Fuld aer Zeitung
Amilicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 255.
Verantwortlich für Den ceDautonellen Teil: Dr. I. Kramer, = für die Anzeigen: 3. Parzelier-Fulüa. z Rotationsdruck u. Verlag Der Fuldaer Stdienbratferei in Fulda, ffemiprerbet Nr. 9. Teleqr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.
Samstag, 5. November 192L
Bezugspreis: Monatlich 5.0J Bit. zugestellt frei ins Haus- z Abqeholl in der Geschästsst, lle 4.60 Mk.
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Retlamezeiie (lettbrei’ei nach Colone maß 3 Marc.
48. Zahcc,.
„groy RWmm Leimt.
Die Regierungsbildung in Preußen.
' Ein Wolff-Telegramm ans Bgrsin meldet:
Wie wir erfahren, haben sich Die Fraktionen des preußischen Landtages bei ihren gelingen Besprechungen über die Wahl des neuen Ministerpräsidenten «ruf die Person des bisherigen soziaSdemokmtischen Land- iagSpräsLoenter! Leinert geeinigt.
Wie weiter verlautet, sollen für das neue preit- ßische Kabinett' folgende Persönlichkeiten in Aussicht genommen worden sein.
Inneres: Severing (Soz.),
Handel: Braun (Soz.),
Lwchwirtschaft: Wendorff (Sem.),
Kultus: Campe (D. 23p.),
Finanzen: Leidig (D. Dp.) oder Dr. Richter (D. Vp.),
Justiz: Am Zehn ho ff (Ztr.),
Wohlfahrt: Lauscher (Ztr.) oder ein anderer Zen- inimsmann.
Die offizielle Wahl des Mimsterpräsidenten wird in der heutigen (Samstag) Vollsitzung des Landtages erfolgen. Der neue Ministerpräsident wird dann die übrigen Mitglieder der Regierung am Montag ins Kabinett berufen.
Weiter wird gemeldet, dem „Vorwärts" zufolge seren vorläufig nachstehende Grundsätze für die Regierungsbildung unter den vier Fraktionen vereinbart worden: x.
Die Beamten find, unbeschadet ihrer politischen Meinungsäußerung, verpflichtet, die Verfassung des Staates gegen jedermann mit allen Mitteül in Schutz zu nehmen und aktiv für dis Autorität des gegenwärtigen Freistaates und der verfassungsmäßigen Regierung einzutreten, Schaffung eines zeitgemäßen Difzipli- nargefetzes, Sicherung des demokrati» fchen Selbstbestimmungsrechtes des Volkes in Staat und Gemeinde, Sicherung und Ausbau der sozialen Gesetze, Forderung einer durchgreifenden Iustizreform, größere Selbständigkeit der preußischen Provinzen; Absplitterungsbestrebungen von Preußen sind nicht zu unterstützen, lieber die Auseinandersetzung des preußischen Staates mit der Krone Hohenzollern konnte bisher ein Einverständnis der Parteien nicht erzielt werden.
Heute vormittag findet beim Landtagspräsidenten Leinert erneut eine interfraktionelle Besprechung statt, in der das Kabinett endgültig gewählt werden soll.
*
Durch obige Meldungen hat die bisherige Situation ein; rasche Wendung gesunden. Noch im Lause des gesttigen Freitag schien cs, als ob der B i l d u n g d e r großen Koalition schwere Widerstände sich ent« gegentücmten. Die Sozialdemokraten machten gegen die Zusammenarbeit mit der Dolkspartei Schwierigkeiten und wollten die sog. alte Koalition weder aufrichten. Wie verlautet, ist aber dämm in einer Frak- tionsfltzung der Mehrheitssozialisten mit 46 gegen 41 Stimmen grunüsä^ich der Einttitt der Sozialisten in die g r o ß e Koalition beschlvsien worden. Freilich wollen die Sozc-ilisten zur Belohnung außer dem Ministerium des Innern auch die Stelle des Minister- präsi'aenttn für einen der Ihrigen haben. An Stelle von Siegerwald soll Leinert, der bisherige Präsident des Abgeordnetenhauses, die Bildung des Staats- minisierimns übernehmen.
