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FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 218.

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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acliendruckerei in Fulda. Rermpiedier Nr. u. Telear.-Adreffe: FuldaerZeitung

Donnerstag, 22. Sept 192t

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48. Zahrg.

Gras Lerchenseld bayerischer Minifterpräfident

Bayerischer Landtag.

München, 21. September. Präsident Königsbauer eröffnete kurz vor 5 Uhr die öffentliche Sitzun., mit einer Ansprache, in der er betonte, daß der Landtag durch den Rücktritt der StaatSre.iierung veranlaßt fei, früher als beabsichtigt seine otdeutliche Tagung wieder auszunehmen. Er wünscht den Arbeiten der Bolksver« tretung zum Wohle de» deutschen und bayerischen Vater­landes den besten Verlauf, knüpft daran die Hoffnung, daß die Verhandlungen sachlich, frei von LetSenschaft und entsprechend der Würde des Hause» gepfloaen werden möchten. Der Präsident ging dann zur Er­ledigung geschäftlicher Angelegenheiten über. Darauf gedachte er mit bewegten Worten des furchtbaren U n» glück» von LudwrgShafen. Rufe des Entsetzens gingen durch den Saal, al» Königsbauer die ungefähre Zahl der Toten nannte. Nach der Ansicht der Sachver- ständigen sei die Ursache auf eine Selbstentzündung zurückzuführen. Mit besonder» inniger Anteilnahme sprach der Präsident der schwer betroffenen Familien die Teilnahme des ganzen Landes aus und sagte für alle Betätigung werktägtger Nächstenliebe seinen Dank. Die Abgeordneten halten sich während dieser Trauer­kundgebung von den Sitzen erhoben.

Dann trat das Haus tn die Beratung der Tages­ordnung ein, i-eren einziger Gegenstand die

Wahl der Ministerpräsidenten ist-

Abg. Stang schlägt namenS der Bayrischen Volks« oartei zum Ministerpräsidenten den Geheimen Lega- tionSrat und Gesandten in Darmstadt Grafen Hugo v. Lerchenfeld vor. Präsident Königsdauer kon­statiert, daß weitere Vorschläge nicht vorliegen.

Abg. Dr. Hilpert gibt im Auftrage der Ver­einigten Rechtsparteien, also der Deutschnationalen und Deutschen VolkSpartei, eine Erklärung ab, in der er ausführt, dah da? Vorgehen der ReichSrcgierung den bayrischen Staat in eine schwere Krise gestürzt habe. Es handle sich jetzt darum, Bayern die von der Wei­marer Verfassung ihm noch übrig gelaffcnen Rechte seiner staatlichen Hoheit zu erhalten. Die Absicht der unter schärfstem sozialistischen Druck stehenden Reichs, regierung dürfte gewesen fein (Unruhe und Gelächter links', die anderkgeartete bayrische Regierung aus dem Sattel zu heben. Das Ministerium Kahr hat während anbeithalb schweren Jahren Ruhe und Ord­nung aufrechterhalten und eine stetige friedliche Arteit gewährleistet (Lachen links) und sein Bestreben gezeigt, die Rechte Bayern» zu wahren. Der weitaus über­wiegende Teil der Bayrischen Volkspartei sieht deshalb in Herrn v. Kahr die Bürgschaft für eine zielsichere Führung der bisherigen Polittk.Dieser Wille des ganzen Volkes ist in zahllosen Kundgebungen zum Ausdruck gekommen. iZuruse links: Die vom Ordnungsblock inszeniert waren.) Wir werden unsere Stimmen aufs neue auf Herrn v. Kahr vereinigen.

Abg. Stang (Dayr. Dpt.) zur Geschäftsordnung: Es widerspricht eigentlich der Gepflogenheit, lmmittelbar in bas Wohlgefchäst hinein eine derartige Erklärung abzu- geden. (Zustimmung bei der Mehrheit.) Ich mutz den Koaliticmsparwien Vorbehalten, zu dieser Erklärung bei der prllitischen Aussprache, dte in der nächsten Zeit erfolgen wird, Stellung zu nehmen. (Zuruf des Abg. Ackermann: Das tarnt gut werden!)

