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48. Zahrg

Beramworüich Hit öeu -toauionellen Xeii: Dr Kramer,

Donnerstag, 8. Sept 1921

Hr IAA - für bk Anzeigen: I. Parze^rr.^moa. - *vV« RorarionsSruck u. Verlag der Fuldaer Aclienbruckerei In Fulda

kernmrechei Nr. 9. Teleqr.-äörei'ie: Fuldaer Zeitung

eine deutsche

Cine starke Mitte

Lxistenrfrage

liche Lage/

hin­ein, und und das

den bayerischen Behörden überlassen bleibt. Dagegen ist der Abordnung nicht gestaltet, über di« Aus­hebung des Ausnahmezustandes in Bayern zu verhandeln. Sie ist vielmehr beauftragt, der Reichsregierung nochmals darzulegen, daß der Ausnahmezustand zurzeit für Bayern eine unbedingte Notwendigkeit darstelle. End­gültige Abmachungen wird de bayerische Abordnung nicht zu treffen haben, vielmehr bleibt die letzte Ent­scheidung der bayerischen Regierung selbst vorbehalten.

Vertrauliche Verhandlungen der $. p. v. mit -er U. $. P. V.

Wie derVorwärts" meldet, fand am Mittwoch eine vertrauliche Aussprache von Vertretern der C. P. D. mit solchen der 11. S. P. D. über die polit sche Lage statt. Man war sich darüber einig, daß zum Schutze der Republik ein gemeinsames Bor­gehen beider Parteien sich empfiehlt.

Hinsichtlich der bayerischen Frag« wurde be­tont, daß die sofortige Aufhebung des Delagerungs- zustandes unerläßlich fei. Am Mittwoch abend unter- richteten Vertreter der beiden Parteien den Reichs­kanzler und den Reichsminister des Innern über ihre Auffassung. Insbesondere betonten sie, daß aus Grund der Verordnung des Reichspräsidenten neuerdings wie­derholt kommuni stische Blätter verboten wurden. Sie l'eßen keinen Zweifel darüber, daß der im we­sentlichen gegen die rechtsbolschewistische Press« ge- richtete Charakter der Verordnung nicht durch unter­geordnete Verwaltungsorgane verwischt und nach links um gebogen werden dürfe. Di« Regierungsver» tret er erklärten, wenn linksstehende Blätter zur Gewaltanwendung gegen die Verfasiung auffor­derten, di« Verordnung auch gegen sie Anwen­dung fände.

Nach Sdmlral Scheu Generalv.rSbel.

Eine zeitgemäße Warnung richtet nach dem Beipiel des Admirals Scheer auch der General von Löbel im deutschnationalenTag' an die ihm nahestehenden politischen Kreise. Dte Tatsache an sich, daß der General von Löbel eine solche Warnung für notwendig hält, beweiset, wie richtig der von uns stets betonte Standpuntt ist, daß die H tze gewisser Streife der äußersten Rechten alles andere al8 national ist. Die Richtigkeit bteier Behauptung ift zweifellos a ich von General von Löbel empiunden n orden und hat ihn zu einer Warnung veranlaßt, der wir folgendes entnehmen:

Es war daher auch politisch unklug, daß von bekann­ten und angegebenen Landwirten in den Zeitungen d i e Ernteaussichten grau in grau gemalt ja sogar als katastrophal bezeichnet wurden, während doch die Getreideernte im ganzen zufriedenstellend ist und die Rartoffeiernte sich noch nicht übersehen läßt. Durch der- artige Uebertreibungen wird die politische Erregung nur gesteigert und die Händler nutzen derartige Schilderun- gen zu Preistreiberei en aus. unter denen die Allgemeinheit schwer zu leiden hat Aufreizend wirkt auch die Art der Bc Handlung der Gleuel do ringe. Don rechts und links erfolgt der Ruf. daß dieser Regie­rung die Steuern nicht bewilligt werden dürfen, dabei ist es doch unser Saterland, das zusammenbre. chen müßte ohne Bewilligung der Geldmittel. Der Mittelstand der am meisten unter den hohen Steuern leidet, versucht sie zu ertragen wenn er auch deshalb aus seinem Etat des Sonntaasfleisches die Butter. Zu»

