uldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 220.
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Samstag, 24* September 1921.
Bezugspreis: Monatlich 3,50 2RL ohne Bestellgeld. Post- z bezug 4,10 M. Abgeholt 3,75 Ml. z
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48. Zahrg.
Kill plitWer Mmbilüd mWM.
Lnthüünngen im Badischen Landtage.
Karlsruhe, 23. September.
Der badische Landtag verhandelte heute die deutschnationalen Interpellationen über das Verbot der „Süddeutschen Zeitung", das Verbot von Regierungsfeiern und über die Ausschreitungen im Anschluß an die sozialistische Demonstration in Heidelberg nach der Ermordung Erzbergers. Staatspräsident Trunk verteidigte zunächst in ruhiger Weise die Stellungnahme der badischen Regierung. Plötzlich aber wurde er von einer starken Erregung gefaßt und er betonte, daß es nicht nur Links-, sondern auch Rechtsbolschewisten gäbe, wobei er mit der Faust auf den Tisch schlug. Die Deutschnationalen antworteten mit Worten wie „Sie Unverschämter!" und anderen Ausdrücken gegen die Regierungsbank. In dem ausbrechenden Tumult fielen Ausdrücke wie „Volksverräter, Schieber!" usw. Erst nach längerer Zeit trat wieder Ruhe ein.
Sodann machte der Staatspräsident aufsehenerregende Mitteilungen über das Bestehen von politischen Geheimorganisationen und deren Bestimmungen, die von der Staatsanwaltschaft aufgc- funden wurden. Diese Bestimmungen haben folgenden Wortlaut:
„Die Ziele unserer Partei ergeben sich aus der Lage:
a) Geistige Ziele:
Weiterpflege und Verbreitung des nationalen Gedankens, Bekämpfung oller antmationalen und internationalen Richtungen, Bekämpfung des Judentums, Sozialdemokratie und der Kaks radikalen Parteien, Bekämpfung der antinaliouaien Weimarer Berfaffong in Wort und Schrift, Aufklärung weiter Kreise über dies« Verfassung, Unterstützung einer für Deutschland allein möglichen Dsr- fassung auf föderalistischer Grundlage.
b) Materielle Ziele:
Sammlung von entschlossenen nationalen Männern zu dem Zweck, die vollständige Revolutionierung Deutschlands zu verhindern, bei großen inneren Unruhen deren völlige Niederwerfung zu erzwingen und durch Einsetzung einer nationalen Regierung die Wiederkehr der Heuffgen Verhältnisse unmöglich zu machen, die durch den Versailler Vertrag angestrebte Entmannung und Entwoffimng unmöglich zu machen und dem Volk seine Wehrmacht und die Bewaffnung so weit als möglich zu erhalten."
Die Organisation charakterisiert sich in weiteren Bestimmungen wie folgt: „Die Organisation ist eine Ge- hekmorgauisalion. Sie verpflichtet die Mitglieder unter- einander, ein Schutz- Md Trutzbündnis zu schließen, wodurch jeder Angehörige der Organisation der weitgehendsten Hilfe aller anderen Mitglieder sicher sein kann. Die Mitglieder verpflichten sich, dn Machkfaklor zu fein und geschloffen eine starke Einheit zu bilden, wenn die Rot, die Ehre unseres Vaterlandes und die Erreichung unserer Ziele es erfordert. Jeder verpflichtet sich zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Leitung der Organisation.
Der Staatspräsident stellte noch Verlesung dieser Mit- teilung fest, daß der Mörder Tillesseu einer Kölner Zen- trumsfamMe angehört, seiner Schwester aber geschrieben hab«, fic solle künftig deukschnatloual wählen. Ferner setzte der Staatspräsident hinzu, daß die beiden Blätter Erzbergers dieser Geheimorganisation angehörkeu, ebenso fiil- kinger und Müller.
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2er politische Eeheimbund, von dessen Aufdeckung im badischen Landtag Mitteilung ge-
Der Sünfebub.
