Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Aulda.
fit. 209.
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Montag, 12» September 1921.
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48. Zahrg.
Freie Dahn für die Verständigung mit Dahern.
Uahr nicht mehr Mimsterprafi-ent.
Die Gefahr, die für die Reichseinheit mrch das merkwürdige Verhalten der bayerischen Regierung heraufdefchworen worden war, hat durch die letzten Ereignisse in München eine erhebliche Minderung erfahren. Der bisherige Leiter der bayerischrn Politik, der auf der äußeren Rechten stehende Minifter- präsideikt o. Kahr, ist zusammen mit dem druffch- nationalen Justizminister Roth zurückgetreten, weil die Parteien, die bist^r in aufopferungsvoller Weife das Kabinett Kahr stützt hatten, sich nicht mchr in der Lage sahen, die gefahrdrohende Taktik dc-utsch- nationaler Quertreiber zu dulden. Es ist erfreulich, daß es biejen Quertreibern, an deren Spitze der jetzige Schriftleiter der „Münchener Abendzeitung"^ der frühere protestantische Pastor Traub, steht, nicht gelun- gA ist, die Voraussetzungen für eine Verständigung mit dem Reich unmöglich zu machen und damit die größten Gefahren außer» und innerpolstifcher Art herauszubeschwören. Zeitweilig konnte man bei den eigen gearteten bayerischen Verhältnissen das schlimmste be- pirchten. Bayern ist ein Agrarland unb vieles, was in Siorddeutfchland mit seiner großen Industriearbeiter» schast notwendig ist, kann den Bayern als ein unnötiges Opfer erscheinen. Aus diesem Gesichtspunkt ist es zu «klären, daß auch die bayerische Volkspartei dem Ministerpräsidenten, der aus ihren Angehörigen hervor- gvgangen war, länger Gefolgschaft geleistet hat, als man es in den verfassungstreuen Kreise des übrigen Deutschlands gewünscht hätte. Freilich burfie jeder, der auf dem Frankfurter Katholikentag die verständigen Ausführungen des Führers der bayerischen Katholiken im politischen Leben, des Geheimrat H e l d-Regensburg, schärt hatte, die Zuversicht bewahren, daß nichts geschehen oder zugelassen werden würde, was Verderben und Unheil in sich bergen konnte.
Ueber die Umstünde der Regierungskrise in München wird amtlich bekannt gegeben: Rach fcen Beschlüssen des Ständigen Lcnldtagsausfchusses von Samstag Nacht, sollte sich die bayerische Reg«rung gegenüber der Reichsregierung bereit erklären, der Auf» Hebung des Ausnahmezustandes näherzutveten, wenn die Verordnung des Reichspräsidenten über die Zeitungsverbote, entsprechend den Beschlüssen des ständigen Lanütagsausfchuffes geändert werde. Die bayerische Regierung hat beim Ständigen Landtagsausschuß noch den Zusatz beantragt, daß der Aushebung des Ausnahmezustandes dann nähergettetm werden solle, „wenn die Verhältntsse es ge st alten". Dieser Zusatz ist in der Sonntagssitzung des Ständigen Lcmuiagsausfchusses mit Mchrheit abge- lehnt worden Deshalb treten Ministerpräsident Dr. v. Kay: und üustizminister Dr. Roch zurück. Der Mi- »isrerral wird noch Montag vormittag zusammentreten.
Ein Extrablatt der dsutschnationalen „München- Augsburger Akendzeiumy" versieht diese Bekannma- chung mit der ausdrücklichen Betonung, daß es nur die Mittelparteien, also nur die Deutschnatio- nale und die De-utsche Dolkspartei gewesen seien, dir bis zuletzt für Kahr eintrcterr. Sie enthüllt die gänzliche Isolierung, in der sich der bayerische Ministerpräsident in der Stunde seines Stur» zes befand. Seine nächsten Anhänger in der Bayerischen Volkspartei mußten ihn fallen lasten. Mr ein Mitglied dieser Partei ist bei der entscheidenden Abstimmung neben dm Mchtsparteien auf seins Seite getreten.
