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FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Julda.

Nr. 2n.

Verantwortlich tüt den redartionellen Teil L 23.: A- Weßler, für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. it. Telegr.-Adreffe: Fu ldaer Zeitung.

Mittwoch, 14- September 1921.

Bezugspreis: Monatlich 3,53 Ml. ohne Bestellgeld. Post- s bezug 4,10 Mk. AbgehoU 3,75 ZKL -

Anzeigen: C oioneizeile 70 pfg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklamezeile (Xertbreite) 2.50 Bit

48. Zahrg.

Erzbergers Mörder.

Das Geheimnis, das bisher di« Mörder Erzberyers, diese traurigen Wegelagerer und Meuchelmörder, um­gab, beginnt sich aufzuhellen.

Die badische Staatsanwaltschaft in Offenburg hat afs Mörder Erzbergers folgende beide Personen er­mittelt:

1. Den am 20. Juft 1893 in Saatfeld an der Saale geborenen Sohn eines Arztes, der feit Ende April 1921 in München, Maxnnilianftraße 23, wohnhaft gewese­nen gelernten Kaufmann Heinrich Schulz.

2. Den am 27. Mai 1894 tn Köln-Lindenthal ge­borenen, seit dem 1. Mai 1921 ebenfalls in München, Maxttmlianstraße 23, wohnhaft gewesenen früheren aktiven Seeoffizier und späteren ftub. jur. Heinrich Tillessen. Die Personalien seiner Eltern sind noch unbekannt. Tilleffen war an der Münchener Umoer» jität nir^ immatrikuliert.

DerBerliner Lokalanzeiger" meldet dazu:

Schulz ist der Täter. Sein Kittes Ohr ist am oberen Rande verstümmelt. Der Aufenthalt der beiden ist jeirod) nicht ermittelt. Der badische Generalstaatsamvalt Dr. Schlimm von Offenburg und Staatsanwalt Burger sind mit einem ganzen Stab von Beamten nach München gekommen. Der Hausbesitzer und die Familie, bei der die beiden Er- mÄtelten als Zwangsmieter einquartiert waren und die sich mit Zimmervermieten sonst nicht abgegeben haben, sind gänzlich unverdächtig. Ihre Zwangsmieter haben sich vollstmü>«g einwandfrei und auch im Ber- kchr in keiner Weise auffällig benommen. Im Inter- esie der Untersuchung soll nicht angegeben werden, wie lange sich beide in München aufgehalten haben. Sie sind aber am 21. August bereits in Oppenau bei Gries- bach gewesen und haben dort im Gasthaus zum Hir­schen gewohnt. (Der Mord geschah bekanntlich am 26. August.) Die Ermittlungen darüber, was die beiden vor ihrer Ankunft in Oppenau getrieben haben und wo sie gewesen sind, treffen jetzt erst ein. Schulz hat eine richtige kaufmännische Ähre durchgemacht, seit dem Kriegsende aber keine Stellung mehr gehabt.

Nach demVorwärts" waren beide Mitglieder der berüchtigten Brigade Ehrhardt, die am 13. März 1920 den Handstreich gegen Bersin unternahm.

Weiter wird gemeldet:

Neue Verhaftungen unter dem Verdacht der Mittäter- und Mitwisserschaft.

Auf der Suche nach den Mördern Erzbergers sind in München sechs Personen verhaftet worden, die in dem Verdacht stehen, an den Vor­bereitungen zur Tat m k t g e w i r k t zu haben. Sie rekmtieren sich aus verschiedenen Kreisen; es be­finden sich auch Studenten darunter. Mehrere andere Verhaftungen sind im Laufe des gestrigen Tages wie- der aufgehoben worden. Die Fahndung nach den bei­den Flüchitgen wird fortgesetzt. Es steht fest, daß S ch u l z, der von Beruf Kaufmann ist, seit Kriegsende ohne Stellung war. Er hatte die Wohnung in der Maximilianstraße tm gleichen Hause mit Tillessen erst im August bezogen und sich vorher in Hotels und Pensionen aufgehalten. Die badische Staats­anwaltschaft erläßt ein neuerliches Aus­schreiben, in dem sie 'm Ergänzung ihrer früheren Angaben aus das verstümmelte linke Ohr des Schulz hinweist und bei Tillessen auf die Narbe quer über den Nasenrücken auf­merksam macht. Des weiteren erinnert sie noch an die für die Ergreifung der Täter ausgesetzte Beloh­nung von 1 2 0 000 Mark.