Fränkischer Dorfroman von Dtna Ern st berget.
51; —,-----
„Verzeihen Sie, wenn ich störe," begann sie etwas verlegen. „Ich komme eben vom Grabe der teuren Entschlafenen, wo ich Abschied nahm und betend für all das, was diese edle Frau mir war und gab, der toten, mütterlichen Freundin dankte. Was ich der Toten sagen wollte, möcht' ich hier noch einmal wiederholen. Ich ichulde Ihnen großen Dank, und daß ich dieses weiß und nie vergesie, das wollte ich Ihnen sagen."
"Hab' ich Sie recht verstanden? Sagten Sie denn nicht, Jh,. Dang zum Grabe wär' gescheh'«, um Lebewohl der teuren Stätte dort zu sagen?"
„Sie haben mich ganz recht verstanden. Gewiß das war der Grund."
„Woher so plötzlich dieser seltsame Entschluß? Was jagt Sie aus dem Hause? Hab' ich — hat Sie ein anderes unbewußt verletzt?"
„Ich war zur Hilfe und zur Unterhaltung jener Frau, die mir mehr Mutter als Herrin war, hier. Meine Mission erlosch, als sich bas liebe Auge schloß. Ich habe hier nichts mehr zu schaffen."
„Und eilen nun, dem öden, eintönigen Leben des Dorfes möglichst rasch Ade zu sagen?"
„Und Heimat wieder mit der Fremde einzutauschen"
„So brachten Sie das Opfer, hier zu leben, meine: Mutter gern?"
„Wo wir uns daheim fühlen, sind wir gerne. Dori ist uns jede Stelle lieb und traut. Ich lernte hier es erst versteh'n, was ich entbehrte, weil ich das Glück der Heimat nie gekannt hatte. Ich stand im Schatten, während anderen die Sonne schien."
„Und trugen dennoch Sonnenlicht, wohin Sie gingen. Die Tote liebte Sie wie eine Tochter."
„Ich weiß und fühl' es, was mir ihr Verlust be« deut,'.."
»Sie wollte Ihnen eine Heimat geben. Es war ihr Herzenswunsch, bevor sie starb."
Etwas überrascht sah er in ihr auffallend blasses Gesicht, während er sie durch eine einladende Handbewe- gung aufforderte, einzutreten
macht wurde, ist schon sattsam gekennzeichnet durch die Tatsache, daß die beiden Mörder Erzber- gers sowie zwei der verhafteten Mitschuldigen ihr angehören.
Die Satzungen des Geheimbundes sind auch derart, daß sie eine solche Freveltat wohl erwarten lassen. Die Bekämpfung der angeblich antinationalen Verfassung von Weimar wird nicht bloß unter den „geistigen Zielen" aufgeführt, sondern im zweiten Kapitel der „materiellen Ziele" wird die Sammlung von „entschlossenen" Männern verkündet, die „bei großen inneren Unruhen deren völlige Niederwerfung erzwingen und durch Einsetzung einer nationalen Regierung die Rückkehr der heutigen Regierung unmöglich machen" sollen. Ebenso soll die durch den Versailler Vertrag vorgeschriebene Entwaffnung unmöglich gemacht werden. Die Mitglieder verpflichten sich, ein „M acht- faktor" zu fein. Damit sie in der Wahl der Machtmittel nicht engherzig sind, wird vorgesehen, daß jedes Mitglied der weitgehendsten Hilfe aller Genossen sicher fein kann. Schließlich wird auf Ehrenwort „unbedingter Gehorsam gegenüber der Leitung der Organisation" gelobt.
Das ist der raffiniert eingerichtete Schutz- und Trutzbund von rechtsradikalen Umstürzlern, die auch vor Freveltaten nicht zurückschrecken.
