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Fuldaer Zeitung

___________Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladl Aulda.

Nr. 256

Montag, 7. November 1921

48. Zahrg.

Bezugspreis. Monatlich 5.03 Ml. zugestellt frei ins Haus- 2 Abqeholi in der Geschäftsst.lle 4,60 WL s Anzeigen: Äletngeile nach C o i on eimaß 1 Mark; Rekiamez eile (lejpbreite' nach Tolane maß 3 Mar'.

Verantwortlich für den ceocmioneüen Teil: Dr. I. Kramer, 5.......! »nzetgen: I. Parzeiier-Fuwa. .-

Rotanonsdrucku. Verlag der Fuldaer udienbrarferei in Fulda. .«entioredier Ost. 9. Telegr.-Adreise: Fuldaer Zeitung.

Das Vaterland über die Partei

ist

Die Beisetzung der bayerischen Königspaares

ausersehen, nur Leid und Weh über ihn und die Sei. nen zu bringen? Wie ein niederschmetternder Schlag hatte das kurze Schreiben auf ihn gewirkt, das er zwei Tage nach jenem beseligenden Abend im fiaufe feinet Direktors von Herrn Albrecht Hohenfels erhalten hatte Hunderte Mal hatte er die Zeilen gelesen und sich int mer wieder gefragt, ob es den» möglich fei, daß d« herrliche Mädchen da drüben wirklich von so oberfläch licher Gesinnung sei, wie dies aus dem Schreiben ihret | Vaters herauszulesen war. Die innigen Worte, rnti welchen sie ihn beseligt hatte, das warme, eine tief* empfindende Seele wiederspiegelnde Aufleuchten ihre, Augen, das sttahlende Glück, welches ihr ganzes Wesen in jener Stunde gezeigt dies alles sollte Lüge uni Trug gewesen sein, romantische Aufwallung, die sich bei nüchterner Ueberlegung wieder verflüchtigte?"

Meine Tochter," so schrieb Herr Hohenfels - hat mir mitgeteilt, daß sie am gestrigen Abend Wort» mit Ihnen gewechselt hat» aus welchen Sie folgern könnten, daß es ihr erwünscht sei, in nähere Beziehun. 9(n Zu Ihnen zu treten. Nach Lage der gegenseitige» Verhältnisse werden Sie einsehen, daß an derartig» Beziehungen unter keinen Umständen jemals gedacht werden kann. Ich halte es einerseits Ihrer Jugend, anderseits Ihrem Selbstbewußtsein zu gute, das Sic wohl am gestrigen Abend nach den auf gesanglichem Ge­biete errungenen Erfolgen erfüllte, daß Die den Ihnen einer jungen Dame von Familie gegenüber allein zu. stehenden Ton vergaßen und sich dazu hinreißen lie­ßen, eine romantische Aufwallung und vielleicht träum, selige Stimmung meiner Tochter zu benutzen, um dies« zu Versicherungen zu veranlassen, die ich wiederhole es niemals realisiert werden können. Da ich übrigens überzeugt zu sein glaube, daß auch Sie heute nüchter­ner über die Angelegenheit denken, appelliere ich <n 2hr Ehrgefühl und ersuche Sie, die Uebereilung meinet Tochter als das, was sie ist, zu betrachten und weder in Worten noch in Handlungen etwas zu unternehmen was dem tadellosen Ruf der jungen Dame nachteili» fein könnte. Hochachtungsvoll

Albrecht Hohenfels." Sortsttzuna folgt.)

Vorliebe gezeigt, so oft es anging, im Garten zu ver­weilen? Warum war der sonst so hochmütige Max Hohenfels ihm bei dem Festabend im Hagenschen Haufe so überaus freundschaftlich entgegengekommen? Sollte Max Hohenfels es gewagt haben, sich der Schwester zu nähern, sie mit feinem gleißenden Wesen zu betören? es war nicht auszudenken, welch' unendliches Leid der Armen dann bevorstand!

