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DonnerSiag. L D«z«mder WA.
Katholisches Leben in Sibirien.
Es gibt Diele, denen Sibirien nur als ein großes Lotenhaus gilt; ist nicht in diesem Lande ein gut Teil von der wildesten, aber auch von der besten Kraft des russischen Volkes begraben? Und doch keimt es mächtig, wenn auch meist noch in der Tiefe, und die Einsichtigen sagen dem Land eine blühende Zukunft voraus.
Dem apostolischen Visitator, der in diesem Jahre auf Wunsch des Hl. Vaters tzäs Land, wenigstens den Teil östlich vom Baikalsee bereiste, wurde überall ein Empfang zuteil, der etwas von dem Ernst der Katakomben an sich trug. Es liegt ein tiefer, ruhiger, fast nüchterner, aber doch inniger Zug in diesem sibirischen Katholizismus; er kann nicht in großartigen Massenkundgebungen seine Fahnen entfalten — leben doch kaum 200 000 Katholiken auf einem Gebiete, größer als ganz Europa!
Zwar wurden die Katholiken auch unter dem Zarentum nicht offen verfolgt, allein schon die Tatsache, daß das ganze asiatische Rußland zur »inen Diözese Mohilew gehören mußte, deutet c.'if den Geist der zaristischen „Toleranz". Jeder katholische Priester wurde in all seinem Tun mit peir'licher Genauigkeit überwacht, damit er ja nichts anderes werden könnte als ein Pfarrer der Verbannten, zum größten Teil Polen. In einem Anflug freiheitlicher Gesinnung hatte die Regierung, noch ganz unter dem Eindrücke ihrer militärischen Niederlage im fernen Osten, im Jahre 1908 die Reise eines Hilfsbischofs durch das Land gestattet. Der Emvfang, der aber dem Bischof überall von der katholischen Bevölkerung zuteil wurde, belehrte die Regierung eines besseren, und sie sah ihren .Fehler" ein.
Die Revolution brachte der Kirche in mancher Beziehung größere Freiheit,die der Hl. Baker gebrauchte, um die Katholiken enger Msammenzu- schließen und das Land im Jahre 1920 der Kon- aregation der Propaganda zu unterstellen. Frei- lief) ließ sich der Zusammenschluß nicht sogleich durchführen: unter der Herrschaft Kolchaks wäre es einem pävstlichen Gesandten leicht gewesen, das ganze Land zu bereisen ,bei der augenblicklichen Abhängigkeit Sibiriens von Moskau erschien aber der Zugang von Osten her viel leichter. Es ist ja bekmmt, daß nach den Niederlagen Kolchaks in Omsk und Semenofs in Chita die Moskauer Regierung den Landstreifen östlich des Baikalsees zu einer mehr oder weniger selbständigen Republik machte. Diese „Republik des fernen Ostens" ist als Pufferstaat g^acht, der eine Vermittlung zwischen j:-m Kommunismus und dem „bürgerlichen System" der Nachbarstaaten ermöglichen soll, um die Handelsbeziehungen mit ihnen zu erleichtern. Die Katholiken dieser Republik konnte der päpstliche Visitator besuchen.
Die Reife wurde unter der Bedingung gestattet, taß der Nachweis erbracht würde „es fei nicht unter dem Vorwande der Religion eine Betätigung auf politischem tmb sozialem Gebiete beabsichtigt". Die Lage der Katholiken in der neuen Republik fand der Visitator verhältnismäßig befriedigend, sie gemäßen volle Kulturfreiheit, fteilich nicht sehr viel mehr, denn jeder Einfluß der Kirche auf das 'öffentliche Leben, Schule usw. wird sorgfälttg fern- gehalten. Sehr erfreulich lautet die Nachricht von dem guten Einvernehmen zwischen Russen und Polen, behauptet man doch geradezu, der Haß des Mussen gegen den Polen nehme mit der Entfernung uorn polnischen Mutterlande ab. Gerühmt wird besonders auch der Glaubenseifer der deutschen Kolonisten westlich des Baikalsees. Drückend ist freilich überall die wirtschaftliche Lage iber Katholiken, aber nicht mehr als die ihrer andersgläubigen Volksgenossen. Da ist an einem Ort icin Priester, der feit Jahren keinen Meßwein mehr Hat, ein anderer, der täglich durch Schreibarbeiten in einem Büro fein Brot verdienen muß.
