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48. Zahrg

Freitag, 23. September 1921

Nr. 219

Stumm

Der sozialdemokratiiche Parteitag

Vörllh. 22. September.

Die Debatte über

. kommen loh.

?-rss. folgt)

Fränkischer

50'

Der SLnsebub.

Dorfroman von Dina Ern st berge r.

Entfernung des Polizeipräsidenten Pöhner?

Das Berliner Tageblatt glastdt zu roiffe«, daß die drei bayerischen 'Koalitionsparteien im Landtag einen Antrag einbringen werden, in dem die Ent­fernung des Münchener Polizeipräsidenten Pöhner von seinem Popen gefordert wird.

Hetze gegen den Reichskanzler.

Der Abg. Dr. Stresemann hat in Pforzheim und Lüdenscheid gehaltenen Reden in äußerst schar­fen Ausfällen gegen den R e i chs k a n z l e r D r. Wirth vom Leder gezogen. Die Lüdenscheider Rede wird jetzt von der Nationalliberalen Korre­spondenz im Wortlaut veröffentlicht. Der volks­parteiliche Führer geht darin so weit, daß er Dr. Wirth vorwirft, obwohl er immer erkläre, eine Scheidung des Volkes in zwei Teile abzulehnen, tue er selbst das meiste dazu, um eine solche Schei­dung herbeizuführen. Weiter behauptet Strese­mann, der Belagerungszustand könnte wahrschein­lich schon ausgehoben werden, .wenn der Herr Reichskanzler nicht zur Beunruhigung der Verhält­nisse so viel beigetragen hätte", und er betontdie Unfähigkeit unseres Reichskanzlers als Staats­mann". .

Die Rede Dr. Stresemanns tm Pforzheimer Ortsverein der Deutschen Volkspartei beschäftigte sich auch mit der Reichspolitik und man darf sie bereits als eine Antwort auf den Beschluß des Gör- litzer Parteitages ansehen. In klarer und erfreu­licher Offenheit kennzeichnet Stresemann die H a l - tung, die nunmehr die Deutsche Bolks- partet einnehmen müsse. Er erklärt offen, daß, wenn man an ihn die Frage richte, ob er zu einem Zusammenarbeiten mit der sozialdemokratischen Partei bereit fei, dann beantworte er sie mit einem glatten: ja. Seine Partei stehe auf dem Boden der Weimarer Verfassung. Müsse man aber mit ihr auskommen, dann sei nach innen und außen die Bildung einer breiten Regierungsbasis notwen­dig. Durch sie werde es möglich, konstante Ver­hältnisse in Deutschland zu schaffen. Staat und Wirtschaft könnten die Mitarbeit der produktiven Kräfte, der Politiker und Beamten, die in den Par­teien organisiert seien, nicht entbehren. Anstatt zu sagen: hier Rechtsblock, hier Linksblock, sollte man den Gedanken propagieren, Volksgemein­schaft aller. Eine Arbeitsgemeinschaft mit der Sozialdemokratie müsse geschlossen werden. Strese­mann macht kein Hehl daraus, daß er über den Beschluß der Sozialdemokraten auf dem Görlitzer Parteitag erfreut sei. Denn der Beschluß eröffne den Weg einer Verständigung in Preußen und im Reich. Er erklärt die Bereitschaft, in den schwe­benden Finanzfragen, in der Innen- und Außen-

hinter ihm stehenden Kreise überzeugt. Im deut­schen Volke aber sollte man auch zur Genüge wissen, daß Dr. Wirth mit dieser seiner versuchten Ver­tragserfüllung den Zweck verfolgt, dem Gegner an dem praktischen Beispiel der Erfüllung zu zeigen, wie weit unsere Leistungskräfte reichen. Wir sind überzeugt, daß man ihm aus der andern Seite auch dann Glauben schenken würde, wenn er ein­mal den Nachweis führen müßte, daß diese oder jene Forderung der Entente in der Tat unerfüllbar sei-

