Fuldaer Heilung
Druck der Fuldaer Aetiendruckerei i« Fuldt,
Der erwerbstätige Jugendliche.
Keiner harte so in tiefster Seele durch den Welt hie,.t gelitten und so schwere Wunden empfangen durch Krieg und Revolution wie der Jugendliche aus den Volkskieisen, jener, der nunmehr -wischen 14 und 18 steht. Sckon vor dem Krieg« ließ Nordbausen, der warme Jugendfreund, seinen Warnuncisrnf erklingen über die Gefährdung derer .zwischen 14 und 18*. Und nun haben sie am bitter »'len die Vaterhand im Kriege vermißt, vielleicht war sogar die Mutter ihnen durch Muni ionsarbeit entzogen, so wie so war wenig Erziehun rskunst in ihrer Familie daheim und nun kam dre Revolution. Der Vater kehrte verärgert und verwirrt ans dem Kriege zurück, die Mutter dui ch Unterernährung und Krieassorge erschöpft. Wie konnte er gedeihen, der Schulentlassene unserer Industriestädte, zwischen all den grodredenden, verheyien, verbitterten, spotten» den und zot nden älteren Kameraden!
Gott sei Dank bat auf katholischer Seite der Somaiiteroeist C-'isti zu jeder 9io!$eit neue Unter- nehmnngen zttm Leben erweckt. So bereitete er auch im industriellen Deutschland feit nunmehr 25 Jahren ganz im Verborgenen eine starke Schutzmacht vor, ein bewußt znm Geisteskampf sich schulendes Heer, das die er Jugenduol des werkiägigen Volkes zu Hilfe kommen muß. Es ist dres der Verband der katholischen Jugend- u. Jungmännervereine Deutschlands, der gerade während Krieg und Revolution einen ungeahnten äußeren Aufschwung genommen hat und jetzt rastlos an einer inneren Festigung weite, arbeitet.
Nur zu oft übersah man in den Gemeinden die Wichtigkeit des vorbeugenden Ju tendschutzes, man ahnte kaum, daß Volksjugend eigentlich nur durch die helfende Hand der eigenen Kameraden gerettet und höher geführt werden kann, daß diese ein viel sicherer Schirm als jeder autoritative Eingriff ist. Sonst hätte man schon längst in der breiten Ceffent«, lichkeit dem ausblühenden katholischen Jugendverband, feine Aufmerksamkeit zugewendet. Was will er? Eine Erziehungsgemeinschaft der Jugendlichen und Jungmänner sein. Mit Recht umfaßt er die 14 bis etwa 25 Jährigen in einem Verein, wenn auch möglichst in zwei getrennten Abteilungen: die Aelteren sollen den Jüngeren Führer sein. Dte Jüngeren zu den Aelteren aufschauen, als zu herablassenden Käme-
M 281.
Mittwoch. 7. aeumeet 192t
Ernste bischöfliche Mahnworte.
Anläßlich der Einweihung der mimten katholischen Kirche in Stuttgart, der Herz-Jesu-Kirch«. hiÄt Bischof von Keppelervon Rottenburg bei der Fest feier im größten Saale Stuttgarts in Anweß nheit von über 2000 Katholiken eine Rede über die Pflichtem der Katholiken in der heutigen Not.
Leder Katholik habe die Pflicht, m e h r zu tun, als Pflicht ist. Er gescheh» viel Erbaulicher in irr Dia- fpora Stuttgart. Tausende füllen die Gotteshäuser, aber daneben gebe es Tauende Kirchnschrue und -flüchtige. Hunderte werden gerecht, aber Hunderte gehen unter. Hunderte sind eifrig tätig, Hunderte aber rühren feinen Finger, geben keine Mark. Es fehlt an Arbeitskräften, die zugreifen, die Hauptarbeit bleib* wenigem, die sich vorzeitig abarbeiten. Schuld am der Untätigfeit dieser Vielen ist tun Mangel an Gemeinschaftsgefühl am kirchlichem, sozialem und caritativem Empfinden. Ein solcher sorge schlecht für sich mrd die ©einen, es fohle ihm der Segen des Almosens, ar b-ide an einer H rzverkalkung. Wenn jeder seine Pflicht erfüllt, so wäre das Hochbau am Oe- meinbeltbetr.