Die namentliche Abstimmung ergibt die Abgabe von 145 Stimmzetteln, 86 lauten aus dm Namen des Grasen i». Lerchenfeld (Beifall bei der Mehrheit), 39 Stimmzettel sind unbeschrieben, 20 sind für Herrn Dr. n. Kahr abge­geben. Damit ist Gras Lerchenfeld zum Mini­sterpräsidenten gewählt. Nus Anfrage des Prö- ftbenten erklärt Gros Lerchenfeld, der inzwischen im Saal erschienen ist, dah er die auf ihn gefallene Wahl a n - nehme.

Es folgte die Beratung eitriger Dringlichkeiisanträge zur sofortigen Durchführung von Hilfsaktionen für die von dem Unglück bei Ludwigshafen Betroffenen.

Nächste Sitzung: Donnerstag nachmiitag 5 Uhr. An erster Stelle der Tagesordnung ft eben die Mitteilungen über die Bildung des G e fa m t m ini st er!u m s und die Darlegungen des Ministerpräsidenten über die Grundsätze des Regierungsprogramms.

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Die Wahl des Grafen Lercherrfold zum bayerischen Ministerpräsidenten wird in parlamentari­schen Kreisen als ein lebhaft zu begrüßend:? Entschluß der bayerischen Parteien betrachtet. Es sei zu erwar­ten- daß Gras Lerchenfeld eine starke Autorität i n Bayern besitzen werde. Man glaubt, daß jetzt die Verhandlungen mit dem Reiche bald wieder ausge­nommen werden.

Die kehle Amtshandlung Kahrs.

Als letzte Amtshandlung erließ Ministerpräsident van Kahr einen Aufruf an dir Bevölkerung, in dem er dringend olle Volksteik: vor unbesonnenen Schritten und etwaigen Versuchen eines gewaltsamen Ein­greifens in ten verfassungsmäßigen Gang der politi­schen Ereignisse warnt. Die Polizeibehörden wür­ben alle Störunym von Ruhe und Otdnung aufs schärfste unterdrücken.

Die Polizei hat in den letzten Tagen eine Anzahl Zettelverteil r feftgenommen, 'welche Flugblätter auf­reizenden Inhaltes »erteilen. Die Verhafteten ge­hören der nationalistischen Arbeiterpartei an.

Der sozialdemokratische Parteitag.

Görlitz, 20. September.

Die heutige Nachmittagssitzung fegte ht der Resolution Oes Parteivorstandes über den Eintritt in die Re­gierung (der Wortlaut wurde Dienstag mstgeteilt) das Dort „Srwnöforberungen" nunmehr durch das Wort «M inbeftforberungen' und der letzte Absatz wurde dahin geändert, dog die Fraktionen im E i n v e r- 5 ständnis mit dem Parteivorst and über den j Eintritt von Parteigenossen in die Regierung entscheiden I sollen, lieber die Resolution in dieser Form wurde na- : mentHd) abgestimmt. Die Resolution wird mit 290 gegen ! 67 Stimmen angenommen. Die Gegner des Besch üsses Stören größtenteils zu den mitteldeutschen und den rhei- . Züchen Delegierten. Damit sind alle anderen m hicler j Sache gestellten Anträge erledigt. ‘

Gleichzeitig wurde ein Antrag Dogel-Rümberg zur =Frogt der Einigung mit den Unabhängigen angenommen, in dem gesagt wirst, daß der Parteitag ine Wtaderherstellung einer einigen proletarischen Partei er­strebe. Er begrüße daher alle Zeichen einer Wiederannähe- rung der durch den Streit getrennten Richtungen, ebenso wie er die Treibereien kommunistischer Genxritapostek gegen die Einigkeit als Derbrechen an der Arbeiterklaffe ver- urteile. Solange sich die organisatorische Wiederveresri- gung, die nur durch Vereinbarungen der zentralen In­stanzen erfolgen könne, als noch nicht durchführbar erweise, müsse die sozialdemokratische Partei ihre volle taktische und organisatorische Selbständigkeit wahren.

