Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 217.
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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, iternipredier Nr. N. Teleqr.-läbreffle: Fuldaer Zeitung
Mittwoch, 21. September 1921.
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48. Zahle,.
Wdemm sm die neue Mition.
Der soglaldemokratische Parteitag.
Görlitz, 19. September.
Nachmittags einviertel 4 Uhr würben die DerhcrnL- (ungen wieder eröffnet. In der Debatte über den Ge- scherftsbericht verteidigt M o r k w a r d-Frankfurts a. M. die Frankfurter Genossen gegen die Dorwürfe Krügers, pe hätten lediglich die Interessen des Proletariats gewahrt. Die Resolution des Parteivorstandes über die Bedingungen für den Gintritt in dieRegierung fei schwammig. Solche Forderungen könne bte Deutsche Dolkspartei ruhig unterschreiben. werde doch sogar hier im Saale das Gerücht verbreitet, Stinnes gehöre zum linken Flügel der Volkspartei. Mit der Dolkspartei zusammen könne es nur eine arbeiterfeindliche Politik geben. Redner befürwortet feine Resolutionen betreffend Reform der Rechtspflege und Volksbegehren über Enteignung des beschlagnahmten chohenzollernvermögrns und betreffend sofortigen Austritt der Sozialdemokratie aus der Reichsregierung, falls nicht mindestens unver- zägkich folgende Forderungen erfüllt werden: Entlassung aller monarchischen Offiziere der Reichswehr, unlösbare Be- tsiligrmg des Reiches am Eigentum aller industriellen mrd kommerziellen Betriebe sowie am Grundbesitz und Bildung eines dem Reichskabinett konformen Ministeriumsm Preußen. ,;V'
Eckstein-Breslau gab namens der Breslauer Parteigenossen eine Erttärung gegen das Zusammenarbeiten mit der Dolkspartei ab. Auch Kapp habe erklärt, die Verfassung zu respektieren, aber kein Sozialdemokrat außer Winnig habe es ihm geglaubt. Die Deutsche Dolkspartei hätte gar keine Daseinsberechtigung mehr, wenn sie innerlich republikanisch würde. (Zurufe: Und das Zentrum?) Das Zentrum denke demokratisch-republikanisch, man brauche nur den Romen Erzbeigoer zu nenmn. (Unruhe, Zurufe.) Mit Stresemsnn könne man keine Dälkerverstöndiaunq machen. Was bleibe übrig, wenn die Volkspartei ihre meisten Mitglieder an die Doutschnationolen verlöre? Eine Einigung mit den Un- abhönaigen sei vollends unmöglich.
E i s e n b a r t b-chamburg erklärt: Es dürfe ietzt nach der Empörung über Erzbergers Ermordung nicht wieder fo kommen wie nach dem Kapp-Putsch, wo die Hanpt- beteilioten die Treppe hinauf fielen. Sorgen wir nicht für Ausführung der großen Worte, dann wird es uns gehen wie bei den Reichstagswahlen.
B r o ß w i tz-Frankflirt a. M. wendet sich gegen ein Zu- sammenvehen mit der Deutschen Dolkspartei um» gegen die M;m-K--rerich<ch err büraerNchen Zeitungen. Em Schritt nach links werde als Berg eh en betrachtet, aber nach rechts falle es erlaubt sein.
Den Abschluß der Debatte bildete eine Rede Scheidemanns, der im vorigen Jahre bekanntlich di« Parole gegen die Deutsche Dolkspartei ausgab.
