Einzelbild herunterladen
 

Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Skadk Fulda.

Nr. 238.

Verantwortlich für den cebanionellen Teil: Dr. I. Kramer, t für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actlendruckerei in Fulda. Fernfprecher Nr. (>. Telegr.-Adresse: Fu ldaer Zeitung.

Samstag, 15, Oktober 192j.

Bezugspreis: Monatlich 5.03 M. zugestellt frei ins Haus. “ _ Abgeholt in der Geschäfts stille 4,60 Alk. n

Anzeigen: (£ n l on e i 3 e i l e 70 Pjg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklamezeile (Textbreitel 2.50 Alk.

48. Zahrg.

vor der Bekanntgabe

der oberschlesischen Entscheidung.

? Der letzte hoffnungsfaben reißt.

$3 vAchledenen Aeußerrmgen der englischen Presse ^ede davon gewesen, daß die Entscheidung des -solkerbur2srats 00m Obersten Rate einer „Uebrrprü- untcrzooM werde» solle. Diese von London Imsachlich beantragte „Ueberprüfung" schrumpft setzt zu einer teeren Formalität zusammen, die keinm ander:n hat, als di« öffentliche Meinung über den Um- <au i-ujqb Georges zu tauschen.

Die französischen Diplomaten sind gerissener, als die englischen. Sie haberr schnell einsn Trick ge­funden, um dem Anträge aus lieber prüfung die Spitze abzubrcchen. Halbamtlich wird in Paris dlefar diplo­matische Schachzug bereits an die Oeffentlichkett ge­bracht, woraus zu folgern ist, daß man den Erfolg für vanz sicher hält.

Die Entscheidung von Gens steht tatsächlich in schrelendem Widerspruch zu den Vorschriften des Ver­sailler Vertrages. Also könnte eine ehrliche Rechtsprü- sung nur zur Ablehnung führen. Das wollen aber t>ie Franzosen um jeden Preis vermeiden, und daher mach:» sie mit dem Genfer Beschluß dasselbe Ma- snöver,, was dieser mit Obrrschlesien macht: man Halbiert das Kind. Die Pariser Rabulisten sagen: der Beschluß bestehe aus zwei Teilen, die ge­sondert betrackM und behandelt werden müßten. Die politische Grenze, die der Völkerbundsrat ge­zogen, sei endgültig und unterliege keiner Nachprüfung. Der weitere Beschluß über die wirtschaftlichen .Abmachungei.- m Oberschlesien sek nur eine „Em­pfehlung", deshalb komme es nicht darauf an, ob diese Wirtschaftlichen Vorschläge über den Rahmen des Versailler Vertrages hinausgingsn. Darum brauchte sich weder Englarck noch Frankreich den Kopf zu zer- brechen: denn es fei Sache der beiden unmittelbar be­teiligten Regierungen von Berlin und Warschau sich über die winschoftiichen Beziehungen der beiden Hälften von Oberschlesien zu verständigM.

Ein Advokateukniff der schlimmstm Art! Es ist, am einen milden Ausdruck zu wählen, eine tendrn- ziöfe Unwahrheit, daß die politische und die wirtschaft­liche Bestimmung miteinander nicht im Zusammen­hang ständen und nur die politische Grenz,: ver­tragsmäßig zu sein brauche.

Im Versailler Vertrag steht ausdrücklich und mit den klarsten Worten, daß bei der Grunzziehung auch die wirtschaftlichen Verhältnisse berücksichtigt wer­den müssen. Das haben auch die Herren vom Völker­bund selber erkannt und demgemäß bestimmte Vor- kehrungm getroffen, um die Lebensfähigkeit der dorti­gen Industrie auch nach der Halbierung sicher zu stel­len. Diese bilden eine unbedingt rwtwendige Ergän- jzung zu dem Teilumgsbeschluß, da der letztere offen- dar rechtswidrig ist, wenn die wirtschaftliche Lebens­fähigkeit der, Teile nicht vorschriftsmäßig berücksichtigt «vird.

