierung auffordern, einige Garantien geldlicher oder budgetärer Art zu gewähren, wie beispielsweise die Einschränkung der Emission von Papiergeld

Tie deutschen Werke.

Die Entscheidung der Botschafterkon- ferenz über die deutschen Werke ist jetzt gefallen. Dre Note,, die sehr umfangreich ist und die technischen und sonstigen Einzelheiten erschöpfend behandelt, wird

Tage übergeben werden. In ihr heitzt es zum Schluß, daß die Entenie nicht auf der Zerstörung, W"dern auf einen Umbau der deutschen Werke besteht, der dieSicherheit und Garantie dafür bletet, daß die deutschen Werke in Zukunft keinerlei Kriegsmaterial mehr Herstellen können".

Die deutschen Kokslieferungen.

. Regierungsrat Dr. Meyer von der Kriegslaftenkom- , lnffsion hat mit Bezug aus die deutschen Kokslieferun- ßfen am 28. Dezember ein Schreiben an die Reparationskommission gerichtet, in dem er von den von der deutschen Regierung getroffenen An­ordnungen zur Vermehrung dieser Lieferungen Mit- wilungen gemacht hat. Sn dem Schreiben wird betont, daß die Kokslieferungen an die Alliierten am 25., 26. 27. Dezember insgesamt rund 51 000 Tonnen betragen haben.

UilüWrteLogemßjseMWerstlllk

Die auf gestern nachmittag anberaumte Kabi- ttettssitzung der Reichsregierung, in der die For- derungen der Eisenbahner besprochen werden foll- ron, ist auf heute vormittag verschoben worden. Dagegen sand eine eingehende Aussprache des Reichskanzlers mit dem Vizekanzler Bauer, dem Relchsoerkehrsminister Gröner und dem Relchsflnanzmlmster Hermes über diese Frage statt.

Gestern nachmittag wurde zwischen dem Deut-

CiTenba^iierDMrbttnb unb der Reichsgewerk- fchaft deutscher Elfenbahnbeamten und -anwärter über eine Aufforderung des Eisenbahneroerbandes an die Reichsgewerkschaft verhandelt, sich unoerma- lich dem Streik anzuschließen. Die Re ichsae- w e r k f ch a f t hat jedoch dieses Ansinnen abaelehnt und betont, daß sich die Beamtenschaft an dem Ausstand der Arbeiter nicht beteiligen werde.

Ueber die Lage um Mitternachtim Eisen­bahndirektionsbezirk Berlin teilen die Blätter mit, daß der Verkehr bei der Berliner Stadt- und Ringbahn unregelmäßig ist. Der Fernverkehr 'vollzieht sich dagegen im allgemeinen plan­mäßig.

Line Erklärung.

Bei Besprechungen im Reichsverkehrsministe­rium mit den Eisenbahnerorganisationen wurde folgende Erklärung abgegeben: Die unterzeichneten Parteien des Reichslohntarifvertrages erklären, daß zwischen ihnen über die Lohnverhältnisse der Arbeiter Verhandlungen geführt werden, die begründete Aussicht auf eine befrie­digende Lösung bieten. Sie legen Wert dar­aus, daß an anderen Orten des Reichsgebiets keine Sonderoerhanülungsn gepflogen werden. Deut­scher Eisenbahnerverband, gez. Scheffel. Gewerk­schaft deutscher Eisenbahner und Staatsbediensteter, §z. Bruno. Allgemeiner Eisenbahnerverband, gez. 'aruppe. Reichsverkehrsminister, gez. Gröner.

Die Slreiklage in Westdeutschland.

Die Störungen im Eisenbahnverkehr in West­deutschland sind bereits ganz erheblich. Em Te­legramm meldet uns aus Elberfeld: Die Ver­treter der E i f e n b a h n be a m t e n des Wupper­tals, Ortsgruppen Elberfeld, Barmen und Lennep des Deutschen Beamtenbundes beschäf­tigten sich mit den Forderungen der Arbeiter und haben dieselben anerkannt. Sie halten den (Streif für berechtigt, empfehlen ihren Mit­gliedern strengste Neutralität und verweigern jede Zusammenarbeit mit der tech ni- scheu Nothilfe.

Die Besahungsbehörde gegen die Streitenden. Eine Verhaftung.

Die Snferalfiierte Rheinlandkom- mission hat den Streik dec Eisenbahner für Las besetzte Gebiet verboten und die Streikenden aufgefordert, sofort die Arbeit wieder a u s z u n eh m e n.