Der Bischof dürfe nicht hinwegtäuschen über die Not der Zeit. Mit jenem holländischen BürverminstT sage er: es kommt noch viel schlimmer. Wehe denen, die heut« nichts anderes zu tun wissen, als ams Wohlleben und Reichwerden zu denken, die ihren Patriotismus nur auswirken lasten in Schimpfen und Räsonieren. Das simd feine Christen und keine richtigen Deutsche. In solcher Zeit ist es eines jeden Pflicht, in der Lebenshaltung sparsam zu sein, Entsagung zu üben, Opfergeist und hilfreiches Er- 6airren zu zeigen mit allen Notleidendem, ferner seinen Glauben zu bekennen, und fein „Licht leuchten zu (affen* in dieses nächtliche Dunkel, in diesen
Alleinbesitz seien, daß man vielmehr in weiten Gegenden Deutschlands und auch Preußens preußische Eigen- art etwas anders awffaßt.
Noch weiter y?hen die Deutschnationalen in der Ab- lehmmg des Jnternotionalisnu» und in der Betonung des Preußentums. Sie schen in der Stellungnahme der Linken einen formalen Demokratismus, der die Bindung des Einzelnen an das Ganze -erschlagen und das Volk atomisiere. Eine Nation ist ihnen irre Summe bet Ideen, für die ein Dolf in der Weltgeschichte verantwortlich ist. 3n tum Sinne seien auch sie Weltbürger, indem sie glaubten, daß man der ganzen Mensch- heil einen unentbehrlichen und entscheidenden Dienst leiste, roemi man für die deutsche Nation eintrete.
Mit größter Aufmerksamkeit wurden die Ausfüh- rungen Proftsf^r Lauschers angehört, der die über« nationale Organisation der kath 0 li - schen Kirche als Beweis dafür anführt, daß glü- hende Vaterlandsliebe und wahrhaft nationales Denken zusammenfallen mit der Einstel- lung auf den Menschheit- gedanken. Derkchrt sei, erst zum Deutschen zu erziehen, und dann zmn Menschen, beides müsse zusammengehen. Neben der nationalen Note darf das allgemein Menschliche nicht verstummen. Keine der im Ausschuß vertretenen Richtungen vermag eine solche Synthese herzustellen, jede führt zum Kampf, zum Krieg aller gegen alle. N u r das Christentum löst diese Aufgabe, gibt dem Daterlande, was des Daterlandrs ist und der Menfch- heit, was ihr gebührt Dabei darf man nicht vergossen, daß echischc Forderungen leicht proklamiert sind, viel schwieriger ist es. sie in die Seelen der Kinder einzu- pflanzen. Das gelingt nur auf dem Boden des Christentums, freilich mit der Einschränkung, die sich jede Theorie bei der U-ch:rfühnmg in das praktische Leben gefallen lassen muß.
Hä n i s ch nahm die Bereinigung nationalen und internationalen Denfetis auch für seine Partei in Anspruch In der Idee der Menschenliebe, der Gleich- tpertigfert aller Menschen und m dem übernationalen Gedanken stimmen der Sozialisnms mit dem Chri- ftenhrm, wie es namentlich in der katholischen Kirche zmn Ausdruck kommt, überein. Aber das Christen- tum hat nach ihm 2000 Jahre vergeblich gepredigt, der Sozialismus schafft die wirtschaftlichen Grundlagen für die Dur chführung dieser hohen Gedanken. Man hielt ihm den Klaffenkampfcharakter seiner Partei entgegen. Aber Frau Dr. Wegscheider sieht in diesem keinen tßrogrammpunft der Sozialdemokratie: sie be- ftnfce sich vielmehr in einem ihr aufgezwungenen Der- teidigungskampf, auch das Bürgertum sei durch Klassenkamps in die Höhe gekommen.
