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Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 254.

Leraruworttich tüt Den n-oauioneUen Teil: Dr. I. Kramer, s für die äiyetgen: I. Parzeiler-FuiOa. = RoiaNonsdrucl u. Vertag bet Fuldaer AcNenbruckerei In Fulda. "Temiptetber Nr. 9. Telear.-äöreife: Futbaet Zeitung

Freitag, 4. November 1921.

Bezugspreis: Monatlich 5.0J IRL zugestelli frei ins Haus- - Abqehol, in ber Geschäftsstelle 4 60 2RL S Anzeigen: Steinbeile nach E a > on e 'maß 1 Mark; Sefiamebeiit (ieiitnette1 nach Colone maß 3 Mark.

48. Zahrg.

Um die große Koalition.

Die Wahl -es Rin sterprafidenten.

Die preußische Verfassung bestimmt, daß der Mini- strrpräsident vom Landtage zu wählen ist. Das fleht sehr schön aus, aber praktisch ist das Verfahren inrcht. Schon für die Berufung S.egerwalds, des dis» herigen Ministerpräsidenten, wurden zwei Wahlakte «wtwendig. Der Gewählte hat anscheinend durch feine parlamentarische Mehrheit eine höhere Autorität er­rangt, aber demgegenübn; st ht eine gewisse Gebunden­heit, da er doch die Voraussetzungen schonen will, con denen seine Wähler ausgrgangen sind. Wenn man schon den Staatspräsidenten sich sparen wollte, so hätte man es bef^T nach bei dem Berfahrm in der Notver­fassung belassen sollen, wonach der Präsident des Land­tages den Ministerpräsidenten berufen konnte. Das be­schleunigte die Lösung einer Krisis, erleichterte den etwa awtwendirtm W'chfel in der Person und gab dem Be­rufenen eine freiere Stellung über den Parteien.

Welchen Wert eine solche Bewegungsfreiheit haben -kann, hat sich soeben im Reiche gezeigt, wo auf Be­rufung durch dm Reichspräsidenten Ebert der bisherige Kanzler Dr. Wirth die Neubildung der Reichsregierung unternahm und durchführt«, ohne sich durch die endlosen Verhandlungen zwischen den Fraktionen aufhalten zu bassen.

. Bei der Entwicklung im Reiche wirkt« freilich we- tzemtich der außenpolitische Druck mit. Dieser Zwang zu einer schnellen Entscheidung machte sich bei preußischen Regierungsbildung nicht geltend. Doch Liegen andererseits für die große Koalition, d. h. für den Eintritt der Deutschen Volkspartei in die Regie­rung, die Verhältnisse günstiger, wie im Reich. Es er­scheint also immerhin möglich, daß in Preußen dir Anfang mit der erweiterten Koalition gelingen fönit«. Die Voraussetzung ist freilich, daß einerseits die beteiligten Parteien sich vernünftig zeigen und bnfcererfcib der geeignete Mann zum Ministerpräsiden- fen gewählt wird.

> In dieser Hinsicht ist cs nun bezeichnend, daß bis jetzt fein anderer ernsthafter Kandidat genannt wird, .wie Herr S t e g c r w a l d. Ob er eine dritte Wahl ormchmen wird, ist freilich noch abzuworten. Aber die ALgeordnelnn, die ihm ihre Stimme geben möchrcn. Müssen sich darüber klar sein, daß Stegerwald keine Flickschusternatur ist, daß er mit Halbheiten sich nicht zufrieden geben will, sondern nach wie vor festhält an dem Ziele, das er seit seiner ersten Wahl zähe ange- ^strettt ha.': diegroße Koalition, die endgültige, trag­fähige und gesicherte Arbeits- und Regierungsgemein­schaft.

