Fuldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. ros.
Deranlwonlich für ven ceOtmtoneHen Teil: Dr. Kramer, - für die Anzeigen: I. Parzeiler-Fulda. z Rotationsdruck u. Lerlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Teleqr.-Adrelse: Fuldaer Zeitung.
Samstag, 10. September 1921.
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48. Zatzrg.
Die reichen Völker und die armen Völker.
Sm Völkerbund, der in Genf zurzeit feine ziemlich «nfruchtbarrn Beratungen abhält, Hal der Belgier Lafontaine eine überraschend vernünftige Rüde gehalten über die wirtschaftliche Solidaritat der Staaten und die Pflicht der besser gestellten Länder, den verarmten Bölter», aufzuhelftn.
Der MMN hat recht, ober was wird er mit seinem Dtehnruf erreichen? Der Völkerbund, an den er appelliert, hat n i ch t d i e M a ch t, die wohlhabenden Volker zur Mildtätigkeit zu zwingen, und bis die letzteren sich freiwillig zur Hilfeleistung entschließen, kann noch manches rerarmte Volk als Opfer des Krieges zu- gmndegehen.
Es erhebt sich da für die WeltpoMk dasselbe Problem, wie für die Sozialpolitik in den einzelnen Stauten. Die reichen Klassen sollen den ärmeren Klassen oufhelftn, aber die Durchführung dieses echt christlichen und staatsklugen Gedankens stößt fortwährend auf die größten Schwierigkeiten, teils wegen Mangels an gutem Willen, teils wegen Mangels cm Organisation.
Schwarzseher behaupten sogar, es geschähe das Um- geLehrte von dem, was Lafontaine ordert. Viele reich: Leute oder Mächte versagten nicht allein ihre Hilfe, sondern suchten vielmehr die Notlage der Schwächere:» noch zu ihrem weiteren Vorteil ausz n- beuten. Eine solche Empfindung kann sich auch in Deutschland regen, wenn wir sehen, daß die Ä m e r i - kaner, die im Kriege so glänzenLe Geschäfte gemacht haben, sich setzt 100 deutsche Mark bezahlen lassen für den Dollar, de: früher 4,20 Mark galt. Das übrige Geld der Siegerstaalen und der Neutralen ist mich auf das Zwölffache bis Zwanzigfache des früheren Wertes in deutscher Mark gestisgen, und zwar in gleichem Schrill mit der Höhe der Tribute, die man Deutschland aufgezwungen hat. Also muß das ausge- po werte Deutschland außer den verhängten Milliarden auch noch den Wucherzuschlag bezahlen, den ihm der Ankauf der immer kostspieligevm Devisen auferlegt.
Aus diesem Exempel am eigenen Leibe können wir ersehen, daß die Hilfe für das verarmte Deutschland nicht einmal n Almosen zu bestehen braucht, daß wir eigentlich nichts geschenkt haben wollen, sondern uns sch»n durchschlagen könnten, roenn men uns nur von den Zuschlägen erlöste, die durch das Treiben auf dem Geldmärkte unsere vertragsmäßigen Verpflichtungen bis zur Unerträglichkeit steigern. Also statt des Almosens nur K r e d i t h i l f a! Die könnten und sollten uns die besser gestellten Staaten ohne gefährliches Risiko leisten, — in der einen oder der andevrn Form, über die sich Deutschland gern verständigen würde. Die Vorbedingung märe nur, daß man überall sich zum Lewußtsein der wirtschaftlichen Solidarität der Mächte durchringt und das schwankende Deutschland unterstützt, um sich selber von den fatalen Wirkungen eines deutschen Santerotts zu sichern. Es wird keine altruistische Opfertat erfordert, sondern nur die Betätigung eines w e i t s i ch t i g e tt, auf bas Geftuntwohl gerichteten Egoismus.
Wenn Frankreich behauptet, daß es selbst zu den Bedarfsländern gehöre und nichts zu verschenken habe, sondern nehmen müsse, so bleibt auf ihm doch der Vorwurf hängen, daß es keinen Finger rührt, um dem deutschen Schuldner bfe Last zu erleichtern, vielmehr aus Haß und Furcht fortwährend auf die Schädigung Deutschlands hinarbeitet, also den notleidenden Schuldner leistungsunfähig zu machen, zum Bankerott zu treiben droht.
Mit Recht wurde im Völkerbund betont, daß die allgemeine A b r ü st u n g ein vorzügliches Mittel wäre.