Er achtete nicht auf die weiteren Klagen der Mutter und auf die mitunter derben Einwürfe des Baiers; unverstanden verhallten die Worte an seinen Ohren und nur von dem dringenden Wunsch beseelt, allein zu sein, erhob er sich und verließ mit einem kurzen Gute-Nachi- grüß die Stube. Unwillkürlich lenkte er seine Schritte nach dem Garten, als könne ihm dort Gewißheit dar­über werden, ob ferne bangen Vermutungen sich be. ftötigten oder nicht.

Der Regen hatte nachgelassen 'An dem Firmamente jagten zerrisiene Wolken dahin, zwischen deren Lücken hindurch der Mond zuweilen fein silbernes Licht auf die in voller Laubpracht stehende Bäume und Sträucher ergoß. Er beleuchtete auch das stattliche auf der Iren» nungsmauer errichtete neue Eifengitter, dessen untere Verzierungen schon wieder von den Ranken des wilden Weins durchschlungen waren, sodaß man schon jetzt kei­nen freien Einblick mehr in den Garten des Nachbars hatte. Tiefe Stille ringsum. Zuweilen fuhr ein Wind­stoß rauschend durch die Zweige der Bäume, dem ein prasselnder Tropsenschauer folgte. Wie verloren tönte mitunter aus der Ferne johlender Gesang wadr- scheinlich aus einer der in der Schloßgasse gelegenen Bierkneipen. Helles Gelächter und Weiberstimmen klangen dazwischen die Leute amüsierten sich auf ihre Art.

Karl Hochfeld war in die Laude des Gartens ge- treten, von welcher aus, da sie etwas erhöht lag, man die Hinterfront des Nachbarhauses erblicken konnte. In trüben Gedanken schaute er hinüber. Sein eigener Kummer um feine hoffnungslose Liebe für die schöne Nachbarstochter trat vor der Sorge um die herzlich ge­liebte Schwester für Momente zurück. Waren denn | die Mitglieder der oornebmen Familie da drüben dazu

Der Mnistermord in Japan.

Wie aus New-Jork berichtet wird, besagt eine Meldung aus Tokio, daß der Mörder des Piemierministers Hara ein junger Mann aus Korea ist. Dagegen schoben Mitglieder der japa­nischen Delegation, die zur Abrüstungskonferenz in Washington weilt, die Ermordung des Minister­präsidenten einer Bande vonPatrioten" zu, Die unter dem NamenHouin" bekannt sind und d« vor einiger Zeit den AbteilungSches für den fernen Osten im japanischen Ministerium des Deußern er­mordeten. Dieser Mord kann eine große Rück­wirkung auf die Politik Japans in der A brüstunaSfrage haben, denn diele Politik wurde

Die Entthronung König Karls.

Die ungarische Nationalversamm­lung nahm in den oorgefchriebenen drei Lesungen den Gesetzentwurf über den Berlu st der Herscher- rechte des Exkönigs Karl und das Erlösche» des Thronfolgerechts des Hauses Habsburg an.

Die Agentur Orient Radio meldet: Karl und Zita von Habsburg sind mit dem Sonderzug von Orsova nach Galatz abgevnst. Sie werden unverzüglich auf das englische KriegsschiffCardiff" ge- bracht. Die Reise zu Land hat ihren Grund in dem niedrigen Wasserstand der Donau. Enalische Polizei- beamte übernahmen die Bewachung. DieCardiff" wird von vier rumänischen Torpedobooten begleitet.

Vor -er Zteuerdebatte im Reichstag.

Das Zentrum für die Kinderreichen.

Die Zentrumsfraktion des Reichstages hat e i n e b e. sondere Kommission gebildet, der die Aufgabe gestellt ist, alleoorliegendenSteuergesetz- entwürfe und bestehenden Stsuergesetze daraufhin eingehend zu prüfen, ob die WahrungderInte- refsen der kinderreichen Familien aus­reichend erfolgt ist.