(Diesem Artikel folgt ein zweiter Teil.)
schwülen Dunst, und feinen Wandel nach dem Glaube» einzurichten. „ . , .
Schließlich legte der bischöfliche Redner noch etne Lanze ein für die konfessionelle Schule und die Cltemvereinigungcn. Zügen sich so die Katholiken als Katholiken der Tat, sind wir e i n i g, so sind wir so stark, daß wir nichts auf der Welt zu fürchten brau- chen, daß wir unserem Vaterland durchhelfen können. Das sac>m wir nicht in Ueberhebung, sondern in Demut, im Vertrauen auf die Ärastströme chie uns unser Glaube bietet. __________________ _ _________________
Heilmittel gegen St. BüroBratins.
Man soll über die Dureaukratie gerecht urteilen, indem man eingesteht, daß im heutigen Volke staate ein weltfremdes Hiirinregieren von Behörden in das Wlri- schaftskben nur dort Platz greifen tarnt, wo die Bur- ger die vielfachen Rechte der Selbstverwaltung nicht ausnützen in Gemeinde, Kreis und Provinz, in Handwerks-, Landwirtfchasts. und Handelskammern, neuerdings im Reichswirtschafts rat, in den vielfmhen Beiräten bei der Regierung, in den Derufsorganisatio- nen und in den Arbeite- und Tarifgemeinschaften.
Run kann man sich heute nicht beklagen über Mangel an Eifer in der Bertretung wirtschafllicher Inte- wssen. Wir sind in Wirtschaftsorganisationen üfcr» organisiert: ihre Tätigkeit ist vielfach radikal geworden. Unsere Paneipolitik droht überwuchert zu werden von der einfei'igen Jnteressenpolitik. Aber das ist meist alles andere als die S Ibstwrwaltung. Deren Ziel ist nicht die Interesienwünsche einer Volksgruppe gegen diejenigen einer andern geltend zu machen. Wiu die Staatsverwaltung, so soll di§ Selbstverwaltung zuerst das Gemeinwohl des ganzen Volkes vor Augen hoben und dieses fördern heften, um dann im Bolks- törper das Wohl d r einzelnen Gruppen als der lebendigen Glieder zu fördern. Selbstverwaltung ist De- iätigunq der Glieder der organischen Dolksgemeinschaft. Das Glied aber fühlt sich eins mit dem Körper, fc"-<tt zuerst für den gesamten Leib, sieht sein eignes Woh bebingt durch das Wohl des Ganzen. Eben dadurch erfährt ein Glied von der Lebensgemeinschaft m hr Wohl als ein Mitglied einer Interessen, und Geschäfts.
Meinschaft von den übrigen Mitgliedern, die mist nur etwas vom andern hoben, nicht aber wie em echtes Glied an andere sich selbstlos in Liebe hingeben wollen.
Solcher gemeinnützig gesinnte Geist jeder Selbstverwaltung ist durch dm Geschäftsgeist desMam» manismus, den wir geschämig Individualismus nennen, in weitem Umfange zerstört. Deshalb küm- mern sich sehr viele nur dann und insoweit um die Selbstverwaltung, als sie darin eine Gelegenheit suchen, ihre Standes- ober Gruppeninteresfen zogen andere durchzusetzen. Wo aber die Sellflt- rermaiturg Gemeinschaftsarbeit für die Volksgemein, schäft leisten soll, und das ist ihre Hauptaufgabe, da haben dann eie! tu viele an ihr „kein Interesse mehr". Sie schieben dann die Arbeiten der Selbstverwaltung auf die Behörden, und dann enternd sich naturgemäß der Dureaukratismus.