geworden. Sie Tote schlummerte schon einen Tag unter dem Hügel. Ernst durchwanderte Joseph die Räume, wo seine Mutter weilte: alles sprach hier zu ihm von der geliebten Toten. Ihr Zimmer, das sie stets be- wohnte, sollte immer so bleiben, wie es bei ihrem Tode war, zum Gedächtnis an sie. Hier an diese wurm, stichigen altmodischen Möbel, die einst der Mutter Aus- nahmestiibchen im Clternhause schmückten, knüpfte sich manch liebe Erinnerung aus seiner Kinder zeit. Er setzte sich in den großen, ledernen Lehnsessel, in dem der Va­ter ihn vor vielen, langen Jahren schon auf seinen Knienhopp Reiter" reiten ließ, und betrachtete weh­mütig all die lieben Erinnerungen einer längst ver. funtenen Zeit. Das Glasschränkchen mit den bunten, rosengeschmückten Kaffeetassen und den Patenttellern mit den goldverzierten Sprüchen, bot manches noch, was einst des Knaben Herz mit Sehnsucht und Stolz erfüllte. Dies süße, rote Zuckerherz, das prahlerisch dort zwi­schen den beiden silberglänzenden Glasleuchtern schon fast ein Menschenalter durch lehnte, hatte ihm einst manch' bittere Qual bereitet. Die erste schwere Versu- chung seines jungen Lebens verursachte ihm jenes altersehrwürdige, süße, große Herz jm Schränkchen hin- ter dessen erblindeten Glasscheiben stets alte Fam'llien. schätze des Flickschusters wohlgeborgen aufbewahrt la- gen. Von seinem Sitze aus konnte er deutlich einzelne helle Flecken an der großen, grellroten Fläche des Zu­ckerkleinods unterscheiden. Statt daß dasselbe nach Her­zensart unten in Spitzform auslief, zeigte dieses süße Familienstück einen kreisrunden, zackigen Einschnitt. Daran waren aber nicht dir schlechten anatomischen Kenntnisse des Zuckerbäckers schuld, das waren die Spu. ren eines Attentates.

Ihm ist's, als wär's noch gar nicht lange her. An einem kalten Herbsttag war's gewesen, wo er heim von der Schule kam und durch ein offenes Fenster kriechend, niemand im Hause fand. Die Mutter suchend.

DerBayerische Kurier" widmete dem neuen Mim- sterpräsidmten anerkennende Worte. Er schreibt:

Lerchenfeld ist Katholik und ebn offener, treuer An- Hänger der Kirche. Seine Persönlichkeit ist eine Gewahr dafür, daß die bayerische Politik in dem bisherigen Kurst wettergeführt ist. Eine Persönlichkett streng christlich, sozial nationale Richtung. Graf Lerchenfeld ist em über­zeugter Anhänger des söderatisttschen Staatsgevankens. Die guten Beziehungen des neuen Ministerpräsidenten zu den Landesregierungen der deutschen Emzelstaaten mrd kraft seines bisherigen Amtes zur Reichsregierung eröffnet die günstige Perspektive, daß es ihm gelingen möge, auch außerhalb der blau-weißen Grenzpsähle Verständnis und Unterstützung für den Kampf Bayerns um die föderalistische Staatsidee zu qenrönnen, gleichzeitig aber auch die Be­ziehungen zwischen der bayerischen Staatsregierung und der Reichsregierung so zu gestalten, wie es im Iniereste Bayerns, aber ebenso im Interesse des Reiches gelegen ist.