Ob diese wirtschaftlichen Klauseln des Genfer Be­schlusses an sich zweckmäßig waren, um den Vorschrif­ten L« Vertrages zu genügen, braucht in diesem Au- .gertblid nicht erörtnn zu werden. Es genügt die Fest- stellung, daß die Väter der Grenzlinie selbst die Not­wendigkeit wirtschafllichrr Klauseln erkannt und be­tätigt haben. Wenn Lloyd George jetzt die Grenz­linie ohne das wirtschaftliche Zudchör zur Durch- ghrung bringt, so bricht er nicht bloß den Versailler ertrag, sondern auch sein öffentlich und feierlich ge­gebenes Wort vom ehrlichen Spiel.

Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten von einer Vereinbarung mit den Polen abhängig zu machen, ist eine wahre Verhöhnung Deutschlands. Die Po- 'sn, deren Größenwahn von Frankreich her so heillos steigert ist, werden sich auf kein erträgliches Abkom- nren einlassen, und wenn ein Vertrag zustande käme, so würden die Banden Korfantys schon dafür sorgen, daß Deutschland um sein Recht gebracht würde.

Was Helf?» aber alte guten Gründe, alle Warnun­gen und Beschwörungen, wenn Lloyd Georg« von -den Franzosen und seinem zweideutigen Abgesandton Balfour sich hat einfangen lassen! Deutschland muß dafür leiden, daß England schwach geworden ist!

Kanter Dr. Wirth über Genf.

Der Berliner Korrespondent der „Chicago Tri­büne" veröffentlicht eine Erklärung des Reichs­kanzlers Wirth, die er gegenüber in Berlin weilenden Vertretern der amerikani­sch e n P r e f f e gegeben hat. Der Kanzler führte aus, daß die Regierung zwar noch feine amtlichen Informationen über die Entscheidung des Völker- bundsrates besitze, daß aber die Lage auf Grund der eingelaufenen zuverlässigen privatm Nachrichten als kritisch betrachtet werden müsse. Die Entscheidung sei höchstwahrscheinlich sehr ungün­stig für Deutschland ausgefallen.

„Was uns am meisten angeht," fuhr der Kanzler fort, tft, „b a § uns Stabte g rn 0 m m e n werden d i e • n ihrer überwältigenden Mehrheit deutsch find. Cs ist unverständlich für uns, wie der Völker­bund diese Städte, in denen Schulen. Lvnst, Theater und Literatur als Wahrzeichen deutscher Kultur blühen, Polen Zuteilen konnte. Niemand wird verstehen können, wie'o uns Beuchen, Kaitowitz und Kömgshütt« genommen wer- den. Die Entscheidung des Völkerbundes bedeutet nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa eine Kata- str 0 p he. So lange, es eine deutsche Goschtchte geben wird wird man diese Trennung als einen Akt furchtbaren Unre chts empfinden. Ich habe stets gehofft, daß diese Städte deutsch bleiben werden. Ich Hobe stets gefürchtei, daß gewiss« Telle Oberschlesiens Pole» zugeteilt werden, und das deutsch- Volk war darauf vorbereitet, die Kreise Pleß und Rybnik, wo die Polen bei beer Volksabstimmung eine Mehrheit gehabt haben, zu verli-qcen. Aber die Cnt- scheidmig, wie sie jetzt ausgefallen ist, wird nicht nur die jetzige Deutsche Regierung und die Deutsche Innenvolstik,

sondern auch für das ganze Land und das ganze deutsche Volk die schwerwiegendsten Folgen haben. Die Angriffe, die von der Rechten gegen mich und meine Regierung gerichtet worden sind, können bezeugen, wie ernst wir es versucht haben, die W i eder g utma ch u n g s b ed i n - 1 jungen zu erfüllen. Meine Politik war nicht nur von dem Gedanken der Erfüllung geleitet, sondern ich hoffte auch, an dem Wiederaufbau der Weltindustrie und der Weitwirtschaft teilzunchmeu. Ich habe erwartet, daß sich diese Politik auch die Diplomaten der Entonte zu eigen machen würden."

