M 214.
SamStag, 17. September 192L
Fuldaer Zeitung Druck der Fuldaer LeUeudruckerei in Fuld«
Vie Legende vom „Dolchstoß".
Ein Artikel des Oberst Schmerkfeger.
Don den deutschnationalistischrn Schlagworten beginnt eines um das andere in sich zusammenzubrechen. Es ist dos nicht verwunderlich. Diese deuischnaffrmale Agitation ist derartig erfüllt von Lüg« und Unehrlichkeit und trieft gleichzeitig so von Heuchelei und Rechthaberei, daß die Sonne der Wahrheit, die nie ans die Dauer abzuholten ist, dieses Nebelgebäude der Lüge schließlich durchdrin- gen und zerstören muß. Hm deutschnationa- l e n ((!) „Tag" veröffentlicht ter D b e r ft 6d) w e r t= feger, der eine ausgezeichnete Ausgabe der belgischen Dokumente veranstaltet und auch in mehreren anderen Büchern neuerdings die Schuldfrage in der 2(rt ruhig sachlicher Forschung behandelt hat, einen Artikel über den angeblichen „Dolchstoß der Heimat", der wohl eine dieser Heuchlerlügen für feden Ehrlichen ein- für allemal erledigt. Oberst Schrvertfeger schreibt:
„Schlagwörter smd immer höchst gefährlich. Nur zu oft setzen sie sich an die Stelle der Begriffe. Der Neigung der Mafien zu schnellem, nicht vertieftem Urte l, sagen wir ruhig der geistigen Indolenz, kommen sie in verhängnisvoller Delft entgegen. Gerade, wa Be- griffc fehlen, da stellt sich zur unrechten Zeit ein Schlag- wort ein und wird um so begieriger ausgegriffen, f« sensationeller es zlbgespitzi ist. Der „Dolchstoß de r ch e ma t" ist uns bekanntlich als Aeußerung eines englischen Generals über den deutschen Zusammenbruch befchert wo^ den. Er gchört meiner persönlichen Ueberzeugung nach zu den übelsten Errungenschaften der Nachkriegszeit"
Indem Oberst Schrvertfeger dann in di« Prüfung -er Frage eintritt, ob von einem „Dolchstoß" gesprochen werden könne, führt er aus, daß Anfang Novem- b' r 1918 die in Deutschland ausgebrochene Revolution den Zusammenbruch des noch cm der Westfront kcmrpfenden Heeres allerdings vollendet habe. Nehme man ober nicht die Lage von Anfang November — wo das deutsche Heer nach dem Mißlingen der großen Offensive schon auf dem Rückzüge war, Oesterre'ch-Ungorn und Bulgarien sich schon unterworfen hatten —, sondern einen früheren Zeitpunkt, so seiesdurchausunbere chtigt, von einem „D o l ch st o ß d e r H e i m a t" z u s p r e ch e n. Oberst Schwertfeaer sagt weiter:
„Die große O f s e n f i v e des Jahres 1918 schien der ! einzige Weg zu einem baldigen Frieden. Sie wurde da- [ her, schon weil sie aus dem Stellungskrieg hemuszuführen versprach, mit Freuden bearüßt. Als es klar wurde, daß in diesen letzten Kämpfen des „armen Mannes" gegen die mit allen Erfordernissen der Kriegführung verschwenderisch ausgestattete Entente ein den Krieg entscheidender Erfolg nicht mehr möglich war, schlug die Stimmung um. Die „unterirdischen" Eüömlmaen, von beiten auch August Winnig spricht, wurden wirksam. Die von der Obersten Heeresleitung den für die Gesamtpolitik verantwortlichen Männern anfangs Oktober 1918 ausgezwungene Waffenstillstands- forderung binnen kürze st er Frist mußte aber nicht nur aus die Front, sondern vor allem auch auf die Heimat verhängnisvoll zurückwirken, zumal es un-terlafien wurde, die wirkliche Gesamttag« dem ganzen deutschen Dolke mir hinreichender Deutlichkeit zu schildern. Das ist vielleicht die schwerste U n t erlas su n g s - sünde des ganzen Krieges gewesen.
