Fuldaer EZeitung
Druck der Fuldaer Aetieudruckerei iu Fuld,
JE 220.
Samstag, 24. September 1921.
Vertreter der italienischen volkspartei in Deutschland.
Gegenwärtig findet eine Reise von italienischen Parlamentariern durch Deutschland statt. Ihr kommt immerhin eine beachtenswerte Bedeutung für unser politisches Leben zu. Es ist nach dem Weltkriege das erste Mal, daß in so offizieller und weittragender Form ehemalige Gegner Deutschlands Beziehungen zu unserem parteilichen und politischen Leben anknüpfen. Die Partitiv Popo- lare, die italienische Volkspartei, ist eine aufftre- bende junge Partei, die mit ihren 107 Abgeordneten schon heute eine der mächtigsten Gruppen des italienischen Parlaments darstellt. Ihr rasches Aufblühen verdankt sie, neben ihrer Idee, der tatkräftigen Führung des Professors Don Luigi Sturzo, der an der Spitze der genannten Abordnung persönlich seine Informationen in Deutschland einzieht. Don Sturzo kommt als Lernender, der die Erfahrungen der Zentrumspartei seiner verwandten Bewegung nutzbar machen will. Dem entspricht die ganz überaus liebenswürdige Art und Weise der gegenseitigen Verständigung anläßlich des Besuches.
In Italien liegen zur Stunde die Koalitionsverhältnisse ähnlich wie in Deutschland, nur daß die Entwicklung im ganzen dort hinter der unfern zurück ist. So stehen beispielsweise die Sozialdemokraten dort erst vor der Entscheidung, ob sie sich erstmalig an einer Rcgierungskoalition überhaupt beteiligen wollen. Da nach Ausschiffung etwaiger radikaler Elemente mit einer Antwort int bejahenden Sinne zu rechnen ist, so ergibt sich für die bürgerlichen Parteien ihrerseits die Frage nach der Möglichkeit einer Koalition. So kommt den Informationen eine europäische Bedeutung zu. Auf diesen Ton waren die Erläuterungen über unsere Wohnungsnot abgestimmt, die der ehemals langjährige Parteivorsitzende Dr. Spahn im Reichsgeneralsekretariat der Deutschen Zentrumspartei gab. Daneben fanden selbstverständlich Besuche bei dem Reichskanzler Dr. Wirth und bei dem Ministerpräsidenten Stegerwald statt, bei letzterem gleichzeitig in dessen Eigenschaft als Vorsitzenden der Christlichen Gewerkschaften. Bei dieser Gelegenheit erhielten sie Einblicke zugleich in unser gesamtes wirtschaftliches und soziales Leben und dessen Organisationen. Den Beschluß machte ein Besuch bei der Germania mit einem anschließenden gemeinsamen Abschiedsmahl. Dann sind die Herren nach dem deutschen Westen abgereist, wo ihr Besuch dem Industriegebiet und dem besetzten Rheinland gilt. Die Reise wird sich bis nach München-Gladbach ausdehnen, wo eine Besichtigung der Einrichtungen des Volksvereins geplant wird. Die Rückreise der Herren wird über Mailand gehen, wo Besprechungen zur Vorbereitung des nächsten Parteikongreffes in Venedig stattfinden werden.
Es kann nur dankbar begrüßt werden, daß von so hervorragender Stelle derartige Beziehungen angeknüpft werden. In den Gesprächen wurde sehr oft auf die Bedeutung des mehrheitssozialdemokratischen Parteitages in Görlitz hingewiesen. Es ist keine Frage, daß dem Zustandekommen der großen Koalitionen im Reich und in den Ländern gerade im Ausland eine große Bedeutung zugemessen wird. Die Auslandsvertreter auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Görlitz haben ausnahmslos ihre deutschen Genossen in diesem Sinne ermutigt. Wir haben aber außerdem Anhaltspunkte dafür, daß man besonders im neutralen Ausland dem großen Block der Mitte eine grundlegende Bedeutung für das deutsche Wiederaufkommen beimißt. Daß dem Zentrum in diesem Rahmen als dem Kristallisationspunkt in dieser Entwicklung eine besondere Bedeutung zukommt, dürfte ohne weiteres klar sein.