Scheidemann-Kollel führte aus: Präsident Ebert mahnt uns tn feinem Telegramm, alle Kraft auf anen Punkt zu komontrieren und das -st der Schutz bet Revublik. Alle Reaktionäre schauen noch Ungarn. Ihr Bestreben ist. nicht nur aus Bayern, sondern aus ganz Deutschland ein Ungarn zu machen. In der Liebe zu Vaterland und Volk lallen wir uns von niemand Übertreffen. Wir handeln aber danach und führen diese Liebe nicht nur auf den Lwpen. Die Republik soll und muß geschützt werden. Wir olle sind üb-mzenat, daß die Verordnung des Präff. dentsn nur em Palliot-mnittel fft. wir bronch-n Demokratisierung der Verwaltung. Reform der Justiz und der Hochschulen, bie Jerne Brutstätten der Reäkffon sein dürfen. Dazu müst-m überall Revi-nm- gen oeblldei werben, die entlchlollen find, oll-s zum Schutze der Republik zu tun. In Preußen darf b>e Regierung nicht anders fein als im Reiche. Wir Sozialdemokraten müllen uns freimachen von all en Schlagworten und nrt realen Tatsachen rechnen, sonst wird es nicht anders. (Beifall.) Untere Taktik darf nicht wff lanae Dauer feftaeleat werden. Wir weichen nur mit Parteien in eine Regierung gehen, bre auf dem Boden der Verfassung stehen Das ist selbstverständlich, Heißt das ober auch nicht mit Parteien, bie d°e Verfassung abgelehnt hoben? Es handelt sich «richt darum, was ein« Partei getan hat, sondern was sie tim will. Von der Theorie der polstllchen Erbsünd» müll-m nrr uns frei machen. Es
Der Sänfebub.
Fränkischer Dorfroman von vtno Ern st berge r. 49’ ___
steht im Geiste sich als muntern Knaben sauch- äend unter dem Ehristbaum stehen, seinen bunten Wür. fel krampfhaft im Arme haltend:' er fühlt noch heute, nach so vielen, langen Jahren die freudige, bange Aufregung, die stets fein Kinderherz erfaßte, wenn die heilige Nacht hereinbrach und die Lichter sich entflammten, wenn endlich leis ein feines Glöcklein an den Fensterladen fchlug und er, durchzuckt von seliger Freude und heilig frommem Schauer, fluchtähnlich mit dem Bruder in. die Kammer stürmte, um dort laut betend auf das Läuten der Eselein, den schweren Schritt des fürchter. lichen P-lzmärtels, Knecht Ruprecht und auf den flüchtigen Tritt d?r Mutter, bie zur Bescherung rief, zu hor- chkn. — Dann wieder sieht er sich erwachsen schnell zum jungen Mann. Die Lugend floh! Fern non der Hei- wat und dem Elternhaus lernt er der Kindheit Weih, dochtstraum vergessen: verg-ssen auch die frommen, andächtigen Gefühle, die ihm der E'tern flute Lehren einst ins Herz gelegt: die mit ihm gingen als er auszog aus bem Vaterhaus und die er in her Fremde dann verlor. Ringend im heißen Lebenskampf überhörte er fortan Der Weihnakhtsglocken trauten, ahnungsvollen Gruß: 'er Weihnachtsfriede war ihm fern' Nun hört er ein« Wal wieder We'hnachtsglocken läuten. Sein Herz ist schwer. Statt Weihnachtslichter sieht er Totenkerzen flammen; bald wird er an der Totenbahre feiner Muk- ter stehen. Es faßte ihn plötzlich wilde Angst; wie? __
®enn sie stürbe, während er hier träumend durch die Felder wandert. Ein siebender Blick traf das gram, .durchfurchte, leidenvolle Antlitz in den Kiffen; was gab' X doch darum, könnt' er sich sagen, daß er an jenen erben Linien, die das Schicksal Ins Gesicht b«r Teuern kort gegraben, so ganz unschuldig fei.
Leise klopfte eg an bie Türe; Peter stand draußen, er wollte Joseph heim zu sich zur Bescherung seiner Bub-n holen. Joseph dankte, er konnte in dieser Stimmung den Jubel der Kinder' nicht hören. Er ging in
handelt sich nicht um die Gesinnungs-, sondern die Arbeitsgemeinschaft, sonst dürfen wir auch nicht mit dem Zentrum Zusammengehen. Wir haben noch nicht die Macht, wir müllen uns ans eine längere Koalition einrichten.
