Fuld aer Zeitung
Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Aulda.
Nr. 214.
tietantroonlid? für den ceDauionelitn Teil: D r. Kramer, = für die feigen: 5. !ßar *e 11 er-gulba. s Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Sctiendruckerei in Fulda. Semfprecber Nr. 0. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Samstag, 17» September 1921»
Bezugspreis: Monatlich 3,50 Mk. ohne Bestellgeld. Post» Z bezug 4,10 Mk. Abgeholl 3,75 Hit z
Anzeigen: Goionelgetle 70 pfg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklamezelle (Tepbreite) 2 50 Ulk.
48. Zahrg.
In einem Artikel: Heraus aus dem Wirrwarr! schreibt die „Germania": Es gebe nur eine Forderung: Reichskanzler handle! Nach den Steuerungen Pregers dürsten in Bayern bi« Voraussetzungen seh- len, auf dem Wege der Aufhebung des Belagerung», zustandes auf Grund einer Verständigung mit Berlin mit der nötigen Schnelligkeit zum Ziele zu kommen. Fasse man einerseits die verfassungsmäßigen Rechte des Reichspräsidenten ins Auge und bedenke man, daß auch in Bayern selbst letzten Endes alles aufatmen werde, wenn der Streit beigelegt fein wird, dann fei es besser, den gordischen Knoten entschlossen durchzu- hauen, als noch wochenlang aus Kosten der Autorität hüben und der Reichsfreudigkeit drüben daran herumzuzupfen._________________
Die Mörder Crzbergers.
liebet dir Entdeckung, die zur Spur der Mörder Schulz und Tillessen führte, erfährt der „Bayerische Kurier" folgendes: Schulz und Tillessen hatten bekanntlich unter falschem Namen int „Hirschen" in Oppenau gewohnt. Bei den polizeilichen Erhebungen meldete sich nun ein Mädchen, das beobachtet hatte, wie di,: beiden Gäste Schriftstücke zerrisien und in einen Dach geworfen hatten. Der Dach wurde abgelaffen und die hier sowie auf einem Müllhaufen liegenden Stückchen gesammelt und sorgfältig zusammengesetzt. Es zeigte sich, daß es sich um Briefe handelte, die an die richtige Adresi,: der beiden gegangen waren. So hatte man Namen und Wohnort mit einem Schlage. Di« weiteren Nachforschungen brachten dann die Polizei in den Besitz der Billnr, nach denen die Feststellung der Identität nicht mehr schwer war.
In der Sache Erzberger erfolgte in München eine weitere Der Haftung. Es handelte sich hierbei um die Witwe rines Kaufmanns, der als Offizier im Krieg« gefallen ist. Sie wird beschuldigt, zwei an dem Verbrechen beteiligte Personen gewarnt zu fraben, so daß sie sich durch die Flucht ihrer Festnahme entziehen konnten.
lieber das Befinden des verwundeten Reichstags- abgeordntten Diez wird aus Radolfzell gemeldet, daß sich Diez jetzt außer Lebensgefahr befinde. Di« Schußwunde verheilt gut und der Abgeordnete gehe einer schnellen Genesung entgegen.
Der .feine* Ton -er Hetzer.
Katholiken, wacht auf!
In der Zeitschrift ,Die Krone' „zur Pfleae deS monarchischen Gedanken» und der nationalen lieber- lieferung im Sinne Stein» und BiSmarcks" kramt Kurd v. Stcantz seine Weisheit aus in einem Artikel: Warum wir politisch unterlagen. Tie Beste gebüßten sind Bethmann Hollweg und Erzberger. „Ter deutsche Boikrverral", heißt es darin, „wurde lozialistischerseilS amtlich betrieben und gefördert. So handelte die deutsche Tiplomatie, während das Heer heldenhaft siegte. Betnmann fiel zwar, aber der Schieber und Papstknecht Erzberger wurde der nichiamtliche Einbläier unserer Politik, ein offener Hoch- und Landesverrä er, ohne daß ihm damals, noch jetzt etwa* geschieht, obwohl et der Diener de» franztollen Benedikts XV. und de» vertäterischen Kaiser Karl» war. Bte dahin hatte Erzberger übrigen» ohne Rechnungslegung vor dem Rechnungshöfe de» Deutschen Reiches 30 Mill, für die sogenannte Ausklärungsptopaganda vertan. Ich konnte in Schweden die Art btejeS für ihn zwar einträglichen Geschäfte» feststellen. Es wurde ein saftlo er Allerwelisaufsatz de» kir nen Zentrums« schmocke» dänisch in Schweden verbreitet, den niemand la»."
langte. Fragend sah Joseph zu Marianne hinüber, als er den Briefumschlag gelesen hatte. Was sollte er mit diesem Briefe, der nur an sie gerichtet war?