Dieser lebte im Obrigkeitsstaate vor der Revolu- Äon schon kräftig, unb die Kriegswirtschaft hat ihn -gewaltsam gefördert: in den nat?n Volksstaat hoben wir ihn dann hinübreyenommen. . Denn feine Staats» form schützt aus sich vor den Mißbräuchen der Staatsgewalt. Alles kommt auf die Men- ichsn an, und diese werden mit dem bloßen Wechsel der Verfassung nicht anders. Nun ft öt aber feine Staats« form so kwhe Anforderungen an die Tüchtigkeit, an dm Charakter und das sittliche Pflichtgefühl der Bürger, wie die Demokratie. In dieser ist jeder einzelne, weil vollberechtigt, so auch vollverantwortlich für die R gierung und Verwaltung, insonderheit für die erweiterte Selbst- verwÄtetng. Entwickeln die Bürger in dieser nicht mehr wie bisher opferwillige Tätigkeit und Gemeinsinn, so zwingen sie die Verwaltungsbehörden zur eigen* trächtigen Erledigung deren Aufgaben, damit zum Bureaukratismus.
Deshalb kann man mit Recht sagen: Wo man im Volke heute über Durraukratismus klagt, ist dieses an dessen Anwachsen schuld, weil in ihm weithin der Geist, der Gem insinn unb der Opsersnm der Selbstocrwal- tung setzst.___________________
Die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Regierung hat der preußische Ministerpräsident Braun in einer Vnsammluna der Berliner Partei- iimftionäre ausführlich entwickelt.
Er hat zunächst erklärt, die Sozialdemokratie habe m der Regierung im Sinne ihrer sozialistischen Welt
anschauung für die proletarischen Massen zu wirken. Aber sie habe sich einstweilen mit einem TÄl der Macht begnügen müssen, und es sei viel vorteilhafter, einen Teil der Macht auszuüben, als sich völlig ausschallen zu lasten, ©egenüber den wider- strebenden Teilen der sozialdemokratischen Partei, dis gegen eine Beteiligung nr der Regierung eingeireten waren, betonte Braun, die Partei wüste auch den. Mut zur Unpopularität haben. Die Sozial»! bemofratie sei ja sowohl im Reich wie in Preußen eine zeitlang nicht in der Regierung gewesen, aber die Er- gebnifie lägen nicht im Interesse des Volkes. Die Sozialdemokratie müsse sich entscheiden, ob sie die Kala» strophenpolitik der äußersten Linken oder vernünftige Aufbaupolilik treiben wolle. 6« müfle Gesetzgebung und Verwaltung in ihrem Sinne beeinfluflen; sie müsse den Kampfboden der demokratischen Republik, auf dem die Wirlschastskämpfe der nächsten Jahrzehnte aus» gefochten werden, so festigen und erhalten, daß keiner die Republik stürzen könne.
Die Sozialdemokratie forme leider nicht Wunsche Politik, sondern müsse Wirklichkeitspolitik treiben. Dazu zwinge der Ausfall der Wahlen.
Man kann dem Ministerpräsidenten Braun in vielen Punkten zustimmen. Es heißt allerdings für das deutsche Volk, sich endlich auf den Boden der nackten Tatsachen zu stellen und reine WirklichleitspolW $tt treiben. Bisher ist diese Erkenntnis bei der Sozialdemokratie noch nicht völlig durchgerungen, inbefkn hat die Sozialdemokratie doch gezeigt, daß sie den „uRut zur Unpopularität“ hat mrd daß ihre führenden Kreise durchaus geroiflt sind, reine Wirklichkeit-^ poiitit zu treiben. Wir können auch beim zustimmen, was der Ministerpräsident abschließend ausgeführt hat, keine Regierung könne eine schnellere Besserung der gegenwärtigen Verhältnisse herbeiführen, weil die ganze Welt ver- armt sei. So ist es in der Tat, und das deutsche Volk sollte sich durch die zum Teil recht wüste Agitation der Dpofitionsparteien, auch derjenigen auf der Rechten nich* täuschen lasten.
Deutschland Hal den Krieg verloren, und das deutsch Volk muß die Folgen dieses verlorenen Krieges tragen,
Rnltnöolitil unb urenMti Sonntag.
Von A. Gottwald-Berlin, M. d. L.
Der UvterrichtSauSschuh des preußischen Landtages hat eben seine Arbeiten über den HauShalt deS Kultusministeriums zum Abschluß gebracht. In allernächster Zeit wrrd dieser Haus- halt im Plenum de» Landtage» behan. delt werden. E» dürfte darum von Wichtigkeit sein, von unterrichteter Seite über die Arbeiten des Ausschusses eingehendes Material zu erhalten.