Sodann wurden zwei Anträge angenommen, in denen em Verbot der Mntarbeit von Angehörigen der Partei an anderen Blättern als denen der Partei- preffe ausgesprochen wird. Der Antrag Lobe betreffend das Tragen republikanischer Abzeichen wird ebenfalls an­genommen. Ferner ein Antrag Scholich, in dem die Reichs­regierung ersucht wirst, die Verordnung des Reichspräsi­denten vom 29. August sofort auf alle sogenannten Ar­beitsgemeinschaft en und Freikorps auszudehnen und olle Waffen- und Munitionsläger, sowie Transporte unter d« Mitkontroll« der Arbeiiewrganisationrn zu stellen. Fenier wurden Resofutionon gegen die Knechtung Georgiens durch die BoffHewfften und gegen die Zustände in Ungarn be- schloffen. t c .

Nach diesen Abstimmungen wurde m der Tagesord­nung sortgefahren. Abg. Hoch erstattete den Bericht der Reichstagsfraktion. Er ging zunächst in län­geren Ausführungen auf die Wirtschaftslage em, beschäf­tig!« sich mit der kommenden Preissteigerung und kündigte hierzu neue Lohnforderungen der Arbeitnehmerschazt an. Er äußerte sich dann ziem'ich abfällig über die kommende Koaliiionspofittk und zeigte sich sehr skeptisch gegenüber dem Anleibeoorfchlag der deutschen Industrie. Er forder.e schärfste Steuermaßnahmen gegen das Großkapital.

Reichstagsabg. Schmidt-Köponick referierte dann zur Ernährungsfrage. Er besprach die zur Sicherung der Brotoersorgung getroffenen Maßnahmen, roanöte gegen die freie Wirtschaft und forderte auch für ine Lond- wirtfchast die Besteuerung der Sachwerte

Anschließend hieran wurde eine Resolution Keil zur Steuerfrage angenommen, in der es u. a. heißt: Dem Fmanzelend kann nur erfolgreich gesteuert werden, durch Verminderung des Notenumlaufs, Festigung des Markkurses und Herstelluna des Gleichgewichts im R eich shaus h a lt. Neben der Weiterbildung der Besitzstenergefetzgeimng und ihrer scharfen Durchführung muffen die Sachvermögen in Anspruch genommen werden.

Zur Befreiung von der zügeklofen Devisenspeku­lation, zur Hebung des deutschen Auslandskredits, zur Stabilisierung der deutschen Währung und zur Mrlan- zierung des Rrichshausholts fft dem Reich das g efetz - l i ch e L e r f ü g u n g s r e ch t über einen ausreichenden Teil des privaten Sachvermögens und eines ^Ertrags umer Schonung des kleingewerblichen und kleinbäuerlichen Be- fttws edzzuröumen. Zur Erfüllung der Reparationsoer- pslichtunqen muß die E i n f u h r oller nicht unMingt not» weMgen Gebrauchs- und Genußartikel mogWt 6 e h I n­der t. di« Ausfuhr durch Steigerung der Broduktton unter Ausschließung des Auslandsmarktes gefördert und, der Daliutagewinn an Aussichrwaren Vom Reiche ersaßt werden."

Görlitz. 21. September 1921.

Abg. Kell erstattet den

Bericht über di« Sfeuerfragen.