In der Tat: nachdem man dem Dolke und dem Heere immer erklärt hatte, die Reservearmeen der Generals Fach seien völlig vernichtet und nachdem tieft Reserven dann mit ihren anfangs verspotteten Tanks unerwartet hervorgebrochen und gegen die Flanke der vorgeschobenen deutschen Offensioarmee vorgestoßen waren, konnte man sich immer noch nicht entschließen, der Nation die Wahrheit zu zeigen. Es ist völlig klar, daß nach all den Siegesankündigungen dann plötzlich die Stimmung umschlagen, auch die Tätigkeit revolutionärer Agitatoren aussichtsvoller werden mußte, als das so lange nur mit Optimismus gespeiste Dolk die Schwere der Niederlage an der Westfront, den Rückzug der Truppen, den Abfall der Verbündeten erfuhr und alles zusammenzustürzen schien. Oberst Schwert- feger ist der Meinung, daß es noch im Oktober 1918 nicht zu spät gewesen wäre, wenn m a n der deutschen Nation diervahreLageent- hüllt und sich mit einem starken Appell an sie gewendet hätte. Oberst Schwertfeger schreibt:
„Der Weckruf blieb aus. lieber ganz Deutschland wehte ein Hauch fatalistischer Ohnmacht. Das DoT lebt« nicht nur körperlich, sondern auch geistig von der Hand in
Uar-mal VeLarmm und Deutschland.
(Zum Dellarminfubiläum 17. Sept.)
Die Böller haben nicht nur gegenseitig zu vergeben, sie haben auch einander zu danken . Zu solchem Dank ist das katholische Deutschland einem Italiener verpflichtet, der vor nunmehr 800 Jahren, am 17. September 1621, cus dem Leben geschieden ist. Dieser Mann ist der ehrwürdige Kardinal Robert Bellarmm Er hat sich um kfie ganze Kirche verdient gemacht durch seinen Eifer für die Durchführung der Reformbeftimmungen des Tri en- ter Konzils, durch feinen Katechismus, der mef)r als 60 U ^»fe^ungen erlebte, durch fein gewaltiges apologetisches die „Controversen". Dem hl. Stuhl hat er die größten Dienste erwiesen durch seine verschiedenen Schrif- ten zur Verteidigung der Rechte und Vorrechte des Papstes. Für Italien ist n im 17. Jahrhundert in ähnlicher Weise das _Muster eines Kdrchenfürsten gewesen, wie Karl Borromäus im 16. Jahrhundert. Sein Einfluß erstreckte sich auch rach Frankreich, England und Polen. Aber den meisten Segen hat er doch gerade durch sein Hauptwerk, die „Conttooersm", m Deutschland gestiftet.
Die „Streitfragen des christlichen Glaubens" erschienen in 3 umfangreichen Vänden zuerst bei Adam Gatto» rius in Ingolstadt in den Jahren 1586, 1588 und 1593. Scf)on das weist darauf hin, daß sie hauptsächlich zu dem Zweck geschrieben waren, in Deutschland die katholische Dewegung zu unterstützen. Welche religiösen Bedürfnisse in Deutschland herrschten, wußte der gelehrte Jesuit wohl. Hatte er doch sieben Jahre lang (1569—76) ganz in der Nähe, an der ßömerer Universität geweilt. Und als er darauf 11 Jahre zum römischen Kolleg Apologetik lchrte, richteten sich seine Worte hauptsächlich an di« Hörer, die „von jenseits der Berge herbeigekommen waren in* die nach ihrer Rückkehr in die Heimat der traurigen Glaubensspaltung entgegenireten wollten. Darum war fein Werk bei aller Wissenschaftlichkeit überaus praktisch, durchaus den Bedürfnissen der Zeit angepaßt. Und das war bin» wiederum der Grund ferner ungeheuren Verbreitung. Wer sollte cs glauben, daß der erste Band eines theologischen Werkes, em dickleibiger Foliant von 1100 Seiten, nach 4 Jahren schon die dritte Auflage erlebte, daß dem ganzen Werk über 40 Auflagen beschttden waren! Als Sartorius den 2. Band auf die Frankfurter Messe brachte, war er, wie man aus Mainz schrieb, sosovt vergriffen.
