Fuldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 287.
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Mittwoch, 14» Dezember |92t
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48. Zahrg
Was Frankreich will.
Die Ein-Mlliarde-Dollar-Änleihe?
In einem allem Anschein nach hochoffiziösen Artikel erklärt der „Lmps", daß die Alliierten für 1922 und 1923 von Deutschland „nur" die Zahlung der ersten Jahresrate in Höhe von 2 Milliarden Goldmark fordern werden. Nur wenn der Markkurs Len Wert eines amerikanischen Cent überschritte, würde diefer Beschluß widerrufen werden.
Die varia bl en Jahreszahlungen würde Deutschland durch Naturallieferungen atstra- die nach dem Verhältnis, in dem die Alliierten deutsche Reparationszahlungen zu erhalten hätten, unter zu verteilen wären, Frankreich dchsrlte sich bas Recht vor, Lieferungen zu verlangen, die sein prozentuales Verhältnis an den deutschen Zahlungen überschreiten, ohne das es von diesen Lieferungen an die übrigen Alliierten irgend welche M>- gaben zu machen hätte. Den anderen Alliierten wäre es freigestellt, von Deutschland keine NaturMieferungen zu verlangen, falls sie es für wünschenswert halten. Sie würden dann aber auch den Anvil an den variablen Lahreszahlungen verlieren.
Die Reparationskommission würde, um Deutschland .eine Anleihe zu ermöglichen, ihre Generalhypo- !thek auf das^ deutsche Staatseigentum a u f g e b e n. Lu das Garantiekomitoe würde ein neutrales Mitglied ausgenommen werden, das hauptsächlich die Aufgabe hätte, über die von der Reichsbank zu fordernden Garantien zu wachen. Die Reichsregierung müßte durch ein Gesetz beschließen, daß die Schuldverfchreibunaen der Anleihen und deren Kou- pons von allen Erklärungen zur Einkommensteuer befreit seien und niemals beschlagnahmt werden können. Ein zweites Reichsgesetz hätte zu bestimmen, daß die Reich sb a nk dieselbe Unabhängigkeit genie- .ßen wolle wie die Bank von England, daß aber ein ■neutraler Berater in dm Aufsichtsrat ausgenommen würde, um den Banknotenumlauf Deutschlands zu überwachen.
Sodann würde das Reich eine Anleihe von 1 Milliarde Dollars auflegen, die 7 Prozent -Zinse » tragen soll und in 50 Jahren zu amortisieren wäre. Diese Anleihe würde zum Kurjir von 95,5 einer internationalen Bankengruppe übergeben werden, die He gegen eine gewisse Kommissionsobühr in kleinen Abschnitten ausgeben würde. Ein Achtel des durch die Anleihe erzielten Kapitals würde Deutschland für seine Reparationszahlimgen am 15. Januar und einen zweiten Anteil für die Rate vom 15. April und so fort erhalten. So wäre Deutschland in der Lage, alle drei Monate 500 Millionen Goldmark zu bezahlen.
Die „Franks. Ztg." läßt sich zu dieser Mitteilung 4es „Temps" aus Paris melden, daß der darin mit- geteilte Kreditplan dem Projekt entspricht, das Gegenstand der Besprechungen Ratyermus in London gewesen sei und daß darüber seit einigen Tagen zwischen den alliierten Regrerungen Erhandelt werde. Eine Entscheidung stehe unmittelbar zu erwarten, nachdem alle Beteiligten im Prinzip ihre Zustimmung gegeben hätten. Ein Teil der in Höhe von insgesamt einer Milliarde Dollars auszulegenden Anleihe soll so fori ausgegeben werden und das Ergebnis dieser Emission soll für die Januar- und Fe b r u ar - An n u vt äte n verwendet werden.
Der Ententestreit über die deutschen Zahlungen.
Tas Reutersche Büro erfährt, daß die Haltung Englands bezüglich der Verteilung der
Die Jagd nach dem Glücke.