Erforderlichenfalls hat diese Kommission durch Dor- lrgung entsprechender Anträge nach dieser Richtung hin notwendige Aenderungen nachzuhoien. In diesem Fall sollen d« Anträge gebührende Verwen­dung durch die Fraktion bei der Gestaltung der Sienergesetze finden. Der Kommission gehören an die Abgeordneten: Allekotte, Hoffmann - Ludwigshafen, Joos, Frau Neuhaus und Tremmel.

Trauerchoräle. Die Glocken läuteten. Trotz des herrschenden Sturmes kreisten Flugzeuge mit Trauer- Wimpeln über dem Kondukt. An der Trauer­feier im Dom nahm eine ganze Anzahl fremder Fürstlichkeiten, darunter der Infant Ferdinand Maria als Vertreter des Königs von Spanien, der ehemalige König von Bulgarien und das frü­here Großherzogspaar von Braunschweig und viel» fremde Diplomaten teil.

Im Dom hielt Kardinal-Erzbischof von Faul­haber die Trauerrede. Er gedachte in ergreifen­den Worten des Lebens und Wirkens des dahin­geschiedenen Königs, der seiner Familie das Bild eines arbeitsseligen Menschen, seinem Volke das Bild eines leutseligen Königs und seiner Kirche das Bild eines gottseligen Bekenners hinterlassen habe. Anschließend an die Trauerrede hielt der Bischofvon Regensburg das feierliche R e- q u i e m, bei dem die Domkapitulare assistierten. Rach dem feierlichen Libera wurden die Särge von Reichswehrsoldaten nach der Gruft der Wittels­bacher unter dem Hochaltar getragen, wo Kardinal Erzbischof von Faulhaber die Einsegnung vornahm. Prinz Rupprecht begleitete die Särge seiner Eltern nach der Gruft.

Damit hatte die Trauerfeier ihr Ende erreicht Ein Zwischenfall ist nicht vorgekommen.

Eine aufsehenerregende Kundgebung.

Anläßlich der Trauerfeier erläßt dos Hosmorschallamt eine Kundgebung des ehemaligen Kron. Prinzen Rupprecht, in der er erklärt, bie zakss- reichen Belleldskunbgebungen, die von auswärts leben- den Boyern in feinen Besitz gelangt, feien ein Beweis dafür, daß die Beziehungen, bie feit dreivierter Jahrtausende» bas bayerische Bott mH bem Geschlechte Wittelsbach ver- bhtben .sich nicht durch einen Federstrich lösen lassen. Sn der Kundgebung heißt es ferner: Mein hochfeliger Herr Vater hat den Kelch des Leidens bis zur Neige geleert. Nicht nur sah er sein auf bas Beste bes Landes gerich­tetes Lebenswerk zerstört, er mußte zu feinem Schmerze noch den Zusammenbruch bes Deutschen Reiches und auch noch bie in einem Augenblick her Verwirrung erfolgte Preisgabe ber für bas Bestehen Bayerns unentbehrlichen Rechte erleben. Gingetreten in die Rechte meines Herrn Vaters und im Treubekenntnis zu meiner bayerischen und deutschen Heimat, bin ich ver­pflichtet, diese fortzusetzen.

vas neue Preußen-Kabinett.

langem Hin und Her ist in später Stunde k1 ®am5*ö9 nun der Nachfolger Stegerwalds in der Person des Sozialdemokraten Otto Braun ge- Dähst worden. L e i n e r t, der Oberbürgermeister von Hanooer und Landtogspräsident, der zuerst als Mi­nisterpräsident in Aussicht genommen mar, hatte abgelehnt. Nach ihm war einige Stunden der Demokrat O e s e r als Ministerpräsident oorgeschla- gen. Die Deutsche Volkspartei schloß sich dieser Lö­sung im entscheidenden Augenblick nicht an Die auf 3.15 Uhr angesetzte Landtagssitzung mußte deshalb vertagt werden. In der Sitzung um 8.20 Uhr abends erfolgte dann die Wahl Otto Brauns.

Die beiden Sitzungen.

Die Nachmittagssitzung eröffnete Präsident Seiner! um 3.28 Uhr.