Diese Lösung muhet Herrn Stegerwald und der Zentrumspartei einen Verzicht, eine Art Opfer zu. Die Sache hat zwei Seiten. Die Würde, um die es sich handelt, war zugleich ein: Bürde. Wenn das Zentrum im Reiche den Kanzler und m Preußen den Ministerpräsidmjen stellt, so wird in der öffentlichen Meinung die ganze BeraMwortlichkeit 'für «re Reichs- und Staatsgeschäjte dem Zentrum zuge- tchoben. als ob diese Partei und die von ihr mtsgehcn- den Männer alles allein machen könnten. Du Wirk- .rchkcit müssen sie an allen Ecken und Enden der Wil- lenraeinunc; bei ko Merten Parteien und deren Der-
inL Kabinett Rechnung tragen.
Sozialdemokratie ist der Zahl nach die stärkste Pmner nn ^ankMge Wenn sic den Ministerpräsidenten stellt, so ist das leine Abweichung von der Regel. Es kann Joyor etne_ gute erzieherische Wirkung auf die "P?Ftri „®rc bekommt dann nicht bloß die sthn- ttchst erstrebte Verwaltungsmacht im Ministerium des Jtwern- sondem wird auch für die G e s a m t Politik hüftoar, und> «as gibt ein gewisses Gegengewicht gegen
Sap’iP!IS'j?®1 ^ider dieser Fraktion auch n:cht fremd gebueben ist. 1
5-®ir glauben n'cht, daß Herr Stegerwaid sich ärgert, »ernt er nen «einer Siiyphusarbeit als Ministerpräsi dem zu ferner freiem 01 w e r t f $ a f t (1g J n imb Wttgen fozta.po.in chen .Tätigkeit zurückkehren kann, -chn kann das Bewußtsein bezriedimm daß er durch 2* Zähigkeit und G-duld die großs Koalition oorbc' rette4 hat, dte letzt ,em Nachfolger besiegeln kann
In einigen Blattern wurde gesagt, das Zentrum werde hoffnttich nicht wegen der Prestigefrage oder der Per,onenfrax: die geplante Neuordnung hindern wollen Wn dürfen dazu fegen, daß das Zentrum niemals durch Eitelkeit sich vom Wege der Pflichterfüllung hat aöl-nken lassen. Auf „Prestige" kommt es gar nicht sondern nur auf die Wahrung der Gleichberechtigung unb den notwendigen Schutz für dte wichtigen- Ingressen der Partei. Ob diesen selbstverständlichen Forderungen in der neuen Ministerlifte Rech'mn.f getragen wird, muß sich ja bet den abschlie- Bcnben Verhandlungen zeigen. j
Auf der ankeren Seite könnte man ja die Defürch- tung aussprechen, daß derDeutschenVolkspar- t e i oder wenigstens ihrem rechten Flügel der Anschluß an die Regierangsksalition erschwert würde, wenn das neue Ministerium eine rote Priisidentenslagge führe. Aber es fchetm ja, daß die Deutsche Dolkspartei mit dem Ministerpräsidenten Leinert sich zufrieden geben w.ll. Wenn Herr von Campe ober ein anderes befähigtes Mitglied der Lettischen Dolkspartei das Kulttts- mimsterlum übernimmt, so ist das für uns noch eher erträglich, als wenn dieses Ressort einem weniger zuverlässigen Demokraten zufallen sollte.
Sollte das Experiment der „großen" Koalition in Preußen gelingen, so darf man man auch eine günstige Wirkung auf d i e Verhältnisse im Reiche erwarten. Einerstits wird wohl die Reichs- ragsfraktion der Deutschen Volkspartei sich wieder zu der Ansch'ußpcliti? ihres Führers Strefemarm bekehren, und andererseits werden die Sozialdemokraten im Reichstag aus der Wendung in Preußen wohl die Nutz- anwendung ziehen, daß man der Koalition keine Schwierigkeiten mehr machen darf. So wäre sowohl der endgültige Ausbau des Reichskabinetts als auch eur vernünftiger Ausgleich in der verzwickten Steuerfrage möglich.
Aber wir stehen erst im Anfang dieses Genesungs- proyf’ti. Zunächst muß der preußische Landtag y\= gen, ob er di: gegenwärtige Staatsrwtwmdigkeit rich. ttg verstanden hat. Darm wird sich weiter reden lassen über die fortschreitende Entwicklung von der engherzigen Fraktionspolitik zu einer großzügigen Gemeinschaft oer Arbeit am Gesamtwohl.