Tun wir es mit Klugheit uti) Ueberlegung unter bester Wahrnehmung der Interessen unseres Landes im alloe- me'men und der Arbeiterschaft im besonderen. Es ist kein leichter Schritt, aber wir müssen ihn tat. Die (Einigung ist möglich. Wir rufen allen Arbeitern zu, sich uns wieder zurmvenden. (Leist). Beifall.) . _
Görlitz. 20. September.
Zu Beginn der heutigen Verhandlungen wmche der Versammlung ein« Resolution f)erm ann Müllers unterbreitet: Die dem deutschen Volke durch den Versailler Ertrag auferlgte Ge-'arntlast ist auf die Dauer unerträglich, denn die Schäden des Weltkrieges sind fo ungeheuer, daß sie von einem Volk allein nicht repariert werden können. Durch das Sinken der deutschen Währung, das durch das vaterlandslole Trei- den gewisser Börsenspekulanten in Handel und Industrie stark gefördert wurde, gestalten sich die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu den Ländern starker Da. luta immer (chwieriaer In den Ländern hochwertiger Währung steigt die Arbeitslosigke-t fortgesetzt weil nach den Ländern minderwertiger Valuta der Export fast unmöglich wird.
Die Lage her Arbeiter klaffe in den - Siegerstaaten, den neutralen Ländern und den Ländern der Besiegten fordert deshalb gleichermaßen gebieterisch die
Revision des Versailler Vertrages.
Dor ollem ist aber eine schleimige, auf das Ergebnis der für Deutschland günst'gen Abstimmung gegründeten Entscheidung über da-- für Deutschland lebensmichti-ie oberschlesische Industriegebiet erforderlich. Ferner muß die sofortige Aushebung der völkerrechtswidrigen, überdies auch dem Derfoiller Vertrag widerlnrechenden misitzrffchen und wirtschaftlichen Sanktionen im Westen gefordert werd-m. Die deutsche Sozialdemokratie ist gewillt. m;t all-n Mitteln die Reaktion nieb"ez',halten und die Republik gegen seden Ansturm zu sichern.
Daeous wurde die Debatte über den Bericht des Parteivorstandes fortgesetzt.
Ruben- Braunschweig befürwortet seinen Antrag betreffend Demokratisierung der Derwal- tuns. Der Parteivorstand fall die in Staats- und fflemeinbeüerrop'tung von Sßarteiaenofien gefamm’tt»n Erfahrungen studieren, wozu eventuell eine besondere Abteilung errichtet werden. soll.
firmann Müller (früherer Reichskanzler) befürwortet die Resolution des Parfeivorstande-- betreffend Grundsätze für bie Koalition. Niemand im Vorstand ft-he auf dem Standnunkt. daß man unter allen Umständen m>* der DeutWn Dolksvart-i zusammengehen solle. Alles hab» sich auf die Frage des Zufammenaehens mit der Volksvart-u zugefvitzt. D-r aufmerksam beobachtende Politiker muffe zuaeben daß i,n letzter Zeit sich eine gewiße Besserung in der Deut, scheu Dolksnartei gezeigt habe. Die Deutsche Volks- portei habe sich für die Erfüllung des Ustimef'-ms ausgesprochen. und das hab- im Ausrande Achtung gefunden. Er habe mit I-rduftriekapstö-en gefprochen, und diele Höften sich sämtsich neuen Rutsche zur Vernichtung der Republik erpürt Die Re. oohiHon habe leider nicht den Einheftsstaat gebracht, und setzt sei die Republik durch Treiben in einzelnen Ländern wie in Bayern in Gefahr. Darum gelte es vor allem in den Einzellöndern den genügenden Einfluß zu gewinnen. Mi» allen Parteien müffle nmn zusammenaehen, di- di- Weimarer Derfaffung Derlei- biaen wollen. lBeifnll)