den Mund. An die Stelle der einst so stolzen Degeist« rung war in weiten Volkskrersen einzig der Wunsch nach einer möglichst baldigen Beendigung der Entbehrungen und Kriegsleiten getreten. Niemand aber zeigte dem Bolle die Getahren eines UMerwerkungsfriedens. wie mir sie in grauenvoller Schwere nun haben erleben müssen. Ihm war ja der Sieg für 1918 fest verspro- chen worden, unb weite Kreise glaubten noch -m eine solche Möglichkeit, als bereits der in der schwersten Stunde Deutschlands berufene Reichskanzler Prinz Max zur Herausgabe des Waffen still st andsange- bots gezwungen wurde. Klarheit über die wirkliche Lage ohne jede Schönfärberei, mannhafter Entschluß zur Wahrheit, daran hat es gefehlt."
Diesen vortrefflichen, gerecht abwägenden Aeuße- I rungen ist nur noch eines hinzuzufügen. Vielleicht niemals war die Stimmung in Deutschland so hoffnungsvoll gewesen — so voll überspannter Hoffnung — wie gerade im Sommer 1918, nach den ersten trügerischen Erfolgen der Westoffensive. Man wird sich erinnern, daß damals sogar Politiker, die bis dahin jede § nexion abgelehnt hotten, unter dem Eindruck dieser Stimmung sich gegen einen „Berzichts- frieten" aussprachen.
Bolschewistische Staatsordnung und die hunZersnot.
Die Hungersnot in Sowjet rußland hat das Interesse der gesamten Kulturwelt an den Zuständen im Reiche des Bolschewismus erneut wachgerufen. Sn zehn russischen Gouvernements hungern mindestens 20 Millionen Menschen. Diese große Hungersnot ist nicht plötzlich entstanden, sie hat sich bereits in den letzten drei Jahren vorbereitet. Seit biß bol- s Heuristisch? Staatsordnung immer mehr in das Dn- fugungsrecht der Bauern über ihre Ernteerzeugnisse eingrisf, hat di« Bestellung der Felder abgenommm. 1920 war sie bereits auf die Hälfte der Friodenszeit, und 1921 auf ein Drittel vermindert, vor allem auch, weil die SorojetTegtctung Staatsgetreide in ausreichendem Umfang nicht liefern konnte. Sn diesem Jahr hat dazu noch die Moskauer Regienmg gerade zur Zeit der Sil* derbestellung umfangreiche Psirderequisitionen für dis rote Armee vornehmen lassen, sooaß das Umpflügen der Felder fast ohne Hilfe von tierischer Kraft aus geführt werden mußte, d. h„ der Bauer mußte Frau und Kind vor den Pflug fpatinm. Bon vornherein waren ! die Felder also nur in unzureichendstem Maß bestellt. I Dann aber kam die Zeit der großen Dürre, monatelang fiel kein Tropfen Siegen, sodaß auch dos Getreide aus den Feldern verdorrte. Besonders furchtbar sind die Zustände in dem von deutschen Kolonisten bewohnten Wolgagebiet. Dir Bewohtt r der zehn Hunger- Gouvernements haben sich, vom Hunger getrieben, mit fbi.ib und Kind auf den Weg gemach! und wandern millionenweise in die benachbarten Beznke.