Nach Ausschaltung der Kräfte, von beten der wesentlichste Widerstand ausging, muß sich nunmehr zsi-
Der Gänfebub.
Fränkischer Dorftoman von Lina Ernstberger. 411 ____________
. Sie will einmal on Joseph schreiben, daß er sie be- » llleich heute noch will sie schreiben — in ihrem öarf man etwas so wichtiges nicht um einen Tag auftchiebsn.
® ^'?^dicht hatte sie diesmal mehr Glück wie bei der nd - ßan9,Qm erhob sie sich von ihrem Polsterstuhl “ ' 91,19 ms Haus. Marianne war gerade etwas fpa- ? r <nn;?9aneert. da konnte sie ungestört schreiben: bis tu m,t dem Omnibus durchs Dorf fuhr, war
. . 19 der Brief kam gleich heute noch fort. Sie r”8 "Vfr ^übchen und holte Papier und Tinte. Trotz er gr feen Hornbrille wollte das Sehen nicht mehr recht
»T6 b?.^änbe zitterten so sehr, daß sie die Feder um halten konnte. Nur wenige Worte schrieb sie nie er, a er sie schwitzt, 06n ßer mühsoinen Anstren- ^A9nam J*anäe" Stbrper- Am Ende konnte er ihre Schrift nicht meqx lesen: es wurde ihr selbst schwer, diese Tintenzeichen zu entziffern Zur Vorsicht schrieb sie noch einmal groß darüber, ganz oben hin: „Komme!" Dann verschloß sie den Brief. Jetzt aber die Adresse! w ®,e tonnte unmöglich schreiben: man würde den Kdrestaten nie aufgefunden hnb»n
Sonst hatte die- immer Teter oder Marianne be- sorgt, nun waren aber bewe nicht da. Unruhig schaute sie durch da- Fenster ob Marianne noch nicht zurück- käme, da sah sie die Surgertneifteri» die menschenleere torffk-a&e daher kommen. Sie steuerte direkt auf dar neue Haur zu Die alte Frau erschrak. Die Be'uche der Bürgermeisterin bereiteten ,hr immer Unbehagen — unb ^ute nun gar. Dieser Brief, den sie da eben geschrie- *«, machte sie ganz schuldbewußt. Dar sollte sie nun ‘a(!en, wenn sie wegen der Kund, fragte? Pj, jeb, roa. bnincr zum Glück Marianns dagewesen bei diesen Be- '"shen und da konnte die Frau Bürgermeisterin nicht so offen sagen, wie sie wohl gern gewollt hätte. i?Cute aber! — wenn doch Marianne käme! Sie zuckte könnlich zusammen, als die Hausglocke den Besuch mel.
schsn München und Berlin zweifellos eine Einigung über die noch bestehenden, mchr oder weniger formalen Streitpunkte finden lasten.
Das neue bayerische Kabinett.
Rach dem Ausscheiden der sog. bayerischen Mittel- Partei (deutschnational) atis der Regierung fetzt sich die Koalition zusammen aus Bayerischer Volkspartei, Bayerischem BauernbmÄ und Demokraten. S»e verfügt mich ohne den nun fehlenden rechten Flügel zks- fern-mößig im Landtag noch über eine Mehrheit von mindestens zehn Stimmen. Drr der Bayerischen Dolrspari>:i angehörige Kultusminister M a 11 hat vorläufig den Vorsitz im Mmisterrat übernommen. Als Mchfolger v. Kahr wird Dr. 0. Kni kling, früherer Kultusminister im Kabinett Hertling, genannt.
Eine Verhaftung.
Der Unabhängige bayerische Landtagsabgeordnete Fischer, der vor einigen Tagen in einer Münchener Versammlung ankündigte, daß die Ausrufung einer nordbaherischen Republik bevorstehe, ist unter der Beschuldigung hochverräterischer Betätigung in Nürnberg verhaftet worden.