Heu Stegerwald sagte soeben einem Vertreter der halbamtlichen Presse, die große Koalition sei in Preu­ßen schon seit vier Wochen möglich gewesim, aber man habe sich zurückgehaltcn, um zu gleicher Zeit auch für das Reich ein? Gesundung der Verhältnisse h?rbeizu- führm. Die Verwirrung im Reich veranlaßte ihn zu dem Z'ssatz:Sn Zukunft wird Preußen bei der Ge- staltung seiner parlamentarifchen Verhältnisse nach eigenem Rezepte arbeiten müssen, ohne auf Dor- ।Ränge im Reich Rücksicht nehmen zu können". Wir glauben, das ist mehr als pädagogische Warnung, oe als ernste Drehung aufznfassen. Jedenfalls wird Ste­gerwald sich freuen, wenn Preußen bahnbrechend auch zum Besten der Reichspolitik wirken kann. Aber eines ist ganz klar und zweifLlos: Stegerwald will sich und 'das Land mit der alten halben Koalition nicht ab» suchen.

Damit steht er offenbar im Einklang mit der Z e n- trumssr akt i on, aus ber er heroorgegangcn. Auch M Sentram muß unbedingt fordern, daß wir nun .endlich mrs den ewigen Krisen herouskomnien und etwas gründliches, hal-bares geleistet wird.

Demg>genub?r wird nun aber gsmetdnt, daß die 1"r'°ldemokratische Fraktion zu der Auffas- .Miss gekommen sei, die große Koalition sei s;ht nicht und nur die alte Koalition (Demokraten, So- fttatoemofraten unö Zentrum) fei zu erstreben. Wenn ^s zutresfen sollte, so könnte man den Verdacht nicht ES dkr sozialdemokratischen Partei darauf SS?*tJ°" ^,T preußischen Staatsmacht den 1 ,n* V e Hände zu bringen, und im- übri-

2)33 ro5rt Eigennutz

^"^Eenwkratie oder die anderen be- aSh ?ie engherzige Frakttvns-

Hrörh? för^neH nod? rncht hinaufschwingen können, so S Äf Är?lr? m ^ag? br^menb werden: "II un,tTe,VQrt'on immer die Last und die Der-

ASTIfür die Krisen, die durch die äderen Parteien heraufbe- ^rdm und bei deren Lösung man nicht diu Qi.l)OTip .kiüu ilth-i Guf uns nitnmf?

Die Herren dürfen nicht übersehe, daß die Zen­trumspartei siw nn, preußischen Staat cher m Xet XSwfJSaS »ließen kann, wie im außenpolitisch bedrängten Reich. Dann würde lick, «a »eigen, ob es ohne das Zentrum g^ht 1 Oie SentmmsfraMioit des Landtages Mm in ihrer Sitzung am Donnerstag zu der durch den Rücktrit' de- preußischrn StaatsminLLs g?- wiffenen neuen Lage Stellung Es wurde folaenher Bsschluß gefaßt:Bi? Zentrumsfraktion des Land- tages hält sowohl die Einbeziehung der Go - »ialdemo krati schen Fraktion wie der Fraktion der deutschen Volkspartei in me Regierung für di« st a a t s p o l i t i s ch e N o r w e n. I digkeit der Stunde."

Auch die andevm Parteien haben sich am Donners- * 9 vormittag Mit der Frage der Grundlagen zur 1 5*^1 Kabinettsbildung befaßt. Die D e u t ich e Vo !_Ps p a r t ei hat in ihrer Sitzung in Anwesenheit iwhrers der Reichstaasfraktion, Dr. Stresrmonn, , E» Beschluß gefaßt.Dir Fraktion beschließt die l

große Koalition zu fordern". Damit hat die Deutsche Volkspartei eindeutig ihren Willen bekundet, mit der Sozialdemokratie in eine Stegierung einzutreten.

Di« Demokraten haben sich für ein einerseits- anbvrerfeits entschlossen. Sie sind sowohl für die breit« Koalition, di« in erster Linie erstrebt werden müsse; fei diese unerreichbar, dann würden di« Demokraten sich für ein Uebergangsministerium einsctzen, schließlich aber auch in einer kleinen Koalition von Zentrum, Sozial­demokraten und Demokraten Mitarbeiten.

