Fuldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Aulda.
Nr. 250.
VeraatworNiq für den reöauümeUen Teil: Dr. I. Str am er, = für die An,eigen: I. ParxeUer-gulDa. - Rotationsdruck n. Derlag der Fuldaer acttenbnitferei in Fulda, ^ermprecher Nr. S. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.
Samstag, 29* Oktober 1921.
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48. Zahrg.
Die deutsche Protestnote und die Entente.
Null und nichtig?
Aus Paris kommt die Metdimg, d« Botschafter- chnferenz, der die gestern veröffentlichte Protestnote der «eurschen Regierung über die oberschlesisch» Entscheidung Lirch den Volschafter Dr. Mayer überreicht worden ist, zabe beschlossen, daß sie diesen Protest fürnullund ä' ch t i g ansehe. Diese Entscheidung sei, da sie dr Er-
ung des Friedensocrtrages von Versailles getroffen Li, erchgüüig.
Das „Icmrnal des Debars" schreibt, daß wahrschnn- lich die Botschafterkonferenz eine Note an die deutsche Regierung richten werde, in der der Protest als null und nichtig bezeichnet werde unter der Erklärung, Laß biß Ernennung des deutschen Kommissars für die wirtschaftlichen Verhandlungen in den Augen der Alliierten bodeute, daß Deutschland die Entscheidung über Oberschlesien annehme. Diese Note ist in Berlin bislang nicht eäMtroffen.
Niemand in Deutschland wird wohl noch bei bisherigen Erfahrungen erwartet haben, daß lne Protest- trote die Machthaber zur besseren Einsicht itnb zu gerechterem Handeln bringen würde. Wenn also die Bot- schosterkonferenz jetzt beschlossen hat, den Protest Wirths als „nicht vorhanden und als wirkungslos" zu betrachten, so ist das für uns gewiß keine Ueberrchchung. Dieser Protest war auch nicht gedacht als ein Appell an die (Einsicht der Machthaber von heute, sondern als ein AppellandasGewiffrnderBölker. Als solcher wird er eines Tages gewiß feine Bedeutung offenbar werden lasten.
Wirth, Rathenan, Stegerwald.
Drei bedeuisamr Reden.
3n einer von Tausenden besuchten Versammlung tm großen Festhallensaal in Karlsruhe sprech) gestern abend Dr. Wirth über die R e i ch s p o l i t i k, wobei er insbesondere die oberschlesische Frage und die Genfer Entscheidung berührte. Der Reichskanzler sagte dabei u. a., nicht nur die Oberschlesier, sondern das gesamte deutsche Volk hätte das Gefühl, daß Ober» schlesien verschachert worben sei. Trotzdem buche man jetzt keine Politik einer etwaigen wirischaft- lichen Verelendung in Oberschlesien betreiben, aber die Wegnahme dieser wichtigen deutschen Produktlonsstät- ten, dicalseinRaubvorallerWrlt bezeichnet werden müsse, berühre auf das empfindlichste die deutsche Produktionsfähigkeit. Die deutsche Leistungsfähigkeit für die Reparation sei dadurch wesentlich geschniä- lert. Der Reichskanzler normte den Versailler Dertrag den Hexenhammer der europäischen Zt.rstörunigspolitik, aber er enthalte einen Poragrogchen, der Deutschland das Riecht gebe, seine Leistungsfähigkeit von Zeit zu Zeit nachpriffen zu lasten. Dieser Fall sei hier gegeben. Der Kanzler verlas vor der Ber- ifammlung die bekannte Rechtsverwahrung, die die deutsche Reg-erung an die Botschasterkonferenz gerichtet habe, und fügte hinzu, dieses historische Dokument müsse Gemeingut des deutschen Volkes werden. Am Schluß seiner durch stürmischen Beifall unterbrochenen Rede besprach, der Reichskanzler die durch die Gewaltpolitik der Entente herbeigesührte Weltwirtschaftskrise, die Entwertung der Mark durch die Reparationszahlungen und erklärte, es fei unmöglich, ent 60 Millionenvolk als Käufer aus dem Weltmarkt auszuschalten, was durch die Entwertung der
Die Iagd nach dem Glücke.
Erzählung von Fritz Ritzel.
