Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Lladl Aulda.
Nr. 236.
Veramworttich für den ceüauionellen Teil: Dr. I. Kramer, - für die Anzeigen: I. Parze!! er-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acllendruckerei in Fulda, ffernipredxr Nr. 9. Teleqr.-Adresfe: Fu ldaer Zeitung.
Donnerstag, 13» Oktober 1921*
Bezugspreis: Monatlich 5.00 Mk. zugestellt frei ins Haus. - Abgeholt in der Geschästssttlle 4,60 Mk. s Anzeigen: (L olonelzeiie 70 pfg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklamezeile (Texkdreite) 2.59 Mk.
48. Zahrg.
Oberschlesiens und Deutschlands Schicksalsstunde.
Fair play.
Ehrliches Soicli — Dieses Wort stammt vom tnglischen Ministerpräsidenten Lloyd George und Durde von ihm ong-ewartbf, als er im Unterhaus am t3 .Mm 1921 Ieine große Rede über Oberschdesien Llelt. Damals betonte Lloyd George, daß Polen g e* Ichich 11ich kein Rech» auf Oberschlesien hake und pragec den nitigitierfen Satz: „Ich hoffe, daß, obwohl rs sich um Deutsche handelt, wir immer zeigen wer- ^n, daß wir für „Fair play" eintreten. Eine Auffassung nach izr es den Polen gestattet sein sollte, rn Verachiung des Friedensvertrages Oberschlesien weg- simehmen, eine Auffassung, die ihnen 200 Jahre gehört M und die 600 Lahre lang gewiß nicht polnisch war, kväre entehrend und unwert der Ehre jedes Landes."
Wir brauchen außerdem nicht daran zu erinnern, a>ie nach den Tagen der Pariser Konferenz Lloyd George zu wiederholten Malen vor der ganzen Weit d'-e Meinung kundgogeben hat, daß die Alliierten sich der schweren Lerantwonung unwert zeigen würden, wenn sie eine Lösung annähmen, dir keine Achtung in der ganzen Welt zu erwecken vermöchte; und ebenso klar pflegte damals Lloyd George davon zu spre- lyen, daß die Annahme einer solchen Lösung nichts anderes zu bedeuten haben würde, als die He raus- brschwörung eines Konflikts für spätere Zukunft.
Man wird sich noch daran erinnern, daß Lloyd George am 16. August 1921 über die Einheit des L n d u st r i e b e z i r t s gesprochen hat und ausdrück- nch anerkannte, daß, werm man das (8:biet als einheitliches Ganze betrachtet, es sich in Wirklichkeit um eme deutsche Mehrheit handele.
Die Nachrichten, die nunmehr aus der Auslands- presie über die in Eens getroffenen Entscheidungen bezüglich Oberschlesiens zu uns hrrrindringen, lassen sich mit diesem Standpunkt Lloyd Georges nicht in Einklang bringen. Noch kennen wir den Spruch der Entente nicht, aber wie man sagt, fei die Entscheidung bereits in Genf gefallen. Und wenn man auch in der Beurteilung der vielen Gerüchte äußerst vorsichtig fern muß, so ist in ihnen doch der eine Zug erkennbar, daß der Versuch gemacht wird, das deutsche Recht auf dieses deutsche Land zu beugen. Weiß man auf fetten Der Entente nicht mehr, was Elsaß-Lothringen für D«,W:lt bedeutete? Ein zweites Elsaß-Lothringen l>Mß an Deutschlands Lstgrenze entstehen, wenn England sein „Fair play" aufgibt, um Frankreichs Polenpolitik zum Siege zu verhelfen. Wird man in England diese diplomatische Niederlage erleiden wollen?
Mit der oberschlesifchen Frage sind aber noch zwei vndeoe Fragen von weittragender Bedeutung verknüpft. Oberschlesiens Bedeutung ist in gleicher Weife national wie international. Denn mit dem oberschlesischen Problem ist eng verknüpft die Erfüllung s p o l i t i k, die Deutschland seit den Tagen des Ultimatums mit Energie und Zielbewußtheit getrieben hat, wen es des Glaubens war, daß damit rin Prozeß eingetoiftet würde zum Wiedexerwachen Irrer großen friedlichen Wirtschaftspolitik.
