wachsende Einsicht.
Von Professor Grebe, Mit:l. deS Landtag«.
Das Kräfteverhältnis, wie es sich zwischen den Parteien nach der Revolution hrrausg:bildet hat, zeigte tchon bei den Nationalwahlen, daß ein restloser Aus- trag des Gegensatzes zwischen links und rechts nicht zu dauernden, geordneten Verhältnissen führen konnte. Eine ausreichende geschlossene Mehrheit, die im Lnnerir die Schwierigkeiten meistern und nach außen den Willen des deutschen Volkes verkörpern könnte, ist weder rechts noch links vorhanden oder zu erreichen. Alle folgenden Wahlen haben diese Tatsache bestätigt. In einer Zeit aber, in der die Staatsautorität im Innern erschüttert und aller Machtmittel beraubt war, in der das Reich wehrlos der Willkür unbarmherziger Feinde oussrliesert ist, mußte ein Kampf bis aufs Messer unter dm Parteien die letzte Hoffnung auf Er- Haltung der völkischen und staatlichen Einheit vernichten. Die parlamentarische Regrerungsform durfte sich nicht in einer Gruppierung der Parteien in Regierungsmehrheit und Opposition nach dem Muster westlicher Demokratien ausgestalte ir. Die Entwicklung des deutschen Parteiwesens weist auf eine Arbe itsmehrhei t der Parteien der Mitte, urrd die Not des Vaterlandes drängt zur Sammlung und Zusammenfassung aller ausbauenden Kräfte.
Das Zentrum hat dieser Erkenntnis seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung in Weimar Rechnung getragen. Es war begreiflich, daß manche Parteifreunde bedenklich wurden, als sie sahen, daß ihre Vertreter gerade mit der Partei zu positiver Arbeit sich zusammenfanden, die sie im Wahlkampfe als Träger der Revolution aufs schärfste bekämpft hatten. Die Belastungsprobe für die Wähler war groß. Man darf aber nicht übersehen, daß für die Sozialdemokratie di« Lage gang die gleiche war. Die Besorgnis, das Zentrum könne sich ins Schlepptau der Sozialdemokratie nehmen lassen, und zu weit nach links abschwenken, war unbegründet. In Wirklichkeit hat keine Partei so stark umlernen müssen wie die Sozial- demokratie. Richtig ist, daß das ganze Staatsschiff bedenklich weit nach links geworfen war, und dos Zei> trum arbeitete mit aller Kraft, um es wieder in dos ruhige Fahrwasser der Mitte zu steuern. Einen reinen Rechtskurs einzuschlagen war unmöglich und ist auch für abfchbare Zett undenkbar.
Jede Mißstimmung in unseren Reihen sollte aber jetzt allmählich schweigen, wo die Erkenntnis von der Richtigkett dieser Sammlungspolitik in immer weitere Kreise dringt. Die beiden Rechtsparteien hatten in der Nationalversammlung auf die Gesamtlage noch keine Rücksicht genommen. Sie waren sehr schwach aus den Wahlen hervorgegangen und glaubten, alle Verantwortung ablchnen und sich rein agitatorisch nur auf die Wirkung im Lande emstellen zu dürfen. Die Unabhängige Sozialdemokratie verfolge die gleiche Taktik nach der anderen Seite. Die starke Mehrheit, die hinter der Regierung stand, sicherte der Nationalversammlung die Arbeitsfähigkeit. Im Lande aber verfehlte die scharfe Kritik der Opposition ihre Wirkung nicht und konnte sie nicht oerfehten, weil es keine Mehrheit in der Hand hatte, die unheilvollen Folgen, die der verlorene Krieg, Zusammensturz und Umsturz über das deutsch« Volk gebracht hatte, im Handumdrehen zu beseitigen. Die Opposition links und rechts rog erheblich verstärkt in den neuen Reichslag ein, die Koalition hatte die Mehrheit eingebüßt. Die veränderte Zusammensetzung des Reichstages rückte die Tatsache nur in umfo helleres Licht, daß der Weg, dm man in Weimar beschritten hatte, der richtig« ist.
