Einzelbild herunterladen
 

Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Julda.

48. Zahrg

Freitag, 9. Dezember <921

Nr. 283

ch u n

ten aufzehven können.

w.

Hus dem besetzten Gebiet.

Zrankrrlchr ZchStzNng. Die Rbeiniandkom- mtffton, die sofort nachder Verhaftung desrheimschen Sonderbündlers SmeetS benachrichtigt wurde, hat, wie Labas meldet, unverzüglich beschlossen, die Fort» führung deS Beschuldigten au,S dem Rhern. land zu untersagen. Sie Hut außerdem die zuständigen deutschen Behörden aufgefordert, ihr in kürzester Frist genaue Nachrichten über die Grunde und die näheren Umstände der Verhaftung zugehen zu lassen Wie die Blätter aus Köln melden, ist S m e ets auf Anordnung der Interalliierten Rheinlandkommission wieder auS der Haft entlassen worden.

» Der Abtransport bet Amerikaner vom Rhein. Der Abtransport der amerikanischen Truppen wird fortge- setzt. Bisher haben zwei Transparte von mehr alS 4000 Mann das Moselgediet verlassen. Zwei weitere Transporte gehen noch im Laufe dieses Monats ab.

zweite Beratung einer Anzahl Gesetzentwürfe, tote die Verordnung über Lohnpfändung, Abänderung des Börsengesetzes u. a., ferner die rnündlrchen Be« richte des Rechtsausschusses über drei Anträge, die die sofortige Außerkraftsetzung der Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. September betreffen.

zuzwingen, die dieser Volksteil ablehnt, mit außer- ordentlichem Nachdruck vertreten und unterstützt, und die theoretische Frideenslrebe dürste sich in pra! tische Kampfbereitschaft verwandeln, sobald die Gestaltung fces Schulwesens zur Entscheidung steht.

Es bleibt notwendig, was Dr. Heß im Eingangs feiner Rede betonte, daß man sich mehr auf das Einende besinnen müsse, daß aber Frieden mir dann möglich sei, wenn man auf Einheit in der Metaphystik verzichten und sich auf den Boden der (Be- wissonsfreiheit stellt.

aus London hat sich verzögert. Dagegen ist der eng­lische Botschafter in Berlin Lord b e r n o n aus London wieder in Berlin angekommen.

Der Schuldige verschwunden.

Zum Zusammenbruch der Pfälzischen Dank iwfahren dieMünchener Neuesten Nachr.", daß am Mittwoch in den Geschäftsräumen der Münchener Nirderlassung der Pfälzischen Bank der Staatsanwalt erschien, um sich über die Sachlage zu unterrichten. Dabci wurde ihnt mitgeteilt, daß der Aufenthalt des schuldigen Direk­tors Römer derzest unbekannt sei.

Bezugspreis: Monatlich 5.00 2RL zugestellt tret -.ns chaus- :: Abgeholt in der Geschäftsstelle 4,60 Alk.

Anzeigen: Kleinzeiie nach Coionelmaß 1 Mark, Rektamezeiie (Xe$tbreite) nach Colonetoah 3 Mark.

" für die Anzeigen: Rotationsdruck u. Verlag der ~

Fernsprecher Nr. 9. Telear.-Adress«: Fu ldaer Zeitung.

Diedeutsche Kufmarschlime hinter dem Schwarrwald".