Sinnend blickte Joseph durch das Fenster: man tonnt® von hier aus den kleinen Dorffriedhof sehen. Auf ein­mal verlor fein Blick das Tränende, sein Auge schaute schärfer und angespannter: er entdeckte zwischen den Hügelreihen eine hohe, dunkle Frauengestalt. Das konnte nut Marianne fein! Er sah sie nach einiger Zeit auf die Friedhoftüre zugehen, dann verschwand sie hinter den Bäumen. Als er jetzt die schwarze Gestalt wieder auftauchen sah, ging sie den Weg ins Dorf zurück. Auf einmal war es Joseph klar Marianne hatte am Grabe Abschied genommen. Jetzt fiel es ihm plötzlich auf, daß sie schon den ganzen Morgen an einem großen Rei'sekorb gepackt hatte.

Daß er sie aber auch nicht nach dem Grund dieser sonderbaren Beschäftigung gefragt hatte? Er hätte ihr sagen sollen, das was hätte er ihr sagen sollen? was er seiner Mutter auf dem Sterbebette versprach, daß er ihr eine Heimat geben will! Warum nur schien ihm dies zu sagen so schwer, würde es ihm leichter, wenn er zögerte? Das schwer Beschlossene forderte rasch Vollbringen; leicht wird der wankelmütig, der im­mer wieder überlegt und zögert, und er darf ja nicht wankelmütig sein ihn zwingt sein Wort, das er der toten Mutter gab. Merkwürdig! Er hatte feit dem Degröbnistage fast gar nichts mehr mit Marianne ge­redet. Es war ihm weiter gar nicht ausgefallen, daß bei den Mahlzeiten stets nur für ihn allein gedeckt war und Marianne rnst Eo in der Küche. Er hätte das nicht fn als ganz selbstverständlich gelten lassen dür­fen; er hätte ihr es sagen sollen, daß lh- Platz nicht in d-r Küche ist; es hätte so bleiben müßen, wie es bei Lebzeiten seiner Mutter war. Er setzte sich wieder in den Lehnstuhl und stützt das Haupt in seine Hand. Un. ten fiel knarrend die Haustüre in das Schloß das war Marianne. Er hörte lautes Sprechen, ganz beut» lich drang bis zu ihm herauf die rauhe Männerstimme Evs. Dann kam ein flüchtiger Tritt die Treppe empor; leise, fast zaghaft wurde an seine Zimmertüre geklopft! Wie! Sollte dies Marianne sein? Er erhob sich von seinem Platze und schritt der Türe zu da klopfte es wieder. Schnell streckte er die Hand aus noch dem Drü­cker und öffnete die Türe. Sor ihm stand Marianne in Trauerkleidung und Hut, wie er sie eben vom Kirchhof

12. Kapitel.

und einsam war es in dem Trauerhause

tarn er bis hinauf in den Boden. Sein Suchen u. Rufen war vergebens er war allein. Da meine et, daß an der Tür der oberen Stube ausnahmsweise Schlüssel steckte. Doll Jubel stürzte er der Türe zu und das Heiligtum, das er sonst nur in Begleitung der Mutter betreten durfte, tat sich vor ihm auf. Don all' den Schätzen, die die obere Stube barg, schien nichts ihm so begehrenswert wie das Glasschränkchen mit den bunten, blitzenden Sachen und dem großen, roten Zu­ckerherzen. Er kletterte auf einen Stuhl und öffnete die Türe zu den oerbotenen Schätzen; im nächsten Augen­blick hielt er entzückt den Gegenstand seiner Dewun. derung und Sehnsucht zwischen den kleinen Händchen, die Versuchung war zu groß für sein kleines Herz.

Erst leckte bas Züngelchen nur ganz bescheiden wie in stiller Liebkosung über die grellrote Fläche, bis bas schreiende Rot einer blasseren, bescheideneren Schaltie- rung wich und dann fing er ganz langsam unten bei der Spitze an zu essen, es schmeckte gar so süß. Wer weiß, was heute alles noch dem Herzen fehlte, wenn damals nicht auf einmal die Mutter überraschend heim- getommen wäre. Als er die Haustüre unten gehen hörte, fuhr ihm der Schreck so in die Glieder, daß er Öen Stuhl umroarf, auf dem er stand, und durch den Schlag die Mutter auf seine Anwesenheit aufmerksam machte. Schnell kam sie die Treppe heraus und stand ihm plötzlich gegenüber. Die zahlreichen roten Flecken in seinem Gesicht und an seinen Händen erzählten ihr nur zu schnell, was hier geschah. So bös wie damals hatte er seine Mutter noch nie gesehen. Noch wochen­lang nach diesem b-deuiungsvollen Tage fühlte er die Peitschenstriemen über seinem Rücken und die Erinne­rung daran schützte ihn oft in Zukunft vor verbotenen Gelüsten.