Als in Chita zu Ehren des apostolischen Disita- ckkrs im ganzen vier Vertreter des kathoilfchen Kle- irus sich versammelt hatten ,da schlugen alle Herzen höher, war es doch das erste Mal seit Menschengedenken, daß sich so viele Geistliche zusammenfan- den. Diese Tatsache kann uns die Vereinsamung der sibirischen Katholiken ahnen lasten, und doch toieber sind sie nicht verlassen, denn ein Vater ßfür sie wie für uns, und es war der schönste
»ruck der Vatersorge, als sie in ihrer Einsamkeit einen Gruß des Hl. Vaters vernehmen durften. Es war etwas wie in den Urgemeinden der Kirche,
Fuldaer
da sie inmitten der feindlichen, fremden und kalten Umwelt sich durch eigene Boten Zeichen der großen Bruderliebe geben. . .
„Hyänen des Schlachtfeldes".
Die die Schauplätze des Sriegselends geschästtich ausgenühi werden.
Jeder Feldsoldat, namentlich all« diejenigen, die das Schicksal in die entsetzlichen Kämpfe vor Verdun mit ihrem unbeschreiblichem Elend und Jammer geführt hat, wird über das folgende aufs tiefste empört sein.
Unter dem Titel „Reklamefahrten zur Hölle" veröffentlicht Karl Kraus in feiner in Wien erscheinenden Zeitschrift „Die Fackel" die Ankündigung, die in den „Baseler Nachrichten" zu den gegenwärtig veranstalteten „Schlachtfelder- rundfahrten i m A u t o", „R e k l a m e f a h r- ten zum ermäßigten Preis von 117 Francs", einladet. „Unvergeßliche Eindrücke! „Als Herbstfahrt besonders zu empfehlen!" verheißt dieses Kulturdokument. Für den mäßigen Preis von 117 Schweizer Franken drückt es „jedem Schweizer" ein Ticket in die Hand, „durch das ohne jede weitere Auslage folgendes geboten wird :
Sie fahren im Schnellzug 2. Klasse abends von Basel ab.
Sie werden am Bahnhof in Metz abgcholt und im Auto ins Hotzel geführt.
Sie übernachten m einem erstklassigen Hotel, Bedienung - und Trinkgeld inbegriffen.
Sie erhalten am Morgen ein reichliches Frühstück.
Sie fahren in einem bequemen Personenauto in Metz ab und durch das Schlachtfeldergebiet von 1870/71 (GnwÄotte).
Sie besichtigen in Etcrin unter erklärender Fühmng das hochinteressante Blockhaus (Quartier des Kronprinzen und Sitz eines großm deutschen Hauptquartiers).
Sie fahren 'durch die zerstörten Dörfer ins Festungsgebiet von Vaux mit den riesigen Friedhöfen mit hunderttansende-n von Gefallenen.
Sie besichtigen unter Führung die unterirdischen Kasematten des Forts Vaux.
Sie besuchen das Osfuaire (Beinhwuss von Thta-u- mont, wo die Ueberrefte der nicht agnoszierten Ge- sallensn fortwährend ein geliefert und auf« bewahrt werden.
Sie haben freien Eintritt ins Fort Douamnont.
Sie besuchen die Tranchee des Baionettes oder des Enfeosüs (Schützengraben).
Sie fahren am Ravin de la Mott entlang, an den EavriLres d'Haudromont und am Train Smweur vorbei, am Fuße der Cöte du Poivre nach Beidun.
Sie erhalten im besten Hotel von DerÄun ein Mittagessen mit Wein und Kaffee, Trink- geM» inbegriffen.
Sie haben nach dem Eston Zeit zur Besichtigung des zerschossenen Verdun, der Ville-Martyre.
Sie fahren am Nachmittag zurück durch das schrecklich verwüstete Gebiet von Hmrdiaumcmt und gelangen wieder durch das Kampfgebiet von 1870/71 (Mars- la-Tour, Dionoille usw.) nach Gravelotte und Metz.
Sie erhalten m Ihrem Hotel in Metz ein Diner mit Wein und Kaffee, TrinkgeD inbegriffen.
Sie werden nach dem Nachresten im Auto zur Bahn gebracht.
Sie fahren im Nachtschnellzug 2. Klasse zurück nach Basel.
Alles inbegriffen im Preise von 117 Franken bei reichliche r Verpflegung in erstklassigen Gasthäusern.