LieraniwonUa: inr den ceüauionellen Tell: Dr.I. Kramer, ..... ~ I. Parzeller-Fmda. s Fuldaer Actiendruckerei in Fulda.

und leichtfertig mußte er sie hatten, daß sie an dem nämlichen Tage, an dem derjenige zur ewigen Ruhe bestattet worden, wegen dessen sie ihre Verlobung ge. löst hatte, die Liebesbeteuerungen eines andern an« hörte! Als das Schrecklichste, was ihr widerfahren ' konnte, erschien es ihr in Wilhelm Friedwalds Ach­tung zu sinken! Gab es denn keinen Weg ihn auf- zuklären, ihm zu versichern, daß er sich im Irrtum be. finde, wenn er glaube, Kurt Firnhaber und sie--*

Von unerklärlichem Bangen ergriffen, vermochte sie nicht weiter zu denken und mühte sich nur ab, einen Grund zu ersinnen, die Gesellschaft zu verlassen, um nur für wenige Augenblicke die Maske der Unbe­fangenheit ablegen zu können. Gott sei Dank di- jungen Leute brachen jetzt auf, um nach den Aussichts­punkten zu gehen da konnte sie sich scheinbar ab- stchtslos in einen der einsamen Wege verlieren.

Der schmale Pfad, welchen sie gewählt hatte, führte nach einemDas Roß" genannten Felsenvorsprung, der von den Touristen selten besucht wurde, weil die unterhalb des Felsens stehenden hohen Waldbäume | «E Aussicht von Lahr zu Jahr mehr beeinträchtigten- Der Felsen, der in einem scharfen, vorn gewölbten Grad nach oben hin auslief woher wohl sein Name sprang an der einen Seite in geringer Höhe über dem Boden vor, sodaß er gewissermaßen eine natür­liche Bank bildete. Dichtes Niederholz drängte sich von allen Seiten an das Gestein heran, sodaß man nur mit einiger Mühe den schmalen Pfad verfolgen konnte; war aber das Plätzchen erreicht, bann umfing I den Wanderer eine waldumrauschte Einsamkeit, wie man sie sich schöner und romantischer gar nicht denken

I konnte.

Hedwig Hochfeld schritt, stets die ihr entgegenstre. benden Zweige zurückbiegend, dem einsamen Plätzchen zu. Als sie eben den Fuß auf den ersten, der stufen« I artig aus dem Boden wachsenden Felsblöcke setzte, die I nach dem Ruheplatz führten, stand ihr Herzschlag in plötzlichem Schrecken einen Augenblick still dort auf 1 der Felsenbank saß, das Gesicht mit finsterem Aus­druck ihr zugewendet, Wilhelm Friedwal''

verflochten wurde, von dem sie nicht ein Wort verstand I und ganz verkehrte Antworten g»b.

Endlich war der Gipfel des .'Herzogsteins, ein drei- les, waldbewachsene Plateau, von der Gesellschaft er­reicht. Zwischen den Stämmen d<es. Hochwaldes schim. werten die weihen Wände de-- einfachen Gasthauses ! durch, das ein unternehmender Wirt des nächstgelege- I neu Dorfes hier oben errichtet hcttte. Die Wagen waren I bereits auf der Höhe angekommen und Frau Fim- I Haber, eine schlankgewachsene Home mit sanften Ge­sichtszügen, in einfacher vornehmer Kleidung saß be. I reits mit ihrer Gesellschafterin au einem der mitten im I Wald- aufgestellten Tische, auf roelchen eben ein faube» I res Aufwurtmädchen eine Platte mit Kaffee und Ku- chen stellte. Mit schrnunzelndera Gesicht sah ber dicke Wirt den neuen Ankömmlingen in seinem Reich entge. gen und machte sich sofort mit Hilfe eines Burschen daran einen zweiten Tisch anzureihen und denselben mit einem rotgewürfelten Tuche zu decken.

Bald schallte die einsame Höhe von fröhlichem Le. ben wieder. Lange hielten es die jungen Leute nicht an den Tischen aus, sondern verloren sich in dem Walde um die an den steil abfaöenben Rändern des Gipfelplateaus befindlichen verschiedenen Aussichts- punkte aufzusuchen; ein längeres Verweilen auf der Höhe war überhaupt nicht vorc^fehen, da die Zeit schon ' ziemlich vorgeschritten war unb die Rückfahrt nach Lie- bendurg immerhin noch zwei Stunden beanspruchte.