Erzählung von Fritz Ritzel.
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Mit einem glücklichen Lächeln auf ihrem gutmütigen Gesicht bettachtete die Mutter ihr lebhaftes Kind, während der Vater mehrmals besorgt den Kopf schüttelte und Miene machte, eine Frage an die Erzählerin öu richten. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben; seine geleerte Tasse zirrückschiebend, erhob er stch, trat auf die Tochter zu und sie unter dem Kinn fassend, blickte er ihr forschend in die Augen und sagte ernst:
„Kind, ich kenne Dich nicht mehr! Mit Dir ist gestern etwas vorgegangen! Darf ich mtd die Mutter es nicht misten?"
„Nur einige Stunden Geduld, Väterchen!" lachte das Mädchen übermütig auf, „dann wird Dir alles klar werden, vielleicht kommt jemand mit einer sehr großen Bitte zu Dir, dann bitte ich mir aber ein weniger finsteres Gesicht aus, sonst fällt ihm am Ende das Herz in die Schuhe!"
„Der junge Firnhaber?" n>arf die Mutter in atemloser Spannung ein.
»Wie kommst Du denn auf den, Mütterchen?" fragte die Tochter entgegen und wieder ging es wie eine fliegende Röte über ihr Gesicht. „ga fo _ roei[ die Else neulich das dumme Zeug geschwatzt hot? Nun — ich will mit nichts hinter dem Berge halten — allerdings hat mir Kurt Firnhaber auf dem Wege einen ernstlichen Antrag gemacht, doch ich habe ihn abgewiesen."
Erstaunt betrachteten sich die Eltern, dann fuhr die Mutter heraus:
„Hedwig — den Sohn des Millionärs hast Du ab- «remiefen. der. wie Du selbst vorhin gesagt haft ein liebenswürdiger Mensch ist? Hast Du denn auch bedacht —"
„Ich habe alles bedacht, liebes Mütterchen, und habe gehandelt, wie es mir ums Herz ist!" unterbrach hf: ^achter. „Und dieses Herz gehört nur einem, den ich nie aufgehn^ habe zu lieben, trotzdem ich wahn- sinnio wo«- 'hm den Ring »-rückzugeben, und einen, anderen Glück nachzujagen. Wilhelm und :ch sind wieder einig!"
„Gott Lob und Dank!" entfuhr es dem Munde des Daters, während die Mutter vor Staunen zuerst sprach.
von Deutschland am 31. August gezahlten 1 Milliarde Goldmar! unverändert sei. England bleibe dabei, daß das hierüber getroffene Abkommen von Frankreich ratifiziert werde. Auch Belgien sei nicht bereit, auf seine Prioritätsrechte zu verzichten. England wolle seinen Anteil dazu benutzen, die großen Kosten des Besatzungsheeres zu erleichtern. SMer M »eümMe MoMwi.
Eine Auslassung des fitmjfets.
„Es geht etwas vor; man weiß mir nicht was." Dieser tiefsinnige Ausspruch des früheren Abgeordneten Strbor paß» auf die gegenwärtige Lage. Das große Problem der Reparation und der Kredttbefchaf- fung drängt jetzt feiner Lösung zu; aber wie die Lösung ausfallen wird, ist noch nicht zu ersehen. Auch die Eingeweihten werden wohl noch nichts Sicheres wisien, und was sie etwa wissen, erklären sie vorläufig für „vertraulich"
Der Reichskanzler hat im Ausschuß des Rorchswirtschaftsrates am Dienstag in einer einstün- Ligen Rede die Lage besprochen. Der Bericht ist kurz, aber er berechtigt zu Hoffnungen.