Abg. Dr. Porsch (Ztr.) beantragte auf Grund ber statt- Schabten Besprechungen bie Sitzung auf abends 8 Uhr zu vertagen. (Große Unruhe links.) Abg. Dy. Meyer-Ost- pveußen (S.): Meine Fraktion widerspricht diesem An­trag. Die anderen Parteien bis zur S. P. Dt werden noch einige Zeit brauchen, um sich über einen Ministerpräsiden­ten zu einigen. Wir möchten ihnen die Arbeit erleichtern, indem wir sie zwingen, gleich die Ko a 1 i t i o n S t i n n e s- Scheidemann zu vollziehen. (Heiterkeit bei den Kom- tmmiften.

Gegen die Stimmen ber Unabhängigen und Kommu­nisten wirb darauf Vertagung bis 8 Uhr abends beschlos­sen. (Stürm. Gelächter auf ber äußersten Linken. Abg. Eberlein ruft: Es lebe ber Parlamentarismus» Schluß halb 4 Uhr.

Sn ber Abenbfitzung Keß Präsident Leiner! so- for! bie Wahl bes Ministerpräsidenten vor­nehmen, bie durch Stimmzettel unter Namensaufruf er­folgt. Die Abstimmung raub Auszählung nahm über eine Stunde in Anspruch. Kurz vor halb 10 Uhr wurde bas Resultat verkündet. Es warm abgegeben 338 Stim­men. Davon fielen 197 auf Otto Braun (So,.), 83 auf W i n ck l e r (D.-NL), 23 auf Lew (1L), unbeschrieben waren 47 Zettel.

Ein Teil der unbeschriebenen Zettel rührte von den Kommunisten her. bie in Stärke von 20 Mitgliedern an« wefenb warm und diese Zettel ab gaben. Acht Stimmen waren zersplittert, drei davon lauteten auf Dei'er, einer auf Stegcrroatb, einer auf Noske und einer auf Stinnes. Die beiden letztgenannten Ergebnisse rouiben von ben Sonrmu- nisten mit Gelächter und lebhaften Zurufen aufgenommen.

Präsident Seiner! erklärte hiernach ben Abg. Braun als aewählt.

Die nächste Sitzung wurde auf Donnerstag, nachmittags 3 Uhr ,angesetzt mit der Tagesordnung: Entgegennahme einer Erklärung des Ministerpräsidenten: Aussprache dar­über.

Die neuen Nlänner.

Der Wahl des Ministerpräsidenten ging die Ab­machung über das neue Kabinett voraus. Das Mi­nisterium enthält acht Mitglieder. Der Präsident verwaltet diesmal kein eigenes Ressort. Braun, der sozialdemokratische Leiter des neuen preußischen Kabinetts, kehrt in die Stellung zurück, die er bis zum Frühjahr bekleidet hatte. Das Innere geht an seinen Fraktionsgenosten Severing zurück, der damit in das von ihm unter starker Anfechtung der Rechten geleitete Ministerium zurückkehrt. Es war ein Hauptwunsch der Sozialdemokraten, diesen Posten wieder zu besetzen, und sie machten ihren Eintritt in das neue Kabinett davon abhängig. Der dritte Sozialdemokrat ist der neue Handelsminister S i e r i n g, ein Gewerkschaftsmann und früherer Mitleiter des Deutschen Metallarbeiterverbandes, der bis zum Anfang d. I. auf längere Zeit Beirat in dem ihm jetzt unterstellten Ministerium für Han- del und Gewerbe gewesen ist. Das Landwirtschafts­ministerium geht an den Demokraten Dr. Men­

dorf, der nach der Revolution fast zwei Jahre lang die Regierung in Mecklenburg-Schwerin leitete. Wendorf ist selbst praktischer Landwirt. Das Zen­trum behält die beiden bisher ölii ihm innegehab­ten Aemter; Dr. Am Zehnhoff die Justiz und der bisherige Ministerpräsident Stegerwald die Volkswohlfahrt, die er feit der Errichtung des Mi­nisteriums in Händen hatte. Don der Dolkspartei übernimmt der frühere Oberpräsident von Hanno­ver Dr. v. R i ch t e r die Finanzen und der Soester Gymnasialdirektor Prof. B o e l i tz den Unterricht.