Etwas verlegen bat sie ihn, er möchte vom Inhalt desselben Kenntnis nehmen und ihr bann sagen, ob es ihm auch nicht unangenehm sei, wenn sie denselben beantwort».
Befremdet entfaltete er das Schriftstück und begann aufmerksam zu lesen. Je weiter er damit kam, je undurchdringlicher wurden feine Züge. Al, er den Brief zu End» gelesen hatte, schob er ihn sorgfältig wieder in den Umschlag zurück.
„Warum sollte mir die, unangenehm sein, wenn Sie den Brief beantworten, Fräulein Marianne? E, ist doch selbstverständlich, daß Eie Ihrs Frau Cousine nicht im Ungewissen über Ihren Aufenthalt lassen. Außerdem gebietet e, ja auch di» Höflichkeit, daß man eine liebenswürdige Anfrage nicht unbeantwortet läßt."
Er sprach in ruhigem, sachlichem Tone, als handle es sich um etwa, ganz Gleichgültiges. Sein» Züge schienen noch kälter und undurchdringlicher wie sonst; nur die Hand, die nervös mit dem kleinen silbernen Kaffeelöffel spielte, verriet, daß diese scheinbare Ruhe und Gleichgültigkeit nicht echt war. Da, machte Ma- rianne befangen. Sie wollte etwas erwidern und wußte doch nicht, war sie sagen sollte. Die eingetretene Stille war ihr peinlich. Er fühlte die, und kam ihr zu Hilfe.
„Ich habe Ihre Frau Cousine vor kurzer Zeit zufällig in Gesellschaft getroffen', begann er. „Damals ist es mir ausgefallen, daß sie nicht nach Ihnen frug; ich wußte ja nicht, daß Sie Ihren Aufenthaltsort der einzigen verwandten gegenüber geheim hielten."
„Ich dachte, e, wäre bester, »r bliebe ihr verbor. «en*, entgegnete Marianne einfach. „Sie würde an» Ende einmal gar wieder hierher kommen."
„Und warum soll sie denn das nicht? Ein jeder be- sucht hin und wieder einmal gern die Plätze feiner Jugendzeit und Ihre Frau Cousine war al, Kind, soviel ich mich erinnere, gar viel und gern in diesem kleinen Dörfchen. Warum soll ihr da, stille Dors jetzt nichts mehr gelten? Da, ist lein schlimmes Zeichen — im Gegenteil! Es adelt ein Gemüt, wenn man, vorn Schicksal emporg-trogen zu stolzer Höhe, noch gern der unscheinbaren Streite denkt wo man die vorurteilslosen
Der Kampf ums Sold.
Der Sänsebub.
Fränkischer Dorfrsman von Dina Ernst berge r. 46] —-----
Die Flichschusterin hatte eine andere Antwort erwartet. Sie war fest entschlossen, da, Zimmer unverrich- ter Sache nicht wieder zu verlosten. Sie wollte jetzt einmal wissen, ob wirklich jede Hoffnung auf eine Heirat Josephs aussichtslo, wäre.
»No, und was sagst denn zu mein’m Vorschlag, Io. jepb? Wär' die net noch vielleicht besser, wi» die Kundl?" begann st» wieder, auf ihr alte, Thema zurückgrisend. . »Darüber reden wir ein andermal; morgen ist noch
~°9- Mutter. Geh' jetzt; schlaf wohl. Sut» Nacht!" „Morg'n sind wir von di» anderen g'stört im Re» 6 Egberte sie, mit Zärtlichkeit ihr Ziel verfolgend. »Ll . J!r 6i? Fräulein Marianne denn a wieder net? Sch hab grab’ denkt . . .“
„Latz mich jetzt Mutter. Ich heirate nicht, heißt sie nun Kundl ober Marianne.'