Daß die Verhandlungen unter dem Schleier der Vertraulichkeit gehalten werden, darf kein Wunder nehmen. Es handelt sich nicht bloß um Beschlußfassungen von deutscher Seite, sondern ganz wesen.-lich um Stimmungen und Pläne des Auslandes, wo- b’i in erster Linie die dortigen Machthaber und dann auch die Geldgeber in Betracht kommen. Zu der inländischen Kredtthilfe, über die seit Monaten mit unseren Industriellen und Banken verhandelt wird, hat sich die Frage der ausländischen Kredithilfe gesellt, und ais deren Grundlage erwies sich bald die Revision des Ultimatums für notwenLig. Auch dieses gewaltige Problem scheint jetzt in Fluß zu kommen.
Der Reichskanzler hat Liese Entwicklung dahin ge- kennzeichnet, „daß die wirtschaftliche Lage Deutschlands in ihrer Verflechtung mit der Weltwirtschaft nunmehr zum Gegenstand öffentlicher internationaler Diskussion unter den großen Mächten geworden ist". Zwei- ftifoe ist das ein bedeutender Fortschritt, und zwar in der Richtung unserer- PoMk. Denn es war gerade das Ziel der deutschen Regierung, durch die bestmögliche Erfüllung der verhängten Verpflichtungen der Welt den Beweis zu liefern, daß Deutschland wirklich guten Willens ist, aber seine Leistungsfähigkeit eine gewisse Grenze hat, die nicht überschritten werden kann, ohne den Schuldner in den Bankerott und die Gläubiger selbst in den schwersten Schaden zu treiben. Nur auf diesem Wege ließ sich die Erkenntnis durchsetzen, daß das Ultimatum in der hitzig beschlossenen Fassung nicht durchführbar ist und dem deittschen Volke eine Erleichterung verschafft werden irüffe.
lieber eine Revision ötr bisherigen Diktate der Sieger wird zwischen England und Fftankreich unter Beteiligung der Belgier und Italiener jetzt ernstlich verhandelt. Was dabei herauskommt, muffen wir abwarten. Die diplomatische Einwirkung auf die maßgebenden Mächte ist natürlich nicht versäumt worden. Reben den ständigen Gesandten haben besondere Abgesandte, namentlich Herr Rathenou. der frühere Minister und Baier des Wiesbadener Abkommens, zur Aufklärung und Anregung des Auslandes mffge- wlrki. Eine öffentliche Einmischung in die Verhandlungen der Entente ist vorläufig noch nicht zweck
los die Hände zusammenschlug, dann aber auf die Tochter zueilte und sie in die Arme schloß.
„Wilhelm Friedwald!" stteß sie dabei schluchzend hervor. „Kind — da hat ein guter Engel Dich geleitet! Endlich, endlich ein bißchen Sonne!"
lind während die gute Frau Hedwig mit Fragen bestürmte, nickte Meister Hochfeld befriedigend vor sich hin und schien im Begriff, sich gleichfalls der Tochter zu nähern, als die Flurklingel rasselte und gleich darauf noch kurzem Klopfen die Tür geöffnet wurde.
Erstaunt erkannten die Anwesenden in dem Eintre- bendcn den alten 'Baran von Greiffenftein, den sie noch in weiter Ferne vermutet hatten. Als dieser die rührende Familienszene gewahrte, wollte er sich mit einem „Pardon, ich störe" wieder zurückziehen; der Hausherr ließ ihn aber nicht dazu kommen — mit seiner früheren biderben Gradheit trat er auf den Besucher zu, schüttelte ihm herzlich die Hand und drückte seine Freude aus, den Herrn Baron nach so langer Zeit wieder zu sehen.
Mit höflicher Verneigung gegen den Eingetretenen entfernten sich Mutter und Tochter, da sie wohl vermuteten, daß es eine geschäftliche Auseinandersetzung sei. die den Baron in ihr Haus führte. Kaum hatte sich die Tür hinter den beiden geschlossen, trat der Baron rasch auf den Hausherrn zu und sagte ernst:
„Eine böse Schose, die mich in aller Herrgottsstühe zu Ihnen führt, lieber Meister! Aber es hat mich nicht zu Hause gelitten! Gestern abend zurückgekom- meu, halbe Nacht drüber nachgegrübelt, wie ich Ihnen die Sache beibringen soll —"
Der Baron zögerte einen Augenblick und strich sich über feinen weißen Stutzbart, als überlegte er, wie er das, was ihn hergebracht, in Worte fassen solle.
