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Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadt Fulda.

Montag, 5. September 1921

Nr. 203

48. Zahrg

Sorgenvolle Tage

Ehe seine Mutter noch erwidern konnte, hatte er das Zimmer verlassen.

Lange saß die Flickschusterin gedankenversunken da. Sie sehnte schon längst den Tag herbei, wo sie in ihr geliebtes Dörfchen wieder zurückkehren sollte. Freilich hatte sie es sich anders, gewünscht. Mit ganzer Kraft sträubte sie sich erst gegen den Hausbau; am liebsten hätte sie wieder ihr Austtagstübchen bezogen. Wie war es da so traut bei dem alten, wackeligen Lehnstuhl und dem kleinen, erblindeten Spiegel, der schon daheim bei ihrem Batet die gute Stube schmückte. So süß und gut wie in der alten, wurmstichigen Bettstatt mit dem gro­ßen Sttohsack und den vollen Federkiflen hat sie nir» gends mehr geschlafen. Es schien hart und grausam, daß Joseph es nicht dulden wollte, daß sie die ländlichen Kleider wieder trug und mit dem Korb auf dem Rücken Gras vom Felde holte für dos Dieh tote einst. Und nun gar sollte sie sich noch bedienen lasten? Sollte zur Unterhaltung eine eigene Person mit in die Heimat neh. men! Was mochten dazu die Dorfleute sagen? Das war es ja, was sie so schwer vergesten konnte, wonach sich immerfort die ganze Seele sehnte: die schlichte Schu- fterftube war's, die Feldarbeit und nicht zum wenigsten der Ziegen- und der Hühnerstall.

Sie hatte alles hier und doch entbehrte sie so viel! Der alte Baum konnte auf fremdem Boden nicht mehr Wurzeln schlagen; sie wußte cs wohl!

Als sie am Abend mit Joseph bei Tische saß, zeigte sie auffallend viel Üntereste, die Dergangenheit Marian- nens kennen zu lernen. Immer wieder kam sie mit neuen Fragen, bis sich Joseph endlich entschloß, ihr alle Erlebniste des verwaisten Mädchens zu erzählen. Ms er damit zu Ende war, weinte die ölte Frau leise vor sich hin. Sie mußte ihrer eigenen, liebeleeren Jugend gedenken. Sie kannte Den Schmerz gar wohl, der brennend heiß sich tief eindrückt in eine junge Menschen, seele, wen» sie verwaist am Grabe der Mutter kniet Auch ihrer Jugend fehlte der warme Sonnenstrahl, der Kindheit höchstes Glück die Mutterliebe. Sie fühlts noch heute, nach so vielen langen Jahren, bas heiße Weh, das stets ihr Kinderherz empfand, wie ihre zweite Mutter die Stiefgeschwister herzte und verzog. Und nach und nach verschloß sich ihr Gemüt. Sie wurde kalt und herb und hart wie's gegen sie die Menschen waren bis eines Kindes erster leiser Schrei die unterdrückte tote Liebe weckte und heiße, tiefe Mutterliebe mächtia in»

Herz der jungen Mutter zog. Wo immer sie im Le­den Waisen sand, da öffnete sich groß und weit ihr Herz und liebend suchte sie mit marmem Wort der Armen Weh zu lindern.

.Ich bin halt nur a dumme, alte Bauersfrau; glaubst denn, sie is net z' stolz, daß sie bei mir bleibt?" fragte sie nach minutenlanger Pause mit leiser, bewegter Stimme.

Glaubt ich dies, fänb ich sie nicht wert, ihr eine Heimat bei Dir anzubieten. Sie steht allein, verwaist und liebeleer im Leben. Wer Lieb' entbehrt, wird Lieb' zu schätzen wisten, gleichviel von welcher Seite sie auch kommt."