Abg. Eduard Bernstein betont, daß es auch gelte, das Ansehen der deuffchen Republik ;m d'mo- kroftlchey Auslände zu stärken. Dos könne nur geschehen wenn die S. P. D in der Regierung sitze, die eigentstche Parte! der Republik. (Tine Der- C'.nmung mit der U. S. P. D. sei erst möglich, menn diese ihre Dolstik der Unver7ntwonl'chke>t anfa-d-
Pietsch. Breslau beantragt. 6en letzten Satz der Resolution des Parteivorstandes (n zu formulieren, daß der Parteivorstand unter Berücksichtigung der allgernei-
das Nebenzimmer und öffnete das Fenster; sein Kopf brannte. Wie eine Wohltat fühlte er bie eisig klare Lust. Da horchte er plötzlich auf. Laut, fo laut, als sollte es das Christkind bis hinauf in den ffimmet hören, schrien drüben im Flickschusterhäuschen Heinele und Sep- pele das Vaterunser immer und immer wieder hinaus, als gälte es. des Christkinds Herz mit Gewalt zu rühren, daß es ihre losen Streiche alle gnädig verzeiht. Das angstvolle Gelchrei erweckte bei Joseph alte Erinne. rungen. Er ging hinaus auf die Straße und stellte sich dicht an das Kammerfenster; ihn freute die Angst der bösen Buben. Er machte den Laden etwas weiter auf, um den Jammer der beiden bester hören zu können, da liehen ihn gellende Schreckensrufe entsetzt zurückfoh'ren. Wie toll zeterten die Kleinen, sich in w ider Angst an den Hals des Vaters hängend. Das knarrende Geräusch des Fensterladens hatten sie für eine 6infnbung des Pelzmärtel- gehalten. Erschreckt von dem W hgeschrei öffnete die Flickschusterin die Türe und meldete zur Beruhigung der Kleinen, daß das Christkind fort sei. Bei dieser Mitteilung erholten sich fieigete und Seppe'e auf. fallend schwer von ihrem Schrecken, obwohl sie sich erst wenige Minuten vorher noch in die tiefsten Tiefen von Velzrnärtels schwarz-m Sock versenkt sahen. Keck soh sie Joseph durch das Fenster in die Stube stürmen; die Türe blieb nur annelehnt er konnte pbes Wort da । drinnen deutlich verstehen. Mit lautem Freudengeschrei I griff Heinele schnell nach seinem Pferdchen, während Seppele den Vater bei feinem (Antritt schon mit einem grellen Tusch aus feiner Trompete begrüßte, Heinele war mit feinem Pftrdchen auf die Dank gestiegen und unterzog den Christbaum einer eingehenden Jnsp-kfton, und da die Ettern f«hr beschäftigt schienen, streckte sich gar oft der kleine Körper und mit ihm auch Heineles Züngchen um die Sachen auf den Geschmack zu prüfen. Gar mancher Kops, Fuß ober Hand, kurz alles, was feinet« grad entbehrlich schien, fiel seiner Inspektion zum Opfer. Seppele betrachtete sich anterbefflen die Lebkuchen vom fierrn Onkel; die Mandeln obendrauf, die hatten es ihm angetan. Voll Eifer ging er daran, sich den Gegenstand feiner Sehnsucht zu errin.
nen politischen Lag» und unter Beobachtung der vom Vorstand damit verbundenen Forderungen im Beneh- men mit den in Frage kommenden Fraktionen über den Cfintritt in die Regierung entscheiden soll. Es handele sich um Mindestforderungen, die feftgelcgt werden muß. tne.
Görlinger» Köln bekämpft die Resolutton des Parteivorstandes, die die Stellung der Partei nach links erschwere. i
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In München sowohl wie in Görlitz entwickeln sich die Dinge in guter Richtung. In Bayern greift man zu neuen Männern, was dem Ausgleich mit der Reichsgewalt förderlich sein wird, und auf dem sozialdemokratischen Parteitage bildet sich eine große Mehrheit für die neue Taktik der Partei, die eine breite Koalition erhoffen läßt.
