Fuldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadk Fulda.
Nr. 253.
Leranrwonlich für ö«ri .eoauioneUen leit: Dr. I. Kramer, - für dir 2ln,teigen: I. Parzen er-Fulda. = Rotationsdruck u. Verlag der Huldoer ildienbratferel in Fulda. Serniorectier Nr. 9. Telegt.-abrefie: Fuldaer Leitung
Donnerstag, 3. Nov. 1921«.
Bezugspreis: Monoriich 5.0J Hit. zuzelteLr frei ins Haus- 2 Abgehoii in der Gefchäjtsst.lle 4.60 DU.
Anzeigen: Rle inj eile nach C o.one'maß 1 Mark; fNefiamejeiit (leiihittiti nach Colone maß 3 Uiar'.
48. Zahrg.
Sin Urteil Lb.r Dr. Wirth.
Im .Berliner Tageblatt kommt Theodor Wolff, onkniipfend an den soeben erschienenen zweiten Band von Betdmann.HollwegS „Betrachtungen zum Welt, krieg", wozu er bemerkt, daß für den verstorbenen Reichskanzler ebenso w e für jeden,,3'bt'gkmnten" der Kampf gegen die Militärs, die Annexionisten, die Ü-Boot'Apoüel und die Leute mit den guten Ämerikawitzen während des Krieges aussichtslos gewesen sei, auf den gegenwärtigen Kanzler zu sprechen:
»Walter Rathen au hat in seiner Frankfurter Rede aesa, t, Wirth sei unter den zehn letzten Reichs, kanztern derjenige, der die besten staatsmännischen Qualitäten besitze, und er hat den vortrefflichen Sah gesprochen: »Wir muffen lernen, Fiidrer zu erkennen." Es ist. nicht leicht, nachzurechnen, wie weit man beim Zählen biS zehn in die Vergangenheit zurücktauchen mutz, aber die Führer-Eigenschaften WirtdS können von niemandem geleu net werden, der sich nicht durch Parteiwut, Eifersucht und andere ekelhafte Kleinigkeiten beeinflußen läßt. Herr Wirth bat vor allem jene Entschlußkraft, zu der Herr v. Beihmann- Hollwea nur einmal sich aufraffte, aiS der Entschluh verderblich war. In dem Klüpelbetried der Fraltionen, die immer nur wißen, wen sie nicht wollen, erscheint er als ein Mann, der weiß, was er will."
Theodor Wolff drückt im Anschluß hieran die Hoffnung aus, daß Dr. Wirth das M uisterium des Aenßeren bald wieder einer geeigneten Per önlichkeit überlassen werde wegen der Begrenztheit der Menschenkraft: „Herr Wirth hat zum Glück eine gesunde Naiur. Aber für die polnischen Geschäfte ist übermäßige Zersplitterung nicht ge unb. AlS Reichskanzler braucht er die Führer-Eigenschaften, durch die er sich entschlußlosen Zauderern und verant- wortungslcheuen Woithelden überlegen zeigt. Der Reichskanzler muß Führer, der Minister des Aeußern muß Spürer sein."
Der Höhepunkt der Unverschämtheit.
Deutschnakionale Verlemnduogsorbeik.
Das von dem deutschnationalen Politiker Reinhold 23 u l I e herausgegebene „Deutsche Abendblatt" veröffentlicht einen angeblich von den Mördern Erzbergers Tillefen und Schulz an die Redaktion des Abendblattes gerichteten Brief, worin die beiden die Behauptung aufstellen, daß sie nicht selber die Mörder seien, sondern lediglich die Werkzeuge, um den eigentlichen Mördern zur Flucht zu verhelfen. Sie hätten ihre Weisungen aus rheinischen Zen- trumskreisen erhalten, aus denen auch die Mittel zur Organisation der Tat gekommen seien. Weiter behaupten sie, daß alle diejenigen Personen, die bisher in der Angelegenheit des Mordes verhaftet wurden, nicht die Täter sind und an der Angelegenheit nicht beteiligt sind. Das Blatt bemerkt zu diesem aus Emden am 3. Oft. datierten, aber in Berlin zur Post gegebenen Briefe, daß es sich zur Veröffentlichung entschlossen habe, weil man auch an amtlicher Stelle angeblich zu der Meinung neige, daß Tillefen und Schulz tatsächlich nicht die richtigen Täter seien. Zu der Behauptung, daß der Mord aus Zentrumskreisen organisiert sei, weist das Blatt darauf hin, daß Erzberger beim Zentrum scharfe Gegner hatte, und daß Tillefen aus einer katholischen Familie entstamme. Schließlich macht das Blatt noch die Bemerkung, daß in Münchener Anwaltskreisen eine Bewegung im Gange sei, um die Enthaftung aller derjenigen Personen durchzusetzen, die in München nunmehr feit mehr als sieben Wochen im Zusammenhänge mit der Mordsache Erzberger festgenommen wor-
Die Krißs in Preußen.