Trotz ihrer gedrückten Stimmung zwang sich Hed­wig Hochfeld, so lange die Gesellschaft an den Tischen saß, unbefangen zu erscheinen und an der allgemeinen Unterhaltung Teil zu nehmet». Es war 'hr förmlich eine Qual, bald hier, bald da Rede und Antwort geben und auf die verschiedenen Scherze eingehen zu müssen; am liebsten wäre sie allein gewesen und hätte ihr ge. vreßtes Herz in einem Strom von Tränen entladen. War es nicht, als hätte ein böser, ihr überwollender Geist es gefügt, daß Wilhelm Friedwald gerade in dem Augenblick ihren Weg gekreuzt hatte, in welchem sie ihm in einem falschen Licht- erscheinen mußte? Was mußte er von ihr beaZen für wie oberflächlich

Die Jagd nach dem Glücke.

Erzählung von Fritz Ritz«!.

45] ----------

Aber warum, Fräulein Hedwig, warum stoßen Sie mich zurück?" rief der junge Mann verzwciflungs. voll.Warum lassen Sie mir nicht die geringste Hoff­nung mir, der ich es so ehrlich mit Ihnen meine der sein Leben für Sie dahingeben würde

Warum?" unterbrach das Mädchen ihn mit schwerer Betonung,weil ich einen anderen liebe und es für einen Betrug gegen Sie halten würde, wenn ich mit dieser Liebe im Herzen Ihnen mein Jawort gäbet"

Einen anderenl" wiederholte Kurt Firnhaber fas­sungslos und fuhr mit ber Hand, als verspüre er einen heftigen Schmerz nach ber Brust.Einen anderen" 2tber Hedwig, wo bleibt Ihr denn?" rief da die Stimme Else Firnhabers von der Höhe des Weges herab und fröhliches Stimmengewirr und Gelächter be­lehrte die beiden Zurückgebliebenen, daß sie wieder in unmittelbare Röhe der Gesellschaft' gekommen waren. Else Firnhaber und ihr Begleiter Franz Marten waren die Ersten, welche die beiden gleich daraus erreichten und die sofort mit Fragen über sie herfielen.

Hat Euch denn die Schönheit des Panoramas dort unten fo über alle Maßen entzückt daß Ihr Euch gar nicht von ihm trennen konntet?" fiQgtc" Else schelmisch, und Franz Marten rief, als er bie verstörte Miene feines Freundes gewahrte:

Ra Alterchen, Du machst ja ein Gesicht, als wäre Dir die ganze Petersilie verhagelt? Ist Dir' ein Wald- schrat zu Gesicht gekommen? Etwa der böse Geist Mey. senhart, der mit Vorliebe jungen Pärchen einen heil­losen Schrecken einjagt? Hättest drei Kreuze schlagen sollen dann verschwindet der Spuk und olles, was Dein Herz begehrt, geht in Erfüllung." v'

Dummes Zeug!" brummte ber Angerebete unb ging mit raschen Schritten vorüber, um sich den Doraus- gehenben zuzugesellen, währ-nb Hedwig sofort von Else Fhrnhaber in ein Gespräch über gleichgültige Dinge

ft-lligen.

In Berlin fand am Donnerstag unter Lei­tung des Reichskanzlers Dr. Wirth eine Befpre- g über die Fragen der Reparationspolitik statt, die gegenwärtig im Hinblick auf die bevor­stehenden Zahlungstermine und die Erörterungen in London im Vordergrund der Reichspolitik ftefjen. An der Besprechung nahm auch Reichsbankpräsi­dent Hovenstein teil. Der deutsche Botschafter in Paris, Dr. Mayer, der zu mehrtägtgem Aufent­halt in Berlin eingetroffen ist, wurde zu der Sitzung zugezogen. Der Botschafter wurde auch vom Reichspräsidenten empfangen. Die ursprünglich für Donnerstag vorgesehene Rückkehr Dr. Rathenaus

Vie Lehre »er pjStzischen van».