Er spricht zunächst über die Vermehrung der Reichs- schuld und schildert die mißlichen Etatsverhältniffe. Der Gesamtbedarf des Reiches erreicht, nach dem letzter Da- lutasturz gerechnet, die phantastische Höhe von 158 Mil- liarben An Einnahmen sind nur 55 Milliarden vor. feanben so daß also 100 Milliarden fehlen. Das ist mitt- bestens nicht die Schuld der Revolution,, sondern des fluchwürdigen Krieges i'-nb der gewissenlosen Kriegs finanzpolitik eines H-lfferlch wozu dann noch die Niederlage hinzukam. Helfserichs ganze Wut hat sich, so sagt der Redner weiter, gegen ^berget geriAt-t. Er war der Hetzhund, der bas Wild vor die Mündung der Brownings getrieben bat._ Ware noch ein Funken von Mannesehre in ihm. er würde sich hü­ten, den Boden der beut'chen Solfsoertretunq wieder zu betreten (Lebhafter Beifall.) fte’fferitfi tmh Konsorten jammern über die Zermalmung des Großkapitals und Großgrundbesitzes. Die Luxusbäder. Rennplätze und Herrschastssitze taffen aber nichts von dieser angetaichen Zermalmung erkennen. Die Ernerierung unserer F'.nan» zen kann mit den neuen Steuerotanen nicht erreicht wer. den. Au» indirekte Steuern werden wir schlucken muffen. Hundert Milliarden lausende Jah­resbeiträge lasten sich aus dem Besitz nicht herausholen, wenn er auch kräftiger herangezoaen werden muß. Ich erhebe den Vorwurf gegen die Finanzverwaltunq. daß sie nicht rechtzeitig schon vor dem Ultimatum Besitz steuern vorgeschlagen hat, namentlich Steu­ern auf den Lurusauswand. Warum hat man nicht längst die Borsensteuer stärker angespannt? Die ungeheuren Ausfuhrgewinne müssen entsprechend ve- steuert werden Jeder neuen Erhöhung der Verbrauchs, steuern muß die Erfassung der sogenannten Goldwerte vorangehen. Es bleibt nichts übrig als ein Zugriff in einen Teil der Dermögenssubstanz und zwar auf gesetzlichem Wege, nicht freiwillig. Das An- gebot der Banken und Großindustrie zeigt, baß diese viel mehr als bisher leisten können. Unsere Fraktion wirb mit aller Schärfe ae festliche Maßnahmen forbent und kein freiwilliges Dpf't. (Zustimmung ) Der Redner saßt schließlich feine Ausführungen in die eben mitgeteilte Resolution zusammen.

Bor Eröffnung der Debatte über di- Steuerfragen, bie Teuerung usw. erhält bas Wort Prof. Radbruch zur Begründung einer längeren Entschließung, die unter lebhaftem Tadel der jetzigen Rechtspflege eine

umfaffenbe Justizreform

fordert insbesondere die Desekung der Strafgerichte aller Art mit Laienbeisitzern, Wahl der Schotfen und Geschworenen nach Verhältniswahl, Zulaffimg ter Frauen zu allen Iustizämtern, Neuordnung des Straf- rechts und des Strafvollzugs Der N dn r( ermaßt.t u. a. den Fall der vorübergehenden Entlassung des Fähnrichs Oltwig v. ft i r f cf) f e l b aus dem Gcfänngis. Wir verlangen nicht so tagt der Red­ner, daß die Richter Gesinnungsrepublikaner, wohl aber, daß sie Berstanbesrepublikaner sind. Der juristische Nachwuchs muß so erzogen werden, bah t e. b er 3 u r i ft mindestens zur Hälfte auch zialpolitiker ist. Sämtliche Urteile der außer­ordentlichen Gerichte muffen nachgeprüft, die Todes­strafe muß abgefchasft werden, ebenso alle Rechte der Polizeiaufsicht.

Der Vorsitzende teilt mit daß in der Chemischen Fabrik Oppau das Stickstofswerk in die Luft ge.

flogen ist, wobei über hundert Tote zu beklagen seien. (Die Versammelten erheben sich von den Plätzen.) Im Namen des Parteioorstandes spricht Vorsitzender Wei, allen Opfern der Katastrophe das tiefste Mitgefühl aus.

Nunmehr wird die Debatte über die wirt­schaftlichen Fragen, Steuerfragen und Rechts- fragen eröffnet.

Frau Z a b e r-chamburg führt aus: Es genüge nicht nur, die Verteuerung aller notwendigen Lebensbedürf- niffe mit Reden zu bekämpfen. Die Profiffucht der Bürgerlichen wüste energischer gegeißelt werden. Frauen müssen auch deswegen Richter werben, weil sie Der- zweislungstaten von Frauen bester beurteilen können.

Ein anberer Diskussionsrebner beantragt bie Schaf- fung eines Reichskommistariats gegen Steuerhinter. Ziehungen.

Bieste r-Hoisbüttel verlangt größere Zuwenbun- gen bes Reiches an bie Selbstvcrwaltungskörper. Das Getreibeumlageverfahren ohne Festsetzung des Liefe, rungssolls ruiniert die Gemeinden.