Wenige Tage vor feinem Rücktritt erklärte der frühere Kultusminister T>r. Decker im Hauptausschuß des Landtages, daß eine staatliche Behörde Kultur picht zu schassen vermöge: disse werde vielmehr in der Tiefe der Volksseele geboren. Ausgabe der Unlerrichts- verwaitung sei es allein, Kulturpolitik zu treiben unb cns Licht drängenden Kräften Entwicklungsmöglichkeüen zu lasten.
Drei Minister haben sich im Lause eines Jahres an dieser Arbeit versucht. Ihr persönlicher Gegensatz kommt zu dem Widerstreft der Parteimeinungen. Die or ten voneinander unabhängigen Töne klingen recht unharmonisch zusammen und geben ein Bild der inneren Uneinigkeit unseres Volkes. Muß die staatliche Kulturpolitik den Männern oder den Sachen ihr Hauptaugenmerk zuwenden? Ministera. D. Hönisch suchte diese Streitfrage in verkehrter Schlachtordnung auszutragen. Er spricht seine Brr- rounderung darüber aus, daß er, der vom historischen Materialienms herkomme, einem Drrirnter mdimdua- Wischer Anschauungen gegenüber den Wert der Persönlichkeit hervorheben müsse, den sein Nachfolger in dem Bestreben die Polttik zu versachlichen, offenbar unterschätze. Seine odi angegriffene Personalpolitik steckte sich das Ziel, Männer neuen Geistes in die leitenden Stellen zu bringen, denn in geradezu erschreckender Weise haben vi-te Behörden Unfähigkeit und Umoilligkeit gczeigt, sich in di: neue Zeit zu finden. Aus diesem Grunde erklärt sich der Schutz der entschiedenen Schulreformer: dieser kleinen Gruppe mußte gegenüber der reaktionären Moste Mut gemacht werden. Aber Hänisch finirt selbst bei den Demokraten keine Zustimmung. Seine schönen Grundsätze wurden ziemlich offen als ein ^scheiterterVer- such bezeichnet, dte rein parteipolitische Einstellung feiner Personalpolitik zu bemäntel».
Minister Becker erzählte von dem starken Druck, Ser auf Hänisch ausgeübt wurde. Wohl habe Hänisch nicht immer nmfjgegeben, aber seine Stellung war doch bemitleidenswert Becker wollte über den Parieren stehen, er sei von Parteieinflüssen viel freier als feine Vorgänger. Die Sozialdemokraten bestritten das, st: suchten mit dem furchtbaren Druck des Zentrums grau- sich zu wachen und erklärten tröe von ihnen kaum geleugnete Einwirkung auf Hänisch damit, daß man dem Zentrum ein Gegengewicht bieten wollte. Auch btefer Bertridigungsoersuch fand nicht viel Glauben. Don allen Seiten wurde betont, daß ohne Unterschied der Partei der Geeignetste befördert werden soll.
Auch der neue Kultusminister Dr. V o e l i tz bekannte sich zu diesem alten preußischen Verwaltungs- grundsatz, der in seiner Ausführung bisher so gewaltig hinter dem gesteckten Ziele zurückblieb. Wird Doetttz ein neues Zeitalter der Gerechtigkeit e i nie i tcn ? Das kann niemand glauben, der den Stint über die Grundlagen deutscher Kultur mitrrkbte. Die Stellung zu diesen Fragen ist entscheidend für die Beurteilung der Tüchtigkeit des Einzelnen.