Schließlich bringt noch ein Telegramm derFranks. Ztg." aus Berlin folgendes: Di« jetzt bekanntgegebe- nen Namen der Mörder Erzbergers waren der Ber­liner Kriminalpolizei feit mehreren Tagen von der badischen Staatsaruvaltschast nebst anderem Material mÄgeteilt worden. Daraufhin wurde festgsstellt, daß die beiden Täter enge Beziehungen zu einer Berliner Familie unterhielten und bei dieser Familie bis zum 6. August (nach einer Wolff-Meldung vom 6. bis 11. August) gewohnt haben. Die Familie besteht aus Mutter, zwei Mädchen und einem Sohn, der früher Kadett war und jetzt studiert. Dies« Per­sonen sind verhaftet worden, weil sie der Mit­wisserschaft verdächtig sind, jedoch bestrei­ten, von irgendwelchen Mordabsichten ihrer Freunde etwas gewußt zu haben. (Nach der vorher angeführ­ten Wolff-Meldung sind die Sistierten, da ihnen weder die Mittäterschaft noch die Mitwisserschaft noch eine Begünstigung nachgewiesen werden konnte, am Abend wieder aus der Haft entlassen worden.) Die Feststel­lungen haben ergeben, daß Schulz und Tillessen der Brigade Ehrhardt als Offiziere ange- hörten und mit dieser beim Kopp-Putsch in Ber­lin eingerückt sind. Nach Auslösung der Brigade wohnten sie einige Zeit bei der Berliner Familie und begaben sich dann nach München. Vor dem Atten­tat auf Eiberger trafen sie wieder in Berlin ein und wohnten wieder bei jener Familie. Am 6. August reisten sie nach Süddeutschland. Kurz vor dem 30. August kamen die ersten Briese von chnen aus Mün­chen an. Eines der Mädchen sollte am 30. August nach Partenkirchen reisen, wo Schutz und Tilleffen sie erwarteten. Es traf jedoch ein Telegramm mit der Dteldung ein, daß sie zu der angegebenen Zest nicht in Partenkirchen fern könnten, da si« am 31. August Bayern verlassen mühten. Das Mädchen oer- zichtäe dann auf die Reise. Es fragt sich, ob die Täter nun ins Ausland geflüchtet sind. In der Wohnung der erwähnten Berliner Familie wurden die Bilder der Täter, einige Korrespondenzen und auch das Telegramm, die die Abreise aus München ankün­digte, gefunden. Die Korrespondenz läßt keinen Zwei­tel, daß die Täter den Kreisen der alldeutschen Richtung angehören. Es besteht der Verdacht, daß noch andere ehemalige Angehörig« der Brigade Ehrhardt 'm die Tat verwickelt sind, und es ist damit zu rechnen, daß neue Verhaftungen binnen. kurzem erfolgen werden.

In der Mardreranglistr von 1918 ist ein Ober­leutnant Heinrich Tilleffen verzeichnet, der am 1. April 1912 emgetreten ist, dessen Patent vom 25. Dezember 1917 datiert und der 1920 verabschiedet wurde. Außer chm stehen in der angliste noch ein Oberleutnant Karl und ein Korvettenkapitän Werner Tilleffen.

Sur bayerische Hrife.