Leise war Ev ins Zimmer getreten, sie hielt einen Brief in der Hand, den sie vor die Flickschusterin auf den Tisch legte. Freudestrahlend sah diese auf die gro­ßen, steifen Schriftzüge nieder das roor Peters wohl- bekannte Schrift. Der Brief kam aus ber Heimat. Jetzt ging ein heftig Suchen nach der großen, alten Horn, drille los, woran sich sogar Joseph beteiligte. Wo sie nur wieder liegen mochte! Nach langen Bemühungen wax es Ev gelungen, die schmerzlich Vermißte aufzu­stöbern.

Lächelnd beobachtete es Joseph, wie sie jetzt, die große Brille auf der Nase, mit hochwichtiger Miene den altmodischen Briefumschlag rasch aufriß.

Siebe Mutter und Bruder!" Wort für Wort, als meißle sie jede Silbe, las sie den Brief laut vor.Ich will Euch nur mitteilen, daß mir alle gesund sind, was auch bei Euch der Fall ist. Liebe Mutter, die Hühner legen recht fleißig, und die schwarze Gluckhenne hat zehn Junge gekriegt. Neues weiß ich sonst nicht mehr, als daß der Gmahanni schon immer Euch besuchen will, aber er kann nicht, well er krank ist und im Bett liegt. In vierzehn Tagen haben wir Feuerwehrball, und ich will Euch höflichst dazu einlaben. Die Anbl unb ich gehen auch hin, weil wir Mttglicber sind. Das neue Haus neben uns ist jetzt bald fertig; es ist gar schön. Beim Hebmahl ift's nobel zugegangen; da ist noch net leicht so viel g'fuffen worden beim Ochsenwirt. Alle hab'ns mit geff'n und truntn; net nur die Maurer unb Zimmerleut' ich war auch bort. Sogar der Hanni ist aus fein Setf raus und ist kumma. Der Herr Sche nir (Ingenieur) so heißt der Maurermeister auf neblig, hat tüchtig blecht, und wir hab'n tüchtig g'fuff'n. Du hat'» g'scheite Rausch gebn. Und net um alles in

ber West Hütt' uns ber Herr Schenir den Namen g'fagi von den, der mu des Haus sich bauen läßt. Reich muß der Kerl fein, denn so a Hebmahl kost ein schön's Trumm Geld. Wir hab'n den Kund'n aber auch net schlecht lebn lass'n; das ganze Wirtshaus hat nur so zittert und kracht. Und gfunga hab'n mir; gfunga! D bu him. melblauer See unb ich hab' einen Kameraden unb mir sitzen so fröhlich beisammen; sogar an cütn Peter hab'n mit gfunga. Und ber Bader hat a noblige Red' g'hallen auf an Herrn Schenir. Schön, sag' ich Euch, was schön heißt. Und ein Stall ist auch am Haus; der Herr Schenir sagt für Hühner. Göns, Tauben und so a Zeug. Liebe Mutter, ich sag' Dir, in den Stall da ist schöner, roie in unserer ädern Stub'n. Ich hoffe, baß Euch mein Brieflein ebenso gesund antrifft, wie es uns verläßt. Euer Peter Biel Grüß' vom Gmahanni, er merb Euch bald besuchen. Sobald wie möglich. Er liegt noch im Bett. Wit sind recht gut spezial unb intim miteinander."

Langsam legte bie Flickschusterin jetzt den Brief weg. Das angestrengte Lesen hatte ihre ganze Kraft erschöpft.

Ja, ja! Des kost a schön's Trumm Gelb da hat ex recht, ber Peter," meinte sie sinnend. Was hätt' tna da den Armen für das Geld alles tun können."

Wegen des Hedmahles werden die Armen nicht ge- kürzt', hab' keine Sorge, Mutter. Das neue Haus wird den Dorf armen zum Segen fein."

Wenn bas ber Peter müßt, baß in bem neua Haus fei Mutter amol wohnt!"

TrSumenb blickte sie eine zeitlang vor sich hin.