Die Sozialdemokraten bekannten sich zum „europäischen" Menschen. Heinrich Mann und Rebutz haben ihn nach ihrer Ansicht gezeichnet. Sie finden bei den Demokraten Unterstützung, aber diese heben doch hervor, daß sich damit BekenntniszumDeutsch- tum wohl vereinen lasse, Weltkulturpolitik müfle das Zentrum unserer Bildungspolitik sein. Die Rechte- Parteien widersprechen solchen Anschaltungen. Wohl will Herr v Campe internationale Tone in unsere Schulen hinausklingen lassen, aber im Mittelpunkt dürfen sie nicht flehen. Kant und Goethe können allgemeine Menschheits'irie rertreten, dem preußischen Kultusminister aber ist die Pflege des deutschen Kindes anvertraut. Das Wesen des SetrtfMmte besteht nach ihm in der Synthese des kategorischen Imperativs der Pflicht und der freien Hingabe an das Ganze. Boelitz, damals noch Abgeordneter, empfindet das Deutsch- tum als zu weiten Begriff, sr verlangt einen starken preußischen Einschlag der Pflic^- erfüttung und Selbsthingabe, mutz sich aber sagen lassen, daß diese Eigenschaften durchaus nicht preußischer
Die Jagd nach dem Glücke.
Erzählung von Fritz Ritzel.
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Die Gesellschaft war eben an einem Punkt, onge- kommen, an welchem man über die Dorberge hinweg eine herrliche Aussicht auf Liebenburg und auf das sich c°r diesem hmbreitende wellige Gelände genoß. Wie ein breites Silberband zog der gewaltige Strom durch me im Frühlingsfchmuck stehende anmutige Landschaft, die, so weit das Auge reichte, von blauen Höhenzügen war. Bei der klaren, von keinem Hauch getrübten Luft vermochte man zahllose fteundliche Dör- fer zu erkennen, von deren nächsten es melodisch her- uberklang — die Glocken riefen die Andächtigen zur Kirche, lieber dem Ganzen webte flimmernder Sonnenglanz vom StrDm und den diesem van beiden «eiten zu eilenden W-fl-rläusen gsitzernde Reflexe werfend — es ®or„ C'n ^fEtbild bas mit seinem Zauber auch das dusterste Gemüt erhellen mutzte. Wie viel mehr die von keinem pefliintstjs<h-^ Hauche angekränkelten Herzen der b ufrrben Jugend, welche heraufgewand-rt war. um die Frub.ingsprachi $u genießen und sich jetzt mit tauten Ausrufen des Staunens unb Entzückens ge- genfeitig auf bis Einzelheit^ bcg ^15^. Pcmora- mas aufmerksam machte. Für Auaenblicke wurde bei der luMgen Schar sogar Scher; und Neckerei vergeflen. ,,Na Kinder," meinte Herr F'.rnhgh^ gemütlich „tmr flnb ja kein, Postgäule unb ber Herzogstein läuft uns nitf» fort! I’as wäre fo ein Plötzch^ roie geschaffen um eine kleine Rast zu halten." M i ! '
Gin allemeines Bravo erwiderte den Bor-chteg- im Nu hatte sich die Gesellschaft auf dem sgmmetartiaen Moose des Waldbodens gelogen unb sprach ^n in den Ruckfäcken mitgebrachten Proviantvorräten wacker zu.
Kurt Firnhaber hatte sich mit seinem Freund, Franz Marten, -feiner Schwester Elfe und deren Freundin Hedwig Hochftld, dis auf Ellens dringende Einladung mitgekommen war unter einer bereits in vollem Laub stehenden jungen Buche nietergelaflen. Der gute Kurt war heute merkwürdig gerftreut. Er hatte, wie Franz Marten behauptete, entweder gediegenen Kater ober beabsichigte eine Rebe vom Stapel zu laflen, denn fort, während nwitäferte er unb fuhr, wenn er sich unbe. oba htet glaubte, mit den Annen in der Lust herum.
