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Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladl Fulda.

Nr. 205.

LeranlwonUch für öen «oauionellcn Teil: Dr. Kramer, u für dir tin,teigen: I. Parzener-Fulda. s Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. SVemisretbet Nr. 9. Teleqr.-Adreise: Fu ldaer Zei ung

Mittwoch, 7. September 1921.

Bezugspreis. Monalltw 3,50 1HL ohne Bestellgeld. Post- : bezug 4,10 Alk. Abgeholt 3,75 Alt. -

Anzeigen: Colonelzeile 70 pfg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Retlomezeile (lepbreite' 250 Ulf.

48. Zahrg.

Sie AMahUvemiNW Nd Bayern.

Don besonderer Seile wird uns geschrieben:

Bei der bekannlen Neigung des Publikums, rasch Ku vergessen, verlohnt es sich, aus den innerpolitischen Begebenheiten einiges festzuhalten. Schon versucht man in einem Teil der Rechtspresse, den Mord an Erzberger durch tauten Lärm über die neuen Maßnahmen der Reichsregierung, die doch im Grurcde genommen nur Ausläufer dieser großen politischen Welle darstellen, in den Hintergrund zu drängen. Weshalb mußte diese Verordnung erlassen werden? Weshalb ist sie erlas­sen wordLn ohne vorheriges Befragen der Landesregie­rungen? Besonders der letzte Einwand kommt aus Bayarn. Selbst rrichstreue und maßvolle Blätter haben dort im ersten Augenblick bei grundsätzlicher Zu­stimmung doch dic Form getadelt und die Raschheit, mit der über den Kops der bayerischen Regierung hinweg die Verordnung erlassen wurde, als einen schwuren geiler bezeichnet. Dieser Vorwurf ist völlig Unver­ständlichkeit, wcnn man in tvt großen Welt der Wirk- tichkl.ii lebt und nicht in dem bayerifchenIdyll"

Es schttnt ja fast, als ob man in jenen bayerischen Kreisen sich keine rechte Vorstellungen machen kann von der ganzen Tragweite dieses Mordes und von den ungeheuren durch ihn heraujbeschworenen Gefahren. Es ist ja leich« zu jagen, daß man sich nicht durch Strcßendemonstrationen imponieren lasse, aber die bloß« Tatsach.' dtcser Demonstrationen und chres ge­waltigen Umfanges ift_ ein« Realität. Eine politische Realität ist auch die Stimmung der breitsten Schich­ten Deutschlands, die nur der verkennen kann, der sich sein Urteil über die Volksstimmung aus Zufallsäuhe- rungen am Biertisch und im Straßenbahnwagen bil­det. Es ist ganz außer Zweifel: durch DeMfchiand geht, geweckt durch ben Mord an Erzberger und durch dir jahrelangen bis zur Unerträglichkeit gehäuften Auf­reizungen von rechts eine noch schweigende aber mächtige Welle von links.

Unter diesen Verhältnissen wirkt der bayerische Vorwurf, man hätte nicht so rasch über b:n Kopf der bayerischen Regierung hinweg handeln sollen, fast wie der bekannt: Zuständigkeitsstreit zwischen zwei Feuer- wchrkrmmandamen angesichts eines lodernden Bran­des. ßj war ein lehrreicher Augenblick, als der Nestor der Zentrumspartei, Exzellenz Spahn, im Reichs- iagsausschusje mit der ganzen Abgeklärtheit und Lie- benswürdkMAr^des überragenden Staatsmannes den Bayern ihr Gekränkscin verwies. Bis weit nach rechts hinein reichte die Zustimmung der Parteien zu den Darlegungen Spahns. Niemand unter den bürger­lichen Politikern wir hoffen wohl sagen zu dürfen auch in Bayern wird sich im Ernst der Schwere der Lage verschlicßsn können.

Der Mord ar: Erzberger hat in ungeahnter Weise das Schwergewicht der politischen Lage nach links ge­rückt. Das kommt auch in b:m Zusammengehen der sozialistischen Parteien zum Ausdruck. Das Wort des Reichskanzlers am Grabe Erzbergers:Wehe dem, der noch einen Tropfen in den übervollen Kelch fchüt- ket!" hat eine noch w ir größere Bedeutung, als manche ahnen. Und doch gibt es jetzt nach einem Ausspruche Trimborns aus feiner allerletzten Zeit fein größer,» politisches Zier als die Rettung der Mitte. Sie ist die Lebensfrag,; der Nation. Seit zwei Jahren zerren kurzsichtige Parteien von rechts und links an diesem Block der Mitte und doch haben wir es einzig und allein ihm zu danken, daß wir aus den zehn­fachen Todesgefahren des Zusammen­bruchs und der N achrevolutionszeit einigermaßen in ein stilleres Fahrwasser beginnender Gesundung gekommen sind.