L$err Baron haben doch keinen Anlaß, mit der gelieferten Arbeit unzufrieden Zu sein?" warf der Meister erschrocken ein.
„Bewahre, bewahre," fistelte der andere. „Alles in Ordnung, alles tadellos — miirklich tadellos — ein M-sisterwerk her Sckmiiedekiinst! Etwas ganz anderes, etwas, was 3hren Herrn Sohn betrifft — —"
„Meinen Sohn. Herr Baron?" fuhr Konrad Höchste empor und betrachtete den Besucher mft finste. reu Blicken. „Ich habe keinen Sohn mehr! Der Herr Baron wissen wohl nicht —" " x
mäßig. Doch ist für Deutschland Miächst nur die Pflickst proklamiert worden, es müsse „sich bereit hallen zur Mitarbeit an diesen Problemen".
In dieser Hinsicht wird als die nächste Aufgabe bezeichnet, daß die Kredithilfe der deutschen Gewerbe zustandekommt, wofür die Negierung in dem Kompromiß von Hachenburg eine geeignete Grundlage erblickt.
Die Darlegungen des Reichskanzlers haben, wie allseitig berichtet wird, im Ausschuß des Reichsroitt- schaftsrates einen tiefen Eindruck gemacht und einen allgemeinen, lebhaften Beifall gefunden. Das wollen wir gern als kitt gutes Vorzeichen gelten taffen. Denn nichts kann uns bester helfen zur Gewinnung des Verstauens im Auslande, als wenn wir uns recht einig und entschlossen zeigen. In diesen Schicksalswochen wäre alles, was nach Zkrrsis aussieht, ein Verhängnis für das Vaterland. Wir brauchen gerade jetzt ein opferwilliges Volk und eine feste Regierung. Sonst kann die angebahnte Revision des Ee- wallfriedens noch im Keime erstickt werden. Damit wäre der Triumph der französischen Bernichlungspoti- itfer besiegelt, die jetzt mit ihrem tollen Märchen von der deutschen Waffengefahr gegen die versöhnlichen Stimmungen ankämpfen.
Die Kreditaktion der Industrie.
Der Reichswirtschaftsrat beschäftigte sich nochmals mit dem Gesetzentwurf betreffend die Er- richtung einer Kreditvereinigung. Es wurde eine Kompromißresolution angenommen, nach der die Kreditaktion zeitlich und dem Betrage nach zu beschränken ist und der endgültige Entwurf dem Reichswirtschaftsrat zur nochmaligen Durchberatung überwiesen wird.
Deutscher Reichstag.
Starker Besuch von Ortsklasseneinteilungs-Depntattonev.
Dem Reichstag ist nach mchvwöcheiftlichsr Pause zu einer kurzen Tagung wieder zusammengetreten. In der Wandelhalle zeigt sich schon Stunden vor der Sitzung ein so reges Lebm, wie man es sonst nur an großen Tagen gewohnt ist. Die Ursache dieses starkem Andranges war aber nicht di« tCagesoifonuing, sie war auch nicht, wie man etwa glauben könnte, die außenpolitische Lage, bezw. das Reparationsproblem, sondern es war ehre im Grunde genommen recht unpolitische, aber für die betroffenen Kreise recht wichtige Frage: die Ortsklasseneinteilung steht vor der Entscheidung und so waren aus allen Teilen des Reiches Beamtendeputationen erschienen, die noch im letzten Augenblick versuchen wollen, eine für ihren Wohnort günstigere Ent- scheidung herbchzuführen.