Politik auf längere Sicht.
In der Samstags-Abendausgabe des „Deutschen" veröffentlicht Minisierpräsident Stegerwald unter der Ueberfchrift „Realpolitik oder Stimmungspolitik?" einen Artikel, der als Antwort Stegerwalds auf die Pressekommentare über die Verhandlungen zur Umbildung des preußischen Kabinetts aufgefaßt werden sollen. Dir wollen hier einige Stellen herausgreifen, die die Aussasfnng der gegenwärtigen Lage durch Stegerwald veranschaulichen:
„Gegenüber ber geeentoärtigen politischen Gesamtsituation vertrete ich die Meinung, daß nicht die Parteischranken der Bergangenh eit den Ausgangspunkt für die Politik im nächsten Winter abzugeben haben, sondern die Frage: Wie kommt daS deutsche Volk wieder am ehesten aus feinem gegenwärtigen Elend heraus? Dafür ist neben einer steten und zielklaren Innen- unb Außenpolitik eines der ersten Erforderniffe die Stabilif terung der Mark. Unser heutiges Valutaelend resultiert in der Hauptfach aus drei Ursachen: 1. aus unserer von Tag zu Tag sich verschlechternden ausländischen Zahlungsbilanz, y. aus den großen Defizits in den HauShaitungev des Reiches unh der Länder, 3. au8 den zahlreichen Leerläufen in der deutschen LolkSwirtschast. Diesen Dingen gilt eS, neben den rein politischen Fragen, klar ins Auge zu sehen und ihnen mit Nachdruck zu begegnen. In 6em bevorstehenden Winter muß auf diesem Gebiete Durchgreifendes geschehen. Die Reichssteuern efetz- g e b u n g ist dabei von entscheidender Bedeutung, Partei» schraiiken, alte Parteidoktrrnen unb eingewurzelte gegenseitige Voreingenommenheit muffen, wenn daS Werk gelingen soll, weggeräumt werden. In den Arbeitsgemeinschaften, im ReichSwirtschaf Srat usw. arbeiten Sozialdemokraten mit Verirrtem der Großindustrie einträchtig zusammen. Ueber die bisher vorgelegten Besitzstenern tst in dem zuständigen Ausschuß dcS Reichswirtschaftsrates von Hilferding bis Irhr v. Richthofen eine Einheitsfront erzieit worden. Auch für den Reichstag scheint sich eine allseitig vertretbare Lösung vorzubererten, die nicht durch parteipolitische Schachzüge gefährdet werden darf. Schon früher habe ich ausgesprochen, baß die beiden hauptsächlichsten Aufgaben Preußens in der nächsten Zeit in der Balanzierung de» Etats und in der Durchführung der ÄerwaltungSreform bestehen. Für diese letztgenannte Aufgabe sind nicht weniger alS
bete. Der schrille Ton ging ihr durch Mark unb Bein. Danz langsam unb verzagt öffnete sie die Haustüre; da sah sie, daß die Lugen der Bürgermeisterin ganz gerötet waren — sie hatte offenbar eben noch geweint. Sie schien auch sehr aufgeregt, denn sonst hatte sie immer sofort nach der Begrüßung fchnell die Schuhe von den Füßen gezogen; keine Bitte, nicht» konnte sie sonst bewegen, anders als in Strümpfen die glatten Böden ber schön eingerichteten Zimmer zu betreten. Heute dachte sie gar nicht daran. — Während sonst ihre Blicke in ständiger lauter Bewunderung von einem .Gegenstand im Zimmer zum andern wanderten faß sie heute ganz still und ruhig auf ihrem Stuhl. jer Flickschusterin wurde es unter diefen Eindrücken immer beklommener ums Herz.
„Ist vielleicht gar was passiert? Man könnt bald denk'n. Du hätst Griema!" fragte sie endlich verzagt, weil ihr fonberbarer Besuch so gar keinen Anfang zum Reden machte.