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"Was Du nicht sagst?" lachte Frau Hohenfels höhnisch auf. „Auf gleichem gesellschaftlichen Niveau rote roir? Weil diese Herren vom Bureau aus Courtoiste sei- fens ihrer Vorgesetzten eingeladen werden, stellst Du sie gleich auf dos gleiche Niveau mit der Gesellschaft? Warum ladet man sie ein? Daß sie entweder bei dem Mangel an Herren die Tanzbären spielen ober mit irgenb einer angelernten Fertigkeit die Gesellschaft unterhalten! Das misten diese Leute gewöhnlich auch ganz genau und halten sich bescheiden zurück — Dein Sela- bon macht darin eine Ausnahme, wahrscheinlich weil er sich einbildet, ein zweiter Caruso zu sein und Du — bas ist bas Empörende bei der Sache — hast nichts im geringsten getan, ihn in seine Schranken zurückzu- roetfen!"
"Wir stehen eben aus einem ganz verschiedenen Standpunkt Mama," erwiderte die Tochter fest, indem sie de» Kopf zurückwarf. „Du beurteilst jeden Mann, der sich mir nähert nach seinen äußeren Qualitäten, als da sind: Vermögen, gesellschaftliche Stellung usw. — ich schätze die Menschen nach ihrem inneren Werte ab und m Karl Hochfeld habe ich einen Mann von seltenen Gaben kennen gelernt!"
Frau Hohenfels stemmte die beiden Hände auf die Lehnen ihres Seflels und sah wie erschreckt zu der Redenden hinüber.
„Ich habe Dich wohl nicht recht verstanden Emllie? Du sprichst von Männern, welche sich Dir nähern und betonst in gleichem Atem die seltenen Gabe« dieses Herrn Karl Hochfeld? Diesen Schlosterssohn stellst Du m Parallele mit den Herren unserer Gesellschaft? Das ist denn doch unerhört!"
„Warum unerhört?" klang es ihr erregt entgegen. »Ist es eine Schande, als der Sohn eines braven Hand- Werkers geworden zu fein? Haben wir das Recht, qe- nngschätzig auf einen Mann herabzusehen, der geistige Bedeutung mit der tadellosesten Denkungsart vereint
nur weil er der Sohn eines Schlosters ist? Ist «, piH eine grenzenlose Ueb erheb urig, M stauben, bofc
Mark geschehe, ohne daß ine Volkswirtschaft der Gläubigerstaaten batet selbst zu Grunde gehe. Der Kanzler schloß mit einem Appell zur inneren Einigkeit, die auf der DerantwortungsfreudiHkeit ausgebaut roeriKn müsse.
Minister Rathenau hielt am Donnerstag in Mannheim und am Freitag in Frankfurt vor überfüllten Versammlungen Reden, lieber die Frage der Regie- NMysblümng sagte er, er ffötte gewünscht, daß eine Erweiterung der Koalition durch die Deutsche Volksportei erfolgt wäre. Wirth feierte er den fähig st enKanzlerdernachbismarckschen Zeit und als reinen Charakter. Rathenau widersprach der Ansicht, daß das Wiesbadener Abkommen uns England entfremdet habe. Diese Z^rhcmdlun- gen seien im Gegenteil in vollem Einvernehmen mit England geführt worden. Warme Worte fand er dafür, daß dem Mittelstand energisch geholfen werden müsse. Energisch wandte er sich gegen die Spekulationswut der heutigen Zeit und den Serbraudj von Luxuswaren aus dem Ausland. Rathenau stellte daun die Frage, ob man Deutschland nicht verkommen lassen werde wie Oesterreich. Er verneinte dies, weil Deutschland ein zu großer Wirt» schaftssaktor und ein Bollwerk gegen den Bolschewismus sei. Ein Volk, das m sich Leben, in sich Spannkraft verspüre, könne nicht Witergehen.