Bor öenigen Tagen wurde bekannt, daß die Pfälzi- I Bank in Ludwigshafen, die mit einem Aktienkapital von 75 Millionen Mark sowie mit Reserven von 23 Millionen Mark arbeitete, plötzlich zusammengebrochen sei. Der Grund hierfür sind Verluste in d:r Devisen­spekulation bei der Münchener Filiale dieser Bank. Diese Verluste beliefen sich auf fast 350 Millionen Mark. Das Institut gab im vergangenen Jahre 10 Prozerü Dividende; die Aktien wurden an der Berliner Börse am 28. November mit 445 Prozent notiert. Die banktechnischen Lehren aus dem Zusammenbruch dieser großen Provinzbank werden zweifellos gezogen wer- den, interessieren aber das große Publikum weniger. Was dm Einzelnen angeht und ihm zu denkm geben sollte, ist folgendes: 1) daß innerhalb weniger Tage ein mit 4.450 Mark bewertetes Papier (Dom Nominalwert 1000 Mark) vollkommen I wertlos werden konnte, 2) daß bei der Spekulation nicht nur dieDummen" und die Unkundigen, sondern auch Leute vom Fach schwere Verluste er­leiden können.

Dem Kurssturz vom 1. Dezember ist eineErho- 1 lung" der Börse gefolgt. Die Devisenkurse haben sich etwas gehoben und auch die Aktien find von ihrem Tief­stand wieder etwas emporgestiegm. Die Börsonkon- i unftur wird heute gemacht nicht durch finanz- und wirtschaftspolitische Arbeit Deutschlands, sondern durch die Ansichten der Verbandsmächte über die deutsche Hilfsaktion. Wir haben auf dem Gang der Dinge nur einen äußerst bescheidenen Einfluß. Was Dr. Rathemm aus London mstbringt, wie das auf die Berliner Regierung wirkt, und was die Regierung darüber veröffentlicht, wird den nächsten Einfluß auf die Börsenkonjunktur ausüben. Weiter wird all das, was über die englisch-französischen Besprechungen in die Oefsenllichkeit sickern sollle, in Börsen-Konjunktur aus­gemünzt werden. Selbst der geschickteste Börsianer und bestinsormierte Politiker kann nicht wissen, wie sich drr Kurs der Devisen und der Wertpapiere gestalten I wird In der Regel aber haben die Leute vom Fach | einige Tage früher Kenntnis von solchen Dingen als das Publikum.

I In bewegten Börsenzeiten kommt fast alles auf Schnelligkeit an. Darum haben die Börsianer mchr Aussicht Verluste zu vermeiden, als der kleine

I Spekulant. Die sachlichen Bedingungen für den Wert | der deutschen Geldscheine wie auch für dm der deutschen I Wirtschaftswerttitel, sind nach wie vor schlecht. Wer I die Lehre vom 1. Dezember, als die Dividendenpapiere I einen jähen Sturz taten, nicht beherzigen will, der möge an dem Fall der Pfälzischen Bank lernen. Innerhalb

I von wenigen Tagen sind die Aktionäre dieser Bank Ire st los enteignet worden. Gleichzeitig ist ein I blühendes Unternehmen mit zahlreichen Zweigstellen I und Depositenkassen vernickM wordm. ,

I Wer den kommenden schweren Zeiten mit e ner ge- I wissen Ruhe entgegensetzen will, der verlas - sich laufseinenArbeitsverdienst und auf solides I Renteneinkommen, nicht aber auf Spekulationsge« ! winne, die mit einem Schlage Spekulatiwnsver» lüste werden und das ganze Vermögen der Spckulan-

Str Mv-PutN Mr dm Mwri®.

Zeugenvernehmung.

In dem Prozeß gegen Jagoto und Genossen vor dem Reichsgericht begann am Donnerstag die Zeu­genvernehmung. Daraus ergibt sich, daß bei den Kappisten von vornherein ein hoffnungsloses Durcheinander und große Planlosigkeit geherrscht hat. Gleich der erste Zeuge, Hauptmann Gra.

