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Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sfaöf Fulda.

Nr. 270.

Verantwortlich für den redauionellen Teil: Dr. I. Kramer, - für die Anzeigen: I. Parzeiler-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernlprecher Nr. 9. Telegr.-Adrelfe: Fuldaer Zeitung.

Donnerstag, 24. Hov t92t.

Bezugspreis: Monatlich 5.00 2Rt. zugestellt frei ins Haus- n Abgeholt in der ©efdjäftsffc lle 4,60 IRL > Anzeigen: Kleinzeil« nach E olonelmaß 1 Mark; Reklamezeile (Teilbreite! nach Colone'maß 3 Mark.

48. Zahrg.

JeAWM, iss emMW Wm.

Line fatale KehnUchkeit.

Die wellpolitischen Baukünstler in Washington »erhandeln über Deutschland und über China. Deutschland bildet das Kernstück des europäischen Problems; China desgleichen imProblem des fer­nen Ostens".

Schmeichelhaft ist es freilich nicht, wenn Berlin in Vergleich gestellt wird mit Peking. Aber die fatale Aehnlichkeit läßt sich nicht mehr verkennen. China ist ein sehr großes, stark bevölkertes, mit vielen Naturschätzen versehenes Land und dabei voll­ständig wehrlos. Deutschland ist auch verhältnis­mäßig groß, das bevölkertste Reich Europas (abge­sehen von dem zerrütteten Rußland), ausgestattet mit manchen Gütern, welche die Begehrlichkeit der : Nachbarn reizen, und dabei gänzlich entwaffnet ^und wehrlos gemacht. China und Deutschland sind schon an mehreren Stellen angeschnitten und ver- ftümmeü worden. Die schlimmste Aehnlichkeit ist die weitere Bedrohung beider Reiche durch ihre Bedränger und Ausbeuter. Deutschland und China gleichen den Zitronen in der Presse.

Anscheinend hat China einen,Vorzug: es ist.schon Mitglied des Völkerbundes und sogar des Rates des Völkerbundes, während Deutschland dieseEhre" noch nicht erlangt, aber auch nicht erstrebt hat. Wäre der Völkerbund ein wirklicher Rechts- und Friedenshort, so könnte sich China auf seine Mitgliedskarte ruhig schlafen legen. Doch dieseHerrlichkeit" gibt den Chinesen keine Sicherheit. Wie Frankreich an der Verstümme­lung und Aussaugung Deutschlands weiter arbeitet, so setzt Japan die Anzapfung und Unterhöhlung Chinas zielbewußt fort, so lange ihnen kein star­ker Arm Halt gebietet.

In dieser Richtung wird nun auf der Konferenz von Washington ein Versuch gemacht. China scheint Helfer zu finden. Es gibt nämlich noch andere Mächte, die ihren Teil haben möchten von dem Kuchen, den Japan angeschnitten hat. Die Bereinigten Staaten haben auch einen gesunden Appetit, und wenn auch England und Japan noch in einem form gerechten Bündnis steht, so hat es doch keine Lust, den englischen Handel von dem aussichtsreichen Geschäft in China ausschließen zu lassen. Der Futterneid wird vielleicht dazu führen, daß man wirklich die Resolution annimmt, die Chinas Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit ver­kündet.

Und wer hilft Deutschland in der Abwehr seiner Blutsauger? Niemand ist zu sehen. All' unsere Hoffnungen, daß England die französische Vernich- tungspolitik bremsen werde, sind enttäuscht worden. England glaubt Deutschland und seine eigenen Interessen in Mitteleuropa preisgeben zu müsien, um es nicht zum Bruche mit Frankreich und zu- ialeich mit Nordamerika kommen zu lasten, db diese Taktik des Nachgebens und Umfallens die richtige Politik für das britische Weltreich ist, läßt sich ja bestreiten; aber Lloyd George operiert tatsächlich so, und die Folgen davon müssen wir tragen. So ist Deutschland nicht allein wehrlos, wie China, son­dern noch hilfloser als dieses.