Der politische Dilettant und der Durchschnittsleser ahnt oft nichts von der unendlichen politischen Arbeit

Der Gänfebub.

Fränkischer Dorfroman von Sina Ern st berge r. 37] -----------

Bei derartigen Gelgenheiten mußte nämlich Hanni bnmer mit dem Bürgermeister gehen und die Gedanken der Dorfoberhauptes in Worte kleiden: denn, sonder- d«r, so laut und redselig ber Bürgermeister auch daheim toat, bei Fremden brachte er kein Wort über die Lip­pen.

PünkUich war Hanni an seinem Platz. Den Heirats- plan mit de,. Schneiderskundl hatte er aufgegeben, nach- überzeugt worden war, daß der Schneiderssörg ""^«rmeisterswürde selbst mit ganzer Kraft an­strebte. Er sah also nur noch aus einer Verbindung der ®u^ern^tJt:rstunb( für sich Vorteile.

Der Bürgermeister war eben daran, feine Sonntags- netber anzuziehen, als ber Wagen, ber Tags vorher Sofept) unb feine Mutter gebracht' hatte wieher bie Sorfftaße herabfuhr. Da kam auf einmal bie Bürger, meiftenn in bie Stube hereingestürzt:Hanni, er fährt fdjo wieder fort! schrie fje ganz entsetzt.So Maul- aff, dummer, setzt hab n wir an Dreck, weilst ewig net fertig worb n bist mit Bej'm Anziehen wandte sie sich ärgerlich an ihren Mann.

Draußen kam ber Wagen mit seinen Insassen in langsamem Tempo naher Unb näher.

»Schnell, Burgermaster tauft mir nach!" rief jetzt f)anni, unb so rasch ihn seine Füße trugen, rannte er hinaus unb stellte sich mitten auf die Straße dem Fuhr- werk entgegen.Deb, oha, Bdfmmala ftab!" rief er den Pferden zu. beide Arme ausftretfenb.

Der Pferbelenker hielt überrascht den W an.

Ich unb ber Herr Burgermaster wöll'n gern an

Herrn Joseph unser Aufwartung mach'-. erklärte Hanni setzt bem lachenden Rosselenker.

Joseph beugte sich weit raus aus dem Wagen, da kam eben gerade auch her Bürgermeister aus feinem Hause unb näherte sich vcr - n bem feinen Fuhrwerk. Eine rote, breite Hand hatte ihm auf ben Rücken beim Hinausgehen einen fo gewaltigen, unianften Stoß ver­letzt deck er käst die Treppe herabgefallen wäre.

und Mühe, um mich nur einett Beharrungszustand zu sichern. Nur zu bald könnte der Augenblick gekommen sei», wo dieses mühsame Gleichgewicht der Kräsi?, das den politischen und wirtschaftlichen Fortschritt ermög­licht, wieder dem Kampf aller gegen alle weicht. So manchem setzt so mutigen Kritiker auf der rechten Seite würde dann wohl bange werden vor dem eigenen Mut.

Was hat diesen Gefahren gegenüber die Frage zu bedeuten, ob einige bayerische Schmutzblättchen durch eine Berliner oder Münchener Behörde verboten wer­den? Die Hauptsache ist, daß rasch gehandelt wurde. NimaiÄ kann verkennen, daß der Erfolg schon jetzt aus» geI.'ichnet war. Es nmßte endlich ein Exempel sta­tuiert werden. Die Autorität des Volksstaates mußte herg:stellt werden. Man täusche sich nicht darüber; ge­rade auch nach links ist sie dadurch gestärkt worden!

Möge man sich auch in Bayern der Einsicht von der Natwcndigfeit und politischen Klugheit eines en­ergischen Vorgehens gegen die Hetzer von rechts nicht länger verschließen Die Kraft auch des doutjchon Bürgertums liegt in der entschiedenen Unterstützung des Volks st aatsgedankens, der in dem großen Chaos von 1918 die Brücke zum Wiederaufbau schlug.

Hortsetzung der Verhandlungen.