MurMlitil imt MW« Wito.

Von A. Gottwald-Berlin, M. d.L. (2. Teil.)

So tauchte ein weiterer Gegensatz auf, der s o - ziale. Ist Massen- oder SpitzeMIdung das Kern­stück unserer Schulreform? Minister Becker hatte m seiner Programmrede die Unioe sitäten mast er­wähnt. Er roeteidigte diese Unterlassung, indem er die Universitäten als außerhalb des Tagesstreites sichend bezeichnete, ihre Aufgabe sei nicht in Frage gestellt

Unser heutiges Bildungsprogramm muh der Be- deutung Rechnung tragen, welche die Massen des Volkes gewonnen haben. So muß die Uahgteit der Unterrichts Verwaltung anders einsetzen, und zwar bet der Ausbvuschule, um möglichst mele Volksschuler in höhere Biidungsschichten zu bringen, bei der Lehrer- und bei der Erwachsenenbildung, letzteres Wort w

botoski-Berlin, hatte am ersten Tage den Eindruck daß Kapp nicht länger als 48 Stunden Kanzler sein werde.

cvm Verlauf der Verhandlungen wurden zahl­reiche Briefe, Schriftstücke und ZeitungSarttkel »er- IC^®in Brief vom 29. Januar 1920 an den Oberst Bauer, geschrieben von Trebitsch-Lineoln, enthält fo-geiwes. gerr Oberst! Ich sehe mich leider aettounacn, meine gemeinsame Arbeit aufzugeben. Wir arbeiten seit längerer Zeit daran dem «merila- Nischen Staate unsere Sage davZutun, doch infolge der andauernden Störungen, die nicht zuletzt auf den Kronprinzen zurückzuführen sind, ist -S nutzt möglich, darin weiterzukommen. Dctz Frage der Wiederrichtung der Hohenzollern-Dynastre ist keine Frage der jetzigen Möglichkeit. In der Ver­folgung des Zieles, dem Kronprinzen den Thron zu- rückzugeben, kann man niemals Resultate erwarten. Ebenso aussichtslos ist die Erwägung, die Hohen, zollern mit Hilfe Englands toidfer emsetzen zu können." ,

Die Verteidigung beantragte tm Anschluß an die Verlesung dieses Briefes die Vernehmung des Grafen Brockdorff-Rantzau als B-wetS dafür, daß Beziehungen zu den EntentereHerungen nicht bestanden haben. Die Verhandlung wird am Frei- tag fortgesetzt werden.

seinem weitesten Sinne genommen.

Daß Ostern 1922 die untersten Klassen von 50 Aufbauschulen eröffnet werden, sollen, fand allgemeine Zustimmung. Sie sollen auf, ber Volksschule sich aufbauen, also etwa vom 13. Le-, bensjahvr an zugänglich sein, und in Hälftigem Mrse die SchÄer zur Reifeprüfung bringen. Hauptsächlich! werden sie die Form der deutschen Ober-, schule erhalten, doch sind auch gymnasiale und re-. alisti'che Anstalten vorgesehen. Die ersten Anstalten, werden an Orten eröffnet, die bisher höhere schulen, nicht besaßen. Sie sollen alsScrmmslschuleto wir­ken und dem platten Lande zugute kommen, dessen be­gabte Kinder nicht so ftüh das Elternhcms zu ver- lassen brauchen und ohne erheblichen Zeitverlust zur ilnviersitatsceife gelangen können.