Langsam ließ Joseph seine Blicke weiter durch das Zimmer gleiten. Die alte Schwarzwälder Uhr mir dem blumengeschmückten Zifferblatt und dem lauten, gleichmäßigen Schlag so manche frohe Stunde feiner Jugendzeit hatte sie ihm schon geschlagen; das Leben feiner Kinderjahre hatte sich nach ihr gerichtet. Jetzt stand sie still! Niemand dachte daran, sie aufzuziehen; niemand vermißt« ihren Schlag, seitdem die alte Frau ihre Augen schloß.

Steuer., Mrlschafto- Rechts- unb Schulfragen im Anschluß an ben Bericht der Reichstagssraktton geht weiter.

Fran z-Chemnitz befürwortet einen Antrag betref» fenb Schaffung eines einheitlichen Arbeitsrechts.

Hiebe r-Hagen empfiehlt Herbeiführung ein« Volksentscheides zur Ersasiung ber Goldwerte.

Abg. Eduard Bernstein: DieSteuervorla- gen der Regierung sind absolut unzulänglich. Die Verbrauchssteuern dienen eher zur Verschlechterung als zur Hebung der Valuta, die Besitzsteuern sind unge­nügend burchgearbettet, bi« Ersasiung ber Sachwerts bleibt rnwet .neiblirf) unb darf nicht länger hinausge­schoben werden. Rehmen Sie die Steuerresolution Keil unverändert an!

Die Debatte wird darauf geschlagen.

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Tritt in der einen Stelle etwas Entspannung ein, so wird an der anderen Stelle wieder für neue Span­nungen gesorgt. Als ob wir aus der Krifenstimmung überhaupt nicht herartskommen sollten!

Entspannend auf die Reichspolitik tat Ganzen wirkte der Beschluß des sozialdcmokratischm Parteita­ges in Görlitz, der die Hoffnung erweckte, daß di« Koalition im Reichstage und die Macht der Regierung gestärkt werden könne durch den Beitritt von arbeits­willig«! und tauglichen Kräften aus der Sozialdemo­kratie und aus der Deutschen Volkspartei.

Aber mm will man uns eine neue Spannung, eine reue Krisis bescheren. Es gibt Leute, die immer einen Mann haben muffen, gegen den sie hetzen können. Auf die verhängnisvolle Hetze gegen Erzberger folgt jetzt eine Hetze gegen Dr. Wirth, dem gegenwärtigen Reichskanzler, den alte Feinde und neue Neider zu Fall bringen wollen. Die Angriffe gegen Dr. Wirth gehen zum Teil von derselben Stelle aus und werden mit denselben Mitteln in ähnlicher Tonart geführt, wie die Hetze gegen Erzberger. Die Sache kann auch ver- hängmsvoll auslaussn. Ein Wechsel auf dem Posten des Reichskanzlers hat nicht bloß für die innere Politik weittragende Folgen, sondern würde unter den gegenwärtigen Verhältnissen auch die auswärtige Politik, das Ansehen und die LcistungsMigbeit der deutschen Regierung gegenüber den auswärtigen Mächten in beängstigend Mitleidenschaft ziehen.