kratische Kritiker bedauern muß, nicht überall der Fall, auch nicht bei seiner eigenen Partei. Man hat eine lähmende Scheu vor der Verantwortlich­keit; man fürchtet, daß schwankende Wähler von ro- duften Agitatoren der Nachbarparteien abgefangen werden könnten; man behilft sich mit Halbheiten und ift stets darauf bedacht, sich die Hintertür zum Rück- tritt in bie bequemere Opposition offen zu hallen. Die Partei soll unbedingt in ihrer ganzen Herrlich, leit erhalten werden, und gerade durch diese ein­seitige, kurzsichtige Parteitaktik untergräbt man die Stimmung in ber Wählerschaft.

Wir wollen lieber wörtlich wiebergeben, was der Kritiker ben drei anderen Koalitionsparteien ins Stammbuch schreibt:

Die 6o$folbemo traten können nicht fruchtbare Arbeit leisten, wenn sie draußen im Lande durch ihre Un­terführer imb Parteivereine agitatorische Wettlaufe mit ben Kommunisten und Unabhängigen veranstalten.

Und bie Deutsche Volkspartei steht sich selbst im Wege, wenn sie sortfahrt, deutsch-nationale Agitation zu treiben.

An dem Schicksal ber demokratischen Partei ergibt sich deutlich, daß nichts gefährlicher und verderblicher ist, als Halbheit!"

Wir wollen bis große Koalition in Preußen gern als ben Anfang einer Besserung unseres Parteilebens begrüßen. Doch all bie Formalien bes Zusammenschlusses müssen ihre sachliche Bebeutung unb ihren praktischen Wert erhalten durch den rech- ten Geist ber wagemutigen und opferwilligen Ge­meinschaftsarbeit für bas Wohl ber Gesamtheit.

Man mag das schelten und es stellt sicher auch nicht I ein Ideal bar; aber es ist die natürliche Reaktion auf ben I Mißlnanch, den bie Poetel er, mit b" Gutgläubigkeit unb I dem Bert auen ber Wähler getrieben haben. Nicht min- | ber bezeichnend ist es, daß bas Zentrum sich m diesem I allgemeinen Rückgang ausgezeichnet gehalten hat. trotzdem I es besonders bedroht unb befehbet wurde. I Das ift kein Zufall, sondern bie Quittung herüber, daß I es (bas Zentrum) in den letzten Monaten w I r k l i ch e Po- I litik gemacht hat, bas heißt, die Stoatsnotroenbigfeit unter | Zurückstellung taktischer Gesichtspunkte ehrlich und ge- I radezu erfüllt!"

Das steht im Einklänge mit ben Tatsachen, wenn I auch bie Darstellung nicht bis zum letzten Grunde I der Festigkeit ber Zentrumswähler vorbringt. Diele Wählerschaft hat eine einheitliche, christ- I licheWeltanschauung unb gemeinsame ibeale Interessen von allerhöchstem Werte. Infolgedessen I kann sie den Verlockungen zu einer einseitigen ma- I legalistischen Nützlichkeitspolitik leichter widerstehen. I Zugleich aber gibt bas ideale Denken unb Streben den Zentrumswählern ein geschärftes P flicht - I 8 efühl. Sie verstehen unb würdigen es, wenn I ihre Vertreter nicht in ben Künsten unb Kniffen der Parteitaktik befangen blieben, sondern mit Wage- I mut eine großzügige Politik betreiben, um dem Da- I terlanb und dem Volke zu helfen, sogar auf bie I Gefahr hin, baß unter ben Last ber Derantwortlich- I feit unb unter ber oppositionellen Hetze bas engere Parteiinteresse zeitweilig leiben könnte.