„Anerkenmmgs- und Dankschreiben von früheren Reiseteilnehmern", so heißt es am Schluß dieser Ankündigung, „liegen in großer Zahl in unterem Bureau aus." Man weiß in der Tat nicht, so schreibt dazu das „Berl. Tagebl.", was man mehr bewundern soll: den unverwüstlichen Appetit jener Teilnehmer, die nach „reichlichem Frühstück" das Beinhaus besuchen, in welchem nicht agnoszierte Ueberreste „fortwährend eingeliefert werden", und die dazu nach einem Mittagessen im besten Hotel „das schrecklich verwüstete Gebiet von Haudiaumont" als Nachtisch genießen, oder die gewerbliche Tüchtigkeit eines seltsamen Unternehmens, das Geschäftsreklame, politische Haßpropaganda, die Verwüstungen des Krieges und kulinarische Genüsse in einer bisher unerreichten Weise zu vereinigen weiß.
Wahrhaftig, hier haben wir jenen typischen Fall von krasser Geschäftstüchtigkeit, der die Empörung jedes Christenmenschen Hervorrufen muß.
Zeitung
Die Beteiligung von Laien bei der Rechtsprechung.
Der Vertretertag des preußischen Richtervereins, der, wie wir bereits gemeldet haben, in der letzten Novemberwoche in Berlin tagte, hat in einem zweiten Beschluß zu der Frage der weiteren Beteiligung des Datenelements bei der Rechtsprechung in Strafsachen Stellung genommen.
Die Vorwürfe, die zumal in Arbeiterkreisen gegen die Rechtsprechung erhoben werden, beziehen sich fast ausschließlich auf die Rechtsprechung in Strafsachen. Es kann kein Zweifel bestehen, daß es in dringendem Interesse des Staates und der Volksgemeinschaft liegt, daß die Vorwürfe gegen eine angeblich nicht unparteiische Rechtsprechung in Strafsachen möglichst bald von derTagesord- nung verschwinden. Dabei soll ganz dahingestellt bleiben, ob und inwieweit diese Vorwürfe berechtigt sind. Es muß auf jeden Fall mit der Tatsache gerechnet werden, daß die Vorwürfe bestehen und vorhanden sind.
Eine Reihe von Mitteln kommen in Frage, um die Vorwürfe zu beseitigen. Neben einer Heranziehung aller Kreise, insbesondere auch der Arbeiterkreise, bei der Wahl als Schöffen und Geschworene, die der preußische Richterverein, wie bereits an dieser Stelle gemeldet wurde, selbst dringend befürwortet hat, ist als besonders geeignetes Mittel, um das Vertrauen in die Rechtsprechung zu erhalten, dieSchaffungvongroßenSchöf- fengerichten und Berufungsstrafkam- mern vorzusehen. In diesen großen Schöffengerichten und Berufungsstrafkammern sollen dauernd Laienoertreter, und zwar — wie wir hervorheben möchten, auch solche aus den Arbeiterkreisen an der Rechtsprechung beteiligt werden. Der preußische Richterverein hat erfreulicherweise die Notwendigkeit dieser neuen Einrichtungen anerkannt und dazu folgenden Beschluß gefaßt:
„Der preußische Richterverem ist bereit, trotz schwerer finanzieller Bedenken sich dafür einzusetzen, daß bei der anoekündigten Berufung m Strafsachen das Laienelement auch bei der Besetzung dar großen Schöffengerichte und der Bemsskammem hinzrPezogen wird. Eine solche Galen- beteiligung läßt sich aber mir rechtfertigen, wenn die Zahl der rechtsgelehrten Richter drei beträgt, die Zahl der Laienrichter zwei. Dbe letzteren würden die Verneinung der Schukdsrage in der Hand halben. Bei einer Bes-tzrng mit drei Berufs- und zwei Laienrichtern könnte nöricsn- falls dem Laienelemsnt ein größerer Einfluß in der ©traf, zumeffung durch Aenüerwng des Stimm envorhältmsses in der Weste gesichert werden, daß die absolute Mehrheit des § 198 G. V. G. (des Gerichtsverfastungsgesetzes) durch eine Zweidrittelmehrheit ersetzt wird. Der preußische Rich- tocoerein hofft, daß dem saft einmütigen Verlangen der Geschworenen, die Beantwortung der SchuDfrage und die Stmszmnestung Geschworenen und Berufsrichtern gemeinsam überlasten, entsprechen wird."
