Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 285.
Verantwortlich für den ceüaaionellen Teil: Dr. I. Kramer, - für dir Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. = Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acttendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. ti. Telegr.-Adresse: Fu ldaer Zeitung.
Montag, 12. Dezember 1921.
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48. Zahrg.
Prif. Sr. LmWr zur Mu-Politit.
Line bedeutsame Rede
im preußischen Landtag.
Am Samstag wurde im preußischen Abgeordnetenhaus der Bergctat zu Ende beraten.
Dann wendet man sich der zweiten Lesung des Kultusetats zu.
Frau Dr. Wegscheider (Soz.) wünscht die baldige Durchführung einer gründlichen Schulreform. Besonders sollte das Mädchenschulwesen nur Frauen anoec- traut werden. Abg. v. Lampe (D. 23p.) spricht über die Kulturaufgaben des Ministers. Das letzte 3M muffe die große deutsche Kulturgcmeinschaft sein. Wir müssen wieder einigende Snmbole finden, daß unser Volk das alle Selbstbewußtsein wieder erhält. Abg. Oelze (Dntl.) fordert eine nationale Kulturpolitik; er tritt ein für den Ausbau der körperlichen Ertüchtigung des Volkes (Prüfungen in Leibesübungen).
Der Z entru m s r ed ner.
Abg. Prof. Dr. Lauscher erklärt, er freue sich, daß MiMter Boelitz sich dahin ausgesprochen habe, niemand denke bei uns an einen Kulturkampf. Freilich haben wir solche Verflcherungen schon oft gehört, ohne daß deshalb die Taten immer der Versicherung entsprochen haben. Wir können zu dieser Versicherung erst dann volles Vertrauen haben, wenn wir vollgültige Beweise dafür hätten, daß im deutschen Volke heute die
Achtung o or fremder Ueberzeugung aus innerster Ueberzeugung heraus anerkannt und festgehalten würde. (Sehr richtig! im Zentrum.) Aber daran fehlt noch einiges, und wenn ich in diesem Augenblick einige Proben dafür liefere, wie wenig sich wette Kreise des deutschen Volkes noch zu dieser Höhe cmporgerungen haben, so bitte ich. überzeugt zu sein, daß ich es nicht tue. um die vorhandenen Gegensätze zu verschärfen und zu vertiefen. Es ist vor ganz kurzer Zeit ein Buch erschienen aus der Feder des früheren -Reichskanzlers
| Michaelis,
Wittes Mannes, der sich meine? Wissens heute zur deutschnationalen Partei bekennt. Herr Michaelis sagt in diesem Buche: „Beim Katholiken, insbesondere beim katholischen Politiker, fiihlen wir stets, daß für ihn stet? in letzter Linie ein menschlicher Wille mit Beanspruchung göttlicher Autorität entscheidend ist. der uns Deutschen fremd ist." „Uns Deutschen" — Herr Michaels übersieht, daß ein guter Teil de? deutschen Volkes, nämlich ein gutes Drittel, sich zu dem katholischen Glauben bekennt, und wenn diese katholische Anstellung, wenn diese katholische Gewissensbildung, sofern ich einmal von einer solchen reden will, „uns Deutschen" fremd ist. so wird damit mit dürren Worten den deutschen Katholiken das Deutsck- tum abgefprochen. (Sehr wahr! im Zentrum, Zurufe links: Nehmen Sie den Mann doch nicht so ernst.) Also, es heißt weiter: „Gelegentliche Leistungen die als Beweis des Gegenteils angeführt werden können, dürfen darüber nicht binwegtäufchen. Deshalb ist eine polftische-katholisch christliche Partei eine ständige Gefahr für bas Deutschtum. (Zuruf: Sehr richtig!) In den wichtigsten nationalen Entscheidungen bat die Partei versagt und dem Deutschtum geschadet." Es ist mir eben „Sehr_ richtig" zugerufen worden. Ich weiß nicht, ob der Herr, der den Zuruf gemacht hat, sich der ganzen Verantwortung bewußt ist.' die in diesem Zuruf steckt. (Sehr gut! im Zentrum.) Denn wenn er eine solche Behauptung aufstellt, so erhebt er damit gegen ein Drittel des deutschen Volkes und feine politische Vertretung eine Anklage, die, wenn sie be- rechigt märe, iede Hoffnung auf einen Wiederaufstieg des deutschen Volkes zu einer Illusion wachen würde. (Lebhafter Beifall und Zustimmung im Zentrum.)
