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Fuldaer Zeitung

0^^ Druck der Fuldaer Metiendrnckerei in Fulds

sich die Stimmung bei einer solchen Totenfeier zu­

sammen.

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Das sogenannte Gesetz zum SchutzederRepublik wird in etwa 10 Tagen des Reichsrat zugchen. Es be- eitigt die Bestimmungen des geltenden Strafgesetzbuches über den Schutz der Monarchie und ihre Träger und stellt die Träger der republikanischen Verfassung unter straf­rechtlichen Schutz, wobei der Gedanke der Beschimpfung und Verächtlichmachung verfassungsmäßiger Institutionen in den Vordergrund gestellt werden wird. Der Minister bezeichnete es ferner als dringend notwendig, daß das Mt dem Reichstag vorliegende Gesetz über einen Aus­bau der Geldstrafen in Kürze verabschiedet wird.

Die Reform der Strafrechtspflege.

In einer Unterredung mit dem Mitarbeiter desVerl. Tagsbl." erklärte Reichsjustizminister Schisser über die Resormplane auf dem Gebiete der Strafrechts- pflege, daß die Notwendigkeit besteht, vor der Aus- orbeUmg des neuen Strafgesetzbuches eine Teil- r e f o r m zu machen; vor allem soll eine Erweiterung des Laienelements in der Strafrechtspflege geschaffen werden. Den minderbemittelten Schichten soll durch die Erhöhung der Diäten und dmch Verordnungen, die die geheime, gleiche und direkte Wahl der Wahlausschüsse vorsehen, der Zugang zu dem Laienrichtertum erleichtert werden. Dann soll aber auch der Kreis der Gerichte, an dem die Laien­richter Mitarbeiten, erweitert werden. Voraussichtlich wer­den alle Sachen, kleine wie große, in erster Instanz an das Schöffengericht kommen. Bei dem Amtsgericht werden voraussichtlich kleine Schöffengerichte (ein Beruss- richter und Schöffen) und große, Schöffengerichte (mehrere Berufsrichter und Schöffen) gebildet werden. Auch beim Landgericht sollen Laienrichter Mitwirken.

Ferner werde erwogen ,ob nicht auch der Oborreichs- anwalt in Hochverrats- und Spionagesachen ermächtigt werden soll, die Anklage nicht vor das Reichs­gericht, sondern vor dem Landgericht zu erheben. Auch das Ingendgerichtsgesetz sieht wettgehende Be- teMgung des Laienelements vor. Ebenso wird, auch das materielle Strafrecht in einigen Punkten schon jetzt abge­ändert werden.

Unpolitische Seitlause.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 4. Oktober 1921.

Die Trauerst ter für die vier großen Toten be­herrscht noch mein Sinnen und Denken.

Das war eine wehmütige Sitzung im Reichstag?, die das Herz bis zum Grunde erschütterte.

Noch sind keine zwei Jahre verflossen feit dem Tage, als in der Wandelhalle bas Reichstags die Leiche unifers Führers Gröber zur Fahrt in die hei­matliche Gruft verabschiedet wurde. Damals hielt Trimborn die Trauerrede, und derselbe Trimborn ge­hört jetzt schon zu ten Opfern des Todes; er, der an­scheinend unermüdliche, ist auch zum Objekt der Tvauer- feier geworben.

Als Gröber vom Herzschlag Mötzlich dahingerafst war, dachten wir, daß der bittere Tod sich genügen lassen würde an dieser schweren Heimsuchung der Zentrumspartei. Aber:Meine Wege sind nicht eure Wege, Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken", sagt der Herr in seinen unerforschlichen Ratschlüssen. Noch vier weitere Opfer hat biß Knochenhand her aus- greifen dürfen aus der Zentrumsfrartion des Reichs­tags, Schlag auf Schlag, vier nacheinander in kür- I-fter Frist, und vier aus der obersten Reihe, vier der tüchtigsten Führer und Bahnbrecher. Ein solcher Beute­zug des Todes war bis dahin unerhört. Es wäre zum Verzweifeln und Verzagen, wenn wir nicht als Christen uns sagen müßten: Was der Tod holt, ist nicht vernichtet, sondern abberufen in bas bessere Jen­seits, in das Land der Belohrmreg, der Ruhe und kos Fnedens. Wir werden die Vorausgegangenen wie- dersinden, wenn wir desselben Weges gegangen sind bis zum seligen Ende!