Der Gätifebiab.
Fränkischer Dorfroman von Sina Ern st berge r.
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Er hatte ganz langsam gesprochen; bei seinen letzten Worten war Lore zusammengezuckt. Ihr war es gewesen, als hätte sie ein wuchttger Peitschenhieb getroffen. Einige Sekunden lang mußte sie nach Fasiung ringen; darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Am liebsten hätte sie ihm sofort den Rücken gekehrt und märe daoon- gegangen. Eine Blutwelle flutete über ihr Gesicht; sie lGen momentan um eine Antwort verlegen. Dann hob sie plötzlich stolz ihr Köpfchen; sie sah ihn wieder ebenso liebenswürdig an. als hätte er ihr eine Schmeichelei statt dieser demütigenden Worte gesagt. Er sollte um keinen Preis wisien, daß sie seine Beleidigung gefühlt hatte. <5ie atmete aber doch erleichtert auf, als jetzr eben eine Dame auf sie zukam, um sich von ihr zu verabschieden.
Auffallend oft suchten an diesem Abend noch ihre Bücke die elegante Erscheinung des einstigen Jugendfreundes.
Einige Malz traf auch sie fein Blick — ein kalter, fremder Strahl.
Sie, glaubte sich dafür zu rächen, indem sie ihn im Verlauf des weiteren Abends vollständig überfah. Um fo huldvoller war sie gegen die anderen. Sie scherzte mit allen und lachte oft lauter, als man es von ihr gewöhnt war. Wer sie aber genau kannte, der wußte, daß diese Heiterkeit gekünstelt war, gemacht um die innere Mißstimmung z« verbergen. Sie ärgerte sich darüber, daß er fo gleichgültig und teilnahmslos an ihr vorüber blickte, und sie ärgerte sich über sich selbst weil sie fühlte, daß bte Kälte dieses Mannes sie tiefer vorletzte als sie sich selbst eingestehen wollte.
Schon stühzeitig verließ Joseph die Gesellschaft.
Da schien es Lore, als hätte der Abend für sie plötz- sich allen Reiz verloren. Sie war auffallend ruhig und still geworden. Als man sie nach der Ursache ihres plötz- Lch veränderten Wesens fragte, schützte sie Kopfweh vor und befahl den Wagen« der sie heimbrachte.
um Gelder flüssig zu machen für die wirtschaftliche Rettung unseres verarmenden Erdteils. Aber rvo bleibt die Abrüstung? England will seine Schiffsbauten nicht einschränken, und Frankreich will fein großes LaNdhesr nicht vermindern. Letzteres berührt uns unmittelbar; denn da Frankreich von feinen zahlreichen Soldaten möglichst viel im besetzten Rheinland und in Ober» schlesten unterbringt, muß Dättschland einen großen Teil der französischen Rüstung bezahlen und obendrein den tetreffenten Soldaten die hohe Luxuszulage gewähren. <Eo bekommen wir statt der erwünschten Kre- dichilfe weitere Belastung durch die Unkosten der überflüssigen Besatzung, noch über die Repamtionsfummen hinaus!
Es ist also noch eine gründliche Bekehrung in ver» schredenen Staaten notwendig, ehe die Reden im Völ- kerbund praktische Folgen haben können. Immerhin ist jede Anregung zu begrüßen, wie ein Schneeglöckchen im Frühjahr.
Entspannung zwischen Bayern und dem Held)?
weg mit den Quertreibereien.
Nach anstrengenden Verhandlungen sind am Donnerstag Abend die Grundzüge des bayerischen Kom- promifles soweit gediehen, daß bereits am Freitag der bayerische Mini st errat darüber verhandelte. Um jede Porteidiskussion bis zur Erzielung eines Ergebnisses auszuscholten, hat der Reichskanzler dafür Sorge getragen, daß auf allen Seiten strengste Vertraulichkeit über die Vorschläge obwaltet. Auch die Mehrheitssozialdemokraten und die Unabhängigen haben sich bereit erklärt, die Münchener Verhandlungen zunächst einmal abzuwarten. Danach ist zu erwarten, daß die bayerische Regierung unter bestimmten Voraussetzungen in Kürze den Ausnahmezustand fetter aufbeten wird, daß aber andererseits den Ländern eine gewisse Freiheit in der Handhabung der Aus- nohn»sverordmmNen von Seiten des Reiches zugestan- den wird.