Sie sind fast ganz auf fick) selbst engewksen, denn die Moskauer Regierung kann so gu? wie gar ntd) f 5 für f i» tun. Man muß sich dm tarn« pli,Vierten Apparat dieser Regierung vor stellen, um begreifen zu können, wie machtlos sie ist. Din ÜBtrnxü« rung der einzelnen russischen Städte und Bezirke wird von örtliche n Sowjets geleitet, d. h. von Behörden. die aus der Wahl der Arbeiter hervorgcgnngen find. Dich- örtlichen Sowjets entfernten Vertreter in den Ällruffifchen Sowjet, der dem Namen nach die höchste Macht hat und etwa unserem Reichstag entspricht. Der Allrussische Sowjet mittler wählt aus seiner Mitte 200 Verirrter, die das Allrussische Exekrttiv-Kow.ifte bilden. Dieses Komitee schließlich ernennt einzelne seiner Mitglieder zu Volkskommissaren, die den Rang unserer Minister haben, abtr keine Maßnahme tvesfen dürfen, ohne vorher das Komitee zu befragen. Sn diesen ganzen Körperschaften geben ständig Aendwungen vor sich, da jede Wähiergruppe, also Arbeiter, Ortsfowjets, der Hauptsowjet und das Komitee ihre Vertv.tter wieder abbemfen können. Und über allen steht die Außerordentliche Polizeitommission, die jeden Verdächtigen sofort seines Amtes entsetzt.
Daß di>.>ser Berwaltungsapparat keine Maßnahmen treffen kann, die wirklich geeignet sind, den Hungernden yi helfen, ist verständlich, und es wird noch verständlicher, roettn man hört, was sie getan hat, diese merkwürdige Regierung. Sie hat erstens den HunAmnden geraten, aus eigene Faust in den reicheren Gebieten Requisitionen vorzunehmett, sodann hat sie angeordnet, die „Naturalsteuer" schärfer als bisher einzu- ziehen. Diese Naturalsteuer, die von txn Dauern landwirtschaftliche Erzeugnisse anstelle des Geldes erheben will, hat sich ober bis jetzt noch nicht durchführen lassen
„Sein Exemplar hätte man dem Drucker gelassen, auch wenn er 2000 gehabt hätte".
Wie segensreich das Buch in unserem Vaterland wirkte, lehren zahllose Briese von Bischöfen und Or- tenÄeuten, die von überall her freudig die Rückkehr zur hl. Kirche berichten. Der päpstliche Nuntius berichtet aus Köln, ganze Scharen von Lutheranern imö Rabinern seien mit ihren vorzüglichsten Predigern zu ihm gekommen, um sich zur Konversion anzumelden. „Wenn Sie doch wüßten", schreibt der Herzog von Bayern an den Kardinal, „wieviel Kinder Sie der Kirche geschenkt haben!" Gerade Gelehrte, die sich in ernstem Studium mit den Kontrooersfragen abgaben, fanden durch Dellarmins Buch den Weg zum wahren Glauben zurück. Unter ihnen tagt der Heidelberger Professor Justus Calvin hervor. Dankerfüllten Herzens schreibt er an Bellarmm: „Sie sind es nach Gott, der mich geheilt, aufgeklärt, dem Tod entrissen hat. — Der mutigste Glautensstr etter unseres Jahrhunderts ist mir zu Hilfe gekommen. Lange habe ich gekämpft, aber schließlich habe ich vor der Wahrheit die Waffen strecken müssen. — —"
Den Hauptgrund für solche Erfolge faßte der fron- zösische Gelehrte Morttaigu trefflich in die Worte zusammen: „Dallanmn war ein Mann von staunenswertem Fleiß, wunderbarer Belesenheit und Gelehrsamkeit. Zuerst und einzig in seiner Art hat er die ungeheure Masse und das grerqenlos« Chaos der Aoretroverss-n mit jenem erstaunlichen Geschick, wie seine glücklichen Geistesanlagen es ermöglichten, und mit einzigartiger Kunstfertigkeit ge- formt und geordnet und die sorgfältige, eingehende und mühevolle Arbeit vieler Jahre in gefälliger und vornehmer Weise dargeboten". Neben seinem theolvgschen und kircheugeschichttichen Wissen hat dem Derfasser der Kontroversen gerade feine Sachlichkeit und feine wahrheitsgetreue Darstellung der gegrrerifchen Ansicht großes Lob eingetragen. Müssen wir auch manche fritier Aurttrücke nach heuigen Begriffen schroff neunen, in jener Zeit erbitterter Fehde galt es als so milde, daß man es ihm sogar von verschiedenen Seiten zum Borwurf machte.