Die KreNtaMiott-
Bekanntlich schweben feit tanger« Zeit zwischen der Neichsregierung, der deutschen Industrie und der Landwirtschaft Verhandlungen zur Beschaffung von Goldwerten zum Ausgleich für die Reparationsschulden des Reiches, die zugleich auch als ein Opfer des Besitzes zum AusgleichderErhöhungder indirekten Steuern anzufehsn ist.
Heber den Stand dieser Angelegenheit, mit der sich der Reichsoerband der deutschen Industrie am Freitag erneut beschäftigt hat, wird mitgtteilt, daß zwischen verschiedenen amerikanischen Finemzgruppen und den b.'rufemm Vertretern der deutschen Industrie Fühlung in der Frage einer Goldanleihe genommen ist, ohne daß bisher irgend ein greifbares Angebot dabei herausgekommen märe. Ein einziges liegt allein vor von einem sehr kapitalkräftigen englischen Fincmzkon- zern. Das Angebot begiffert sich auf 25 Millionen Pfund. Diese Summe ist jedoch nicht mit 5000 Millionen Goldmark gteichzusctze-n, da es sich bei dem englischen Angebot naturgemäß um Papierpfutrd handelt, di? wesentlich schlechter als Goidpfund stehen. Sollte dies englische Angedo! zu einem Abschluß führen, dann wäre dadurch nicht die ganze nächste fällige Rate von 500 Millionen Goldmark am 15. Januar 1922 gedeckt, sondern nur ein bedeutender Bruchteil von ihr.
Der Reichswirischafisrai hat sich mit dieser Kredii- oktwn mm ebenfalls befaßt. Da ist es von Interesse, was der Berichterstatter Iustizrat Hachenburg u. a. ausgeführt hat. Er hat .zunächst fest gestellt, daß der Wille zur Erfüllung der ReparÄionsverpslichnmgen und die Unmöglichkeit dieser Erfüllung nur durch den Versuch der Erfüllung bewiesen werden könne. Er hat Vorteile und Nachteile der Krsditakkion bzw. der Goldanleihe gegen einander abgewogen und folgendes festgesteltt: Das Srfftem der Anleihe habe Nachteil,-, da es ungeheure Lasten auf die Industrie lege. Viel schlimmer aber sei d*r unmittelbare Zugriff auf die Sachwerte. Wenn kein Ausweg beschas- ren werde, werde es wahrscheinlich nicht zu vermelden sein, daß Deutschland sein Nationalvermögen l i q n i d i e r e n und selbst den Ausverkauf einleiten muffe. Helfen könne uns nur ein anderer Staat, der uns mehrere Goldmittiard-en leihe. Von dieser Kreditaktion fei nicht nur bi? Durchführung der Reparation, ionbern auch ein moralischer Gewinn zu erwarten Es sei feine Kleinigkeit, wenn der Besitz sich freiwillig dar- biete, Pfänder zu beschaffen, aber diese Freiwilligkeit fei auch notwendig, wenn man nicht dm Zwang herans- fordcrn wolle.
Für bas Zustandekommen.
Gestern beschäftigte stch das Präsidium des Reichsverbandes der deutschen Industrie mit dem Krcditangebot der Industrie. Wie der „Bert. Lokalanz." mitzuteilen weiß, ist d i e g r o ß e M e h r- heit des Präsidiums nach wie vor für das Zustandekommen des Angebots.
Deutscher Reichstag.
Beginn der Steuerberaknnoen.
Zunächst bewältigt das Haus die Kleinigkeit van 46 Kleinen Anfragen, die teilweise schon einige Wochen alt sind.
Den chauptgegenstand her Tagesordnung d->r Freitag. Sitzung bildet die erste Lesung sämtlicher Steuervorla. gen, die der Reichsfinanzminister Dr. fermes einbringt.
Er bezieht sich auf das Programm Dr. Wirths, der betont hat, daß alles versucht werden müsse, durch die Tat zu beweisen, daß unsere ganze Leistungsfähigkeit in den Dienst der Erfüllung unserer Derpflichungen gestellt werden soll. Diesem Gedanken suchen die vorliegenden Steuergesetzenkwürfe Rechnung zu tränen. Diese Steuern stellen die ungeheuerlich st e B e- lastunq dar, die je einem Volke zugemutet wurde. Gigantisch wie der vierjährige Heldenkampf des deutschen Volkes gegen eine Welt von Feinden, sind auch die Folgen für uns, die Unterlegenen. Der Minister glaubt aber, daß die neuen Steuerlasten, die jetzt dem deuttchen Do?ke aufgebürdet werden müssen, von ihm getragen werden können, wenn alle Kräfte, die im deut
schen Volke ruhen, vereinigt und zur höchsten Leistung angespannt werden.