Schiller sagt in etwas verwnnderlichsm Tome: Noch cm Grabe pflanze der Mensch die Hoffnung auf. Gerade am Grabe pflanzt der Christenmenfch die Hoffnung auf im Glauben an die Unsterblichkeit, in dem Vertrauen auf einen gnädigen Richter, in der Awersicht auf ein Wiedersehen im ewigen Lebern

Aber die zettweilige Trennung ist doch schmerz­haft. Um so schmerzlicher, je segensreicher die Vor- ausgegangenen gewirkt haben. An der Bahre kommit uns erst recht zum Bewußtsein, was d:r Verstorbene für uns gewesen ist. Aus Schmerz und Liebe, aus

Das Reichstagsgebäude ist eigentlich eine riesige Werkstätte. In den geschloffenen Räumen das großen Hauses wird rastlos gearbeitet: hier von den Frritia- nen, dort von den mannigfaltigen Ausschüssen, »Len­on oder oberhalb oder unterhalb von Gruppen oder von einzelnen in Studier-, Lese- und SchrÄbräumen. Das Publikum pflegt nur den öffentlichen Sitzungen mr den Tribünen beizmoohnen oder die zugänglichen Ab- goordneten in den Wandeiräumen auszusuchen. In das nMwe Getriebe dieses riesiges Bienenkorbes ge­langen nur wenige Blicke.

Zu Festlichkeiten eignet sich Das weitläufige Ge­bäude ausgezeichnet. Die große Wandelhalle mit dem Kuppelbau in der Mitts über dem unerschiLterten Stmrdbild Wilhelms I. bildet einen schönen Festsaal. Dori haben wir seinerzeit auch bas vierzigjährige Ju­biläum der Zentrumsfraktion feierlich begangen unter dem Vorsitz des Grafen v. Hertling. Bei dem fünfzig- jähriaen Jubiläum in diesem Jahre war außer der Wandelhalle auch der große Sitzungssaal zur Verfü­gung gestellt, der früher für alle Profanen geschlosst» blieb. ' Trimborn hielt im Sitzungssaal die Fest- rcL'r zum goldenen Jubiläum; und ich konnte ihm noch bewundernd Glück wünschen für di? weise Fas­sung und den kräftigen Vortrag der durchschlagenden Rede. Daran schloß sich dami die gemütliche Feier cm den wohlversorgten Tafeln in der Wandelhalle.

Die Traumseier am 2. Oktober wurde im Sitzuuos- saale selbst abgchalten. Die Wandelhalle, die so manche frohe Zukunft gesehen, stand kalt und leer Sa. Der Saal selbst aber bot ein stimmungsvolles Bild. Hinter dem Rednerpult die Fahnen der miürauerndcn Ver­eine; an beiden Setten die Würdenträger von Reich und Staat in langen Reihen, an der Spitze Reichs­präsident Ebert; im Saals selbst die bekränzten Sitze der Verstorbenen und ringsherum all? Bänke besetzt von den trauernden Freunden;_ auf den Tribünen rechts ein Kirchenchor und ein Bläserkorps.

Die Gedenkrede hielt der zweite Vorsitzende der Fraktion, Abg. Becker-Arnsberg.. Di? Rede war wür­dig der großen Toten, denen sie galt, und verdient als Ansporn zur tatsächlichen Dankbarkeit die ernsteste Beachtung bei allen, die guten Willens sind.

Der ergreifenfcfte Augenblick trat am Schlüsse der

gen Geldwerte in Deutschland anzupaffen. Es ist deshalb zu begrüßen, daß das Gesetz über Wochvrchilse und Wochen» särsorge vom Jahre 1920 am 29. Juli 1921 eine teilweise neue Fassung erhalten hat, die der heutigen Teuerung besser entspricht, wenn auch, das sei gleich bemerkt, noch Wünsche zu erfüllen bleiben. Das wurde auch von der Regierung unL> den Parteien anerkannt und eine weitere Vervollkommnung versprochen; augenblicklich, so scheint eg uns, ist das Erreichbare verwirklicht worben.