War die Koalition zu schmal geworden, so mußte man sie eben verbreitern. Eine andere Parteigruppierung an ihre Stelle setzen, erwies sich als unmöglich Die Deutsche Dolkspartei fügte sich diieser Zwangslage auch insowest, daß sie sich bereit erklärte, mit der Sozialdemokratie in derselben Regierung zu sitze«. Die Nachwirkungen des erbitterten Wahlkampfes ließ es aber nicht zu der notwendigen Ber- stänüigung kommen. Die Sozialdemokratie lehnte zunächst die Uebernahme jeglicher Verantwortung ab. Sie glaubte, in der Opposition Nlld nach links abgesprengte Anhänger wiedergewinnen zu können. Die Deutsche Dolkspartei hotte sich in ihrer Agitation in nichts von den Dmffchnationalen unterschiÄen. Naturgemäß saßen in ihren Reihen manche, die dvuifchnationolen GÄcmkengänFM schr zugänglich waren. Die Partei
toSMiateriolisim« uni Memim.
„Dürfte ich vielleicht um Ihren gebrauchten Fahrschein bitten?" so steht höflich bittend ein etwa Ivjähri- ger Berliner Junge vor mir, als ich in Berlin aus der Straßenbahn steige. „Gebrauchten Fahrschein?" frage ich mich verwundert, „was will der kleine Kerl damit?" Da erklärte mir ein Bekannter, der mein Erstaunen vom Gesicht gelesen hat, daß das Fahr- lcheinsammeln augenblicklich eine der liebsten Befchaf. tigungen der Berliner Jugend sei, denn für 50 Fahrscheine der richtigen Sorte bekommen sie eine Schach- tel Schulwichse. Und dann haben wir treu unsere Fahrscheine gesammelt und zusammengelegt, so- daß gar der Schaffner schon um uns besorgt wird, wir hätten unfern augenblicklich noch in Gebrauch befindlichen Fahrschein aus lauter Liebe zu den so unverdrossen und liebenswürdig sammelnden Rangen auch schon verschenkt.
brn wieder daheim. Statt im nervenauf- jegcnben Getose der Straßenbahnen, Autos usw. bin sch wieder im stillen Frieden unserer lieben Schwarz- valdberge und fast hätte ich auch fahrscheinsammelnden Berliner Buoen wieder vergessen, so gern ich aus allen TascheriMnkeln ihnen meine Fahrscheine zusammengesucht hatte. Da flattert unter der Fülle der Zeitungsausschnitte, bte uns fast Tag um Tag zukommen, ein ga^ mteressaMer mir auf den Schreib- tisch: „Eine Schachtel Schuhwichse, Berliner Kinder- ideale." Das interessiert mich. Doch die Sache mit der Dose Schuhwichse für 50 Fahrscheine kenne ich ja schon. Aber interessant ist mir di« tiefere Deutung, die dieses Treiben der Berliner Jugend erfährt. Die Berliner Jugend braucht die Wichs« natürlich nicht, um einem eigenen, tiefgefühlten Bedürfnis entsprechend die Schuhe damit zu putzen, darnach sehen die Schuhe ja gar nicht aus. Nein, sie machen Geschäfte -Ent, und das könnte, so meint der genannte Artikel in der „Morgenpost", ein Zeichen dafür sein, daß unsere Zett auch schon in den Kindern einen stürmischen Erwerbstrieb erzeugt hat, der sich früher lange nicht in dtesem Maße und nach dieser praktischen Richtung geltend gemacht hat. Wie Kinder immer das Bestre- len haben, die Großen in ihren Spielen nachzuahmen, arte sie Krieg spielten, als die Väter Krieg führten, so spielen sie jetzt das ebenso aufregende SpiÄ „Derdie- §en", bem die Großen mtt Haut und Haaren verfassen
schielte deshalb stark nach rechts, ob auch der deutsch- nattonale Wettbewerb nicht gefährlich zu werden drohte.