Herr v. Kahr hat die freundliche Einladung zur Rückkehr an die Macht abgelehnt. Dieser Entschluß ist leicht zu verstehen. Bei aller Schätzung der guten Eigenschaften dieser Persönlichkeit läßt sich doch nicht verkennen, daß unter den Verhältnissen, die sich mit seinem Zutun entwickelt haben, ein Nachfolger leichtere Arbeit und mehr Aussicht auf Erfolg hat. Die Parole „Zurück zu Kahr!", die neuerdings in der Bayerischen Bolkspartei noch ausgegeben wurde, hatte vermutlich auch schon damit gerechnet, daß infolge der Amtsmüdigkeit des Herrn v. Kahr diese Ehrung keine realpolitische Konsequenzen haben werde. Es heißt nun, daß die Bayerische Volkspartei den Grafen Lerchen- feld, den Neffen des bekannten bayerischen Gesandten, zum Ministerpräsidenten vorschlagen werde. Graf Lerchenfeld ist geschulter Diplomat, bisher Bevollmächtigter des Reiches in Darmstadt, und wird als Genosse der Bayerischen Bolkspartei bezeichnet. Wir können uns natürlich in keiner Weise in die bayerischen Ministerwahlen mischen, aber wir dürfen wohl sagen, daß wir mit Freuden jeden bayerischen Minister begrüßen, der den guten Willen und zugleich die Befähigung mitbringt, die Verhandlungen zwischen München und Berlin zum friedlichen und freundlichen Abschluß zu bringen.
Wenn dieser Zwist wegen der Notverordnung und des Ausnahmezustandes ausgeräumt ist, fo können wir uns um so kräftiger der weiteren wichtigen Aufgabe widmen, die Koalition zu erweitern und so der Reichsregierung neue Kräfte und größere Festigkeit zu verschaffen. Dafür sind jetzt neue Aussichten geschaffen durch den Verlauf des sozialdemokratischen Parteitages in Görlitz. Die Partei macht in ihrer Taktik einen „hörbaren Ruck". Wenn man von einem Ruck nach rechts sprechen wollte, könnte das mißdeutet werden: aber es ist ein Ruck zur Mitte hin, und gerade die Politik der Mitte braucht jetzt eine Verstärkung.
Bei einer solchen Wendung geht es selbstverständlich nicht ohne Opposition. Im vorliegenden Fall ist aber die Opposition auffallend schwach. Weder die Vorliebe für die Nachbarn zur Linken, noch die Angst vor Einbuße an Wählerstimmen, noch auch der „programmatische" Starrsinn vermochten durchzudringen. Die namhaften Führer der Partei traten sämtlich entschieden für die Arbeitsgemeinschaft auf demokratischem Boden ein. und sogar Philipp Scheidemann, der früher die Deutsche Volkspartei in Acht und Bann getan hatte, empfand jetzt die Koalition mit dieser Partei als Staatsnotwendigkeit.
Diejenigen Mehrheitssozialisten, die ihre Ansicht in der schwebenden Frage geändert haben, brauchen sich dieserhalb durchaus nicht zu schämen. Denn die Politik ist die Kunst des Bestmöglichen, und die Möglichkeiten wechseln mit den Derbältniffen. Wer vorwärts kommen will, muß unter Umständen auch einen anderen Weg einschlagen, wenn die bisher
gen. Mil viel Geschick bohrte er bie fluten Mandeln alle aus. So oft er fine Mandel sich erobert hatte, tat er in fein Trornpetchen einen kräftigen Stoß, damit fein ungewohntes ruhiges Wesen nicht allzu früh zum Verräter seiner Taten würde, Heinele, der mit feiner Arbeit ziemlich fertig geworden war. setzte sich plötzlich ruhig neben feine Mutter auf die Ofenbank.
„Du Mutter, is der Eisenbärte (Pelzmärtel) wieder brob'n im Himmel," erkundigte er sich angelegentlich.
„Warum net gar, der muß doch ’s Christkindle zu andere Kinder a noch fahr'n."
„Du. M"tter, hat er denn viel Kinne« in sein Sack brinn g'habt?"
„Ui Leut'l Da sind die Dein kreuzweisi ’naus, g'hängt."