Die Enthüllung wirft zunächst ein weiteres Licht auf den Mord von Griesbach. Mancher hat gewünscht und geglaubt, daß es sich bei diesem schändlichen Verbrechen um die Verwirrung von zwei Tollköpfen gehandelt habe. Die Verhaftung einer ganzen Reihe von Mitwissern und Begünsti- gerers zeigte schon einen größeren Verbrecherring. Durch die Enthüllung von Baden wird nun klar- gestellt, daß diese Gruppe von Frevlern sich nicht gelegentlich und vorübergehend zusammengefunden hatte, sondern regelrecht organisiert war in einem revolutionären Geheimbunde.
Als in der Entrüstung über den Meuchelmord im Schwarzwalde von einer „Mörderzen- trale" gesprochen wurde, wollten zarte Ohren das Wort zu scharf finden. Aber die Geheimorganisation mit dem unbedingten Gehorsam und der weitestgehenden gegenseitigen Unterstützung sieht doch einer Mörderzentrale verzweifelt ähnlich.
Wenn die Notverordnung des Reichspräsidenten noch eine Begründung bedurft hatte, so wäre sie jetzt reichlich gegeben durch die Feststellung, daß der gewalttätige Kampf gegen die bestehende Staatsordnung und deren Vertreter förmlich organisiert ist. Es ergibt sich also die dringende Notwendigkeit, dieser Verschwörung in all ihren Verzweigungen aufs eifrigste nachzugehen und sämtliche Mitglieder, die überhaupt zu fassen sind, zur strengsten Rechenschaft zu ziehen.
Das gemeingefährliche Nest muß vollständig ausgehoben werden. Das ist nicht bloß geboten wegen des Schutzes von Ordnung und Leben, sondern auch zur Sicherung des Friedens nach außen, da diese Bande durch den Programmpunkt wegen der Nicht-Entwaffnung den lauernden Gegnern jenseits der Grenzen neuer Vorwand für Mißtrauen und Sanktionen geben könnte.
Bei der weiteren Aufklärung wird sich vermutlich auch Herausstellen, welche äußeren Zusammenhänge zwischen diesen Geheimorganisationen und
„Sie wollte nicht bloß — sie tat dies ja schon längst. — Cs waltet über mir ein sonderbar Verhängnis. Was mir je lieb und teuer war im Leben rief ber Tod; ps modert in der Erde Ich darf nicht glücklich fein, mie’s andere Menschen sind. Schon manchmal stand ich vor des Glückes Paradiesespforte, da kam ber Engel mit dem Schwert, der wies mich von der Stelle fort."
Sie hielt bewegt inne, ihr Blick war zu Boden gesenkt. Mitleidig ruhte Josephs Auge auf den Haffen Zügen des alternden Mädchens.
„Daß dieses Haus Ihnen zur Heimat werde, das war der Wunsch und Wille unserer Toten. Es war dies ihr DermächMis für Sie, Fräulein Marianne und ich versprach, dieses Vermächtnis zu oollzieh'n, wenn Sie das Erbe glücklich macht."
Fragend sah sie den Sprechenden an; sie konnte den Sinn seiner Worte nicht recht begreifen.
„Ich soll hier bleiben, wollte sie? sie meinte es ja immer gut zu mir. Doch Ev ist da! In sicheren, per. lässigen Händen liegt die Leitung des Hauses. Was soll ich hier? Soll Eo, die gute, treuerprobte Frau mit mir sich in die alten, longverjährten Rechte teilen? —"
„Das wollte meine Mutter nicht. So war es nicht gemeint. Das mär' ein sonderbares Vermächtnis, das Sie auf gleiche Stufe mit der alten Dienerin des Hauses stellte. Sie schätzte Ihren Wert höher. Zur lieben Toch. ter, in deren Hände sie des Sohnes Wohl und Frieden selbstvertrauend legen könnte, wollte Sie die Tote machen. Es liegt in Ihrer Hand, ob sich der Wunsch erfüllen soll, ob Sie als Herrin dieses Haus zur künftigen Heimat wählen."