Eine weitere Aehnlichkeit zwischen China und Deutschland besteht in der Revolution, die zur Um­wandlung der monarchischen Staatsverfassung in die Republik geführt haben. In China hat die Re­volution schwere Bürgerkriege und einen verhäng­nisvollen Gegensatz zwischen Nord und Süd ver­anlaßt. ^JnDeutschland haben wir glücklicher­weise die Reichseinheit gerettet. Ge-

Die Iagd nach dem Glücke.

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Und bis fle aufgeklärt ist, meinst Du, soll ich hier den Leuten unter den Augen herumgehen? Von jedem für einen Dieb gehalten? Nein, Wilhelm nicht für die Welt!"

Durch eine Entfernung von hier wirst Du aber ^sst recht dem Verdacht Nahrung geben! Blühst Du Unfk$iEt unt> fiehst der Welt im Bewußtsein Deiner n h UIi) °ffen *n das Auge, dann wird sich nach meiner r^.T3ro8un$t allmählich ein Umschwung in der öffent- cSTk -c n0 vollziehen! Nicht jeder ist von Deiner wcyu o ubc£3eugti So hat heute vormittag, als die tad)e im Kantor zur Sprache kam, Fräulein Hohen, sels, ie zufällig anwesend war, ganz entschieden Meine Parier ergriffen!"

a°n,.cincm elektrischen Schlage berührt, sprang e(Bempn, <einem Sitze empor und ergriff In stürmischer gung beide Hände des Freundes. Emilie Ho^nfels glaubt an mich, Wilhelm? O, dann ist alles gut. Wie m hellem Jubel klang seine Stim-

"V .Ur ein Funken von Freund- sch-ft für Mich rn Dir lebt, 6annfülle mir eine BKM G,b mw Gelegenheit, aUs Munde zu Horen, daß sie an mich g[Qubt _ b(mn .. ollem!"

Ueberrascht trat Fmedwald einen Schritt zurück und äußert^ zögernd: ,-öd) 'W, wie ich mir dieses

seltsame Verlangen deuten soll, Karli Warum ist Dir gerade an dem guten Glauben unseres Fräuleins so viel gelegen?"

Und als Karl Hochfeld sichtlich in Verlegenheit geriet Und schwieg, fuhr er fort:Bei Dir scheint ja heute olles Geheimnis zu fein! Nun, ich will mich nicht ein. drängen! Was aber Deinen Wunsch betrifft, so mei& ich nicht, wie ich denselben erfüllen soll! Gern will ich Fräulein Hohenfels mitteilen, daß Dir eine Unt-rre. düng mit ihr dringend erwünscht ist wo und wann dieselbe aber stattfinden soll, das müßte ich ganz der Bestimmung des Fräuleins überlassen."

Wilhelm, wenn Du wüßtest, was davon für mich abhängt dann würdest Du alle Bedenken schwinden

wiste Uebergangsschmerzen, die insbesondere aus dem bayerischen Selbstbewußtsein entsprangen, sind schon fast überwunden. Ob in China die Republik imstande ist, die Stücke des Riesenreiches zusam­menzuhalten, entzieht sich unserem Urteil und unse­rer Sorge. Hinsichtlich unserer eigenen Verhält­nisse ist es ja ganz klar, daß wir versuchen müssen, mit der demokratischen Verfassung aus dem Elend uns zu retten, da jede Gegenrevolution nur den inneren Zusammenbruch und denErfolg derGegner herbeiführen würde.

Wir Deutschen können aus der Helotenstellung nur herauskommen durch kluge und zähe Selbst- Hilfe. Dazu ruft uns die Regierung gerade jetzt recht eindringlich auf. Wenn der Ruf mißachtet wird und insbesondere auch in den gewichtigen Kreisen derBesitzenden" kein Verständnis findet, dann können wir freilich uns Zöpfe wachsen lassen und allzumal Weiberröcke anziehen. Dann bleiben die Deutschen die chinesischen Kulis von Europa.