Die Bürgermeisterin schnaufte tief auf.
„D lieb g Himmala, Vas; ich mein grab as Herz schnappt mir voneinander", antwortete die Gefragte in weinerlichem Tone.
„Um GotteswillenI Wag is denn pafitert?*
Die Flickschusterin ahnte Gräßliches. Sie war von der refolmen Bürgermeisterin dies kleinmütige Detra- gen nicht gewohnt.
„O mel Runbl! Mei Stunbl!“ stöhnte die andere auf.
Die Flickschusterin glaubte, bas Herz müßte ihr fülle steh'n vor Schreck bei diesen jämmerlichen Klagelauten. Sie hätte um die West nichi einen Laut von sich geben können. Wie eine Bildsäule saß sie der Klagenden ge. gatüber.
Sie nahm nun ihr buntgeblümtes großes Taschentuch unter ber Schürze hervor und hielt es schluchzend vor die Bugen.
„Ich hab' net anders denkt, wie mei Kundl und Euer Joseph die kommen amal z'samm'," kam es stoßweise über dir Lippen ber Weinenden.
sechs zu sarnrnenhängende Gesetze erforderlich. Dabei spielt die Frage eine entscheidende Rolle: was künftig aus Preußen werden soll und tote das organische Verhältnis ztotschen Reich unb Ländern zu gestalten ist. Diese beiden großen Aufgaben find im Hinblick auf ihre unoeheure Bedeutung nur auf breiter Koalition und nur" bei allseitige? Verantwortung und gegenseitigem guten Willen lösbar; mit einer schmalen Koalition laßen sie sich nicht durchführen. Die Stunde ist gekommen, in der sowohl das Reich tote auch Preußen feine Politik auf längere Sicht einstellen mutz. Reich und Preußen können Uebergang$!abinette nicht mehr Gebrauchen. Voraussetzung für jede Teilnahme an der Koalition ist Anerkennung der Per» faffung, ihre Vertretung mit allen staatlichen Macht- mittel» nach allen Selten unb Ausbau der Verwaltung im Sinne unb im Geiste der Verfassung. Dafür ist im Reich und in Preußen eine Mehrheit vorhanden."
Gerhard Hauptmann
in der politischen Arena?
Rach Pressemeldungen schien es sich zu beftätigetf, daß Gerhard Hauptmann, der m manchen Kreisen als großer Dichter gefeiert wird, bei der nächsten Wahl des deutschen Reichspräsidenten zu kandidieren gedenke.
Es wäre dies ein neuer Beweis dafür, daß das deutsche Volk auch in seinen geistigen Kreisen eminent unpotiti sch ist. Denn bei aller Anerkennung des Dichters Hauptmarm müßte doch eine solche Kandidatur von vornherein abgelehnt werden. Das Amt eines Präsidenten der deutschen Republik erfordert nicht einen Dichter, sondern einen erfahrenen Politiker, der in schrvterigen innen* und außenpolitischen Lagen des Reiches einzugreffen in der Lage ift Man würde weder dem Dichter selbst noch dem deuffchen Volke einen Dienst erweisen, wollte man diese Kandidatur tatsächlich beibehalten.
Rach einer neueren Zuschrift Hauptmanns an das „Perl. Tageblatt" liegt ihm die Absicht, zu kandidieren, völlig fern. Eine beruhigerche Tatsache!
Hilf dem Weg zum geistigen Bolschewismus.
Mit tiefer Erschütterung, ja mit Entsetzen liest man nr Berliner Plättern den Bericht über eine „Rote Schulw0che", die in den letzten Tagen in Neukölln, der bekannten Südwestoorstadt von Berlin, zur Werbung für die weltliche Schule ob- gehalten worden ist.