So kam es, daß sie in entscheidenden Augenblicken versagte. Bei dem Londoner Ultimatum und bei der Entscheidung über Oberschlesien scheute sie vor der Verantwortung zurück und verpaßte die günsttge Gelegenheit, endlich die große Arbeüsge- msirffchast zu oerwirktichen. Bis heute haben wir es im Reiche noch nicht wieder zu einer festen Mehrheitsbildung gebracht und behelfen uns mit wechselnden Minderheitsregierungen. Das d e u t s ch « V o l k trägt den Schaden.
In den letzten Monaten scheint aber die E i n s i ch t zu wachsen, daß dieser Bestand nicht länger mehr zu ertragen ist. Die Sozialdemokratie lehnte bislang die große Koalition ab. Die scheute die Zusammenarbeit mit der Deutschen Volkspartei als der Vertretung des Unternehmertums. Jetzt hat sie in Preußen diese Koalition bereits geschlossen, und die anerkennenden Worte, die der Minister Seoering jüngst für Stinnes fand, zeigen, daß die klügeren Köpfe in der Sozialdemokratie die Tatsache, daß nur die Zusammenarbeit von Unternehmern und Arbeitern das deutsche Volk retten kann, erkannt haben. In der Deutschen Volkspartei scheint sich ebenfalls diese Erkenntnis durch- zusetzen. Stresemann verlangt die große Koalition der Mitte. Einen Rechtsblock mtt den Deutsch- nationalen, der einen Linksblock und nach seiner Ansicht eine neue Revolution im Gefolge haben müßte, lchnt er ab. Er macht nicht nur Front gegen die Deutschnationalen, sondern scheint auch die Widerstrebenden in den eigenen Reihen zu seiner Politik nötigen zu wollen. Auf dem Stuttgarter Parteitage fand er keinen Widerspruch. „
Auch in Deutschnationalen Kreisen bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß im Ernst keine ander« Politik möglich ist. So schreibt Erich Schwar- z-r im „Tag", und zwar im schwarzen Tag, der stramm deusschnationale Poiittk macht: „Wir haben doch gesehen, wohin wir durch die Linkspolitik geraten sind. Eine Rechtspolitik ist zurzett ttn Reich nicht möglich, würde auf den heftigsten Widerstand der linksgerichteten Volkskreffe stoßen. Für solche Experimente aber haben wir setzt Seine Zett. Man möge sie durchprobieren, wenn wir über den Berg sind. Bei dm Deutschnattonalm fft gewiß eine berechtigte Abneigung gegen das Zusammenarbeiten mit der revolutionären Sozialdemokratie vorhanden und jßber einsichtige nationale Politiker wird und muß diese Empfindungen teilen, weil die heutigen Vechältnisse dunh den 9. November zu einem wesentlichen Teile herbeigeführt worden sind. Aber die politische Einsicht und di« Staatstveue ist bei den Deuffchnationalen und ehemaligen Konservativen eine viel zu bewährte, als daß sie an den Erfordernissen der Zett vorbeizusehen vermöchten." („Tag" Nr. 561 vom 4. Dez. 1921).
Die Not des Vaterlandes verlangt eine breite Regierungsmehrheit, in der die Sozialdemokratie nicht fehlen darf. Dann verbietet „öie politische Einsicht und die Staatstreue" aber auch, daß man Parteien, die nach dieser Erkenntnis handeln, daraus emm Vorwurf macht, vielmehr verlangt sie sachliche Mitarbeit auch von der Opposition. Die Deutschnatto- rtalen vergiften aber durch di« Art ihrer Agitation siirmlich die polittsche Atmosphäre. Die Deutsche Volkspartei Hai der Notwendigkeit und Bereitwilligkeit zur Mitarbeit bisher auch nicht viel mehr als schöne Worte gewidmet. Sollten entscheidende Taten folgen, so «r- wies steh der Einfluß der widerstrebenden Elemente bedauerlich stark. Wenn man das Rechte erkannt hat, muß man es auch tun.