Schwär z-Zweibrücken befürwortet einen Antrag, die Reichstagsfraktion zu beauftragen, gegen jede roeL tere Erhöhung der Lohnsteuer und jede weitere Bela­stung der Arbeiter durch indirekte Steuern Front zu machen.

Der Vorsitzende Wels teilt fobann mit. baß für bie Opfer ber Oppauer Explosion» katastrophe eine Sammlung eingeleitet sei. für bie der Partei, vorstand 5000 Mark gestiftet habe.

Hellman n-Hamburg befürwortet ben Antrag, ber bie neunjährige höhere Schule als Einrichtung ber Schulreaktion bei ihrem Wiberstand gegen die Grund­schule bekämpft.

Ein. weiterer Antrag Hellmann wendet sich gegen ben Reichsschulgesetzentwurf, ber bie konfessionelle Schule zum Nachteil ber weltlichen begünstigt.

In ber Nachmittagssitzung überbringt be Drou» guerre bie Gruße ber belgischen Partttgenasten. Die belgischen Arbeiter wüßten, baß bie brutschen Soziali. sten bie Derteibiger ber Republik seien. Die R e p u b l ik sichere den Frieden und die internationale Ver­söhnung. Auch am wirtschaftlichen Wohlergehen Deutschlands habe Belgien Intereste.

Der Vorsitzende Wels gelobt den Belgiern uner­schütterliches Ausharren im Kampfe gegen die Reaktion.

Nunmehr wird die Debatte vom Vormittag über Wirtschaftsfragen. Steuer-, Rechts, und Schulfrageu fortgesetzt.

Opfer und Vorbild.

Dr. August Müller, der Staatssekretär a. D., widmet dem Görlitzer Beschluß seiner sozialdemokrati- schert Partei einen Lobartikel im Acht-Uhr-Abendblatt und hebt besonders hervor, daß die Mehrheitssozial- demokrcttie ein Opfer bringe. In ihren Kreisen gab es eine starke Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit den Unabhängigen. Diese Wünsche nach politischer Der- einheitiichung der ganzen deutschen Arbeiterschaft habe man jetzt zurückgc stellt. Das sei ein Risiko, da dadurch gewisse innere Schwierigkeiten für die Sozialdemokra­tie entständen. Wenn man sich trotzdem sür da» Zusam- menarbeffen mst der Deutschen Volkspartei entschieden Hobe, so seien di« Rücksichten auf da» deutsche Schicksal bestimmend gewesm. Die Partei habe in einer kriti­schen Periode der deutschen Entwicklung abermals ge­zeigt, daß ihr das Schicksal des deutschen Volkes höher stehe, als andere Parteiinteressen. Dadurch erwerbe sie sich Anspruch auf Anerkennung und gebe ein Vor­bild, das hoffentlich auch von der Deutschen Dolks- partei befolgt werde.

An Anerkennung soll es nicht fehlen, wenn dem löblichen Beschluß di« entsprechenden Taten folgen. Wir dürfen aber wohl um Gegenseitigkeit bitten bei der Anerkennung der patriotischen Pflichterfüllung. Andere Parteien haben auch ihr Risiko und ihre Be­lastung mit inneren Schwierigkeiten, wenn sie in der Koalition sich an der sauren Arbeit betätigen. Das Zentrum darsvor allem sich rühmen, daß es von An­fang an wagemutig und opferwillig das vaterländische Wohl über das engere Parteiinteresse gestellt hat und in seinem Dienst am Volkswohl auch kein« Pause sich gestattet hat, niemals in den Schmollwinkel oder in die bequeme Flankenstellung des Zuschauens getre­ten ist. Welche Koalitionspartei die größeren oder die geringeren Opfer zu bringen hat, wollen wir lieber nicht untersuchen, sondern uns dahin einigen, daß jede gutwillige Partei alles daran setzen muß, um das Vaterland zu retten.

Die alten und die neuen Vorbilder der patrioti­schen Treue werden hoffentlich auf die Gehirne und di« Herzen der Wählerschaft klärend und anregend ein« wirken. Wenn Herr Müller dir Deutsche Dolks- Partei besonders aufsordert, sich ein Muster an den Mehrheitrsozialdemokraten zu nehmen, so möchten wir dazu bemerken, daß die Deutsche Volkspartei früher ihre Bereitschaft zur Mitarbeit in der Koalition kuird» gegeden hatte Also kommt es hier auf kein Nachlaufen an; betrachten wir lieber die Sache als Wettlauf.