Nachdem der Ständige Ausschuß des bayerischen Landtages seine Stellung zur Entschließung der Regie- rung Dr. v. Kahre genommen hat, ist eine neue E r - Körung des Reichskanzlers Anfang nächster Wochezu erwarten. Es ist nun zu hoffen, daß inzwischen alle Kombinationen unterbleiben, die die Angelegenheit doch nicht fördern, sondern die allein geeignet sind, aufs neue unruhiges Blut zu schaffen, wo allein die kühle und verständige lieber« legimg und ein Handeln, das den Tatsachen auf beiden Seiten gerecht wird, die notwendige Entspannung her- teiführen können.
Es ist ohnehin zu beklagen, daß m einer Angelegenheit, die in ihren Anfängen doch durchaus nicht auf eine politische Tragweite angelegt war, Gegensätze derart grundsätzlicher Natur heraufbeschworen werden konnten.
Rene Stockung.
Berliner Blätter melden, daß sich im Verlause tes Mmisterrats die Aussichten auf eine glatte Annahme ter Berliner Vorschläge verschlechtert hätten, sodaß mit einer erneutenStockungderBerhandlun- genzu rechnen fei. Agitatorisches Treiben der Rechtsund Linksradikoien in Bayern erschweren die Situation. Die Sozialdemokraten reden von einem bevorstehenden Abfall Frankens von Dayem.
I» dieser Nacht konnte Joseph die Ruhe nicht finden. Noch lange lehnte er am geöffneten Fenster feines Schlafzimmers und fchauie sinnend hinaus in die Dunkelheit der Nacht. Hoch über ihm leuchteten in stiller Pracht die Sterne; er schaute empor, genau, fo strahlte des Orion leuchtendes Sternenbild, da er als armer, unerfahrener Darfflickschuster in düsterer Nacht das traute Heimatdorf verließ. Mit stolzen Hoffnungen war er da ausgezogen; er hoffte goldene Siege und fand blutigen Kampf. Langsam zogen an feinem Geiste alle die Silber der Vergangenheit vorüber. All das, was er im bunten Wechsel des Lebens geahnt, gehofft und ersehnt, das schien ihm aufs neue aus der Fern« herüber zu grüßen. — Auch der schweren Stunde mußte er gedenken, wo feine süßen Hoffnungen zerschellten; wo in seine junge, vcrttauende Seele der Schmerz des Lebens seine Runen schrieb und ihn mit einem Male zum ernsten, verschlossenen Manne machte. Ex atmete tief auf, dann streckte sich seine stolze Gestalt — heute war er mit sich zufrieden. Jahrelang hatte er an seinem Racheplan geschmiedet, nun war der Augenblick gekommen, wo er denselben Zur Ausführung bringen konnte. Auf gleicher gesellschaftlicher Stufe mit Lore stehend, trat er ihr heute wieder gegenüber; noch mehr: er hatte heute ihren Stolz empfindlich verletzt und er fühlte nur zu gut, daß sich ihm noch öfter Gelegenheit bot, um Rache zu nehmen für die erlittene Schmach, wenn er nur wollte. Der Gedanke, einmal Vergeltung zu üben, hatte ihn immer verfolgt. Er war es, dem er viele Erfolge im Leben zu verdanken hatte; er stählte feinen Charakter und trug dazu bei, daß er feine Ziele mit trotzig« voller Kraft verfolgte. Befriedigt im tiefsten Innern,' suchte er endlich fein Lag« auf. Erst gegen Morgen verfiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
10. Kapitel.
D« sanfte, warme Goldhauch der H«bstsonne lag übet der Flur. Durch die Luft zogen sich des Spätsom- m«5 weiße Fäden und zahlreiche H-rbstzeillosen auf den Wiesen kündeten des Sommers Ende.
Die alle Flickschusterin saß in ihrem großen Polster- *’■ X im Gärtchen hinter dem Hause; rlna« um sie war
Die „Franks. Ztg." läßt sich aus München melden, daß anscheinend der Ministerrat mit schweren Entschlüssen ringt Es wäre nicht ausgeschlossen, daß die Kvalitionsparteim vor bte_ Möglichkeit einer Regierungskrise gestellt würden. Es dürfe aber erwartet werten, daß m den Sreisen der Koalitivnsparteien der feste Wille besteht und nichts versäumt werden wird, um die Krise doch noch zu einer für das Reich und Bayern günstigen Lösung zu führen.
Vie preußische Regierung.