Der volksparteiliche Reichstagsabgeordnete Dr. Maretzky schließt einen Artikel im „Tag", in dem er di« Notwendigkeit brr Mitarbeit dcr Deutschen Dolkspartei nachzuweisen sucht, also: „Wird einst die Zett und die Möglichkeit zum Wiederaufbau unseres Reiches im Innern und nach außen gekommen fein, dann wird man Jenen Dank wissen, die rechtzeitig dafür gearbeitet haben, daß es nicht ein völliges Trümmerfeld geworden fft, auf dem bi jenen besseren Tagen wieder aufgebaut werden soll." Deutschland vor einem Trümmerfeld« zu bewahren, fft das Ziel "der Politik der Mite. Macht die Festigung der Lage nicht die Fortschritte, die man wünschen müßte, so trifft die Schuld diejenigen, di« trotz besserer Einsicht nicht lassen können von einer Politik des Gefühls, hämischer Kritik und kurzsichtigen Parteieigennutzes.
Was hört denn heute em Kind zu Hause? Immer doch nur Gespräche über die Teuerung, über das Geldoerdienen, über die Valuta — kurz, es ist immer das Geld, von dem gesprochen wird, und das das gesamte Denken ber Großen beherrscht. Die kiMiche Phantasie wird immerfort von der Vorstellung jener geheimnisvollen Kräfte beherrscht, bie im Geld, in den größeren und fidneren Haufen schmutzigen Papier stecken und in denen alle Freude, alles Vergnügen, jeder Genuß, altes Schöne und Herrliche verborgen liegen. Verdienen fft die Parole btr ganzen Welt, die sie umgibt.
Man braucht wirklich nur «ine Viertelstunde die- fern Treiben der Fahrschein sammelnden Kinder zu- gesehen zu haben, und man ist sich klar, daß in diesem kindlichen Spiel sich genau bas Treiben der Großen widerspiegelt. So liegt wirklich ein tiefer Sinn in dem kindlichen Spiel. Die Schachtel Schuhwichfe als Kinderibeoi ist nur ein drastisches Symptom unserer Zeit und ihres alles beherrschenden Materialismus.
Trotz all des Materialismus und Mammomsmus der Zeit, der mehr und mehr naturnotwendig auch ins Kinderland sich eindrängt, leben aber gerade im tiefsten Innern unserer Jugend auch noch ander« Kräfte, der Sinn für höhere Werte, sm heiliger im schönsten Sinne kinÄlichlauterer und jugendstarker Idealismus. Das wurde mir in den letzten Tagen immer wieder so recht klar, wenn ich mit stiller Freude m den 3 0 K i n- deraufsätzchen blätterte, die ein caritasbegcister- ter Lehrer in seiner Schule Hai schreiben lassen. Er Hai mtt seiner Klasse so recht wie ein wahrer Klnder- unü Jugendfreund es nur kann, von der Caritas, von der werktätigen Nächstenliebe gesprochen. Und dann wollte er ihnen Mut machen zu solch schönen Werken der Caritas, wie auch ein Kind sie schon tun kann. Wie hätte er das aber schöner gekonnt als dadurch, daß er sie nachsinnen ließ, ob solches Helfen wohl gar so schwer sei, ob sie nicht vielleicht schm gar manchmal, der Regung des Herzens, dem guten Beispiel folgend, ein wenn auch nur kleines, so doch dorn guten Himmel svater droben um so lieberes Werk getan hätten und so an diesem vollbrachten Merkchen neuen Mb gewinnen möchten zu neuem, immer größerem und immer schönerem Helsen.
Da saßen wohl die Kleinen erst sinnend da. Langsam begannen die hellen Kinderaugen zu leuchten, o, jetzt hatten fit es gefunden, und so entftanben bann bie 3<! beben Kmderaufsätze mit dem Titel „Ein Werk 1 ■hr' ®7"*itentt-'.e"<. W-r lauschen aufmerksajs. .rjas *
Bus dem Nachbargebiet.