Dieser Beschluß ist als ein weiteres Zeichen dafür anzusprechen, daß die preußischen Richter selbst gewillt sind, mitzuhelfen, damit das Mißtrauen, das nun einmal in weiten Kreisen des Volkes gegen die Rechtsprechung besteht, ausgeräumt und beseitigt werde. Die preußischen Richter wollen aber durch den Beschluß auch zu erkennen geben, daß die Beratungen der Strafgerichte das Licht der Seffent» lichkeit nicht zu scheuen brauchen. Man darf hoffe n,daß dieser Beschluß der preußischen Richter dazu beitragen wird, die Spannung zwischen Justizbehörden und Arbeiterschaft zu mildern und zu beseitigen; nach dieser Richtung hin ist er in der heutigen Zeit ganz besonders lebhaft zu begrüßen.
Kus dem Nachbargebret.
X Hersfeld. Die Stadtverordnetenversammlung wählte mit 25 Stimmen bei einer Stimmenthaltung ihren bisherigen Vorsteher, Rechtsanwalt Schafft, zum besoldeten Stadtrat und Stadtshnbi- kus, unter Einreihung in die Gehaltsgruppe 12.
fpd. Frankfurt a. M. Die Polizei bestraft Wirte, die die Polizeistunde überfärbten haben, neuerdings nicht wehr mit Geld, sondern setzt ihnen für längere Zeit die Polizeistunde ganz wesentlich herab Sie geht dabei von dem Gesichtspunkt aus, daß bei der Entwertung der Zahlungsmittel Geldstrafen ihre Wirkung verfehlen. — Vor einigen Tagen wurde die Luft schiff Halle auf dem Flugplatzgelände abgerissen, um industriellen Zwecken dienstbar gemacht zu werden. Jetzt richtet man in dem Verwaltun-s- gebäube der deutschen Lustschiffahrtsgesellschaft 12 Zweizimmerwohnungen ein. Der danach noch verfügbare Raum deS Gebäudes wird dem Stadlamt für Leibesübungen überwiesen.
Druck der Fuldaer Actieudruckerei in Fuld»
vermischter.
* verkauf von Kanonen. Auf Anordnung des Detmolder Landespräsidiums sollen die vier alten Kanonen auf dem Schloßplatz in Detmold als Alteisen verkauft werden.
• Zur Nachahmung empfohlen. In Werdau (Sachsen) haben die Stadtverordneten beschlossen, noch den nächsten stattsindenden Wahlen eine List» der Nichtwähler öffentlich auszulegen.
♦ Das Frostwetter. Wie aus Stettin gemeldet wird, führt infolge der starken Kälte der letzten Tag« die Oder und das Stetliner Hass Treibeis, sodaß Segelschiffe nur mit Schlepperhilfe der kehre» können.
Gottesdienstordnung.
Katholischer Gottesdienst.
Donnerstag, l. Dez. Dom. Vt5 Beichtgelegenheit
Freitag, 2. Dezember. (Her,.Jesu-Freitag.) vom. 73 4 Herz-Iesu-M. m. Äuss, nachm. 5 Herz-Jesu-A.— Srauenberg. «uss. des Allerhl. von 5'/, morgens bis 5 abends z. Anbet. d. göttt. Herzens Jesu. 9 Leviten« amt, nachm. 4 Schlutzandacht mit Umgang.
Israelitischer Gottesdienst.
Samstag, 3. Dezember. Vorabend Gottesdienst 4,15, morgens 8,30, nachm. 3,30, Sabbathausgang 6,15 Uhr. — Wochengottesdienst: Morgens 7, nachmittags 4, abends 5,05 Uhr.
Amtliche Anzeigen.
Aufruf
an alle Vieh bescher der Kreise Fulda, Hünfeld und Gersfeld.
Die amtliche Kommtlsion zur Prüfung der Tierkörper- verwerkur.esanstalt in Pilgerzell, hat bei einer Reoisiou des Werkes am 29 Oktober 1921 mit Bedauern festgestellt, daß das Foitbestehen der Anstalt für die Zukunft au» folgenden Gründen in Frage gestellt ist:
Von allen gefallenen Tieren ist in diesem Jahre itm fast V» abgeliefert worden. Bei einem Liefersoll von nn» getähr 512 Stück Großvieh und 1500 Stück Kleinvieh wurden abgeliefert 240 Stück Großvieh und 450 Stück Kleinvieh; von diesen waren 75 Stück notgeschlachtet. Im September lieferte der Kreis Gersfeld 1 Schaf und 1 Kalb ab. Es ist festgestellt worden, daß Dutzende von Schafen nicht abgeliefert wurden.