Die rechtsstehende Presse im Verein mit den neuig- keitskrämerischert Zeitungen macht die Quertreiberei durch die Verbreitung von Phantasienachrichten über die Umbildung der Reichsregierung, um der öffentlichen Meinung einzmeden, daß Dr. Wirihselbstverständ­lich" seinen Platz räumen müsse für einen sozialdemo­kratischen oder sonstigen Nachfolger. Dieses nicht mehr ungewöhnliche Zeitungsgerede, dos von Hermann Müller in Görlitz als reiner Schwinde! gekennzeichnet ist, könnte man allenfalls mit Verachtung strafen.

Aber ernster ist, wenn der Abg. Dr. S t r e s m a irn in Pforzheim eine Rede hält, die von den gröbsten mtt» ungerechtesten Ausfällen gegen Dr. Wirth strotzt. Herr Stresemann ist der Führer der Deutschen Volkspartei, für die jetzt der Zugang zur Koalition eröffnet worden ist. Was ist das für eine Einleitung zur Sammlung und zur Arbeitsgemeinschaft, wenn in die neue Koali­tion non vornherein ein stachlicher Zankapfel geworfen und die Verständigung unter den maßgebenden Füh­rern erschwert oder vielleicht geradezu vereidest wird durch persönliche Gehässigkeiten? Dos sieht ja so aus, als ob die Deutsche Volkspartei, ehe sie in die Koalition eintritt, für sich die Herrschaft in Anspruch nehmen und Me Ministerposten nach ihrer Gnade verteilen wollen! Rücksichtslosigkeit ist noch eine milde Bezeichnung. Mit solchen Rücksichtslosigkeitert läßt sich aber eine Arbeits­gemeinschaft weder begründen noch erhalten.

Wir sagen da« nicht aus parteipolitischem Ehrgeiz oder aus persönlicher Befangenheit. Das Zenttum hat die Posten des Reichskanzlers oder des Minister­präsidenten mcht als lockende Würde erstrebt, fembent als drückende Bürde pflichttreu übernommen. Unsere Führer werden gern Platz machen, wenn sie erkennen, daß ein anderer es besser machen kann an ihrer Stelle. Wir können aber beim besten Willen noch nicht er­kennen, wo der bessere Nachfolger für Dr. Wirth zu finden fei. Herr Dr. Stresemann selbst ist es sicherlich nicht; das hat feine jüngste rednerische Ausschreitung zum Ueberflusse noch bewiesen. Die Sozialdemokratia hätte das nächste Anrecht auf ein* Präsentation, ober sie drängt sich crir nicht zu dieserEhre" und wird ge­wiß nicht Herrn Stvcsemann als ihren Bahnbrecher begrüßen.

Wir wollen abwarteu, ob in der Deutschen Volks- Partei nicht die bedächtigeren Elemente den Ausschlag geben. Sonst würde die lmgebahnte Sammlung in eine schwere Krisis auslaufen, und auf die geplante Derlobimgsseier folgt keine hosimmgsfrohe Traums sondern ein bitterer Krach.

Führende Industrielle des Zentrums beim Kanzler.

Der Reichskanzler empfing am Donners­tag vormittag führende Industrielle des Zentrums, darunter auch den Zentrumsabgeordneten Klöckner, die mit dem Kanzler über die gegenwärtige poli­tische Lage Rücksprache nahmen. Don feiten der Regierung wird betont, daß bisher keinerlei irgendwie verbindliche Besprechungen über eine Umbildung der Reichsregierung statt­gefunden haben.

Politik auf eine breite Basis zu treten, um dem Reiche zu dienen.Ich sage, wir kommen nicht zu gesunden Verhältnissen, wenn jeder nur an seine Partei denkt, sondern nur dann, wenn die Vernunft siegt, nur wenn wir uns zu gemeinschaftlicher Ar­beit zusammenschließen. Und die Rcichstagsfrak- tion," fo hob Stresemann hervor,die in diesen Tagen in Heidelberg zusammen war, hat mir zu dieser Zusammenarbeit ihre Unterstützung zugesagt." Es heißt in dem vorliegenden Bericht, daß diese Ausführungen Stresemanns mit stürmischem Bei­fall ausgenommen worden sind.