Niemals hat die Regierung und haben die Parteien, die das Ultimatum in jenen schweren und dunklen Tagen, Deutschlands annahmen, einen Zweifel Daran gelassen, daß die Erfüllung der Berpflichtungen in großem Maße abhängig fei von der Zukunft des oberschlesifchen Industriegebiets und feiner Zugehöriger! zu Deutschland. Die Fortsetzung dieser Politik ist in Gefahr, durch einen Fehlspruch der Entente zu Ungunsten Deutschlands von der Entente selbst sabotiert zu werden.
Kann man damit rechnen, daß sich in Deutschland noch Parteien finden werden, die gewillt sind, die Verantwortung im Sinne einer Politik des restlosen Er,ullungswillens zu tragen, wenn diejenigen, denen an don materiellen Werten der Wiederherstelluna am meisten liegen müßte, uns ter Mittel berauben, die Wor^-sfetzung für einen praktischen Versuch nach dieser Richtung sind? Wir sind der UeberzstwiMg, daß le°cn ^wiA entrUm ta5 jedenfalls reiflich über-
Die Lage ist zweifellos ernst. Eh: man aber darm eirrtiut, sich in vagen Vermutmcgen zu «ergehen und mnerpolilische Rückschlüsse zu ziehen, wird man gut tun Sie faktischen Tatsachen abzuwarten. Deutsch- land hat von der Entente nichts anderes gefordert a ls Ved) t u n ü Gercchtigieit, dieses Recht, das ^nt^r“11”1 t€l ^bstimnmng von selbst auf
I>er mutmaßliche Erenzverlauf. Amtliche Dekannkgabe erst Sr-msfsg oder Sonntag.
Ser ©Ciifer Korrespondent des „Temps" teilt ™ - -f-w 0 renzl, njx {n Oberjchlesien, die der Volkerbundsrat vorzuschlagen beabsichtigt, scheint setzt w i e i o l g t z u v e r l a u f e n :
1. Polen erhält die beiden südlichen Kreise b Onsgefamr) unu Rybnik (zum größten
2. Das Jndustriebecken wird unter die berden Lander geteilt. Deutschland erhält di- ! westlichen Kreise Des Beckens Gleiwitz und Hindun- i bürg (Zaborce). Polen erhält die Kreise Könias- hutte, Bouthen-Land, Kattowitz-Stadt und K^tlo- witz-Land.
3. Die beiden im Osten von Oberschlesien geleqe- neu Kreiie Tarnowitz und Lublinitz werden in ihren östlichen Teilen Polen, in ihren westlichen Teilen Deutschland zugesprochen.
4. Deutschland behält d i e anderen ober- schlesischen Kreise im Norden, Westen und im Zentrum, also Rosenberg, Kreuzburg, Oppeln, Eroß-Strehlitz, Tost, Kofel, Oberglogau und Leob- fchütz.
Cs steht jetzt fest, daß das Gutachten des Völkerbundsrats fertiggestellt ist und am Mittwoch abend an den Obersten Rat abgegangen ist. Der Rat hat in Genf die Tagung abgeschlossen. Das Informationsbüro des Völkerbundes gab, um die öffentliche Meinung zu beruhigen, eine längere Mitteilung über den Verlauf der Tagung aus, die jedoch keinerlei Angaben über die Lösung selbst enthält. Der Oberste Rat bezw. die Botschafterkonferenz sollen am Donnerstag zur Prüfung des Gutachtens des Völkerbundrats in Paris gufammentreten. Gleichzeitig sollen die notwendigen Polizeimaßnahmen in Oberschlesien getroffen werden. Wenn alle diese Vorbereitungen beendet sind, wird das Gutachten des Völkerbundrats als Beschluß des Obersten Rates veröffentlicht. Man rechnet damit, daß die Veröffentlichung am Samstag oder Sonntag gleichzeitig in den Ententehauptstädten und in Genf erfolgt.
Am Schluß der letzten Ratssitzung in Genf hielt Baron I s h i i, Präsident der Tagung für die ober- schlesische Frage, eine Ansprache, in der er sagte, der Völkerbundsrat schätze s i ch glücklich, bei der Lösung einer der schwierigsten und verwickelt- sten Fragen angelangt zu sein. Er habe eine der wichtigsten Aufgaben, die ihm je übertragen wurden, mit Erfolg durchgeführt. Dies sei eine entscheidende Stunde im Leben des Völkerbundes.
Vie Haltung der Reichsregierung.
Protest gegen Vergewaltigung und Anrecht.