Am umstrittensten ist die Frage der Lehrer­bildung. Art. 143 der Reichsverfassung sagt, daß sie nach den Grundsätzen, die für die höhere Bildung überhcmpt gelten, geordnet werden soll. lieber den Sinn dieser Vorschrift wird gestritten, auch zwischen Län­dern und Reichsregierung. Deshalb kann das Reichs- I gesetz übet die Lehrerbildung immer noch nicht erschei­nen. Die Länder verlangen, das Reich solle die Kosten Wernehmen, die durch seine Anordnungen entstchen; das Reich lehnt ab. Kultusminister Becker muhte daher einerseits mitteilen, daß eine Einigung im Staatsministerium, namentlich zwischen ihm und dem Finanzminister, über die Neuregelung der Leh- rerbÄdung noch nicht erzielt sei, daß aber andererseits der Abbau der bisherigen Lehrerbil- dungsan st alten vorgeschritten wäre unb ein I längeres Zögern die Gefahr eines starken künftigen Letzrermanqels herbeifühor. Diese Sachlage nötige zu Versuchen, durch welche der künsttgen Entwicklung nicht I vor gegriffen würde. Die neuen Ausbauschulen dienen I solchen Versuchen. Sie sollen nicht die einzigen Stätten der Lehrerbildung sein, aber es bleibt zunächst vocbe« fjdten nach fünfjährigem Besuch dieser Anstalten die Fachbildung der Lehrer zu beginnen und so zu einem sieben!lässigen Seminar ju kommen. Er I persönlich wünscht eine solche Entwicklung nicht. Der Hauptausschuß folgte ihm darin und erklärte in einer I einstimmig angenommenen Entschließung, das sieben-, klassier Seminar nicht für eine ausreichende Lösung I der Lchrerbildungsfrage. Er lehnte deshalb bie Gin« I Achtung siebenklafsiger Seminare mit Entschiedenheit I ab. Als nächstes Ziel für die Neuregelung der Leh-' I rerbildung bezeichnete der Minister die Reifeprü - ifung einer h ö Heren Lehranstalt. Was I dahirtter kommt, bleibt in der Schwebe. Er kündigte I Versuche an, Abiturienten der bestehenden höheren' I Lehranstalten zu Volksschullehrern in h o ch s ch u l I mäß i ger Weise vorzubilden, um aus dem Ergeb- I nis ein Urteil über einen derartigen Ausbildungsgang zu bewilligen. Eine Ausbildung der Volksschullehrer I nach dem Muster der heutigen Oberlehrerbildung lehnt Minister Becker ab, doch hat er nichts dagegen einzu- wenden, daß die Lehrerbildung in Verbindung mit ben

I bestehenden Hochschulen erfolgt.

I Diese Anschauungen wurden von ben Parteien der I Linken als unzulänglich bekämpft, von den übrigen im | wesentlichen gebilligt. Minister B o e l i tz erklärte später, daß er sich in dieser Hinsicht das Programm sei­nes Amtsvorgängers zu eigen mache.

Stärke Zusammenstöße gab es wegen des konfes­sionellen Charakters der Lehrer­bildung. Minister Decker legte dar, daß nach sei­ner Ansicht der pädagogische Unterricht für Lehrer kon- fessioneller Schulen anders fein muß, als beispielsweise für solche weltlicher Schulen. Solchen Bedürfnissen werde die Fachbildung Rechmmg tragen müssen. Dem widersprechen Sozialdemokraten und die Demokraten. Mit besonderer Schärfe sprach sich eine Ver­treterin der Deutschen Volkspartei da­gegen aus. Sie erklärt wissenschaftliche Ausbildung bei konfessioneller Gebundenheit für unmöglich. Die Sozialdemokraten zeigten sich über diese Stellungnoyme hoch erfreut, vom Zentrum wurde sehr entschieden wi­dersprochen. Konfessionelle Schulen ohne dafür vvr- gebildete Lchver wären Schulen ohne Kern, ber kacho- lische Bolksteil würde sich dagegen wehren. Dabei fiel bas Wort, daß die Vorgängerin der Deutschen Volks- Partei, die nationalliberale Partei, schon früher dem Zentrum im Kampf gyeenübergestanden hab:. Das führte zu einer lebhaften Ablehnung des Kul­tur tampfes, der mich feiner Idee nach für ver­fehlt erklärt wurde. Auch Minister B o e l i tz hielt es wohl im Hinblick auf mchiM Presseäußerungen für. notwendig, m seiner ersten Rede vom Kultur­kampf entschieden abzurücken.