Zum Schluß erklärte der Reichskanzler, daß er mit der Regierung so lange im Amte bleiben werde, bis der Reichstag die Entscheidung übersei nePolitikgetrofsen habe.

Eine italienische Stimme.

Der katholische „C 0 rriere d' Italia" ist wenig erbaut von dem ersten Spmche des VölkerbunLsrats. Dieser respektiere weder den Buchstaben noch die Ent- swhungsgeschichte der Versailler Paraarapchrn, deren gerechte Auslegung die Zuteilung von Pleß und Ryb- nif auf Grund der Abstimmung an Polen, die Zutei­lung des JndustriebeZirkes auf Grund der wirtschaft­lichem Notwend igkci! an Deutschland gefordert Hütte, wie England und Italien das ursprünglich oorfchlugen. Dir deutschen Biehrheilen in Kaitowitz, Königshütte und Beuthen würden nunmehr vergewaltigt, die wirt­schaftliche und Derkchrseinhcit des Industriebegirks zerrissen. Das üalienische Interesse an den K0 tz- len ! i e f e r u n g c n sei durch drohende Unruhm ge­fährdet, außerdem sei die Stellung Wirths zum schweren Schaden der mühsam erlangten Beruhigung Europas erschüttert.

Die wirtschaftliche Bedeutung des gefährdeten Gebietes.

Nach einer Mitteilung des preußischen Handelministeriums würde, wenn die in den Zeitungen durch Korten erläuterten Angaben über die Teilung Obcrschlrsicns zutreffeu, Deutschland in bergwirtschaftlicher Hinsicht nachstehende Verluste erleiden: An Kohlerroo rräten würden Deutschland 86 Prozent der oberschlesischen bzw. 42,5 Prozent seiner gesamten, bis 1500 Meter Tiefe anstehenden gewinnbaren StemLohlenvorräte verlieren. Ferner würden an Polen 64 Prozent der oberschlesischcn Sleinkohlenförderung verloren gehen, was nach dm FördcrungsergLbnisscn des letzten Frie- densjahres, 1913, einen jährlichen Förderausfall von rund 28 Millionen Tonnen Steinkohle be­deuten würde. Dies wäre um so gefährlicher, als viele der deutsch bleibcntai Gruben sehr stark abge­baut sind und deren Produktion von Jahr zu Lahr ab« nehmen wird, wähl eich dir angeblich Pobm zusallcnden Steirckohlendergwerke über .unerschöpfliche Kohlenre- seroen verfügen und die Möglichkeit für eine säst un­begrenzte Steigerung ihrer Förderleistung bieten.

Die gesamte oberschlesische Zinkindustrie ginge verloren, die im letzten Friedensjahr, 1913, etwa 17,1 Prozent der Weltproduktion und mehr als 60 Prozent der deutschen Zinkproduktion geliefert hat; dmn 85,6 Prozent der oberschiesischen Zinkförderung und sämtliche Zinkhütten kämen an Polen. Ebenso würden 75,4 Prozent der oberschlesischen bzw. 27 Prz. der ganzen deutschem Bleierzförderung einschl. der darin enchaltersen Silbererze verloren gehen. Die oberfchlesische E i s e n i n d u st r i e, di: im letzten Friedensjahr rund 2 680 000 Tonnen Eisen- und Stahlerzeugnisse geliefert hat, dürfte einen Verlust von mehr als 63 Prozent zu verzeichnen haben, falls die an gedeutete Teilungslinie den Tatsachen entsprechen sollte.

Eine gewaltige Demonstration für Gderschlefien.