. "5'a'da.! ®.u gratest schon wenn sie nur Lore heißt. Meinst dem,, ich weiß net, daß b’ noch alleweil an bte benkst. Ich fjätf
„Schweig, Mutter' Störe nicht die Wiedersehens, teeude durch schrille Mißtgn», die Du auf- neue aus >°ngst versunkener Zeit erklingen machest. Soll ich be. ’euen, daß ich hierher kam? «„schone mich in Zukunft nut all diesen Planen, wenn Du es willst, baß ich öfter hier weile.'
Rauh, fast gebieterisch hatte er gesprochen. Ein scharfer, zürnender Ton lag in feinen Worten; so rauh, daß die alte Frau ganz verschüchtert, ein» gute Nacht wünschend, ohn» weitere, bas Zimmer verlassen wollte. Sie stand schon auf der Schwelle, da reute es Joseph, daß er so zornig zu seiner Mutter'war.
„Mutter!" rief er in weichem, gänzlich oerä-nbertem Tone, „gib mir Deine Hand und sei nicht bös. Du meinst es gut und sorgst Dich viel zu viel um mich; ich aber weiß Dir schlecht dafür zu danken, Du ahnst es nicht, «ie Du mit dieser übertriebenen Aengstlichkeit mich quälst. Schafft er Dir Nutze, nun, so will ich Dir versprechen, mir Dein« Wünsche einmal gründlich zu überlegen. Nur drängen darfst Du nicht in mich. Das ist
Freiwillige vor!
Sehr wichtig und erfreulich ist bte Nachricht, daß 6er Reichsverband der deutschen Industrie und Vertreter der Großbanken in Verhandlungen mit der Reichsregierung eingetreten find, um dem Reiche die Aufbringung der erforderlichen Goldwerte zu ermöglichen.
Man kann nur dringend wünschen, daß diese freiwillige N 0 t h i l f e in Gang kommt. Sie würde uns schützen vor der Bedrängnis, von außen, die beim Versagen unserer Tributzahlungen zu erwarten wären, und vor der wirtschaftlichen Verwirrung im I n n « r n, die sich aus der fortschreitenden Entwertung des deutschen Geldes und dem damit zusammenhängenden Bör- sentaumel zu ergeben droht.
Den Grundgedanken des Planes kann man dahin gufemmenfaffen: Das deutsche Reich braucht Kredit im Ausland« zur Erfüllung seiner Geldverpflichtungen. Es findet ihn nicht bei den fremden Staaten und muß bei der Erwerbung von Goldwerten auf dem internationalen Gridmarkt unerträgliche Wucherzinsen tragen. Die deutsche Volkswirtschaft ist aber im Besitz von Guthaben im Ausland und von Sachwerten, die als Unterlage für einen billigen Kredit sich erwarten lasten. Wenn nun diese leistungsfähigen Kräfte in die Dresche springen, so kann die Regierung die erforderlichen Mittel erhalten, ohne ihrerseits auf die Gnade des Auslandes angewiesen zu sein. Es kommt eine Art von innerer Anleihe zustande, mit deren Hilfe nicht bloß die Entschädigungen an die Siegerstaaten prompt gezahlt, sondern auch die deutsche Valuta gestützt und somit die wirtschaftliche Genesung Deutschlands gefördert werden kann.
Von feiten der Reichsregierung war schon längst angekündigt worden, daß die Htranzirhung der Goldwerte oder Sachwerte durch die Finanznot des Reiches unvernreidlich geworden fei. Die Durchführung im Wege des gesetzlichen Zwanges ist sehr schwierig und langweilig. Leichter uird schneller läßt sich ein Erfolg erzielen, wenn die Besitzer sich zu einem freiwilligen Notopfer gemeinsam entschließen. Zunächst würde ihr „Opfer" sich nur auf das R i s t k 0 erstrecken, das mit der Kreditbeschaffung verbunden ist. Die alten oder neuen Devisen (Wechsel auf das Ausland)) würden dem Reiche vorläufig geborgt. Di« Reichs- kaste hätte also noch die Last der Rückzahlung; aber trotzdem wäre die Erleichterung sehr wesenllich. Bei dieser schwebenden Schuld hätte das Reich nur mit den eigenen Bürgern zu tun, nicht mit ausländischen Gläubigern. Und wenn wir durch die freiwillige Kre- dithilfi- über die gegenwärtigen Schwierigkeitey hinwegkammen, so gewinnen wir Zeit und Ruhe für die gründliche Beratung der Steuerreform.
