Fuldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladt Fulda.
Nr. 276
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verantwortlich iür den ceixmionellen Teil: Dr. I. Kramer, I . — — .
u für dir Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. Donnerstag, 1. Dezember 192) Rotationsdrucku. Verlag der Fuldaer AcNrndnnkerei in Fulda. I VUHHWamg» >♦ *'*'**• ' >
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48. Zahrg.
WmMffW unb SinonjMroIe.
Oie englische Note über die Sanktionen.
Gestern wurde hier die Meldung des Pariser .Temps" verzeichnet, daß England eine Note an die am 2. Dezember wieder tagende Botschafter« Konferenz gerichtet habe, um die A u f h e b u n g der militärischen Sanktionen am Rhein anzuregery d. h. die Franzosen zur Räumung von Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort zu veranlassen. Außerdem soll in der Rote vorge- schlagen fein, die Kontrollbehörde zur lieber» wachung der deutschen Abrüstung au, einen kleine» ren Umfang zurückzuführen.
Sind das nicht erfreullche Aussichten? — Es fragt sich nur, ob wir von dem Schaugericht, das da aufgetragen wird, etwas zu essen bekommen.
Alles schon dagewesen! Lloyd George hat sich schon wiederholt für deutsche Rechte ins Zeug gelegt, nämlich mit dem sehr beredten Mund. Aber wo blieb die Han d, wenn es an die Einlösung der Versprechungen gehen sollte? Rückwärts, rückwärts bis zur Selbstverleugnung. Wer noch nicht gelehrt war durch die vorgängigen Enttäuschungen, fvurde doch durch das Schicksal von Oberschlesien srus seiner Hoffnungsseligkeit gerissen. Derselbe jSIogb George, der uns feierlich vor aller Welt fair play. ein ehrliches Spiel versprochen hatte, gab -dem raffiniert falschen Spiel der Franzosen und 'ihres Völkerbundsrats freien Lauf und seinen Segen.
Warum sollte jetzt die Sache anders verlaufen? Die Gesamtlage sieht nicht wesentlich verändert aus. Wenn die Franzosen zu stolz und eigenmächtig werden, so kommt von London ein kühlender Wasserstrahl. Man will die Pariser fühlen lassen, daß England auch noch etwas zu sagen habe und daß es den Franzosen arg in die Quere kommen könnte, namenllich auch in der Auspressung Deutschlands. Dadurch soll Frankreich gefügig gemacht werden in anderen, weltpolitischen Angelegenheiten, die für die Engländer wichtiger sind, als das Schicksal des besiegten deutschen Volkes. Wenn der „deutschfreundliche" Revolver seinen Warnungsdienst getan hat, steckt man ihn wieder in die Tasche; er war nicht entsichert, ja nicht einmal geladen.
Daß die sog. militärischen Sanktionen aufgehoben werden müssen, ist schon eine alte Forderung der Gerechtigkeit und des Anstandes. Sie waren verhängt worden zur Durchpressung des Ultimatums. Als wir das Ultimatum angenommen hatten und redlich durchführten, hätten die Fochschen Truppen vom rechten Rheinufer automatisch zurückgehen müssen. Sie blieben aber, und England sah ruhig zu. Wenn England jetzt plötzlich eingreift, so muß wohl ein anderer Grund vorliegen, als das lange verkniffene Mitleid mit den betroffenen Städten.
Aehnlich steht es mit der Verminderung der Ueberwachungsbehörden. Unter Ser Ueberzahl der verschiedenartigen Ausschüsse der Entente und ihres Personals leiden wir schon lange. Unter ihrem Diensteifer, der durchaus etwas entdecken will, auch wo nichts ernstes vorhanden ist, leiden wir noch mehr. Jede Verringerung ist sehr erwünscht; wir wollen aber erst zusehen, ob England eine solche Ersparnis von Aerger und Unkosten wirklich durchsetzen will.