Zur Wochenwende schien sich eine gedeihliche Lö­sung anzubahnen, als der Rücktritt des Mrmsterpräsi- denten v. Kahr und des deutschnationalen Justiz- Ministers Roch gemeldet wurde. Jetzt ist wieder alles in Frage gestellt, da sich eine sehr starte Strömung für das Verbleiben dieser Männer zeigt und die Krisis vom Minffterium auf die Bayerische Volks­partei übergesprungen ist. Gestern sollte Kahr dem Reichskanzler weichen: heute fragt es sich, ob Held dem Heim weichen muß.

Die persönliche Zuspitzung der Angelegenheit ist aus den obwaltenden Verhältnissen zu erklären. In dem Minister Kahr und dem Volksführer Heim ver­

körpern sich dir Hindernisse des Ausgleichs zwischen der Reichsgewalt und dem bayerischen Bundesstaat. Kahr ist kern eingeschriebMer Parteigenosse feine» dsutschnationalen Kollegen Roch, aber er ist eine starke, selbstbewußte, eigenwillige Persönlichkeit, die zum Ein- lenken und Nm^eben weder Neigung noch Befähigung hat und daher sich leicht in die Katastrophentaktik der Deutschnationalen verstricken läßt. Die Gesamtlage er­fordert aber augenblicklich Geschmeidigkeit von beiden Seiten, sowohl von der Reichsregierung, wie von d:r bayerischen Negierung, damit man auf der mittleren Linie zu einem Ausgleich kommt, der für die ganze Nation ein unabweisbares Bedürfnis ist zur Verhütung der gefährlichsten innorpolitischen und außenpolitischen Erschütenurgen. Man mag Herrn v. Kahr sonst so hoch schätzen wie man will, und auch die schönsten ZukmtftshvffmMgen an ihn knüpfen, in der gegenwärtigen Krisis ist er nicht der geeignete Mann am richtigen Platze.

Dasselbe hatten auch die Bertroter der bayeri­schen Volkrpartei gefühlt, als sie bis auf einen Mann für eine Formulierung stimmte, die Herr von Kahr beanstandet hatte. Als er daraus mit seinem Rücttriltsgesuch antwortete, erschraken einige über den eigenen Mut, und es setzte sich in dtejcr Pareti eine starte Gegenströmung an, die hauptsächlich auf den Ein­fluß des Abg. Dr. Heim zurückzuführen ist. Heim hat s. Zt. die Abtrennung der Bayerischen Volkspartei vom Reichszentrum durchgedrückt. Wenn die Volks- Partei jetzt Herrn o. Kahr fallen ließe und mit ihm die deutschnationale Partei (die sich dort fälschlich Mit­telpartei nennt), so würde die bayerische Volksprtei wie- der zu der richtigen Polttik der Mitte zurücktehren und damit wieder der Reichspartei des Zentrums sich annähern. Um das zu verhindern, wird die alt- bayerische Volksseele durch das Ge­spenst der Berliner Diktatur in Erregung versetzt. Die Leute glauben, daß der bayerische Staat verkauft und verloren sei, wenn man mit den bedeu­tenden Zugeständnissen fettens des Reiches sich befrie­digt erklären.

Im übrigen Deutschland, auch tn Württemberg, in Baden, ist das Volk der Meinung, daß in Sachen der Notverordnung und des Ausnahmezustandes die Reichsgrwalt wftklich ein großes Entgegen­kommen gegen Bayern bewiesen hat. Das lange Feilschen und das heftige Stretten um die Formulie- mng dieses oder jenes Nebensatzes in dem Kompro- mißoorschlag tarnt außerhalb der blauweißen Pfähle kein Wohlgefallen erwecken. Man sagt sich, bei einem Abkommen unter Brüdern muß doch das gegen)eitkje Vertrauen den Ausschlag geben.