Die Kriegsfällen Europas.

Es ist eine bekannte Talsache, daß nicht nur die im Weltkrieg unterlegenen Staaten unter der Schuldenlast des Krieges zu seufzen haben. Auch die sogenannten Sieger st aaten befinden sich in einem ähnlichen Finanzelend wie in Deutschland.

Sie sind vor allem denVereinigtevStaaten stark verschuldet. Es ist von großem Interesse, aus der italienischen Presse zu erfahren, wie doch die Verpflichtungen Italiens gegenüber seinen Ver­bündeten sind, zumal darüber bisher in der Oeffent- lichkeit genauere Zahlen nicht mitgeteilt worden sind. Nach den Mitteilungen der italienischen Presse haben die Vereinigten Staaten einen Kredit von elwa 1650 Millionen Dollar gewährt. Im Konto des italienischen Schatzamtes figuriert dieser Posten mit 8398535950 Goldlire. Zu dieser Summe kommen die von 1919 bis 1921 nicht bezahlten Zinsen mit 1260 Millionen Goldlire hinzu nebst einer weiteren Verzinsung von 63 Millionen Gold­lire. An England schuldet Italien 12459397000 Goldlire mit 747563820 Lire Zinsen. ItaU-m muß also jährlich 483 Millionen Goldl« re Zinsen allein an die Vereinigten Staaten und 747 Million?« an England zahlen, insgesamt 1230 Millionen Goldlire jährlich, das sind über 3 Milliarden Papierlire, etwa gleich dem Zinsenbetrag für seine innere Schuld. Die Abburdung der englischen Schuld allein, geschweige von der Zahlung der Schuld bei beiden Verbündeten würde, so führt der Artikelschreiber aus, Italien in dauernde Finanzsklaverei seinen Bundesgenossen gegenüber versetzen und seine Wiedererholung ausschließen.

3 Milliarden Papierlire betragen bei dem jetzigen Stand der Valuta rund 35 Milliarden Papier­mart. Die Belastung Italiens durch die Kriegs­schuld ist also eine verhältnismäßig hohe.

Die deutsch-polnischen Verhandlungen.

Zahlreiche llnlerousschösse sollen in Danzig lagen.

Mittwoch vormittag ist im Dolkerbundspalast in Genf die deutsch-polnische Konferenz eröffnet worden. Nachmittags fand eine zweite Sitzung statt, in der der Arbeitsplan besprochen wurde. Es wurde be­schlossen, die Arbeiten auf 11 bis 12 Unteraus- fchüsse zu verteilen, die in Danzig tagen sollen. Eine dritte Sitzung findet am Donnerstag statt.

lassen! Warum soll ich vor Dir eh Geheimnis haben? Emilie Hohenfels ist mein alles unsere Herzen haben sich gefunden, schon oor Monaten! Um sie zu erringen strebe ich empor! Wenn es auch ihren (Eltern als eine Vermessenheit von mir erscheint, daß ich es gewagt habe, meine Augen zu ihrem Kleinod zu erheben und wenn mir dies auch von Deinem Chef in der unzwei. heutigsten Weife kundgetan wurde ich lasse die Hoff­nung nicht sinken, auch jetzt nicht, nachdem ich jeden festen Boden unter den Füßen verloren habe! Kämpfen will ich wenigstens um sie, so lange ich noch eine Spur Kraft in mir fühle; ein Wort von ihr, einer ihrer seelenvollcn Blicke wird mich zu diesem Kampfe stär- ken. Du kannst es möglich machen, daß ich sie sehe, Wilhelm, und wenn es nur für eine Minute ist einen Dienst erweisest Du mir damit, den ich Dir Zeit meines Lebens nicht vergesse!"