Halbamtlich wird über die hier schon besprochenen Verhandlungen in Berlin nunmehr gemeldet: Auf Einladung des Präsidenten des Preußischen Land- tages fand am Donnerstag nachmittag eine Verhandlung zwischen den früheren Koalitionsparteien, Sorialdemokraten, Zentrum und Demokraten, fiatt. Gegenstand der Verhandlung war eine Aussprache über eine etwaige Neubildung der preußischen Regierung. Nach zweieinhalbstündiger Beratung war feft- zustellen, daß einstweilen nichts erreicht werden konnte. Die Besprechungen sollen aber zu gegebener Zeit fortgesetzt werden.
Was immer wieder gesagt werden muß.
Gegen alldeutsche Geschichlsfälschung!
Einem Aufsatz des bayerischen demokratischen Abgeordneten Prof. Dr. L. Quidde, den die „Deutsch- demokratischen Beiträge" veröffentlichen, entnehmen wir folgende Tatfachenfeststellung:
. . . Erzbergers Gegner hatten es verstanden, einem großen Tell des deutschen Volkes den Glauben bei- zubriugen, Erzberger fei ter Mann des Waffenstillstandes vorn 11. November 1918, das heißt, derjenige, ter für die Bedingungen dieses Waffenstillstandes verantwortlich fei, in fernem Leichtsinn vom Feinde getäuscht, wenn nicht noch schlimm«, von ihm gekauft. Er sei also dafür vevaniwovtlich, daß unser „nicht besiegtes Heer" die Waffen niederlegen mußte; er fei vevant- wörtlich für all das Elend, das uns infolge des Waffenstillstandes getroffen hat.
Diese Lüge hat einen großen Teil des deutschen Volkes beherrscht trotz ter offen zutage liegenden Beweise, daß hier eine beispiellos freche Verleumdung ihr Spiel getrieben hot und die Wahrheit ganz erntete Leute belast«. Ich habe niete. sonst durchaus zurechnungsfähige Menschen getroffen, die in diesem Punkte wild fanatisch, undebchrbar waren. Erzberger hat in ter Tat büßen müssen, was Ludendarff gesündigt hat!
Für seten, der sich ein ruhiges Urteil und den Willen zur Gerechtigkeit bewahrt hat, sollte jo ter Hin- weis genügen, daß Ludendorf s, testen Kriegs» ziele jederzeit ein absolutes Hindernis für den Abschluß eines erträglichen Friedens waren, Abschluß eines Waffenstillstandes „binnen 48 Stunden gefordert hat, da sonst eine imlttärtsche Katastrophe zu fürchten fei, und daß, als dann die furchtbaren Be- dmcpmgen des Waffenstillstandes vorlagen, H i n d e n - bürg zwar gewünscht hat, man möge gewiss« Kenterungen dies« Bedingungen durchzusetzen versuchen, daß et aber, vor die Frage: „Annehmen oder ob» lehnen?" gestellt, «Körte, äußerstenfalls müßten auch die ungünstigsten Bedingungen angenommen werden. Für diesen Waffenstillstand tragen also die militärischen Führ«, Lutendorff tu erster Linie, die Verantwortung. Einer beispiellos gewissen- lofen Agitation ist cs gelungen, die Verantwortung Erzberger aus.zmvähzen, irrtib damit den Haß viel« gutgläu- bigen Volksgenossen zur Siedehitze zu steigern.
Es ist ein sympathischer Zug in unserem militärischen Zusammenbruch und m der Revolution, daß das deutsche Volk nicht über „Verrat" geschrieen und die Kopse der gesch'ag-snen GerrwAe gefoltert hat, daß Erscheinungen rote der Prozeß Bogeine von 1871 bei uns keime Nachfolge gefunden haben. Aber daß dieses deutsche Volk nun feine geschlagenenGeneräle zu nationalen Helden erhebt, und daß em Lutendorff, ter, roenn irgend ein einzelner, als verantwortlich für unser Unglück angesehen werten muß, wieder
es lautlos still, nur hin und wieder fiel ein rotgefärb- tes Blatt von den wilden Weinreben an b« Mauer raschelnd zur Erde Nieter. Aus der Ferne tönte bas einförmige, dumpfe Brummen der Dreschmaschine; dazwischen hörte man Peitschenknall ober das Geraffel eines vom Felde heimkehrenden, schwer beladenen Wagens.