In der Tat handeü es sich um die Vertrau­ensfrage, und gerade deshalb muß der Versuch, Herrn v. Kahr auf dem Präsidentenstuhle xu erhal­ten, sehr hinderlich wirken. Mag Herr v. Kahr den guten Willen haben, so fehlt ihm doch die Befähigung zum ftiedlichen und freunAichen Zusammenwirken mit der Reichsgewalt. Das zeigt« sich schon in gewissem Maß« bei dem Streit über die Einwoh­nerwehren und jetzt noch deutlicher in seiner voll­ständigen Passivttät gegenüber den schwebenden Aus­gleichsverhandlungen. Wenn di« Reichsmgierung den bayerischen Behörden die Anwendung der Notverord­nung überlassen soll, so muß sie die Gewißheit haben, daß sie in dem richtigen Geiste erfolgt, wie die Ge­samtlage des Reiches es erfordert. Woher aber sollte das Vertrauen kommen, wenn Herr v. Kahr trotz seines Widerspruches gegen das Kompromiß Ministerpräsi­dent bleibt und derselbe Herr o. Pöhner, der tolle Plakate gegen Erzberger anschlagen ließ, als Polizn- präsident von München bleibt?

Aus den Zwistigkeiten zwischen Bayern und dem Reich tonnten wir nicht eher heraus, bis ein Per­son e n w e ch se l stattgefunden hat, ter diedeutsch- nationalen Quertreibereien aus­schließt und zugleich auf die altbayerischen Heiß­sporne müßigend dnmirft.

Der Gänfebub*

Fränkischer Dorfroma» von Dino Ernstberger.

43 ----------

Lächelnd öffnete bann Joseph ein Paketchen und breitete eine Menge guter Sachen vor den Kleinen aus. Ganz ruhig saßen sie eine Zeitlang da, neben all den vielen, süßen Sachen und aßen so lange, bis sie nicht mehr konnten und dann steckten sie sich alle Taschen voll für den Heimweg. Weil aber der Seppete größere Ta­schen hatte wie der Heinele, gab es zwischen beiden eine wilden Kampf, der mit einer lauten Heulerei endigte. Beschwichtigend zog Joseph den kleinen Heinele zu sich heran, dafür rächte sich Seppele, indem er sich in die herabhängenden Rockschöhe de, Onkel, schneuzte.

Je weiter der Abend vorschritt, desto lauter und aus­drucksvoller wurde der Gesang, der vom Ochsenwirts. Haus heraustönte.0 du himmelblauer See",So lang der alte Peter",wir sitzen so fröhlich beisammen", alle diese schönen Lieder waren schon durchgesungen worden, dazwischen hinein klang dann wieder brüllen­des Hoch, das dem Joseph gelten sollte; aber alle diese lockenden Laute schienen umsonst. Der, dem all' diese Huldigungen galten, dachte nicht im Traume daran, daß man im Ochsenwirtshaus so sehnsüchtig seiner harrte. Er saß gemütlich plaudernd neben seiner alten Mutter im Kreise der vollzähligen Flickschuster­familie und schien an alles eher zu denken als an Frei, hier und Begrüßungsfeier.

Marianne wollte sich nach der ersten Begrüßung leise in ihr Zimmer zurückziehen, sie glaubte, ihre Ge­genwart könnte störend wirken m diesem engen Fa­milienkreis. Joseph und seine Mutter baten sie aber bringend da zu bleiben. Die schüchterne Frau Schwä. gerin war ebenfalls hier und faß still und stumm auf ihrem Platz, dicht neben ihrem Gatten. Wie ein Schutz­dach ragte das rotgeblumte Kopftuch tief über die breite, eckige Stirne herein, das halbe Gesicht verdeckend. Sep­pele und heinele sahen es mit Befremden, wie ihre lonft so redselige Mutier still und ruhig auf ihrem Platze wie festgenagelt sitzen blieb.

Mutter, fürchtest Du Dich alleweil noch? Der frißt Dich net, der Onkel", redete heinele feiner Mutter Mut zu und Seppele erzählte lachend dem Onkel, daß sich seine Mutter vor ihm gefürchtet hätte und daß sie nicht herüber wollte. Der Kater hätte aber gesagt:Dumm'« Luder! Der fiißt Dich net," und dann erst wäre die Mutter mitgegangen.