Die amerikanische Befatzungs- b e h ö r d e hat den Geschäfrssührer des Deutschen Eifenbahnerverbandes, Bezirk Koblenz, Kalt, der selbst nicht mehr Eisenbahner ist, verhaftet unter der Beschuldigung, daß er sich Verstöße gegen die für Streitfragen erlassenen Anordnungen der Rheinlandlommiffion habe zuschulden kommen las­sen. Die amerikanische Besatzungebehörde betont, daß die Verhaftung sich nicht gegen den deutschen Eisenbahnerverband als solchen richtet, sondern gegen die Person, des Geschäftsführers Kalt.

Line Geheimorgamsation aufgedeLt.

Die Mörder Erzbergers.

Wir das ,B. 2V hört, hat die Untersuchung in der Mordsache Erzberger und gegen die sogenannte Geheimorganisation C ergeben, daß die Geheim­organisation C tatsächlich sich über das ganze Reich erstreckt. Gegen die flüchtigen Mörder Erz­bergers wurde schwerwiegendes Material er­mittelt. Ebenso wurden wichtige Feststellungen über die Helfer und die politischen Monde, die zu der Tat führten, gemacht.

Deutsche; Reich.

* Berlin, 31. Dez. Das Kapitalfluchtgesetz (Depotzwang und Koponeinlösung) ist bis zum 31. März verlängert worden. Am 15. Januar sollen die Polen zu gesprochenen Gebiete Oberf chlesiens über­geb e n werden. Der General Le Rottd hat das Groß- kreuz der Ehrenlegion für feineWirksamkeit" erhalten. Wie aus dem Reichswchrmmistevium mitgeteilt wird, ist die H ee res ka m mer zu einer Vollver­sammlung auf den 24. 3 a n u a r nach Berlin tirtfrerufen worden. Die Tagung der Kammer wird vom 24. bis 26. Sararar dauern. Bei der Reichswehr beziffern sich die Fehlstellen gegimroärtig auf dreitausend. Hiervon entfallen die merften, nämlich neuhundert, auf dm Wahlkreis IV Münster.

* Ein Dementi. TerVorwärts" erklärt zu der Meldung desLok. Anz.", daß einige Tage vor Reichstagsbeginn die Führer der Koalitionsparteien zum Rtichskanzler berufen werden sollen, um ein Kompromiß in der Steuerfrage herbeizuführen, diese Meldung treffe schon deshalb nicht zu, weil die Steuerausschüsse schon neun Tage vor Beginn der Plenarberatuugen (am 10. Januar) wieder zu­sammentreten, also die Möglichkeit besteht, auch dort eine Verständigung herbeizuführen.

* Die Prozesse gegen die Kriegsbeschuldigten. Der interalliierte Ausschuß, der mit der Unter» suchung der Leipziger Gerichtsverfahren gegen die Kriegsschuldigen beauftragt ist, tritt am 6. Sanuar inPariszu einer Sitzung zusammen, in der Beschluß gefaßt werden soll, ob sich die Alliierten mit den Er­gebnissen der Prozeße zufrieden geben sollen.

Ausland.

* England und Irland. Nach einer Meldung der »Zentral News' aus Dublin hat die irische Nationalversammlung in einer Geheimsitzung Oeschlofsen, den Fried ns vertrag mit England zu raiisizierkn.

* Ein deutscher Kommunist in Frankreich verhaftet. Der von derRoten Fahne" zum Kommunistenkongreß entsandte Vertreter Neumann, der in Marseille eine Rede gehalten hafte, wurde dort auf dem Bahnhof verhaftet, als er den Schnellzug nach Paris besteigen wollle. Er wird beschuldigt, keinen ordnungs­mäßigen Paß zu besitzen. Die kommunistische Delegierten beschlossen, energisch gegen seine Verhaftung zu protestieren.

Düngemittel und £ebensmittelpreife.

Die Züntmmsparlamentskorrespondeinz schreibt uns.

Die Frage der Preisbildung bildet in den letzten Jahren ungleich mehr als früher den Gegenstand eifriger Erörterungen, was ohne weiteres verständlich ist ange­sichts der gewaltigen Schwankungen und sprunghaften Steigerungen, die sich auf allen Gebieten des täglichen Bedarfs gezeigt haben. Daß dabei die Preise für Le­bensmittel insbesondere in den Vordergrund getreten sind, ist nicht minder verständlich, weil diese täglich der Bevölkerung aufs neue fühlbar werden. Diese häufigen Erörterungen haben aber keineswegs dazu geführt, in der Bevölkerung Klarheit über die Verhältnisse und Zu­sammenhänge zu schaffen, was bei der Kompliziertheit und Verschiedenartigkeit der Verhältnisse, bei dem Sn= einenbergreifen der verschiedenen Vorgänge auch nicht verwunderlich ist. Zu den trüben Stimmungen, polit. und auch ständigen Voreingenommenheiten kommt viel­fach das Urteil auf der einen oder anderen Seite, sodaß sich die verschiedensten Meinungen und widersprecheir­den Auffassungen über die Preisbildung bei manchen Gegenständen und eben über Maßnahmen der Regie- tung auf den einzelnen Wirtschaftsgebieten zeigen.