Das alte Haupt gelehnt an die Kante des Lehn, stuhles blickte sie empor in das reine, klare Blau hoch üb« ihr. Ihr müder Blick folgte dem Fluge eines jungen Schwalbenpaares. Sie rüsteten sich zum Abschied, die geliebten Sommergäste. Wehmütig betrachtete sie das zwitschernde Treiben hoch im Aetherblau. — Ob sie wohl wiederkehren werden, wenn warme Frühlrngs- lüfte roieb« wehn! Wie mags da fein? — Ein langer kalter Winter lag da zwischen heul' und künftigen, sonnigen Frühlingstagen; und sie ist alt und müb. Sie friert! Ihr fifbensminter ist auch gekommen; der Win. terfonne fehlt die Wärme. —
Seltsam! Wie hinter der gefurchten Stirne, über die sich weiße, dünne Silb«hame legen, der längst verflogenen Jugend beitere und trübe Stunden plötzlich neu «stehn! Wie lebhaft all' die alten, längst begrabenen Erinnerungen sich wieder regen; wie alle die Erlebniffe d ergangen er Tage aufs Neue aus den Tiefen ihrer Seele steigen.
Es ist, als wollten sie sie alle nochmals grüßen, bevor ihr müder, alter Körper h'nabsinkt in das Grab. — Zeigt nicht auch die Natur sich nochmal in den wärm- sten, schönsten Farben, bevor der kalte Schnee des Win. ters alles Leben still begrabend deckt!?
Vor langen Jahren horte sie cs einmal sagen, es stürbe sich viel leichter in ber Jugend als im Alter — der Mensch gliche da dem Baum, der immer tiefere Wurzeln in die Erde schlägt, je längere Jahre « im Boden wächst und grünt. So hinge auch d« Mensch im Alter mehr am Leben. Auch seine Wurzeln wären viel tiefer, fester mit dem Irdischen verwachsen, damals, ats sie bas horte, hatte sie darüber gelacht. — Wie konnte dies sein? Wie konnte man nur so eine Behauptung aufftellen, meinte sie da; — ein langes Leben ist doch eine Qual; ein langer Kampf. Ist denn nicht ieber zu beneiden, den bte Erde deckt?
wagen tat, zmn.deutschen Volk als Führer In eine beflere Zukunft zu sprechen, daß heute Tausende denen, die als Kriegsverbrecher — im politischen, nicht strafrecht, lichen Sinne des Mortes — politisch geächtet fern müßten, den Helffcrich, Ludendorss und Genossen zujubcln und Erz. borget mit ihrem Haß und ihrem Fluch verfolgt haben. — daß aus dieser Gesinnung heraus die Mordtat hat er» wachsen können, das ist ein geradezu trostloses Zeug, nis für die politifch« Unreife des deutschen Volkes, für feine Leichtgläubigkeit gegenüber den handgreiflichsten Lügen.
England und Sowjet-Rußland in vorderafien
Dor längerer Zeit haben wir bereits auf free beiderseitigen Bemühungen Englands und Sowjet-Ruß. lands, in Persien und Afghanistan Einfluß zu ge» winnen, hingewiesen. England hat natürlich em außerordentlich großes Interesse daran, in jenen halb zivilisierten Staaten seinen Einfluß so zu sichern und zu stärken, daß jene Staaten sein indisches Reich als Bollwerk gttgen bolschewistische Bestrebungen sichern.
Man hat lange Zett nichts über die weitere Ent» wicklurog ter gegenseitigen Bemühungen gehört. Jetzt liegen Meldungen, zum Teil aus englischer Quelle, vor, die deutlich erkennen lassen, daß das Bemühen Eng. lcmds in Afghanistan und Persien seinen Einfluß zu sichern und zu stärken, völlig mißlungen ist. Afghanistan hat einen Gesandten der Sowjet-Re. gierung seierlich empfangen. Dagegen hat der Der» iretec ter englischen Regierung die afghanistanische Hauptstadt Kabul verlaffen müssen. Englische Blätter melden überdies, daß die Verhandlunsen zwischen Eng. land und Afghanistan über einen gegenseitigen Vertrag abgebrochen sind. Das alles deutet darauf hin, daß Sowjetrußland es verstanden hat, Afghanistan für sich zu gewimim.