Das Reichskabinett ist fast fortgesetzt beisammen. In der gestrigen Sitzung gab der Reichskanzler der allgemeinen Erregung darüber Ausdruck, daß der Völkerbundsrat in Genf, soweit sich aus umvider- sprochenen Nachrichten entmchmen lasse, über das ober« schlesische Gebiet in einer Weift verfügte, die weder der durch die Abstimmung klar zutage getretenen Willenskundgebung der oberschlesifchen Bevölkerung noch den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Landes entspreche. Treffen diese Nachrichten zu und fällt der Oberste Rat eireju geartete Entscheidung, so werden deutsche Städte mit allem, was in ihnen an Arbeitswerten und Kulturgütern von deutschem Fleiß und deutschem Geist geschaffen worden ist, vom Reiche getreunt und unter Fremdherrschaft gestellt. Diese Losveißung werde nicht nur von der Mehrheit der Bevölkerung Oberschlesiens, sondern auch vom gesamten deutschen Volke als Vergewaltigung und bitteres Unrucht empfunden werden. Nicht friedliche Entwicklung, sondern unabläßliche Beunruhigung und Zwistigkeiten würden die Folge sein. Dem deutschen Wirtschaftskörxer würde eine unheilbare Wunde geschlagen werden.
Zusammenfasftnd erklärte der Reichskanzler: Falls die Entscheidung so fällt, wie zu befürchten ist, so ist eine neue Lage geschaffen, die die Voraussetzungen einschneidend beelräröchtixt, unter denen die gegenwärtige Negierung die Geschäfte des Reiches über« itommen und geführt Hai. Eires abschließende Entscheidung wird das Kabinett erst dann treffen können, wenn der Spruch des Obersten Rates amtlich rouiegb Der Reichskanzler stellte dies als die einmütige Auffassung des gesamten Kabinetts fest.
Letzte schritte bei der Entente.
Die deutschen Botschafter bei Briand und Lloyd George.
Ter deutsche Botschafter in London, Dr. St Harn er, und der Botschafter in Paris, Dr. Mayer, hoben im Auftrage der Reichsregierung am Dienstag Lloyd George bzw. Briand ausgesucht und nochmals Protest gegen eine ebemuelle Aufteilung des oberschlesifchen Industriegebiets eingelegt.
Soweit aus Pariser Preffemeldungen hervorgeht, bat der deutsche Botschafter ausgeführt, daß der ^riedensvertrag eine Teilung des Industriegebietes mchr gestatte. Wenn aber dem Rechte Deutsch- lands Gewalt angetan werden sollte, bann sei es dem Kabinett Wirth unmöglich gemacht, seine Erfüllungspolitik fonznsetzen. Er soll darauf aufmerksam gemacht haben, daß in diesem Falle auch das Wlesbadener Abkommen hinsäl- lig werden wüide und von der Möglichkeit einer Demission Wirths gebrochen haben.
Die Ausführungen Sthamers in London sollen äch — so berichten die Pariser Blätter — in ähnlichen Gedankengängen bewegt Haden.
Es ist zu betonen, daß amtliche Informationen über den Inhalt der Botschafter-Nn-erredungen nicht vorliegen.
preffrftimmen.
Einmütig erheben sämtliche deutschen Blätter schärf, ten Protest gegen die in Genf gefallene Entscheidung über das Schicksal Oberschlesiens. Die „Deutsche Allgemeine Z t g." schreibt: Oberschkcsierr bildet politisch wie wirtschaftlich eine unantastbare Einheit und es ist ein Verbrechen an der deutschen wie an der polnischen Bevölkerung des Abstimmungsgebietes diesrz im Laufe der Geschichte immer zusammengebliebene Ge. biet zu zersplittern. Der Völkerbund gibt durch das Eintreten für eine Zersplitterung Oberschlesiens den letz- ten kärglichen Rest von Ansehen auf, den er in der Welt vielleicht noch besaß. Bleibt er dabei, daß der Oberste Rai die bisher skizzierte Aufteilung Oberschlesiens aner. kennt, so ist die gesamte Grundlage gebrochen, auf der das politische und wirtschaftliche Leben Deutschlands aufgebaut ist. Die Enttäuschung über Oberschlesien reißt nicht nur das gesamte Kabinett Wirth in den Abgrund, auch die Bildung einer neuen Regierung, deren Zusammensetzung im einzelnen man sich denken kann wie man will wird so gut wie illusorisch. Hinter dem Verlust Oberschlesiens droht das Chaos, eine SSirrnie. aus
der das verzweifelte deutsche Volk sich nicht mehr her- ausfinden kann.