wie der Hranzose im Rheinland lebt,
Bekannt ist die Tatsache, daß die Besatzungstruppen am Rhein eine außerordentlich gute Verpflegung erhalten. Dis französischen Truppen z. B. erhalten täglich einen Liter Wein. Damit ein französischer poilu seine glänzende Verpflegung erhält, müssen vier deutsche Kinder hungern, so üppig leben die Herrn. Außerdem erhalten die Truppen eine außerordenllich hohe Löhnung. Der gemeine Soldat 1500 M monatlich, der Oberst bereits soviel wie der deutsche Reichskanzler, der
Unpolitische Zeitläuse.
Vgn Fritz Nienkernper.
Berlin, 21. September 1921.
Auch hinten müssen sie gelesen werden, nicht bloß vorn.'. Nämlich die Zeitungen. Ich schöpfe aus dem krausen Anzeigenteil gerne etwas Trost und Aufmunterung.
Zunächst aus den Familiennachrichten. Aber sind die Todesanzeigen vielleich erfreulich? Freilich nicht; aber daneben stehen die Anzeigen von Verlobungen, Verheiratungen und ©'bürten. Die kommen mir sehr tröstlich vor. So schlecht auch die Zeiten sein mögen, es steckt doch noch Saft und Kraft im ringenden Volk. Es gibt noch Leute mit Wagemut und Schaffensdrang, die es riskieren, ein? reue Familie zu gründen, und es gibt noch fruchtbare Ehen, die unserem Daterlande das bescheren, was es für eine bessere Zukunft vor allem braucht: Kinder, Nachwuchs, Erben unserer Mühseligkeit, aber auch ftischkrästige Fortsetzer des Rcttungs- werkcs, das wir unternommen haben.
O, möchten doch diese hoffnungsfrohen Familienanzeigen sich immer mehr häufen! Was ist übrig geblieben nach der neuzeitlichen Sintflut? Die Arche der Kirche Gottes und die Rettungskähne des menschlichen Familienlebens. Die Altäv: stehen noch, und die häuslichen Herde stehen auch noch. Das ist eigentlich ein Wunder. Denn in der Revolution kamen Kräfte zum Ausbruch, die auch diese Fundamente zu erschüttern drohten. Erinnern wir uns nur, was wir früher von einem radikalen Umsturz befürchtet haben. Wir dachten uns, dann müßte alles zufammenbrechen; sämtliche Stützen der Ordnung und Güter der Kultur, auch die Religion und die Familie wurde von der Lava aus dem feuerspnenden Berg der Revolution verzehrt und verschüttet werden. Nun fteilich, ungeheuer viel Trümmer und Asche liegen rings umher; ab r es ist doch nicht ganz so schlimm geworden, wie mancher in bite tercr Äncist erwartet hatte. Wir haben doch für Leib und Seele noch große Güter aus dem Brande heraus in Sicherheit bringen können. Wenigstens soviel, daß
General erhält ein Phantasiegehalt. Außerordentlich drückend sind die Q u a r t i e r l a st e n. Die Besatzungstruppen stellen schrankenlose Forderungen, sodaß sich sogar die Interalliierte Rheinlandkommission zum Einschreiten veranlaßt sah. Ein „Reglement" vom 17. Juni 1921 schreibt bis ins Einzelne genau vor, was jeder Armeeangehörige seinem Dienstgrad entsprechend an Zimmern, Möbeln, Heizung ufw. von seinem deutschen Quartiergeber zu fordern hat. So hat ein General ein ganzes Haus zu beanspruchen, ein Oberst fünf Herr- schastszimmer. zwei Burschenzimmer, Küche und Stall, riti Oberstleutnant vier Zimmer mit entsprechendem Zubehör. Interessant ist aber, was ein einfacher Soldat in seinem Quartier an Einrichtungsstücken zu beanspruchen hat: Ruhesessel, Büfett, Kredenztisch, Ausziehtisch, Teppich, ein kleines rundes Tischchen, Salatservice, Obstschale, zwei Radiesschüsseln, je eine Gemüse-, Salat-, Saucen-, Kompottschüssel, sechs einfache Gläser, sechs gute Weinaläser, sechs Sektgläser, sechs Likörgläser, eine runde" Schüssel, zwei Karaffen mit Kristalluntersätzen usw.