In dieser Hinsicht kommt nun ein weiter greifendes Problem in Betracht, das sich zwar noch nicht zu einer Note verdichtet hat. aber doch in der Presse und an der Börse lebhaft besprochen wird. In London, heißt es, sei die Erkenntnis durchgedrungen, daß Deutschland die Zahlungen aus dem Ultimatum in dem vorgeschriebenen Maße und Frist nicht leisten könne ohne den Zusammenbruch seiner Währung und seiner ganzen Wirtschaft. Darum müsse ihm ein Moratorium, eine Verschiebung der Zahlungsfrist gewährt werden. Die Reisen von S ti nnes und Rathe - n a u nach London werden mit dieser Angelegenheit in Zusammenhang gebracht. Natürlich würden wir jede Erleichterung unserer furchtbaren Lasten mit Freuden begrüßen; nur muß es eine wirkliche Erleichterung sein, nicht bloß eine Ver- fäiebung der Lasten auf ein späteres Jahr, sodaß die Gefahr des Zusammenbruchs nach kurzer Frist von neuem sich einstellen würde. Das Moratorium müßte von einem langfristigen Kredit begleitet sein, und zwar von einem Kredit in solchen Formen, daß den Franzosen nicht wieder Anlaß gegeben wird zu neuen Sanktionen oder sonstigen Quälereien, wodurch die letzten Dinge wieder ebenso Ichlimrn würden, wie die ersten.
Leiber hängt nun an dem Plan des Mora- Ätiums eine sehr bedenkliche Klausel. Die Steuer» Politik m d die ganze Finanzwirlschaft Deutschlands soll „überwacht werden durch eine alliierte Kommi,fsion in Berli n". Dabei kann ein wesentlichem Stück Oer deutschen Selbstregierung verloren gehen. Was nützt uns die von England angeregte Verminderung des militärischen Ueberwachungsausschusses, wenn wir eine so großartige SteuC'» und Finanzkommission auf den Hals bekommtn, die nicht bloß überwachen, sondern tatsächlich regt1 ren würde?
- In Summa es ist ein sehr gemischtes Gericht, was da in der englischen Küche gekocht wird, und mir wollen lieber unfern Appetit zügeln, bis mir das (Ergehn s vor Augen haben. Bei allen Anzeichen, die sich günstig deuten lassen, muß man iimmer erst fragen: Ist es ernst gemeint oder nur «als Druckmittel zu einem weltpolttischen Zweck? Tugend oder Taktik — hie sind gerade in der eng» !&•«! Volitik nicht leicht auseinander «t halten.
Starker Sturz der Devisenkurse.
Gerüchte, daß die Verhandlungen Dr. Rathenaus in London erfolgreich verlaufen, führte am Mittwoch am Berliner Devisenmarkt zu der Anschauung, daß die Aussichten für ein Moratorium für Deutschland günstiger zu bewerten seien als je zuvor. Infolgedessen kam es zu sehr großen Devtsenab» gaben, die einen starken Kurssturz der auSlandt» ichen Zahlungsmittel heivorriefen. Während in den Bormiltagsstunden noch ein Kurs von rund 270 sür einen Dollar genannt wurde, schwächte sich der Dollarkurs an der Börse zeitweise bis auf 239 ab. Dte übrigen Dedtsen folgten dieser Bewegung.
Vie «redichtlfe
Zu den Blätlermeldungen über die Präsidial» fitzung des Reichsverbandes der deutschen Industrie erklärt der NeichLverband, daß das Präsidium sich mit der Frage der im Ausland aufzunehmenden Kredite und den von dem Reichsverband für die Aufbringung dieser Kredite geforderten Borans» setzungen überhaupt nicht befaßt habe, insbesondere habe auch Herr Hugo StinNes über seinen Aufenthalt in London mit keinem Worte gesprochen.
Die Tagung deS Präsidiums habe vielmehr der Erledigung laufender Geschäfte gegolten. Der Ausschuß für Kredtthilfe des Reichsverbandes habe sich gemäß den vom Reichskanzler ihm übermittelten Wünschen mit der Wahl von Kommissionsmitgliedern beschäftigt.
von der Kbrüstttngskonserenz.
Die Nachrichten über den Stand der Verhandlungen in Washington widersprechen sich fortgesetzt. Während am Dienstag Nachrichten Vorlagen, deren Grundton überaus pessimistisch war, lügt neuerdings eine Meldung vor, die den Stand der Dinge außerordentlich optimistisch beurteilen. Allerdings ist zu be- achlrm, daß diese Meldung aus französischer Quelle stammt, die offenbar die Neigung hat, alles schon mit Rücksicht auf die Stellung des Ministerpräsidenten Briand im möglichst günstigen Lichte erscheinen zu lassen. Demi die Widersprüche in den vorliegenden Meldungen find fo groß, daß sie sich nicht miteinander in Einklang bringen lassen.