Was wird das Zentrum tun?
Das Reich hat mit viel Mühe und Rot eine heue Regierung erlangt; jetzt ist Preußen, der frühere Präsidialstaat, über Nacht regierungslos Geworden.
DaZ Staatsministerium, das Herr Stegerwald gebildet hatte, war von vornherein als Provisorium gedacht, auf Ergänzung eingerichtet. Es sollte erweitert werden, sobald die Stimmungen und Verhältnisse für eine breitere Koalition reif geworden.
Herr Stegerwald hätte den erstrebten Ausbau vielleicht vollziehen können, wenn im Reiche die breitere Koalition von Stresemann bis Scheidemann zustande gekommen wäre. Das ist bisher nicht gelungen. Allerdings ist die Hoffnung, daß im Reiche doch noch eine umfassende Arbeitsgemeinschaft sich bilden könne, nicht vollständig abgeschnitten, und das vorhandene Staatsministerium hätte allenfalls noch als Lückenbüßer auf die Gesundung der Parteiverhältnisse warten können. Aber nun kam es zu einer gefährlichen Spannung, weil die Sozialdemokraten scharf zu Felde zogen gegen den Minister des Innern D o m I n i c u s, der zur demokratischen Partei gehört. Die letztere Fraktion wollte sich den Sturmlaus nicht gefallen lassen und beschloß, ihre Minister aus der jetzigen Regierung zurückzurufen. Die Folge dieses Eingriffes war der Rücktritt des gesamten Staatsministeriums. Wer trägt die Schuld an dieser neuen Krisis? Es wirken da verschiedene Ursachen zusammen. Erstens der alte, anscheinend unbezwingbare Drang der Sozialdemokratie, das wichtige Ministerium des Innern, d. h. die ganze preußische Derwaltungsmacht, in ihre Hände zu bringen. Zweitens die Nervosität der demokratischen Partei, die dem angekündigten Ringkampf lieber ausweicht, statt die allerdings schwierige, ober doch klärende Kraftprobe zu riskieren. Drittens — und das ist schließlich die Hauptsache — hat der rechte Flügel der Deutschen Volkspartei die Verwirrung angerichtet, als er den Anschluß dieser Partei an die Koalition im Reiche zu Falle brachte und damit ihrem eigenen Führer Stresemann eine bittere Niederlage bereitete. Möge jede von diesen Parteien ihren Anteil an der Verwirrungsschuld auf ihre Schultern nehmen. Wir wollen die Porttonen nicht abwiegen, sondern nur feststellen, daß das Z e n t r u m sich nichts hat zuschulden kommen lassen, was die notwendige Sammlung der Kräfte hätte verhindern können.
Das Zentrum hat in einem fort die Rolle des nachgiebigen, geduldigen und opferwilligen Genossen spielen müssen, der nach links und nach rechts- die brüderlichen Hände ausstreckte, um Mitarbeiter zur Rettung von Reich und Staat zu gewinnen. Im Reichs hat der Zentrumsmann Wirth sich wagemutig in die Bresche geworfen, damit nicht im kritischen Augenblick das Vaterland regierungslos dastehe. Im preußischen Staate hat der Zentrums- mann Stegerwald schon zweimal eine solche poli- itische Winkelried-Arbeit übernommen. Als er nach seiner ersten Wahl zum Ministerpräsidenten auf Schwierigkeiten von sozialdemokratischer Seite gestoßen war, ließ er sich noch einmal wählen, um die schwere Aufgabe wiederum in Angriff zu nehmen. Er blieb, wie er sagte, Minister aus Trotz, d h. zur Ueberwindung des parteipolitischen Ränke- spieles. Es war in der Tat nicht seine Schuld, wenn die Ausbauoersuche in Preußen nicht gelingen
Die Jagd nach dem Glücke.
Erzählung von Fritz Ritzel.