I Was der Mann aus ber anberen Partei bem Zen- I trum zum Ruhme nachsagt, läßt sich kurz unb ge« I meinverstänblich ausbrücken in ber Feststellung: bas Zentrum hat wirklich bas Daterlanb über I bie Partei gestellt. Das sollte eigentllch bie I selbstverständliche Ehren- und Gewissenspflicht feder I braven Partei fein, aber es ist leider, wie der Demo«

hat er mir dies ans Herz gelegt unb mich gebeten, in diesem Sinne auf Dich unb die Mutter einzuwirken. Ich war ordentlich beschämt vor so viel verzeihendem Edelmut Wilhelm Friedwald ist ein ganzer Mann, ich glaube, daß Hedwig sich ein großes Glück verscherzt hat!"

Darüber ist gar kein Zweifel," meinte Mr Vater, und wenn ich mirs richtig überlege, bann hat ber Wilhelm recht! Was nutzen jetzt, nachdem es so weit gekommen ist, alle Vorstellungen bei dem verblende­ten Kind? Selbst wenn sie ihren Sinn ändern wollte Wilhelm Friebwald ist nicht ber Mann, ber sich i heute fortschicken läßt und morgen wiederkommü Dazu hat er zu viel Ehre im Leib! Den Herzenswunsch müs- sen wir begraben. Unbegreiflich wirklich von der Hed­wig, ben Mann aufzugeben! Sie schien doch im An- fang so glücklich mit ihm zu fein! Ha! sie sich am Ende in einen anderen vergafft?"

Wo benfft Du hin, Dctter?" warf Frau Hochfelb ein, iubem sie sich bie Augen mi! dem Ta'ch-ntuch wischie.Außer in die Kirche unb zu ein paar Freun- binnen ist Hebwig ja sei! ihrer Verlobung nirgenbsroo hingekommen! Wo soll sie da einen anderen kennen gelernt haben? Und wenn dies auch durch Zufall ge­schehen wäre unser Kind ist viel zu brav, als ba» sie auch nur in Gebauten eine Unfreue begeh! Nein, nein sie muß sich wirklich über ihr eigenes Empkin- getäuscht haben, als sie glaubte, sie hätte ben Wil- m gern!"

Bei ben letzten Worten der Mutter war Karl ein 'tümlicher Gedanke durch den Kopf geschossen. Wie Vater, hatte auch er bie Vermutung gehegt, daß s-ine Schwester eine Neigung zu einem anberen Manne im Herzen trage unb baß sie aus diesem Grunb- mit Friebwalb gebrochen habe. Wilhelm Friedwalbs Wesen unb Worte heute abend horten auch darauf hinge, beutet. Aber wer war ber Mann? Hedwig unterhielt keinerlei Verkehr, ber nicht unter Kontrolle ber Mut­ter staub. Sollte bas rätfelfjaft betragen ber Schwe. fter mit dem Umstande Zusammenhängen, daß die Schei- bewand zwischen den beiderseitigen Gärten gefallen war? Warum hatte damals Hedwig eine so ungewohnte

am Samstag in München unter großen Feier­lichkeiten erfolgt. Die Straßenzüge zwischen Lud- wigskirche und Frauenkirche, durch bie sich der Trauerzug bewegte, waren für den allgemeinen Ver­kehr gesperrt. Die Staatsgebäude und viele Pri­vathäuser waren schwarz geflaggt. Die Jugend hatte schulfrei, viele Geschäfte der inneren Stadt hielten bis Mittag geschlossen. Der Trauerzug, dessen Teil­nehmerzahl mit 30 000 angegeben wird, nahm um 8 Uhr früh von der Ludwigskirche seinen Ausgang. Voran schritten die Zivilvereine, militärische Ver­eine und studentische Korporationen. Die beiden sechsspännigen Leichenwagen trugen die Königs­krone und wurden unter Eskorte der Leibgarde in Weiß und einer Ehrenkompanie Reichswehr von den alten königlichen Dorreitern und Leibkutschern in blauweißer Hoftracht gelenkt. Den Särgen folgte der hohe Klerus, darauf die Mitglieder des vormals königlichen Hauses, das bayerische Gesamtministe­rium, die Vertreter des Landtags und die Genera­lität in großer Uniform. Der Aufmarsch nahm zwei Stunden in Anspruch. Musikkapellen spielten