Ruhig, als spräche er von etwas ganz Gleichgglti- gern, hatte Joseph gesprochen. Marianne hatte erst gespannt seiner Rede gelauscht, dann plötzlich verstand sie seine Worte — das sagte ihm die Blutwelle, die über ihr sonst so Haffes Gesicht flutete. Wortlos, mit ge
senktem Blick stand sie da.
„Wollen Sie nicht Platz nehmen Fräulein Marianne," Hub Joseph aufs neue zu sprechen an. „Ich möchte Ihnen gerne noch mehr sagen."
Er hatte einen Stuhl herangezogen, auf dem Marianne schweigend Platz nahm.
„Sie wissen, Fräulein Marianne, meine Mutter hatte bet altem praktischen.Siyn» Gefühlsselige Senil«
den politischen Parteien bestehen. Wenn die deutsch- nationale Partei im ganzen die Verantwortung ablehnen wird, so bleibt doch die Frage offen, wie weit der radikale deutsch-völkische mit den „entschlossenen Männern" sich eingelaffen hat.
Dabei bleibt aber der i n n e r e Zusammenhang zweifellos bestehen, nämlich die Tatsache, daß die rücksichtslose Katastrophenpolitik der Deutschnationalen und die leidenschaftliche Hetze gegen die bestehende Staatsform und deren Träger den Boden bereitet hat, auf dem die Geheimorga- nifation erwachsen und in der schändlichen Bluttat aufgeblüht ist.
Gegen die Uanzlerstiirzer.
Die S o z i a l d e m p k r a t i e, die schon in Görlitz durch den Mund von Hermann Müller entschieden gegen die Sensationsmacher in der Verteilung von Ministerposten scharf vorgegangen war, erteilt nunmehr in ihrem Hauptorgan, dem „Vorwärts",'den Urhebern aller der Legenden und der Versuchballons eine entschiedene und deutliche Absage. Das genannte Blatt erklärt, daß die Sozialdemokratie, bevor über die Koalition mit der Deutschen Dolkspartei verhandelt werden könne, erst wissen müsse, ob die Volkspartei die Görlitzer Mindestforderungen annähme. Es heißt dann wörtlich:
„Ater unterstmhen joll doch heute schon werden, daß die Sozialdemokratie nicht daran denken kann, auf das
Bayern.
Zum Verständnis der intimeren Vorgänge bei der vorgestrigen Regierungsbildung werden jetzt aus den vertraulichen Verhandlungen der Parteien untereinander und mit der Regierung Einzelheiten bekamttge- gebcn, die das Auftreten der in der sogenannten Mittelpartei vereinigten Rechtsparteien in ein klares Licht rücken. So erklärt ine „Augsburger Post- zeitung", daß die Mittelpartei, die sich tags zuvor durch die Erklärung chres Führers Dr. Hilpert selbst außerhalb der bisherigen Koalition gestellt hatte, gestern an den Ministerpräsidenten schriftlich eine Reihe von Fragen richtete, die im wesentlichen der Tendenz dienten chen Ministerpräsidenten aus dir politischen Richtlinien der Mittelpartei festzulegen. Graf Lerchenfeld lchnte aber das an chn gestellte Ansinnen ab und wahrte sich die volle Freiheit der Entscheidung in alle politischen Fragen unter der Versicherung, daß für ihn das seinerzeit beschlossene Koalitionsprogramm maßgebend fei.
Aus der 'eingehenden Darstellung der Verhandlungen in der „Bayerischen Staatszeitung" ist zu ersehen, daß die Behaupttmg der „München-Augsburger Abendzeitung", die Bayerische Volkspartei sei es gewesen, die zuerst an die Mittclpartei herangetreten sei, mit den Tatsachen schwer in Einklang zu bringen ist. Für die drei Koalition-Parteien habe kein Anlaß Vorgelegen, sich mit der Mittelpartei in Verbindung zu setzen. Man habe es nach deren Haltung bei dar Wahl des Minister- Präsidenten auch gar nicht erwartet, daß ste eine solche Verbindung wünsche. Die Mittelpartei aber habe sich wider Erwarten selbst an den Ministerpräsidenten gewandt, um dir Fühlung mit ihm und den Koalitions- Parteien Mzunehmen.