181 -----------
«Du siehst, ich bin ganz offen", fuhr Max dann fort, «"‘er den albernen Zierpuppen, die in unseren Kreisen » e”’ w“6fe ich aber auch nicht eine, die wich feneln könnte. Da führte der Zufall mir ein Mädchen Ta h 3Be0, sch"n wie ein Engel, unschuldig wie eine xauße — ein Mädchen, das es mir beim ersten Be- „Q"0ctan Du ringst die Hände wie Wer „ j’’*^ortes Mama — ist es denn so unerhört, DOn Familie einige Stufen hinabfteigt mtö sch die holt, welche ihm gefällt, Hedwig Hochfelü i .,aU3 gediegener, nicht unvermögender Bürger- tamiite —
Du hiermit darauf hindeuten willst" —, er« Eerte Frau Hohenfels, indem sie sich unmutig, aus ihrem Sestel erhob, - .paß meine Eltern vermögenslos Bctpefim sind, dann hinkt Dein Vergleich, lieber Max! ®em, ™lr bie Ehe versprochen, als ich noch
5 m meine ganze Zukunft, alle meine Aussichten habe ich ihm geopfert, da war es schop ein Gebot der Ehre für ihn —" 1 *
-Nicht der Ehre wegen hat Papg Dir seine -Hand gereicht - nur die Liebe war es, die ihn zu Dir Mührt hat! warf der Sohn em.
„Du wirst mir um Himmclswillen doch nicht im Ernste wiederholen wollen, daß Du das Nachbarmrldchen liebst? rief Frau Hohenfels entsetzt, indem Pe bile Sffi wte beschwörend erhob. „Max — Du mit Deine» Aus- sichten! —"
„Aber Mama, kann ich denn etwas dafür deck mir tas Mädchen begehrenswerter erscheint, wie alle Dein, Heiratskandidatinnen zusammengenommen. Dir . darf ich es ja eingestehen: 3a, ich liebe sie über alles and ich bin der unglücklichste Mensch auf Gotte^ Erdboden, wenn Hedwig Hochfeld nichtdie Meinige wird!"
Er war ebenfalls aufgestanden und hatte mit er. hohler Stimme gesprochen Nichts mehr in feiner Hal. tting erinnerte an das bisherige blasierte Wesens doch was bei einem anderen Mann wohl als Entfchssosten- heit gedeutet hätte werden können, das prägte ftch bei Hm wie der Trotz eines verwöhnten Kindes aus, das ftinen Willen unter allen Umständen durchsetzen, will.
wollten, und auch das Abwarten unmöglich wurde, weil im Reiche die grundlegende Klärung scheiterte.
Soll nun Stegerwald zum dritten Male sich wählen lassen? Soll das Zentrum immer von neuem sich und feine Leute verbrauchen lassen in der anscheinend fruchtlosen Sammelarbeit? Soll es vielleicht sogar seinen Führer Dr. P o r f ch, den voreilige Stimmen aus anderen Lagern als „Kandidaten" bezeichnen, in die Bresche drängen?
Oder tritt jetzt der Fall ein, auf den vor einiger Zeit schon der Vorsitzende der Reichstagsfraktion Dr. Marx warnend hingewiesen hat? Die Geduld und Opferwilligkeit des Zentrums sind zwar sehr groß, aber doch nicht unendlich groß. Es hat alles seine Grenzen, und wenn die Nachbarn links und rechts immer neue Verwirrung schaffen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn das Zentrum sich auf fein reines Gewissen zurückzieht und sagt: Wer die Suppe versalzen hat, möge sie selber auslöffeln.
Vielleicht muß es auch in der inneren Politik erst noch schlimmer als schlimm werden, bis sich die Leute zusammenfinden, die wirklich das Vaterland über die Partei stellen.
Roch keine Klärung.
Die preußische Regierungskrise hat im Lause des gestrigen TaqeS keine weitere Klärung erfahren. Heute vormittag werden das Zentrum und die sozialdemokratische Fraktion zu Beratungen zusammentrete». Um 12 Uhr wiro der A elte st en ausschuß des Landtage- eine Sitzung abhalten.
Die „Vossische Zeitung" nimmt an, daß der Ausschuß beichlteßen werde, die sür 1 Uhr mittags festgesetzte Plenarsitzung nicht abzuhalten, damit die Fraktionen Bewegungsfreiheit für ihre Beratungen haben.
(Ein Treuegelöbnis
der deutschen Gberschlesier.
Der oberschlesische Reichstageabswrdnete Ehr» ?ardt hielt in einer Vertret« roersamm- ung der christlichen Gewerkschaften Oberschlesiens einen Vortrag, in dem er scsi- stellte, daß die Abstimmung für Deutschland weitaus günftiger ausgefallen wäre, wenn deutscherseits so hätte gearbeitet werden tonnen, wie es bei den Polen der Fall wor.