Herr Michaeli? wagt es, von einem Vertanen die. ser Partei zu sprechen. Da? wagt Herr Micha ttlis, der als Leiter der deutschen Polittk
der kläglich st e Versager
gewesen ist. (Sehr richtig! und Zuruf: Allgemeine Uebereinstimmung!) Herr Michaeli? steht mit dieser seiner Ausiassung leider nicht allein, sondern er hat in weiter recht? stehenden Kreisen zahlreiche Gesinnung- genossen. Er befindet sich dabei in der Gesellschaft des Reichsboten, der nicht müde wird. Deutschlands großes Unglück und den Sturz der Monarchie dem
Katholizismus in die Schuhe zu schieben.
_ ®in£, andere Stichprobe: Das Protestantenblatt mach sich die Kritik des Reichsboten an der Errichtung Meißen zu eigen und sagt sogar, der Reichsbote daran geübt habe lasse der furror protestantcius wieder zu env<M>en^beginne. und daß mit ihm nicht m spassen . "B^ttg schreibt die deutschnationale Korrespon- »h?-' K™ÄUnö des Bistums Meißen müsse als -.des evangelischen Bewußtseins krage: Was geht es Sie ode?n-Ä D^ i» b^ Meißen ein Bistum besteht
/’n t < n t i f A doch eine innere Angelegenheit ^mlrunn nn' heute Und wenn die sächsische
he^ß r^mnntMe hohe ra dir ich wirklich keine beson- tocht^LL t!SF*
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fein. (Sehr wahr! im ßen+rum )^"®enn ^re Interessen werden dadurch nicht im alleraering- sten berührt, geschweige denn geschädigt 8 8
Es ist eben schon auf die eigentliche' 6^..-- her sozialdemokratischen Partei in der Frage d^ A b l ö^ sung der Leistungen an dix Reliaions. fünften hingewiesen worden.
jnitf) tn einer längeren interessanten Privatunterhal- fung mit dem Abg. König über diese Dinge ausein andorgesetzt und habe ihm begreiflich zu machen ae- mcht. daß. wenn die Ablösung heute lediglich nach hem Stennmert in Papiermark erfolgt und wenn man sich
Quf äie nackten Ziffern der Vereinbaruna von ia-l stutzt, die Prozedur hinausläuft aus eine Redu- b.er DCm Staat vertraglich sowohl der katho- llschen tote der evangelischen Kirche zugesicherte Lett
stungen auf etwa 5 bis 7 Prozent. Das ist ungefähr dasselbe wie eine Beschlagnahme. (Sehr wahr! im Zentrum.)