Run wird von links her bereits flau gemacht mit der Behauptung, wenn das Reich als Empfänger von Wohltaten erscheine, so würde es diese dmch den Verzicht auf feine Steuerrechte allzu teuer bezahlen müssen. Bisher ist noch keine Rede davon gtwefen, daß die betreffenden Unternehmer sich eine Einschränkung drs Steuerrechts der Reichsgesctzgebung ausbe- dungen hätten. Sei der Frage der Heranziehung des Besitzes kommen nur sachliche Erwägungen ins Spiel. Der gesetzliche Eingriff in die Substanz de» Vermögens muß nach Umfang und Form so gestaltet werden, daß nicht das Huhn, das die goldenen Eier legen soll, an seiner Gesundheit oder gar an seinem Leben Schaden leidet. Welchen Einfluß die geplante freiwillige Hilfe auf die Gestaltung der Steuerreform haben tarnt, wird sich erst übersehen lassen, wenn sich
die Wirkungen für die finanzielle unb die volkswirtschaftliche Gesamtlage zeigen. Keine Belohnung, aber Gerechtigkeit und Vorsicht!
Die Sorialdemokraten, die es ehrlich meinen mit dem Vaterland, sollten sich nicht irre führen lasten durch die alten Hetzer gegen das „Kapital": Man mag „grundsätzlich" über das Kapital denken, wie man will, gegenwärtig braucht das bedrängte Deutschland das Kapital so notwendig, wie der Fisch bas Wasser. Die Sicgerstaaten verlangen Milliarden an Goldmark, imt> wir können uns ihre Gerichtsvollzieher nur vorn Leide halten, wenn wir das erforderliche Kapital austveiben. Wir muffen andererseits das vorhandene Betriebskapital verständig behandeln, damit die Dolkswutschast in fruchtbarem Gange bleibt. Mit Schlagworten und Vorurteilen darf man nicht einen Versuch stören, der viel« Vorteile erhoffen läßt und keine ernste Gefahr mit sich bringt.
Ob der Versuch gelingt, muß sich freilich erst noch zeigen. Inzwischen kann man aber mit Archimedes sagen: Zertretet nicht mit groben Stieseln die Zirkel im Sandel
Verhandlungen über
die Sanktionen.
Sin Reutertelegramm aus London meldet:
Die Verhandlungen zwischen London- Paris und Koblenz über die Aufhebung der wirt, schaftlichen Sanktionen dauern an. Der Oberste Rat war Im August d. 3. übereingekommen, di« Zollschranken auf dem linken Rhcinufer aufzuheben, vorausgesetzt, daß Deutschland 1 Gvldmilliarde bis zum 1. September gezahlt habe. Es wird nun die Einsetzung eines interalliierten Ausschusses geplant, der die Aus- und Einfuhr überwachen soll. Di« f r a n z ö s is ch e Regierung fordert, daß bteftm Ausschuß viel weiter gehende Macht befug- niste gegeben werden sollen. Er soll ein« souveräne Körperschaft fein mit voller Befugnis, Deutschland hinsichtlich der Erteilung aller Genehmigungen für bte Ein- und Ausfuhr Vorschriften zu machen. Es wird in London nicht verstanden!, daß Deutschland, wenn der interalliierte Ausschuß solche Rechte shade, irgendwelche Dorteite durch die Aus- Hebung bw wirtschaftlichen Sanktionen gewinnen werde. Obwohl verlautet, daß Deustchland der Einsetzung eines Ausschusses Im Prinzip zugrstimmt habe, behauptet bi« französische Regierung, daß Deutschland nicht gewillt sei, den Plan durchzuführen und sie erklärt, daß die wirtschaftlichen Sanktionen deshalb aufrecht erhalten werden müßten. Wenn ^wisse Punkte, so schließt die ReutermeDung, durch die jetzt im Gang befindlichen Unterhandlungen aufgtfiärl fein werden, dann wird zuoersichllich erwartet, daß die ganze Frage in befriedigender Weise gelöst werden wird.
Die „Times" meldet dazu noch aus Brüssel, man nehme dort an, daß der belgische Minister des Aeußer n Iaspar der britischen unb französischen
nicht immer gut getan, wenn man in Lebenslagen unb Verhältnissen, in benen man sich glücklich unb zufrieden fühlt, nach Aenberungen strebt. Nicht, rächt sich schwe. rer! Oft sehnet sich bet Mensch ein ganzes Leben lang vergebens in bie alten, verlassenen Verhältnisse zurück. Der hat bas Höchste was dar Leben bieten kann, erreicht, ber sich zufrieden fühlt. Er trägt in sich be, Leben, höchstes, größt». Glück fei er ein Bettler aber "urft — Ich bin zufrieden, Mutter, laß mich', bleiben. Dem Glücklichen droht durch Veränderung Derlust."