Die wichtigsten Aenberungen feien hier kurz erwGnt: der Beitrag zu dm Kosten der Entbindung ist von 50 «M. auf 100 M erhöht worden. Der Mindestsatz des Wochengelds beträgt von nun an 4,50 «Al, es wird wie bisher für 10 Wochen gezahlt, von denen mindestens 6 Wochen m die Zett nach der Riedetrkunft fallen muffen. Die Bestimmung, daß die übrigen 4 Wochen vor der Entbindung liegen müssen, ist fortgefallen, der Vorstand der Snnti kenkasse kann nach sigmem Ermessm die 4 Wochen auf dich Zeit vor und nach der Entbindung nerteilen. Damit jedoch das Geld rechtzeitig zur Auszahlung gelangt, ist die Be- stimmunq hinzugefügt, daß das Wochengeld für 4 Woche- fpätestsns mit dem Tage der Entbindung fällig tft Du Beschränkung, daß vor der Geburt nicht Wochengeld mit Krankengeld zugleich gezahlt werden dürfe, ist sortgesallon; nach der Entbindung allerdings wird neben dem Wo> chengeld Krankengeld nicht gewährt. Ferner wird wach rend 12 Wochen Sin Stillgeld in Höhe des fyröbei Krankengeldes, mindestens aber 1,50 «AI gezahlt. Dieser Stillgeld soll auch weitergezahlt we^rdsn, und zwar ai donsenigen, der für tuen Unterhalt des Kindes sorgt, wen» die Wöchnerin während der 12 Wochen nach der Ent« bindung stirbt. Voraussetzung fft natürlich, daß sie bat Kind bis zu ihrem Tode gestillt hat. Leistungsfähige Kaf fern haben es in der Hand, in ihrer Satzung die Dau^ des Bezuges von Wochengeld auf 13 Wochen, des Stilb gelbes bis auf 26 Wochen zu erweitern. Auch tamtba Wochengeld mit Zustimmung des ObervsrsicherungsaE» bis zur Höchstgrenze von Dreimertel des Grundlohnes fest­gesetzt werden. Diese drei Verbesserungen Erhöhung des Beitrags zu den Kosten der Entbindung, des Wochen^ getdes und des Stillgeldes find mit dem Tage der Be« kündung (6. August 1921) fei Kraft getreten.

Eine vierte Desttmmung kann noch nicht sofort durch geführt werden: die freie ärztliche Behandlung, falls «in» solche vor der Geburt oder bei der Entbindung nött; wird. Es sind, dazu noch Vereinbarungen nötig »wische^ Asrzten und Krankenkassen, und der Reichstag überlah es dem Reichsarbeitsm-imster, den Zeitpunkt sestzusetzen, ee dem diese Vorschrift ta Kraft treten soll. Um Härten z» vermeiden, tnirb <cker schon jetzt eine Beihilfe für Heb, i ammenbbenfte und ärztliche Behandlung bis zur Hoch von 50 M gewährt. Die Wochenhilfe steht allen wert» lichen Versicherten zu, die im letzten Jahre vor der Ni« Herkunft mindestens 6 Monate hindurch versichert gewesen sind. Aber auch den Ehefrauen von Derstchevten, sowU deren Töchtern, Sties- und Pflegetöchtern kommen die Dov teile des Gesetzes zu, letzteren jedoch nur, wenn ste mi den Versicherten in häuslicher Gemeinschaft leben. t)ü®riX beträgt das Wochengeld 3 JA. und das Stillgeld IchO «AL jedoch kann die Kaffe beide Beträge je auf die HöM des Krankengeldes des Versicherten erhöhen, ©örtt be, Versicherte innerhalb neun Monaten nach der NiÄ>er kunst seiner Frau, Tochter usw., so wird in diesem Fall, die Familienwochenhilse trotzdem gewährt.

Mit den genannten beiden Gruppen fft jedoch die Zahl I her zum Bezüge von Wochenhilfe berechtigten Persosren noch nicht erschöpft. Das Gesetz gewährt die Wochmhllfe^ auch minderbemittelten Deutschen, die chrm ge- I wöhnlichm Aufenthalt im Inland haben. Msrmnder- I bemittelt" wurde früher diejenige Wöchnerin ungefedert, I beten Einkommen zusammen mit dem ihres EhemaES' I int Jahre nicht mchr als 4000 JA betrug. Auch bet öte. I ier Bestimmung hat man den heutigen Zertverhältmffen I Rechnung getragen und die Höhe des GesamteftrkommMS I oder, falls die Wöchnerin alleinstcht, des eigenen Ein- I kommens auf 10000 «Al feistgesetzt.