Das obige ist nur ein Auszug aus dem Reglement. Die Aufzählung alles dessen, was ein französischer Quartiernehmer zu beanspruchen hat, nimmt 10 Seiten in Anspruch. Ein Offizier bekommt für zwei möblierte Zimmer monatlich von seinem Qmartierwirt zehn Zentner Kohle geliefert, für jedes weitere Zimmer monatlich drei Zentner, für die Küche außerdem sieben Zentner. An Gas darf er verbrauchen im Monat Januar z. B. 138 Kubikmeter Gas, bemerkenswert ist, daß für das Speisezimmer 52 Kubikmeter an gesetzt werden, für das Arbeitszimmer nur acht Kubikmeter.
Die Interalliierte Rheinlandkommiffion ist demnach also außerordentlich besorgt unk das Wohl ihrer Truppen. Sie sorgt für alles, roas nur ein verwöhnter Geschmack verlangen kann. Die Interalliierte Rheinlandkommission wollte nach ihren wohltönenden Worten aber auch der Zivilbevölkerung eine „milde" Behandlung zuteil werden lassen. Insbesondere die Franzosen schwärmen doch für eine „friedliche Durchdringung" des Rheinlandes, sie wollen das Rheinland von der preußischen Barbarei befreien und mit der französischen „Zivilisation" beglücken. Es kann nicht bezweifelt werden, daß das obige Reglement der Rheinlandkommiffion im Rheinland überzeugend wirkt, wo wahre Kultur zu suchen ist, besonders weil Deutschlands Steuerzahler ja den Luxus der Besatzungsarmee bezahlen müssen. *• 2.
Rus der katholischen weit.
— Generalversammlung des Franzlskus-Taveriusver- eins in Freiburg L Br. ®eit nach Süden hatte diesmal der Verein ferne Mitglieder zur jährlichen Tagung zu- fammengerufsn, wo die Diözefanverbände von F r e r » bürg und Rottenburg zu den blühendsten des Ge- famtoerbandes gehören. Das Protektorat über die Ta- ßinrg h<rtte bet HoHw. Herr Erzbischof Dr. Karl Fritz von Freiburg übernommen. Die geschlossene Sitzung der Generalversammlung am 17. September wurde «leitet von Direktor Prof. Serres (Dorrn). Der Generalsekretär Dr. Louis (Aachen) gab den Bericht über den Stand des Vereins, der erfteulicherwsrse m schönem Aufblühen begriffen fft. Für das Iubi- läumssahr 1922 mit dem 300jährigen Gedenktag der Gründung der Propaganda 'm Rom und der H er- ligsprechung des hl. Franz Xaver, sowie dem Zentenar des allgememen Glaubensvereäns, werden große Vorbereitungen getroffen. Die nächste, Generalversammlung soll unter größeren Feierlichkeiten in Aachen stattfinden. Den äußeren Glanzpunkt der Tagung bildete die große Mifsionsversammlung im Stadtsaal. Geheimer Kommerzienrat Herder begrüßte im Namen des Festiwsschusses die erschienenen Ehrengäste. Samt sprach zu der Riesenversammlimg Frhr. Dr. v. Stotzingen über das Thema „Der deutsche Katholik und die Weltrnifsior?. Bischof Hennemann berichtete von seiner Miffionsarbeit in Kamerun. Der Hochw. Herr Erzbischof von Freiburg sprach feme_ große Liebe zum Miffivnswerk aus und forderte die Gläubigen auf, wie den Bonifatiusverein auch den Xave- riusverein zu pflegen. Nach Verlesung eines Huldigungs- tslegramms an den hl. Vater wurde die Versammlung mit dem bischöflichen Segen beschloffen.