Die Sozialdemokraten stehen auf dem Standpunkt, zurzeit könne eine Koalition mit d r Deut­schen Vrlksparin t.:cht in Frage kommen. Dagegen fiien sie für die sogenannte alte Koalition aus Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten, die eventrrell später durch den Eintritt der Deutschen Dolksparrei, der zwei Sitze im Kabinett freigehaitm werden sollen, verbreitert werden könne.

Die deutschnational« Scmtrtagsfrattion hat beschlossen, mit den anderen bürgerlich« Parteien in der Frag« der Regierungsbildung Fühlung zu neh­men Durch diese Fühlungnahme soll verhindert mtr- dm, daß zur Leitung der preußischen Staatsgeschäfte ein Sozialdemokiat berufen wird.

Die Fraktionen der USPD, und der KPD. des pn?:schm ßanbfarveröffentlichen zur Regierungskrise in Preußen Erklärungen, in denen sie sich für die Bildung einer rein sozialist!- schen Regierung aussprechen. Sowohl die Un- abhängigen als auch die Kommunisten stellen eine Reih« von Forderungen auf und die kommunistische Fraktion fragt bte SPD. unb die USP., ob sie bereit seien, unter den von ihnen angegebenen Bedingungen die R gienmg in Preußen zu bilden, die sie parlamen­tarisch und außcnparlamentarisch unterstützm würden.

preußischer Landtag.

Dahl des Ministerpräsidenten am Freitag.

Der plötzliche Rücktritt der preußischen Regierung hctt mich für die Arbeiten des ßanürtaoes eine neue Lage ge­schaffen. Die parlmnentarffche Arbeit fft dadurch ins Stocken geraten. Denn zu größeren Arbeiten im Plenum wirb «s nicht kommen können, solange die Reoierangs- geschäfte vom zurückgetretenen Kabinett prooisorM ver­waltet weichen.

Dies« Tatsache fern am Donnerstag im preußischen Landtag deutlich zum Ausdruck; denn die anberaumte Sitzung war nur von kurzer Dauer. Ohne mfend eine Debatte wurden die vorliegenden Arbeiten schnell erledigt. Mit großer Aufmerksamkeit nahm das Haus durch den Mund des Präfrdenten Kenntnis vom erfolgten Rücktritt des Staatsrnnnisterrums. Präsident Seiner! las den Wort» laut der Erklärung vor. Diese lautet:Wir beehren uns ergebenst anzuzelgm, daß das Stsatsminffterimn in feiner Gei am'h eit am heutigen Tage zirrückoetreten ist. Rach ber Verfassung werden wir die lauf erden Geschäft« krs zu deren Uebernahme durch die neuen Minister roeiterfüfyren." Die Erlkäruna wird mit Unruhe auf der Rechten, mit Bei- soll auf der Linken entgegengenommen.

Die Besprechung bet Erklärung des Mi­nisterpräsidenten vom 21. Oktober über Obers chlesien wird auf Antrag des Abg. HeroD unter Wcherspruch der Kommunisten von der Taaerordmrna ab- oesetzt. Ohne Aussprache wird der Beschluß gefaßt, 6 Millionen Mark zur Unterstützung der 0PJL*r &ts Dppauet U nglsi cks zu genehmigen.

Danach wiich die Sißung abgebrochen und auf Freitag nachmittag 3 Uhr die nächste Sitzung anberaumt. Auf der Tagesordnung stchi di« Wahl des Ministerpräsidenten.

Deutscher KMsfaq.

Xacnngstfginn ttnb Arbeitsplan.

Nachdem einiae kleine Vorlagen Ausschüssen über, wiesen worden sind, beginnt die erste Lesung eines »on den Sozialdemokraten beantragten Gesetzes zur Ab- aMeruns der Verordnung über Lohnbe. fchlagnahme. Abg. Kayser (Sozi, der den Ent- wurf begründet, fordert eine weitgehende Erhöhung ber Psandunasgrenze der Löhne und Gehälter, da das Enstenzminimum oanz bedeutend geftiegen fei. Reichs- fusttzminister Dr. Radbruch stimmt dem zu und feIt mit, daß im Ministerium bereits ein enttm-echendei- Entwurf corfiege Die Vorlage wird schließlich dem R-chtsau». schuß überwiesen.