Gras Lerchenfeld nach Berlin.
Der bayerische Minffterpräsident Graf Lerchenfeld Hai sich nach Berlin begeben, um die Verständi- gungsverhandlungsn zwischen der bayerischen und ter Reichsregierung zum Abschluß zu bringen
Mentalitäten waren ihr fremd. Ein schwerer Ledens, gang führte ste steinige Wege — sie kannte nur den Ernst des Lebens. Ihr praktischer Sinn zeigte sich recht deutlich in der Sorge um die Zukunft derer, die sie liebte — Sie wußte, daß Sie eine'Heimat schwer entbehrten; sie sah, daß meinem Hause die sorgende Hand einer treuen Hausfrau fehlte, die es erst traut und wohnlich umge. staltet. — Treusorgend jedem das zu geben, was ihm für die Zukunft fehlte, wollte sie unser Leben aneinan- der knüpfen. Vielleicht war's gut gedacht! — Wollen Sie meinem Hause Herrin, Hausfrau sein? — Zwar klingt die Frage recht prosaisch, in schönen Worte" wirbt man um die Braut — ich aber hecke die Jahre toller Schwärmereien weit, weit hinter mir. Vielleicht auch waren sie mir immer fremd geblieben, gleichviel! ich biete Ihnen meine Hand fürs Leben im Sinn meiner Mutter an. Wir wollen treue Freunde, gute Kameraden fein, die sich auch ohne schwärmerische Sentimentalitäten gut verstehen. — Ohne Sie in Ihren Entschlüssen beeinfluffen ober meinen Charakter beschönigen zu wollen, muß ich sagen: Sie werden einen treuen, verlässigen Freund für immer an mir finden; einen Kameraden, ber Sie in allen Lebenslagen schützt, aus dessen Treue Sie fest bauen können. Wollen Sie meinem Hause nun die Herrin sein?"
Joseph war aufgeftanben und ganz nahe zu Ma- rianne getreten. Während er sprach, blieb ihr Köpfchen gesenkt, es war ihm unmöglich, unter den breiten, schwarzen Rändern des Trauerhutes ihre Züge zu sehen. Jetzt, da er schwieg, hob sie bas Haupt und sah ihm voll ins Gesicht. Ihre Züge waren tobesblaß.
„Ihr Anttag überrascht mich zu sehr, als baß ich sofort darauf Antwort wüßte. Wollen Sie mir nur Zeit zum Ucberlegen geben?" Sie war aufgeftanben und stand ihm nun gegenüber. Langsam hatte sie ge» antwlMet; man merkte es, sie wollte absolut die Erregung, die aus dem leise vibrierenden Ton ihrer Stimme klang Joseph verbergen.
„Gewiß! es ist ein folgenschwerer Schritt, ber lieber’ legung forbert. lieber eilen Sie die Antwort nicht. Ich reise- morgen ab, Eo bteibt bei Ihnen. Sinb Sie im Klaren mit Ihrem Entschluß so lassen Sj mich's wis. fen. Bis dahin leben Sie wohl, Fräulein Marianne."
(Fortte—-ng folgt,)
Manöver hmeinzufaklen, das jetzt in ber Preffe etngefeitet wird, ihrerseits den Reichskanzler Wirth stürzen zu Helfon, selbst auch wenn Stresemann persönlich an dem Spiel beteiligt wäre. Wir gehen nicht fehl in ber Annahme, daß sich auch sämtliche Mitglieder des Reichskabinetts entföieben gegen diese Treibereien ausgesprochen haben und ihrerseits cm ber Reichskcmzlerschast Wirths aus außen- und mnerpolitischen Gründen iesthalten."