Zu den Aeußerungen Stresemanns über den Reichskanzler sagt dasBerl. Tagebl.":

Diese überscharfen, mit den Tatsachen in vollem Widersprach stehenden Angriffe des Führers der Deuy'chen Volkspartei, in einem Zeitpunkt erhoben, m dem der Hmzlitrttt.dieser Partei zu bei Koalition im Reiche rm Vordergrund des Interesies steht, können unseres Er­achtens der Koalitionspolitik nicht nützen. Wir haben beute früh gejagt, daß mr besonders im Hm- bild auf b:e auswärtige Politik einen Rücktritt des Herrn Dr. Wirch für einen schweren Fehler halten wür­ben. In dieser Auffassung können uns roeber die Reden Stresemanns noch Ausführungen beirren, bie heute Herr Dr. Stodler in derTägl. Rundschau" macht und die aus mangelhaften Informationen beruhen."

Kombinationen.

Kaum hat der mehrheitssozialistifche Parteitag in Görlitz den Beschluß gefaßt, eine Verbreiterung der Regierungskoalition durch Hinzuziehung der Deutschen Volkspartei nicht mehr grundsätzlich ab- zulehnen, sondern auch mit ihr unter gewissen Vor­bedingungen in eine Arbeitsgemeinschaft einzutre- ten, da hört man bereits von allen Seiten Kom­binationen aller 2lrt über das Aussehen der künftigen Regierung. Namen werden ge­nannt, Ressorts werden verteilt, kurz die Re­gierung ist bei einer Reihe von Sensations- machern schon fertig. So liest man in großen Let­tern von einem Kabinett Löbe-Stresemann-Rathe- nau im Reich, so hört man von einer Umwand­lung in Preußen und einer Uebernahme der Ministerpräsidentschaft von Dr. Porfch und der­gleichen mehr.

Hermann Müller hat in Görlitz in scharfer Weise gegen solche halüosen Kombinationen Stellung ge­nommen. Er erklärte, daß alle die eine Umbildung der Reichsregierung betreffenden Nachrichten Wort für Wort unwahr seien. Damit sind also auch die Gerüchte, die sich auf die Mehrheitssozialdemokratie bezogen, in das Reich der Fabel verwiesen. Nach unserer Meinung sind solche Gerüchte, die von die­ser oder jener Seite nicht ohne Absicht ausgestreut werden, dazu geeignet, nicht nur den Dingen weit vorauszueilen, sondern auch innerpolitisch weite Kreise des deutschen Volkes zu beunruhigen und auch nach außen hin eine schlechte Wirkung hcr- vorzumfen. Man sollte unseres Erachtens ruhig abwarten, bis die Parteien zusammen­getreten sind und die offiziellen Besprechungen begonnen haben. In diesem Zusammenhänge füh­len mir uns verpflichtet, auf das Treiben Hinzu­meisen, das anhebt, um die Stellung des Reichs­kanzlers zu unterminieren. Wir wollen heute nur auf die außenpolitischen Gefahren, die sich daraus ergeben könnten, aufmerksam machen. Cs ist zur Genüge bekannt, daß sich der Reichs­kanzler auch im Auslande ein nicht zu unter­schätzendes Vertrauen und Ansehen erworben hat. Wie auch Hermann Müller richtig sagte, gilt das Kabinett im Auslande allgemein als das Kabinett der versuchten Vertragserfüllung. Man ist dort von dem ehrlichen Wollen des Kanzlers sowie der

Der neue bayerische Mimsterpräfident.