5m Lauft der Veranstaltung sprach der unabhängige Stadtrat unb Schuldezernent Dr. Löwenstein und macht» u. a. folgende Ausführungen:
Per Kampf um die weltliche Schule sei ein politischer Kamps. Gott fei als Ausfluß der sozialen Schichtung nut eine ini Unendliche projizierte kapital i st t s ch e G e w a 11 (1). DaS Proletariat hätte einen geschichtlichen Anspruch auf Ote Beseitigung bei auch hier verkörperten Prinzips der Unterordnung. Auch die Produktion dürfe nicht nur Produktion durch die Gemeinschaft sein, sondern müffe nach dem Prinzip ber Zusammenorbnuna (!) für die vemeinschaft sein. Hier gälte es nicht Pflichtbewusstsein im Potsdamer Geist, sondern Verantwortungsgefühl im sozialen Sinne. Wenn baß Proletariat erst zum Älaffeniattoillen erwache, würbe eS auch daS politische Prinzip der Bourgeoisie besiegen können. Die parlamentarische Arbeit tönne hierfür nur den Boden lockern. Der eigentliche Kampf werde nicht in Parlament oder Gesetzgebung auSgcsochten, sondern das Proletariat müffe in seiner großen Masse in kulturellen wie in wirtschaftlichen Fragen selbst den Befreiungskampf auifechten. Die weltliche Schule sei baS erste Ziel dieses Kampfes.
Wre diese Phrasen in die unabhängige Agitationsund Plakatjprache übersetzt lauten, zeigte die Straßenkundgebung, die als Abschluß ber „roten Schulwoche gedacht war. Der Berich« sant darüber iolaendes :
Es mochten etwa 2000 bis 2500 Personen beteiligt sein darunter zwei Drittel Kinder aus den sechs weltlichen Schulen Neukölln». Dem Zuge vorangetragen
Die Flickschusterin schickte oerzweiflungsvolle Blicke zum Fenster hinaus. Wo nur Marianne so lange blieb!
„Mei Kundl unb Euer Joseph! Hätt's denn auf der West was Schöneres geb’n! Sagt amal, Bar?" klagte sie weiter; aber kein Trosteswort wurde der Jammernden zu teil.
„Sagt, Das, könnt'» auf der Welt denn noch was Schöner's geb’n?“ fragte sie nochmal.
Da räusperte sich die Flickschusterin einige Male laut, noch ein letzter hoffnungsvoller Blick auf die Menschen, teere Dorfstraße, bann sprach sie ganz kleinlaut unb schüchtern: „Meine Schuld is net, Bürgermeisterin, daß nix wirb. Ich bin unschuldig d'ran, as wie a neugeboren’« Kind."
„Sell weiß ich wohl, b’runt kränk ich mich a so, ber Hanni hat rnir's schon immer g'sagt, daß Euer Joseph ka andere nehmen will, wie unser Kundl. Aber halt des Suber, de» bös! Nehm ner an, Bas, die sagt, sie geht fort auf ber Stell nei aufs Amerika, wenn's an Schneiderpeterle net kriegt. O du lieb'», gut’s Himmala! was wirb da Euer Joseph fag'n, ber wirb sich kränk'», weiter net. Sagt’» ihm ner, Bas; mei Schuld is net ober die ging rein fort nei aufs Amerika, wenn ich’» zu Euren Joseph zwinga tat."
Jetzt atmete die Fsickschusterin erlöst auf: — eine Zentnerlast fiel ihr vom Herzen.