Der sozialdemokratische Parteitag.
Görlitz, 23. Sept. 1921.
Die Verhandlungen begannen mit der Diskussion über das Referat Hermann Müllers über die auswärtige Politik.
O k o n s k i-Kattowitz führt Beschwerde über das Verhalten der Interalliierten Kommission in Oberschlesien, die die Rechte geschmälert und die Diftaiur proklamiert habe. Selbst die Siedlung sei vereitelt worden, den Großgrundbesitzern und Großindustriellen sei nichts geschehen. Das Schlimmste sei bas Sondergericht im Oppeln. Der Selbstschutz wirke auf beiden Seiten unheilvoll. Redner empfiehlt eine Resolution, wonach der Parteitag das Ergebnis ber Volksabstimmung in Oberschlesien begrüßt. Das Selbst- bestimmungsrecht der Völker fordere aber Achtung des Willens der Mehrheit. Die Verzögerung ber Entscheidung hemme bas Wirtschaftsleben. Die deutschen Sozialdemokraten verwahren sich entschieden dagegen, daß in Oberschlesien Demokratie und ©etbftbeftinwnungs- recht der Bürger durch die Vertreter der Entente mit Füßen getreten werten. Sie erwarten, daß die Sozialisten all« Länder dafür wirken werben, daß Oberschlesiens staatliche Zugehörigkeit nicht nach imperialisttschen und kapitalistischen Gesichtspunkten entschieden werte.
Hengel-Saarbrücken führt Beschwerte über die Regierung des Saargebiets. Ein französischer General habe gesagt: „Mr bringen euch die Freiheit." Ater diese Frecheit sehe auch danach aus. Die Einführung ber Frank enGhming habe für viele Kreise des Volkes verheerend gewirkt. Die Frcmkenempfänger feien im Vorteil. Der zwanzigjährige Sohn des Römers verdiene monatlich 3000—3500' Mark. Er selbst als Parteisekretär beziehe nur 2100 Mark. „Wir sind," sagt Rodner unter lebhaftem Beifall des ^Parteitages „kerndeutsch und wollen es bleiben." Im Saargebiet werte jetzt regiert wie zur Zeit des Königs Stumm. Möge der Patteitag dafür ein treten, daß im Saargebiet die deutschen Gesetze mietet gelten.
Laverenz-Kveseld begrüntet folgende Erklärung: Die Delegierten aus den besetzten westlichen Gebieten unterstützen nachdrücklichst die Forderung nach sofortiger Aufhebung der wirtschaftlichen und militärischen Sanktionen Mt ben übrigen Bevölkerungsschichten leiten die Arbeiter, Angestellten, Beamten schwer unter diesen in-gerechtfertigten Dergeltungsmatz« nahmen. Kurzarbeit, Erwerbslosigkeit, verschärfte Woh- nungsnot, Schließung vieler Schulen tmb viele untere Schädigungen sind Folgen ter Sanktionen. Die sozialistischen Arbeiter ber besetzten Gebiete erheben Einspruch gegen die erneute Verschärfung ter Zensur, die Einengung des Vereins- und Koalittonsrechts, gegen die Unterdrückung ter republikanischen Hoheitszeichen, gegen die Eingriffe m die oerfaffungsrechttichen Freiheiten überhaupt. Dis rhek- msche Bevölkerung hat in fast zweijähriger Besatzungsbauer gezeigt, daß sie einer Militärdiktatur nicht bedarf- Die delegierten aus den besetzten Gebieten erneuern im Auftrage ter sozialistischen Massen bas Bekenntnis zur deutschen Republik. Meter Sanktionen noch entere Bedrückungen, weder französische Kulturpropaganda noch andere Mittel französischer Imperialisten werten die Annektionen ber Rhemlante noch den rheinischen Pufferstaat erreichen. 11 n- ablöslich verbunden mit ter deutschen Republik wollen bi« rheinischen sozialistischen Moffen als Deuttche ter Derst änbigung mit dem französiichen Volke dienen. Redner behandelt befonters die Frage ter farbigen Truppen. Roch immer feien eine Menge Mo- rokkaner im befttzten Gebiet. Die Reichsregierung müsse alles tun, um die Entfernung dieser Truppen zu erreichen.