Langsam hatte sich die Flickschusterin dem Bette ihres Sohne, wieder genähert. Zaghaft legt» sich ihre §<md auf seinen Scheitel. „Ich bet' fürJDid; daß Du auch späterhin so glücklich unb jufriebT bleibst; bas andere leg’ ich dem da bcobe» vertrauend in die Händ'."
Flüsternd hatte sie die Worte gesprochen. Nochmal senkten sich bie welken Lippen der alten Frau in sturn- mer Liebkosung auf des Sohne, Haupt; »in heißer, schwerer Tränentropfen fiel auf bas Lett nieber bann war Joseph allein.
21m nächsten Morgen, als Joseph erwachte hatte er' bie ganze Unterredung vergessen. Erst als er am Früh- stückrtisch Marianne und seiner Mutter gegenüber^, kam ihm bie Erinnerung baran. Oester unb länger als sonst ruhte heute sein Blick auf Marianne: jetzt erst fiel es ihm auf, daß sie doch viel älter aussah, al, sie wirklich war. Schön hatte er sie ja nie gefunden; heute aber mißfiel sie ihm geradezu. Sie besaß aber auch gar kein Talent, sich etwas vorteilhaft zu kleiden! War daran wirklich nur Gleichgiltigkeit gegen bas Urteil an. berer Leute schuld ober fehlte ihr jebe Spur von ®e» schmack unb Schönheitssinn? Letztere, war aber doch nicht gut möglich, wie hätte sie sonst fo wunderbare Malereien und Stickereien schaffen können? Auch die geschmackvolle Einrichtung de» Zimmer, die sie leitete, sprach ganz dagegen.
Au, diesem Gedankengang heraus redete ihn Ma- rianne plötzlich an. Rasch sah er auf; sollte sie geahnt haben, daß sich seine Gedanken eben mit ihr beschäs- tigten?
Sie hielt ihm einen Brief hin. Die Abreste lautete für Marianne unb trug eine Menge Überschriften mit roter Tinte. Der Bries mußte offenbar schon lange gewandert sein, bis ar in bie Hänbe ber Adressatin ge.
Regierung einen Vorschlag bett, die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen unterbreitet habe.
Der Internationale Ztaatsgerichtshos.
DerDölkerbnnd tit Gens nahm im Laus dieser Doch« die Wahl für die Delegierten zum Ecbieds- gerichl vor. E» bedurfte der Zahl von fünf Wahlgängen, um das gesamte Richterlollegium zu ernennen. Els ordentliche Mitglieder waren zu erwählen. Auf die einzelnen Staaten verteilen sich die gewählten Bertreter so, daß vier den Großmächien angeböten, einer den Niederlanden, in deren Hauptstadt der Gerichtshof tagen soll, die übrigen sechs Vertreter können dem spanisch-portugiesischen Kulturkreise zugerechnet werden.
Dieser Kreis von nunmehr aus dem Völkerbund erwählten Männern soll nach dem Willen der Ent- ente und der ihr angeschlossenen Kleinstaaten da» Rechtsinstitut werden, vor dessen Forum die internationalen Streitigkeiten objektiv und unparteiisch auf friedlichem Wege gelöst werden. Der Gerichtshof soll also das verwirklichen, was seinerzeit tn Haag nicht geglückt ist. Tie Botschaft hört man wohl, allein noch fehlt ber Glaube. Denn Wader Völkerbund bisher an praktischen Beispielen 15,en durfte, war einseitig entweder unter dem Druck der Entente zustande gekommen, oder aber von vornherein den ^ntereffen der Großmächte angepaßt.
Tritt der internationale Etaatsgerichtshof in die Fußipuren feines Auftraggebers, des Völkerbundes, so wird auch er die Welt von sich aus nicht erneuern können. Will er im Ernst aber eine Tribüne deS strengen Rechtes toeiben, dann muß er sich zunächst einmal das Vertrauen und auch die Anerkennung oster Nationen durch feine Handlungsweise zu verschaffen wissen.