Die Zeitung „Der Deutsche" veröffmtlicht eine Un- terretnmg mit dem preußischen Ministerpräsidenten Stegerwald über die uns jetzt bewegenden großen Fragen. Stegerwald ist der Ansicht, daß dos Genfer Diktat aus rein wirtschaftlichen Gründen unmöglich von Dauer fein kann. Das wesentlichste Moment der politischen Gesamtlage sei die Tatsache, daß auf dem Boden des Versailler Vertrages der Wiederaufbau Europas unmöglich sei. Zur inneren Politik sagte er, daß durch die Vorgänge im Reich auch Preußen berührt würde. Unter den jetzigen Umständen müsse man dir Sozialdemokratie in die preußische Regierung einbeziehen. Auch im Reiche sei der Gedanke der großen Koalition noch nicht ge- scheitert. Im Gegenteil, sie werde und müsse kommen. Denn bei den ungeheuren Aufgaben, die dem Reichstag in der Reparations- und SteuerpolHit jetzt bevorstehen, werde der Reichstag zu einer festen Steuer- arbeitsgemeinschast gezwungen. Eft« Steuerpolitik, wie wir sie sichren müssen, die die letzten Quellen bis zur Neige ausschöpft, sei nur mit starken Mehrheiten durch- zu'führen. Keine Partei gehe bis zur äußersten Grenze der Aufopferung, wenn man ihr nicht auch den entsprechenden Einfluß gewähre. Darum müsse und werde die große Koalition kommen, trotz der großen Zerrissenheit unserer Tage. Sie fei eine deutsche Lebensfrage.
Dem Abgrund nahe.
Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt uns aus Berlin:
Wenige Tage vor der jetzt glücklich überwundenen Krisis wiesen wir an dieser Stelle darauf hin, daß zwingende sachliche Gründe für einen Rücktritt des Kabinetts Wirth nicht gegeben feien, daß auf der andern Seite die formalen Bedenken, die vorlagen, nicht stark genug feien, um die Gefahren und Schwierigkeiten, die ein Rücktritt des Kabinetts unabweislich in sich schließen würden, aufzuwiegen.
Die achte Tage dauernde Krisis hat gezeigt, daß wir mit unfern Befürchtungen nur zu Recht hatten.
man aus besserem Stoff gemacht und vornehmer sei, weil man bas Gluck hat, Vermögen zu besitzen, bas in den meisten Fällen nicht der eigenen Kraft und Intelligenz, fonbetn nur bem Zufall der Geburt seine Existenz oerbantt? Ein Mann, wie Karl Hochfeld, ist in meinen Augen hundert Mal mehr wert, wie diese seichten Soffen, die sich einbilden etwas besseres zu fein, weil ihre Familien zur besseren Gesellschaft gehören und dabej doch so geistesarm sind, daß sie keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken können!"
Sie war aufgestanden und hatte mit erhöhter Stimme gesprochen, als wisse sie, daß ihr jetzt ein un- vermeidlicher Kamps bevorstehe, ja als beabsichtige sie, mit ihrem Angriff auf die hier als heilig geltenden Anschauungen diesen Kampf heraufzubeschwören.
Auch Frau Hohenfels hatte sich erhoben und matz die Tochter mit einem funkelnden Blick, in welchem sich förmliches Entsetzen ausprägte.
„Das sind ja recht nette Grundsätze, die Du da aus- kramst!" rief sie mit ärgerlichem Auflachen. „Man meint. Du seist bei den Frauenrechtlerinnen in die Schule gegangen! Was sagst Du denn dazu, Albrecht, zu diesen Ueberspanntheiten Deines weltweisen Töchter- seins?"
Herr Hohenfels hatte schon längst die Zeitung hin- gelegt und war aufmerksam dem Gespräch gefolgt. Mit der ihm eigenen vornehmen Ruhe wandte er sich jetzt an die Tochter und sagte ironisch lächelnd: „Du sprichst ja wie ein Buch, liebes Kind — das klingt ja beinahe wie Umsturz! ©eit wann bist Du denn in das Lager der Phantasten gegangen, die allgemein Gleichstellung predigen? Hast Du Thomas Mores „Utopia" gelesen, oder Bellamys „3m Jahre 2000"?”
„Weder das eine noch das andere, Papa! Für absehbare Zeit wird die menschliche Gesellschaft noch in verschledene Rangstufen eingeteilt fein — so lange roir leben, gewiß noch! Daß sich aber die Gegensätze in dieser Beziehung gegen frühere Perioden schon we- sentllch gemildert haben und daß Menschenwert und geistige Fähigkeit auch bei niederen Klassen heute allge- mein anerkannt werden, das wirst Du gewiß zugestehen!"