Wilhelm Friedwald hatte den stürmischen Erguß sei- nes Freundes scheinbar ohne Ueberrafchung angebört, indem er mehrmals langsam mit dem Kopf nickte. Jetzt sagte er ruhig:Gemach, Alterchen! Du stürmst mit Dei. neu beißen Wünschen in das Blaue hinein, ohne daran zu denken, daß die Sache für mich doch ihre Bedenken hat. Ueberrascht hat mich Dein Geständnis nicht ich ahnte mir etwas derartiges! Aber Karl weiht Du auch, was Du mir zumutest? Du sagst selbst, daß die Ellern es von Dir als Berrneflenheit betrachten, daß Du die Augen zu ihrer Tochter erhebst! Und ich, der ich das Brot dieser Leute effe,. soll hinter ihrem Rücken eine Zusammenkunft mit Dir und Fräulein Emilie mög­lich machen?"

Wilhelm wo es sich um mein Lebensglück han­delt! Ein Abschiedswort von ihr wirft 2#u mir doch gönnen! Morgen schon soll ich mich dem Kapellmeister an der Oper in Reichenstadt vorstellen, an den mich Herr hofkapellmeister Wiedhold empfohlen hat!"

Nun gut, ich will sehen, was sich tun läßt, wenn es mir auch aus dem angegebenen Grunde widerstrebt!" sagte Friedwald nach einigem Ueberlegen.Uebrigens mag Fräulein Hohenfels selbst entscheiden! Ich wollte ihr so wie so noch heute abend meine Aufwartung machen, da ich hier in dieser alten Bibel ein merkwür­diges Geheimnis entdeckt habe. Halb neun,* fuhr

Vie linkrradikale Mion.

Ein Betriebsräte-Kongretz.

Die Großberliner Betriebsräte sind gestern auf Veranlasiung der in Berlin weilenden Betrtebsdele- gationen aus dem Reich zusammenkommen. Ein Versuch d e r K o m m u n i st e n, die Berliner Arbei­terschaft für eine Aktion zu gewinnen, schlug fehl. Es wurde eine Resolution angenommen, nach der der Allgemeine deutsche Gewerkschastsbund und die Afa aufgesordert werden, innerhalb von 14 Tagen einen allgemeinen B etriebsrätekonareß nach Berlin einzuberufen. Dieser Kongreß soll sich u. a. befassen mit der Erreichung einer Amnestie für die politischen Gefangenen, der Durchführung der Forderungen des Allgemeinen deutschen Gewerk- fchafwbundeS^zum Stcuerprogramm und der Sicherstellung der Volksernährung durch Erfaffung der Lebensmittel durch die Organisationen der Ge­werkschaften, der Betriebsräte usw.

Wenn der Gewerkschastsbund in 14 Tagen keinen Kongreß einberufen sollte, so werden die in Berlin versammelten Betriebsräte selbst einen Aufruf zu dem Kongreß erlassen.

Der Hungerstreik der politischen Gefangenen.

Wie die Blätter melden, verweigern in Lichten­burg die Nahrungsaufnahme nur noch 4, im Fort Cinna bei Torgau 2, in Torgau selbst 8 be­fangene. Es befinden sich also nur noch 14 Ge­fangene von den ursprünglichen 128 tm Hunger­streik. Lebensgefahr tft bei keinem vorhanden. In Neugard ist der Hungerstreik ganz aufgegeben worden.

Kein Generalstreik in Mitteldeutschland.

Nach einer Meldung derFreiheit" aus Halle hat das dortige Geweikschaflskartell beschlossen, daß eine Generalstreiksparole, die nur die Heraus­gabe der Politischen Gefangenen fordert, nicht zug­kräftig genug ist, um die breiten Massen zur Niederlegung der Arbeit zu gewinnen.

RelchstigsauflSsungs-GedanLen.