Unb Hühner kann i mir halt'n, und an (Barten hab' ich auch unb Taub'n! Du hast an alles benft, was mir a Freub' macht, Joseph; ich denk'. Dir soll's amal net schlecht im Leb'n geh'n."

Sie wollte ihm noch mehr sagen, er aber, bem ihr Dank gelten sollte, hatte leise das Zimmer verlassen roie er es immer machte, wenn sie in Versuchung geriet, Lobsprüche zu halten. Er konnte bie nicht hören.

Sie wischte mit bem Hanbrücken bie feuchten Augen aus, bann ging sie in bie Küche, um Ev zu sagen, was Peter alles geschrieben hatte.

Wenige Tage später roanberte ein kleiner papiemer Bote zu Marianne unb melbete, baß sich ihr in bem kleinen, einsamen Bauernbörfchcn, bas sie noch von ihrem Landaufeitthatt her kannte unb liebte, eine zweite Heimat aufgetan habe.

^Fortsetzung folgt.)

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gewiß der letzte sei, der für die Tätigkeit Erzbergers eine Lanze brechen möchle, aber um gerecht zu sein, müsse doch darauf hingewiesen werden, ob nicht etwa diejenigen die Hauplschuidigen gewesen feien, die trotz ihrer Sachkenmms Verhältnisse schufen in denen ein Mann ohne jegliches militärisches Sachurteil wiu Erz­berger zu einer bedeutsamen Rolle sich auffchwingen konnte. An diese Feststellung knüpft er u. E. mit Recht die Frage: wo b.ieben die zur Führung der schwierigen Wafsenstillstemdsoerhandlungen Sachkundigen und Bes- serbesähigleu, als so unerwartet der müitärische Zu- samaienbruch eingestanden wurde? Vielleicht gibt Herr Ludendorff auf diese Frage Antwort.

Von größter Bebrütung aber ist ein Mahnwort, welches der ähmfrcl Scheer an die deutsche 3u gend richtet. Wir hallen diese Mahnung für so beachtenswert, daß wir sie im Wortlaut hier wieder - geben:Die Erreichung der nationalistischen und bol­schewistischen Ziere würde in unserem Lande zu einer noch unerträglicheren Plage führen, als sie uns das Beispiel von Rußland vorführt. Ich warne die Ju­gend Deutschlands, ihre Hoffnung aus Bru- talitäi und Gewalt im Innern zu setzen, denn sonst treiben Wir mit Sicherheit in den Abgrund, aus dem sich das Deutschtum und die Nation nicht mehr herausarberien kann. Denn nur durch innere Einigkeit kann es uns gelingen, Vertrauen und Achtung bei anderen Volkern zu gewinnen, die erst dann wie­der an unsere Stärke und unsere Macht glauben kön­nen. Dann werden sie auch erkennen müssen, daß auch sie nur in der Lage sind, die Wiederaufrichtung ihrer Nation zu erlangen, wenn sie gemeinsam mit uns an die Arbeit Herorttreten. Deshalb ist es ganz gleich­gültig, wie wir zu der Form der Verfassung in Deutschland sichen, mit ihr muß jetzt gearbeitet werden, und sie muß unparteiisch vom ganzen Volk verteidigt werden. Dann wird es auch möglich sein, den Geist von 1914, den wir heute ruhig einen romantischen nennen können, zu einer wirklichen nationalen Einig­keit zu gestaUcn, die durchhaltend und krasterzeugmd ist."

Das ist irr der Tot die Sprache eines Muntres der es mit dem Wohle feines Vaterlandes und seines Vol­kes gut meint. Mr empfehlen den deutschnationalen Hetzern d»e Ausführungen des Admirals Scheer zur ganz besonderen Beachtung. Wenn sie wollen, können sie viel aus ihnen lernen.

über der Machtpolitik. Andererseits ift es beda .lief), wenn die Entscheidung weiter verzögert wiro. 3e gründlicher die Rechtslage und die Sachlage unter­sucht wird, desto besser scheint es um die deutschen In­teressen zu stehen; aber je länger die Sache verschleppt wird, desto mehr haben unsere oberschlesischen Brüder und wir mit ihnen zu leiden, und desto empfindlicher drücken die Sorgen wegen des andauernden Ränke­spiels.