In der Lahrhunderthalle und auf dem Schloßplatz in Breslau fand ehre gewaltige Demonstration statt, cn der sich die Anhänger aller Parteien, von den Deutschnationalen bis zu den Un­abhängigen beteiligten. Redner aller Parteien hielten 'Ansprachen, in denen sie gegen, die Zerreißung Oberschlesiens protestierten. Es wurde eine Emschlie- Bung angenommen, in der verlangt wird, daß das von der Entente so feierlich verkündete Selb st be ft im» rnungsrecht der Völker und die winschattlichr Wohlfahrt Overschlefiens für die endgültige Entschei­dung grundlegend bleiben. Das Wohl und Wehe Breslaus und der Provinz Niederschlesien sei mit dem Schicksal Oberschlesiens untrennbar verbunden. Die Entscheidung des Völkerbundsrates wäre ein Bruch des Versailler Vertrages und geeignet, zu schweren Erschütterungen zu führen.

Protest der oberschiesischen Bürgermeijfer.

In Oppeln fand eine von 25 Bürger meistern Obcrschlesiens besuchte Konsermz statt, in der beschlos- rn wurde, an die alliierten Ministerpräsidenten ein Telegramm abzusenden, in dem sie nochmals entschie­denen Widerspruch gegen die Zerreißung Oberschlesiens und die Wtrennung vom deut­schen Vaterlande erheben

Unsicherheit im Abstimmungsgebiet.

Wie das „Berliner Tageblatt" aus Beuthen mel­det, nimmt als Folge des Völkerbundsbeschlusies die Unsicherheit im obnschlesischcn Abstimmuttgsbezirk zu. Das Blatt berichtet von blutigen Reibereien und Ent­waffnungen. In Pleß und Rybnik hätten die Polen auf Grund der Genfer lefegramme p 0 lttis ch c Flaggen gehißt, die sie aber in Pleß wieder hatten einziehen müßen. Polnischerftits werde intensiv an

der weiteren Ausgestaltung militärischer Geheimorganisationrn gearbeitet. Kon­greßpolnische Soldaten sollen sich in großer Zahl in Zivil in Otzprschlesten aufhalten.

Deutscherseits wird eindringlich davor ge­warnt, sich durch die Entscheidung, wie sie auch fallen ■möge, zu unbesonnenen Taten hinrsißen zu lassen. In Oppeln wird von englischer Seite mit der ausdrück­lichen Ermächtigung zur Veröffentlichung mitgeteilt, daß eine Entschi-idung über LbÄrschlesiens Schicksal noch nicht getroffen sei und daß alle bisher darüber verbreiteten Meldungen falsch feien.

Teuerung und Streiks.

Reue Forderungen.

Der Gesamtverband deutscher Be­amten- u. Staatsangeftelltengewerk- schäften teilt mit, daß die Besoldungen der Beamten, Angestellte u. Arbeiter des Reiches, der Länder und der Gemeinden sich mit der Entwertung des Geldes, die sich in einer allgemeinen Teuerung bemerkbar mache, keineswegs mehr im Einklang befände. Der Gesamtverband der deutschen Beam­ten- und Staatsangestellten-Gewerkschaften (Deut­scher Gewerkschaftsbund) unterbreitete daher, um eine rasche und wirksame Abhilfe zu schaffen, der Reichsregierung und dem Reichstage entspre­chende Vorschläge. Neben der allgemeinen For­derung, daß bei der Bemessung der Besoldungen die Entwertung der Mark im Jnlande in vollem Umfange Berücksichtigung finden müsse, wird ver­langt: wesentliche Erhöhung des Grundgehalts, Um­wandlung des bisherigen abgestuften Ortszuschlags in ein Wohnungsgeld, das der Verschiedenheit des durchschnittlichen 'Aufwandes für Wohnung und Fahrgeld für den Verkehr zwischen Wohnung und Arbeitsstätte entspricht, gleichmäßiger und der Teue­rung angepaßter Kinderzuschlag für alle Ortsklassen und Besoldungsgruppen, ein besonderer nach Hun­dertteilen des Grundgehalts für alle Ortsklassen und Besoldungsgruppen gleichbemessener Teuerungs­zuschlag. Im Interesse der Beamten, Angestellten und Arbeiter des Reiches, der Länder und Gemein­den fei zu erwarten, daß die Regierung möglichst bald einen Termin bekanntgibt, an dem die Ver­handlungen über die obengenannten Punkte geführt werden können.