Zur Frage der
Einheitsschule
führte der Redner u. a. aus: Ich stehe auf dem Standpunkt und glaube, jeder, der die Freiheit etwas mehr al? ein wechselndes Gebilde betrachtet, dem nach Belieben und Willkür und in jedem Augenblick jede wechselnd- Form gegeben werden kann, wird bieten Stand, punkkt teilen: In einem demokrattschen Staatswesen muß mehr als in jedem anderen die peinlichste Achtung der Gewissensfreiheit und des Rechte? der Minderheit gelten. Ich habe schon im Ausschuß an das Wort eines englischen Historikers erinnert: „Das schönste Recht der Demokratie ist der Schutz der Minderheit." Es darf niemals dahin kommen, daß die Minderheit vergewaltigt und majorisiert wird, daß Ellern gezwtmgen werden, ihre Kinder einer Schule zu übergeben, gegen die sie in ihrem Wesen Protest ein. legen. Sind wir uns hierüber einig so werden Sie, glaube ich. auch dafür Verständnis haben wenn ich sage: Für unser Staatswesen gibt cs in Ansehung und Berücksichtigung dieses Prinzips zwei Möglichkettent, das Schulwesen zu gestalten:
Entweder wir gewähren vollkommene Unterrichts- freiheit ober aber wir differenzieren die Staatsschule in dem Umfange, wie es den verschiedenen Weltanschauungen und Gewissensorientierungen innerhalb unsere? Volkes entspricht. (Sehr wahr! im Zentrum.) Sie werden vielleicht einwenden, das wird niemals zu einer völkischen kulturellen Einiguna führen, sondern zu einer Zersplitterung. Das ist eine ganz törichte Auffassung. Ich glaube, wir sind da? einzige Volk, das immer wieder mit den Mitteln — ich kann nicht anders sagen — mit den Mitteln der Mechanik seine großen kulturellen Ziele und Kulturaufgaben zu be. wältigen sucht. Wir klammern uns immer wieder mit einer geradezu naiv anmutenden Kindlichkeit an die Allgewalt der Schablone, an die Allmacht der Form, an den allein seligmachenden Mechanismus. Wir meinen .wenn wir eine staatliche Einheitsschule besäßen, hätten wir auch die völkische und staatliche Einheit. Ach, meine Herren, das ist nicht der Fall.
Die Dinge liegen ganz anders. Es hat Zeiten gegeben, wo man in Preußen noch einiges Verständnis dafür hatte. Die alte vielaefchmähte preußische Verfassung vom 31. Januar 1850 stellte ein Prinzip auf, bas uns heute beinahe wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht anmutet Denn es heißt darin: Unterricht zu erteilen und Untetrrichsanstalten zu arünben und zu leiten, steht jedem frei, der seine sittliche, wissenschaftliche und technische Befähigung den betreffenden Staatsbehörden nachweist. (Zustimmung im Zentrum). Ich komme dann noch auf eine Frage, die für uns die tnir auf dem Boden der religiösen tmb katholischen Volksanfchauung stehen, von ganz besonderer Bedeutung ist: Die
Frage des Religionsunterri-chts.
Ich berühre damit ein Gebiet, das vor 50 Jahren im Mittelpunkt der peinlichsten und unheilvollsten Kämpfe gestanden hat. Auch hier muß man sich in die Den. kungsari de? Volksteils hineinversetzen. der sich unter- drückt fühlt. Die alte preußische Verfassung bestimmte, daß der Religionsunterricht geleitet wird durch die be- tireffenben Religionsgesellschaften. Damit war anerkannt. baß der Religionsunterricht eine Sache ist, die nicht einfach vom Staate beschlagnahmt werden kann. Resigionsunterricht in dem Srme, tote die katholische Kirche ihn versteht, kann nicht einfach im Staatsauftrage erte<M?t werden; sdis katholische Kirche, die das Recht des apostolischen Lehramts für sich in Anspruch nimmt und nehmen muß kann nicht zugeben, daß ein Religionsunterricht der sich katholisch nennt, erteilt wird, ohne daß sie selbst zum mindesten stillschweigend ihre Genehmigung dazu gibt. 3m offenen Widerspruch mit der Kirche katholischen Religionsunterrcht zu erteilen oder einzurichten ober zu genehmigen — das ist noch mehr als Unrecht, das ist Widersinn, das ist eine Ungeheuerlichkeit, das ist ein G e w i s f e n s d r u ck und ein Gewissenszwang der schlimmsten Form. (Lebhafter Beifall und Zustimmung tm Zentrum.) Trotzdem hat Falk in sei. nem Erlaß vorn 18. Februar 1876 bestimmt: „Der schulplanmäßige Religionsunterricht in der Volksschule wird von den vom Staate dazu berufenen ober zugelassenen Organen unter staatlicher Aussicht erteilt." Von einer kirchlichen Mitwirkung war dg nicht die Rede und wie der Erlaß zu verstehen war, ergibt sich aus einem Vorläufer desselben, in dem bestimmt wird, baß bie Ermächtigung zur Erteilung des katholischen Religionsunterrichti in der Schule nicht erforderlich sei. Es ist von kirchlicher Seite mit stärkstem Nachdruck die Aufhebung des Falks chen Erlasses gefordert worden und ich möchte die Regierung und die Unterrichtsverwallung darüber nicht in Zweisel lasten, daß wir diese Forderung immer wiederholen werden. (Lebhafter Beifall im Zentrum. Zuruf links: Sie wittern wohl Morgenluft!) Davon kann gar keine Rede sein, wenn hier ein selbstverständliches Recht des Ge. mistens proklamiert ro:rb. Und dieser Zwischenruf beweist mir, wie wenig Verständnis für die heisigsten Gewissensrechte anders Denkender bei gewissen Parteien vorhanden ist. (Lebhafter Beifall im Zentrum.) Ich bitte also die Staatsregierung dringend, nicht länger mehr mit der Aufhebung biete? Erlasses zu zögern. (Er- neuter lebhafter Beifall im Zentrum.)