So herrschte also eite lFrieden und Friedensstim­mung. Wer daneben roerben doch die Bestrebungen, weiten Teilen des deutschen Volkes eine Schule auf«

Kanzöstsche Phantasien.

2« der Sitzung der französischen Kam- Wer, in ber bas Kriegsbudget durchberaten wird, er« -griff Andre Sefeore das Wort zu einer heftigen Anklage gegen Deutschland. Er erklärte, jenseits des Rheins werde die Mobilisierung von 7 Millionen Mann vorbereitet. Andre Lefev« beschert sich darüber, daß der Friedensvertrag die Kasernengebäude in Deutschland habe be­stehen lassen. Die Reichswehr sei im Falle der Mo- Vilisierung nicht dazu besttmmt, sofort einzugreifen. Sie werde sich verteilen, um die nötigen Cadres für ufle die Freikorps zu liefern, die in Deutschland vorhanden seien, wie sie zu Zeiten des dreißigjährigen Krieges bestanden hätten. Die Aufmarschlinie sei hin­ter dem Schwarzwald. Von Stuttgart nach der Schweiz feien die Linien verdoppelt worden. Man bereite eine Mobilisierung vor.

Die Südfranzosen sind wegen ihrer Phantasie be­rühmt. Alphonse Daudet hat in seinemTartarin von Taraskon" den klassischm Roman des französischen Phantasten geschrieben, der in armfdigen Küchenkräu­tern Unvaldgewächse erblickt. Dieser Herr Lefeore, der die deutsche Mobilisierung vor sich sieht und hinter dem Schwarzwalddoppelte Linien" ahnt, verdient noch mehr die Unsterblichkeit als Tartarin von Taraskon und fein berüchtigtes Kamel.

Freilich hat die Sache auch ihre sehr ernste Seite: Wenn solche Phantasten in der französischen Kammer sich vernehmen lassen können, dann ist für die Politik Frankreichs gegenüber Deutschland in absehbarer Zeit keine Wendung zur Vernunft zu erwarten.

Pas Reparationsproblem.

Nach dem Journal des Debats haben in Lon­don zwischen Loucheur und dem englischen Schatzminister wichtige Besprechungen stattgefun- den. Die Besprechungen dienten dazu, um das Terrain für demnächstige interalliierte Konferenzen vorzubereiten und den Ausgleich zweier entgegengesetzter Standpunkte zu bemerk-

Deutscher Reich.

* Berlin, 9. Dez. Zwischen Deutschland und Portugal wurde ein vorlcmfiggs Handelsab­kommen auf die Dauer eines Jahres abgeschloffen. Der Reichskanzler hat an den Zentralans- schuß des amerikanischen Hjilfstoerkes für die Linderung der Not in Deutschland und Oester- reich zu der am 5. Dezember in Cincinnati eröff­neten dritten Jahresversammluna ein Begrüßungs- telegramm gerichtet, in dem er den Komitees Dank sendet mit pem Wunsche, daß die Beratungen zur weiteren Förderung des menschenfreundlichen Hilfs- Werkes von Erfolg begleitet sein mögen. Nach einer Korrespondenzmelvung hat! der preußische Ge­schäftsträger in München, Ministerialrat S che llen, um einen vierwöchigen Urlaub rtachgesucht. Nach einer Meldung aus Beu Iben hat die Grenzfüh­rungskommission die vorläufige dentsch'polnische Grenze im Kreise Hindenbmrg festgeleqt.

* Die nächste Sitzung des Ncichstages findet am 13. Dezember statt. Auf der Tagesordnung stehen außer mehr als 30 kleineren An fragen die erste und