Joseph hatte feiner Schwägerin auch Süßigkeiten mitgebracht. Um ihr nun au, der grenzenlosen Der- legenheit, in die sie Seppele, Erzählung gebracht hatte, zu helfen, stand er auf um da, für sie bestimmte Pa- ketchen zu übergeben. Mit Erstaunen bemerkte er e, seine Paketchen warenaüe verschwunden. Man suchte alles danach aus; die süßen Paketchen blieben unauf­findbar. Da dämmerte auf einmal in Peter ein Ge. danke auf: .Dunnerkeilerl" sagte er entsetzt zu seiner Mutter,a, werd'n doch mei Dub'n die War' net g'fteffn hab'n! Seppi! Heine!" zornig schrie er die Namen durch alle Räume des Hauses; die kleinen Sün­der aber lauerten schuldbewußt im Hühn er stall und ga­ben keinen Laut. 3n der Küche fand man später in einer Ecke einige traurige Ueberreste, die die kleinen Missetäter bei der Arbeit nicht mehr bewältigen tonn, ten. Peter suchte, eine große HasSlnutzrute in der Hand, Hau, und Hof ab nach feinens hoffnungsvollen Söhnen; sie waren beide spurlos verschwunden. Als später dann Joseph allein in den Hof hinaus trat, sah er eben, wie sich beide mit schlangenartiger Geschmeidig­keit durch ein Loch in der Ecke, die den Hof von der Straffe absperrte, schlängelten und eiligst davon liefen.

Während dieser Borgänge im neuen Hause wurde die zur Begrüßung versammelte Stammiischgesellschaft es hatte sich nach und nach das halbe Dorf beim Ochsenwirt eingefunden immer ungeduldiger. Der Gesang war nun ganz verstummt, dafür erzählte man sich gegenseitig die verschiedenen Erlebniffe der Jugend- zeit, die den Einen ober den Anderen mit dem ehe. maligen Flickschuster-Joseph verbanden.

Weißt's noch wie mir mit ihm Gäns g'hüt hab'n? Weißt', noch, wie wir mit ihm Aepfel gstohl'n hab'n; weißt's noch usw. usw., so frug unermüdlich einer den andern. Alle längst vergessenen Erinnerungen, die sich

an die Person des Flickschuster-Joseph, knüpften, wur. den au, ihrer Versunkenheit an das Tageslicht gezogen. Man war endlich auch mit diesen Erzählungen fertig geworden; der Ersehnte war aber immer noch nicht ge­kommen .Dar G'späßle kost a Fäßle", mit diesem geistreichen Schlußsatz schloß eben der Webermichel eine Schilderung aus Josephs Jugendzeit, da meinte der Gmahanni ernst:etza, wenn er net bald kommt, bann is fa Spätzle, mehr; dann triegn wir an Dreck statt a Fäßle."

Diese Meinung teilten auch die Andern mit Hanni. Nach kurzer Beratung wurde beschloßen, Joseph zu ho. len. Keiner jedoch getraute sich recht da voran zu gehen- Von den Dorfgrößen war dazu keiner zu gebrauchen- Man bedauerte es lebhaft, daß gerade heute der Bo. der fehlte; der hätte die Sache am besten erledigt. Der aber war zur Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit west weg in ein anderes Dorf geholt worden.

Hanni! hol'n Du! hast doch a gut3 Mundstück, und weißt wie ma mit die Herrn red'n tut," meinten einige. Hanni machte ein geistreiche, Gesicht und schwieg zunächst ganz still. Er mußte sich diesen wichtigen Gang erst im Geiste ein wenig zurecht legen. Umständlich er­hob er sich von seinem Platz, zog die buschigen Augen, brauen hoch in die höhe und nahm aus seinem Schmalz- lsrgläschen eine kräftige Prise. Genau so machte es immer der Herr Bezirksfeuerwehrinspertor, wenn er den Bauern wegen der Feuerwehrübungen Dortrag hielt und dieser Mann hat Hanni von all den Herren Bezirks", mit denen er amtlich in Berührung kam, stets am meisten imponiert. 3n erster Linie zahlte er Hanni immer einige Maß, was sonst keiner von all den Herren Bezirks tat, und in zweiter Linie waren es die vielen Fremdwörter, die dieser gelehrte Mann in der Unterhaltung führte, was Hanni so Respekt einflöhte.