Die Mehrheitssozialisten lassen gegenüber der Schwierigkeit der Regelung der Steuerfragen immer wieder den Gedanken an eine Reichstaysauflösung an- klingen. Jetzt hat in einer Sitzung 6er sozialÄMvkrati- schen Gewerkschaften Hermann Müller wieder «lsgeführt, Hm scheine die AufllüsuNg des Reichstags ab Folge der Meinungsverschieden­heiten in der Steuerpolitik, über die eine Einigung unter dem gegenwärtigen Ministerium ausgeschlossen zu sein scheine, srhr wahrscheinlich. Ein Ministerium der Rechten nach dem Kabinett Wirth werde sich kaum halten köimen. Der Appell an die Wähbrr sei wahr­lich in Kürze Zu erwarten.

Stinnes in London.

Der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" behauptet, Stinnes versuche, mit Mini­stern in Berührung zu kommen, was bisher erfolglos gewesen fei. Der Korrespondent deutet die Befürchtung an, daß Stinnes einen etwaigen Erfolg gegen die Regierung Wirth ausbeuten könnte.

LautManchester Guardian" wird Lloyd George voraussichtlich Stinnes empfangen.

Stinkbomben, Meßpulver und CriAer- pseisen im Landtag

kah und Frau Rosi Wolfstein lärmen vorläufig noch weiter.

Die Kommunisten setzen auch am M i t t w o ch die von ihnen feit einigen Tagen in den Parlamenten beliebte Taktik fort. Sie türmten alles daran, um mit vereinter Lungenkraft die Verhandlungen und den Geschäftsgang des Hauses auch westerhin zu stören.

er auf die Uhr sehend fortda könnte ich sie noch droben im Burgzimmer antreffen! Gedulde Dich eine kleine Weile vielleicht ist das Fräulein bereit. Dir drüben im Kontor eine ünterrebuna zu gewähren."

Damit nahm er die alte Hausbibcl vorn Tische, nickte feinem Besucher freundlich zu und entfernte sich durch die nach dem Kontor führende Tür.

10. Kapitel.

Scheiden und meiden.

Als wäre man in das graueste Mittelalter versetzt, so mutete der Raum in dem an den Burgturm sich leh­nenden Seitenbau an, in welchem Fräulein Emilie Hohenfels ihre Musikstudien betrieb. Spitzbogige, schmale Fenster, mit bleigefahten Buntscheiben, wuchtige Eichcist möbel mit reichen Schnitzereien und schweren Metall­beschlägen, verblichene Gobelins und eine Unzahl al- tersgebräunter Delgemätoe, teils Porträts, teils Sze. nen aus dem Volksleben darstellend, dazu die wie ein Kreuzgang gewölbte Decke, der mächtige Kamin mit den ihn flankierenden bronzenen Reisigengestalten, der ringförmige eiserne Kronleuchter, wie auch die den er­höhten Platz im Erker umschrankende Holzgalerie und die im Hintergründe nach einer schmalen Tür empor­führende, gleichfalls mit einem schweren Geländer ein­gefaßte Holztreppe dies alles bildete ein harmo- nifches Ganzes, welches jeden Altertümerfreund in Hel- les Entzücken versetzen mußte. Selbst das in der einen Ecke quer stehende Pianino ftörre den Gesamteindruck nicht, da es ganz im Stile der es umgebenden Einrich­tung gehalten war und fast war man geneigt zu glau­ben. daß die schlanke Frauengestalt, die vor einem geöffneten mächtigen Eichenschrank stand, sich in ihrer Kleidung und ihrem ganzen Wesen ebenfalls der alter­tümlichen Umgebung angepaßt habe. Genau so mochte vor fast vierhundert Jahren dos die Räume durchwan- Mnbe Burgfräulein ausgesehen haben, wie Emilie Hohenfels mit ihrem goldblonden Haar, das in schweren Flechten am Hinterkopf aufgestellt war, dem hellen in Falten herabfließcnden, mit einem Metallgürtel an den Hüften zusammengehaltenen Gewand, dem an der Seite an blauer Kordel herabhängenden Gretchentäsch. Äen aus buntschillerndem Samt. (Forts, ist

Die Beratung der Geschäftsordnung schrei- tet darum nur langsam und unter mannigfachen Schmie- rigfeiten vorwärts. Auch feiesesmal wieder dasselbe Spiel mie an den Vortagen. Schon der Anfang der Sitzung zeigt, daß man von festen der Kommunisten die Obstruktion und auch die Störungen sortzusetzen beabsichtigt. Die Linke hat ihr Häuflein von Abgeordneten zusammen, die andern Bänke smd nur schwach besetzt. Man hält es für müssig, sich die Krakehlereien feer «Saulustigen Linken immer und ewig anzuhören. . ..