// Schleswig-holsteinischer Katholikentag. Zum er- sten Male wieder nach fünfjähriger Unterbrechung ka- men die Katholiken der weiten schleswig-holsteinischen Diaspora zu einer Gesamtversammlung zusammen, diesmal in Rendsburg am 19. September. Den Fest- gottesdienst hielt der Hoch«. Herr Bischof Dr. B er- n i n g von Osnabrück, zu deffen Sprengel die Pro. vinz gehört. Am Festzug des Nachmittags nahmen annähernd 2000 Teilnehmer mit 40 Fahnen, auch 3 der Wiederaufbau noch möglich ist. Und was noch möglich ist, das muß versucht werden. Es lohnt sich, dm ganzen Rest der Volkskraft daran zu fetzen. Jede Verlobungskarte, jede Heiratsanzeige, jede Geburtsanmeldung bedeutet einen Baustein zum Wiederaufbau des Vaterlandes.
Aber die Todesanzeigen? Ja, der Tod hat auch schon vor den Schicksalsjahvm feines harten Amtes gewaltet. Und in den vier Kriegsjahren hat er unter den Männern im.blühendsten Alter fürchterliche Muste- rung gehalten. Das Massensterben der besten Kräfte ist nun trotz aller Drangsal des falschen Frtedons eingedämmt. Jetzt ist die Sterblichkeit zwar noch etwas größer, als vor einem Jahrzehnt, weil manche Körper geschwächt sind in ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten durch Entbchrungcn, Sorgen und Strapazen. Diese nachträgliche Auslese müssen wir als weitere Prüfung des Menschengeschlechtes mit Ergebung hinnehmen und um so dankbarer sein, wenn wir selber noch in Gnade verschont bleib:n. Und was ist der rechte Dank von den Ueberlebenden? Daß sie treu und unverdrossen einspringen als Ersatz in den Breschen, die der Tod reißt. Schließt die Reihen, füllet die Lücken! Es muß da ähnlich gehen, wie bei d:n Äeurlaubuncun in dcn gewerblichen Betrieben, die jetzt üblich werden. Die Genossen strengen sich etwas mehr an, damit aus der Abwesenheit des Einzelnen keine Störung entsteht.
So halte ich die FamilienainAcigen für eine erbauliche Lektüre, begleite sie mit meinen besten Wünschen und mit guten Hoffnungen.
Auch die geschäftlichen Anzeigen überfliege ich mit Behagen. Wenn ich auch selber Nichts kaufen oder verkaufen will (was braucht denn ein alleinstehender alter Onkel?), so seh' ich doch, daß der Handel und Wandel noch in Gang bleibt. Trotz aller Teuerung. Das Geld ist leider arg entwertet, aber es ist doch noch Grid da, und man kann doch bekommen, was man braucht, w:nn diu erforderliche Geldscheine auf die Theke gelegt werden. Wie wir unsere ausländischen Gläubiger bezahlen, das ist die schwere Sorge der Minister, der Abgeordneten und der Börsenmänner; wir gewöhnlichen Dürgersluute sind schon froh, wenn unsere ehrlich verdienten Star traten im Snlanbe noch
katholische studentische Verbindungen aus Kiel teil. In der anschließenden Versammlung sprachen nach dem Willkommengruß des Ortspfarrers Hülster auch der Landrat Stelzer und der Bürgermeister der Stadt, Timm, beide evangelisch, herzliche Begrüßungsworte. Dann sprach der als Kanzelredner weit bekannte Dom- Prediger P. Dionysius O. F. M. (Köln) über das Thema „Der Katholik und der Wiederauf- b a u." Der leitende Gedanke feiner Ausführungen war, daß die Gesundung von innen kommen müsse. Herz und Hand, Seele und Charakter einsetzen für die Arbeit an Deutschlands Aufbau sei das Streben aller echten Katholiken. Landtaqsabg. Prof. Grebe (Osnabrück) be- handelte dann in fesselnder und erschöpfender Weise die gewaltige Bedeutung der Schulfrage für die deutschen Katholiken. 3m Anschluß daran wurde eine Entschließung angenommen, in der die sog. Gemein, schaftsschule ebenso wie die rein weltliche Schule abge- lehnt und unbedingte Sicherheit für die f o n f e s f t o- ne Ile Schule und die tonfefftoneUe Ausbildung der Lehrer gefordert wurde. Bischof Dr. Berning gab dann feiner großen Freude über die Ewigkeit der fchles- wig-holsteiniichen Katholiken Ausdruck. Er forderte dazu auf, katholisch zu denken, zu reden und zu bantieln. gut das Verhältnis zu den andersgläubigen Brudern des deutschen Volkes aber müsse Liebe die Losung fern. Mit dem Ambrosianischen Lobgesang fand der Katholikentag der nordischen Diaspora einen erhebenden Abschluß. _____________________________
Aus dem Nachbargebiet.