Dem gleichen Hindernisse, das England in Afghanistan gefunden hat, schcint es auch in Persien zu begegnen. Zwischen Persim und Afghanistan ist ein Vertrag zu-m Abschluß gekommen, der den englischen Interessen entgegensteht. Em bisher bestehender Vertrag zwischen England und Persien ist nach Meldungen englischer Blätter von ter persischen Regierung für nichtig erklärt worden. Danach scheint bisher die englische Politik in Mittelasien völlig gescheitert zu sein. Für England bedeutet dieses Scheitern seiner Politik zweifellos nicht geringe Gefahr. Wir habm erst in diesen Tagen darauf hingcwiesen, daß sich hr Indien offensichtlich Zeichen bolschewistischer Propaganda bemerkbar machen. Jetzt liegen Nachrichten aus London vor, rooiraa) die Gouverneure mehrerer indischer Pro- oinzen erklär! haben sollen, daß die Bewegung, welche politische Umwälzungen in Indien bezwecke, äußerst ernst sei. Der Ausstand sei nicht mehr lokaler Natur, sondern durch eine gefährliche Propaganda geleitet, di« nicht ohne Wirkung geblieben wäre.
Die englische Regierung jedenfalls sieht augenscheinlich biß Lage in Indien als bedrohlich an, denn nach Londoner Meldungen hat sie sehr weitgehende Beschlüsse gefaßt, die, wie es heißt, zur Unterdrückung ter Revolution führen sollen.
Deutsches Reich.
* Berlin, 10 Sept. Dem als Reichskommissar für die besetzten Gebiete 'm Koblenz in Aussicht genommenen Fürsten zu Hatzfrl d-W ildenburg ist von der Botschafterkonferenz das Agrement erteilt worden.
* Aufhebung von ZeilunWverbolen. Unter dem Vorsitz tes Reichsministers Dr. Gradnauer verhandelte der Ausschuß des Reichsrats über di« Beschwerden der auf Grund der Verordnung des Reichs- präfitenten vom 29. August verbotenen Zeitungen. Nach längerer Beratung wurde das Verbot ter in Frage kommenden sechs Zeitungen („Deutsche Zeitung", „Deutsches Abendblatt", „Deutsches Tageblatt*,
Und jetzt? — Nun hat sie 77 Lenze hinter sich; bte Zahl ber Jahre haben ihre Kraft gebrochen; angstvoll zählt sie die wenigen Lahre, bie sie nach menschlich« Berechnung noch leben könnte, unb jeden Tag dankt sie Gatt für bie Gnade, daß sie nur diesen einen noch erleben durfte.
Wenn Joseph doch heiraten würde! Nur dies eine, wenn sie es noch erleben könnte. Sie würde dann lieber sterben — ruhiger auch. Was soll mit ihm denn werben, wenn einmal bie alte Eva nicht mehr seine Haushaltung führen kann — vielleicht gar stirbt? Dann ist « ganz fremden Menschen in die Hände gegeben, unb wenn bei ihm einst das Atter kommt mit seinen Gebrechen und Mühsalen, wird tt es bitter empfinden, daß er allein steht im Leben und ihm die sorgende Liebe einer treuen Gattin fehlt. Was helfen ihm dann alle seine Schätze? — .
Liebe und aufopferndes Mitgefühl lasten sich nicht mit Gell» erlaufen. Die früheste Jugend und bas späte Altor benötigen ab« viel opferfreudige Liebe.
Wie! Wenn er sich entschließen könnte, Marianne zu heiraten. Da wüßte sie ihn dann oerforgt. Warum « nur gar nie hierher kam? Sie hatte gedacht, er würde sie hier recht viel besuchen, und nun war er Überhaupt noch gar nicht hier gewesen. Wenn sie ihm schriebe: wenn sie ihm mitteiüe, daß sie sich nach seinem Besuch sehne. Sie weiß, « würde dann gleich kommen, unb dann — dann wollte sie es ihm einmal sagen, was sie drückt. Daß « ihren Wunsch damals wegen ber Dür- germeisterkundl kurz abgrschnitten, begreift sie jetzt; ab« Marianne würde doch bester zu ihm passen wie Kunbll
Anfangs war sie mißttauisch gegen Marianne gerne, sen; sie hatte immer gedacht, Joseph hätte im geheimen Einverständnis mit ihr gehandelt, als er sie ihr in bas Haus brachte. Sie hatte dem Mädchen anfangs sogar oft gegrollt, weil sie ihr die Schuld beimatz, daß Joseph die schöne Partie mit der Kundl so rundweg abgeschlo» gen hatte. Nun sah sie aber deutlich, daß sie sich gründ, lich getäuscht hatte und jetzt war ihr dies eigentlich recht leid. Es wäre ihr lieber gewesen, sie hätte sich nicht getäuscht.
(Fortsetzung folgt)