äciuaepreis: iKonaiiid) 3.5j 211 l. ebne Bestellgeld. Post« u bezug 4,10 Alk. Abgehott 3.75 Hit. , "

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Warnung ist natürlich nur an die gerichtet, denen Wohl und Wehe unseres Baterlondes am Herzen liegt. Jeder einzelne muß zur Beruhigung der erregten Volks­seele beitragen. Jnteressenpolitik muß schwei­gen. Der Komps der politischen Parteien untereinander, io wie er zurzeit ausgeartet ist. verschärst die unerträg»

Ministerpräsident Stegerwald hat sich gegen- über dem Chefredakteur desDeutschen' eingehend über bte Hauptsragen der deutschen Politik geäußert und Gedanken ausgesprochen, die in Zentrumskreisen unbedingten Beifall sirkden werden.

Die gegenwärtige innerpolitische Lage sieht, so sagte Stegerwald, sehr verworren aus und läßt sich trogdcm auf eine einfache Formel bringen: die Eoziaidemokrali« kämpft |ür eine Verstärkung der Linken, während Zentrum und Demokraten sich gegen eine Zerreibung der Mitte einfetz.m. Das kommt in den Presseerörterungen nicht klar zum Ausdruck, Hai sich aber seit der Ermordung Erzder- gers zum Stern der innerpolitilchen AusnttaiDer-.tzun- gen ausgewachsen. Wo ich bet diesem Kampfe stehe, habe ich bereits voriges Jahr in Essen ausgeführt. Han­delte es sich bet diesen Auseinandersetzungen bloß um mehr Brot für die breiten, nichlbesitzenden Volks- schichten, dann stände ich unbedingt an der Seite der Sozialdemokratie. In wirtschaftspolitischen, sozialpoli­tischen und steuerpotitijchen Fragen ist zwischen der sozialdemokratischen Reichstagsfrakiion und mir, glaube ich, sehr wohl eine Verständigung möglich. Der Mensch lebt aber nicht vom Brot allein. Worum es g.gen- wärtig geht, ist die Frage: ob schon jetzt in Deutsch­land die Entscheidungsstunde zwischen rechts und links gekommen ist. Ich halte diese Stunde noch nicht für gekommen und stehe in dieser wie in anderen Fragen auf dem entgegengesetzten Standpunkt, wie ihn Herr Spahn jun. aus dem Mün- choner deutschnattonalen Parteitag vertreten hat. Ich falte für das nächsde Jahrzehnt eine starke Mi 11e ü: eine deutsche Lebens- und Existenz» rage. Was später werden wird, ist nicht in erster Linie Sorge von heule. Eine Rechtsmehrheit bebtutete bis auf weiteres einen unerträglichen außen­politischen Druck und die latente Gefahr des Bürgerkrieges im Inneren. Eine Links- Mehrheit winde meines Erachtens im ersten Jahr­zehnt ins Chaos führen. Dte fozialdemokralifchen Parteien allem können dte Schwere der an das Deuifdje Volk heranlrelenden Aufgaben weder ertragen noch meistern. Zentrum und Demokraten kämp- sen meines Erachtens gegenwärtig nicht bloß um ihre engeren Panetimereffen, sondern um SlaatsnoI» wendigkeilen, wenn sie sich einer Zerreibung der Mitte widerfetzen, lülan geb? sich keiner Täuschung hin: aus den Gejamlgefch Kniffen der letzten Wochen hat bi« Rechte mindestens soviel profitiert wie dte Linke Wos wir brauchen, ist Ruhe und Ste­tigkeit in de r deutschen Politik, di>.' nur durch eine kompakte Milte einschließlich eines star­ken Aröetterslügels ereidjbar ist. Je später bas beulsche Volk zu dieser Erkenntnis kommt, desto größer und andauernder wird die Bedrängnis uud vpferperiode sein, die es aus sich nehmen muß. Das deutsche Volk zersieischt sich gegenwäritg wieder einmal in R e b e n s r a g e n, wie Monarchie oder Republik, Über Zuständigkeiten zwischen Reich und Länder, über die Art der Srcueroerteilung, um patteipolitische In­teressen, während es sich seine eigentliche Le» liensftage verdunkeln läßt, nämlich: die Samm- uttg der Kräfte für die Wiedererlangung un- erer nationalen Freiheit, die auf diplomali- chrm Wege allein nicht erreichbar ist, daraus muß viel­mehr auch der Wille des Volkes hingelenkt werden.