Dabei war er nicht von Hedwig Hochfelds Seite zu bringen und suchte beständig durch kleine Ritterdienste die Aufmerksamkeit der jungen Dame auf sich zu lenken und diefelbe in ein Gespräch zu verknüpfen, was ihm aber nur zum Teil gelang, denn Hedwig gab auf feine Fragen in ihrer ruhigen, srermdlich n Weife wohl Befcheid, ohne aber den Faden des Gesprächs fortzu- fpinnen, geschweige denn auf die launigen Einfälle ihres Begleiters scherzend zu erwidern. Der träumerische Ernst, ber über ihrem Wesen lag, stach seltsam zu btm lauten Jubel ber anderen ab unb wäre nicht der mild- sreunbllche Zug auf dem fußen Kindergesichr gewesen, fo hätte man sich fragen können, warum bas schöne Mädchen denn überhaupt an bem Ausflug teilgenommen, wenn es doch Lachen und Scherzen verlernt hatte. Mühe genug, hatte es auch die Freundin gekostet. Heb- wig zum DMkommen zu bestimmen: lalle märzlichen Ausflüchte hatte ste oorgebracht unb erst al, Mutter Hochseld ihr dringend ans Herz legte, die schöne Gelegenheit ZU einem Gang durch Gott-s freie Natur zu benutzen, ba hatte sie. bie noch vor kurzem eine leidenschaftliche Touristin gewesen und mit ihrem Bruder Karl unb ihrem Bräutigam bie weitesten Fußwanderungen unternommen hatte, anscheinend widerstrebend eingewilllgt.
Den Grund ihres anfänglichen Weig-rns konnte ste weder ber Freundin noch ber Muster verraten und doch war derselbe für sie ein sehr triftiger. Schon bei ihrer ersten Begegnung mit Elsens Bruder im Fftnhabersch-n Haufe, an dem Tage, an w-lchem Kurt von feiner Auslandsreise zurückgekomw.en war, hotte sich her junge Mann ihr in fo ausfallend huldigender Welle genähert, daß sie ein befremdendes Gefühl nicht unterdrücken kannte. In den Aufmerksamkeiten, die ;t>r ber junge Mann bei jeher Gel-'genheit erwies, lag etwas, was sie nach ihrem Dafürhalten verletzen mutzte, benn schwer, lich, — so dachte sie — hätte der reiche Banktersohn ge- gen eine Dame feines Stetiges Andeutungen die stch saft wie eine Werbung a-chörten. gewagt, wie er sich solch« gegen st- herau-nahm. Mit kühlem Ernst hatte sie fein« Galanterien zurückgewiesen unb hatte damit allerdings erreicht, daß Kurt sich mehr auf den Ehr- furchtsvollen hinausspielte, höbet aber jede Gelegenheit wahrnahm ihr nahe zu fein, sodaß der Entschluß in ihe reifte, bie Besuche im Fstnhaberfchen Hause so viel wie möglich zu beschränken. Hätte sie geahnt, daß Kurt
Firnhaber nichts weniger beabsichtigte, als vorübergehend den angenehmen Schwerenöter bei ihr, dem schönen Bürgersmädchen zu spielen, sondern daß er, wie fein Freund Franz Marten sich ausgebrückt haben würbe, gründlich verfchoflen war, bann wäre ihr Entschluß,' fern zu bleiben, wohl noch befestigt worden, denn fo angenehm ihr ein harmloser Umgang mit dem immer froh gelaunten jungen Mann sonst gewesen wäre, eine tiefere Neigung für ihn hätte sie niemals beseelen können. — Ja, der gute Kurt war gründlich verichosien. War auch feine Neigung zu ber schönen Emilie Hohenfels ein« recht ehrliche gewesen, so konnte ste sich doch nicht im entfernteften mit dem berauschen, den, sein ganzes Denken beherrschenden Gefühle mes. sen,' baz ihn gepackt hatte, als er der fchönen Freundin feiner Schwester vorgestellt wurde Die eine lichte Engelsgestalt war sie ihm mit ihrem reizenden Gesichtchen, der blonden Lockenfülle erschienen, ein Eindruck, ber stch noch verstärkte, als er die freundlich m tbe Stimme des rd)önen Mädchens vernahm und während ber Unter- Haltung ihre klare, von keinen modernen Ideen beeinflußte Denkungsart erkannte. Unwillkürlich verschmolz r die G'stakt Hedwtes mit derj-nlgen se'ner geliebten Mutter, die ihm in ihrer ruh'gen Würde, ihrem sanften Weftn als des Ideal aller Frauen galt und waren auch erst wenige Wochen verflossen, seitdem er Hedwig seit den Kinderjahren zum ersten Male gesehen, so war doch der feste Entschluß in ihm gereift, sich in ernster Werbung zu nähern.