Die vorliegenden Entwürfe weichen nur in wenigen Punkten von der Stellungnahme des Reichsrats und des Reichswirtschaftsrats ab. Sie gehen grundsätzlich keine neuen Bahnen, sondern wollen die bestehenden Steuern ausbauen, denn die neuen Einnahmen müssen möglichst rasch ohne erhebliche Störlwz-n des Wirtschaftslebens zum Fließen gebracht werden. Dazu aber ist der Zusammenhang mit der bisherigen Gesetzgebung notwen- big, Experimente müssen vermieden werden.
In seinen weiteren Ausführungen gibt der Minister eine Reihe Zahlen, so gibt er an, daß sich im außerordentlichen Haushalt ein Fehlbetrag von 53 Mil. Horben ergebe, der Anleihebcdars des Reiches für 1921 belaufe sich schätzungsweise auf 110 Milliar. den — die neuen Mehrausgaben für die Beamten nicht mitgerechnet! Der Minister bittet um schleunige Annahme der Gesetze, betont aber zum Schluß, daß ein wirksamer Ausweg aus unserer Not sich nur dann finden werde, wenn unsere Feinde einsehen werden, daß auf dem bisherigen Wege die Liquidation des Well, krieges nicht erfolgen kann.
Damit schließt die Sitzung. Die Aussprache über die eingebrachten Steuergesetze soll Montag beginnen.
Die Geschäftslage des Reichstages.
Der Aeltestenrat des Reichstages fetzte die Geschäftslage des Reichstages für die nächsten Wochen fest.
Am Montag und Dienstag wird der Reichstag d» Steuervorlagen beraten. Ferner werden die Interpellationen über die Valuta not, die Stillegung der Deutschen Werke, das Verbot der Landung russischer Schiffe im Stettiner Haff, die Preissteigerungen, die K a r t o f s e l s r a ge usw. in Verbindung damit behandelt werden.
Der 12. und 14. November sind wegen des demokratischen Patteitages sitzungsfrei. Sodann werden das Schulgesetz und die vvlk spott erliche Interpellation über die Vorkommnisse in der Pfalz auf die Tagesordnung gesetzt werden.
vor der Konferenz von Washington.
Der Präsident Harding der Vereinigten Staaten hat, wie unseren Lesern bekannt ist, eine sog. Abrüstungskonferenz nach Washington berufen. Wenn nicht alles täuscht, durfte diese Abrüstungskonferenz, deren Name aber nicht ganz zutreffend ist, da hier offenbar auch noch andere Aufgaben obliegen, das Schicksal jener Abrüstungskonferenz beschieden sein, welches der auf Anregung des Zaren Nikolaus einberufenen Abrüstungskonferenz im Haag vor einigen Jahrzehnten beschieden war.
Diese Konferenz in Washington sieht sich in der Hauptsache vor drei wesentliche Aufgaben gestellt. Erstens handelt es sich um die Entsch u ld u n g der Entente st aaten, die bekanntlich durch den Krieg den Vereinigten Staaten sehr stark verschuldet sind. Namentlich England und Italien, die sich der Hoffnung hingeben, daß in Washington die Möglichkeit gesunden wird, einen Erlaß ihrer Verpflichtungen an die Vereinigten Staaten zu erreichen.
Das zweite ist die A b r ü ft u n g s f r a g e. Die Vereinigten Staaten haben als Gläubiger der Militärstaaten Europas ein starkes Druckmittel in der Hand. Bei Amerika handelt es sich bei dieser Abrüstung in erster Linie um eine Einschränkung der Flottenrüstungen und zwar deshalb, weil damit auch die gefährliche Konkurrenz Japans ausgeschaltet wird. Auch England hat an dieser Frage ein Interesse, da es ihm bei dem dauernden Rüsten der amerikanischen Flotte auf die Dauer nicht möglich sein wird, gegenüber dem kapitalkräftigen Amerika gleichen Schritt zu halten. An dem Ah, bau der Heeresrüstungen ist in erster Linie Frankreich interessiert, welches die Mittel in Bewegung setzt, um der angeregten Abrüstung zu e n t g e h e n. Alle Schwierigkeiten, die sich in der alten Welt ergeben, werden von Frankreich in geschicktester Weise ausgenutzt, um den Vereinigten Staaten vor Augen zu führen, wie notwendig eine starke französische Heeresrnacht sei.