Run zog es auch Seppele vor. feine angenehme Be. schäfiigung aulzuqeben und sich büb'rh ruhig und hran neben der Mutter niederzuloffen. Rach einer Weile schwelgenden Rachdenk-ns Hub Heinele aufs neue zu fragen an. . „Du, Mutter," begann er wieder, „hast net den Schnciderspeterle im Sack a drinna zappeln seh’n?"
„D Dummrian. Meinst ich hab' Zeit zum frag’n g'habt. wem die Bein’ z'samm g’hör’n."
„Du. Mutter, schütt’ der Eisenbärte fein’ Sack erlcht im Himmel brob’n aus? Da muß ma dann borot bleiben. gelt, Mutter?"
„Wer amal drinna hockt im Sack, kommt eher nimmer raus, als bis der Eisenbärte wieder brob’n im Himmel is."
Wieder versank Heinele in tiefes Nachdenken.
„Du, Mutter, der Herr Schullehrer hat g’fagt, im Himmel brob’n is gar schön."
„Sell glaub' ich. Heinele. Drum bet’ nur recht, baß ’nauf kommst Bub."
„O, Mutter, ich bin eher brob’n, als b* denkst," rief Heinele im Tone festester Ueberjeugung und zu feinem Bruder gewendet forderte er ihn auf, mit ihm auf bie Straße zu gehen.
„Nein, Heinele, sprach er ganz leise, „ba geh' ich net mit Dir. ba könnt' ber Eisenbärte tomma."
beschrittenen Straßen sich als ungangbar ober lebensgefährlich erweisen.
Nun kommt es freilich nicht bloß auf die Redet, und Beschlüsse von Görlitz an, sondern auf die Ausführung und Durchhaltung des Koalitionsgedankens. Je breiter die Koalition wird, desto eher kann sie den gelegentlichen Abfall einiger Leute auf beiden Flügeln ertragen, ohne die Mehrheit im Parlament zu verlieren. Aber solche Absplitterungen sind doch, wenn sie sich wiederholen, für den Bestand der Arbeitsgemeinschaft und für die Kraft der Regierung gefährlich. Mit der Verbreiterung der Koalition muß also eine stramme Parteizucht Hand in Hand gehen, namentlich bei den Flügelparteien, für welche die kluge Polittk der Mitte natürlich am schwierigsten wird. Dazu gehört ferner die richttge Auswahl der Persönlichkeiten, die von allen beteiligten Parteien in die Regierung entsandt werden. Das Ministerium muß auch bei der breiteren Mischung ein lebenskräftiger und leistungsfähiger Organismus fein.
Also bleiben noch Schwierigkeiten genug. Aber sie können überwunden werden, wenn der gute Wille von allen Seiten mitgebracht wird. Bon Görlitz und von München her und auch aus dem Lager der Deutschen Dolkspartei.
Die Lage in München.
Am die Nachfolgerschaft Kahrs.
Dir Verhandlungen der Koalitionsparteien über die Neubildung der Regierung sind bisher vollkommen ergebnislos verlaufen Die Beratungen werden heute vormittag fortgesetzt, es ist aber ssyr fraglich, ob bis zu den Nachmittagsstunden, in denen der Landtag die Wahi des Ministerpräsiden- ten vor nehmen soll, ein Ergebnis zustande kommen w'rd. Die Schwierigkeiten liegen in der Hauptsache in den Differenzen innerhalb ber Bayerischen Dolkspartei begründet. Um sich der Treibereien in den eigenen Reihen zu erwehren, hat sich die Bayerffche Volkspartei nunmehr dazu entschiosien, den Abg. Dr. Zahnbrecher w:gen Dcrtrauensmißbrauchs aus d^r Partei auszuschließen. Zahnbreche" hatte in der „Munchewer Zeitung" scharfe Angriffe gegen die Parteileitung gerichtet, Neuwahlen verlangt und die Rückberufung Kahrs gefordert. Die Verhandlungen mit Berlin sollten seiner Ansicht nach den Kommissionen entzogen und mit allen Vollmachten einzig und allein v. Kahr übertragen werden. Die Kandidatenliste für den bayerischen Ministerpräsiderrlen über die die bayerische Regierung wenigstens unoerbindiich sich auch mit Angehörigen anderer Parteien ins Benehmen gesetzt hat, lautet: 1. der ehemalige Kultusminister von K rr i 11 i n g, 2. Staatsrat Schmelze, 3. Regierungspräsident ehemals der Rheinpfalz, feit einigen Tagen der Oberpfalz, Dr. v. W i n t e r st e i n. 4. der ehemalige Reichsherold und jetzige Direktor des Bayerischen Lloyd Dohnie und 5. muerdings als aussichtsreichster Graf Lärchenfeld.