„Gewiß gestehe ich das zu!" antwortete Herr Hohen- ftb mit tzchtem LM-rchm. Jftut. # w **
ja daß sie durch die Wirklichkeit noch weit übertraf» fen worden find. Dem Außenstehenden kann es garnicht voll zum Bewußtsein gekommen sein, wie nahe der Rücktritt des Kabinetts das deutsche Volk an den Abgrund gebracht hätte, wenn nicht im letzten entscheidenden Augenblick der bisherige Reichskanzler Wirth ttotz allem Dorangegangenen in selbstlosester Weise mit anerkennungswertem Mannesmut in die Bresche gesprungen wäre.
Es hat heute wenig Wert mehr, auf alle die einzelnen Phasen der Kabinettskrisis zurückzuschauen. Aber das muß doch mit allem Nachdruck sestgesteW werden, daß die Kabinettskrisis Gefahren im Gefolge gehabt hat, die deren Urheber zweifellos nicht gewollt, die sie aber hätten sehen müssen, wenn sie sich einen klaren ungetrübten Blick für die Wirklichkeit bewahrt hätten. Mit jedem Tage, den die Krisis andauerte, gestaltete sich die Lage verworrener. Hin und wieder zeigte sich vorübergehend ein leichter Hoffnungsschimmer, um aber wenige Stunden darauf wieder völlig zu erlöschen. Bis zum Dienstag nachmittag hatte die Krisis ihren Höhepunkt erreicht und die Gefahr eines Rücktritts des Reichspräsidenten und damit verbunden die Auflösung desReichstages stand in unmittelbarer Nähe.
Wer die gegenwärtigen inneren Verhältnisse im deutschen Reich aufmerksam verfolgt, wer da weiß, wie ernste schwere Sorgen der kommende W i n t e r mit der wachsenden Teuerung dem deutschen Volke bringen wird, der wird sich vor Augen halten können, welche politische Auswirkungen gerade jetzt der Rücktritt des Reichspräsidenten und Neuwahlen zum Reichstag unabweislich im Gefolge gehabt hätten. Schuld an dem Wirrwarr trägt in erster Linie diedemokratische Parte i, die blindlings und unüberlegt aus reinen formalen Gründen dell Rücktritt des Kabinetts fordert. Ihre Absicht, das wollen wir zugeben, war eine gute. Sie glaubte auf diesem Wege die ja längst angestrengte Erweiterung der Koa- lition durch die Deutsche Volkspartei erreichen zu können, aber ihre Politik war keine gute. Denn das wurde bald auch dem Fernerstehenden zur Gewißheit, daß die Deutsche Volkspartei im gegenwärtigen Augenblick nicht dazu zu gewinnen war, in dieser schwersten Stunde des deutschen Volkes mit die Verantwortung für seine Geschicke zu übernehmen.
Das hätten auch die Demokraten wissen können, denn die Deutsche Solfspartet hat in kritischen Stunden, wie es die vor der oberschlesischen Entscheidung waren, in den letzten 3 Jahren noch stets versagt. Mit in die Schuld der Demokraten teilt sich die Deutsche Volkspartei, die in den letzten Tagen einen Wankelmut und eine schwankende Haltung gezeigt hat, wie nie zuvor. Wir wollen es uns nicht anmaßen, uns zum Richter über das Verhalten der Demokraten und der deutschen Bolkspartei aufzuwerfen. Daß wir aber mit unserer Beurteilung im Rechte sind, beweist die öffentliche Meinung dieser beiden Parteien. Führende Blätter sowohl der Demokraten wie der Deutschen Volkspartei haben ihre Mißbilligung über das Verhalten dieser beiden Parteien unverhohlen zum Ausdruck gebracht. Beide Parteien müssen sich beim Reichspräsidenten Ebert und beim Reichskanzler Wirth bedanken, daß diese beiden Männer in der verhängnisvollsten Stunde als Retter in der Not erschienen sind. Wären diese beiden Männer nicht eingeschritten, dann hätten die Demokraten und die Deutsche Volkspartei vor einer Verantwortung von solcher Riesengröße gestanden, wie es wohl noch nie eine Partei erlebt hat. Die Folgen ihres Tuns wären auf sie allein zurückgefallen.
Das Ze n t r u m hat sich in den acht Tagen der Krise fortgesetzt und dauernd bemüht, Verständnis ■imbuw.i i——ui ui» n am um nim n «rirrroimi i imi rimniMmMrirnimnT Du Dir bas Köpfchen mit derartigen sozialen Problemen beschwerst! Das war doch sonst nicht Deine Neigung! Ist daran die von Dir entdeckte „geistige Bedeutung und tadellose Denkungsart" des Nachbarsohnes schuld?"