Was da im Preußischen Landtag nun endlich mit vieler Muhe zustande gebracht wurde, ist die Form für die erstrebte Arbeitsgemeinschaft. Ob die Einrichtung ihren Zweck erfüllt und die drin­gend gewünschte Frucht bringt, hängt von dem Geist ab, den die beteiligten Parteien in die Werk­statt mitbringen.

Die Politik kann erst dann bester werden, wenn die Parteien besser werden; d. h. nicht bloß in Ein- zelheiten und Aeußerlichkeiten bessern, sondern in ihrem ganzen Sinnen und Trachten einen höheren Aufschwung nehmen. Die Voraussetzung dieses Aufschwunges ist die Erkenntnis, daß die bisher übliche Parteipolitik nicht auf der Höhe der Zeit stand.

Ein demokratisches Blatt, dieDost. Ztg." in Berlin, bringt eine scharfe Kritik über die Leistun­gen der Fraktionen in diesen kritischen Jahren, wo­bei nur eine Partei einen Lobspruch erntet, näm­lich das Z e n t r u m.

Der demokratische Bußprediger weist auf die jüngste Landtagswahl in Baden hin, wo plötzlich stattliche Fraktionen nicht-politischer Art entstanden sind, insbesondere Dauern verschiedener Richtung ihrer Partei den Abschied gegeben und Bauern ge­wählt haben. Dazu bemerkt er:

Die Jagd nach dem Glücke.

Erzählung von Fritz Ritzel.

Warum Hedwig ihn gebeten, sic freizugeben 00ru"r bat sich Wilhelm ausgeschwiegen," erwiderte der «ohn.(Er war auch durch kein Drängen meiner. as ?u antaffen, nur eine Andeutung zu machen. Hedwig habe ihm erklärt, - damals am Tage vor fei. ncr Avreife sie fei zur Erkenntnis gekommen, daß sie >yn nicht wirklich liebe da habe er als Ehren- mann sie freigeben müssen. Wcärercs war nicht aus ihm herauszubringen. Der arme Kerl tut mir leib; bie ®°d,e.^Jufdjtbar nahe zu gehen er muß fjebmtg leidenschaftlich gern gehabt haben!"

, Etwas, so etwas, bas ift ja nicht zum

glauben, klagte bie Mutter.Jetzt glaubten wir das Kmd versorgt, waren froh, baf) sich ein braver Mann für sie gesunden hat unb sie selbst oerbirbt sich ihre ganze Zukunft!"

Und schluchzend verbarg fte ihr Gesicht in den Hän- oen.

-Da werde ich aber einmal ein ernstes Wort mit hem Madel reden! Das geht denn doch über das Boh- «enlieb, einem Mann wie dem Wilhelm den Stuhl vor die Türe zu setzen!" begann Meister Hochscld wie­der.

An der Sache selbst ändert das nichts!" beschnuch. tigte der Sohn.Du schaffst Dir nur unnötige Auf. «gung, Vater, und Wilhelm Friedwald läßt Dch und die Mutter dringend bitten, Hedwig keinerlei Vorwürfe »u machen. Hedwia befinde sich in einem Gemütszu- ftor.be hat er gesagt daß sie nicht anbers habe hanbeln können; er müsse sie ganz entschieben bargen verteidigen, daß ihr Zurücktreten von dem Verlöbnis Mir einer Laune entsprungen sei und was dergleichen Redensarten mehr waren. Wenn Ihr Du und bie butter auch nur ein bißchen Freunbschaft unb Wohl, wallen für ihn übrig hättet, bann möchtet Ihr, wie gc= j°3t. Hebwig keinen Vorwurf machen unb auch feine Gärungen von ihr fordern. Nicht einmal zehnmal