„Da kann man nix d'ran mach'n; zwinge» bürf man’s net; des wär' a große Sünd,“ erwiderte sie auffallend rasch. „Der Schneiderpeterle hat a an schön' Hof unb Dieh unb Felber; be läßt sich gar nix brfiber fag'n.“
„Euer Joseph wär', was mei Person betrifft, mir doch viel fieber g'west.“
„Da läßt sich nix d'ran mach'n. Die Kundl ts halt jetzt von unfern Herrgott für'n Schneiderspeter b’ftimmt Da berf ber Mensch Nix mehr d'ran ändern woll’n“. tröstete die Flickschusterin weiter. Sie überbot sich in lie- bensmürbigen Trostesworten für die Frau Bürgermei. sterin und als endlich Marianne kam, fand sie die bei- bett Frauen in lebhaftester, angenehmster Unterbot tuns
wurden die Fahnen der drei sozialistischen Parteien. Mnsikkorps unb Sängerchöre waren im Zuge verteilt. Beachtenswert waren die Plakate, die man mitführte: „(gltern, befreit uns vom Religionsunterricht!“, „Wir fordern sozialistische Lehrer!“ „Nieder mit dem Geist von Potsdam!“. „Wahrhaft hohe Sittlichkeit ist Gott- unb Teusellosigkeit!", „Such neuen Geist unb scheuch das alte Uebcl die Forderung bringt dir Glück und nicht die Bibel!“ Die Mädchen mit Kränzen im Haar trugen bas Schild: „Nieder mit den Schul, reaktionären!". „Lasset die K in dl ein zu uns kommen in bie weltliche Schule!“ „Für gott- freies Menschentum!“ Ganz offensichtlich war es bei dem Parteispaziergang auf die Störung des Gottesbien- ftes in der Martm-Luther-Kirche abgesehen. Denn ostentativ fetzte unmittelbar vor der Kirche die Blechmusik ein, ein Redner trat vor, schwenkte den Hut unb schrie: „Pfaffen raus!“ Aus dies Signal antworteten die Demonstranten Gruppe für Gruppe mit mehrmali» Jem: „Nieder!“ Auf dem Herzbergplatz endete der
ug mit einer Versammlung. Die erste Rednerin führte ungefähr aus: „Lastet die Kindlein zu mir kommen so hat der große Nazarener gesagt, und so sagen wir auch. Der Religionsunterricht muß aus der Schule entfernt werden. Wir fordern die weltliche Schule. Die K i n. ber müssen ihre Eltern aufklären unb erziehen. Die widerstrebenden Eltern sollen von be;» Kinder» zur Abmeldung vom Religionsunterricht gezwungen werben, unb wenn die Elter» sich nicht zwin. gen lassen, sollen die Kinder eben ohne Erlaubnis ber Eltern zu uns kommen, wir werben dann schon dafür grgen, baß sie in der weltlichen Schule bleiben dürfen!
Is Programm ber weltlichen Schule entwickelte sie im wesentlichen das Schulprogramm der U. S. P. D. Zwangskindergarten vom vierte» Jahre an. »ach dem 14. Jahre allgemeine Arbeit»- und Produk. tionsschule."
Die Drahtzieher dieser Bewegung mögen unter der Einwirkung der Berliner Großstadtnebel im Gehirn starke Verwüstungen erlitten haben, das fei ihnen als mildernder Umstand zuerkcmnt. Gleichwohl beleuchten sülche Geschehnisse mit grellem Lichte die Gefahr, die sich für das geistige und sittliche Leben des dulfchen Volkes da hercuisbildet. Dorbote der Bolfchewismus!
katholische Studenten und Zentrum.