„Der scheint allerdings mehr zu verstehen, als dnen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken, da es ihm in wenigen Stunden gelungen ift. einer jungen Dame aus der besten Gesellschaft eine derartige vulgäre Ausdrucksweise beizubringen, warf Frau Hoherrftsls höhnisch ein.
Ohne die Bemerkung zu beachten, wandte sich.Emllie wieder an den Vater und wie Trotz glomm es in ihren Augen, als sie sagte: „Ich weiß nicht, Papa, warum Du mich in so ironischer Weise examinierst, gerade als wenn dieser Herr Karl Hochfeld nicht ernst zu nehmen wäre! Du hast Dich doch selbst davon überzeugen kön- nen. in welcher Weife er gestern abend gefeiert wurde — die ganze Gesellschaft —"
„Das galt seinem Gesang!" unterbrach sic der Va- ter. „Geradeso wird jeder Schornsteinfeger- und jeder Metzgergeselle in den Himmel gehoben, wenn er in die- fer Hinsicht etwas außergewöhnliches leistet. Man Über- schüttet die Leute mit Liebenswürdigkeiten, so lange man sie braucht, dann übersieht man sie!"
„Karl Hochfeld ist nicht der Mann, der sich über, sehen läßt — seine ganze Persönlichkeit ist nicht da- nach, daß es jemand wagen würde, ihm mit Herablas. fung' zu begegnen!"
„Dieser berühmte Herr Karl Hochfeld muß ja ein Ausbund von männlichen Tugenden sein, daß Du Dich für ihn so ins Zeug wirfst!" erwiderte Herr Hohenfels bedächtig. „Denn der Gedanke nicht zu absurd wäre, könnte man wahrhaftig glauben daß Du Dich ernstlich für den Jungen Mann interessiertest!"
„Ja, daß Du Dich ernstlich interessiertest!" sprach Frau Hohenfels nach, indem sie die Hände zusammenschlug „Du hast ja gehört, Albrecht, wie sie vorhin erklärte, daß dieser Herr Hochfeld ernst zu nehmen sei!"
Herr Hohenfels machte eine beschwichtigende Gebärde nach seiner Gattin hin und sah mit fragendem Blick nach der Tochter, deren Gesicht bei den letzten Wor- tqt bM Beters eine hohe Röte überflöge# hatte, DoA
für die außerordentlich schwierige Lage bei den beiden Parteien zu wecken. Wenn ihm der Erfolg nicht deschieden war, so lag die Schuld nicht an ihm, sondern an den andern beiden Parteien. Es hat im allgemeinen wenig Wert, in der Politik zurückschauende Betrachtungen anzustellen. In diesem Falle halten wir es aber doch für eine zwingende Notwendigkeit, aus die großen Gefahren, die diese letzte Krisis in sich barg, hinzuweisen. Vielleicht kann das dazu beitragen, daß in wieder vorkommenden Fällen die Wirklichkeit und der katte Verstand auch bei den andern beiden Parteien zur richtigen Geltung kommen. Dr. F.
Vie Bevollmächtigten für Gberjchlefien.
Zu Bevollmächtigten der deutschen Regierung für die oberschlesische Grenzfestfetzungskom- mission sind der Gesandte a. D. von Treutler und Graf Podewils ernannt worden. Beide, waren bereits bei der Festsetzung der Grenze in Ost- und Westpreußen, sowie zwischen Polen und Deutschland tätig.
Zwecks Zusammensetzung der deutschen Abordnung für die deutsch-polnischen Wirtschaftsverhand- lungen haben gestern im Auswärtigen Amt unter« dem Vorsitz des Dr. Schiffer Beratungen stattgefunden. Die endgültige Zusammenstellung dev Delegation wird voraussichtlich heute erfolgen.
Gegen die Auswüchse der Spekulation,
Der Hansabunb hat seinerzeit an die beteiligten Reichsministerien das Ersuchen gerichtet, von reichst wegen gegen die Auswüchse der Spekulation in ausländischen Zahlungsmitteln an den deutschen' Börsen einzuschreiten.