Einen neuen Beleg in dieser Hinsicht hat dasDer- liner Tageblatt" gegeben, das die Frage der Preis­bildung für Düngemittel erörtert. Es handelt sich hier­bei ohne Frage um eine ungemein wichtige Angelegen­heit, weil die Verwendung künstlicher Dün gern itte lein ganz wesentlicher Fak­tor für die Menge der landwirtschaftlichen Produktion ist und dornst für die Ernährung des deutschen Volkes. Sn den Erörterungen, die in ben letzten zwei Sahnen über dieses Thema gepflogen worden find und zum Teil sehr heftig gepflogen worden sind, hat sich freilich mit­unter auch eine Ueberschätzung der Düngemittel­preise ergeben, die auch bei der Darlegung besBer­liner Tageblatts" zugrunde zu liegen scheint. Ganz klar sind die Darlegungen in dieser Hinsicht nicht gehalten, sie beschäftigen sich vielmehr in der Hauptsache mit der Art der Bestimmung der Preise. Hierin ist eine Aen- derung cingrireten, über die das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft in einer Veröffent­lichung, die dasTageblatt" auch zum Teil abdmckt, Klarheit geschaffen hat. Während bisher die Ge- stchungskosten einzeln feftgelegt uni) hierzu ein mäßiger Aufschlag gegeben wurde, ift nun aus Vorschlag der volkswirtschaftlichen Abteilung des Reichswirtschafts, minifteriums und im Benehmen mst dm Vertretern der Düngemittelindustrie, der Landwirffchaft und der Verbraucher für Stickstoffdüngemittel der Kohlen- preis zugrunde gelegt und für Thomasmehl der Preis des Getreides, der vierteljährlich nach dem Durchschnitt der Marktpreise bestimmt wird. Die Aendemng wurde deshalb vorgenommen, weil die beteiligten Kreise sich darüber einig waren, daß das bisherige System un­haltbar sei und zwar vor allem deshalb, weil die Fest­legung der Preise auf Grund der Gestehungskosten zu umständlich und zeitraubend war und jedesmal sehr bald und sehr erheblich von den Verhältnissen überhott wurde.

Das hatte zur Folge, daß ein starker Ausfall in der Produktion der künstlichen Düngemittel befürchtet wer­den mußte, umsomehr, als bereits Betriebseinschrän­kungen gerade aus diesem Grunde erfolgten. Der Kohlenpreis als Grundlage für den Preis der Stick st offdüngemittel erscheint deshalb ange­bracht, weil die Kohle das wesentlichste Produkt für die Stickstofferzeugung ift. Der Anteil beträgt etwa 60 Prozent. Beim Thomasmehl konnte dieser Weg nicht gewählt werbe», weil die Kohle hier nicht in ähnlicher Weise preisbildend wirkt. Da aber auch hier ein fester Schlüssel sich als notwendig erwies, so wurde auf Vor­schlag der Landwirtschaft und im Benehmen mit den oben genannten übrigen beteiligten Organisationen bte Relation zu den inländischen Getreidepreism hergefteitt, wie sie in der Vorkriegszeit beftand.