_i_ Hsrsftld. Bei den bisherigen Ausgrabungen' in der Hersfelder S t i s t s r u i n e hat man zunächst eine genaue Durchforschung des Bodens im West- portal, im Längsschiff und Querschiff vorgenommen. Dabei hat sich ergeben, daß die Mauern des letzten Bans, der romanischen Basilika von 1144, auf dm Fundamente des karolingischen Doms vono 850 stehen. Durch 3 bis 4 Meter tiefe Grabungen in dem Raume unterhalb der Sängerestrade wurden die starken Funda- mettte eines viereckige Mittelturmes freigelegt, der dem Bau von 850 als Portalturm vorgestanden haben muß. Von größter Bedeutung sind die Funde im Südslügel des Querschiffes. Man stieß hier nach etwa vtcr Meter tiefen Grabungen auf ein System von tm Bogen geführtem Mauerwerk, das deutlich tne Lage mehrerer Kapellenapsiden angibt. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß man hier den Ausgangs- mmkt der ersten kirchlichen Sauten feit der Klostergründung entdeckt hat. In demselben Teile des Ouer- schiffes hat man in ein Meter Tiefe ein Tripprigrab non drei gut erhaltenen Steinsarkophagen (vielleicht Lullus, Wigbert, Witta) freigelegt. Ein Sarkophag barg seinen toten Inhalt noch unberührt. Außerdem sind noch weitere Sarkophag- und Skelettftmde gemacht worden. Die Dauer der Ausgrabungen, die ja während der ungünstigeren Jahreszeit unterbrochen werden muffen, kann man bei den schon jetzt gemachten ganz außerordmtlichcn Ergebnissen auf mehrere Jahre be« mest'en. Neben der genauen Erforschung der vorkarolingischen Bauwerke dürfte sich das Interesse besonders der etwaigen Festlegung der vorchristlichen germanischen Siedlung zmomden. Vielleicht bietet hierfür das freie Stück Land zwischen ©tiftsruine und Lullusturm ein besonders ergiebiges Feld.
fpd. Weilburg. Am Donnerstag sollte der Kreistag des Ober lahnkreises über die endgültige Besetzung des Landratspostens an Stelle des zuruck- aetretenen mehrheitssozialistischen kommissarischen Landrats Langgemach aus Frankfurt a. M. ent» scheiden. Die Kreistagssitzung wurde indessen abge- sagt, da das Ministerium des Innern vor einigen Tagen den Regierungsrat Jenner aus Berlin mit Wahrnehmung der Landtagsgeschäfte beauftragt hat. Der Herr hat sein Amt bereits angetreten. Die endgültige Lösung der Landratsfrage ist dadurch abermals hinausgeschoben worden.
(fpd) Usingen. Bürgermeister Lissmann, gegen den seit fast zwei Jahren ein Untersuchungsver- fahren wegen angeblicher Verfehlungen bei der Le- bonsmsttelverteilung während des Krieges schwebte, hat seine Drenstgeschäfte wieder ausgenommen. Die Untersuchung scheint danach für ihn belastende Momente nicht ergeben zu haben.