Aus den weiteren Ausführungen Slegerwalds ist noch hervorzuheben: Die M e h r h e i t s f o z i ol­de m o k r a 1 ie hat in Würdigung der Gefamtlage auf dem Gebiete der praktischen Politik mehr uinge»

cf er, Gier streich'n muß. Biele Beißende Segen schränken Wein- und Schnapsgenuß nicht nfummen geben sie für Spiel und Wetten hin. Unsummen werden vergeudet. Diese Mahnung

lernt, als das Bürgertum seit der Revolulion im Vergleich zu früher dazugelernt hat. Die bür­gerlichen Kreist, die den Wiederaufbau unfeies Lan­des frei von politischer und klaffenpolitischer Enge wol­len, müssen insbesondere bei der bevorstehenden Steuergesetzgebung erkennen, daß die nicht- besitzenden Kreise nicht einjeilig den Packesel für die Gesellschaft abgeben formen. Ungeheure Teuerung auf der einer Seite und unübersehbare Masfenorr- brouchssteuern aus der anderen Seite sind eine politische Unmöglichkeit.

Auf die Frage:Was sagen Sie zu dem Streit um M o n a r a; i e und Republik?" erwiderle Stegerwald: Darüber habe ich meine eigene Meinung. Ich halte die flanke Problem stellung f ü r falsch. Das Entscheidende auch in der gegenwärti­gen Stunde ist, ob eine dünne Oberschicht ober die schassende Arbeit Träger der deutschen Auf- baupolitik fein soll. Und darüber kann es bei der ge- genwärtigcn Gesamtlage Deutschlands kaum eine ernst­hafte Meinungsverschiedenheit geben; di« schaffende Arbeit muß es leisten. Den Anhängern dcr Monarchie fehlen bis aus weiteres sowohl der ausreichende An- Hang, wie die ersorderlichen Machtmitel zur Durch­setzung ihrer Ziele. Und selbst wenn der Anhang für öie Monarchie ausreichend wäre, wurde ihre Durch- führung genau wie vor 50 Jahren in Frankreich sch.i- tern an der Uneinigkeit über den Thronpräien- denten. Die Frage der Monarchie ift also bis auf roet- teres eine Sonntags ansllegenhcit, einstweilen hat aber das deutsche Volk, um leben zu können, Werk- tagsarbeit zu leisten. Man halte sich also aus der einen Seite frei von Illusionen und auf der anderen Seite frei von Nervosität, und wir sind ein großes Stück weiter. Daß heule in absehbarer Zeit in Deutschland nicht an eine Monarchie gedacht werden kamt, ist Gemeingut von mindestens 80 o. H. des deutschen Volkes. Es sollt heute nicht schwer, im Reich und in Preußen einen starken Koalitionsblock zu schassen, der willens ist, die gegenwärtige Versasjung mit allen staatlichen Machlmiteln nach allen Seiten hin zu verteidigen. Soweit ich die Dinge überseh«, ist eine Einigung in der Sache, fr. h. über di« Aufgaben, die demnächst im Mich uni) in Preußen bevorstehen, auf breiter Front in durchaus fottschrtt- lichem Sinne sehr wohl möglich. Was hinderlich ist, find in der Hauptsache Partei Überlieferungen und gcgenseiligcs Mißtrauen. Hier gilt es, für alle, die guten Willens sind, anzufetzen.