Man wendet vielleicht een, diese Dinge seien antiquiert, es handle sich um vergilbte Akten. Daß dem leider nicht so ist, dafür taten ich Ihnen ein aetoiAtigeä Dokument vorlegen. Vor eitrigen Monaten hat sich der
Hochw. Bischoff von Fulda
genötigt gesehen, zwei Lehrern die missio canonica zu entzi ehen, resp. vorzuenthalten. Er hat die Regierung in Kastel davon in Kenntnis gesetzt und gebeten, die entsprechenden amtlichen Anordnungen zu treffen.
Darauf ist folgende Antwort erfolgt: „Die Staatsregierung hat bisher stets den Grundsatz vertreten, daß jeder Lebrer mit seiner amtlichen Einführung das Recht und die Pflicht übernimmt, den Unterricht in gesamten verbindlichen Lehrgegenstärrden der Volksschule, mit Einschluß des Religionsunterrichts zu erteilen und daß er seinem Lehreiauft ag auch dann nachzukommen hat, wenn fie die missio canonica nicht erhält. (Hört, hört! im Zentrum). Wir sind daher weder in der Lage, den betneffenben Lehrern Mitteilung von der Entziehung bezm. Nichterteilung der missio canonica zu machen, noch Slenberungen in der Erteilung der Religionsstunden anzuordnen. Das
ist ein Beweis dafür, daß Dieser alte falsche Erlaß noch ebt, daß tm Freistaat Preußen es noch möglich ist, katholischen Eltern für ihre Kinder einen Religionsunterricht durch Lehrer aufzuzwingen, denen von der zuständigen tirchlicken Autorität die Befähigung und Berechtigung zur Erteilung deS Religionsunterrichtes abgesprochen worden ist. Ich hoffe also, daß der Minister nicht zögern wird, nicht nur in diesem Falle von Kassel Remedur zu schaffen, sondern auch dafür zu sorgen, daß der falsche Erlaß ausgehoben wirb. (Beif. im Zentr.) Eine weitere Vorbedingung für den Wiederaufstieg und für den inneren Frieden unseres Volkes ist, was wir schon seit Jahrzehnten verlangt und reklamiert haben:
Die Parität, die gleichmäßige Behandlung der geschiedenen Konfessionen und Volksteile im preußischen Staat. (Sehr richtig! im Zentrum.) Es fehlt nach dieser Richtung noch manches. Ich will mich sür heute auf ein paar Beispiele auf dem Gebiete be» höheren Schulwesens beschränken. Ich glaube, alle Parteien des Hauses werden Verständnis dafür haben, daß gerade die katholischen Anwärter des höheren Schulwesens durch das Unglück, das uns im Osten betroffen hat, ganz empfindlich betroffen worden sind. Die vertriebenen Studienräte und Direktoren gehören zum allergrößten Teile dem katholischen Bekenntnis an. _ Sie müssen zum größten Teil in dem gleichfalls überwiegenden katholischen Westen untergebracht sverden. Dadurch wird aber die Anstellungs- und BesörderungS- möglichkeit in einem Maße beschränkt, daß sie sich einer geradezu verzweifelten Situation gegenüber befinden. (Sehr wahr! im Zentrum.) Deshalb bitte ich die Regierung, darauf zu sehen, daß nicht nur an den staatlichen, sondern auch an den städtischen höheren Lehranstalten ein entsprechender Prozentsatz katho- licher Studienastessoren zur Anstellung kommen. Wie die Verhältniffe auf diesem Gebiete liegen, will ich Ihnen an zwei Beispielen zeigen. Die Stadt Köln hat bei der evangelischen Minderheit von nur 20 Proz. drei evangelische Direktoren; die Stadt Frankfurt hat dagegen bei 17 evangelischen höheren Lehranstalten keinen einzigen katholischen Direktor. Aehn- sich liegen die Dinge einer ganzen Reihe Städte.