I Hat man nun einerseits den Kreis der Berechtigten I möglichst weit gezogen, so ist man auf der anderen Sette I beacht gewesen, daß nur wirklich bedürftige Personen die | Wohltaten des Gesetzes genießen. Da die Erfahrungen I des letzten Jahres geeigt haben, daß die Ortskrank en kaffen I nicht immer in der Sage sind, einwandfrei festzustellen, I merminderbemittelt" im Sinne des Gesetzes fft, so mutz I jetzt der Antrag auf Wochenfürsorge beim Versicherungs- I amt gestellt werden. Dieses tarnst leichter die wirtschaft. I tsche Page der Versicherten ersorschen und weist dann die I Krankenkasse zur Zahlung an.

Endlich fei noch ein Artikel des neuen Gesetzes er- I wähnt, der sich mit der Kriegswochenhilfe beschäl- I tigt. In den Jahren 19141918 waren verschiedene Bo | kanntmachungen ergangen, die der Not armer Wöchnerm» I nsn /deren Er nährer im Felde waren, abzuh elfen sich be» I mühten. Durch das vorliegende Gesetz (zum Test auch I schon durch die Gesetze von 1919 und 1920) sind die Vor- I teile der Kriegswochenhilse weitesten Devölkerungskreffen I zuteil geworden, ohne daß dabei eine Einschränkung auf dre 1 Familien der Kriegsteilnehmer gemacht worden wäre. Da» I her können nach dem 30. September 1921 auf Knegs- I wochenhilfe keine Ansprüche mehr geltend gemacht werden.

Kleines Feuilleton.

Der schwarze Slorch oder Daldstorch ist auch ftk der Lüneburger Heide em sellmer Gast geworden, Noch bis vor wenigen Jahren befanden sich in der ausgedehnten Waldungen bei Unterlüß mehrere Horste Gegenwärtig ist dieser prächtige Bogel fast ganz ver­schwunden. In fernem Benehmm erinnert der Wal» storch, namentlich beim Fischen, sehr an den WsM reiher. Trotz einer gewissen Vertrautheit ist er sehr vorsichtig. Eigentümlich sind seine Laute, die er abend) nach dem Entfalle unter lebhaften Nügplbewegung« von sich gibt und die in ein gezogenesPMii" aus flingen. Er ist prächtig gezeichnet. Schwarz ist e» nicht, sondern Rücken, Hals und Flügeldecken stnL gleichmäßig tief schieferblau gefärbt, die Urtterfette ifr, fiiberweißgrau, Stander mti) Schnabel zvegelroch Steht, der Dcyel mibewoglich, so paßt er sich vorzüglich dem) Gelände an, ähnlich wie die große RohrdmmnÄ. DaH' der Storch genau miß fein gewöhnlicher Vetter e-irr großer Räuber ist, mag wohl sein, doch ist das natür- lich kein Grund, dieses lebende Naturdenkmal auszu< rotten. kos.

Die größte Flieg-nfammlung besitzt der Stadt- haurmt a. D. Theodor Becker in Liegnitz, nämlich 71080 Fliegen in 8500 Arten. Für seine Wissen- schäft hat er Reisen nach Lappland, dem Ural, Kan- kasus, nach Aegypten usw. unternommen. Die Uni­versität Breslau hat ihn zum Ehrendoktor ernannt.