Noch zwei andere Gründe fallen für dar Erfolg der Kontroversen nicht wenig ins Gewicht. Kardinal Bellar- min war ein heiligmäßiger Mann und hat sich mit der ganzen Glut [eines Glaubens an feine Arbeit gemacht. Rühmt doch der den Katholiken so wenig ge- neigte Staate von ihm, daß niemand ein mehr apostolisches
Leben gesührt habe als Dellarmin, der größte Kon- trovist der Katholischen Kirche. Endlich hat dar KaMual durch einen ausgedehnten Briefwechsel mit geisttichsn und weltlichen Fürsten Deuffchlands, mit Ordensleuten und Laien seine Sorge für die deutschen Ka- Holiken in liebevollster Weis« bekundet und ihnen mit Rot und Tat zur Wahrung des hl. Glaubens beige» standen.
Ws daher Benedikt XV. am 22. Dezember 1920 feierlich den heroischen Grad von Bellammns Tugenden anerkannte, hat er ihn mit Recht den Laienaposteln, die auch Deutschland so notwendig braucht, zum Muster vorgestellt. Denn bei diesem „Fürsten der Apologeten" können sie, wie bar hl. Daten ausführt, die höhere Lehre finden und das Tugenbbeispiel, das der Lehre ihre Wirksamkeit gibt.
E. Raitz o. Frentz S. J.
Altweibersommer.
Don Werner 8 u n k e l.
lieber die Stoppeln streicht ein herbstlicher Wind. Wie wohl tut uns der frische, würzige Lmfthauch, der über die Felder weht und die reffen Distelfamen weit wegführt. liebere1! schweben diese Unkrautfamen mit ihren silberglänzenden Fallschirmen, bis sie irgendwo am Boden haften bleiben, wo sie im nächsten Frühjahr keimen, wachsen, Mhen und fruchten. Der Landman« schilt die Disteln •in lästiges Unkraut und mag sich deshalb über den hundortköpfigen Schwarm Stieglitze und Bluthänflinge freuen, die am Ackerrand die Dfftelköpfe plündern. In ihrer Gesellschaft sind auch Goldammern und Buchfinken, die das ausgefallene Gesäme von Mohn, Wegerich und Kornblumen auslesen.
Em riesiges Starenheer sauft über das Wieseittal, schwingt sich hoch, Sturzflug, rechts um, links um, und das alles so taktmäßig, wie em Regiment Paradesolüaten auf einem preußischen Kasernenhof. Plötzlich wird das Ma- nöoerftren abgebrochen, die Stare fliegen dem nahen Dorfe zu, wo sie in die Fruchtfülle der Schulgartsnhoiunder einfallen. Allenthalben wuchern hier die hohen HoDerbüsche und verleihen dem Garten einen etwas wilden Eindruck, was den gestrengen Schulinspettor bei seiner letzten Visitation $u dem Ausruf veranlaßte: „Ein wüstes Werk." Daß die Holunder trotzdem der Axt nicht »um Opfer sielen.
und wird unter den erschwerten Verhältnissen dieses Hungerjahres noch weniger möglich fein. Sn Wirklichkeit sind also die beiden „Maßnahmen" der Sowjetre- gtcrung das Eingeständnis, daß sie gegenüber der Hun- gcrgerkatastrophe hilflos ist. Und sie hat das durch die Hilferufe, die sie an die Kulturvölker, die solange als Bourgeoisstaaten wenig angesehen waren, richtete, nicht weniger offen zugegeben.
Die Staats- uud Wirtschaftsmethoden der Bolfche- wistsn haben versagt. Die Gewalthaber Men, wie ihnen der Boden unter den Füßen wonft. Durch Zugeständnisse und Kompromisse mit den „alten" Methoden suchen sie „das revolutionäre Rußland" zu reiten, wie der murlose Lenin schreibt. Ob es ihnen gelingt und wie die Entwicklung in Rußland weiter gehen wird — mit oder gegen Sowjetherrschaft — das kann kein Mensch voraussagen.
Der Ürbettsunterricht in der 5chule
Der Hauptmundsatz des kraftbrltendm Unterrichts ist, Re Jugend zur Selbständigkeit zu erziehen. In der Gegenwart erfährt tiefe alte Forderung der Erziehungskunst insofern eine Verstärkung, als die Selbsttätigkett des Schülers noch mehr betont und sonnt dessen eigene Ändert als die wichtigste Betingung zur Erreichung jenes Zieles be* zeichnet und noch nachdrücklicher als bisher verlangt wird.