In den Verhandlungen, die die bah.'rischen Koa- liiionsparteien am Dienstag abhielten, wurde liebet» rinstimmung dahin erzielt, daß mit Berlin wegen der Frage ber Verordnung des Reichspräsidenten und des bayerischen Ausnahmezustandes weiter verhandelt werden soll. Zu diesem Zweck begeben sich Staaissekretär Sch weher mit zwei Referenten und den Abgeordneten Held lboher. Volkspartei) nnd Dr. ®irr (Demokr.) nach Berlin. Die Deutschnationalen bei Dr. Wirth.

Dienstag abend fand auf Ansuchen der deutsch, nationalen Fraktion im Reichskanzlerhaus eine Aus­sprache über die politische Sage und über die Verordnung des Reichspräsidenten vom 29. August statt. Die deutschnationalen Abgeordneten verlangten Anwendung der Verordnung gegen alle extremen Richtungen, die den politischen Kampf mit Gewalt­tätigkeiten führen, insbesondere verlangen sie Schutz gegen gewaltsame Sprengungen ttttd Störungen rechts- gerichteter Kundgebungen und Versammlungen. Der Reichskanzler verwies auf die außenpolitischen Schädigungen, die durch chauvinistische Kundgebungen hervorgerufm wurden. Er be­tonte die absolute Notwendigkeit, aus das schärfste alle Versuche chie Weimarer Verfassung mit Gewalt be- festigen zu wollen, abzuwehren, wenn Deutschland nicht durch einen Bürgerkrieg zugrunde gehen solle. Ebenso sei der Schutz der fRepuH'f gegen alle verwerflichen und gewaltsamen Angriffe eine selbstverständliche Staatsnotwendi^est. Dabei werde die Derord- nung streng und gerecht gegen alle ge« walttätigen Elemente, wo immer sie sich zeigen mögen, angewendet werden. Ebenso erklärte der Reichskanzler, es werde mit allen Mitteln gegen gewaltsame Störungen friedlicher Versammlungen ent- gegengetreten werden. Es finden m dieser Woche wei­tere Aussprachen mit dm übrigen Parteien und Frak­tionen statt.

Verbote unb Verhaftungen.

In Halle wurden etwa 20 Kommunisten und einige Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins wegen Beteiligung an der Störung des Stiftungsfestes des Bröllwitzer Kriegervereins verhaftet. Sie werden desLandfriedensbruches beschuldigt.

Jetzt stieg Joseph aus unb reichte den beiden Män. nem liebenswürdig bie Hand zum Gruß.

Hanni brückte nun zunächst seine Bestürzung darüber aus, daß Joseph schon wieder fortging. Ein verheißungs­voller Blick traf die Tür des Bürgermeisterhauses, hin­ter welcher Hanni die Frau Bürgermeisterin horchend vermutete, als Joseph sagte, daß er jetzt oft, recht oft in sein liebes Heimatsdörfchen kommen würde, für heute aber unbedingt zur Erledigung wichtiger Geschäfte heim müsie.

No, müßt denn noch Ihr Leut' a was arbeitn?" meinte Hanni erstaunt, während bet Bürgermeister Der. legen lächelnd dastand und wortlos Josephs Rechte in feiner breiten Hand quetschte.

3a, denkt Ihr denn, ich habe nichts zu tun? Ich habe viel Kopfarbeit, das ist anstrengender, als Ihr denkt,"

Sell is wahr! Des merk' ich an mei' Ochsen." be- ftätigte der Bürgermeister. Lachend wollte ihn Joseph aufklären.

So, wie Ihr denkt, war es mit ber Kopfarbeit nicht gemeint, Herr Bürgermeister. Ich meinte . . ."

Ja, ja, ich glaub's scho', mei Ochs'n zieh'n aber ihr'n Wagen a net mitm Schwanz."

Ein deutlich vernehmbares Klopsen an der Haustür machte ben Bürgermeister rasch verstummen. Er hatte geglaubt, er hätte recht weise gesprochen unb Joseph was Schönes gesagt, feine Frau schien da roieber anberer Meinung zu sein, bas bewies ihm ihr Klopsen. Stumm ftanb er wieder da wie zuvor.

Joseph sah auf feine Uhr; lachend versicherte er, nun nicht mehr länger sich aufhalten zu können.

Als der Wagen sich wieder in Bewegung fetzte, kam bie Bürgermeisterin hinter ihrer Tür hervor.