Auf der Tagesordnung steht dann ein unabhängig, sozialdemokratischer Antrag über di« Besteuerung des Börsenverkehrs Der Steuerausschuß har einstimmig einen Antrag Keil (Soz.) angenommen, wo­nach die Reichsregieruna ermächttgt wird, die Börsen, u m s a tz st e u e r z u erhöhen und auf Devisen au», zudehnen. Dieser Antrag wurde vorn Reichstag In zweiter und dritter Lesung einstimmig ohne Aussprache angenommen.

Abg. Dr. Gokhein (Dem.) begründet darauf einen Antrag, der Einspruch erhebt gegen die Verzöge, runa der Veranlagung und (Erhebung der Reichseinko mm ensteuer. Das Reich be­komme kein Geld in die Kassen, wäbrand später einmal erhebliche Anforderimaen an die Steuerzahler gestellt würden. Die Arbeiterschaft wird beunruhigt, wenn he sieht, daß sie selbst Steuer Zahlen muß und die reichen Leute noch nicht einmal wissen, w>e viel si- zahlen fal­len. Staatssekretär im Rcichsfinanzministrium Dr. Zapf erwiderte, daß alles geschehen lei, um die Veran­lagung zu beschleunigen, daß aber das Jahr noch »er. nehen werde, ehe sie abgeschlossen wird. (Hört, hört!) Wir befinden uns eben in einer Steuerreform der Län- ber. Gessngt es, die Veranlagung für 1920 noch im Laufe dieses Jahres zu beenden, so kann sich di- Der- a-Iaauna für 1921 fofort anschließen. Abg. All-kalte (Ztr.) verlanot Rücksichtnahme auf die St-uerpfrchNoen mit geringem Einkommen. Abg. Dr. 9«rh, (Una^h s beantragt, daß jeder Steuerzahler den von _ihm selbst angegebenen Steuerbetrug sofort selbst abführen soll. Abg. Dr. helsferich (Dnat. Dp.) hält die Steuerverhälk- niss» ebenfalls für unerträol'ck, Staatssekretär Dr. Zavf weist darauf hin. daß die Rückzahlung zu viel gezahlter Steuern zu einem Sturm auf einige Finanzämter a<- führt habe, sodaß deren Betrieb stillgelegt wurde. Abg. Dr. Lecker-Hesien (D. Bp.) beklagt ebenfalls die Ber. Zögerung der Steuerveranlagung. Die Anttäge werden darauf dem Steuerausschuß überwiesen.

Dar Haus vertagt sich. Freitag 1 Uhr: Anträge, Interpellation Müller-Franken (Soz.) über die Forde, rung der Entente auf Zerstörung derDeutschen Werte-, erste Lesung der sämtlichen Steuergesetze.

Der Reichstag wird demnach am Freitag die erste Lesung der Steuervorlagen beginnen. Wahrscheinlich wird der Reichs'inanzminister eine Er­klärung abgeben und bann die Satzung abgebrochen w:r. den, um den Parteien Gelegenheit zu geben, zu der Regierungserklärung Stellung zu nehmen. Die Au», spräche würde dann am Samstag beginnen. Es w rv damit gerechnet, daß mit der ersten Lesung der T euer. Vorlagen und einigen andern Arbeiten der Reichstag bis zum Ende der nächsten Woche beschäftigt sein wird. Es wird dann voraussichtlich eine Pause eirtreter«, um den Steueraus'chüssen freie Zeit zu möglichst rascher Beratung der Steuervorlagen zu geben.

Für die Beratung der Steuerauslchüsse wird mit einer Zeit von wenigstens 4 bis 5 Wochen gerechnet, sodaß die zweite Lesung der Steuervorlagen im Plenum wahrscheinlich erst im Januar wird vor- genommen werden können.

Die ttreüithilse der Industrie.