Die ZentrumSparlomentskorresponden; schreibt
Die Rechtsparteien rühmen sich damit, daß die übel» trotze Mehrzahl der katholischen Studenten sich zu ihren Ideen bekenne. Mit großen Zahlen wird opprteit, um die Studenten, die politisch noch schwanken, zu sich herüberzuziehen. Die „Mitteldeutsche Zeitung" behauptet neuerdings, 90» « der katholischen Studentenschaft gehör« den Rechtsparteien an. Das ist «ine bewußte Irreführung. ’•
ES muß zugegeben werden, daß einzelne katho» lifcheVerbindungen, aber doch nur ein Bruchteil ber gesamten deutschen katholische» Verbindungen, sich mit der überwiegenden Zahl ihrer „feudalen" Mitglieder zur politischen Rechten bekennen, weil daS Zentrum ihnen angeblich nicht „national", in Wirklichkeit nicht „fein* genug ist. Aber dieser Bruchteil der katholischen Verbindungsstudenten ist ein noch kleinerer Prozentsatz bet gesamten katholischen Studentenschaft, wenn man bedenkt, daß nur ent Viertel ber katholischen Studentenschaft interpoliert ist. ES ist unmöglich, die politischs Gesinnung dieser „wilden* kathol. Studenten festzustellen, zumal diese im allgemeine» in großer naterieller Not- läge sind, ihre freie Zeit ausnutzen, um diese zu bessern, unb darum keine Zeit übrig haben, sich politisch zu betätigen. aber das kann doch ftftgeuellt werden: dieser Teil der kath. Studentenschaft hat daS größte Verständnis für die Politik der Mitte, die vom Zentrum getrieben wird unb anerkennt das Bemühen ber Zentrumspartei, in aufopferungsvoller Arbeit ohne mel Phrasen baS Geschick des deutschen Volkes durch bi« Not unserer Zett einer besseren Zukunft entgegenzu führen.
Wenn auch toir einmal Zahlen nennen wollen, sq können wir mitteilen, daß nach sehr zuverläffigen Feststellungen die Zahl der katholischen Zentrum-studenten in Freiburg i. Br. 75—80°/, und m Breslau 60—65*7» beträgt. Es gibt auch eine Reihe Verbindungen, auch färbentragenbe katholische Verbindungen, die zu 95*/« bem Zentrum bei der Wahl ihre Stimme gaben. Wir
Jetzt merkte ez die Frau Bürgermeisterin erst, baß sie noch immer die Schuhe an den Füßen trug. Rasch zog sie dieselben aus unb stellte sie in ben Hausplatz vor die Türe, bann bewunderte sie die vielen schonen Sachen rings umher und damit endigte ihr Besuch. Unter der Haustür fanden sich die Hände der beiden Frauen nochmal im langen Lbschiedsbrucke.
„®r soll uns halt net bös fei, der Herr Vetter,“ bat die Bürgermeisterin nochmal mit der reinsten Leichen- bittermiene, worauf die Flickschusterin zum Tröste ner. sprach, daß er sogar vielleicht zu der Jungfer Stunbl ihrer Hochzeit kommt.
Kaum war die Bürgermeisterin vor der Tür brau- ßen, ließ die Flickschusterin den Brief schnell von Ma- rlanne nochmal offnen. Sie selbst diktierte Marianne mit kurzen, kernigen Worten, was Joseph noch schnell erfahre» sollte. Während Marianne den Briefumschlag überschrieb, horte man auch schon be» Postpeters bekanntes, melodisches Tcatiritt ftoh durch das Dörfchen blasen.
Dor dem Ochjenwirtrhaus verstummten stets die süßen Posthornklänge; dort hielt ber Peter an, um sich an einer frischen Maß zu laben. Huldvoll nahm er bei dieser Gelegenheit dann manchmal auch den Einwoh. nern dringende Briefe zur Weiterbeförderung ab, wel- chen Liebesdienst er sich stets durch ein gutes Trinkgeld vergüten liefe. Der Postpeter war dadurch eine ganz hervorragende Persönlichkeit im Dörfchen geworben. Wenn er mit feiner alten, wackeligen Postkutsche die Dorffttafee entlang fuhr, war die» immer ein kleines Ereignis.
Manch Glas Vier bliebe der Ochsenwirti» ungetrun- ken im Fafe, wenn der Postpeter nicht wäre, benn wer es ein wenig einrichten unb machen konnte, der hielt im Ochsenwirtshaus Brotzeit, wenn gerade die Postkutsche vor ber Türe stanb. Da gab es immer was Neues zu hören. — Die grofeen Ereignisse, die inter- esiantesten Neuigkeiten; — Sachen, die oft fchon tagelang die ganze Welt in Atem hielten wäre» den Dörf. lern unbekannt geblieben, wenn der Peter nicht gewesen wäre. —
«Foryetzuna folgt.)