Das „Verl. Tagebl." bezeichnet die Entscheidung des Völkerbundsrats als einen welthistorischen Skandal. Der Bölkerbundsrat habe sich mit gren. zenloser Oberflächlichkeit und unter völliger Mißachtung jeder wahren Rechtsidee zum Werkzeug der Gewalt. Politik und Jntransigeanz gemacht, Don Unparteilichkeit und Gerechtigkeit sei in seinem Wirken keine Spur zu entdecken.
Der „Vorwärts" sagt: Wir Deutschen dürfen keinen Zweifel darüber lassen, daß der Friedensvertrag mit dem Teilungsplan des Dölkerbundsrats nicht erfüllt ist. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge, die starken Mehr, heilen der deutschen Arbeiterbevölkerung sind nicht genügend berücksichtigt worden. Vergewaltigt sind die, die von freier Arbeit leben, zugunsten derer, die als Landbewohner auf der breiten Scholle leben und deren Sümmengewicht ist auf der Karte mit dem Zentimeter, maß sorgfältig nachgernoffen worden. Ein neues uner- hartes' Unrecht geschieht uns und es trifft ein wehrloses Volk.
UundgebAngen der Gberfchlesier.
Ein Rokruf.
Der Deutsche Ausschuß für Oberschlesien hat an den Reichskanzler folgendes Telegramm gerichtet:
Mit steigender Beunruhigung hat der Deutsche Ausschuß von den Nachrichten aus Genf Kenntnis genommen. Wir können nicht glauben, daß sie richtig sind, denn eine solche Entscheidung wäre die Katastrophe für das gesamte Wirtschaftsleben Oberschlesiens. Die Bergeroaltigung des Rechts können wir nicht hinnehmen, wir rufen in letzter Not noch einmal das Reich an.
Das Zen!rum,die Demokratie und die sozialdemokratische Partei Oberschkesiuns Haben von sich wus dem Reichskabinett ihren Standpunkt selbständig klargelegt, daß sie ein Verbleiben ihrer Parteivertreter im Kabinett einer solchen Entscheidung gegenüber für undenkbar halten.
So denkt aber auch der Deutsche Ausschuß in feiner Gesamtheit, in dem in völliger Einigkeit alle deutschen Parteien. Gewerkschaften und sonstigen ständischen Körperschaften Oberschlesiens vertreten sind.
Wir haben cs verstehen können, daß das Ultimatum der Entente von der Reichsregierung angenommen worden ist. mich um Oberschlesien für das Deutschtum zu reiten. Wir können es ober nicht verstehen, daß diesem neuen Rechtsbvuch gegenüber die Reichsregierurrg nicht alle Konsequenzen ziehen würde.
Cs erscheint uns völlig ausgeschlossen, daß die Reichs- retnetvniq etwa dem Ansinnen des Völkerbundsraies nachgehen könnte, dem Wechselbala, den man uns als das autonome Wirtschaftsgebilde oder ähnliches imterzufchieden gedenkt, durch die wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands Leben einznbauchen. Wenn der Bölkerbundsrat es nicht wagen will. Recht Recht bleiben zu taffen, so muffen wir es von tms weisen, Gegenstand unsinniger politischer und wirsichaftkicher Grgerimc-nte zu fein.
Wir fordern unser Recht! Wir fordern aber autfi vom Reich, daß es unsere Rechte verfechte, ohne Rücksicht daraus, ob dem einzelnen hier wieder schwere Tage bevorstehen würden. Reichskanzler, werde hart! Wir sind es! —
Die katholische volksparkei Oberschlesiens hat an den Reichskanzler folgendes Telegramm gerichtet: i
Der Bölkerbundsrat fall eine weitgehende Teilung Oberschlesiens, sogar des Industriegebietes, unter Errichtung einer phantastischen wirtschaftlichen Einheit ernsthaft erwägen. Die Durchführung dieses Planes, der die tatsächlichen Verhältnisse ganz außer acht läßt, würde den Ruin Oberschlesiens bedeuten und eine Quelle ständiger Bedrohung des europäischen Friedens fein. Wir erwarten eine alsbaldige Erklärung der Reichsregie- rung, daß eine solche Entscheidung unannehmbar wäre und den sofortigen Rücktritt des Kabinetts zur Folge hätte.
Das Kabinett vr. Wirth.