Ich habe einige Wunden blotzgelegt und Mängel aufgedeckt, denen abgeholfen werden muß. Ich wiederhole: Wir haben uns gefreut, daß der Minister erklärt hat, daß ein neuer Kulturkampf nicht zu befürchten sei. Wenn diese Versicherung wirklich die Morgenröte einer besseren Zukunft bedeuten soll, bann sehe ich dazu nur einen Weg, ben wir alle, cTne Unterschied des Bekenntnisses, der Weltanschauung und der Parteizugehörigkeit, gehen müssen, indem wir uns ehrlich auf den Boden des Arttkels 135 bet Reichsverfassung stellen, in dem eS heißt: Jeder Bewohner deS Reiches genieße volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Wenn das geschieht und wenn dieser Grundsatz nicht bloß auf kirchenpolitischem, sondern auch auf schülpolittschem Gebiete gewissenhaft durchgesührt wird, dann können wir in der Tat hoffen, daß die lünftige kulturelle Entwicklung deS deutschen Volkes, speziell auch des preußischen Staates, in freundlicheren und gesegneteren Bahnen verlaufen wird, als eS in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. (Lebh. Beif. im Zentr.)
Kultusminister Boelitz, , der nach Lauscher das Wort ergreift rechtfertigt zunächst das von dem deutschnationalen Redner gerügte Verbot der Beurlaubungen zum Hannoverschen Schülertage. Es könne unmöglich angehen, daß Taufende von Schülern sich in einer Stadt versammeln, ohne daß der Kultusminister davon etwas weiß. Das ginge umso weniger, als Gegendemonstrattonen der Arbeiterschaft drohten. Die Ruhe und Stetigkett. die unter dem Minister Becker im Kultusministerium herrschte, solle bet. behalten werden. Ich betrachte mich als Koalitions- minlster, und ich will Koalitionspolitik treiben, feine Parteipolitik. (Beifall.) Meine Potsdamer Rede ist offenbar von den wenigsten Krittkern gelesen worden. Ich habe dort ausgeführt, daß der Geist des Militarismus und der Bürokratie keineswegs der wahre Geist von Potsdam sei, sondern der von Kant gepredigte Geist der Hingabe an den Staat. In der schweren Zeit der Gegenwart müssen wir das hervorheben. was uns eint. 2>r deutsche und der christliche Gedanke im weitesten Sinne muß auch unsere Jugend erfüllen. Ich wiederhole die Erklärung, daß ein Kulturkampf mir durchaus fernliegt und daß die Achtung vor jeder Ueberzeugung die Richtschnur des Kultusministeriums sein wird. Bei der Begründung der weltlichen Schule sollte darauf geachtet werden, daß dem Reichsschulgeesetz nicht oorgegriffen wird. (Beifall.) I
Nachdem noch Dr. Meyer (Komm.) u. Holtz (Unabh.l die Verweltlichung beS gesamten Schulwesens verlangten, Dr. Gottschalk (Dem.) bie einheitliche Lehrer, bilbung gefordert hatte, wurde die Fortsetzung der Beratung auf Dienstag vertagt. Ferner Abstimmungen über ben Bergetat. s
Das rheinische Zentrum hinter Dr' Wirth.
Die rheinische Zentrumspartei hatte die Mitglieder des Provmzialausscknlsses am Sonntag zu einer außerordentlichen Sitzung nach Königswinter eingetaden. Die Tagung war auherordent- lich start besucht. Reichskanzler Dr. Wirth hotte das Referat über eine Reihe der brennendsten Tagesfragen übernommen.