(fpd) Frankfurt a. M. Einbrecher haben in einer ber letzten Nächte aus einer Villa silberne Gebrauchsgegenstände im Gesamtwert von mehr als 100 000 Mark gestohlen. Es scheint sich, wie wir erfahrän, um eine Einbrecherbande zu handeln, die planmäßig Villeneinbrüche in der Nacht verübt; denn alle Einbrüche weffen zahlreiche übereinstimmende SD tert» male auf.
mt Sranffurt a. ZIL Aus dem Bericht der neuen Theateraktlengesellschast über bas abgelaufene Ge - schüftsjahr des Opern - und Schauspiel- Hauses geht hervor, daß die Theater mit der städtischen Suboenüon von 5 Millionen Mark nicht ausW- kommen sind, vielmehr einen Betriebsverlust von 5 941 540 Mark erlitten haben, daran ist das Opernhaus mit 3 950178 Mark, das Schauspielhaus mtt 1391 362 Mark beteiligt. An Steuern mußten beide Theatern rund 2% Millionen Mark aufbringen. Für das laufende Gffchäftsjchr wird der zu erwartende Betriebsverlust auf 8 Millionen M. geschätzt. Das Defizit soll durch außerordentliche Zuschüsse der Stabt gedeckt werden, da ber Aufsichtsrat der Auffassung ist, daß er schon längst di« Grenze der Heraufsetzung der Eintrittsgelder erreicht habe. Weitere Erhöhungen würden sicher einen bedeutenden Rückgang des Seiudtes bringen, der übrigens im letzten Jahre gesteigert wurde, da bie Tageseinnahmen 4% Mill, gegen 3,8 Millionen Mark im Vorjahre betragen.
Vermischtes.
♦ Dezemberstilrme. Die Wochenwcnde hoi mit sür bie Jahreszeit sehr warmem Wetter auch heftige Stürme im ganzen Reiche gebracht. Aus Hamburg wird eine Sturmflut gemeldet, die den Verkehr im Hafen fast ganz unmöglich machte, da sich die Eismassen gelöst hatten und ins Treiben gekommen waren. Lm Riesengebirge herrschte schwerer Sturm. Einige Bauten sind vom Verkehr nahezu abgeschnitten. Zu anderen konnte man nur unter großen Schwierig- ketten Porbringen . Der ganze Kamm lag in dichtem Nebel. Viele Hörnerschlittensührer lehnten bie Abfahrt von den hochgelegenen Bauten ab, so baß zahlreich« Personen gezwungen waren, aus dem Kamm zu übernachten. Sn Oberbayern herrschte zunchmend starker Föhnwind bei erheblich gestiegener Temperatur, aber äußerst geringen Niederschlägen. — Infolge der stürmischen Witterung sind 180 F ernsprechle i- tungen für Berlin gestört. Sm Fernsprech- verkehr mtt dem Ausland fehlt die Verbindung mit Budapest, Rotterdam, Kopenhagen und Schweden. Der Telegrammverkehr mit dem Ausland fft unterbrochen mit den drei skandinavischen Ländern, Wien, Budapest und Iialten.
• Der 50. Geburtstag des Goldstückes. Anfang De. zember konnte das jetzt so hoch hoch gewertete 20- und 10 Mark-Goldstück seinen 50. Geburtstag begehen. 1871 beriet man in Berlin über den Gesetzentwurf betr. die Ausprägung von Reichsgoldmünzen und am 4. De» Dezember 1871 wurde der Entwurf durch die Unterschrift Kaiser Wilhelms I. Gesetz. Das 10-Mark-Stück war die Einheit wie auch 1875 das 10-Mark-Stück als Krone und das 20°Mark-Stück als Doppelkrone be. nannt wurde. Heute nach 50 Jahren haben diese Goldstücke ungeahnten Wert. Freuen kann man sich dar. über nicht: denn das ganze Elend unseres Volkes spie, gell sich darin. Möge das deutsche Goldstück recht bald in allem Glanze wieder vorsprechen; die freudigste Auf. nähme ist ihm sicher!