Allerlei Weisheit. Die Sonne legt in jeden Sekunde einen Weg von 57 km zurück. Sie bewegt sich mitsamt dem ganzen Planetensystem in der Richtung auf das Sternbild des Herkules zu.- Schon der Mensch der Renntierzeit verstand pfeifen­artige Musikinstrumente aus Knochen herzustellen.- Im naturwissenschaftlichen Museum zu Newyorr brfindet sich eine Krake, die die ungeheure Lauge von 13 Meter besitzt. Die Gletscher Grönlands bewegen sich täglich bis zu 22 Meter vorwärts, die der Alpen aber nur 15 cm bis 100 cm. Bei der Hamburger Cholera-Epidemie 1890 erkrankten von den co 6000 dortigen Tabakarbeitern, die sämtlich starke Raucher waren, nur 8 an Cholera, und nur, zwei derselben starben. Kein Vogel fliegt gern, wenn er starken Wind im Rücken hat; bei Sturm verkriechen sich fast alle Vögel. Die Wellenge- schwindigkeit bei bewegter See beträgt die eines Schnellzuges. Em Strauß liefert rRe 8 bis 9

Bismarck und die Monarchie.

Don Senatspräsident Dr. Paehler in Berlm.

Im Zusammenhang mit den wieder. Bolten Veröffentlichungen aus StSmardS Erinnerungen, 3. Band, sind die folgenden Ausführungen von befonderem Jntereffe. Recht hebt Julius Slbmi in ber ,,Bösst W' »nm 4 Oktober 1921 hervor, daß Bismarck 1 albft dmch die Art der Erziehung des Dutten- i^>Di- »lomatennachwuchfes schließlich mrt.Äbar an dem mei- Sren Werden der Persönlichkett bes etzten Kaisers Schuld trug. Das fft jedenfalls mcht abzÄMMven; wenn sich hmtereinander mehrfach Mmlftier gefunden hätten ,die sich den häufig unüberlegten Reden und Handlungen Wilhelms II. ewgftgenMftM ober sie nachträglich mißbilligt hätten, so wäre ow Offfentlich- keit schließlich doch auf die sagen wir es ganz offen nach dem, was jetzt an Denkwürdigkeiten heraus ist tTirpitz, Czernin, Hertling usw.) für die Lei­tung des deutschen Reiches verhängnisvoll? Art des letzten Hohenzollern aüfmerffam geworden und trieb Licht hätte dann doch der Reichstag eingegriffen. AlleMngs gibt es sehr erfahrene Polttiker, die gerade hierin ein Fragezeichen machen; denn es ist ja nicht uuiöekannt, daß beispielsweise den einzelnen Fraktionen des Reichstages Mttte 1917 von ihren Parteifreunden in her Provinz direkt geraten wor­ben war, von der Heeres- und MarinelAitung sowie von der politischen WermÄttmg Clare Auskunft^ Ü6er unsere wirkliche Lage zu verlangen, widrigenfalls der Reichstag ron seinem Budgetrecht Gebrauch ZU «machen habe; leider war es nicht zu ermaghajen, damals in dieser Beziehung eine Mehrheit im Retchs- tag zu bekommen. Julius Elbau aber verkennt in seinem Arttkel, daß gerade Bismarck es war, der m zahlreichen Reden nach seiner Entlassung (W 8- » die Rcde m Jena am 31. Juli 1892) das deutsche Volk auf die Bedeutung des Parlamentarls- MUS und insbesondere aus dii? Machtbefugnisse des Reichstages hingewiefen hatte; er hatte klar ertamt, daß gegen diesen Monarchen und feine Selbstherr­lichkeit nur ein starkes Parlament helfen konnte und er war mutig genug, dem deutschen Sötte selbst den neuen Wog zu weisen. Ich kann nicht mit Julius Elbau anerkennen, daß diese Erkemitnis Bismarcks zu spät für ihn und das deutsche Volk gekommen wäre. Wozu hätte auch sonst sowohl er wie sein Sohn Her­bert ein Reichstags-Mandat angenommen? Bei Bismarck war nichts Schein oder nur Geste; die An­nahme des Rsichstagsmandats durch ihn hatte einen tiefen Sinn. Diesen hatte allerdings der Reichstag selbst nicht begriffen, ober nicht begreifen wollen.