Aus Gberhessen und den hessischen AemLern.
A Marburg. Um die üblichen Preistreibereien bei dem Berkaus des städtischen Obstes zu verhindern, hatten Sachverständige die Bäume vorher abtaxiert. Trotzdem wurden diese Schätzungen vielfach nicht beachtet und die Versteigerer hatten Mühe, die Leute zur Vernunft zu bringen. Insgesamt brachte der Verkauf etwa 18 000 Mark ein. In Kirchhain wurden für verkauftes Gem-cindeobst 66 000 Mark eingenommen. Bei den Obstoersbeigerungen in den Landetwas Kaufkraft haben. Und das muß wohl der Fall sein; denn sonst würden die lockenden Angebote in den Zeitungen bald aufhören.
Wenn eine sorgsame Hausmutter, dis vor zehn Jahren gestorben ist, setzt wieder aufstände und die Anzeigen in den Zeitungen läse, würde sie die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich gar den Rest ihrer Haare ausraufen! Als „fpottbillig", „unerhört günstiges Eelegunheitsangebot" findet sie da eine Liste von Preisen, die seinerzeit als märchenhafte Wuchersätze gelten mußten. Und diese Preise werkten nicht bloß gefordert, andern sie merben auch gezahlt. Der Verkäufer muß sie fordern, weil ihn die Ware selbst so viel mehr kostet, und die Käufer müssen sie zahlen, weil die Sachen nicht billiger zu haben sind. Das Tröstliche ist nur, daß die Masse des Volkes im allgemeinen fo viel verdient, um trotz der Teuerung den Bedarf decken zu können. Einige, namentlich alleinstehende jüngere Leute, bekommen sogar zu viel Geldscheine in die Hand und vergeuden sie in Kinos, in etenten Schmökern, auf Tanzböden und sonstigen heillosen „Vergnügungen". Da möchte man wünschen, daß der alte Sparzwang für sämtliche unverheiratete oder kinderlose Leute wicbn: eingeführt würde. Das läßt sich leider nicht machen Dor der Hand müffen wir zufrieden fein mit ber Tatsache, daß anständige und vernünftige Leute auch jetzt noch ihr Auskommen haben können trotz der riesigen Teuerung.
Wie denke ich über die Vergnügungsanzei- g e n in den Zellungen? Gemischte Gefühle! Etwas zur Auffrischung und Erholung kann sich der fleißige M nsch leisten; aber eine giftige Zuspeise soll er nicht offen, auch wenn sie noch so lecker aussieht. Sehe jeder, wie ers treibe, und wer stehe, daß er nicht falle, lteb.rhaupt müßte der Leser immer bedenken, daß für den Anzeigenteil die Schriftleitung seines Blattes nicht verantwcrtlich ist. Das ist ein Sprechsal, in dem jeder Inserent das Wort auf eigene Verantwortung führt. Die Leser müssen selber prüfen und entscheiden.
Ein Punkt in den Anzeigen macht mir Sorgen. Ich finde fo viele Gesuche um Dienstmädchen und so wenig Angebote vpn weiblichen Hausgehilfinnen. Das'stimmt mit der allgememen Klage, daß es den
gemeinden wurden durchschnittlich 100 Mark für der Zentner Aepfel am Baum bezahlt.
vermischtes.
* Die Redewut im Bayreuther Stadtrat. Di, wirtschaftliche Sage bewegte auf das heftigste auch die Gemüter der Stadträte der oberfränkischen Stadt Bayreuth. Am ersten Sitzungstag waren 6 Stunden zur Beratung erforderlich, am nächsten Tage mußten weitere 5 Stunden daraus verwendet werden. Am Schluß stellte der Bürgermeister fest, daß nicht weniger als 97 Stadtväter zu Wort gekommen waren, — fürwahr eine Rekordleistung. Dem etwas boshaften Wunsche eines Mitgliedes, man möchte doch die Ordnung hallen, um das runde Hundert voll zu machen, noch 3 Redner sprechen lasten, wurde leider nicht stattgegeben.