Ein schrilles Pfeifen, das Herr Firnhaber senior auf einer aus ber Tasckie gezogenen Weidmcnnspfeife aus. stieß, mahnte die Gesellschaft zum Aufbruch und bald ging' es wieder luftig den steilen Bergpfad hinan. Hedwig Hochseld hatte in der Annahme, daß die Rast länger ausgedehnt würde, ihren Plaid auf dem Boden ausgebreitet und beeilte sich jetzt, denselben zusammenzurollen unb mit einem Riemen zu verschnüren, wobei ihr ber sonst jo zuvorkommende Kurt F rnhaber merk, würdigerweise mit keiner Handreichung half, sondern ruhig stehen t-lieb und mit scheinbar gespanntem In- terefle das schöne Landschaftsbikd betrachtete, während die übrigen dem bereits rüstig voranschreitenden alten ! Herrn folgten. Erst als das hellblaue Kleid seiner j Schwester Else, die am längsten gezögert hotte, hinter । einer Biegung des Pfades verfchwunden war. wandte * sich der junge Mann um und nahm bas inzwischen zu»
sammengeschniirte Kleidungsstück in Empfang, um es in seinem Rucksack zu verbergen, wobei er mit einer Um[tünbi;d)feit zu Werke ging, daß Hedwig sich etwas befangen zum Wcitcrgehen anschickts. Merkwürdig, wie rasch der Säumige da mit seiner Bastelei an dem Ruck- sack zu Ende kam und rote rasch er Vie bereits auf dem Waldpfade emperfteigenbe junge Dame einholte, trotz, bem diese ihr« Schritte fluchtartig beschleunigt hatte.
Die Eile, mit welcher seine Begleiterin die vor- ausgegangene Gesellschaft zu »-reichen suchte, mußte wohl nicht nach Kurt Firnhabers Geschmack sein, denn mit einem Tone, in bem es halb rote Trauer, halb rote Vorwurf klang, begann er:
.Ist Ihnen denn ein Alleinsein mit mir so lästig, Fräulein Hochseld, daß sie dasselbe so rasch wie möglich abzukürzen suchen? Wenn Sie wüßten, wie ich den Zu- fall segne, ber es mir enblich gestattet, Worte unter Dior Augen mit Ihnen zu wechseln, dann — —" Er verstummte, denn Hedwig war stehen geblieben und maß ihn hoch aufgcrichtet mit einem zürnenden Micke.
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Firnhaber, ober will Sie nicht verstehen. Ich denke doch, daß ich als Gast in der Gesellschaft der Ihrigen weite — als geladener Gast unb daß ich als solcher die Rücksichten beanspruchen darf, die in Ihren Kreisen jedem Gaste gezollt werden!"
„Aber Fräulein Hochseld, wie können Sie meine Worte in diesem Sinne auffaflen? Sie verkennen mich — bei meiner Ehre, Sie verkennen mich! Wie würde ich es wagen, Ihnen gegenüber nur bie geringste Takt- losigkekt zu begehen — bas würde mir sowohl bei Else, wie bei meinen Eltern übel bekommen. Nein, Frau, lein Hochseld — bas, was Sie zu befürchten scheinen, ist es nicht, was mich in Ihre Nähe zieht — es ist nicht bie frivole Sucht zu tänbeln und ein reines Mädchenherz zu betören — eine tiefe, unauslöschliche Steigung bringe ich Ihnen entgegen, so ehrlich, roie sie nur ein Mann einem geliebten Mädchen entgegenbringen kann. Ist mir auch erst feit Tagen das Glück ver- gönnt, Sie persönlich näher zu kennen — bie unum- stößlich- Ueberyugung lebt in mir. daß es ohne Sie kein Glück für mich auf der Welt gibt. 3n aufrichtig treuer Liebe werbe ich um Sie, — Fräulein Hedwig — roer, den Sie mein!"
Gortzetzung folgt!