Schön hast Dei' Sach' g'macht, Hanni," lobte sie be- friebigenb ben ©emcinbebiener; aber halt mei Maulaff, mei bummer, ber weiß doch nix wie fei Ochsn!"

Sie gab Hanni voller Dankbarkeit ein großes Stück Dörrfleisch mit nach Hause:As kumt scho' mehra noch, Hanni!" sprach sie dabei in ihrer alten, liebenswürdigen Weise.

Für die Flickschusterin vergingen bie nächsten Wo­chen wie im Traum. Am liebsten welkte sie in bem

Wie dieRote Fahne" meldet, wurde der Vor­sitzende der Freien Arbeiterunion, die gegenwärtig in Halle tagt, namens Hammer, am Dienstag früh von der Kriminalpolizei ohne Angabe von Gründen v e r - haftet.

Das staalliche Presseamt mDraunfchweig ver- fmdet die Mitteilung, daß wegen der jüngst in Braun­schweig erfolgten Dynamitanfchläge mehrere Mitglie­der der Kommunistischen Partei verhaftet mürben.

Der Oberpräsident von Hannooer, N o s k e, hat auf GruiÄ des § 4 ber Verordnung des Reichspräsidenten vom 29. August Demonstrationsumzüge verboten, da in letzter Zeit dabei Gewalttätigketten gegen Sachen und Personen Beruht worden seien.

Die von der Deutschen Volkspartei für Dienstag abend in L e i p z i g angesetzte Sedanfeier, bei der Dr. Mittelmann sprechen sollte, wurde polizeilichersetts ver- boten.

Sie Beschwerde-Instanz.

Gestern trat der auf Grund des 8 6 der Ver­ordnung des Reichspräsidenten vom 29. August gebil­dete Reichsratsausschuß zusammen, um über die vorliegenden Beschwerden der verbotenen Zeitungen zu beschließen.

Eia Iusammensiob.

Anläßlich einer Wucherdemonstration kam es in H e l m st e d t zu einem Zusammenstoß Mischen Stahl­helmleuten und Demonstranten, wobei ein Kriegsbe­schädigter durch M e s s e r st l ch e v e r l e tz t wurde.

Sin Schandmal unserer Seit.

Durch 41/« Kriegsjahre und anschließende Revo­lutionszeit bat sich daS deutsche Volk so in Haßge- sühle und Verwilderung hineingearbeitet, daß eine Zeitunn, die nationalistischeSchwarzwälder Volksmacht" folgendes Gedicht veröffentlichen wagte:

Du tapfrer Held, du schoß'st ben GareiS nieder. Du brachtest allen un8 Befreiung wieder Bon einem faub'ren Sozthund.

Welch' Licht in unfter Trauerstund'l

Auch Rathenan, der Walter,

Erreicht kein hohes Alter, Die Rache, bie ist nah, Hurra, Hurra, Hurra l Laßt uns froh unb muntir fein, Eckilagt dem Wirth den Schädel ein! Lustig, lustig, tralleralla. Bald ist Wilhelm wiederda.

Wenn einst der Kaiser kommen wird.

Schlagen wir zum Krüppel den Wirth, Knallen die Gewehre, tack, tack, tack, Aufs schwarze und aufs rote Pack.

Haut immer feste auf den Wirth!

Haut feinen Schade!, daß es klirrt!

Knallt ab den Walter Rathenan, Die gottverfluchte Judensau l"

Kann man an die Patriotische Gesinnung der Leuie glauben, die mit solcher Poesie den deutschen Namen, die Ehre des Volkes der Dichter und Denker, in den Kot ziehen?

Zur Zrage der Regierungsbildung in Preuhen.

Öfe übrigens entgegen anders lautenden Pressemeldun­gen durchaus noch nickt in ein entscheidendes Stadium getreten ist, äußert sich jetzt auch derVorwärts". Er wendet sich zunächst gegen eine Meldung, daß Mi- nisterpräsident Stegerwald nach wie vor den Standpunkt vertrete, daß es sich empfehle, ein Kabinett von ter Deutschen Volkspartei bis zur Sozialdwrokra- tie zustande zu bringen. Wenn derVorwärts" meint, daß Herr Stegerwald durch die letzten Ereignisse nicht von feinem Standpunkt abzubringen sei, so will uns diese Schlußfolgerung doch als völlig versichlt erschei­nen. Die Deutsche Volkspartei hat

Zimmer, das ihr Marianne mit ben alten, lieben Sa. chen vom AusnahrncstübchLN des Flickschusterhauses ein­gerichtet hatte. Dort empfing sie auch ihre Besuche, die sich von Tag zu Tage mehr häuften. Oft war sie da- von fo in Anspruch genommen, baß sie tagelang gar nicht hinüber in bas Flickschusterhäuschen kam. Um fo häufiger besuchten sie ihre kleinen, pausbackigen Enkel- kinber.