Der neue Programmenlwurf.
Der neue Programmentwurf, ber dem Parteitag ter Mehrheitssozialdemokraten in zweiter veränderter Form Vorgelegen hatte, und zur lleberprüfung an eine Kommission überwiesen worben war, ist nunmehr ber Vollversammlung vorgelegt worden.
Dieser dritte Entwurf also ist entstanden aus zwei Vorentwürfen deren einer abgefaßt war vom Dor- roärtsrebntteur Friedrich Stampfer, während der andere vom Mehrhkitssozialisten Ouarck stammte. Auch dieser Entwurf enthält einen allgemeinen Teil, der aber be. deutend länger ausgefallen ist. als er in den ersten bei- dn Entwürfen vorgesehen wär. 3m zweiten Teil felgen dann die Einzelprogramme über WirtschaftspoliVk, Sozialpolitik, Finanzen, Verfaffung und Verwaltung. Gemeintepolittk, Rechtspflege Kultur- und Schulpoliük- Jm allgemeinen Teil wird erklärt, baß die sozialdemokratische Partei Deutschlands die Partei des arbeitenden Volkes in Stadt und Land sei. Sie erstrebe die Zu. fammenfaffuna aller körperlich und geiftig Schaffenden, die auf be» Ertrag eigener Arbeit angewiesen seien zu gemeinsamen Bekenntniffen und Zielen, zur Sampfge- meinschaft für Demokratie und Sozialismus. Auch bas von ben radikalen Elementen geforderte Bekenntnis zum Klaffenkampf ist wiederum hervorstechend in dem Entwurf enthalten. Denn ber Klaffenkampf wird für die Befreiung des Proletariats als gejchichtl. Rotwenbigkest unb sittl. Forderung proklamiert. Darauf folgt ein Kapitel über die Folgen des Weltkrieges unb die Frietensbiktate unb die tedurch hervorgerufenen Wirkungen im staatlichen und wirtschaftlichen Leben. Wichtig ist ter Passus, in dem die sozialdemokratische Partei erklätt, daß sie entschlossen ist, „zum Schutze ter errungenen Frecheit bas Letzte ein- Zusehen. Sie betrachtet die demokratische Republik als die durch die geschichtliche Entwicklung unwiderruflich gegebene Staatsform, einen Angriff auf sie als ein Attentat auf die Lebensrechte des Volkes." Sie empfiehlt weiter die Erneuerung ter Gesellschaft im Geiste sozialen Ge- nreinftnns, die Uederführung ter großen konzentrierte» Wittschaftsbetttebe in die Gemein wirtschaft und darüber hinaus die fortschreitende Umformung ter gesamten kapitalistischen Wirtschaft zur sozialistischen Wittschaft, um bas schaffende Volk aus ben Fesseln ter Kapitalsherrschaft zu befreien.
Dos neue Programm soll ihr im Erfurter Programm nietergelegtes Bekenntnis erneuern, indem sie für Abschaffung ter Klassenherrschaft und ter Klaffen selbst kämpft, sowie für rfleiche Rechte und Weiche Pflichten aller, ohne Unterschieb des Geschlechts unb ter Abstammung. (Man sieht, daß wiederum der Kampf zum Hauptprinzip des Pm. grmrtms erhoben worben ist. D. Red.)
Löbe-Breslau berichtet über die Arbeiten ber Programmkommisfion. Nach viertägiger Verhandlung rft dec Entwurf im ganzen mit allen gegen zwei Stimmen anLenommer^ worden. Der Ent-