Die französische Meldung will wissest. Laß dte Fragen des fernen Ostens außerordentlich optimistisch beurteilt werden. Die Haltung Japans werde als versöhnlich und entgegenkommend angesehen. Auch in der Flottonsrage soll der Stand der Verhandlungen ein günstiger fein. Der japanische Vertreter Admiral Kato soll Weisung erhalten haben, in der Großschisss- r cum frage Entgegenkommen zu zeigen. Es werde daher erwartet, daß Japan mit dem amerikanischen Vorschlag das Verhältnis der Großkampsschiffe für Amerika, England und Japan von 5 : 5 : 3 sich abfintmi werden. Die Vereinigten Staaten würden England in der 11= Doot-Frage eitigegcnfommcn und sich mit 75 000 U-Boot-Schiffsraum begnügen.
Die Vorschläge Bauderlips zur Welkwirtschast.
In einem Vortrag sprach sich Vanderlip gegen den Vorschlag eines hohen britischen Stoatomanne» aus, wonach die Schuld der Alliierten gestrichen und dafür die Entschädigung Deutschlands in der aleichen Höhe einer Revision unterzogen werden soll. Ebenso will Vanderlip nichts von den Ansprüchen auf den Handel gewisser Länder wissen und davon, daß die Amerikaner sich zum Gerichtsvollzieher für die Alliierten machen. Er fuhr dann fort:
„Außerhalb Frankreichs ist jedermcinn davon überzeugt, daß die von Teutschtaud zu zahlende Jndemn i» rät bei weitem zu groß ist. ES lie t oaher im allgemeinen Interesse der Alliierten, dieses Problem einer Revision zu unterziehen, da sonst der finanzielle Zusammenbruch Deutschlands und Europas unvermeidlich jein wird.-
Vanderlip verlangt, daß die berechtigten Ansprüche der Vereinigten Staaten an die Alliierten anerkannt werden, schlägt aber vor, daß jeder Dollar, den die Alliierten zu zahlen imstande sind, für den Wiederaufbau Europas, namentlich des Ostens verlangt wird, wobei Zug um Zug Kredite für die Entwicklung des Transport- wesens, d?r Wasserkräfte, des Ackerbaues, der sanitären Verhältnisse und des Nnterrichtswesens gewährt werden sollen.
Gberschlefien.
Der stellvertretende Bevollmächtigte, Staatssekretär Lewald, begibt sich nach Oberschlesien, um die Vorbereitungen sür die am 9. Dezember beginnenden Verhandlungen zu treffen.
Nach den in Gens getroffenen Vereinbarungen werden die Unterausschüsse für die oberschlesischen Wirtschaft-verhandlnnaen an folgenden Orten tagen: Die Ausschüsse sür Eisenbahnen, Geldwesen, Kohlen, Arbeitgeber- unb Umernehmerverbände und für Sozialversicherung in Kattowitz, die beiden letz, teren teilweise in Tarnowitz, die Ausschüsse sür Zollwesen, Ein- und Ausfuhr, Grenzverkehr, der Rechisausschuß und der Minoritätenausschuß in Beuthen, der letztere fpäter auch in Genf, der Ausschuß für Wasser und Elektrizität in Hindenburg und der für die Post in Oppeln.
Was geht in Rußland vor?
In letzter Zeit hat man eigentlich über die innere Lage in Sowjet-Rußland recht wenig gehört. Nur hin "unb wieder gelangten Nachrichten über zunehmende Spannung zwischen Rußland und Polen in die Oeffentlichkeit.