Auf die Frag«:Wie stehen Sie zur Umbil­dung der preußischen Regierung?" er» widnte der Ministerpräsident: Diese Frage ist nur eine Teilfrage in dem großen angedeuteten politischen ®e- dankenkorr.plex Die preußlfthe Regierungsum­bildung liegt bei dem Zentrum und bei der Deutschen Demokratischen Partei. In den nächsten Wochen steht für die deutsche Zukunsts- eniwicklung Großes auf dem Spiel:. Möge ein gro­ßer Moment nicht ein schwaches Geschlecht finden!" ver bayerische Konflikt

Zu den Besprechungen zwischen der Reichsregie­rung und der bayerischen Delegation schreiben die Blätter, daß alle Anzeichen dafür sprechen, daß auf beiden Seiten der ernste Wille vorhanden ist, die vor­handenen Differenzen auszugleichen.

In einem Münchener Telegramm derVoss. Zig." heißt es, daß die bayerische Delegation in Berlin ge­mäß den Beschlüßen des Min'sterrats vom 3. 6<p. die Verordnung des Reichspräsidenten betreffend Zei­tungsverbote anerkennen fall, sofern die Durchführung

Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.__

vslschewiftlschr Hoffnungen auf Deutschland.

Die jüngsten Vorgänge in Deutsch''nd haben bei dm russischen Bolschewisten wieder Hoffnungen hoch- kommest lasten, die bisher kaum noch Nahrung fanden. Die russischen Machthaber glauben, daß die gegen, wärtige Unruhe in den d?u,schen Masten zu Verwir- tungen sichre, aus denen für die kommunistische Pro­paganda Rügen gezogen werden könnte.

Wie weil diese Hosjnungen gehen, ergibt sich daraus, daß aus Sowjelrvßlands Befehl dte deutschen Kommu­nisten dafür Sorge tragen müßten, daß es in Deuilch- land unter alln Umständen zum Ausbruch einer Re­volution mit Sowjet zielen komme. Der Plan, Deuischlond zu revolulioniev'N, hat gerade in den letzten Tagen di« Moskauer Sowjets nachdrücklich de» toäftigt. Trotzki hat bei dieser Gelegenheit erklärt, k»ß bis zum 15 Sepien der 320 Millionen Mark in Gold nach dem Ruhr-Gbiet, nach Schlesien und nach Sachfen geschickt werden sollen, und daßerprobte" bolschewistisch« Agitatoren in diesen deutschen Gebieten zur Vorbereitung dieser neuen Revolution in Deutsch, land adgeiandt würden.

Die Lage der russischen Kommunisten ist ft aer- gttteifelt, daß si» unbedingt eine H i l s e von außen brauchen, und diese erblicken sie in einer Bostchewisie- rung Deutschlands. Diese Tatsachen folllen uns allen sehr zu denken geben. Sie sollten lehren, daß alles vermieden werden muß, was dtefen Tendenzen der Radikalisierung Vorfchub leisten könnte. Es ist höchste Zeit, daß das Bürgertum sich auf seine gemeinsamer, Interessen besinnt.

Das rustisch« Paradies.

Hader Blak«, ein wagemutiger Berichterstatter derDaily NewS", der nut dem Flugzeug über Paris nach Baranowitichi flog, um Dort das Sammellager der Hunaerflüchtlinge aus Rußland zu besuchen, veröffentlicht einen anschau» sichen Bericht übet seine Erlebnisse, dem wir Oie folgenden Schilderungen entnehmen:

Ein mächtiger sich von Oft und West ergießender Strom sterbender Menschheit in ferner Flucht vor Hungersnot und Tod, toutnelnb, stürzend auf dem Wege der Leiden, nur zu oft, um sich nicht wieder zu erbeben; immer nach Rettung im Westen strebend, einer aller» schwächsten Hoffnung lebend, denn Hun ier und Tod folgten über die Grenzen Rußlands. Der Erlaß, wo­nach nur die Heimatlosen das Land vei lassen durften, halte die schreckliche Wirkung, daß die Bauern ihre Heimstätten in Asche legen, um damit den Beweis der Heimatlosigkeit zu liefern und fliehen zu können.