Die extremen Vertreter dieser berechtigten Forderung machen der Schule zu Unrecht den Dovwurs, sie sei nur eine „Lenffchrtte" gewesen, und sie stellen als Gegensatz tie „Arbeitsschule" mit der einseitigen Betonung der Harcharbett.
Diese äußerliche Auffassung des neugeprägten Begriffes „Arbeitsschule", die sinnliches Leben über geist ges Schaffen, Handarbeit über Kopfarbeit erhebt, fft außer- ortentiid) bedrohlich.
Die Forderung eines (folterten Handarbeitsunterrichts m der Schule fft abzrckehnen, weil nicht die dadurch bedingte ©toffüberfüte, sondern nur Dtoffverminderung und Vertiefung eine gedeihliche Schularbeit ermöglicht.
Nicht äußere Technik, nicht die aus der Materialbearbeitung sich ergebende Stufenfolge darf die Grundlage für Stoffouswahl und Lehrgang des Unterrichts werden, der doch die Gesamtheit der Bildung-Ziele erstreben soll. Neben dem Tätigkeitsgebiete der Hand haben unsere Kinder ein west stärkeres Lebensgebiet in sich, das man nicht bei Seite fetzen darf: das Reich der Seele, der höheren geistigen Funktionen, das den Menschen und seine Werke erst wertvoll macht.
Die Einweihung der Handarbeit im Schulunterrichte auf den ihr gebührenden Platz und tit Darstellung der Wesensmerkmale der Arbeitsschule aus anderer Grund- lag« erfolgte in einer Vortragsreihe, die der namhafte Pädagoge, Herr Stadtschulrat Weigl aus Amberg, am 12. September in der „Pädagogischen Gesellschaft zu Fulda" vor mehreren hundert Vertretern des Lehr-rstandes und zahlreichen Gästen hielt.
Im Sachunterricht, der konkretes, sinnlich be- <pV.Mes Dorstellungsmatvrial beschaffen und klarstellen soll, hat ti« Handarbeit zmnal für jene Vorstellungen, die an Beweg-rrngs- und Tastempfindungen geknüpft sind, ihren berechtigten Platz.
Den Begriff „Kante" bann das Kind nur erfassen, wenn es über eine Kante hinfährt, noch besser, wenn es einen Karton abbiegt oder aus Ton einen Würfel oder eine Säule formt So ist es also durchaus notwendig, da, wo es sich um scharfe Deolrochtungen ter Formen und Hebungen der Sinne hantelt, Formübungen in Ton, Papier-, Scheren -Klebe« rfx-J. ten und einfache Holzarbeiten vor- zimehmsn.
So soll der Schüler im Rechen- und Rarmrlehreunter- richt durch Stäbchenlegen, Herstellung von Maßen, Wagen, Gewichten, von Flächen, Körpern u. dgl. mehr, in der Erdkunde durch Formen am Sandkasten, in der Naturkunde durch Nachbilden beobachteter Natuirformen, durch Beobachtung und Pfleg« von Tieren und Pflanzen, durch Herstellung von einfachen Apparaten »mb durch deren Handhabung selbständig Kenntnisse und Fertigkeiten schnell und sicher gewinnen.
Die Arbeitsschule soll aber nicht nur den Wissens- drang wecken und Kenntnisse vermitteln, sie soll auch ten Schüler dahin führen, sich durch Erarbeiten, durch Selbsterwerb, Selbfteroberrmg, Bildung zu erwerben. Der Grundsatz der gefftigen Selbsttätigkett des Kindes ist für di« recht verstandene Arbeitsschule mindestens ebenso wichtig wie tie Handarbeit; denn Selbständigkeit ist von hoher Dedoutung fürs Leben.