Recht hat Julius Elbau allerdings damtt, daß der letzte Band der Eedankim und Erinnerungen, ab­gesehen von allen anderen, was das deutsche Volk mit Wilhelm II. erlebt hat (vergl. z. B. die Dttoberftiirme des Jahres 1908) die stärkste Anklage bilden gegen eine erbliche Monarchie, bei der man die Träger der Harrschffrgewalt nchlmen muh, wie sie eben ausfallen. Das hatte aber schon Repos erkannt. Wer in den letzten Jahren vor dem Krieg in den Mi- nffterien gearbeitet hat, weiß, wie der Kaffer seine Rcachtbesugniffe aus alles und jedes erstreckte, der weiß, wie unzählig die Randglossen waren, die von aller­höchster Stelle zu den verschiedenartigsten Zeitungs­artikeln gegeben wurden, der weih endlich auch, wie­viel Kopfzerbrechen, wieviel mühselige Arbeit und wie­viel Vorträge diese Randglossen die Chefs der Mini­sterien gekostet hoben, die häufig genug dem Kaffer nicht zu widAsprechen wagten. Wenn wir früher zum Teil mit ehrlicher BiMMderumg, zum Teil mit einem Effuhl des Staunens die Randglossen Friedrichs des Großen gelesen haben, so ist doch zu berücksichtigen, daß Wlheim II. 150 Jahre später regierte in einer Zeit, die, gänzlich verschieden von 1740, selbst einer so genialen Persönlichkeit wie Friedrich II. kaum einen Ueberblick über alle Gttrietee des menschlichen Wssens verstattet hätte. Das aber war der Fehler unserer Zeil, daß die Minister, welche die Art des Kaisers sehr wohl erkannt hatten, ihr nicht entschieden genug entgegentraten und daß der Reichstag nicht genug von seinen Rechten Gebrauch machte: insofern ist das deuffche Volk durch feine Minister und durch seine ge- wählle Bolksoertretung nicht unschuldig an dem Zu- sairmenbmch soweit er in einem weiteren Sinn auf Wilhelm II. ohne dessen fubMves Wollen ob­jektiv zurückzitsühren ist. Und insofern hatte Herr v. Bet hm an n in seinen Bekundungen vor dem Untersuchungsausschuh des Reichstages im Jahre 1919

recht, daß mir alle an dem Unglück mchr oder M- niger durch unsere frühere Sinnesart, unsererMen­talität" mit verantwortlich seien.

Es gibt viele ernsthafte Menschen rn DmiMmS, die meinen, daß alle diese nachträglichen Erörterun­gen über die Entstehung dcs Krieges und fmne Bo - Mge keinen Zweck haben. Ich bm schon deshalb nicht dieser Ansicht, weil jedenfalls die Auffaffung d«- Deittschnationalen, daß der Kampfob N^ublik od Monarchie" schon jetzt mampft werden muffe, nach dem Erscheinen des dritten Dmdes der G^dan- ken und Erinnerungen zum mmdeften eine große Torheit ist. Denn dies Buch mutz eimnÄ erstver- schimrzt" werLen, wenn tth diesen Ausdruck gebrauchen darf Und dies? Zeit wird lange dauern. Dabei laffe ich es selbsttedend ganz dahingestellt, ob uberlMip- bei uns auf ftiMichem Wege eine attdere StaÄsform herbei geführt werden kann. Was uns jetzt nottut, tft stach meinem bescheidenen Dafürhalten mir eines: was ein Mann wie Admiral Scheer (Voss. Zig. vom o Sept. 1921, Abendcmsaabe Nr. 413) und eine Frau nrie die volk-parteiliche Abgeordnete Frau von Oheimd (Voff Ztm" vom 10. Saptt 1921, Abendausgabe Nr. 427) offen ausgesprochen haben: unzweideutige Anerkennung der neuen Verfassung durch i-dermann und mitarbeiien daran, daß die Zustände in Dmtich- lanb besser werden.

Insbesondere für die Beamten mochte ich glauben, daß es nichts nationaler:» im Augenblicke geben kann, als daß fie der Republik mit derselben Tv-ue und Hingabe dienen, wie früher dem König­tum. Demi wir können aus absehbare Zeit hinaus nicht nur keine Kämpfe um dir Staatsform ertragen, sondern ich halte auch theoretische Erörterungen dar­über Mzeit für gänzlich unangebracht. Es mutz mit dieser Staatsform gearbeitet werden und es muh der chrliche Versuch gMvcht wecken zu erproben, ob nicht auch die Republik eine Staatsform ist, bei der Deutsch­land gedeihen kann. Erst wenn die Arbeiter einsehen, daß dem Beamten in diesen Zeiten des schwersten Unheils das Wohl des Volkes, das Ruhe verlangt, höher steht als die Staatsform, wttd das Mißtrauen schwinden, das nun ctrnnaj in weiten Arbeiterkreisen gegen die Beamten und besonders gegen diehöheren" Beamten besteht Dann wird aber auch derhöhere" Beamte und Techniker wieder von selbst die SiellMg im Staate einnchmen, die ihm in d:n kommenden Jahren des Wiedercmfbaues zu kommt, wo Qualitäts­arbeit zu leisten ist, die zunächst von dem akademisch gebildeten Beamten und ^Techniper Dren Llntrich empfangen muß. ,