Die dritte Frage ist die ostasiatische bezw. die Vormachtbestrebungen im Stillen Ozean, die sich bekanntlich mft der Politik der Vereinigten Staaten kreuzen. In dieser letzteren Frage liegt unter Umständen der Keim zu einem gewaltigen Konflikt.
Eine Botschaft cm die Welt.
Aus Anlaß der Eröffnung der Konferenz wird Präsident Harding sich mit einer Botschaft an die ganze Welt wenden. Die Botschaft wird von dem Weißen Hause aus durch dieNewyorker Radiozentrale übermittelt werden und bei der Reichweite dieser Station werten alle drahtlosen Stationen der ganzen Welt die Nachricht aufnehmen können.
Der japanische Ministerpräsident erdolcht.
Zeitungsmeldungen aus Wafhingwn zufolge berichtet die amerikanische Botschaft in Tokio, daß auf den japanischen Premierminister auf einer Eisenbahnstation in Tokio ein Anschlag verübt worden ist. Der Ministerpräsident wurde durch einen Dolchstich lebensgefährlich verletzt.
Das Staatsdepartement in Washington hat später die ainllichc Mitteilung erhalten, daß der japanische Premierminister Hara Freitag abend gestorben ist.
ÄUS dem besetzten Gebiet.
* Der pessimistische Dorfen. Dieser Tape fand, wie die „Rheimlchp Zeitung" berichtet, eine Versammlung der Kölner Rheinlandbündler statt, zu der Dr. Dor. t e n aus Wiesbaden erschienen war. Die Versammlung war jämmerlich schlecht besucht: ganze 2 5 Mann waren anwesend. Dr. 2 ien gab in seinen Ausführungen rückhaltlos zu, daß feine feparati. stischen Pläne gescheitert sind
• Die an. rikamsche Besatzung. Wie „Slmaroc News' aus Paris mitteilt, hat General Sillen erklärt, daß eine Verkleinerung der von den amerilanffche, Truppen am Rhem besetzten Zone trotz der Vrrnngs rung der Truppenstärke nicht ftattfinbet.
kirchliches Leben in Zrankreich.
Unter der Uebeischrfft „Fünfzehn Jahre Trennung von Kirche und Staat" brachte eine der angesehenste^ französischen Zeitschriften, die „Revue des deux mon des", in den vergangenen Monaten aus der Fede von Georges d A v e n a l eine Aussatzfolge, die sick mit der Einwirkung des Trennungsgesetzes von 1. 3er nuar 1906 auf die katholische Kirche in Frankreich be. saßt. Die Tendenz der Artikel ist unverkennbar: di« Trennung hat b:rr Kirchenseinden nicht gebracht, mai Sie davon erhofften» aber auch den Katholiken nicht, was te davon befürchteten. Lassen wir das heute einmal auf sich beruhen, um uns den interessarNen^Angaben über das kirchliche Leben im karholischen Frankreich zuzuwenden, die anscheinend aus vorsichtigen Ermittlungen beruhen.
Wieviel Katholiken gibt es in Frankreich? Etwa 38 Millionen, sagt die Statistik. Aber so ist es hier nicht gemeint. Sondern die Frage ist: Wieviele von den kmhclisch Getauften betätigen sich noch durch Teilnahme am religiösen und kirchlichen Leben? Der Verfasser verhehlt sich nicht die Schwierigkeit, daraus eine mich nur annähernd zutreffende Antwort zu geben. Zwischen echter, tiefer und praktischer Religiosität und völliger Unkirchlichkeii liegen eben in Frankreich, wie überall, unzählige Zwischenstufen, die keine Stalistik z« erfassen vermag. Rur die sichtbaren Steuerungen kirchentreuer Gesinnung, durch Befolgung der Kirchengebote bezüglich Bcfuch der Sonntagsmesse und Empfang der Osterkommunion, können gewisse Anhalts- punkte geben.