Uober dir gestrige Nachmittagssitzurrg des Reichskabinetts weiß das „Berl. Tagebl." heute zu berichten, daß, sollte es zu einem Rücktritt der Reichsregierung kommen, nach einmütiger Ansicht der Kcckinettsmit- glieder der bisherige Kanzler Dr. W i r t h mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftrag* werden könnte. Ein.' neue Kabinettssitzung rft bisher nicht anberaumt worden. Dagegen nehmen die Blätter an, daß b:r Re tchst a.g auf Veranlassung der Reichsregierung schon für Endenächster Woche einberufen werde, um ihm die Frage des Rücktritts des Kabinetts zu unterbreiten.
Die „Frcmkf. Ztg." schreibt zu dem Plan eines solch formellen Rücktritts des Kabinetts: Wenn dieser Weg wirklich notwendig sein sollte, so würde man hoffentlich aucy das Risiko beachten, das man mit einem, wenngleich nur formellen Kabinettswechsel und dem gleichzeitig unternommenen Versuch einer Koa litionserweikeruttg angesichts der naheliegenden Möglichkeit innerpolit Äscher Verwicklungen eiiMht. Keinesfalls dürfe das Reich in so außerordentlich ernfter Lage der Gefahr ausgesetzt werden, auch nur kurze Zeit ohne verantwortliche politische Führung zu sein.
Preußischer Landtag.
Vertagung weaen der Entscheidung über Gderfchlefien.
Zu Beginn der Mittwoch. Sitzung beantragt der Alter-Präsident des Hauses, Abg. Herold (Zentr.) mit Rücksicht auf die äußerst schwerwiegenden Entscheidungen rür Deutschlands Zukunft die heutige Sitzung zu vertagen.
Trotz des Widerspruchs der sozialistichen Parteien, die die sozialdemokratische Interpellation über die Per- jonalpolihf des Ministers des Innern unbedingt beraten wollen, beschließt daS Haus, dem Antrag Herold zu sprechen.
Aus Rücksicht auf die überaus ernste politische Lage beschließt man ferner, die sozialdemokrattsche Interpellation auch Donnerstag noch nicht zu besprechen.
Uns dem besetzten Gebiet.
• 3n Abwesenheit verurteilt. Der beim Grenzz^ dienst in GrieKherm a. M. tätig gewesene Zollassist^ Otto Getto er aus Frankfurt wurde vom sranzöit» sehen Kriegsgericht in Mainz wegen Zollde- trügereien und Unterschlagungen zum Nachteil der interalliierten Zollkasse in contumaciam zu 2 Jahres Gefängnis und 5000 Mark Geldstrafe verurteilt.
* DK Frankenwährung im Saargebiet. Der Rar des Völkerbundes hält im Dezember eine neue Tagung in Genf ab, auf deren Tagesordnung die Frage der Frankenwährung im Saargebiet stehl. — An der Delegation der "Saarländer nach Genf nahm als Vertreter der christlichen Gewerkschaften u. a. Herr Karl Hildenbrand teil. Er ist gebürtig aus Neu, h o s bei Fulda.
Die Schuld am Weltkrieg.
Schwere Belastung Poincares.
Die Pariser Zeitschrift L a it t e r n e hat einen Briefwechsel zwischen Poineare u n i> Ren auld veröffentlicht. Der letztgenannte, kei, neswegs ein Freund Deutschlands, weder Pazifist oder Sozialist, hat ein Buch über den Krieg ge« schrieben, in welchem Poineare gerade nicht gui roegtommt Der frühere Präsident hat darauf dem Verfasser brieflich geantwortet. Renauld hat iii seinen Entgegnungen seine Ansicht näher begründe^ und so ist der Briefwechsel entstanden, der der Lan, terne von unbekannter Seite zur Verfügung gestellt worden ist. Dieses Blatt bemerkt dazu, die Polemik beweise, daß nicht allein die Radikalen und Sozialisten der Meinung sind, Poineare habe eine schwere Verantwortung für den Ausbruch des Krieges zu tragen. Was Renauld Poineare vorwirft, ist nach dem zusammenfassenden Bericht des „Bert. Tagebl." folgendes:
Poineare Hal mit einer Gruppe von Gesimmugsgenof- ssn den Krieg gewollt und nichts getan, um feinen Ausbruch zu verhindern. Er Hai sich in den entscheidenden Tagen vom 29. bis 31. Juli nicht mehr „auf hoher See"' befunden, wie er in seinen Artikeln zu erzählen pflegt, sondern er hat viel zu spät Serbien an geraten, nachzugeben. Wenn er am 29. Juli, abends 6 Uhr, Serbien diesen Rat erteilt hätte, wäre den Mittelmächten der Vorwand genommen worben, den Krieg zu beginnen. Er hat also entweder den Krieg gewollt ober einen taktischen Fehler gemacht. Auch England fei nicht frei von Schuld, denn es hätte am 29. Juli deutlich sagen müssen, daß es anFrankreichs Seile siche. In diesem Falle hätte es keinen Krieg gegeben.