Das Reichswirtschaftsministerium hat jetzt dem Hansabund mitgeteilt, daß Vorarbeiten für ein gesetzgeberisches Vorgehen gegen die Aus wüchse der Spekulation im Gange seien. Der- Gesetzenttvurf soll demnächst dem Reichskabinett zur Beschlußfassung vorgelegt werden.
Ernahrungssragen.
Kartoffelknappheit — Brotversorgung.
In der Donnerstag begonnenen Konferenz der Ernährnngö-und Landwirtschaftsministey in Oldenburg bildete den ersten Beralungsgegen^ stand die augenblickliche Lage der Karwffelversorgunc und die Preisentwicklung auf dem KartoffelmarkU
Die Mehrheit entschied sich zur Durchführnn« folgender Maßnahmen: Mit allen Mitteln muß eine Besserung der Wagengestellung fü' die östlichen Ueberschußbezirke angestrebt werdens Jede Ausfuhr ist zu unterlassen und durch strenge Ueberwachungsmaßnahmen zu verhindern. Die Verarbeitung von Kartoffeln in Stärkefabriken, Trocknereien, und Brennereien ist möglichst zu verringern und aus Kartoffeln, die zur menschlichen Ernährung nicht geeignet sind, zu beschränken. Die Eisenbahnen sind zu ersuchen, nut solche Sendungen zu befördern, die von legitimierten Käufern oufgegeben werden. In den Fällen, in denen der Preis in einer Weise gesteigert wird, der den Gestehungskosten und der Marktlage in keiner Weise entspricht soll von den Vorschriften gegen Preistreiberei Gebrauch gemacht werden.
Nach der Aussprache über die Kartoffelversorgung hat sich die Konferenz mit der Frage der Brotge- treideversorgung beschäftigt. Der Präsident der Reichsgetreideftelle berichtete über den Stand der Ablieferung von Umlagegetteide. Bis 15. Oktober
nur einen Augenblick schien sich etwas wie Zagen ihrer zu bemächttgen, dann richtete sie entschlossen den Kopf- empor und sagte, mit einem warmen Aufleuchten ihrer braunen Augen: „Ich kann den Gevanken nicht absurd finden, denn es handelt sich um mein Lebensglück! Ich habe mich gestern abend mit Karl Hochfeld verlobt!"'
Ein solch unerhörtes Bekenntnis hatten die Eltern' wohl nicht erwartet. Die Tochter, welche man von frühester Jugend an vor nicht ebenbürtigem Umgang' bewahrt hatte, der van jeher mit peinlicher Sorgfalt das Bewußssein eingeprägt worden war, daß sie zu den Auserwähltesten gehöre, entblöbete sich nicht, in offenem Widerspruch mit allen hier im Haufe gültigen Anschau-' ungen von Rang und Vornehmheit, zu erklären, daß sie eine Wahl hinter dem Rücken ihrer Eltern getroffen1 habe, zu welcher diese nie und nimmer ihre Zustimmung geben konnten! Stürzten denn nicht die Mauern des alten Familienhauses über das Unerhörte ein — fliegen nicht der Herr Rat Albert Hohenfels mit feiner Allongeperücke und den dicken Fingervingen an den weißen Händen nebst feiner Gattin, der Rätin mit dem hochmütigen Gesicht — sie, die vornehmsten der Sippe — deren beider Bildnisse dort über dem breiten Divan hingen, fliegen sie nicht aus den Goldrahmcn um der Ururenkelin den Standpunkt darüber klar zu machen, was sic sich, ihrem Namen und ihrer Familie schuldig fei?
Einen Augenblick sahen sich Herr und Frau Hohenfels verblüfft an, dann sank die letztere mit einem schwachen Aufschrei in den rückwärts stehenden Sessel, um aber sofort wieder daraus emporzufahren und sich gleich einer Furie auf die Tochter zu stürzen.
„Du bist wohl verrückt, daß Du es wagst. Deinen Ellern eine solche Neuigkeit aufzutischen?" schrie sie dabei und schüttelte das Mädchen derb am Arm. „Stoto- risch verrückt mußt Du sein — denn das geht doch über die Hutschnur! Bildest Du Dir ein, wir sagen 5a und Amen dazu, wenn Du Dich in den nächst besten Plebejer vergaffst? ©lauft Du, Deinen Starrkopf rote, der durchsetzen zu können? Da bist Du aber auf dcw Holzwege I"
(Fortsetzung folgt.!