Wie es mit der Unparteilichkeit des neugebildeten Ausschusses bestellt ist, muß sich erst noch zeigen. An der Spitze stehi der belgische Vertreter, und man kann beim besten Wellen den Belgiern keine Neutra­lität und Unbefangenheit anrühmen. Brüssel ist ein Vorort von Paris. Die belgischen Staatsmänner haben sich bisher vielsach in Kompromißoorschlägen betätigt, und zwar in der Richtung, daß sie für Frankreich mög­lichst Diel Kastanien aus dem Feuer zu holen suchten. Soll der Ausschuß in derselben Richtung wirken? Das wäve für die Liechte und Interessen Deutschlands um so bedenklicher, je weniger wir in Oberschlesien die sog. mittlere Lutte vertragen können. Der Jndustrie- bezirk muß im Ganzen an Deutschland fallen, jonst gehr die dortige Industrie zu Grunde und die garye deutsche Volkswirtschaft wird tödlich verwundet. Wenn dieses Unheil verhütet werden soll, so müssen die an­deren Mitglieder des Ausschusses (der Spanier, der Brasilier und Rr Chinese) an Umsicht und Tatkraft etwas Außergewöhnliches leisten. Und zwar nicht in diesem Ausschuß allein, sondern auch in den nachfol­genden Sitzungen des Vöikerbundsrates.

Wenn d» Herren vom Völkerbund wollen so haben sie jetzt eine Gelegenheit, um zu zeigen, daß dieser Bund und sein Rat doch besser sei, als sein bis­heriger Ruf. Das würden wir freudig begrüßen und gern unsere Ansicht über diesie Organe ausbesjertt. Aber nur Tatsachen beweisen!

Der eingesetzte Ausschuß kann Gutes leisten, da es ihm an den erforderlichen Mitteln zur gründlichen Prüfung nicht fehlt. Er ist nicht an die vorhandenen Akten gebunden (also auch nicht an die gefälschten Karten von Oberschlesien, die dem Obersten Nate zu­geschoben waren). Er kann alle Berichte einsordern, die er für nützlich erachtet, und auch technische Beiräte berufen. Es ist auch vorgesehen, daßEinwohner des oberschlessischen Gebiets, Deutsche sowie Polen be­rufen werden können, um mündliche Auskunft über die Orksoerhältnisse zu geben." Wir wollen annehmen, daß der Begriff derOrtsverhältniffe" nicht zu enge um den einzelnen Kirchturm abgegrenzt wird. Dir Wirkung dieser Vollmacht hängt aber weiter davon ab, ob geeignete, sachkundige und gewandteEinwoh­ner" ausgesucht werden ohne Zurücksetzung der deutschen Partei nach Zahl inib Tüchtigkeit der Vertreter.

Die erwähnten Vollmachten des Ausschusses eröff­nen uns die Aussicht, daß wir armen Deutschen nicht ausschließlich auf das geduldige Abwarten angewiesen sind, sondern auch noch etwas tun können im Dienste der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Die Führer der Oberschlesier müssen sich im Verein mit der Reichsre- gierung alle Mühe geben, um bei der Untersuchung der oberschlesischen Verhältnisse Gehör zu finden.

Der Weg zum Endersolg ist freilich noch lang und verschlungen. Die Wahrhell und Gerechtigkeit müssen sich sozusagen über drei Vorberge tjinüberarbeiten, um den Gipfel zu erreichen. Doch muß das äußerste ge­tan uxtben, um dieses lebenswichtige Glied des deut­schen Volkskörpers vor dem Amputiertisch zu reiten.