* Der Wiederaufbau deutscher Seefahrt Die Hamburg-Amerika-Linie hat jetzt auch ihren im Jahre 1905 erbauten und 6600 Tonnen großen Dampfer „Rugia" von England zurückgekaust. Der Dampfer ist, von Falmouth ans kommend, im Hamburger Hasen eingetroffen und wird nach Erledigung der nötigen umfassenden Instandsetzungsarbeiten in den Nordamerikadienst Baltimore—Boston wieder eingestellt werden.
* Ei» verpslegunzszug, der Lebensrnittel aus der Ukraine brachte, ist bei Fastrow in der Näh; von Kiew entgleist. Nach der „Times" sollen 27 Personen getötet und 30 verletzt worden sein
Goltes-ienftordnung.
Katholischer Gottesdienst.
Sonntag, 25. Sept. Dom. V-6, 6, l/i7 u. 7 M. um 6 Uhr Gen.-Komm. des chriftl. MüttervereinS, 9 Pfarramt u. Pr., VilO Kathedralamt m. Pr., 11 Ehr. f. d. Iüngl., l/tl2 M. u. Pr., */,2 Michaelsbruderfchaft, 2 Ehrt. f. d. Sungft., %3 Versammlung d. christlichen Müttervereins, 4 Pr. u. And., 7 A. in der Marien- kapelle. Montag */i8 Uhr abends Rosenkrz. m. Segen. — Stadlpsarrkirche. 5Vi Kommunion, 5’A Messe, 6’/< M u. Kommunion des MüttervereinS, 8 M. u. Pred (1. Schulgd.), 9V, Pfarramt u. Pr., 11 M. u. Pr. (2. Schulgd.), 9V< Ehr. f. d. Jüngl. i. d. Severikirche, IVi Chrl. f. d. Jungfrauen, 2*/i Quatember-And., 3V« And. f. d. Mütterver. Wegen der Fahnenweihe des kathol. Arbeitervereins bleiben im Pfarramt die Bänke auf der rechten Seite des Mittelschiffes für die Mitglieder der Vereine reserviert. — Pfarrkirche zum hl. Geist. s/«7 Som., 7 Uhr Frührn., 8 Pr. Amt m. Stom., V»5 Ehr., 5 And. — Sodolität. */»10 Uhr. — Nonnenkirche. 2 Uhr nachm Herz-Jesu-Bruderschaft--Vers. — Severikirche. Sonntags */»7 M., werktags 605 M. — Michaels- kirche. (Vollk. Ablatz.) l/,7 hl Messe mit Austeilung d. heiligen Kommunion. 9 Uhr Amt mit Predigt, 2 Uhr Andacht d. beite Bruderschaften u. Prozession. — Herz- Jesu-Heim. 8 Hochamt m. Pr., nachm. 2 A. (Mittwoch abends 8 And.) — Frauenberg. 5, 6, 6V* u. 7 M., 8 Rosenkranzm. m. Pred., 9 Hochamt m, Pred., nachm. ? Kreuzweg-And. und Pr. (auf d. Kalvarienberge)
G otterdienstordnung während der Lioba-Oktav aus dem Petersberg vom 25. September bis 2. ®fttb. einschl.
Sonntag, 25. September. Morgens ’A6 Uhr Austeilung der heiligen Kommunion und Beichtgelegenheit, 7 Uhr Frühmesse mit Ansprache, 9 Uhr Hochamt mit Predigt, 2 Uhr Andacht. An den Wochentagen ist mit Ausnahme des Mittwoch morgens 7 Uhr Gottesdienst, vorher immer Beichtgelegenheit. Mittwoch, 28. Sept. Früh 5 Uhr Amt in der Lioba- Gruft, vor- und nachher Austeilung der hl. Kommun., 9 Uhr Amt mit Diakonium und Predigt, Vt3 feierliche Vesper und Andacht. Sonntag, 2. Oktober, wie am 25. September. Während der Oktav abends 8 Uhr Andacht in der Lioba-Gruft Nach den Gottesdiensten und zu anderen gelegenen Zeiten wird die Reliquie der Heiligen zur Verehrung aufgelegt
Evangelischer Gottesdienst.