Trotz ber gänzlich oeränberten heimatlichen Verhält, nisse fühlte sie sich zufrieben im neuen Heim. Das Der- haltnis zwischen ihr unb Marianne würbe von Tag zu Tag herzlicher; sie erblickte in bem einfachen, stillen, alternden Mädchen bie heimatlose Waise, unb Marianne hingegen lohnte bas liebevolle Benehmen ber eiten Frau mit bantbarer Anhänglichkeit unb freudigem Ein­gehen auf ihre Ideen unb Gebauten.

Joseph war nicht mehr fjerausgetommen, obwohl Hanni unb bie Frau Bürgermeister sich bet ihren sehr häufigen Besuchen im neuen Hause stets angelegentlich unb eingehend über ihn befragten. 3ebe Wache kam von ihm ein Brief, worin er all feine Erlebnisse in der Stabt nieberschrieb. Daraus erfuhren bie beiden Frauen, baß er bei allen großen Wohltätigteitsveran- staltung'cn ber Stabt an ber Spitze ftanb, unb bah er fo viele Ehrenstellen bekleidete. Er hatte Zutritt in alle Salons; man rechnete es sich zur Ehre wenn er den Einladungen Folge leistete. Seine Mutter und Ma­rianne täuschten sich sehr, wenn sie glaubten, er würbe ben rauschenden Festlichkeiten und ben glänzenden Bäl­len fernbleiben. Wenn er auch nicht tanzte er hatte dies Vergnügen zu lernen nie Zeit gehabt fo fehlte er doch selten da, wo er mit der Elite ber Gesellschaft zusammentraf.

Oester denn je dachte er jetzt zuweilen an Lore. Es mochte dies wohl ber briefliche Verkehr mit Marianne mit sich bringen. Seltsam! Warum nur eigentlich Marianne nie, gar nie etwas von Lore berührte er wußte es ja, baß sich bie beiben Kusinen gegenseitig schrieben. Warum er selbst nie nach ihr fragte? Es war ja doch nur selbstverständlich, daß er sich für bie einstige Jugendgespielin interessierte. Oft, wenn er Briefe in die Heimat schickte, nahm er sich fest vor, ganz unten am Ende des Brieses, als aeichähe es fo gar-»

mit diesitt Vorgängen doch wirklich nichts zu tun, sie hat sich im Gegenteil ausdrücklich auf den Boden der Serfaffung gestellt und ihren Schutz im Verein mit den Regierungsparteien verbürgt. Das fällte doch auch demVorwärts" bekamst sein.

Im übrigen verwahrt sich derVorwärts" dagegen, daß die Sozia'.demokre 'e als Bittstellerin vor der Tür des Kabinetts Stegerwaids erscheine und um Aufnahme bettelt, am wenigsten um Aufnahme zu Bedingungen, die ihr schon 20mal an geboten seien und di: sie schon 20mal abgelehnt habe. DerVorwärts" regt sich u. E. gang unnütz auf. Es wird selbstverständlich memand daran denken, die Sozialdemokratie um Aufnahme bettistn zu lassen, wohl aber erwarbst man von der besseren Einsicht der Sozialdemokratie, daß sie sich auf die Dauer der Verantwortung nicht entziehen kann und daß sie sich bereit erklärt, unter Bedingungen in die preußische Regierung einzutreten, die allein dazu an­getan sind, ein Zusammenarbeiten unter den Parteien zu ermöglichen.

Bei der Bildung des Kabinetts Stegerwalds hatte dir Sozialdemokratie allerdings unter bem Einfluß radikaler Elemente derartige Forderungen gestellt, die jede Aussicht auf ein ersprießliches Zusamenenar- beiten von vornherein unmöglich machen. Wenn jetzt die Sozialdemokratie abermals versagt, so hat sie sich allein jede Schuld beizumessen, denn nur an ihr liegt es. ob ihr Eintritt in die preußische Regierung erfolgen kann oder nicht.

Oie Quittung über

die Gostmilliarbe.