Die Sozialdemokraten dürfen nicht übersehen, daß die Deutsche Volkspartei auch ein Risiko zu tragen und Opfer zu bringen hat. Wie auf der Linken di« Sehnsucht nach Vereinigung mit den unabhängigen Klassengenossen stark ist, so gibt es in ten Kreisen der Deutschen Volkspartei einen beträchtlichen Zug nach rechts, einen Drang noch Zusammenhang mit den dcutschnalionalen Kreisen. Mfiko und innere Schwierig­keiten hüten und drüben! Wenn dir Sozialdemokraten das unbefangen würdigen, so werden sie sich von phari- säisch.m Stimmungen freihalten und ber Deutschen Volksparta.i keine ©leime in den Weg legen.

Di« letzte Mahnung gilt besonders hinsichtlich der brennenden Steuerfragen. Gerade ber Koali- tionsgedonke drängt dazu, einen gerechten Ausgleich bei der Verteilung der Lasten zu suchen, und warnt davor, । sich voreilig einseitig ftstzulegen auf volkstümliche oder ; doktrinäre Einseitigkeit. Die gewünscht« breitere Koa- i lition kann sich nur durch Kompromisse behaupten, und i dazu brauchen bie Fraktionen unb bie von ihnen be- ■ stellten Minister recht viel Bewegungsfreiheit.

Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen, : und daher hoffen wir, daß beide Parteien, bie in Be­tracht kommen, ihren Führern bie Möglichkeit lassen, die beschlossene Arbeitsgemeinschaft durchzuführen.

Die Beschaffung von Golddevisen zur Reparation.

Der Arbeitsausschuß des Reichswirtschaftsrats, der zur Beratung der Vorschläge über Heranziehung bet Sachwerte zur Reparation eingesetzt worden war, be» schästigt- sich in mehreren Sitzungen mit dem Angebot! der Industrie, dem Reiche durch einen l a n g f r i st i- gen Kollektiokrebit bi« Mittel zur Erfüllung ber tnrsroärtigen Verpflichtungen für bie nächsten Jahre zur Verfügung zu stellen. Die Verttedu der nichtin- bustriellen Derufskreise gaben der Ueberzeugmrg Aus­druck, daß zu Trögern der Kreditaktion außer der In­dustrie auch die übrigen Gewerbe, insbesondere bie Lanbwirischaft, bas Bankw^m, der Hande! und der Hausbesitz herangezogen werden müssen. Em vom Ausschuß gutgeheißrner Plan sieht eine Zusammenfas. fung der Gewerbe und der Land- und Forstwirtschaft in Angiioderung an bie Mrufsgmosfmschasten vor. Als Kreditgrunbloge ist bie Haftung ber einzelnen Mit. alieber gegenüber der gesamten Organisation gedacht. Die fjaftung ist cuf bestimmte Summen für jedes Mit- glieb beschränkt, sieht aber in gewissen Grenzen eine Haftung jedes Mitglieds für den Ausfall innerhalb bie- fer Gruppe vor. Die Mitglieber sind berechtigt, die­jenigen Beträge, b« sie für Amortisation, Zinsen und Kosten aufwenden, von einem bestimmten Zeitpunkt ab mit dem Reich? auf bestimmte Sie lern zu vervechneu.

Das Märchen vom betrügerische« Bankerott.