Beim Betreten des Saales entbot die Versammlung dem Reichskanzler durch eine starke Kundgebung einen herzlichen Willkommensgruß. Der Reichskanzler gewährte in seinen l^ftürtbigen Darlegungen einen tiefen Einblick in den gewaltigen Fragenkomplex der innen- und außenpolitischen Lage, der auch in den nächsten Rcichstayssitzungen behandelt werden wird. Der Reichskanzler behandelte die Erfüllungspolifik, die Bemühungen um eine Verbretterung der Ktzolttion, das Wiesbadener Abkommen, die bevorstehenden Entscheidungen Wer den Steirerkompromiß, das Schlagwort von der Erstifltmg der Sach- und Goldwerte, die Schwierigkeiten der Devisenbeschaffung, die Stellung der Akademiker in der Zentrumspariei, das Verhältnis der Zentrumsparbei zur Landwirtschaft, die Lage der Der- kehrsanstalten, Oberschlesien und die Reparationen als Kernprobleim der Weltwirtschaft.
Der Eindruck der Darlegungen war bedeute n d und die Versammlung dankte mit immer wieder neu einsetzendem Beifall, der sich auch bei der Abfahrt des. Reichskanrlers wiedycholte
Die Zusammenkunft der Minister» präst-enten.
Dos entscheidende Stelldichein am 19. ober 20. Dez.
Beim Empfang der Pariser Pressevertreter bestä- tigte B r i a n d seine Absicht, am 19. oder 20. Dczem- der nach England zu reisen, um der Aufforderung Lloyd Georges zu entsprechen. Die finanziellen, und wirtschaftlichen fragen werden m erster Linie während einer Besprechung zu Zweien geprüft. Die Orientfrage wird den Gegenstand einer neuen Zusammenkunft bilden, zu der Italien aufgeforberj wird.
Minister Loucheur hat sich zu kurzem Aufenthalt nach Brüssel begeben, um sich mit der belgischen Regierung über die Rsparationssrage zu besprechen.
Botschafter Dr. Mayer ist von seinem Bvrline» Besuch wieder nach Paris zurückxc lehrt.
Aus dem besetzten Gebiet.
* Ser Zoll Sitteeis uud dar Parlament. Die Ze^ trumsfrattion bes preußischen LgMagS hat eta., Interpellation zum F all-Srneets eingebraqtz in der eS u. a. heißt: „Was gedenkt baS Staatsministe, riurn zu tun, um eine ordnungsmäßige unabhängige Rec fpflege in den besetzten Gebieten zu gewährleisten und dafür Sorge zu tragen, baß nicht Personen lediglich wegen ihrer landesverräterischen und antideutschen Tätigkeit ihrem ordentlichen Richter entzogen werden?"
Der Uapp-Putsch-Prozeh.
Roste als Zeuge.
Sn der Verhandlung vor dem Leipziger Reichs, gericht wurden am Saim&tag eine Reihe Politiker als Zeugen vernommen. Bemerkenswert war vor allem die Bernehmung Roskes.