DasBerliner Tageblatt" hat nun bar gelegt, daß eirte Aenderung stattgefunden habe die neuen Grund­lagen erwähnt es dabei zunächst nicht und kommt auf Grund dieser Aenderung zu der sehr lebhaft ge­äußerten Befürchtung, daß neue Preissteigerungen der Lebensmittel bcvorständen, für die dasBerliner Tage­blatt" dem Reichsminister Dr. Hermes die einzige Vcrantworttmg zufchieben wallte. Der Herr Reichs- Minister Dr. Hermes wird die Verantwortung für feine Zustimmung zu den Maßnahmen sicherlich nicht von sich weifen. Sn feiner bisherigen Tätigkeit liegt nicht, was den Gedanken aufkommen lassen könnte, er scheue sich für das einzutreten, was er getan habe. Aber die Gerechtigkeit gebietet doch feftzustellen, daß hier vorher in eingehender Weife alle beteiligten Instanzen gehört worden sind und Gelegenheit gehabt haben, nicht bloß ihre Meinung zu sagen, sondern auch Vorschläge zu machen. Sie sind, wie oben gesagt, auch tatsächlich gemacht und angenommen worden. Nun ist es richtig, daß die Preise eine Erhöhung erfahren haben. Kann man sich aber darüber wundern? Oder kann man auch nur aneehmen, daß das ledigl. geschehen fei, weil andere notwendig gewordene Grundlagen für die Preisfest­setzung gewählt waren. Die Kohlenpreise waren auch in dem Index enthalten, der für die Gestehungskosten aufgestellt wurde und die Preissteigerung der Kohlen hätte also auch da ihre Wirkung ausüben müßen. Eine Preissteigerung war auf keinen Fall zu umgehen, ob man auf dieser ober auf jener Grundlage die Preise berechnete. Utter eines muß man sich aber doch voll­kommen klar fein, und der Reichsschatzminister für Er- näfjrung und Landwirtschaft hat darüber auch niemals einen Zweifel gelassen: wenn man die im Kriege er» tandene Zwangswirtschaft beseitigt und dasVerl. Tageblatt" gehörte doch nicht zu den Verteidigern dieser Zwangswirtschaft dann konnte man nicht der Land­wirtschaft die Vorteile der freien Wirtschaft einseitig zuschieben und andererseits die Düngemittel weiter in Zwangswirtschaft hatten. Darauf ist die Landwirt- chast wiederholt aufmerksam gemacht worden. Sie hat )as auch als fribstwrftändlich angesehen. Man kann aber auch die Preise für Düngemittel nicht gewaltsam niedrig halten, weil bann unweigerlich eine geringere Produktion und damit eine geringere Versorgung des

Bodens mit künstlichen Düngemitteln eintreten würde, die für die Ernährung des Volkes im höchsten Grade nachteilig wirken müßte. Die Düngemittelindustrie muß ihre angemessenen Preise finden, wenn nicht fol­genschwere Rückschläge eintreten sollten.

Die Politik, die hier zutage tritt, ist durchaus geradlinig und konsequent. Man kann aber auch nichc anerkennen, daß die Befürchtungen des Berliner Tageblatts" in der Weife, wie fie dort ge­äußert werden, richtig find. Die jetzigen Preise für Düngemittel wirken auf die nächste Ernte, Welche Preise aber für die Ernte gelten werden, das zu bestimmen ist heute unmöglich, denn diese Preise hängen doch nur zu einem verhältnismäßig geringen Teil von den Preisen der Düngemittel ab. Der Anteil der Dünge­mittel an der Preisbildung der landwirtschaftlichen Produktion wird etwa auf 16 bis 20 Prozent zu ver­anschlagen sein also knapp zu einem Fünftel, während aussihlaggedend ganz andere Faktoren den Preis be­stimmen, in er st er Linie der Stand der Mark. Es weiß auch niemand, wie der Preis der Kohle sich gestalten wird, aber daß bei einer wesentlich stärkeren Kaufkraft der Mark eine wesentliche Senkung der Preise eintreten wird, während im umgekehrten Falle eine Steigerung der Preise bevorsteht, darüber kann kein Mensch im Zweifel fein. Das, gilt für Koh­len, das gilt für Düngemittel und das gilt für das Berliner Tageblatt" selbst, bas bei einer Steigerung seiner Produktionskosten auch nicht umhin gekonnt hat und auch nicht umhin kann, seine Preise zu erhöhen.

Der Gesamtentwicklung der Wirffchast kann eben ein einzelnes Organ sich nicht entstehen. Die Gesun­dung liegi vielmehr in der Schaffung von gefunbey Grundlagen für die gesamte Wirtschaft.

Hus dem besetzten Gebiet.

* Reibereien zwischen farbigen und weißen Fran» 3ofen. In der Nacht nach dem zweiten Feiertag kam es amWarmen Damm" bei Wiesbaden zu einer Schießerei zwischen Marokkanern und französischen Sol­daten, in deren Verlauf zwei französische Soldaten so schwer verletzt wurden, daß sie ins Lazarett gebracht werden mußten.

* Belgische Propaganda für den neutralen Rheinftaat Die belgische Presse propagiert neuerdings sehr lebhaft den neutralen Rheinstaat. DasJournal" kommt aus die lebhaft betriebene Agitation der rheinischen Separa­tisten zurück und verlangt, daß die Alliierten diese Be. wegung kräftig unterstützen müßten, um ihr den Erfolg zu sichern. Wenn der Rhein nicht die Schutzlinie für Belgien bilden könne, müßte noch einmal an der Maas gekämpft werden. Das Blatt wendet sich gegen Lloyd George, der der Losreißung des Rheinlandes von Deutschland schroff gegenübersteht. Es fragt den eng. lrschen Ministerpräsidenten, ob er dem tapferen Belgien noch einmal zumuten wolle, an der Maas gegen Deutschland zu kämpfen.