* Große Brief marlenfffltotingen wurden mKöln entdeckt. Es handelt sich um Nachahmungen ber neuen deutsch«, 60-Pfg.-Brieftnarken. Die Auslage ber Fäl- schungen muß sehr groß fein, da in Köln allein etwa 90 000 Stück beschlagnahmt werden konnten. Die Nachahmungen, bie sehr geschickt gemacht sind, scheinen durch Steinbruck hergestellt zu sein. Wahrscheinlich Ist ein Markenbild graviert, vervielfältigt und dann zu einem Bogen von je 100 Stück zufammengestellt worben. Zu erkennen sind sie von den echten besonders daran, baß das Wasserzeichen fehlt, bie Zähnung gröber und unregelmäßig fft und dünnere, kleinere Zah- len sowie ungleichmäßige und kleinere Buchstaben hat.
♦ Dieder eine bankrotte Stabtgemeinbe! Die Stabt Königsberg in der Neumark stellte am 15. Dezember die Zahlungen ein und erklärte, an bie Beamten keine Zahlungen leisten zu können. Die Lieferanten der Stabibehörbe wurden zuletzt am 1. November bezahlt.
Kindermund uns von Kinderheffen berichtet. „Gestern mittag," so schreibt ein Knabe im sechsten Schuljahr, „da kam ein armer Mann und bat um einen Almosen. Die Mutter war gerade nicht zu Haus« und in meiner Sparkasse war auch nicht viel Gelb. Ich wollte den Mann schon wieder sorffchicken. Da dachte ich aber daran, baß die Armut wehe tut. Ich gab ihm röt paar Pfennige. Der arme Mann freute sich sehr darüber. Ein andermal half ich einem kleinen Kinde aus ber Not. Es war in ber Kinderschule und wußte nicht mehr nach Hause. Es meinte und rief immer „Mnno". Als ich es meinen sah, hatte ich Mttleid mtt ihm und brachte es nach Hause." — Ein anderer schreibt: „Als ich einmal in bie Stocht ging, sah ich einen allen Mann, der einen schweren Wagen zu schieben hatte. Schnell ging ich hin und hals dem Mann den Wagen schieben bis hr bie Alberfftraße. — Als ich einmal auf ber Straße stand, fah ich ein Kind, bas sehr weinte. Ich ging hin und fragte bas Kind, wie es heiße. Schnell nahm ich das Kind und brachte es nach Zähringen und es fand feine Heimat wieber." — Ein dritter schreibt: „Als mein Vater einmal krank war und wir kein Futter mehr hatten, dachte ich, ich nehm« bie Senfe, um Gras zu mähen, atme daß bte Stute etwas weiß. Als ich nach Haufe kam, sagte ich ihnen, baß ich Gras gemäht habe, da freuten fre sich." — In einem andern Aussätzen heißt es: „Einmal mußten ich und meine Schwester bie Küche aufräumen. Da als ich mtt meiner Sache fertig war, war meine Schwester noch nicht fertig. Ich dachte, wenn ich ihr helfen würde, würde sie sich auch freuen. — Ein andermal fand ich ein kleines Schäufelchen und was soll ich bamit machen. Da sah ich einen kleinen Knaben und gab es ihm. Er freute sich sehr." — Sn einem Aufsatz eines zwölfjährigen Mädchens sehen wir so recht, wie Kinder, wenn ihnen eine Not begegnet, auch ihr Liebstes hergeben. „Eine arme Frau harte ein kleines Kind," io schreibt bas Mädchen, „das keine Kleider hatte. Ich habe ihm von meiner großen Puppe Kleider gegeben und dachte, wenn ich wieder Zeit habe, mache ich ihr neu«. Die Frau braucht bie Kleiber nötiger als meine Puppe. Die Frau war mir sehr dankbar dafür." — Don einem so recht kindlichen Helsen berichtet uns ein anderes Mädchen: „Als das letzte Jahr Messe war, gingen ich und meine Freundin auch auf bie Messe. Als wir in einem Karussel waren, da sah ich, daß ein Mädchen unten stand und schaute so nach oben. Als dos Karuslel hielt, da sagte ich zum -Vädcken: Ij* *•**» r»> h
M 292.
aienMng, 20. Dezember I92L
Fuldaer Zeitung
Druck der Fuldaer Actieudruckerei in Fulda
♦ Wiederaufbau im Obereisatz. Der Wiederaufbau des ob er elsässischen Kriegsgebietes macht sichtbar rasche Fortschritte. In dem Bezirk von Altkirch sind 90 Proz. der zerstörten Fabrik- anlagen wieder instand gesetzt worden. Von den in Tann und Altkirch zerstörten Wohnhäusern sind 50 Proz. wieder aufgebaut, oder soweit auSge» bessert worden, daß sie wieder bewohnbar sind.