Vor allem aber wäre eS dringend notig, daß auch die Mitglieder bei Völkerbunde» selbst, und auch die großen Herrn unter ihnen, in ihm den Gerichtshos anerkennen, der auch für ihre Streitigkeiten maßgebend ist. Bisher hat die Welt noch nicht» erlebt, daS ihr Vertrauen in die Objeklwität dieser Institute einflößen könnte.
Sayern und öa$ Reich.
Immer noch Gewikkerslimmung.
In Bayern sind bte Mitteilungen des Reichskanzlers, wie zu erwarten war, sehr unangenehm empfict- den worden. Im Ausschuß des bayerischen Landtages nannte der Staatssekretär Sch wet) er di« in dem vom Reichskanzler verlesenen Bericht b?s Staate ko m- miffars Weißmann erwähnten Angaben über ein ver- schanztes Lagcr „K i n d e r m 8 r ch e n". Es ist nun zu erwarten, daß der Reichskanzler Gelegenheit nehmen wird, drrn Vorwurf, sich auf leichtfertig zusam- mengeteayenes Material gestützt zu haben, enfgegengu- treten, klebrigen, scheint bie bayerische Volks- Vertretung erfreulicherweift entschloffen zu sein, den Vorgängen in München auf den Grund zu gehen. Der ständige Ausschuß nahm nämlich zum Schluffe seiner Verhandlungen einen Antrag des Abg. Dirr (Dem.) einstimmig an, der von der bayerischen Regierung veriangi, dem bayerischen Parlament über die im Ueberwachungsausschuß des Reichstage» gegen dm vormaligen Minister Dr. Roth und den Münchener Polizeipräsidenten erhobenen Anschuldigungen Aufschluß zu geben. Wie in Berliner politischen Kreisen verlautet, dürfte der Bericht des Ord- nungskammiffars Weißmann auch dort Gegenstand wichtiger politischer Debatten werden und wahrscheinlich zu einer Au prache im Reichstag führen.
Kinderjahr« verlebt», in denen ber Mensch noch keiner. Unterschieb bes Stande, kennt." i
Marianne beobachtete ihn scharf. Lag nicht in bie. fen Worten; bie eine Schmeichelei für fein« Lore sein sollten, ber schärfste Tadel gegen sie. War nicht sie •», bie sich bes 3ugenbfreunbe, schämte? Merkwürdig! Zum zweitenmal an diesem Margen wurde st« um eine Antwort verlegen.
Stillschweigend war bte Flickschusterin bagefeffen. Sie hatte aus einer großen, mit bunten Rosen verzier, ten Taffe (dem einstigen Patengeschenk für Joseph) ihren Morgenkaffee geschlürft. Aufmerksam folgte sie dem Sange ber Unterhaltung. Jetzt, da eine Stockung im Gespräche eintrat, fragte sie, wer bie Dame sei, van b«r st» eben sprachen. Marianne nannte Cores Namen. Sie seufzte tief auf; ein banger, besorgter Blick traf ihren Sohn. Joseph aber stand auf unb ging hinaus in den Garten. Schweigend waren sich bie beiden Frauen noch eine Zeitlang gegenüber gesessen, jede vertieft in Gedanken. Dom Tisch aus konnte man hin. au, in den Garten sehen Draußen ging Joseph zwischen den blühenden Beete» von Astern unb Reseden auf unb ab. Gedankenversunken sah bie ältere der beiden Frauen den kleine» weißen Wölkchen nach, die Joseph aus seiner Zigarre in bie Luft blies. Marianne räumte schweigend ben Kaffeetisch ab.
„Wie steht denn die Wetterfahne, Fräulein Marianne?" unterbrach bie alte Frau bie Stille. „Es is schon so spät unb immer noch so büfter- Ich glaub’, Joseph wird schlecht', Reisewetter hab'n."
Marianne hatte da, Fenster geöffnet unb zur Wetterfahne emporgesehen. Kalte, feuchte Luft strömte durch das geöffnete Fenster herein. Fröstelnd zog sie es wieder zu.
Die Wetterfahne steht auf Regen und düstere rauhe Herbftnebel zieh n da, Tal entlang. Die Sonne ist umhüllt von dichten Nebelschleiern."
„'s ist Spätharbstzoit! Die sonnigsn Sommertag’ sind fort!'
„Wie welk und gelb die Blätter jetzt schon von den Bäumen fallen!"
„Das is a sicheres Zeich'n, baß bald der Winter tonv>*<"
Sortierung folgt.)