Das Io verfchartte Vieh bildet nun vielfach eine» Herd für ansteckende Seuchen und werden Werte, wie Fcktz Fleischmehl u. f. w. der Allgemeinhett entzogen.
Am auffallendsten ist es, daß das gelieferte Dieh weiss von den kleinen Leuten iommt, während die großen Güter, Domänen ufw. sehr selten etwas abliefern.
Die Folge dieser Unterschlagckngen ist nun weit«, daß sich die Anstalt n'cht rentiert, tagelang stillsteht und der Gefahr ausgesetzt ist, ihren Betrieb schließen zu muffen.
Indem wir noch einmal auf die schon ergangenen Aufrufe von den Landratsämtern sowie auch von dem Besitzer selbst Hinweisen, ersuchen wir noch einmal alle Herren Bürgermeister und Landjäger, alles daran zu setzen, daß jeder solcher Fälle von Unierfchlagungen von Tiertörper entdecktt wird. In jeder Gemeinde sind Vertrauen-Personen auzustellen, welche ungenannt genau und gewissenhaft die Sache beobachten.
Wir hoffen, daß alle Besitzer von Vieh diese große Gefahr einfehen und in Zukunst alles gefallene Vieh abliefern, denn nur dann wird es möglich fein, die Anstalt auch in Zukunft rentabel zu erhalten.
Pilgerzell, den 29. Oktober 1921.
Die amtliche Kommission zurPrüsungderTierkörperoerwerlungsanstalttn Pilgerzell, 1. Landwirt Vogel von Zirkenbach.
2. Schuhmachetmeister Wingenietd von Engelhelms.
3. Arbeiter Ferdinand Hillenbrand von Pilgerzell.
Wird veröffentlicht.
Fulda, den 8. November 1921.
Der Landral. Frhr. o. Sagern.
Die vorläufige Hmtenfung der Kriegshinterbliebene» ist im wesentlichen beendet. Rentenvorschüsse können des», halb in der Regel nicht mehr gezahlt werden.
Da die Umanerkennung der Kriegsbeschädigten ebenfalls in vollem Gange ist, muß im Interesse einer schleunigen Abwicklung die Zahlung der Rentenvorschüsse bis auf weiteres eingestellt werden.
In Notfällen kann ein besonderer Antrag bei den Fürsorge-Ausschüssen oder der Fürsorgestelle gestellt werden.
Fulda, den 26. November 1921. (1740
Amtliche Fssrsargeslelle für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene. ____
Die Iagd nach dem Glücke.
Erzählung von Fritz Ritzel.
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Die Dsränbenwg, welche diese MitteMmg autf bas Kloußere des Herrn Hohenfels hervorries, war eint wahrest erschreckende. MA beiden Händen griff er wie ein
Weif eßet nach dem Kopfe und sank wie gebrochen vus den nächsten Stuhl, dabei murmelnd: „Dex Bube! Der schändliche Dube!" Dann aber, als käme ein hoffnungsvoller Zweifel über ihn, sprang er empor und sagte streng: „Emilie, wahre Deine Zunge! Es handelt sich i»m die Ehre Deines BruLers!"
,,Um die Ehre meines Bruders, Papa? Ich dächte, ^ßrßber Durften weder ich noch Du uns nach der Affäre in London irgerfo welchen Illusionen htnyeben!"
„Das Gekd kann vorübergehend in seinem Besitz ge» Aiefen fein! Vielleicht hatte er dasselbe im Auftrage der ffionf an irgend jemand auszuzahlen!"
„Abends nach norm Uhr — nach Schluß der Bank, Papa? Das rlaeibst Du ja selbst nicht! Uebriqens wäre es ja ein leichtes, rhn darüber zur Rede zu stellen!"
„ yr zur V^dr stellen — in (»’nem jetzigen Zustande? Sßei&t Du nicht, daß der Arzt strengstens anempfohlen chat, Max vor zsder heftigen inneren Erregung zu be- stvahrm?"
„So neigst Du doch ebenfalls zu dem Glauben, daß D-ax den hohen Betrag, den rch im feinem Besitz gesehen habe, nicht auf rechlichem Wege erworben hat, Papa? Denn warum vermutest Du, daß eine Frag, «m'ihn eine heftige innere Erregung bei ihm hervorruft, wenn er vie Sache al- harmlos hinzustellen vermag?"