Ich kann mir denken, daß diese letzten Gedanken- gänge manchem höheren Beamten gegen den Strich gehen. Aber auszusprechen was wirklich fft, erscheint auch als Pflicht. Und wenn der Beamte baren viel­fach ein Opfer seiner Überzeugung in diesen Jahren b?r Neuaufrichtung bringt, so möge er bedenken, daß ohne Opfer ein Staatswesen niemals gegründet wird und daß diejenigen Mist verpflichtet sind, Opfer zu bringen, die kraft ihrer größeren Bildung mehr in der Lage sind, den Zufammeichang dxr Dinge zu sehen. Denn das höchste Gesetz bleibt immer des Volkes Wohl.

M 232.

Samstag, 8. Oktober 1921

vas HMMche Schulgesetz.

Stolz schauen die Holländer heute auf ihr Schul- I grsetz. Zwar hat es langjährige, heiße Schulkämpfe auch in Holland gegeben. 70 Jahre dauerte der Kampf auf dem Gebiet der Schule an. bis schließlich Friede geschlossen wurde, lind das ist das Jmpo- I liierende, worauf die Holländer so stolz sind: durch I das Gesetz des Jahres 1920 ist ein wahrer Schul­riede hkrbeigefiihrt worden. Dies kam schon äußerlich dadurch zum Ausdruck, daß bei der letzten Abstimmung alb? Stimmen von der Rechten bis zur Linken mit Ausnahme zweier Kommunisten dem Ersetz ihre Zustimmung gaben.

In der Kommffsion war man von den beiden Grrmdiätzen aus gegangen, daß keiner vergewaltigt werden dürfe, daß das Elternrecht in Erztehungs- raaen zu berücksichtigen fei und weiterhin, daß die baatsomnipotenA auf dem SchulgcLiet zurücktteten müsse. In Dersolg des einen Grundsatzes wurde den Konfessionen und Weltanschauungen weiteste Möglich- | kett gegeben, Schulen ihwr Konfession zu erhallen; kein Kind wird nach dem holländischen Gesetz gezwun- aen, eine reichtkorefessionelle oder anderskonfession>?lle Schule zu besuchen, wenn die Ellern Bedenken tra­gen. Entweder befrecht es die Schule seiner Konfes- ion, wenn eine solche in der Nähe liegt und ist sie writer als 4 Kilometer entfernt, hat die Gemeinde mit für die Reisekosten aufzirkommen oder aber, und das klingt uns in Deutschland fast schon unglaub­lich, wenn die Schule derselben Konfession zu weit ent­fernt liegt, dann ist bbe Gemeinde verpflichtet, für die betreffenden Kinder einen Hauslehrer anzustellen, den die Ellern vorschlagen können. Bis zu je 8 Kin­der wird ein Hauslehrer angestellt, vom 9. Kind an muß schon ein zweiter Hauslehrer angestellt werden. Man famai sagen, daß der holländische Staat mit peinlicher Sorgfalt die Gewissensfreiheit und das Elternrecht achtet.

Der zweite Grundsatz kommt dadurch zum Aus­druck, daß der Staat die Errichtung von Schulen den Gemeinden und freien Korporationen überläßt. Eine Gemeindefchule fft zu errichten für ein Minimum von 12 Kindern; eine freie Schule, deren Träger ein Ver­ein, eine Genossenschaft, eine Kirchengemeinde sein kann, wird dann aus Gemeindekosten errichtet, wenn 40 Kinder dafür vorhanden sind. Die Gemeinden sind verpflichtet, die freien (privaten) Schulen zu un- terhaüen, wie die eigenen, ter Staat bezahlt die Lch- rcraehälter, und zwar sowohl die Gehälter der Lchrer, die an öffentlichen (Gemeind^ Schulen, wie auch derer, die an freien (privaten) Schulen angestellt sind. Alle, ebenso auch die Hauslehrer, werden im Gehalt gleich gehalten.