Der Reichsverband der deutschen Industrie hat sich mit der Kredithilfe der Industrie beschäftigt, lieber den Stand der bisherigen Besprechungen mit ausländischen Finanzgruppen teilt derLvkalanz." mit:

Zwischen verschiedenen amerikanischen Finanzgruppen einerseits und Vertretern der deutschen Industrie andererseits wurde Füh­lung in der Frage einer Industrieanleihe genommen, ohne daß bisher ein greifbares Angebot herausgekommen wäre. Rur von einem sehr kapi­talkräftigen englischen Finanzkonzern liegt ein An­gebot vor, das sich auf 25 Milliarden Papiermark beläuft.__________________ _______________

Gegen die Zerstörung

derDeutschen werke".

Sie Arbeiterschaft der Deutschen Werke in Spandau nahm in zwei großen Versammlungen zu den Zerstörungsforderungen der Entente Stellung.

Es wurde mitgeteilt, daß voraussichtlich in den nächsten Tagen eine Arbeiterkommission bei dem General Rollet vorsprechen wird, um ihm über die Wahrheit und die Forderungen der Arbeiter zu berichten. Sollten die Verhandlungen ohne Erfolg sein, dann lehnten die Arbeiter es o b, irgend­wie an der Zerstörung der Werke mitzuarbeiten. Keine Schraube solle von einer Maschine entfernt werden, kein Stein weggebracht, kein Hammer für die Entente berührt werden. Sollten Arbeiter nach Spandau kommen, um für die Entente die Arbeit zu leisten, wolle man ihnen gründlich heimleuchten. Alle Arbeiter Deutschlands müßten in dieser An­gelegenheit solidarisch sein.

Ärbeltsruhe am 9. November, dem Revolutionstag, wollen die Kommunisten in Berlin erzwingen.

Nach einer Meldung der ,Roten Fahne' haben die Funktionär« der Gemeindebetriebe Berlins am Mittwoch abend beschlossen, daß die Gemeindebetriebe den 9. November durch AtbeiiSruhe feiern und di« Arbeiterschaft auf die Bezahlung verzichten soll. Die Kommunisten werden allerdings mit ihrem Vor­gehen allem Anschein nach wenig Glück haben, denn die Gewerkschaftskommission, die oufge» fordert wurde, sich diesen Beschluß für die gesamte Berliner Arbeiterschaft zu Eigen zu machen, hat e» ab gelehnt, sich mit diesem Antrag überhaupt zu befassen.

Die ,Roie Fahne' hetzt infolgedessen gegen die Gewerkschaftskommission und fordert die Berliner Arbeiterschaft auf, zu dem Verhalten der Gewerk­schaftskommission Stellung zu nehmen nnd den 9. November durch Arbeitsrühe zu feiern, nicht,weil «t ein Feiertag, sondern weil er ein Kampftag, ein Tag der Heerschau, der Rüstung fein soll." Mit diesen letzten Woiten verrät die ,Rote Fahne" ganz deutlich, welche Zwecke die Kommunisten mit ihrem Vorgehen verfolgen. Die Berliner Arbeiterschaft hat aber in den letzten Jahren so viel schlechte Er­fahrungen mit den Lockrufen der Kommunisten ge- macht,'daß das Verhalten der Gewerkfchaftskommis- sion nur zu verständlich ist.

Erhöhung der Renten.

Der sogiafpolitffche Ausschuß des vorläufigen Reichs- wirffchastsrotts beriet am 2. November den vom Reichs- arbertsminflfterium emgegangenen Entwurf eines Gesetzes über Notstandmaßnahmen zur Unterstützung von Empfängern von Ren- t en aus der Invalidenversicherung.

Nach diesem Entwurf soll ein Gesamteinkommen von 2100 Ji für JmxttDen. und Altersrentenempfänger, 1500 Mark für Witwen- und WLwenrentenempfänger, 800 <M. ' für SBcifenrentenempfänger erreicht werden, wobei alle sonstigen Einkünfte aus Erwerb ober öffentlichen Ein­richtungen mrzurechnen sind. Als Träger der Mehrlasten sind Reich, Sanier und Gemeinden zu je einem Drittel vorgesehen. Die Durchführung des Gesetzes soll den Ge­meinden übertragen werden unter Beteiligung ber Dersichenmgsämter.