Sonntag, 25. Sept. Fulda Vormitt. 8 u. 9Vs Pfarrer Weber. Vormitt. 11 Kindergottesdienst. — Bad Salzschlirf. Vormitt. 9'/, Sup. Ruhl. — Siebet« stein. Vormittags 9 Pfarrer Reich.
Mittwoch, 28. Sept Fnlda. Abends 8 Bibel- stunde (Gemeindehaus).
Lvangel. landerkirchl. Gemeinschaft Buttlarftr. 17.
Sonntag, 25. Sept Abends 8 Uhr Evangelisation. Dienstag abends 8 Uhr Bibelstunde (Pfarrer Weber.) Mittwoch abends 8 Uhr Gesangstunde. Donnerstag abends 81/« Uhr Jungfrauen-B.-St Freitag abends 8 Uhr Bibel- und Gebetstunde.
Amtliche Anzeigen.
Das Gesetz über die mtberroerte Festsetzung der Leistungen und der Beiträge in der Invalldeuverslchermlst vom 23. Iuk 1921 hat die bisherigen fünf Lohnklaffen ber Invalidenversicherung befestigt. Vom 1. Oktober b. 3.
hilfsbedürftigen Familien, namentlich den kinderreichen, sehr schwer fällt, auch bei hohem Lohn ein williges Mädchen zu finden und $u halten. Das ist em Unglück, und zwar für beide Teile. Die Hausmutter wird überlastet, und das Mädchen, das sich in Fabrik- oder Bürodienst stürzt, versäumt die beste Gelegenheit zu feiner hauswirtschaftlichen Ausbildung und seiner sittlichen Sicherung. Eltern, Iugendpfteger, Vereine usw. sollten zusammen dahin wirken, daß wieder Hausangestellte zu haben sind, wo die Famllien solche brauchen. Natürlich müssen auch die Hausfrauen dafür sorgen, daß ihren Gehilfinnen das Leben erträglich bleibt.
Abgesehen von suchen Einzelhellen halte ich den Anzeigenteil für eine erbauliche Lektüre und freue mich, wenn das Blatt in seinem Schlußteil recht viele Mitarbeiter hat, die kein Honorar verlangen, sondern nach Gebühren bezahlen und doch zur VervollkommmMg der Zeitung auf ihre Art auch beitragen.
Da vorn im redaktionellen Tell muß leider immer wieder von neuen Sorgen und Kämpfen, von schwierigen Problemen und schweren Krisen, von Unruhen und Verbrechen berichtet teerten. Um so besser, wenn im Anzeigenteil noch der Fottgang mm Handel und Wandel sich spiegell.
Und die Nutzanwendung? Erstens scheue nicht die Anzeige, wenn du dazu einen sozialen oder geschäftlichen Anlaß hast, denn auch damit läßt sich die gute Presse und die Partei fördern. Zweitens b e st e l l e die richtige Zeitung für dich und deine Familie, denn im Winterhalbjahr lohnt sich diese kleine Ausgabe erst reckst!
— Was die Mäßigkeit vermag. Ludwig Cor- naro, ein geistreicher und kenntnisreicher Venetianer, hatte ein so zügello es Leben in seiner Jugend geführt, daß mit 38 Jahren seine Gesundheit vollständig zerrüttet war. Er beschloß, das einzige Heilmittel anzuwenden, die Mäßigkeit, und brachte es mit seiner eisernen Willenskraft dahm, daß er wieder gesund wurde und sogar ein Atter von 98 Jahren erreichte. Mit 65 Jahren schrieb er noch ein Buch über den Segen der Mäßigkeit, die ihn alle Jahre hindurch munter und froh erhalte» habe.