Sobald die politische Grenz,? in Kraft treten werde, werde sich bas Schieber- und Wuchertum um Millionen bereichen: könneir. Die soziale Versicherung, die Betriebsräte, die Einrichtung dos Schlichtungswesens und andere soziale Errungenschaften würden mit Sicher- heit vern'chet werden. Deshalb sei es erforderlich, moßgcbenden Einfluß auf die Gestaltung des Wirtschaftsabkommens zu erhalten. Die Grsnze könne dos Gebiet zwar zerv.nßen, aber uns nicht von den Doulschfühlenden trennen. Die Entschei» tung sei nur eine Episode in der Weltge- schichte. Uns bleibe di« Hoffnung auf Wiedersehen!
3n Gleiwitz drangen französische Soldaten in das evangelische Beleinshaus ein, nahmen ein« Durchsuchung des Hauies vor und schleppten 80 dort an einem Uibungsabend teilnehmende junge Leut«, meist Schüler, in bie Franzolenkasern«.
Ebenso wie Deutschland ist auch Polen eine Note der Entente zugegangen, dafür zu sorgen, daß die Ruhe und Ordnung in Lberschlesien nicht gestört arirö.
Einen Augenblick stand Frau Hohenfels, als hätte sich ein Abgrund zu ihren Füßen geöffnet. Mit bleich- gewordenem Gesicht heftete sie einen angfwollen Blick auf den Cohn, atÄ, befürchte sie daß besten Verstand ge- litten haben könne und es schien, als wolle sie mit aller Energie den nach ihrer Anschauung verrückten Ideen entgegentreten, dann aber huschte es fast wie ein Lä. cheln über ihr schönes Gesicht, und langsam wendete sie sich, um wie auf ihrem Sessel Platz zu nehmen.
Sie kannte ihr verwöhntes Muttersöhnchen und wußte, daß e. Del ins Feuer gießen hieße, wenn sie ihn jetzt mit aller Ueberredungskunst, mit Bitten und Beschwörungen, von der Neigung zu der Nachbarstoch. ter abbringen wollte. Dadurch würde gerade das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, erreicht werden. Max würde erst recht suchen, seinen Willen durchzusetzen, hätte gewiß einen Reiz darin gefunden, die, trotz des Widerstände, der Eltern zu tun, wie es ihm ja von Kind auf immer gelungen war, seinen Willen zur Geltung zu bringen. Hatte cs auch der Baier nie an Strenge gegen den Sohn fehlen lasten und ihm sein eigenwillige, Wesen abzngewöhnen gesucht, — sie, feine Mutter, wußte in ihrer Vernarrtheit für den schönen Buben, ihren Liebling, immer alle, so zu drehen, daß es nach desten Kopf ging, selbst, wenn sie sich selbst sagen mußte, daß diese immerwährende Nachgiebigkeit dem heranwach- enden Jüngling nicht zum Heile gereichen konnte. Die Mutterliebe war stärker bei ihr wie die Vernunft; erst als sie erfahren mußte, daß der Sohn in seinem De, wußtsein, alles tun zu dürfen, auf Abwege geriet und infolge von Unterschlagungen, die er in seiner Stellung in London begangen, beinahe mit dem Gesetz in Kon. flikt gekommen wäre, wenn ihn nicht sein Vater mit schweren Opfern vor dem Aeußersten bewahrt hätte, da wurde eg ihr klar, daß es so nicht weitergehen könne daß die schrankenlose Willkür ihre, Liebling, gezügelt werden müffe. Gegen ihren Mann erwähnte sie von dieser Veränderung ihrer Gesinnungen natürlich kein Wort, — da hätte sie ja zugestehen müstcn, daß er mit seiner beständig an Max geübten Kritik recht gehabt — und das konnte und wollte sie doch unter keinen. Umständen! Nein, sie mußte den Sohn allein zur Ser. ■ nunft bringen, und da sie aus Erfahrung wußte, daß ; Max sich ganz leicht leiten ließ- roenn ihm nur dem i
Anscheine nach der Willen gekästen wurde, fo beschloß die kluge Frau, ttotz der in ihr gärenden Empörung, ihrem Liebling ein wenig Komödie vorzuspielen. Daß die plötzlich erwachte Leidenschaft für die schöne Nach- bartochtcr nur Strohfeuer war, davon war sie fest überzeugt; vor allem mußte sie dieser Leidenschaft den Reiz dc. Verbotenen nehmen, bann — so jagte sich Frau Hohenfels — war zehn gegen eins zu wetten, daß Max sich die Geschichte aus dem Sinne schlug, befenbers wenn seine Eitelkeit in geschickter Weise erregt wurde.