, Die Lerkoffelfrage.

Das braunschweigische Ministerimn hat an das Reichsministerium für Ernährung die Bitte gerich­tet ,auf der am 20. Oktober in Oldenburg stattfinden- den Konferenz der Ernährungsmini- st e r aller deutschen Staaten die Besprechung der Kartoffelfrage als ersten Punkt auf die Ta­gesordnung zu fetzen. Das braunschweigische Mi­nisterium hofft, daß ein gemeinsames Vorgehen von Reich und Ländern erzielt werden kann und hat alle Länderregierungen aufgefordert, seinen An­trag zur Behebung der Kartoffelnot zu unterstützen.

Ein mitkeldeukschec Eisenbahnecstreik?

Wie die Blätter melden, haben die Verhand­lungen zwischen Vertretern des Reichsverkehrsmini­steriums und Vertretern der Halleschen Eisenbahner über die Regelung der Arbeitsdauer zu keiner Einigung geführt. Die Gefahr eines Eisen­bahnerstreiks ist bisher noch nicht beseitigt.

Zu der Lohnbewegung in der Ber­liner Metallindustrie wird vom Gewerk­schaftsbund der Angestellten mitgeteilt, daß nach län­geren Verhandlungen zwischen den Angestellten und der Metallindustrie eine Einigung erzielt worden ist.

preußischer Landtag.

Minister Domidfus und die Sozialisten.

Der preußische Landtag holte am Freitag nach, was er am Mittwoch versäumt hatte. Die Erregung über die Nachrichten, die aus Genf über die Entschei­dung Oberfchlesiens dringen, brennt noch in aller Her- zen — aber was schadet dies; gestritten muß halt fein.

Die Linksparteien im Preußenhaufe haben es sich nun einmal in den Kopf gefetzt, auch in solchen Zeiten ihr Parteigezänk zu treiben. Denn bei jeder guten und schlechten Gelegenheit suchen sie gegen das Kabinett Stege rro alb anzurennen. Diesesmal haben sie es auf dm Innenminister Dominikus abgesehen Gegen seine Personalpolitik tobt ihr Kampf- geschrei: sie fei „undemokratisch" oder besser wie Herr Krüger von der Mehrheitssozialdemokratie die Parole ausgab, Herr Dominicas betreibe die „Ents 0 zial. demokratisierung" der Verwaltung. Um Per­sonen also dreht sich zum großen Teil die Debatte. Die. jer Landrat sei nicht bestätigt worden, jener zu Unrecht gemaßregelt, diesen habe man hinausgedrängt, jenem den Eingang verwehrt: so der Ehor der Kläger. Und erst der Selbstschutz, die Arbeitsgemeinschaften, die Dr- gesch Dominicus, der „Reaktionär" habe sie geschützt: so überbietet der Unabhängiae den Mehrheitssozialisten in Beschuldigung und Angriff. Alles wird hervorgeholt, um den Innenminister im Sturmangriff zu berennen.