Die Vsrhandlung des Reichstags, die durch ine Er- febjgung einer großen Reihe von Anfragen und einer Reche Seiner er Vorlagen ausgefüllt war, nahm dos Interesse des Hauses wenig in Anspruch. Dieses war in stärkstem Maße konzentriert auf das Reparation«Problem bezw. auf das Ergebnis der Verhandlungen, die der nach Berlin zurück gekehrte frühere Minister Rathsnau in London geführt hat. Genaues und Sicheres weiß ober niemand über den Stand der Dinge zu jagen, denn m den Regierungskreffen wird strengstes Stillschweigen beobachtet und das Ergebnis ter Verhandlungen Rathemms ist über öen atterengften Perfvneukreis nicht hinaus gekommen. Wenn daher umlaufende Gerüchte Misten wollen, daß die Verhandlungen Rathenaus zu einem ungünstigen Ergebnis geführt hätten und andere Gerüchte das Gegenteil behaupten, so ergibt sich demgegenüber aus dem vorher Gesagten, daß alle diese Gerüchte völlig aus der Lust ge= guiffen sind. Tatsächliches weiß niemamib außer dem ganz eng gezogenen Personenkreis; wir können auf Grund unserer Kenntnis der Dinge nur sogen, daß weder eine Urlsache zu einem Pessimismus, noch etter auch eine solche zu Übermäßigem Optimismus gegeben ift.
„Alles weiß ich, alles!" unterbrach ihn der andere. „Weiß auch aus eigener Erfahrung, wie einem Vater zu Mute ist, wenn er sieht, daß er einen Lumpen groß gezogen hat! Aber bei Ihnen liegt der Fall anders! Sie sind — so sehr ich bedauere. Ihnen dies sagen zu müssen, in schwerem Irrtum, sind auf dem Holzweg, wenn Sie glauben, daß Ihr Herr Sohn jemals um Fadensbreite von dem graben Weg abgegangen wäre. Das sage ich Ihnen — ich, der das am besten weiß!"
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Baron!" sagte der Meister betroffen. „Fast ein Jahr ift’s her, daß Sie abwesend sind und doch —"
„Und doch kenne ich die Sache genauer, wie die ganze superkluge Gesellschaft hier! Ihr Herr Sohn ist ein Ehrenmann, lieber Herr Hochfeld, um den ich Sie beneide! Sie sehen mich ungläubig an? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es sich so verhält! Hören Sie mir ruhig zu!"
Auf dem Antlitz Konrad Hochfelds spiegelten sich die verschiedenartigsten Empfindungen. Wie eine überwältigende Freude war es bei den Worten des alten Herrn über ihn gekommen und wie bohrende Reue und brennende Scham durchzuckte ihn der Gedanke, daß er seinem Sohne unrecht getan haben könne. Karl war vielleicht doch unschuldig, denn würde sonst Baron Greif- fenftein mit seinem Ehrenwort für ihn eintreten? Und er, der Vater, hatte ihm ttotz der heiligsten Versicherungen nicht geglaubt, hatte den in falschem Verdacht Stehenden, sein eigenes Fleisch und Blut verstoßen! Was sollte er hören?
Ohne ein Wort hatte sich Konrad Hochfeld auf den neben ihm st-henden Stuhl niedergelassen und lauschte in atemloser Spannung den Worten seines Besuchers. Und Baron Greiffenstein schilderte ihm. wie alles gekommen war, erzählte, aus welchem Grunde er Karl Hochfeld besten Ehrenwort abgenommen hatte, über die gemachte Schenkung von 3000 Mk.' unverbrüchlich zu schweigen und behauptete erregt, daß ein Mann, der selbst sein Wort halte, wenn dadurch ein falscher Schein auf ihn fiele, eines so schmählich-m Treubruchs, wie man ibn Karl vargeworfen, nicht fähig sei.
„Aber der fehlende Betrag in der Kasse, Herr Baron — in der Kasse die Karl allein zugänglich war!" warf Meister Hochfeld angstvoll ein.