So erwiderte sie auf die letzte Erklärung des Sohnes ganz gelaßen: „Wenn es so mit Dir steht, lieber Max, bann erscheint bie Sache allerdings in einem ganz an- deren Lichte! Gott soll mich davor bewahren, daß ich in dieser wichtigsten Lebensfrage Dir entgegenterte, wenn es sich tatsächlich um Sein ganzes zukünftiges Glück handelt! Ich will Dein Unglück nicht! Und insofern hast Du ja recht, daß auch eine Frau von ge- ringer Herkunft und geringer Bildung rinen Mann glücklich machen kann, wenn er sie wirklich liebt! Das weiß ich am besten — ich habe ja in den nämlichen Schuhen gestanden. Meines Wissens ist das fragliche Mädchen ja auch recht brav, wenn auch etwas hausbacken — aber bas soll bas größte Bedenken nicht sein! Den äußeren Schliff könntest Du ihr ja anerziehenl“
„Sie ist ein Engel, Mama!" warf Max ein.
„Ganz selbstredend — ein Engel! Schade, baß sie keine Flügel hat!" lächelte Frau Hohenfels und setzte bei sich in Gedanken hinzu: „unb auf Nimmerwicder. sehen davon fliegt!“ — „Aber Max, von heute auf mor. gen läßt sich bie Sache nicht übers Knie brechen! Du darfst dem Papa in seiner beständig gereizten Stirn, mung um Himmelswillen jetzt nich, mit derartigen Plänen kommen! Das gäbe wieder eine Reihe von aufregenden Szenen, denen ich m ch mit meinen angegriffenen Nerven nicht gewachsen fühle!“
Wie zur Bestätigung des letzteren Hinweise, lehnte sich Frau Hohenfels seufzend in den Seffel zurück und legte ihre brillantenbbtzende Rechte über die Augen. Max betrachtete die Mutter mit einem etwa, mißtrauischen Blicke. Eine solche Aufnahme feiner unumwunde- nen Erklärung hatte er nicht erwartet. Auf Vorwurf- stürmische Beschwörungen und Trän-n war er gefaßt gewesen und fand nun ein solches, fast einwandfreies
den feien und denen eine Teilnahme an der Mordsache nicht nachgewiesen werden könne.
Die übrigen deutschnationalen Blätter, z. D. die „Frankfurter Nachrichten“, verbreiten diese Wulle-Sensation mit Wendungen wie: Echt- keit des Briefes dürfte großem Zweifel begegnen, Stempel der Erfindung an der Stirn usw. Gleichwohl wird so bei der bekannten „Doreingenommen- heit“ deutschnationaler Kreise der Zweck der Ver- öffentlichung erreicht: die Richtung für die Der- leumdungsarbeit ist gewiesen. Es sollte gegenüber diesen Machenschaften alles daran gefetzt werden, die beiden Mordbuben zu packen, damit vor den Gerichten Klarheit über ihre Motive geschaffen werden kann. Hoffentlich erzielen solche Sensr- tionsmeldungen neuen Eifer bei den Fahndung?- behörden.
Ium Allenlat aus den Abg. Auer.
Außer den am Freitag verhafteten fünf Personen, pet?m die sich der Verdacht der Mittäterschaft b.ri dem Attentat auf fcn Abgeordneten Auer richtet, sind jetzt zwei weitere Personen verhaftet worden. Wie der „Lokalanz.“ aus München meldet, wurden dies« Personen aus Mangel an Beweisen indes wieder frelge- iaffen.
Dir Einnahmen der Reichsbahn.
Nach amtlicher Mitteilung haben die Einnahmen der Reichsbahn betragen (in 1000 Mark) vom April bis September d. I. im Personen- und Ge- päckoerkehr 3 268 290 (im gleichen Zeitraum des Vorjahres 2 325 967), im Güterverkehr 9 469 842 (5 181 696), aus sonstigen Quellen 433 697 (251 759), zusammen also 13 171 829 (t. Vorjahre 7 759 422).