Es scheint aber, als ob die Sowjetmachthaber Moskaus' auch mit inneren SLwierigk»««--
kämpfen haben. Das beweist ein Ausruf Trotzkis, in welchem die Arbeiter der Heimatfront aufgesordert werden, in gesteigertem Maße Munition und Gewehre herzu st eilen, und zwar tote es in dein Aufruf Trotzkis heißt: „Angesichts eines möglichen Angriffs der Bourgeoisie." Bemer kenstoert ist übrigens auch, daß die gesamte Sotojet-Presse die Schaffung eines starken Heeres zum Frühjahr verlangt. Bei dem Fehlen jeglicher we teren Nachrichten läßt sich nicht übersehe», ob es sich bei diesen militärtschen Maßnahmen um eine Abwehr befürchteter Angriffe von außen oder von innen her handelt, oder ob dte Sowjet-Regierung glaubt, nunmehr in der Lage zu sein, ihre „weltbefreienden Ideen" mit Waffengewalt wieder einmal zu propagieren.
preußischer Landtag.
Der Landtag trat in die Besprechung des Etats des Wohlfahrtsministeriums ein. 3m Mittelpunkt der in der Debatte behandelten Fragen Een vornehmlich drei Hauptgesichtspunkte: Die rhnungsnot und die Maßnahmen für ihre Behebung, die sozia le Fürsorge und die 3ugend- pflege.
Die einzelnen Partelredner nehmen zu diesen Problemen eingehend Stellung Das Haus selbst ist nur schwach besetzt; vielleicht sind schon eine Anzahl von Abgeordneten abgereist, da der Landtag feine Bera. hingen nunmehr wieder aus Anlaß des Parteitages der Deutschen Lolkspartei für eine Woche aussetzen wird.
Der erste Redner ist der Mehrheitssozialist 7Neyer- Solingen. 3n der Frage der Wohnungsnot teilt er bk Anschauung des Ministers, auch er hält eine Freigabe der Wohnungen nicht dazu angetan, die Bautätigkeit zu hemmen; er bittet darum den Wohnungsbau durch Aufhebung noch hemmender polizeilicher Bestimmungen zu fördern. 3m übrigen erklärt er sich mit den Programmerklärungen des Ministers einverstan. den.
Für dos Zentrum spricht die Abg. Frau Dr. Sauer. Auch sie schließt sich den Klagen über die Wobnungs- not an. Sie bittet, den Minister auf dem bisherigen Wege der Fürsorge weiterzuarbeiten. Eingehende Werte widmet sie der sozialen Fürsorge, die nach ihrer Meinung rasche Fortschritte gemacht habe. Mit Recht betont sie. daß der Wiederaufbau unseres Volkes nur mit Ihrer Hilfe möglich fei. Die Jugendpflege, die private Furforgetätlgkeit in ihr und die damit zufommenhän- genden Fragen beleuchtet sie in eingehender Weife. Die Anträge vonseiten anderer Parteien, die sich auf die Erweiterung der Fürsorge erstrecken, finden auch ihre und ihrer Freunde Snmpathie.
Abg. Süchrmonn (Dnat.) billigt das Programm des Ministers wendet sich aber gegen das bisherige System der Regelung des Wohnungswesens. Es gebe nicht nur eine Not der Mieter, sondern auch der Vermieter. Er wendet sich gegen olle Sln'asisierurnwverfuche und sieht nur in einem wirklich christlichen Sozialismus die Rettung Deutschlands, Auch Abg. (Engberbing (D. Dg.) spricht von der Wohnungsnot, er fordert besonders Aenderungen der Höckstmietsnordnung.
Der Kommunist König verlangt sodann Enteignung des Haus, und Grundbesitzes der Unabhängige Dr. Deyl die Sozialisierung der Heiltötigkeit. Nach weiteren Ausführungen verschiedener Redner zu sozialen Fragen begründet die Kommunistin Frau Arensce 32 Anträge, darunter einen auf Verbot jeder Al- ko h o l h e rst e l l u n g Minister hirksieser teilt noch mit, das Hebammengcfetz werde mit größter Befch'eu- nigung vorgelegt werden, Abg. Cabenbotff (Wirt. P.) verlangt Hilfe für die kleinen Rentner und Aushebung der Wohnungszwangswirtschaft, insbesondere der Höchst- mieienoerorbnung.
Nächste Sitzung: Dienstag. 6. Dezember. Kleine Vorlagen.
Zustande.