ES ist ein herz et-eißendeS Bild, diese Zugladunaen von sterbenden Unseligen in daS La er von Barano- witschi strömen zu sehen, alle abgezehrt und in Lumpen. Viele nackt. Sie sind oft zu schwach, um sich bewegen zu können, fallen buchstäblich aus Len Waggons und brechen dann zusammen. Die Kinder sind vielfach mit Wunden beveckt, die Gesichts,ine kaum kennbar infolge der Schmutzes, die Augen überkrustet. Schwärme von Flic en lassen sich auf sie nieder. Der ganze Platz stinlt von der grauenhaften '-lusdünstung faulender Menschenkörper. Von irgendwelchen Samtatsmatz- nahmen teiue Spur. Einige vieler unglückseligen Ge­schöpfe hoben saft daS phaniastische Ansehen von Men­schen aus der Steinzeit. Cie leben in alten deutsches oder ruffischen Schützengräben zumeist in Hütten auS Baumzweigen. Ich betrat eine der letzteren: in einem' Raum von etwa sechs Geviertfuß elf schlafende Men»' fchen. Fast trieb mich dcr furchtbare Gestank wieder hinaus. Mit dem Suiren eines Flu zew Propellers hoben sich die Schwärme von Fliegen von den Lw'en­den. Auf einem blutbefleckten und blutgctränlten Haufen von Lumpen liegt ein kleines, etwa sechs Monate altes, völlig nacktes Kind in unbeschreiblichem Zustande. Ohne Fleisch auf den Gliedern ift daS Ganze ein kleines, mit Haut bekannte» Clelktt, selbst zum Weinen zu schwach. Daneben kauerte die Mutter, vor­wärts und rückwärts schaukelnd, vor |ich hin stöhnend in ihrer Qual. Sie sah nicht aus, atS ich zu ihr sprach, aber ich hörte, sie habe seit fast einer Woche keine Nahrung gehabt und sei tatfächlich im Sterben. DaS Kleine starb, wo eS lag.

Der Eänsevub.

ßröntifdjet Dorsrvman von Dina Ern st berget. 88; --

Plötzlich zuckte er heftig zusammen. Welt öffnete sich fein Auge und folgte unverwandt einer hohen, stolzen Frauengestalt. Dem Herrn, mit dem er sich eben noch Sanz unbefangen unterhalten hatte, mochte die plötzliche Erregung Josephs ausgefallen fein'. Befremdet sah er bn an da merkte Joseph erst, daß er eben eine ganz faü<be Antwort gegeben hatte. Träumte er? Hatte er retbl gesehen? ®ar das nicht Lore, die am Arme eines fxrrn eben plaudernd an ihm oorüberging Ganz so »ie er ihx Bild im Gedächtnis halte, wie er es wachend und im Traume stets gcfehen, war die Dame ja nicht Eigentlich konnte er sich Lore gar nicht mehr so recht Dorftellen. Jetzt erschien ihm ihr Gesicht bedeutend älter unö die einst (0 schlanke, elfenhafte Figur war voll und stark geworden. Doch sprach nicht gerade dieser Um­stand sehr dafür ^ diese Fremde Lore sei? Darüber tonnte ihm oietieich, ^et Herr, mit dem er sprach. Aus- funft geben. Etwa» unsicher fragte er ihn. wer denn die hübsche Dome mit bcm Erikazweig im Haar fei.

»Die da? Frau Fabrikant Fellner!"

Fabrikant Fellner!" Unwillkürlich vibrierte feine Stimme etwas als er den Namen langsam nachsprach.

Frau Fabrikant Lore Fcllner," wiederholte der Gefragte nochmals.Kennen Sie die Dame»" fuhr ft dann fort als er fah, daß der Name Eindruck auf Jo. fepb gemach, hatte.Ihr Vater war viele Jahre hier Professor eie war cas emj-ge Kind und heiratete einen reichen fjabritanten in M Ihr Mann war bedeutend älter ale sie Nun ist er gestorben und hinterließ seiner Witwe ein ziemlich bedeutendes Vermögen Sie ist nach dem Tode ihres Mannes wieder zurück in ihre Vaterstadt gezogen und lebt jetzt hier."