Im Durchschnitt der Jahre 1912 und 1913 haben die Monate April bis September im Personenverkehr 56 85 Prozent, im Güterverkehr 49,38 Prozent der Iahreseinnahme gebracht. Bon der im Haushalt 1921 veranschlagten Verkehrseinnahme hätten danach bis Ende September im Personenverkehr rund 2923 Millionen, im Güterverkehr 10 617 Millionen aufkommen müssen. Im Personenverkehr sind demnach 345 Millionen mehr, im Güterverkehr 1147 Millionen weniger aufgekommen.
Der Personenverkehr hat sich unter dem Einfluß des günstigen Wetters und des verbesserten Fahrplanes im Sommer 1921 sehr günstig entw ickelt. ______
D'e Entthronung der Habsburger.
Die ungarische Nationalversammlung wird längstens im Laufe dieser Woche die E n t t h r o n u n g aller Habsburger auf gesetzlichem Wege durchführen, weil die große Entente verlangt, daß die Entthronung längstens bis zum 7. November, mittags 12 Uhr, durchgeführt werden müffe. Die legitimistische Partei (Großgrundbesitzer) enthielt sich in der interfraktionellen Konferenz der Abstimmung über das Entthronungsgesetz. Die „Partei der Kleinen Landwirte“ wird bei den Verhandlungen im Parlament der Regierungsvorlage zustimmen, die Christlich-Sozialen werden ihre Zustimmung geben, aber an die gesamte zivilisierte Welt einen Protest ruf richten, in dem sie gegen die Vergewaltigung Ungarns und die Einmischung in innerpolitische Angelegenheiten Ungarns Einspruch erhebt. Wie verlautet, wird das jetzige Kabinett nach den Verhandlungen seine Demission einreichen, da das Vorgehen der Entente zweifellos gegen den Vertrag von Trianon verstößt.
Mit dem Hause Habsburg verliert eines bet ältesten Herrscherhäuser der Welt sei-
(Entgegentcmmen? Dachte dabei Mama wirklich an ihre eigene geringe Herkunft ober wollte sie nur Zett gewinnen, hoffenb, baß er seinen Sinn änbere? Run — sei dem wie ihm wolle — jedenfalls bürste er bie Mutter als Bunbcsgenoffin betrachten; er durfte boffen bas liebliche Wesen, bas in seiner jungfräulichen Reinheit einen so berüctenben Reiz auf fein ganzes Empsinben ausübte, fein eigen zu nennen!
„Mama, ich weiß nicht, wie ich Dir banken soll!" rief er stürmisch unb bebeckte bas Gesicht ber Mutter mit Küssen. Lächelnd wehrte sie db unb sagte, inbetr sie feine Hanb festhielt:
„2llfo Max, Ich kann mich barauf verlassen, daß h. ber Sache vorläufig nichts von Deiner Seite aus ge. schiehtl Dor allem mußt Du mir versprechen. Dich nicht fest an bas Mäbchen zu binben. Kommt Zeit, kommt Rat!“
„Aber Mama, wenn Du wüßtest, wie mich bie Sehnsucht verzehrt!“ seufzte Max und fügte mit einem elegischen Augenausschlag hinzu: „Und keine Gelegenheit, sie zu sehen!“
„D geh doch! Die Gelegenheit hast Du doch oft genug zu meinem unb Papas Aerger wahrgenommen. Ich wette, baß sich gestern abenb im Garten wieder eine Szene i la Romeo unb Julia abgespielt hat, trotz, bem daß ber Papa Dir erst vor ein paar Tagen ben Standpunkt klar gemacht hat! Ist es nicht fo?“
„Seine Ahnung, Mama! Der langweilige Peter ber Friebwalb ging ihr ja nicht von ber Seite unb nach, her saß ihre Mutter wie ein Cerberus neben ihr.“
„Der langweilige Peter ber Frlebwa'b hat Rechte auf bas Mäbchen — ist fo gut wie verlobt mit ihr!“
„Was kümmern mich feine Rechte, wenn es sich um bie Rechte unserer Herzen hanbclt?“ rief Max feurig. „Hebwig unb ich ftnb einig Mama, unb ich läge Dir: Eher, als baß ich sie einem anberen gönne, eher--*
„Still, still, ich will n chts baoon hören, Max! Cs bleibt bei unserer Abmachung — gebuloe Dich! Und werbe mir kein Träumer unb Kopfhänger — das steht Dir absolut nicht! Corona von Olfen hat schon gestern Abend die Bemerkung fallen lasten, oaß ihr Dein gern zes Wesen verändert erscheine!“
(FortjejMg folgt)