Der Ausschuß lehnt« ben Entwurf grundsätzlich a b. Er war der Ansicht, daß in ihm bas Picnzip ber Sozial. Versicherung, nach dem Renten einen Rechtsspruch borstel- len, zugunsten des Fürsorgeprimips aufgegeben worden sei. Die Höhe der vorgesehenen Bezüge sei unzureichend. Er präzisierte sein Gutcchien einstimmig in folgenden Richt­linien: 1. Bedürstigkeitsstage. Infolge der Gelden'wer- taug besteht allgemein für die Invalidenrentner die Not­wendigkeit von Rentenzuiogen. Die Einführung des Be- dürftigkeitsbegrifses in die Soziolvelsicherung ist abzuleh­nen, da sie dieselbe aus einer Dersicherungs. zu einer Für- sorgeemrichtung machen würbe 2. Anrechnung anderweit!, ger Bezüge aus öffentlichen Fürsorgeeinrichtungen insoweit angerechnet werden können, als sie 600 <M. übersteisen. 3. Die Gelamtkosten einschließlich der Verwaltungskosten

sind vorn Reiche zu übernehmen. Zur Deckung sind in erster Linie die Einnahmen aus der sozialen Aussuhr- abgabe heranzuziehen. 4. Ausführungsorgane sind für bie Festsetzung der Renten btejenigen Versicherungsträger, dje die normalen Renten sestsetzen, für die Auszahlung bie» fertigen, die de normalen Renten auszahlen. Die Mit- wirlung der Reichspost darf feine besonberen Kosten ver­ursachen. 5. Für die Angestelltenoersicherung gelten di« gleichen Rentenzuiagen wie für die InvalDenverstchenmg. 6. Als Mindestsätze werden folgend« Gesamtbezüge vor- geschlagen: 3000 M für Invaliden- und Altersrenten-

empjänger, 2100 M für Witwen- und Witwerrstten-

empfänger, 1200 M für Waisenrentenempsönger. Sei

weiterem Sinken der Kaufkrast des Gelbes sind dies« Be­züge entsprechend zu erhöhen. 7. Berufung ist einmalig an das Oberversicherungsamt bezw. an dos Schiedsgericht ber Angestelltenversicherung zulässig.

Der Abg. Moldenhouer hctt im Reichstage eh« An­frage eingebracht, ob bie Regierung bereit sei, di« So­zialrenten vom Steuerabzug zu befreien.

Der Reichsrat hat den Gesetzentwurf über die Rett, standsmaßrahmen zur Unterstützung von Rentenempfän­gern aus der JnvaffLerwersicherung mit der Aenderung angenommen, 10 Proz. ber Kosten den Gemeinden unb 90 Proz. dem Reiche aufzuerlegen.

Die Rartoffelfrage.

Ein Berftner Mtttagsblatt bringt folgende Mel­dung:

*3n einer Sitzung der englischen Sanbtoirt« schaftSkam m er klagte Lord BlediSleS über die große Einfuhr von deutschen Kartoffeln. Der Red­ner sagte, die Kaitoffeln kämen anscheinend au#. Holland, in Wirklichkeit aber feien es deutsch« Kar­toffeln, bie auf otefe Weise ben Extra-Einfuhrzoll von 34'/» v. H. sparten. Die Aussichten für bie englischen Kartoffelbauer toütben im nächsten Jahre sehr schlecht sein, wenn diese Einfuhr nicht behindert werbe. In einer Entschließung wurde bie Regierung aufgefordert, der Angelegenheit ihre Au merksamkeit zu widmen."