Neue Bücher.
Max Mtcksikur und andere Märchen. Von Fr. Donatus Psannmüller. Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei, Fulda. Preis 7 Mark. Wieder ein halbes Dutzend drolliger Märchen aus dem Phantasiereichtum eines heimischen Kinderfreundes! Da werden die Klecksibusie vom Klecksteusel gequält und gebessert, da treiben die Rhönmänncben vom Rauschenberg ihr geheimnisvolles Spiel, da müssen die Zickzackzwerge die Taschenuhren drehen, da spielen geheimnisvolle Lämm» lein mit dem Jesusknaben und dem kleinen Vorläufer, eine kleine Schutzenpelpeschichte beschäftigt den eifrigen Leser und schließlich erscheint Wullewanka vom Bachrain mit ihren Stiefkindern auf der Bildfläche, um in Humor« voller Weise das Werden und Vergehen einer seltsamen Gänsefamilie kundzutun. Welches Kind aus dem Fuldaer Lande hätte nicht ein beitzes Verlangen nach Pfann- müllers Märchenschatz? Darum nimm und lies! P. S.
herrgoktswffsen von Wegrain nud Straße. Ge. schichten von Webern Zimmerleuten und Dorfjungen. Von Joseph Wittig. (Bücher für Seeleukultur.) 12° (VIII u 246 6.) Freiburg i. Br. 1922, f)erbet. 24 Mk.; geb. 32 Mk. — Ein neuer Bolksschriftsteller. ein wahrhafter Dichter ist uns erstanden: einer, ber aus dem Volke ist. bas Volk kennt wie sich selber so genau und darum auch im Tode des Volkes, aus dem Empfinden des Volkes heraus zu schreiben weiß. Und habet kommt biefer Mann vom Katheder der Universität her. Aber das mag es wiederum gerade fein, was in diese anmutigen Plaudereien und Geschichtlein von Webern und Zimmerleuten, in diese Dorfjungenstr eiche bie tiefen Gedanken. bas Ergriffensein von den heilig- sten Problemen des Menschenherzens hineingewebt. In lauterem, befreiendem Humor, in süßer Schwermut und in heiligem Ernst, in all den Tönen, die in diesem! Buch erklingen, immer ist es ein wahrer Dichter. ber; da. vertraut mit den hunderterlei Klängen des Men. schenherzms. auf dem saitenreichen Instrument der Seele bes Volkes spielt. In feiner schlesischen Heimat ist Wittig als Volksschriftsteller längst bekannt. Nun, da er seine Skizzen unb Geschichtlein gesammelt herausgibt. werden bie Setzer ber Herberschen Druckerei bie Hänbe voll zu tun haben, um Auslage nach Auflage dieses Buches herzustellen. Unb Gebilbete wie einfach« Leute werben ihre Freude daran haben.