Das sind nur wenige Seiten des neuen holländi­schen Schulgiefetzes. Gewiß können wir in Deuffch- land nicht einfach alles übernehmen, ober wohl können wir non Holland fernen, in welchem Geiste grimd-- sätzliche Fragen zu lösen sind.

Wir empfehlm allen, die sich für dii? holländischen Schulverhältnisse interessieren, und die bei uns im Schulkampf stehen, vor allem auch den Parmmen- tariern und Politikem das neue Schriftchen, das die Zentralstelle der kachvl. Schulorganifation (DüffeWorf, Bilkerstraße 36) herausgegäben hat:Das HMändi- fche Schulgesetz" (Preis 2,20 «At\ Es fuhrt ausge­zeichnet in das holländische Schulgesetz ein und gibt einen kurzen, aber durchaus zuverlässivfli und er- schöpfenten Ueberblick. B.

MeitÄ mi> MWWgW Ach tem ßkWWktiW 6We Ott EMM«.

Von Sr. Helma Riefenstahl.

Will das Säirifdje Reich feinen beoölteMNgspolltischen PsKchten gerecht werden, so fft eine der wichtigst« Auf- cdbttt, die Wochenhilfe und Wochenfüfforge dem jeweill-

Dankt ihnen durch die Tat. Vorwärts im Reich und in der Partei, im Geist unferer Toten."

Das war allen aus dem Herzen gefprofften, und in jeder Brust drängte sich ter Trieb, die Zustimmung kund zu geben. 'Wer alte Amriffenden standen so im Bann der Trauer, daß sie sämtlich diese Rsgung unterdrückten. Kein Laut wurde hörbar, eine wahr­haft feierliche Stille trat ein; es war, als ob jeder in ferne Brust griff, um drinnen vor Gott und feinem Gewissen den tiefen Eindruck zu verarbeiten. In solchem erschütternden Augenblick ist die Musik die einzige Kunst, irie wohltuend die seelische Spottnung lösen kann. Nach ten stimmungsvollen Klängen von ter Tribüne ging die Versammlung tief ergriffen von bannen, entschlossen zur Befolgung des MalMvortes: Dankt ihnen durch di>e Tat!"

Gerade einen Monat vor Merseslen sand diese Totenfeier ihn Reichstag statt. Den RufDankt ihnen ' durch die Tat" möchte ich an alle Frtedhofstore schreiben.

Wir alle haben Eltern, Lehrer, Seelsorger, Pfleger, Wohltäter und gute Freunde vor uns ins Grab sinken sehen. An ihrer Bahre haben wir geseufzt umid an ihrem Grabe seufzen wir noch:Ach, wenn ihr noch lebtet, wie wollte ich euch ehren, euch danken, euch Iteben."

In dem kleineren Kreise des gewöhnlichen Lebens geht es ähnlich, wie in dem großen Kreise, in dem Hitze, Trimborn, Burlage und Erzterger wirkten. Wenn die vier Verstorbenen wieterkehren könnten, wie würde ihr Anschen, ihr Einfluß, die Zahl und ter Eifer ihrer Gefolgschaft wachsen! Wie viel Versä-im- tes an Liebe unü^Unterstützung würde nachgcholt wer­den! Nach dem Verlust erkennen wir erst den vollen Wert des Verlorenen.

Aber die hmgegangenen Führer tmfb Wohltäter kommen nicht wieder. Was versäumt ist, können wir nur dadurch nackholen. daß wir in ihrem Geiste weiter­streben und wirken. Eine höchst heilsame Frage kann man sich nicht oft genug stellen: Was würden die ver­storbenen eitern und Pfleger dazu sagen?

Und die zweite Nutzanwendung fft: Sei lieb und treu gegenüber den Eltern, Führern und Beratern, die du noch hast! . ,

O lieb, so lang du lieben kannst, O lieb, so latra du lieben magst, J Die Stunde kommt, die Stunde naht, ' .. 22» jtai_gi StstemJiM Md Saattl