Gibt Frankreich nach?
Den allen Recht ins Gesicht schlagenden Standpunkt, den es bis jetzt aufrechtzuerhalten versuchte, scheint Frankreich nach liebevoller Nachhilfe durch seine englischen und belgischen Verbündeten jetzt doch aufgeben zu müssen. Wenigstens gibt die französische Regierung in einer Havasmitteilung zu, nachdem sie bisher hartnäckig das Gegenteil behauptet hatte, daß zwischen der englischen und französischen Auffassung über die Notwendigkeit der Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen doch recht erhebliche Differenzen bestehen. Die Differenz besteht hauptsächlich darin, daß die Franzosen für die neu zu errichtende Entente-Kontrollkommission der deutschen Ein- und Ausfuhr ein vollkommenes
„An Katzadreck! Meinst vor dem Luder fercht ich mich! Der söll mich der mitnehma ’nauf in Himmel, der Schneiderspeterle braucht die gute War’ im Himmel brob’n a net allein mer freffl’n."
Schon wollte er auf die Türe zustürzen, da zog ihn fein Vater in die Stube zurück und ließ die neue Rute über feinen Rücken nieberfaufen. Die Mutter hatte an den Lebkuchen bie Heldentaten ihrer Sohne entdeckt. Mit einer tauten Heulerei endigte bie Weihnachtsfeier im Flickschusterhaus.
Joseph zog sich von seinem Lauscherposten zurück. Er ging roieber in fein Haus unb fetzte sichch an feinen alten Platz ans offene Fenster. Trotz ber Hefen Ser. ftimmung seines Herzens hatte er Sntereffl? daran gefunden, sich bie Christbefcherung im Elternhaus nach zwanzig Jahren einmal wieder anzusehen. Sinnend zog er tm stillen Vergleiche zwischen einst und beute! In (Erinnerung versunken saß er lange ba. ba hallte plötzlich aus ben Dörfchen rings umher ber Ruf zur Mette durch bie stille Nacht unb durch die Felder von den Hohen herab; überall tarnen dunkle Gestatten mit Laternen her. 3m Dorfe wurde es auch laut und lebendig. — Di« Christbaumkerzen waren erloschen, dafür erstrahlte bas kleine Dorfkirchlein im Hellen Glanz und alles wallte bem Gotteshause zu. Hehr unb feierlich tönte vom alten Turm ber Weihnachtsglocken Gruß; jubelnbe Dr. geltöne mischten sich barein. Der stille Träumer an Fenster lauschte andachtsvoll der alten, süßen, trauten Weihnachtsweise, die in dem kleinen Kirchlein fugend liche Kehlen fangen; burch bie ihn Kindheit, Elternhaus und Mutterliebe grüßte. So wie als Kind fühlte er des Weihnachtsabends süßes, zauberisches Weben; fo wie als Knabe einst hörte er andächtig fromm den Weihnachtsglocken klang. Hoch über ihm das goldene Sternen- gelt; rings um ihn Fcstesjubel, feltger Friede und in ihm tiefes, bitteres Trennungsweh! Ein heißer Tränen, tropfen fiel zur Erde nieder — dann kehrte er zurück zu feinem Platz am Krankenbett.
Zwei Tage später war die teure Mutter tot-
(Fortsetzung folgt.)