* Di« Ausbeutung Evpen-Malmedys. lieber Para, fiten in Eupen-Malmedy schreibt dieFrankfurt. Zeitung": Daß die Lage der von Deutschland abge- trennten Gebiete Eupen und Malmedy unter der neuen Herrschaft unerträglich geworden ist, mutz selbst in Belgien zugegeben werden. Das Antwerpener Handels, und SchiffahrtsblattNeptune" har die Zustände an Ort und Stelle untersuchen lasten und das Ergebnis in einer Reihe von Artikeln veröffentlicht. Es zeigt sich aus diesen Feststellungen, datz Eupen und Malmedy als eine Art Versorgungsanstalt von Militärs und Beam­ten angesehen werde, die es verstehen, bei geringster Arbeitsleistung möglichst große Summen als Gehälter einzuheimsen. DerNeptune- macht dieses Parasiten­tum von Beamten und die geradezu klägliche Organi­sation der Verwaltung dafür verantwortlich, daß die 60000 Emwohner von beiden Kreisen im Jahre 1921 nahezu 8 Millionen Franken für den Etat der Kreise aufbringen mußten, eine Summe, die umso ungeheuer­licher erscheinen muß, als Belgien weder Kriegslasten noch Reparationen und dergleichen zu leisten hat.

Neue Presteverboke im befehlen Rheinland. Die Interalliierte Rheinlandkommission hat soeben ein Ver­bot des BuchesTatarin am Rhein", das sie als eine gegen die französischen Besatzungstruppen gerichtete Satire ohne jedwede Feinheiten bezeichnet, für die be- setzten Gebiete erlassen, desgleichen ein Verbot des BuchesFarbige Franzosen am Rhein" und des Kalen­dersDeuffches Land in Feindeshand". Ferner wurde eine dreimonatige Sperre derStaatsbürger- Zeitung" für die Rheinlands verhängt. Alle diese Schriften wurden als dieSicherheit und Würde der Besatzungstruppen gefährdend und schädigend" erachtet.

Äus der katholischen Welt.

Kardinal be dabrieres f. Das älteste Mitglieo des Karüinalkollegiums, der Dekan des fran­zösischen Episkopates. Kardinal de Cabrieres, ist am 21. Dezember im Alter von über 91 Jahren gestorben.

* Eine Abstinenzmission. Auf Einladung Kardinal Faulhabers und der in Betracht kommenden Bischöfe hat der bekannte Abstinenzapostel Pater E l p i d i u s O. S. Fr. in einigen Städten Bayerns vom 23. November bis zum 17. Dezember eine Abstinenzmission gehalten. Der Zudrang zu den größten Kirchen war ganz ge- wallig, der Erfolg unerwartet groß. Ueber 4000 Män­ner und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen aus allen Ständen, besonders aber aus den mittleren und höheren Schichten der Bevölkerung, meldeten ihren Beitritt zum katholischen Kreuzbündnis als Totalabstinente. In M ü n ch e n waren es allein mit den Studierenden an 1100, in Regensburg und Augsburg über 800. In kleinen, arbeitsfähigen Gruppen werden diese nun in den Geist der Nüchternheitsbewegung eingeführt und nach einer vierteljährigen Probezeit endgültig in das Kreuzbündnis ausgenommen. Damit ist für die Trinker, zunächst in den größten Städten Bayerns, ein rettender Hafen geschaffen und der bedenklich wachsenden Genuß- sucht und Trunksucht ein kräftiger Damm entgegenge­stellt. Viel Aufklärung haben aber auch die an­dern Tausende aus den Vorträgen mit ins Leben ge­nommen, besonders die Eltern über die alkohol­freie Erziehung ihrer Kind er. Da sich überall feefeneifrige Priester an die Spitze der Gruppen stell­ten und in den Klerikalseminarien über 100 Alumnen sich dem Priesterabstinentenbund onschlos- fen, und nach verschiedenen stark besuchten Priesterkon- ferenzen der Beschluß gefaßt wurde, zunächst wenigstens mit der Gründung von Schutzengelbünden zu beginnen, so verspricht die gestreute Saat für unser Land eine auf dein Gebiete der Erneuerungsbestrebungen reiche Ernte.