Ohne die letzte Frage feiner Tochter zu beachten kannte 'der sonst ko gelassene Herr Albrecht Hohenfels wie ein Verzweifelter in dem Kontor auf und ab. Dor der Erkenntnis, daß fein Sohn zweifellos wiederum Schande über den Namen Hohenfels gebracht hatte, war illles vergessen, was er seiner Tochter wegen ihrer, stach seiner Meinung heimlichen Zusammenkunft mit Karl Hochfeld vorhalten wollte. Jetzt wurde es ihm stuch klar, warum der leichtsinnige junge Mann in letz- 'ter Zeit ihn nicht wie früher fortwährend mit Geld- torberungen bestürmt hatte. Seine anfängliche Hoff.
nung, daß Max zur Besinnung gekommen fei und einen solideren Weg in seiner Lebensführung einschlage, war allerdings schon vor etwa vierzehn Tagen schwer ent- täuscht worden, als er spät abends aus feinem Klub nach Hause tarn und den Sohn schwer berauscht auf der zur Wohnung führenden Treppe liegend gesunden hatte. Empört hatte der Vater den fast Bewußtlosen zu Bett gebracht und dabei aus den lallenden Reden des Unseligen vernommen, daß er wieder hoch gespielt und eine ansehnliche Summe verloren hatte. Wie kam Max in den Besitz ansehnlicher Summen? Hatte er hinter feinem, des Vaters Rücken, Schulden gemacht, ober war ihm an den Tagen vorher ein Spielgewinnst zugesallen? Herr Hohenfels war enffchlossen gewesen, am anderen Tage den Sohn energisch zur Rede zu stellen, um sich Klarheit zu verschaffen — als er aber am anderen Morgen das Wohnzimmer betrat, traf er dort neben feiner, sich wie verzweifelt gebärdenden Stau den alten Sanitätsrat Roth und wurde ihm zu feiner Bestürzung eröffnet, daß der Sohn schwer erkrankt dar- niederliege. Und so war es! Die lüderliche Lebensweise des jungen Mannes, seine fortgefeijte Un- Mäßigkeit im Trinken der schwersten Weine hatten seine ohnehin nicht feste Gesundheit auf das bedenklichste erschüttert — ein Blutsturz war die Folge seiner gestrigen Ausschweifung gewesen und war oor allem, wie der Sanitätsrai belehrte, die äußerste Ruhe für den Kranken geboten. — Das war vor/ vierzehn Tagen qeme'en. In qualvoller Ungewißheit hatte der Vater die Zeit her dahingelebt; als er erfuhr, daß an der Kasse ber Industriebank Unterschlagungen begangen worden seien, da war es nunmehr fast zur Gewißheit bei ihm geworden, daß der Sohn dabei die Hand im Spiele habe und jetzt mußte er erfahren, daß auch andere den gleichen Verdacht hegten — sowohl seine eigen- ?>-hter, wie der gewiß unschuldig verdächtigte Karl 'r5. Deshalb war er bei der von dem letzteren ge- j machten Andeutung auf das tödlichste erfä.c uts« l halb hatte er den langen Mann glimpflicher behandelt, !- wie er es in anderem Falle in feiner zornigen Auf.
wallung über dessen wiederholten Annäherungsversuch getan hätte! Wenn es Karl Hochfeld gelang, seine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter namhaft zu machen, bann — — — der unglückliche Man« war niche
fähig, sich die Folgen auszudenken, welche eine Enthüllung der Wahrheit für die Ehre feines eigenen Namens haben mußte, sondern stieß nur den schmerzen, den Kopf auf die Hand gestützt, ein Mal über das an. bete Mal fast würgend wieder hervor: „Der unselige Bube! Dieser Schandfleckl Wie wird das enden?"
Erst als seine Tochter leise an ihn heran trat und die Hand auf feine Schulter legend sagte: „Fasse Dich, Papa! Vielleicht —' raffte er sich empor und Emilien unterbrechend, befahl er mit heiserer Stimme: „Laß mich — gehl Ich muß allein fein — gehl"
Und als Emilie stumm dem Gebote Folge leistete und schon die nach der Wohnung führende Serbin- dungstür öffnen wollte, eilte ihr der Vater wie in plötz. lichem Enffchlusse nach, ergriff ihre Hand und raunte ihr drohend zu:
„Emilie — Kind — wenn Du nur den geringsten Wert auf die Ehre des Namens Hohenfels legst, wenn Dir bas Leben Deines Vaters nur einen Pfifferling wert ist — bann schweige!"