(Fortsetzung folgt)
Aus den Verhandlungen des Reichstags ift sachlich nock hervorzicheben, daß ter Nachtvagsetat, ter die Erhöhung der Beamtendefskdung enthält, dem HaushMltsausschutz überwiesen wurde, während die Gesetzentwürfe über bii AendMmg des Börsengesetzes und die Verordnung über die Adgelmng von Ansprüchen ast das Reich in allen teei Lesungen angenommen wurde. Don größerer Bedeutung war ter Gesetzentwurf bett, die Wählbarkeit der Frauen zu den Kaufmanns- und Gewerbegerichten. Diese Borlage wurde nach kurzer Aussprache, an der sich nur die sozia^ demokratischen Parteien beteiligten, an den 6. Ausschuß lüterwiesen. Gürte Anzahl weiterer kleinerer Vorlagen wurde ohne Aussprache erledigt.
Auf ter Tagesordnung stand auch eine Interpellation Dr. Staefemtmn (D. Dp.) über die Vorgänge i n der Pfalz, wo am 31. August und am 8. September versucht wurde, die pfälzischen Behörden ihrer Macht zu berauben. Die Vorfälle sollen unter Zustimmung der Franzosen erfolgt Mn. Abg. Dr. ZlioGwn- haget (D. Bp.) begrüntet die Interpellation und schildert die Vorgänge in ihren Einzelheiten. Reichsminiister des Innern Dr. Söffet weist daraus hin, daß die französische Politik am Rhein anscheinend das erzielen und vielleicht erschleichen will, was man durch den Friedensvertrag von Versailles nicht durchsetzen konnte. Man will aus dem RhetrÄand ein französisches Vorwerk machen. Ein französischer Politiker erklärte, daß die Franzosen im Besitze von Straßburg und einer Rheinflotte von 5 000 000 Tonnen selbst zu Rheinländern geworden seien. Diesen Machtmitteln gegenüber haben wir jedoch mir dos Recht und die Treue unserer Nation. Das Rhemland mich ein fester geistiger und wirtschaftlicher Wall werden, bis es auch nrödter politisch eng mit dem Deutschen Reiche verknüpft sein wird. Abg. Hoffmann-Kaiserslautern (Sz.) schildert die Demonstrationen in ter Pfalz, die sich gegen die Kahr-Regierung gewandt hatten. Die Kommunisten haben die testen Beziehungen zu den Franzosen.
Abg. Hosmann-Ludwigshafen (Ztr.) stellt fest, daß bet Hauptschuldige bei den Vorgängen in Speyer nicht mehr aus dem pfälzischen Boten weift, sondern sich mit seiner Familie in Straßburg befindet. (Hört, hört!) Teile und herchhe, dies ist das Leitmotiv der französischen Polttik und dies misten wir auch selbst sehr gut. Die Idee der rheinischen Reprchlif stt den nächtlichen Derbrettern dieser Zeitung zwar nicht aus dem Gehirne, wohl aber aus dem Buckel geschlagen worden. Der Redner erinnert darauf an die Rumen des Heitelberger Schlaffes und an die Schändung ter Kaisergräber in Speyer, sowie an trie rheinischen Ruinen und Schlösser. Er schließt seinen Vortrag mit den Worten: „Du sonnige Psaltz am Rhein! Deutsch bist du immer gewesen, Deutsch sollst du immer fein." (Stürmischer Beifall.)
Das Haus vertagt sich auf Mittwoch: Kleine Vorlagen, ©teuere ortagen.
preußischer Landtag.
Der Kultusminister zu den hochschulfragen.
Der zweste Abschnitt des Haushalts des Ministe rimus für Wissenschaft. Kunst und Volksbildung wurde cm Dienstag im preußischen Landtag beraten. Die ILnio eirfität en, die Technischen Hochschulen und die Kunstbestrebungen füllen diesen Teil des Haushalts ans.