Die Zahlung der Goldmilliorde zu dem festgesetz­ten Termin ist bekanntlich vom Oiersttn Rat für die Aufhebung der wirtschaftlichen Sank­tionen als Voraussetzung bezeichnet worden. Jetzt liegt folgendes Telegramm vor:

wtb Paris, 7. Sept. (Tel.) In einer Hcwasnote wüt» vorbehaltlich ber Nachprüfung bestätigt, baß Deutsch- lanb am 31. August bie fällige Gokbrnilliarde gezahlt habe.

Die oberschlefische Zrage

vor -em Bölfterbunösrat

Der Berichterstatter derWestminster Gazette" meldet, die vom VölkerbundSrat mit der Berichter­stattung über die oberschlesische Frage betrauten vier Mitglieder würden wahrscheinlich ihren Bericht bis 10. September fertig haben. Die Ent­scheidung des Rates solle, wie der Berichterstatter schreibt, sowohl Polen wie auch Deutschland und vor allem der oberschlesijchen Bevölkerung Befrie­digung gewähren.

Dir deutsch-amerikanische

Zriedrnsvertrag.

Eine Note der amerikanischen an die fran­zösische Regierung teilt mit, daß die amerikanische Regierung es mit Genugtuung begrüßen würde, wenn die alliierten Mächte schriftlich und in kmzer Frist den deutsch-amerikani chen Friedens- Vertrag anerkennen würden. Nach dem ,Jn- transigeant, wird bie Note durch den französischen Außenminister mit der ihr gebührenden Ausmerk- famfeit und in voller Freundschafr gegen Amerrka geprüft Werden.

Ungarn und d e Entente.

Ein U.timatum.

Die »Neue freie Presst meldet aus Wiener-Neu­stadt: Die alliierten Machte haben der ungarische« Regierung ein befristeies Ultimatum überreicht <

zufällig, hlnzuschrLben:Steht Fräulein Marianne noch in Verbindung mit ihren Verwandten? Wie geht es wohl ihrer Frau Kusine, meiner einstigen Spielgefähr­tin?" Oft hielt er schon im festen Entschlüsse die Feder in ber Hand unb dennoch bie Frage würbe nie nie- dergcschrieben.

Oft kam es vor, daß er, bie Feder noch zwischen ben Fingern, dasah unb wehmütig bes kurzen Jugend, traumes dachte es tarn dann aber auch wieder vor, daß er energisch bie Feder weit von sich warf unb bie festgeschlossenen Sippen ben heißen, lauten Ruf seines gebemütigten Herzens nach Rache unb Vergeltung zu- rückhalten mußten. Dann sagte er sich, daß jetzt bie Zeil ba wäre, Lore wieder gegenüber zu treten, auf gleicher Stufe stehenb mit ihr, nun Stolz mit Stolz heimzuzah- len. Da rief er sich bann alle die verletzenden, bemüti. genben Worte, bie Lore damals auf der Straße unb in ihrem Salon sprach, ins Gedächtnis zurück, um ben glimmenden Rachefunken in seinem Herzen aufs neu# wieder anzufachen zur wild lodernden Flamme.

Jahrelang hatte er danach getrachtet, gestrebt unb gerungen, ihr eines Tages sagen zu können:Sieh, nun ifts erreicht. Reich unb groß bin ich geworden. Dich aber suche ich nicht mehr. Der tampfesmutige Mann verachtet tief, was einst ber unerfahrene Knabe im tollen Liebeswahne angebetet. Soll er nun, weil die Zeit die Wunde, bie ihr Stolz ihm schlug, vernarben ließ, auch jetzt fein Ziel vergessen? Vergessen ben heißen Wunsch nach biefer Rache, ber jahrelang in feiner Seele brannte unb seinem Leben Ziel und Richtung gab. Wenn solche Stimmungen über ihn tarnen, ließ er keine Festlichkeit, keine Einladung vorübergehen, ohne dort gewesen zu sein. Oft glitt sein Auge wie suchend durch die Reihen ber tanzenden Paare war es denn so gar unmöglich, daß Lore einmal wieder hierher zum Besuche von Bs- kannten kam, unb daß er sie bann roieber sah!

Don einer hochgestellten Persönlichkeit war er ein­mal zu einem Hausball geloben worben. Nur die Sp tzen ber Stabt unb bie Auslese ber Gesellschaft halten Ein. labungen erhalten. Plaudernd lehnte er mit einem Be­kannten an einem Pfeiler unb ließ die promenierenden Paare an seinen Blicken oorüberziehen.

IFoujetzung felgt.).