Joseph tat erstaunt, als wären ihm die Namen alle fremd. Die Frage ob er die Dame kenne, ließ er ganz unbeantwortet; mochte der andere denken, daß er sie überhört hatte.

Als der Tanz zu Ende ging, oerabschiedete er sich von dem Erzählenden; er entschuldigte sich damit, daß er Bekannte begrüßen wolle. Er mußte allein fein! Wild wogten seine Gedanken durcheinander. Er hätte jetzt unmöglich in ruhiger, gleichgültiger Unterhaltung dem Gedankengang eines anderen folgen können. Nun stand er allein im Saale und hing feinen Gedanken nach. Schon mehrmals glitt fein Blick suchend durch das lebendige, flimmernd« Gewoge des Ballsaales; er konnte nicht miederfinden. was fein Auge sucht«. Da verlor auf einmal die glitzernde Pracht rings nm ihn den Reiz. Er fragte sich: Was tust du denn eigentlich hier, wo du von Geburt aus gar nicht hingehärst? Wer deinen Werdegang kennt ober erfährt, wird dich hier für einen Eindringling betrachten; wird's für keine besondere Gnade halten, wenn er sich mit bcm einstigen, armen Schusterjungen unterhält. Wäre es nicht bester, wenn du künftig die Kreise miedest, in denen du nie so recht heimisch werden kannst. Et wollte keine Gnade: »r hatte nie danach getrachtet, sich die Gunst hoher S) rren zu erringen. Was er war war er durch eigene Kraft ge­worben; er halte dem Schicksal feinen Platz im Leben abgerungen. Er wurde groß und reich, weil er es wollte Seinem tifernen Willen hatte er alle Erfolge im Leben zu verdanken. Was er |e ernstlich anstrebt, alle« war ihm gelungen. Nie hatte er einen Mißerfolg gehabt.

Noch einmal glitt fein Auge suchend durch den Saal- Alles saß jetzi plaudernd an den Tischen rings umher. Da war es schwer, unter den vielen geputzten Frauen ein« einzelne herauszusinden.

Unbefriedigt zog er sich in eines der Herrenzimmer zurück, wo man beim Glase Wein sich zwanglos unter, hielt. Schmeichelnde Weisen, die vom Ballsaale ge. dämpft herüberdrangen, kündeten bald mietet den Be­ginn des Tanzes. Da litt es auch Joseph nicht mehr hier; es zag ihn mächtig in den Dallsaol zurück. Plau­dernd schloß sich ihm ein Bekannter der auch das Trei­ben tm Saal« sich ansehen wollte, an; et aber beant. «ortete zerstreut und unzufammenhängend besten Fra« l

gen. Paar um Paar wurde von ihm sorgfältig ge­mustert. Da plötzlich durchzuckte es feinen Körper wie ein elektrischer Schlag. Ja, das war die Lore, die da eben an ihm vorüberschritt. Unter seinem zwingenden Blick hob sie auf einmal das Haupt und sah ihm voll ins Gesicht. Nicht die leiseste Veränderung in ihren Mienen sagte ihm. daß auch sie ihn erkannte. Aber seltsam, wie aufgeregt er war, wie seine Pulse schlugen und das Blut heiß durch seine Adern rollte, wenn sie in seine Näht kam! Halit dies etwas zu schassen mit den Rachegefühlen, die jahrelang sein Herz erfüllten! Wie oft hatte tr es sich oorgeftcllt, wie sie ihn damals in ihrem Salon hohnvoll von sich wies; jedes ihrer verletzenden Worte hatte fein Gedächtnis treu bewahrt, und nun, da tr sich endlich am Zielt lab, schien ts fast, als «hälft er alles das vergessen. Er mußte nur Immer der Zeit denken, da sie im Dorfe mit ihm froh scherzend, durch die Felder streifte. Das durste n:d)t fein.