Es war zu erwarten, daß ter neue Kultusminister Dr. Dölitz, nachdem an sich am Samstag nur auf ein« ganz kurze Erörterung bestimmter Einzelfragen' eingelassen hatte, nunmehr in dieser Sitzung die Gelegenheit benutzen würde, um gewistermaßen programmatisch zu den Angelegenheiten der Hochschulen Stellung zu neh- men. So stand im Mittelpunkt ter Dienstag-Debatte über den Kultusetat zweifellos die Ministerrede. Herr Böütz suchte alle einschlägigen Fragen kurz, aber doch eingehend zu beleuchten. Die Einstellung der Professoren unserer Universitäten nach ihrer politischen Seite hin. die Haltung der Studentenschaft uni) ihre Notlage, die Ziel, und Aufgaben der Hochschulreform, sowie die Fragen der Profestorenbesoldung und endlich die Verwaltung ter Museen und das Gebiet der Kunst, alle diese Gesichtspunkte nimmt sich Herr Bülitz in eingehender Eörterung vor. Man wird manches aus seinen Ausführungen durchaus unterstreichen können. So beispielsweise wenn er davon spricht, daß sich bte Professoren auf dem Lehrstuhl jeglicher Polttik zu enthalten hätten. Wir haben es in Deutschland in der letzten Zeit ost genug erlebt, daß mancher unter den Professoren des Glaubens war. von der Tribüne des Katheders aus sich in den politischen Streit einzumischen. Daß dies für das geistige Gedeihen der Hochschule nicht dienlich ist, liegt auf der Hand. Aber auch darin hat Herr Bölitz recht, wenn den Professoren in ihrem Privatleben ihre Einstellung zu den politischen Fragen freisteht. Die politische Ueberzeugung will der Kultusminister — und das mit Recht — nicht zum Kriterium der akademischen Lehrtätigkeit machen.
Dann spricht er vom Studenten, deren wirtschaft- llche Not wird von ihm besonders gewürdigt. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der Zentralstipendienfonds beträchtlich erhöht werden könne. Die Honorarstundung will er durch einen Honorar erlaß ersetzen; dabei läßt der Minister keinen Zweifel, daß die H on or are auf der jetzig en Tiefe nicht mehr gehalten werden können. In den Gedanken der Universitätsreform wandelt der Minister in den Bahnen ter Beckerschen Reform, also den Ideen seines Vorgängers. Nicht ge. gen, sondern geminfam mit den Universitäten muß die Reform gemacht werden. Er verspricht eine Verbesserung der Profestorenbesoldung. Baldige Vorschläge sollen diesbezüglich gemacht werden. Auch die Notlage ter Assistenten soll gemildert werden. Kurz werden von ihm noch gestreift das Gebiet der Kunst, ter Musik un> der Ausgestaltung ter Museen.
Von den Parteien erklärt der Vertreter des Zentrums, der Abg. Heß, daß zwar die programmatischen Erklärungen des Ministers zu einer Aussprache reizen daß man aber auf eine Teilnahme an der Debatte von feiten des Zentrums verzichten wolle. Der nächste Kul- tusetat soll bekanntlich an erster Stelle verhandelt werden. Innerhalb dieser eingehenden Beratung wird das Zenttum die Gelegenheit ergreifen, um zu diesen einzelnen Kapiteln erschöpfend Stellung zu nehmen. Für uns vom Zentrum ist der Kultusetat eine der wichtigsten Positionen Es ist darum zweifellos richtio wenn wir bei ber Beratung des neuen Etats die Gelegenheit ergreifen werden um unsere Sorgen und Schmer- zen im preußischen Landtage ergiebig zur Sprache zu bringen.
Zum Kapitel „Provinzialfchulkollegien und höhere Lehranstalten" fordert Frau 3enn len (Sozi den Abbau der neunjährig en höhe- r en Schule. Diese Schulsorm könne sich der Staat schon aus finanziellen ©rünijer nicht mehr leisten. Die