Wenn davon auch Hanni nie ein einziges Wort be­griff, so war er doch fest davon überzeugt, daß er un­geheuer gescheit fein müsse Genau wie der Herr Be. zirksfeuerwehrinspektor griff Hani, nachdem er ge'chnupfl hatte, in die Taiche, sm sein Schnupftuch hrvorzuholen und da er kein solches DOrfanb. schneuzte er sich schlank­weg in bie Hand.

III.

lieber bie großen Schwierigkeiten, bie in ber gegen­wärtigen Zeit in den Fragen des öffentlichen Lebens bestehen, kann uns nur eine ernste christliche Le. bensauffaffung hinüberretten. Alle Zentrums- anhänger mögen sich heute mehr denn je der Talfache bewußt fein, daß in der Vergangenheit nur die Zen­trumspartei für die Freiheit und bie Interessen bet christlichen Religion zuverlässg unb einheitlich singe- treten ist. Diese Erkenntnis muß ganz besonders vclr der Verabschiedung des wichtigen Reichsschulge. setze, und anderer bedeutsamen kulturpolitischen Aus­gaben der nächsten Zukunft alle Parteifreunde treu und zielbewußt die Zentrumsgrundsätze erkennen und ver­treten lassen.

ZLegerwald und öie christlichen Gewerkschaften.

Ministerpräsident Stegerroalb hielt in einer Konferenz der Funktionäre der christlichen Gewerk­schaften, die im Städtischen Saaibou in Essen ftattfanb, einen Voctraq über die gegenwärtige Lage des deutschen Volkes. Einstimmig wurde eine Resolution angenommen, in der ausgedrückt ist, daß sich die Konferenz einmütig auf den Boden der

Die Kundgebung der

Rheinischen Zentrumspartei.

Im Anschluß an eine Trauerfeier für die unlängst verstorbenen Führer der Zentrumspartei sand in Köln, wie schon kurz gemeldet, unter der Leitung des Ersten Vorsitzenden, Lustizrat Mönnig, en» aus allen Tellen des Rheinlandes sehr gi$t besuchte Sitzung des Provinzialausschuffes der Rheinischen Zentrumspartsi statt, in der die innen- und außenpolitische Lage zur Besprechung stand. An das etnteitenbe Referat des Rcichstagsabg. Geh. Regierungsrat von Gußrard (Koblenz) schloß sich eine recht angeregte, ausgedehnte Aussprache an, die ihren Niederschlag in »iender einmütig angenommener Entschließung d:

I.

Mit höchstem Befremden hat ber Provinzialausschu? Kenntnis genommen von den Nachrichten, welche eine Nichtaufhebung ber wirtschaftlichen Sanktionen als möglich ober gar als wahrschein­lich barstellcn. Wenn bie zum 15. September zugesagte Aufhebung de- Sanktionen nicht stattfinden sollte, wird sich in ganz Deutschland die Ueberzeugung geltend ma­chen. daß Zweck und Ziel dieser Politik bie völlige wirt­schaftliche Vernichtung Deutschlands ist. Ebenso müssen wir barauf bestehen, daß endlich die militärischen Sanktionen, welche das ganze Leben des besetzten Gebietes mit einem unerträglichen Druck belasten, auf. gehoben werden zumal sie jeder rechtlichen Grundlage entbehren.

II.