Don einem Berliner Mitarbeiter wird uns geschrieben:
Als am Dienstag mittag um 2 Uhr der biedere Bürgersmann sich anschickte, um nach der Mittagspause wieder an die Stätte feiner beruflichen Tätigkeit zurückzukehren. oder auch, wenn er die Zeit baut hatte, feine Weihnachtseinkäufe zu besorgen, da bot sich ihm einBildderUeberraschung dar. In langem Zuge hintereinander reihte sich Elektrische an Elektrische, die nicht vorwärts und nicht rückwärts wollten. Die Fahrgäste hatten längst das Innere der Wagen verlassen; denn es sah so aus, als ob sich die Wagen des Verkehrs nicht so bald wieder in Bewegung setzen wollten. Man hatte sich nicht getäuscht. Streik in den Elektrizitätswerken: so lautete die Auskunft an den Neugierigen, der gern wissen wollte, warum des Stromes Kraft versage. Nachdem die kaufmännischen Angestellten der Elektrizitätswerke in Berlin auf Grund von erhöhten Lohnforderungen bereits am Montag abend den Streik beschlossen hatten, erschienen sie am folgenden Tage nicht zur Arbeit, die technischen Angestellten, von denen es anfangs schien, als ob sie dieser Lohnbewegung sich nicht anschließen wollten, traten dennoch im Laufe des Dienstag in den Sympathiestreik ein. und verließen gegen Mittag ihre Arbeitsstätte. So war gegen 2 Uhr die Stadt ohne Kraft und Licht. Wieder einmal mußte Berlin 10 Stunden lang einen Streik au spalten, der in seinen Folgen für die lebenswichtigen Betriebe katastrophal werden konnte.
Der Konflikt wurde zu später Abendstunde wieder beigelegt. Die Stadt bewil - liatedieForderungen der Angestellten angesichts des ungeheuren Schadens, den Stadt und Verwaltung durch den Streik erlitt. Die 10 Stunden Streik brachten 6MillionenMarkScha- den ein. Aber diese Angelegenheit des Streiks und seiner Beilegung hat auch eine politische Seite. Noch am Morgen des Tages, an dem der Streik ausbrach, erklärte der Magistrat die Forderungen für unannehmbar und am Abend bereits, 8 Stunden später, sandte er seine drei sozialistischen Mitglieder zum Arbeitsminister und bewilligte die Forderungen restlos. Die mehrheitssozialistische und unabhängige Mehrheit in der Verwaltung hai da
mit einen Gesinnungswechsel vollzogen, von dem man ruhig sagen kann, daß er etwas sehr plötzlich gekommen ist.
Die Frage, die eine Berliner Zeitung aufwirst, wann dieser Magistrat eine richtige Meinung gehabt habe, um 12 Uhr mittags oder um 8 Uhr abends, scheint uns demnach nicht ganz unberechtigt. Und wenn man sagt, daß der Umschwung des Magistrats darauf zurückzuführen sei, daß die sozialistische Mehrheit die Ueberzeugung gewonnen habe, der Streik würde in wenigen Tagen mehr kosten als die Forderungen der Angestellten im . ganzen Jahre ausmachcn, so Hütte der Magistrat zu dieser Ansicht auch schon früher kommen, den Berlinern den Streik ersparen und den nunmehr angerichteten Schaden verhindern können. Andererseits war aber auch dieser Streik in dem lebenswichtigen Betriebs, wie aus dem ganzen Verlauf zu ersitzen war, sicherlich zum Teil von kommunistischen Elementen in die Wege geleitet, die ohne Rücksicht auf das allgemeine Wohl und ohne sich um die furchtbaren Folgen zu kümmern, das Wohl der Einzelnen dem Allgemein» wohl vorziehen. ___ ____
Kus dem besetzten Gebiet.
• 1Beiferet Abzug amerikanischer Truppen. Ar» Freitag den 2 Dezember, werden wiederum 1200 Man« amerikanische Soldaten Koblenz verlassen, um über Antwerpen nach Amerika zuruckzukehren. Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, soll die amerikanr'che Armee nach und nach auf 4000 Mann herabgesetzt werden.
• Klara Zetkin. Wie das „Verl. Taqebl. aus Dust scldorf meldet, haben infolge des Metall ar bei» ter ft r et t s die französischen Behörden in Dussichars das Auftreten von Klara Zetkin verbo- te n. __________
Deutsche; Reich.