Dazu gehört die sorgfältige Vermeidung von allenZischenfä11en", auf die urrfere geschwo­renen @einbe lauern. Di« Schüsse von Griesbach und die Gefährdung von Oberschlesien sollten uns doch endlich lehren, daß alle vernünftigen Deutschen bie Eintracht unb die Selbstbeherrschuns wahren müssen.

Vas dreifache Sieb für Gberschlefien.

Vom Obersten Rat mürbe bk Sache an den Völker- bunbsrat geschoben, und ber letztere hat sie nun weiter geschoben an einen Ausschuß von Vertretern angeb­lich neutraler Staaten.

Dreifach ist der Schrllt ber Zeit, vorwärts und rückwärts. Zur Abwicklung ber Angelegenheit wird es zuerst einen Bericht dieses Ausschusses geben, als­dann einen Bericht des Völkerbundsrates mit einem Vorschlag zur Güte, und schließlich eine Verhandlung und Beschlußfassung des Obersten Rates.

Je mehr Instanzen, desto mehr Gelegenheft zu di­plomatischen Kunstgriffen! Man muß anerkennen, daß bie Stawtskünstler der Entente sehr geschmeidig und geschickt sind. Es war ein schlauer Zug, als man an­gesichts der bedrohten Uneinigkeit ber Großmächte den Dölkerbundsrat ins Spiel zog; dadurch war ein Blitz­ableiter ausgestellt und zugleich Aeit gewonnen. Eben­so ist die Einschiebung des Ausschusses geschickt. Es wird ber Eindruck der Gründlichkeit und Unparteilich­keit erweckt unb kostbare Zeit gewonnen, die

sich zu weiteren NerhaMungen hinter den Kulissen ausnützen läßt.

Die Sache hat zwei Seiten wie die meisten irdischen Erscheinungen. Einerseits ist alles erfreulich, was bie Gerechtigkeit in ben Vorbergrund schebt gegen-

Der Sänsebub.

Fränkischer Dorfroman von Dino Ern st berge r. 35' ------

Ich rollls ja auch net, roenn's amal net anders geht. Nur besteh' ich darauf, die Lore dürf's bann a net fein.

Da darfst Du ruhig fein! Die Sorge bist Du los. Ich heirat' nie!"

Auch net die Lore?"

Niel"

So fest und bestimmt sprach Joseph das Wort, daß die Flickschusterin schnell alle Befürchtungen, die Ma­riannes Besuch bei ihr verursacht hatte, vergaß und sich beruhigte.

Hast recht. Joseph", stimmte sie ihm bei.Die hat D'ck) sellmal, wie Du noch der arm Flickschuster warst, auch nUr zum beftn g'haltn. Meinst vielleichr, dorr- malg hat'z Dich g'möcht? Ja, etzt! Na, na, bis sich ber Narr bfinnt b'finnt sich auch der G'scheit. 3d) bab gmeint, mir bricht's Herz, roie ich selbig'n grub, roi» Du fort bist in der Nacht, den Platz leer g seh n hab, uw ifjr Bilble g'hängt is neben der lante. Da hab' ich bann auf einmal allez g'roußt und verstand n.

(gequält schritt Joseph auf die Türe zu.

Ich muß noch schnell etwas besorgen Mutter." sagte er 'n seltsam gepreßtem Tone.

Rasch hielt ihn feine Mutter zurück.

9lur noch ein Aug'nblick bleib' da. Sag' mir nur Erft, warum hast Du denn bie Bas von bera Sora nehmen moU'n, wenn Du bie Lore nimmer magst?"

Jetzt blieb Joseph stehen.

»Aus Mitleid! Nur aus Mitleid. Mutter," sprach er ernst.Sie ist verwaist und hatte schon als Kind bie Heimat und das Elternhaus verloren."

Betroffen schaute die Flickschusterin ihren Sohn an.

Unb desweg'n bloß nur desweg'n hast Du g'meint. ich foll's mimehmen 'naus aufs Dorf anstatt ber Ev? Bloß nur aus Mitleid, net von roeg'n ber Lora?"