Graf Lerchenfeld,

Der neue bayerischeMinisterpräsident entstammt der diplomatischen Laufbahn, er hat im Kriege der deutschen Verwaltung in Polen angehört und hatte dann, ehe er die neu errichtete bayerische Gesandtschaft in Darmstadt übernahm, das polnische und späier das italienische Referat im Auswärtigen Amt inne. Er ist also auch der Reichsregierung nicht unbekannt. Er ist übrigens der Neffe des Grafen Lerchenfrld, der lange Jahre als bayerischer Gesandter in Berlin tätig war und sich dort großer Beliebtheit erfreute. In Berliner Regierungskreisen betrachtet man feine Wahl als einen lebhaft zu begrüßenden Entschluß der bayerischen Parteien.

In der gestrigen Sitzung des bayerischen Land­tages betonte Ministerpräsident GrafLerchenfeld, daß er aus Pflichtgefühl gegenüber dem VaLrlande die Wahl zum Ministerpräsidenten angenommen habe und legte dann dem Haufe folgende

minifferfifte

vor: Ministerpräsident und gleichzeitiger Minister des Aeußeren und der Justiz Graf Lerchenfeld, In­neres Dr. S ch e y e r, Unterricht und Kultus Dr. M a i t, Finanzen Dr K r a u s n e ck, Soziale Fürsorge Oswald, Wirtschaft W u tz l h o f e r, Handel, In­dustrie und Gewerbe 5) a m m. Die bayerische Mittel­partri ist demnach aus dem Ministerium und auch aus der Koalition ausgeschieden. Das Haus stimmte ohne Widerspruch dieser Liste zu. Ministerpräsident Graf Lerchenfeld gab sodann in einer kurzen Rede sein

Programm, bekannt. Eine der wichtigsten Aufgaben sei die Auf­rechterhaltung der Ruhe und Ordnung, im Staate. Seine Treue zum Reich stehe unverbrüchlich fest.Und auch nach der politischen Seite werde er das Verhältnis zwischen Reich und Staat aufs beste pflegen. Nachdem der Mimsterprädfient sich sodann für die soziale Der- söhnung ausgefprochcn hatte, gab er seinem Mitgefühl über das furchtbare Unglück in Ludwigshafen Aus­druck. Ein Antrag des Mittelparteilers Dr. Hilpert, in die Erörterung der Regierungserklärung sofort ein­zutreten, wurde abgelchnt.

Eine weitere Programmrede entwickelt» Graf Lcr- chenfeld in der Fraktion der bazerischen Volkspartei, die in dem Satze gipfelte: eine gut bayerische Po- litik im Rahmen unentwegter Reichs- treueund auf dem Boden derchristlichen Ideen. Man darf die von Graf Lerchenfeld ver­folgten Ziehe kurz in die Stichworte zusammenfassen: christlich, sozial, national mch födera­listisch.

Es ist selbstverständlich, daß Bayerns Ministerprä­sident, soweit cs in seinen Kräften steht, sich den Inte­ressen zunächst fernes eigenen Landes widmen wird, um der bayerischen Eigenart zu dienen und den bayeri- ,schen Standpunkt zu vertreten. Aber ebenso wird man von einem Manne wie dem Grasen Lerchcnsald wohl erwarten dürfen, daß er sich da, wo cs notwendig ist, 'auf die Intevessen des Reiches einftellt. Seine Haupt­aufgabe wird es fein, nunmehr die Verständigung zwi­schen Bayern und dem Reich fördern zu helfen, die unter dem Ministerium Kahr nicht unerheblich gelitten hat. Graf Lerchenfeld wird allgemein <rfs ein Mann geschäht, der nicht zu den einseitig militaristisch und naticmÄistisch gerichteten Politikern gerechnet werden kamr. Umsomehr darf man die Hoffnung hegen, daß cs ihm gelingen möge, in Bayern einen Kurs zu steuern, der die Interessen Bayerns mH den Interessen des Reiches in Einklang zu bringen versteht.

Ser antwort lid) für den ceoautonellen Teil L 33.: A. Westler, - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. ~ Rotationsdruck u. Vertag der Fuldaer Actiendruckerei m Fulda. Kemipretbet Nr. ö. Telegr.-Ülhreffe: Fuldaer Zeitung.

FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadl Fulda.