Wir können zunächst nicht glauben, schreibt zu dieser M Ibung derDeutsche", daß der Bericht de# Lord Bledisles übe, Haupt auf greifbaren Unterlagen fußt, zumal von deutschen zuständigen Stellen deS öfteren erklärt worden ist, daß größere Kartoffel» idjiebungen nach dem Auslande nicht nur nicht statt- fänden, sondern überhaupt unmöglich seien. Sollte jedoch die Untersuchung und eine solche ist auf da# bestimmteste zu fordern den eng- lischen Bericht auch nur zum kleinste« Teile be­stätigen, so wäre daS ein Zeichen davon, daß das Ernährungsministerium in feinem System der Er- fassung der Kartoffeln von falschen Voraussetzungen ausgegangen ist und daß die bisherigen Maßnahme« bei weitem nicht genügen, um die Versorgung Deutschlands sicherzustellen.

Kartoffelnot und Aufruhrpläne.

AuS Anlaß ber Kartoffelnot erläßt Obeipräsidem Hörsing von der Provinz Sachsen einen Aufruf, in dem es u. a bei ft r.

.Mit allen Mitteln mutz dahin gestrebt werden, daß möglichst schnell und in genügenden Mengen Kar- toffeln der verbrauchenden Bevölkerung zugeführt werden, wenn ernste Unruhen und Gewattmatz- nah men seitens der Verzehrenden gegenüber der land­wirtschaftlichen Bevölkerung vermieden werden sollen, lleber die Möglichkeit bevorstehender Unruhen liegen hier sichere Nachrichten vor. Im Interesse deS öffentlichen Friedens richte ich das dringende Ersuchen an die LandwirtschaftSkammern, ihren ganzen Einfluh aufzubieten, um die landwirtschaftlichen Kreise zu einet reichlicheren, billigeren und schnelleren Hergabe der Kartoffeln zu veranlassen.-

Das Attentat auf Ruer.

Wie aus München gemeldet wird, hat der baye­rische Landtagsabgeordnete Auer eine Anzahl wei­terer Drohbriefe erhalten. In einem der Brief« heißt es, daß Auer Weihnachten nicht mehr erleben werde.

Gegen den früheren Einwohnerwehrführer Kanzler ist ein Ermittelungsverfahren wegen Auf­forderung zum Morde eingeleitet worden.

Ans dem besetzten Gebiet.

* wieder deutsch! Nachdem bei der endgültigen Grenzsestsetzung vor kurzem die Gemeinde LoSheim von Belgien an D eutschland zurückgefallen ift, ist am 1. November die deutsch-belgische Grenze de» Kreis«» Eupen weiter dahin abgeändert worden, daß bet süd­westlich deS Kanals von Ronheide an bet Bahnlinie Aachen-Montzen und Aachen-Etgenrath liegende Streifen de» Kreises Eupen, sowie ein kleines Gebiet nördlich von Raeren an Deutschland zurückgefalleu find. Eine Abordnung der Stadt Aachen, der das Gebiet vorläufig angegliebcrt wird, hat Dienstag den Bewohnern der genannten Gebiete diese Mitteilung überbracht. Ueberall herrschte genau wie in LoSheim freudige B eg ei st«, rung,.bie spontan zum Ausdruck kam. Gleichzeitig wurde in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November die Verwaltung der auf deutschem Gebiet liegen­den _ Bahnstrecke Roetgen-Palter»Herberg gemäß dem Versailler Friedensvertrag von Bel gie» übernommen.

Deutscher Reich.

* Berlin, 4. Nov. Bon zuständiger Seite wird mitgeteilt: Der Besuch des Reichsbankpräsi­denten in London bezweckte ausschließlich die Er­örterung banktcchntscher, den Geschäslsverkedr der Reichsbank mit der Bank von England betreffender Fragen. Mit Anleihe- oder Kredit Verhandlungen »and «r überhaupt nicht im Znsammenbange Insbesondere bat der Reichsbankpiäsident auch mit dem Hause Roihschild keinerlei derartige Verhand­lungen eingeleitet oder geführt.

* Die bayerische Fremdrnverordnung. Di« .Bayerische Staatsz-itun V teilt mit, daß, entgegen der Meiniing-äußeiuna in der sozialistischen Preffe, die bayerische Fremdenverordnung vom 27. Juli 1921, die sich auf Ausländer bezieht, nicht als aufgehoben zu erachten ist, sondern bis auf weiteres noch Geltung habe» soll. Der Standpunkt!