Das „Neue Reich", die bekannte katholische Wochenschrift für Kultur. Politik unb Volkswirtschaft, erhält 5 Wochen lang umsonst, wer bie Verwaltung bes Blat. tes: Wien, VI. Mariahilferstraße 49 zum Zweck bes Kennenlernens unb des eventuellen Bezuges darum bittet. Schweizerische, amerikanische, reichsdeutsche Presseurteile bezeichnen bie Wochenschrift als die führende katholische bes beutschen Sprachgebietes. Mini- »er, Bischöfe Diplomaten, Siebte unb Professoren, bekannteste Politiker unb Schriftsteller finben sich unter den Mitarbeiter. Als besonbere Eigenart bes« Blattes, bas sicherlich in erster Linie österreichische Zustände zur Voraussetzung hat wirb gerühmt: Schneidige Grund, sätzlichkett, freimütige Sprache, gesunder Konservatismus. Beiträge aus jüngster Zeit: M t n i sie r p r a- siden a. D. Dr. Hussarek: „Kaiser Karls Schick- sal". — „Das Recht der Opposition in einer Republik.« _Bischof Waltz: „Leo XIII. und der seinerzeitige Streit der französischen Katholiken über die Frage der Monarchie oder Republik." (5 Artikel). „Pius IX. und Kaiser Karl." - Graf Resse guter: „Habsburg Ungarn unb Oesterreich." — Dr. Joseph Eberle: „Die dermalige Ausschaltung Habsburgs aus ber Welt, politik." — Uni v.-P rof. Dr. F. W. Förster; „England unb Irland". -Abt Herwegen: „De, Katholizismus als Erfüllung der religiösen Sehnsucht unserer Zeit."
v Gegen rauhe aufgesprungene flaut
CREME MOUSON
. vollkommenstes Hautpflegemittel
traurig da unten gestanden." Da sagte es zu mit: „Jetzt bin ich froh, daß du mir bezahlt hast." Ein eigenartig liebes Bild von kindlichem Helsen in diesen Kinderauffätzen!
Ja, tief im Menschenherzen lebte das Verlangen, zu helfen und dieses Verlangen und dieses stille Wunen lebte vor allem in Kinderherzen. O-, daß wir doch alle helfen möchten nicht nur durch schön« Worte, solidem mehr noch durch unser Vorbild, dieses Helfenwvllen in Kinderseelen zur Tat der Hilf« werden zu lassen. Glückliche Menschen, di« so in der Jugend-denn schon lernen, daß nicht das Glücksuchen für sich selbst, son- dem den andern Glückbringer sein, die begluckendst» Lebensaufgabe ist. ,
— Historische Weihnachtsfeste. Friede auf Erden — ba8 schöne, verheißungsvolle Wort hat bis zum Weltkrieg zu allen Zeiten gegolten, so lange Weih« nachten gefeiert wird. Und war man da ober dort mitten im Kriege, mitten im Haß, bie Weihnacht hat man doch niemals zu entheiligen gewagt, wäh« renb alle anberen Festzeiten ber Christenheit schon traurige Momente in ber Geschichte erlebt haben. Tafür ist bas Weihnachtsfest umsomehr bie Zett für historische Geschehnisse bes Friedens gewesen Am Weihnachtstag 496 empfing ber Frankenkönig Chlodwig in Reims von Bischof Remigius di, heilige Taufe. Am Weihnachtstag 800 fetzte Papst Leo III. im Petersbom zu Rom Karl dem Großen bie Kaiserkrone aufs Haupt — eines ber bedeutungsvollsten Ereignisse in ber deutschen Geschichte. Jut Jahr« 1000 begab sich Kaiser Otto HL nach Rom und betete hier am Weihnachtsabend inbrünstig daß bie Welt nicht unteraehen möge. DaS mae Jahrtausend brachte tausend neue Kriege, aber m«s weder zur Zeit der Kreuzzüge noch im Dreißigjährtt gen noch im Siebenjährigen Kriege ist am Weih nachtstage ein Tropfen Blut geflossen; mehifa»' sogar gab das Weihnachisfest Gelegenheit zu einen Friedensschluß. So wurde z V. der zweite fehle fische Krieg durch die Friedensurkunde vom 25, Dezember 1745 in Dresden für beendigt erklärt ebenso fand der Friede zu Preßburg nach ber benj würdigen Schlack: bei Austerlitz am 25. Dezembes 1805 statt. Und im Krieg 1870 schallte das schönt Lied von der stillen heiligen Nacht statt des völlij unterbrochenen Kanonendonners am Weihnachtsabew in die Ohren der davon seltsam berührten Fraw inten. Wte anders mars im Welttkriaa . . »