Noske erklärte u. a., General v. Lüttwitz fei vollkommen auf die Forderungen der Deutschnationalen Bolkspartei eingestellt gewesen. Durch eine Zeitungsnotiz habe er von der Ansprache Ehrhardt» an die Truppe gehört, in der Ehrhardt versichert habe, daß die BrigM nicht aufgelöst werden würde. Daraufhin habe er Ehrhardt bei einem Empfangsabend beim Reichspräsidenten gestellt und ihm erfiärt, daß seine Befehle auf Biegen oder Brechen zu befolgen seien. Nach der Unverredung mit dmrr Reichspräsidenten habe er den Präsidenten wissen lassen, daß er annehme, L ü t t w i tz werde nach dieser Herausforderung, iJie m dem Uebergehen seiner Person liege, seinen Abschied nehmen. Trotha, der bei der Zuspitzung der Dinge nach Döbritz geschickt worden sei, sei mit dem Bericht zurückgekommen, daß in dem Verhaften der Marine- brigade nichts Bcrdächtiges liege. In der Konferenz im Reichswehrministerium am Abend des 12. März habe er (Noske) den Vorschlag gemacht, den Ehrhardttruppen bewaffneten Wider st and z u l e i st e n. Er stehe auch heute noch auf dem Stand- punkt, daß man die Ehrhardtbrigade auf der Döberitzer Chaussee wirkungsvoll mit Maschinengewehrfeuer hätte empfangen können, und daß so der ganze Spuk zerslattert wäre. Schiffer und die übrigen Regierungsmitglieder seien nicht etwa zu Verhandlungen in Berlin zurückgelassen worden, sondern es hätte damit nur zum Ausdruck gebracht werden sollen, daß die Regierung noch existier«. Dann schilderte Noske die Tage in Dresden und besonders die zweifelhafte Rolle, die dort der Oeneral Märcker gespielt habe. Stresemann, der nächste Zeuge, sprach/ über ine Amnestiefrage.
Der letzte Zeuge sst der Admiral v. Trotha. AI« er in Döberitz gewesen fei, um die Lage zu erkunden, sei ihm nichts Bemerkenswertes aufgefallen. Er habe aber feinem Bericht hiryugefügt, daß die Brigade gleichwohl tn kurzer Zett marschbereit fern könne. Das Wichtigste war, daß Trotha sich bereit erklärte, der neuen Regierung sich zur Verfügung zu stellen. Trotha betonte, daß ihn nur der Gedanke geleitet Haber Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Er habe alles Politische vermieden und nur die Absicht gehabt, die Marine in dieser schweren Zeit fest in der Hand zu behalten. Die Regierung habe Berlin verlassen, ohne daß er etwas davon erfahren habe; es sei ihm von der Regierung auch keinerlei Anweisung zurückgcklassen worden. Slbmiral Trotha wurde nicht vereidigt, da di« Möglichkeit mit seiner Mitschuld besteht.
Die Verhandlungen wurden auf Montag vertagt.
Sozialer.
* ver Sesamtverband der kath. kaufm. Sehilfimre«- uttb Veamtimienvereine Deutschland, «Verband k. k. Ge- bilfinnen und Beamtinnen, Sitz Köln; Süddeutscher Verband der Vereine k. k. Gebilfinnen und Beamtinnen, Sitz München; Katholischer Verband weiblicher kaufm. Angestellten Deutschlands mit dem Sitz Berlin) hielt am 16. November in Würzburg eine Konferenz ab, um über die Mittel und Wege zu gemeinsamer Arbeit zu beraten. Unter anderen aktuellen Fragen betr. die Bewegung der weiblichen kaufmännischen Angestellten, fanden eine besonders eingehende Würdigung die Punkte Sonntagsruhe und Arbeitsnachweis. Zu diesen wurde folgende Entschließung gefaßt: „Die Konferenz nimmt Stellung zu der hochwichtigen und dringenden Frage der Sonntagsruhe. Sie fordert die uneingeschränkte Beibehaltung der Sonntags- ruhe, wie sie durch das Reichsgesetz vom 5. Febr. 1919 festgelegt wurde und in weiten Gebieten deS Reiches praktisch durchgeführt ist. Diese Forderung liegt im Interesse einer wirklichen Sonntagsheiligung, einer wahrhaft christlichen Familienpflege, der Förderung echter Volksbildung, sowie der Erhaltung und Befesti- nung der so notwendigen Volksgesundheit.'' — „Der Entwurf des Arbeitsnachweisgesetzes nimmt den Berufsorganisationen bie Möglichkeit ber Stellenvermittlung, wogegen die drei Verbände entschieden Einspruch et- beben. Die den caritativen Nachweisen offen gelassene Möglichkeit der Weiterarbeit könnte nur in Anspruch genommen werden, wenn man auf ben Charakter der Berufsorganisationen verzichten wollte. ES soll nochmals der Versuch gemacht werden, den Stellennachweis für die Bern fsoraanisationen au erhalten."