* Oerlin, 1.Dez. Ministerialdirektor Dr. Kö n i $ aus dem Reichspostminlsterium, der von 1905 bis zur Revolution im Landtage Zentrumsabgeordneter für Krefeld war, ist in seiner Wohnung in Serini« Wilmersdorf gestorben. — Als Vertreter der JnteresfengemelnschaftderdeuIschen Industrie für Chemie hielt sich Generalkonsul von Weinberg mehrere Tage in Paris auf, um mit den Vertretern des Reparationsausschusses über Lieferungen zu verhandeln, dis sich aus den Bestimmungen oe? Vertrages von Versailles für di« deutsche chemische und Farbenindustrie ergeben. — Am Mittwoch fand eine Sitzung des Reichs, kabinetts statt, worin über den Gesetzentwurf für die Anpassung des Strafgesetzes an dit vei änderten verfassungsrechtlichen Verhältnisse beraten wurde.
* Dte ausländischen Arbeiferserlreker beim Reichs- kanzier. Der Reichskanzler empfing am Dienstag in Anwesenheit des Reichspräsidenten die Mitg liebel der Genfer internationalen Arbeitskonferenz, die zurzeit in Deutschland weiten, um sich einen Einblick in die durch die neuen Forderungen der Interalliierten Kontrollkommission geschaffene Legg der „Deutschen Werke" zu verschaffen. Die Abordnung der Arbeitskonferenz setzt sich, wie berichtet, zusammen aus Vertretern der englischen, kanadischen, südafrikanischen, französischen, belgischen, japanischen, braslliani- schen, schweizerischen, schwirdischen und spanischen Ge> rvcrkschaflen, denen sich ein amerikanischer Handelskammervertreter angcschlossen hatte.
• Der Parteitag der Deutschen Doiksparlei ward« in Stuttgart durch eine Sitzung des Zrnlralvor- standes eingeleitet. Für den leichterkrankten Partei» Vorsitzenden Dr. Slrefemann führte der preußische Fmanzmiiiister Dr. v. Richter den Vorsitz. ,
* Steuersätze und Geldentwertung. Der Gewerk» schastsring deutscher Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände hat an Vie Reichsregierung das Gesuch gerichtet, die für beit Steuerabzug vom Gestalte und Lohn geltende Einkommen Höch stgreuzs deut toeräitbenen Geldwert entsprechend zu erhöhen und die für Haushaltungsangehörige nnb Werbungs- kosten abzugSberechtigteu Beträge ent tprechend neu festzusitzen. Tie Erhöhung der bisherigen Mark- grenze für den Steuerabzug vom Arbeitseinkommen ist angesichts der Geldeultoe.tung eine so zwingende Notwendigkeit, daß die Eingabe keiner weiteren Be. gründung bedarf.
* Die Eingliederung Pyrmonts in Preußen. Der Staatsvrrlrag zwsichm Preußen und Wcüdeck-Pyvwvnl über die Eingliederung Pyrmonts in Preuhm und in die Provinz Hanover ist nunmehr abgefchloffen worden.
* Die inferuolionake Donarikotumlfsisn begann in München die Beratung des Projekts der B >: n u tz • ung der Donau von Regensburg bis I o ch e n ft e i n. Die Kommission beschloß, ihre Zustimmung zur Ausführung des Projekts unter dem Vorbehalt du Annahme gewisser Derbesserungen zu geben, welche der Kommission in der nächsten Sitzung nufer* breitet werden sollen.
Kurland.
* Aus dem Freistaat Danzig. Die Danziger freistaatlichen Eisenbahnen gingen heute an Polen über. Aus diesem Anlaß verabschiedete der Tau» ziger Eenatspräsident Sahm die Beamten, Ange- stellten und Arbeiter in feierlicher Sitzung.
* Ter österreichische Nationalrat nahm baS Benebiger Protokoll an.
* 3a Metz ist im Alter von 68 Lahnen der Dom. Herr Collin, Skmstor von Metz, gestorben.
* Das in Waffen starrende Frankreich. Nach dem Bericht des Heeresausschusfes bet Kammer wird Frankreich mit seinen Kolonien am 1. Januar 1922 820 000 Mann unter den Fahnen haben, nach der Entlassung des ersten Kontingents der Iahresklasse lö2ü 649 000 Mann, im Mai nach der Einberufung der ersten Hälfte der Rekruten 777000 Mann. Dieke Anzahl fällt zeit»