Ein drittes Merkmal der Arbeitsschule ist die Führung der Jugend zur selb st gewollten sittlichen Tat. Es fft noch nicht genug getan mit Bewunderung und Bestaunnng von großen Vorbildern, mtt verstandesmäßigem Erfassen von Idealen, tie sittliche Schulung darf nicht bei ter Nutzanwendung stehen bleiben, sondern muß zur Nachahmung, zur sittlichen Betätigung sichren.
Die praktische Auswirkung muß ein einziger, kmter- tümlichor Vorsatz sein, ter tie kleinen Fehler und Tugenden ter Kinder ins Auge faßt. Er muh kurzfristig gefaßt werten, für 1 Tag, 3 Tage, für 1 Woche, 1 Monat ufro., nicht fürs ganze L-eben, weil das Kind sonst Gefahr läuft, den Vorsatz nicht auszuführen. Dor Schüler muß sich in der täglichen Selbstkontrolle üben. 3etem Monat soll die Erftrebung eines anderen sittlichen Zieles als Aufgabe gesetzt sein. Dieser Gesinnungsunterricht wird sich in gleicher Weise an Verstand, Gefühl und Willn wenden und durch Erstarkung ter Jugend in kindertümlicher Tugend d« Krone der Arbeitsschule sein.
Mtt besonderer Genugtuung erfüllte es tie Versammlung, daß Weigl für die „Bildungs- und Erziehungs-Ar»- bettsfchule" auch das anerkennt, was von Schulprakt-kern in der Verfolgung des Zieles der gefftigen und sittlichen Selbstärdigmachung der Jugend durch SeDstwollen und ©elbfttun der Schüler bislang erstrebt und vielfach ge» übt wurde. R. Happ.
M Drotramm Des M. WelltmtM.
Man schreibt uns: Was Adolf Kolping vor ten So- Halpofltikern der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auszeichnete, war der klare Blick, mit dem er nicht so sehr in wirtschaftlichen und politischen Forderungen das Heil sah, sondern hn Aufbau eines neuen Dolksgeistes. „Die Anregung und Pflege eines kräftigen religiösen und bürgerlichen Sinnes und L-Sbens" bezeichnete er im Statut des Gefellenvereins als den Zweck desselben. Der Ruf der Zeit geht heute in derselben Richtung. Durch tie Referate auf dem jüngsten Katholikentag in Frankfurt zog sich wie em roter Faden die Forderung nach neuem Gemeinschaftsgeist. Dieser Gemeinschaftsgeist läßt sich jedoch ten Menschen nicht anpredigen, sondern er kann nur aus dem Erlebnis entstehen. Darum hat Kolprng seinen Verein aus die Familie, die ursprünglichste Gemeinschaft, gegründet. Mit dem Wort „Familie" sollte das Wesen seines Vereines am tiefsten gedeutet werden. Und das neue Programm des Gesellenvereins erklärt deshalb, daß ter Gesellenverein feine Ziele auf dem Dege der freien Dereinsfamllie erstreben wolle, an deren Spitze der Präses mit väterlicher, in der Liebe begründeten Eewall steht, um so die Mitglieder zu dem Gemeinschaftsgeist zu führen, den sie einst in ihrer eigenen Familie wie in ter ganzen Dolksfamilie pflegen sollen. Aus diesem Gemeinschaftsgeist heraus kann auch nur ein anderer Geist ter Arbeit entstehen. Professor Briefs hat ebenfalls auf dem Katholikentag darauf hAngewiesen, wie die nur auf den Erwerb eingestellte Arbeit die Menschen mechanisiert und di« Kultur- und Sittlichlettswerte zerstört, die an der Arbeit ansetzen und sich entwickeln können. Wenn ter Gesellenverein hn Sinne der Kol- pingschen Verbindung von Religion und Mrbeit sich in seinem Programm zum Ziel setzt, die Mitglieder durch ideelle und praktische Mittel mit der Idee des Berufsarbeiters zu erfüllen im Gegensatz zur sozialistischen Auffassung des Nur-Lohnarbeiters, jo kommt ihm heute gerate für die werktätige Jugend eine einzigartige Be- bcutung zu. Wenn