Der .Petit fßarifien' nimmt Stellung gegen bte immer wieder in der französischen Presse auf auchende Behauptung, Deutschland bereite mit Absicht seinen Bankerott vor. Das Blatt erklärt den Sturz der deutschen Mark mit dem Ankauf fremder De« mfen, den Deutschland ausführen müffe, um seinen finanziellen Berpfficktungen nachznkommen. Trotz d«S fortwährenden Sinkens bet Mark darf man n icht daran glauben, daß die deutschen Ban­kiers und Großindustriellen das Reich zu einem betrügerischen Bankerott treiben wollten. Geschäftsleute hätten nicht die Gewohnheit, Kinder- jpiel zu treiben, und die deutschen Geschäfcsleute wenigstens wüßten ganz genau, daß die Kohle und die übrigen industriellen Reichtümer Deutschlands im Rrrhrgebiet konzentriert seien, und daß dieses Ge­biet der Gnade der Verbündeten ouSgeliefert sei Das Blatt bezieht sich weiter auf die V e r h a n b ? lungen, die (wischen der Regierung und ben Großindustriellen und Finanzgruppen geführt werden, «m einerseits dem Reich die nötigen Mittel zur Erfüllung seiner Zahlungsverpflichtungen zur Verfügung zu stellen, cndererieits um eine Erleich­terung der Steuerlast unb den Eintritt der Volks- Partei in die Regierung herbeizu ühren. DaS fet nicht die Haltung eincS Schuldners, der sich zum Bankerott vorbereitet, schreibt der »Petit Parisien" am Schlüsse seimr Ausführungen.

Vie Unmöglichkeit

eines Revanchekrieges.

In einem Interview, das er dem französischen Journalisten Sauerwein gewährte, erklärte General Ludendorff einen Reoanchekrieg Deutsch­lands gegen die Entente ober Frankreich allein in absehbarer Zeit vom technisch-militärischen Stand­punkt aus für vollkommen unmöglich. Eine genügend starke Armee ließe sich im geheimen niemals aufstellen, und wenn Deutschland von außen Unterstützung bekäme, könne es doch nicht so schnell eine Armee aufstellen, der Frankreich nicht schon längst zuvorgekommen wäre. Auf eine zweite Frage erklärte er, bah bie europäischen Völker alle wirtschaftlich voneinanber abhängen. Wenn Deutschlanb, Frankreich unb England nicht fest ent­schlossen seien, bie Vergangenheit zu überwinden unb Europa gemeinsam wieder auszubauen, dann sei Europas Zusammenbruch unvermeidlich. Zum Schluß erklärte er, daß die b o l s ch e w i st i s ch e Gefahr viel größer sei, als man in Westeuropa glaube. Alle Völker Europas müßten sich zusam­menschließen, um sie abzuwehren unb bas russische Volk seiner Gesundung zuzuführen.

Die Mörder Erzbergers.

Di« „Deutsche Tageszeitung" verkündet mit großem Nachdruck, daß einer der Mörder ErzbergerS, Tilessen, aus einer Familie stammen soll, bie nicht nur streng kaiholisch sei, sondern auch politisch der Zentrums- Partei angehöre. Wir toiffen nicht, so bemerkt hier­zu die „Germania^, ob diese Angaben zuireffen, aber selbst wenn sie richiig sind, hoben sie für die Beur­teilung der Mordtat und ihrer Motiv« nicht bif ger ingste Beweiskraft. Auf ave Fälle ist es falsch wenn die Tageszeitung schreibt, bte ganze Familie Tillesen sei streng katholisch. Der Mörder Tilleflen ist «S jedenfalls trotz ftineS möglichen katholiiche» TaufjchrineS nicht, und ebensowenig kann er sich zu den Grundsätzen der Zenttumspartei bekennen. Denn ein Katholik wird niemals zu bet» Revolver greifen. Tut er eS trotzbem, so be­weist er eben damit, daß er mit seinem katholischen Glauben gebrochen hat und daß er unter gani a n d e r e n E t n s l ü s s e n st e h t als den der erhabene Lehren der kaiholischen Kirche, die ihren Anhänger» sogar die FeindeSIikbe zur Pflicht macht. Wenn Ttllesfen wirklich aus katholiichen Kreisen flammt; daun ist er dem Einfluß seiner Umgebung und be sonders feiner ehrenwerten Eltern lange entzog«' unb Einflüssen ausgesetzt gewesen, die ibn zu der verbreckeri chen Tal getrieben hoben. Wichtiger alS feine Herkunft ist jedenfalls tue Frage, in welchem Milieu er gelebt, mit welchen Kreisen er Umgarn gepflogen und aus welchen Blättern er sich lein« Poliltjchen Ansichten gebildet hat. Diese Fiagen sind entscheidend. Wir glauben, daß ihre hossentl ch bald erfolgende restlose Beantwortung des Urteils der öffentlichen Meinung über di» Gründe bes 25e»