Laß mich mit diesem Namen endlich mal in Ruhe, Mutter Ich jagte es Dir schon, mich trieb nur Mitleid einzig allein nur Mitleid. Ich wollte der Verlaflenen eine zweite Heimat bei Dir geben. Ev wäre hiex bei Mir geblieben."

viele Nachrichten und Gerüchte in die Wall gesetzt, um Verwirrung hervorzurufen. Auf jeden Fall aber kann diedringendeWarnung gar nicht scharf genug ausgesprochen werden, sich vor jedem Gewalt­akt z u h ü t e n. Die Linksradikalen wollen die erregte Stimmung anscheinend ausnutzen. Sie meinen zwar, für ihre Ziele, bedenken aber nicht, wie sehr sie sich durch Ausschreitungen solcher Art schaden. Rohheitsakte oder gar Mordanschläge dürfen nicht zu Waffen in po- lllischen Kämpfen werden mag da passiert sein, was da wolle. Wir warnen, warnen auf das bring« lickst? vor jeder Gewaltanwendung und vermeintlichen Racheakten. Alle, die einen Einfluß auf die Massen haben, müssen ihn anwenden, um Unbesonnenheiten oder gar fluchwürdige Verbrechen zu verhindern. Auch die Polizei muß ein scharfes Auge auf die Kreise haben, die die Erregung der letzten Tage aus dem mo­ralischen Gleichgewicht gebracht hat und di« Verbrechen mit nicht minder großen Verbrechen bekämpfen wollen.

Nur eine Uompromitzpolittk.

In einer Rede auf dem Wahlkreisparteitag Magdeburg-Anhalt der Deutschen Volks­partei erklärte Stresemann, es sei nötig, daß die Ausprägung von Banknoten nicht mehr ohne Genehmigung des Reichstages vor sich gehen dürfe. Bon der Regierung verlangte die Partei die unpar­teiische Anwendung des Ausnahmezu­standes und die Herstellung geordneter Verhältniffe gegen die Willkürakte linlsradikaler Parteien. Er wandte sich gegen den Gedanken eines Blockes der Rechten, dem eine Linksmehrheit im Reich und den meisten Länder gegenüberstehen würde, wodurch die Spaltung des Volkes in zwei Teile zur Dauer­erscheinung werden würde. Er sei nichts anderes als eine Kompromißpolittk möglich.

Lin Mahnwott zur rechten Zeit.

Dir so kraß zutage getretene offenkundige politische Verwilderung, namentlich in einem Teil der rechts- stehenden Presse, haben den bekannten Admiral Scheer, den Führer der deulsckMn Hochseeflotte in der Seeschlacht vom Skagerack, veranlaßt, zu diesen tief« bedauerlichen Erscheinungen Stellung zu nehmen. Die Ausführungen, die der Admiral in derVoss. Ztg." (Nr. 413) gemacht hat, und auf die hier am Samstag schon kurz hingewiesen wurde, scheinen uns um so be­achtenswerter, als sie von einer Stelle kommen, die gewiß auch im deutschnationalen Lager niemand einer besonderen Vorliebe für den ermordeten Abg. Erzber­ger zu beschuldigen wagen wird.

Der Admiral spricht mit Recht davon, daß die eigenartige Nachsicht" gegenüber der Mordtat von einer Verwilderung sittlicher Begriffe und von großer polftischer Unneife zeugt. Besonders für Herrn Dr. Helfferich beachtenswert ist die Feststellung des Ad- mirals Scheer,daß die Vergiftung der Dolksstim- mung, wie sie im Falle Erzberger in die Erscheinung trat, ein weitaus größeres Hebel ist Äs die Verhinde­rung der weiteren politischen Betätigung eines Geg­ners, auch wenn man diesen für einen noch so großen Schädling halten sollte."