Vor Beginn der Sitzung hebt bereits die Störung an. Der Kommunist Katz beantragt die Absetzung oes Gegen- sianfees von der Tagesordnung, die Geschäftsordnung soll nicht weiter beraten werden. Es ist selbstverständlich, daß man dieses Ansinnen ohne Umschweife adlchnt. Dir Be­ratung der Geschäftsordnung wird also fortgesetzt. Man hat im AellestemÄ beschlossen, die Beratung der einzelne» Paragraphen Ä-schmttsweise zufammenzusassen und die Redezeit bei jedem Abschnitt und für jede Fraktion bei einer Redner reihe auf eine Viertelstunde festzusetzm, die namentlichen Abstimmungen sollen zu einer späteren Ta­gesstunde gemeinsam Dor.genomrr.en werden. Diese Mit­teilung des Präsidenten verursacht Sturm und großen Lärm ta-fettigen, taten durch diese weste Maßnahme die Lust am Obstruieren beeinträchtigt und beschnitten wird. Frech- hest und Schufstgkest, bas sind die Zornesausbruche, mit denen man auf kommunistischer Seite die Besstmimungen des Aeltestenrates aufnimmt. Es find Worte, die im kom­munistischen Jargon zur Regel geworden sind. Die extrem« Linde wchrt sich in kurzer GeschäftsordnungsLebatte gegen jene wohlverdiente und berechtigte Maßnahme.

DM Reigen beginnt in der Debatte zu den einzelnen Abschnstten beim Kapitel 2 die kommunistische Abg. 3rau Wolfstein. Die Art ihres Austretens ist bezeichnend für di« ganze Kommunistengenossenschast. Sie mallen die par­lamentarische Arbeit nicht nur stören, sondern auch ver­höhnen. Diese chrenwerte Kommunistin schlägt also vor, man möge eine automatische Vorrichtung schaffen, durch die im gegebenen Moment sich eine Schlafmütze auf das Haupt des Präsidenten herabläßt, wenn er wie neulich vergessen sollte, bei Unterbrechmig der Sitzung sich fein Haupt zu bedecken. Mst beißendem Spott fügt sie hmzu, daß dies vielleicht auch deswegen ganz zweckmäßig sei, west er gegen WitternngsemWsie nicht genügend ge­schützt sei. Weit der Präsidentenglocke, mit den drei auf dem Präsidium neben ihm aufgepflanzten Leutnants der Sippe und unter dem Schutz der elektrischen Zipfelmütze könne er bann über dieses Haus mit brutalster Hausknechtsmanier herrschen. Das ist so öle Tonart, mit der die Kommunisten die Debatte führen. Gassenbübenspräche! Heraus mit dem Maulkorbgesetz; diese Leute verunglimpfen das Parlament, denn sie wissen mit ihrer Sprache nichts anderes anzu­fangen, Äs m pöbelhafter Manier jede ernste Arbeit zu fabbotieren.