Herr Renauld schlägt Poineare vor, dies« Frage mit ihm öffentlich zu diskulieren, ein Vorschlag, auf den Poineare ehenfowenig eine Antwort gibt, wie auf den letzten abgedruckten Brief Renaulds, aus dem einige Sätze wieder- gegeben seien. Renauld schreibt „Ich habe gesagt und wiederhole es, daß Sie, Herr Poineare, das Instru- ment der russischen und englischen Politik gewesen sind. Das Gleiche haben unsere Feinde und Freunde gesagt: Oesterreich, Dcutschl-and, England, Italien und bas heldenhafte Belgien. Folgen Öe meinen Ausführungen und Sie werden wissen, welche Stellung Sie in der Geschichte emnehmen wenden." Es folgen mm Auszüge aus Koutskys Buch und aus den Berichten belgischer Diplomaten, die bereits bekannt sind. Das ilaliercksche Gelb- buch wird ebenfalls als Beweismittel herangezogen. Es heißt dann weiter: „Das Geringste, was die Geschichte Ihnen oortnerfen kann, ist die Tatsache, daß, wenn Wilhelm II. bett Krieg gewollt Hal. Sie nichts dazu getan haben, ihn zu vermeiden. Auf die russische Anzeige vorn 29. Mi 1914, daß die Mobilmachung beschlossen sei und auf die Anfrage, welche Haltung Frankreich einnehmen würde, hätten Sie antworten müssen: „Wir hatten uns an die Bestimmrmzon ber Allianz, aber wir sind nicht allein bei dieser Frage intereffierf. England ist es im gleichen Maße. Wir werden uns nach seiner Haltung richten." Herr Renauld meint, baß durch eine solche Antwort England veranlaß! worden wäre, sich klar cmsznsprcchen. In diesem Falle wäre Ser Krieg vermieden worden. Der Schluß ist schr stark: „Sie, Herr Poineare, sind auf dies« Weise in fünf Jahren ein ungewöhnlich erfolgreicher Totengräber geworden. Sie haben mit Ihrer Politik von Self ort bis Roubair einen Friedhof von 600 Kilometern Ausdehnung geschaffen, auf dem anderthalb Millionen Franzosen tingefdiarrt sind. Selbst Wilhelm I I. hatnichlmitJhnenwetieifern können. Denn trotz aller Lügen Ihrer Zensur find an der Westfront ment-1 ger Deutsche als Franzosen gefallen. Sie, Herr Poineare, sind also der erste Totengräber Europas."
Diese Charakterisierung stammt, wie nachdrücklich heroorgehoben werden muß, von einem Landsmann des ehemaligen Präsidenten.
Deutsche; Reich.
* Berlin, 13. Oktober. In einer Sitzung des preußischen Slaatsrats wurde festgestellt, daß den Staalsratsmitgliedern der Schutz der Immunität nicht zusteht. — Hier wurde ein Komitee zur Aufstellung von Denkmälern aus den Kolonien gebildet, die aus den ehemaligen Schutzgebieten wieder an Deutschland zurückgegeben werden. Bisher sind aus Ostafrika die Denkmäler von Wiß- mamt und Peters zutückqelangt. — Dem Staatsrat ist ein Gesetzentwurf zugegangen, der die S te u er- sätze für das Hausiergewerbe erhöht und die Ausnahmebestimmungen für die hohenzollernsche» Lande aufhebt.
* Luxemburg verlangt 6 Milliarden Goldmark Entschädigung. Tie „Luxemburger Zeitung" teilt mit, daß die luxemburgische StaatsregÜ-rung für die deutsche militärische Besetzung des luxemburgischen Staates während des Weltkrieges eine Entschädigung von sechs Milliarden Goldmark beanspruche
Ausland.
* Die Konferenz von Venedig. Dir zur Regelung der burgenländischen Frage vom italienischen Mmistet des Arußern angeregte Konferenz hfft heute begonnen. Die Konferenz gelangte zu einem Einverständnis über die Notwe..'igkeit, praktische Maßnahmeri zu erwägen, um die Durchführung der zu tressenden Enlschlüßungen sicherzustellen.