Der aber Hot seinen guten Tag — eine schwerere Abfuhr haben sich die Sozialisten wohl noch nie geholt als wie sie ihnen diesmal widerfuhr. Der Stab der Mitarbeiter hat anaehäustss Material auf feinen Plä- tzen. Mappe über Mappe ergreift der Minister, um die Angriffe der Gegner abzuschlagen. Fast scheint es so, als will man ihn nicht reden lassen. Denn als er sich von seinem Platz erhebt, um seine Rede zu beginnen, tönt ihm der Lärm der Linken unaufhaltsam ent­gegen. Obstruktion! Die Glocke des Präsidenten läu. tet unaufhörlich. .Hauptmann der Landwehr", so be­grüßt man Herrn Dominicus. „der Angeklagte hat das Wort", heult es ihm entgegen. Aber wie Streich auf Streich der Innenminister die gegen ihn erhobenen Vor. würfe mit Festigkeit zurückweist, da wird man immer kleinlauter. Zuletzt hört man kein Wort mehr aus dem Eh°r der Rachegeister, sie sind hübsch still geworden. Der Minister geht die einzelnen Fälle durch. Mit feiner Ironie weiß x*~ ‘'inten manche Wahrheit zu sagen. Auch »)err ©eaering. sein Amtrvorgänger, bleibt nicht verschont. Denn vieles von dem. was man beanstandet.

fällt noch auf diesen selbst zurück, das Meiste ist un. haltbar, ja manche Maßnahme, die von der Mehrhests. sozialdemokratie gerügt wird, ist sogar von sozial- demokratischen höheren Verwaltungs­beamten empfohlen worden. Die Linke erleidet eine Niederlage auf der ganzen Linie. Sie ist enttäuscht, bas merkt man. Sie fühlt sich durch die Ausführungen des Innenministers geschlagen.

Wollte man olle die Fälle einzeln aufzählen um die es sich bei dieser Debatte handelte, dann müßte man darangehen, ein Buch zu schreiben. Aber einfacher wäre es gewesen, wenn die Sozialisten von dem Anerbieten des Innenministers Gebrauch gemacht hätten. Einsicht in die Akten zu nehmen — sie hätten sich viel ersparen können. Der Fall Arens, der Fall Baboldt. der Fall Adler und noch soviele mehr haben alle ihre harmlose Aufklärung gefunden. Auch an homerischem Gelächter fehlte es nicht, wenn der Minister aus den Akten man. chen launigen Fall zum besten gab.

Für das Zentrum spricht der 2(bg. Lönartz. Er be. tont, daß es vor allem nötig sei, Fragen der Personal. Politik zwar mit Gründlichkeit aber auch mit Sachlich­keit zu behandeln. Von höherem Gesichtspunkte des Vaterlandeswohles müssen sie beurteilt sein. Er weist vor allem daraus hin, daß das Zentrum es sich ange- legen fein lassen werde, über Paritätsfragen beim Haus­halt des Innenministers zu sprechen.

Nächste Sitzung Dienstag. Anfragen. Anträge, SBeü terberatungen.__

Hus dem besetzten Gebiet.

• Die Relchstreue der Pfalz. Der bayerische Minister. Präsident, Graf Lerchenfeld, hat anläßlich seiner Pfalzreise folgendes Telegramm an den Retchs- präsidenten in Berlin gerichtet: „Herr Präsident! Eine fünftägige Psalzreise liegt hinter mir, wobei ich olle Amtsstädte besucht und mit allen Bevölkerungs- kreisen Fühlung genommen habe. In den schweren Tagen, in denen wir um Oberschlesien bangen, ist es mir Bedursnis, Ihnen zu sagen, daß ich Überall treue Deutsche gefunden habe. Die Pfalz hält fest am deutschen Vaterlande. Das Hilfs- Werk Oppau ist unter Leitung deS bayerischen Staats- komnnsfarS in vollem, ersotgversprechendem Gange. Bayerischer Ministerpräsident Graf v. Sercbenfelb."

* Seine Aushebung bet militärischen Sanklianeo. „Li­berte" behauptet zu wißen, baß der sranzösische Ministerrai bie Frage der militärischen Scmktionen am Rhein erörtert habe. Der Ministerpräsident und seine Kollegen seien barüber einig gewesen, daß in keiner Weise von der Aufhebung der militärischen Sanktionen bi« Rede sein könne,

Deutscher Reich.