Angesicht, des geradezu fanatischen Ansturms gegen den Reichst an zler D r. Wirth weist der Provin- zialausschuß auf den Zweck dieser aus gegnerischen Par­teien stammenden Angriffe bin; es fall durch die Sin­griffe gegen den aus dem Zentrum hervorgegangenen Reichskanzler offenbar das Zentrum selbst getroffen werden. Die Zentrumspartej muß in Stärke unb Einig­keit bestehen bleiben, wenn der allein rettende Kurs ber Mitte aufrecht erhalten merben soll. Aus dieser Ueberzeugung heraus fordert der Provinzialaus- schuß alle Mitglieder der Partei auf, alles zu vermeiden, was den Beftrebungen unserer Gegner Vorschub leisten und dem au, unseren Reihen hervorgegangenen Reichs­kanzler seine so schwere vaterländische Ausgabe noch weiter erschweren muß.

Mit dem größten Bedauern hat der Provinzialaus. schuß gefe^en. daß den bisherigen Bemühungen des preußischen Ministerpräsidenten Ste­ge r w a l d. ein Ministerium auf breiterer Grundlage zu bilden, trotz aller seiner Anstrengungen ein Erfolg bis jetzt versagt geblieben ist. Wenn, wie bisher, eine Politik der Mitte fortgeführt werden soll, so muß diese BerbreUerung nach beiden Seiten gleichmäßig ftattfin- den.

Männer! wenn Ihr meint, ich soll an Joseph hol'n, will ich haltnauf geh" sprach er in lautem Amtstone. Ich werd ihn schnell hab'n ben Dunnerkeilerl Wenn man so viel mit die Herrn sich rumreiß'n muß wie ich in meim Amt mit die Herrn Bezirks, bann weiß ma schon wie ma mit die Sakra am erscht'n fertig wird. In 10 Minuten bring ich ihn Euch unb wenn er hin ts ber Kerl so wahr ich ber Gmahanni bin."

Hannis Worte hatten auf alle Hörer tiefen Eindruck gemacht unb als er nun gar sofort feine Amtsmütze auf fetzte unb bie Stube mit wichtig-ernster Miene vor- ließ, um fein Unternehmen auszuführen, folgte ihm die laute Bewunderung seiner Mitbürger. Alles krängte sich an die Fenster, um die weitere Entwicklung bet Dinge zu beobachten. Hanni war unter ber Haustür des neuen Hauses glücklich verfchwunben. Er bauerte lange, bis sich die Haustür wieder bewegte Ten War. tenben schien es eine Ewigkeit. Aller Blicke waren er­wartungsvoll auf das neue Haus gerichtet. Auf einmal löst sich rasch der Menschenknäuel vor den Fenstern; rote wild stürmte die neugierige Schar auf ihre Plätze zurück; Joseph kam eben mit Hanni über die Straße herüber auf das W-rtshaus zu.

Stramm, mit stolzem Schritt, so wie es Hanni stets eigen ist. wenn es gilt, bie meisten Beschlüße ber hoch, achtbaren Dorfältesten auf ber Straße bem gemeinen Volke zu verkünben, schritt Hanni rechts neben Joseph her. Ein stolzer Siegerblick traf die Fenster de, Ochsen- wsttshauses.

Etzt kommen s'! Hockt Euch! den Flickschu­ster-Joseph nur an; hat ber an schön Spencer an!" Potzdunnerkeih be, söll der Flickschusierseppl sei; den hätt' ich nimmer kennt. Jz allaweil so drecket g'weßt." Leut und Kinner seht nur wie der Hanni steigt. A feiner Kund, der Seppi!"

Solche Reden durchschwirrten in rascher Reihenfolge bie rauchige Stube, bis man bie Schritt der Ankommen­den im Hausilur vernahm. Als Hann die Wirtstüre öffnete unb stramm vorangehend mi Joseph in die Stube trat, herrschte dort momentan le d se Sille. All« Blicke hingen an ber eleganten Gestalt d.', Flickschuster- | Josephs. Auf vielen Gesichtern lag ein freundliche«, 1 verlegenes Grinsen. (Forts, folgt)