Er rief sich nochmals alles ins Gedächtnis zurück, bis tr fühlte, daß die weicheren Regungen aus feinem Herzen wieder verdrängt waren. Mit finsterem Bl ck verfolgte er die hohe, fchlanke Gestalt. Don einem Herrn, mit dem er sich längere Zeil unterhalten hatte, erfuhr er, daß Lore mit ihrem Knaben erst vor ganz kurzer Zeit hierher gekommen war- Später fah er, wie sie in Gesellschaft einer ihm bekannten Familie ben Ball- jaal verließ. Da befahl auch er feinen Wagen und fuhr heim. Er konnte in dieser Nacht nur wenig schlafen. Mil offenen Augen lag er noch stundenlag im Bett und überdachte die Erlebniste des Abends, Ob wohl Ma. riann« wußte, daß Lore hier ist? Sicher, Marlamc hatte ja nicht verhehlt, daß sie mit ihrer Verwand»«- noch in Verbindung stand. Warum sie nie von Sore erzählte? Dachte sie. daß di« Erinnerung noch heute nach fo vielen Jahren ihm Weh bereitete? Gl-ich morgen wollte er an feine Mutter schreiben und Ma­rianne bei dieser Gelegenheit es misten lasten, daß er Lore wiedersah. Sie sollte nicht glauben, daß er Np. um den verlorene« Jugend träum trauerte

Als fr am nächsten Morgen erwacht« glaubte er. «r hätte all das Erlebte nur geträumt. Er mußte sich erst nach und nach alle Einzelheiten wieder in das Gedächt­nis zurückrufen. Roch bevor er sich zum Frühstucksti,ch setzte, holte er das Adreßbuch herbei. Richtig, da stand es ganz deutlich: Fellner, Fabrikantenwliwel Und ge. nau in derselben Straße wohnte sie wieder, wo sie als Mädchen mit ihrer Mutter gewohnt hatte. Er wußte nun, daß er über kurz oder lang mit ihr m Gesellschaft Zusammentreffen würde. Ein kalter, Hatter Zug crfchien in seinem Gesicht; vielleicht würde fetzt endlich für ihn der langersehnte Tag der Vergeltung kommen. Aber Woche um Woche verging, und es wollte ihm ein Zusam­mentreffen mit Lore immer noch nicht glücken Da et* hielt er eines Tages eine Einladung zu einem Teeabend bet der Familie mit welcher Lore den Ball damals be» sucht hatte. Ohne lange zu überlegen, sagte er fein Kommen zu. Sehr sorgfältig machte er an diesem Abend Toilette.

Es war ein kleiner Kreis den er da beisammen fand, meistens liebe Bekannte. Entläufchl blickte er umher; Lore war nicht zu fehen. Schrill tönte die Gtecke noch einigemale durch bas Haus; erwartungsvoll sah er stets die Tür sich öffnen und neue Gäste kommen. Lor« war aber nie unter ihnen. Sein Nachbar verwickelt« ihn später in ein Gespräch und so überhörte er es wie die Tür sich abermals öffnete und nochmals Gäste kamen. Erst, als er feinen Namen Hörle, fah er überrascht auf. Man wollte ihn eben einer fremden Dame vorstellen, es war Corel

Obwohl er ein Zusammentreffen mit ihr gesucht hatte jetzt war es ihm doch Überraschend gekommen. Ein Riß ging durch seinen Körper, bann reckte sich feine Ge­stalt; mit kaltem, fremdem Blick sah er, sich verbeugend, in ihr stolzes, schönes Gesicht. Jetzt da er ihr so nahe gegenüberstand bemerkte er, daß die einst fo liebreizen­den Züge den Schmelz der Jugend verloren hatten. E? erfüllte ihn diese Wahrnehmung mit einer gern ff en in- neren Befriedigung. Nur der hochmütige Zua um den Mund war noch ganz der gleich« geblieben. (Forst, f.)