11. Kapitel. A u f ber Spur.
Ein halbes Jahr war dahingegangen. Die um Sie- benburg liegenben beroalbeten Bergkappen prangten in Hellem Grün. Das bicht um die Stadt sich ziehende Parkgelände und die weiter auswätts gelegenen @artenanlagen waren übersät von der Blütenpracht bet Obst- und Zierbäume, die Mit ihrem schneeigen Weiß, bem zarten Rosa ober leuchtendem Violett und Rot das Auge der Lustwandelnden entzückte.
Sowohl in den schön gepflegten Parkanlagen, rost im Walde und auf der den Muß entlang laufenden Landstraße wimmelte es von Menschen, die alle ber Enge ber Stadt entflohen waren, um dem wiedergekommenen Lenz ihre Huldigung darzubringen; Kinderjubel und Gesang ertönte von allen Seiten und wenn man bem, auf ber ersten beroalbeten Anhöhe des Gebirges gelegenen Schießplatz sich näherte, bann hörte man zwischen den luftigen Weisen der von einer Musik, kapelle ausgeführten Tänze und Märsche in regelmäßigen Intervallen den scharfen Knall von Büchsenschüssen — ber Schützenverein Liebenburgs hielt heute sein Preisschießen ab und hatte mit biefer Veranstaltung die halbe Stabt nach bem Schützenplatze gelockt.
Auch in der Stadt hatte das herrliche Maienwette, der Menschheit eine ganz andere Stimmung wie seither ausgeprägt. Hatte sich Frau Sonne doch jetzt nach einer Reihe kalter und unfteundlicher Regentage end- sich ihrer Pflicht erinnert und im Verein mit einem kräftig blasenden Ostwinde bas ganze Heer der grau» schwarzen Wolkenballen vom Himmel hinweggesegt, so daß sich dieser in azurner Bläue über ber romantischen Lanbschaft wölbte — da war es kein Wunder, daß ber vom Gebirge hereinwehende Lenzesodem neue Lebens- Hoffnungen m aller Herzen erweckte — daß man überall fröhlichen Gesichtern begegnete.
Um so trauriger wirkte ber Gegensatz, wenn man den Breitemarkt betrat und die lange Reihe ber Wagen, sowie die große Menge schwarzgekleideter Herren ge. wahrte, die sich gegenüber dem Rathaus vor bem Hohenfelsischen Besitztum ausgestellt hatten. Eben fuhr der reich mit Gold verzierte Leichenwagen an bem Eingangstor vor, durch welches es von schwarzgekleideten Gestalten hin- und herflutete, die alle gekommen wa- ren, um den Insassen des von dem Tode heimgesuchten Hauses ihr Beileid auszubrücken unb dem Geschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Aus bem saalartigen geöffneten Zimmer zur ebenen Erde, bas man durch den Torgang und die säulengewölbte Vorhalle erreichte, quoll betäubender Blumenduft, von den zahllosen Krön, zen und Buketten herrührend, die im Nebenzimmer, wo ber Sarg stand, auf dem Boden aufgestapelt lagen. Hier nahmen Herr und Frau Hohenfels die Beileidsbezeugungen der Besucher entgegen; bleichen Angesichts, jedoch hoch aufgerichtet mit dem Ausdruck der Ergebung in den Mienen erwiderte der Hausherr mit einer leichten Verneigung jede Ansprache, während seine, neben ihm sitzende Gattin mit ihren von Tränen geröteten, in namenlosem Schmerz vor sich hinstarrenden Augen und dem marmorweißen Gesichte einem jeden der vor sie hinttetenden, sein Beileid aussprechenden Besucher nur mechanisch zunickte, als wäre ihr Denken ganz der Gegenwart entrückt. Konnte sie es doch immer noch nicht fassen, daß ihr Sohn, dem sie während seines gan. zen Lebens eine förmlich fanatische Liebe geweiht hatte, dort, kalt unb starr zwischen den schwer duftenden Blumengewinden lag — ihr Max, für den sie bereit ge» wesen wäre, das eigene Leden zu opfern.
(Fortsetzung folgt.)