So gesehen zeigen mm freilich zunächst die ein« zelnen Diözesen untereinander, je nach ihrer Vergangenheit, Lage und nach der ZusammensetzunZ ihrer Bevölkerung, die größten Unterschiede. Es gibt solche mit einer noch überwiegend durchaus kirchlich gesinnten Bevölkerung. Sie Diözesen in der alten Bretagne gehören dazu, einzelne in dcr Normandie und in den südlich angrenzenden Departements. 2m Osten zeichnen sich die Erzdiözesen B e s a n c o n und Chambery aus, im Süden Albi und Auch. H-er steigt die Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher stellen- weise auf 95 v. H. an, dir Zahl der Osterkommunr- jkanten bis zu zwei Dritteln der männlichen, vier Fünfteln der weiblichen Devölkerung. Daneben bieten andere kirchliche B-'zrrk- ein um so traurigeres Bild religiöser Apathie. Aber auch diese Ziffern sind noch mit starker Zurückhaltung auszunehmen. Karmi eine einzige Diözese hat einhestliche kirchliche Berhältnisi«. Vielmehr liegen oft in demselben Sprengel, besonders wenn er Landgcbiet und größer« Slädte, Landbau und Industrie um«schließt, die größten Gegensätze dicht beieinander. Hier eine Pfarrei, in der fast alle Männer ihre kirchlichen Pflichten erfüllen, und nicht weit davon entfernt eine zweite, in der fast die ganze Männerwelt in der Kirche fehlt. Ja, innerhalb der einzelnen Pfarreien verteilen sich die Kirchlichen und die Unkirchlichen oft in ganz sonderbarer Weise. Im allgemeinen ist auch in Frankreich das weibliche Geschlecht wttt kirchlicher gesinnt als das männliche. Es fehlt aoer auch nicht an Pfarreien, in denen die Frauen hinter den Männern zurückstehen.
Mit diesen Vorbehalten sind die nachstehenden mitt« l>rren Ziffern auszunehmen. 73 von den 84 französischen Diözesen, über die ausreichendes Material oorlag, glaubt bet Verfasser in folgender Weise gruppieren zu dürfen 27 von ihnen sind als „religiös" zu bezeichnen. Durchschnittlich besucht die Mehrzahl der Frauen die Sonntagsmesse und hält ihre Osterkammunion; von den Männern sieht man etwa die Hälfte in der sonntäglichen Messe, etwa ein Viertel zu Ostern an der Kommunionbank. 26 weitere Diözesen werden als -.lau" charakterisiert. Die Mehrzahl des weiblichen Geschlechts geht noch zur Sonntagsmesse, aber nur etwa die Hälfte erfüllt ihre Osterpflicht; ein Drittel der Männer besucht die Messe, 12—25 v. H. empfangen die Sakramente zur Osterzeit. Als „indifferent" müssen die letzten 18 Diözesen gelten. Nur eine Minderzahl der Frauen und Mädchen erscheint Sonntags in der Kirche, die Zahl der ihrer kirchlichen Pflichten genügenden Männer bleibt unter 12. v. H. Auf t)i< Gesamtzahl der französischen Katholikerl umgerechne: glaubt der Verfasser cmnehmon zu dürfen, daß etron Zwei Fünftel ihre Katholikenpflichten noch voll erfüttett, weitere zwei Fünftel sich ihnen zeitweise oder tellweisr entzikhen und ein letztes Fünftel völlig und dauernd abseits sicht.
Sofern diese Angaben eikrigermaßen zuireffen, wird man zu gestehen müssen, daß bas Gesamtbild, wenn es auch tiefe Scholien ausweist, immerhin noch nicht so düster ist, wie man tn Anbetracht der außerordentlich schwierigen äußeren Luge unserer Glaubensgenosien in Frankreich bei uns vielfach befurchten zu müssen glaubte. Die Beobachtung, daß in den 15 Jahren nach ber -cremwng im kacholifchen Frankreich überaus eifrig und mit Erfolg gearbeitet worden ist, wird auch von anderen Seiten beftäi.gt. Beachtung verdient noch die B^nerrung^ d«ß ba$ religiöse Leben einst in den Stabten früher erkaltete und erstartte als auf dem dafür aber auch dte Wiederbelebung des Ka- iiouzismus heute gerade in den Städten die stärksten Wurzeln und die eifrigsten Förderer findet.
windthorft und Wilhelm H.
Bismarck teilt im dritten Bande feiner „Gedanken und Erinnerungen" einige äußerst abfällige Aeußcrun- gen Kaiser Wilhelms H. über Windthorst mit, die mir schon gelezenflich mitgeteilt haben. Demgegenüber nimmt in der „Germania" Ludwig Hermann Gelegenheit, die weitere Entwicklung des Berhältniffcs zwischÄi Windthorst ui.b Wilhelm II. zu skizzieren.
Danach bahnte sich die oeränderteStellung -esKaiserszuWindthorp alsbald nach dem