ferner die Mechanisierung des Lebens auf dem Wege ter Bildung in Persönlichkettsausgestal- tung gemindert werden fall, so ist auch dies echt Kol- ping'sches Erbgut. In einem Antrag des Katholikentages heißt es, daß die Generalversammlung eine gründliche Allgemeinbildung und eine möglichst hochwertige Berufsausbildung ter Jugend als eine Hauptgrundlage für den wirtschaftlichen und sittlichen Wiederaufstieg unseres Dol- kes bekochtet. Weich' große Bedeutung auf tiefem (Beträte kommt gerade Adolf Kolping zu, und welch' segensreiche Wirkungen Hai bisher schon der Gesellenverein, diese „Boiksakatemie im Volkston" nach Kolpings Wort, ausgeübt! Tas Programm betont deshalb von neuem, daß ter Gefellenverem seinen Mitgliedern zu einer vertieften Allgemeinbildung verhelfen will, und daß das Ziel dieser Bildung darin besteht, alle in ter Persönlichkeit des Einzelnen wurzelnden edlen Kräfte zur Entfaltung zu bringen, nicht nur zur eigenen inneren Bereicherung, son- tem auch zum Dienst am Dolksganzen. Daß die Berufs« ausbiRumg die Grundlage und Voraussetzung, ja auch der Ausgangspunkt für eine vertiefte Allgemeinbildung fft, ist
haben sie „Schulmeisters Jüngstem" zu verdanken. Der vierzehnjährige Bub, der, nur mit Hemd und Kniehose bekleidet, im Sonnenschein auf tem äsen liegt, erbettelte die Schonung dieser Sträucher vom Vater, weil er den geliebten Piepmätzen die schwarzen Beeren gönnte. Hastig schwelgen die Stare in den beerenfchweren Büschen; dann schwingt sich der Schwarm aus den Kirchturm, einzelne besuchen auch noch mal ihre rm Pfarrgarten hängenden Nistkästen, m tenen sich die Siebenschläfer oder großen Haselmäuse zum Winterschlaf verkriechen, und fingen so laut, als sei es Frühling.
Spätsommermovgen. Das Grau des Nebels wich nur ungern der Sonne. Im Früh schein glitzern zahllose Tau- perlen. Die winzigen Nebeltröpfchen verwandeln die seinen Netze ter Spinnen in kunstvolle, mit Edelsteinen besetzte Webearbeiten, liebet die Wiesen fliegen lange zarte Fäden sehr kleiner Spinnen, die der Wind durch die herbstlichfrische Luft weht; tie Föten sind so schwach und grau wie die Haare einer Greisin: übet die Flur fliegt ter Altweibersommer.
— Wiesenunkrauter. Leider bestehen sehr wenige Wiesen rind Weiden nur au$ guten, wertvollen, oesunden Gräsern und Kräutern, hingegen sehr viele aus zum großen Teil sehr schlechten, groben, gejundheiirschädlichkn, giftigen Kräutern, und zwar zuweilen H8 zu 50 - 70—90 Prozent. Neben den outen Gräsern und Wiesenkräutern kommen mindestens über 100 teils giftige, teils nicht giftige, meist große, holzige, vielfach" ungesunde Wiesenunkräuter in Demschland und Mitteleuropa vor. Zu einem hochwertigen Futter gehört, daß in demselben keine giftigen und schädlichen Stoffe enthalten sind, daß eS sich durch hohen Nährwert, Wohlgeschmack, Verdaulichkeit und durch die Verdauung anregende Substanzen anSzeichnet. Der Graewuchs mit ausdauernden GraSarten bester Qualität muß auf den Diesen vorherrschen. Andernfalls ist eine Verjüngung durch Neuansaat mit oder ohne Umbruch der Narbe erforderlich. Eine Nachsaat ohne Umbruch dec Wieien empfiehlt sich auf Wiesen mit locker gewordenem Rasen am besten noch der Heu- und Grummeternte, um die Erträge zu erhöhen und zu verhindern, daß die Unkräuter Platz zu ihrer Entwicklung finden. Duich Vetbesierung des Pflanzenbestandes, durch geeignete Bewässerung und rechtzeitige Ernte kann an vielen Stellen das doppelte und