3m Hin und Wider der Debatte schreitet die Bespre­chung weiter. Den Höhepunkt erreicht sie bei den A us- fuhrungen des Mehrheitssozialisten Abg. Grzeczlnskl. Das ist der Mann, dem die Kommunisten die Schuld an dem berühmten Ordnungsparagraphen 59 der Geschäftsordnung beimessen. Auf ihn hat man es ab­gesehen. Das anfängliche Dazwischeniärmen während sei­ner Rede steigert sich an manchen Stellen bis zum Tumult. Die Lungen reichen scheinbar nicht mehr aus, da greift man zu der Trillerpfeife. Man will gesehen haben, daß Frau Rosi Wolfstein dieses mark- oischütternde Instrument ausgezeichnet zu handhaben weiß. Homerisches Gelächter mischt sich in das Stimmungsgewirr der Kommunisten. Ruse ertönen: Das ist kein anständiges Parlament! Pöbelhaftes Gesindel! Ordnungsrufe von Sei­ten fees Präsidenten fallen hierhin, dahin. Wen sie treffen, der Tumult verschlingt es. Die Trillerpfeife mischt sich ohne Unterbrechung in den Lärm. Der Abg. Piek ruft dem Redner zu: Du bist der Schuft, der bieten Paragraphen ausgeheckt hat. Und so geht es während der Rede bes Herrn Ereezinski lustig weiter.

Wahrhaftig: mit Recht erhebt sich hier die Frage, ist das wirklich noch ein anständiges Parlament? Dringender beim je wird der Ruf nach der neuen Geschäftsordnung, damit solchem Treiben endlich feie Zügel angelegt werden. Denn so kann es wahrhaftig nicht wciteraehen. Das Par­lament ist eine Stätte der ernsten Gesetzesarbeit zum Wohle an Volk und Vaterland, es ist das Haus dos Willensaus- drucks des gesamten Volkes. Diejenigen, die es zu einem Tummelplatz für Kindereien und UnfiätigBeiten herabwür- Wigen wollen, müssen die Schärfe einer harten, aber ge­rechten Gefchästsgobahnung des Hauses fühlen.

Die Schmig zog sich über Mitternacht hinaus. Es kam noch zu heftigsten Zusammenstößen. Don den Kommunisten wurde Ni p u lve r gestreut. Der Db- georimete Katz nannte den PräsidentenSchuft", während feer Abg. Pieck Stinkbomben in das Haus warf. Ein anderer kommunistischer Abgeordneter, dem das Wort ent­zogen wurde, widersetzte sich und sprach weiter.

Um 1 Uhr nachts waren von den 100 von den Kom­munisten beantragten namentlichen Abstimmungen erst 30 erledigt. Man rechnete mit einer Sitzungsdauer bis in ü-e frühen Morgenstunden.___

Heues von Washington.

Die Ccntmbrüffungsfrcge. Beklemmungen Drisnds.

Der Sonderberichterstatter der Havasagentur me3>t: . -

Die Delegationen der fünf Großmächte haben dr Frage der Abrüstung zu Lande einer Prüfung uner­zogen. Dabei zeigte sich das Bestreben, eine Diskus­sion über die Einzelheiten zu beginnen. B r i a n d sprach sich entschielden dagegen aus und erklärte, daß Frankreich w:gen u.'t unbestreitbaren Gefahren, die es bedrohten, sein Heer nicht va/mmdern könne und daß eine Einschränkung der Rüstungen unmöglich sei mangels einer von den anderen Möchten geleisteten Bürgschaft für seine Sicherheit. Die Frage wurde schließlich einer Recht-kommission, die aus den Führern der Delegationen der Großmächte besticht, überwiesen, welche einen Bericht verfassen soll.

Die Delegationen der fünf Großmächte haben ferner beschlossen, drei Unterkommissionen zu er­nennen, die dir besonderen Punkte zu prüfen haben be­züglich der Kontrolle der neuen Kriegs- Methoden. Die erste Unterkommission soll sich mit der Luftschisfahrt befassen, die zweite mit den Gascn und Gasgeschossen. Die dritte Unter» kommifsion soll auf Antrag Root die zu schaffenden Mit­tel prüfen, trm die Grundsätze des Völker­rechts, die aus den Krieg anzmvenden seien, aufzu- stellen. ___

ÄUS dem besetzten Gebiet.

Verringerung der anieristanischen Besatzung. Nach einer Meldung des .New gort öeralö aus Koblenz wird das erste Kontingent der amerikanischen Be-