Admiral Scheer gefjt dann auch auf di>> besonders von der deutschnationalen Presse immer wieder be­hauptete angebliche Schuld Erzber gers andern Verlauf der Waffen st ill st andsverhand- lungen ein. Auch hier ist seine Feststellung von besonderer Bedeutung. Er stellt zunächst fest, iwß er

Deutschlands Weg führt immer wieder an Abgrün­den vorbei. Den Volksgenoffen, Re mit offenen Augen diesen Leidensweg mitgehen, schlägt das Herz in banger Sorge und tiefer Kümmernis, um so mehr, als so viele andere Weggenoffen blind, ganz ihren Leiden­schaften und törichten Wünschen folgen-, auf diesen Pfaden an Abgründen vorbei einhertollen.

Die Mißhelligkeiten zwischen Berlin und Bayern über die Maßnahmen zum Schutz« der Republik sind noch nicht endgültig ausgeräumt. Zwar haben die Verhandlungen, die im achten Reichs- Hagsausschuß unter Teilnahme des Reichskanzlers ge­führt worden sind, wenigstens keine Ver­schärf ung gebracht. Auch hat die bayerische Re­gierung denMiesbacher Anzeiger" jetzt zum Schweigen gebracht und damit eine Forderung der Reichsregierung durchgeführt. Endgültig wird Bayern aber erst durch eine Sitzung des Ministerrates am heutigen Montag zu der Streitfrage Stellung neh- m«r. Man hofft, daß die Stärkung der ka­tholischen Solidarität, die der Frankfurter Katholikentag mit sich gebrarfjt hat, auch auf die Ge­gensätze zwischen Bayerischer Volkspartei und Zentrum bis zu gewiffen Graden eine ausgleichende Wirkung üben und so eine große Gefahr für die Einheit des deuffchen Reiches beschworen wird.

Die Gegensätze zwischen den extre­men Parteien, die in so bebauerfidper Große immer wieder gefahrdrohend sich zeigen, halten an und zeitigen stets aufs neue Ausschreitungen und blutige Gewalttaten. In Berlin finb wiederholt kommunistische Trupps mit Militäroereinlern, die Se- danfeiern oder ähnliches veranstalteten, zufammen- geftoßen ,wobei es Tote und Verwundete gab.

Reichskanzler Dr. Wirth vertritt uner* müblich seinen leitenden Gedanken, daß die Demokratie als . einzig denkbare Grundlage für einen Frieden nach innen und außen gegen alle Anschläge geschützt werden muffe. Auch am Sonntag hat er wieder eine große Rede bei einer Kundgebung der Zen» trumspartei in Berlin gehalten. Er nahm darin gegen die Verleumdungen Erzbergers Stellung. Der Reichskanzler erklärte, er hoffe für diese Woche auf eine freundschaftliche Einigung mit ber* bayerischen Regierung. Er betonte die Not­wendigkeit, die Republik gegen Angriffe von rechts zu schützen, unb sagte weiter: Wir brauchen ein Gesetz, das die - Ehre unserer Mitbürger, die im politischen Kampf stehen, schützt, genau so wie das in England und anderen parlamentarisch regierten Ländern schon längst der Fall ist. Weiterhin würdigte er die Ver­dienste Walter Rathenaus unb schloß mit dem Hinweis, daß Deutschland nur auf demokratischer Grundlage gesunden könne. Don dieser Politik werde er um keinen Schritt abweichen.

Keine Gewalttaten!

Auf dem deutschnationalen Parteitag hat Abg. Helfferich erzähü:In meinem Sommeraufent­halt hat eine Bande von Linksradikalen versucht, mich auszuheben, offenbar, um mir die Bekanntschaft mit dem Laternenpfahl zu übermitteln. Das alles wird mich nicht hindern, den Kampf für Wahrheit und Recht fortzusetzen." Gleichzeittg verbreitet T. U. eine Meldung, daß in linksradikalen Kreisen Unterschriften gesammelt werden, die zur Ermordung Luden­dorffs verpflichten.

Wir wiffen nicht, was an diesen Nachrichten Wah­res ist. Don gewissenlosen Menschen werden zurzeit

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