*' Berlin, 15. Okt. Der Oberreichsanwalt hm gegen den Schriftsteller Stabtier das Ermitte- lunosverfahren wegen Landesverrats eingeleitet. Da ein Fluchtverdacht jedoch nicht mehr vorliegt, wurde Stabiler wieder auf freien Fuß gesetzt. Tas Verfahren nimmt jedoch seinen Fortgang. /

* Die neue Novelle zum Conntagsruhegesetz sieht eine Erhöhung bet Ausnahmetage von 10 auf 14 vor. An 12 Sonntagen soll eine außerge­wöhnliche Beschäftigung von 3, an 2 Sonntagen von 6 Stunden stattsinben hülfen. In bet Begründung heißt es, daß bas neue Zugeständnis hauptsächlich ben Bebürsnissen bet länbtichen Bevölkerung dienen solle, die Wochentags wenig Zeit zu Einkäufen io der Stabt habe.

♦ Das Lmenelemcnk in der Rechtspflege. Der Neichsjustizministnr Dr. Schiffer hat dem Reichstag den Entwurf eines Gesetzes vorgelvgt, wonach außer den Schöffen und Geschworenen auch den Der» trauensmännern der Ausschüsse, die die Auswahl der Laienrichter zu treffen haben, eine Ent­schädigung zugesprochen wirb. Hierdurch soll den un­bemittelten Schichten der Beoölkkruiig die Dnlnahme an der Laienjustiz erleichtert werden. Zurzeit erhalten die Schöffen und G'fchworenen Tagegelder von 30 Jt, wozu noch außerdem für ein notwendiges Nachtquartier 20 Jl Zulage sowie Reisekosten treten.

* Weimar. Der thüringische Landtag wählte gegen die Stimmen der gesamten bürgerlichen 'Min­derheit den unabhängigen Bolksschullehrer Craif aus Gera zum Kultusminister.

Kurland.

* Der heimatlose Kaiser Karl. Wie die »Basler Nachrichten' melden, wirb es immer wahrscheinlicher, baß kein europäischer Staat, auch Spanien nicht, Karl von Habsburg eine Aufenthaltsbewilligung geben wirb. Unter diesen Umständen wirb bie Schweiz vorläufig ihre GastgeberroUe weiter spielen müssen.

* Der deulsch-aiMrikanische Friede. Wegen des Todes b?s Senators Knox ist jede weitere Behandlung der Friedensverträge mit Deutschland, Oesterreich und Ungarn durch den amerikanischen Kongreß bis nächste Woche verschoben werden.

* Das persische Kabinett ist zurückgelreten. Dar neue Kabinett, das bereits den Eid abgelegt hat, setzt ich wie folgt zusammen: Schava-er-Saltaneh Mini- berpräsiderü und Inneres, Cermar-es-Spahi Kriegs- Minister und Muschan-es-SaltEh Minister des Aenßern.

* Aus Mexiko wird gemeldet, daß 50 Bewaffnete unter Führung des Rebellenhauptmanns Castill« zwischen Veracruz und Puebla einen Eisenbahnzug überfallen haben, die Passagiere ausplünderten und sich mit beträchtlicher Beute geflüchtet haben. Zwei Per- onen wurden bei dem Ueberfall getötet.

Kus ber katholischen Welt.

• «trei^rr v. Pastor beim heiligen Vater De. österreichische Gesanote in Rom, Freiherr v. Pastor, wurde vom HI Vater in längerer Privataudtenz empfangen. Papst Benedikt XV. erkundigte sich eingehend nach den bermaligen Zuständen Oesterreichs und ben Einbrücken, bie Pastor auf ber Frankfurter Katho­lt kenverfammlung, ber er beiwohnte, empfangen habe. Mit befonberer Freube vernahm ber Papst baS isortschreiten bes Druckes beS IX. Bandes der Geschichte der Päpste, von dem bereits über britthalbhunder

t