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Freitag, 2. September 1921

48. Zahrg

fir. 201

Gegen das Wiesbadener Abkommen.

Nach demDaily Telegraph" herrscht in britischen Regierungskreisen große Zurückhaltung bei der Erörterung der Ergebnisse des neuen Loucheur- Rathenau-Abkommens. Es sei sehr zu bezwei - fein, daß Deutschland während der ersten Jahre seiner Wiederherstellung wirklich Ralenleistungen im Gesamtwerte von 350 Millionen Pfund Ster­ling jährlich für Frankreich allein aufbr'mgen könne. Wenn Deutschland dazu wirklich in der Lage sei, könne es dies kaum tun, ohne sich selbst und dem alliierten Frankreich Schaden zuzufügen. Der gesamte' Plan wüste daher sorgfältig von den englischen Sach­verständigen untersucht werden. Wenn Deutschland sich für fähig erkläre, seine Verpflichtungen rascher zu er­füllen, al» es zugesagt habe, indem es während der ersten Jahre weit größere Lieferungen mache als ver­sprochen, so scheine ein dringender Grund dafür zu bestehen, daß der Borteil dieses intensiv verstärkten Systems nicht für alle Alliierten gelten könne.

Mit den englischen Einwendungen gegen das Wies- badener Abkommen beschäftigt sich derTemps" in einem Leitartikel. Er glaubt die Aufmerksamkeit der englischen Freunde auf zwei Tatsachen lenken zu sollen. Einesteils werde der britische Handel erst an dem Tags wieder seinen Aufschwung in Europa nehmen können, an dem die Ruinen des Krieges wieder aufgebaut und die aus dem Kriege geborenen Streitigketen beigelegt fein wurden, und diesen Tag wolle das Wiesbadener Abkommen beschleunigen. Anderseits werde man nicht dadurch, daß man seine Enttäuschungen noch vergrößere, Frankreich davon abhal­ten, ein ArrangementmitDeutschland zu treffen. Die Distanz, die die Gewinne des S'eges zwischen Siegern und Besiegten errichtet hätten, würde in dem Maße abnehmen, in dem diese Gewinne yy sammenschmolzen.

zu entscheiden hat, wird sich der ReichSrat erst Ichlüssig werden; man wird vermutlich den schon bestehenden siebenköpfigen Ausschuß, bei für Be- jchwerden auf Grund sonstiger Ausnahmeverfügungen zuständig ist, auch mit dieser Aufgabe betrauen.

Verbot von Sedanfeiern.

Aus Grund tiefer neuen Verordnungen haben jetzt an verschiedenen Orten die Polizeibehörden, be« tonberS bet Berliner Polizeipräsident, die Beranstal- tungen von öffentlichen und foqar von privaten Sedanfeiern v.iboien. Auch geplante Tanneuberg- tciern und Negimenlsfeste sind an zahlreichen Orten verboten worden.

Die verbotenen Zeitungen gedenken das Verbot zum größten Teil nicht ohne toeiieteS htnzunehmen. DieDeutiche Zeitung" hat die Regierung auf Schadenersatz verklagt. Sie steht auf dem Standpunkt, daß eS gegen alle Rechls- grundtätze vei stößt, der Verordnung des Reichs- Präsidenten rückwirkende Riafl zu geben, sodaß die Zeitung wegen ihrer Stellungnahme vor Erlaß der Verordnung gemaßregelt werden könne. Dem in München erscheinendenVölkischen Beobachter" ist das Verbot durch ein Telegramm mitgeteilt worden. Die Zeitung erkennt die e Form der M t- teilung nickt als bindend an, dennem solcher Tele­gramm könne jeder schicken", und erscheint weiter.

Die Regierung hat denBerliner Lokal­anzeiger" rind denTag" für 14 Tage verboten, weil diese Blätter einen Artikel desMiesbacher Anzeigers" abdruckten, worin sich daS Blatt übet das Verbot lustig macht und die Reichsregierung verhöhnt.

Spannung zwischen Berlin und München.

Die Fraktionen der bayerischen Volkspartei, be1? bayerischen Mittelpartei, der demokratischen Parte1 und des bayerischen Bauernbundes erlassen eine Kundgebung, in der sie aufS tiesste die Erschütterung der politischen Moral beklagen und ihren Abscheu übet den Mord an Erzberger AuSdruck geben, sowie die Pflicht der Reichsregierung anerkennen, gegen die Verhetzung deS Bockes und die Bedrohung und Verächtlichmachung des Staates mit allen ver- faffungsmößtgen Mitteln einzuschreiten. Diese Ab­wehr muffe aber gleichermaßen nach allen Seiten erfolgen. Die Verordnung deS Reichspräsi­denten und die sofortige Aufhebung deS Belage­rungszustandes würden aber tief in das staatliche Einzelleben etngtetfen, da sie größte Gefahr für die deutsche Einheit bedeuteten und da diese Entscheidungen ohne vorherige Fühlungnahme mit den Landesregierungen getroffen worden seien. Gegen diese Methode müste entschieden Verwahrung eingelegt wt-rdrn. Bon Boyern die sofortige Auf- Hebung des Belagerungszustandes erzwingen zu wollen, sei eine Zumutung, die mit dem Ansehen und der Autorität einer Staalsregierung nicht ver­einbar sei. Die Parteien ersucken daher die Reichs- regierunp, von Maßnahmen Abstand zu nehmen, welche die Belange von Reich und Ländern aufs schwerste gesährden können.

In der Sitzung des Reichsrats widmete der Reichsminister des Ämtern Gradnauer dem er­mordeten früheren Reichsfinanzmiiiister einen Nach­ruf und gab den, Wunsche Ausdruck, daß diese Ermor­dung nicht ein Vorzeichen für neue Wirren sein möge. Der bayerische Gesandte von P r e g e r gab dem Be­dauern Ausdruck, daß die Verordnung der Reichs­regierung ohne Fühlungnahme mit den Landesregie­rungen erfolgt fei. Der vorgesehene Beschwerde­ausschuß dürfe nicht aus holten Berwaltungsbeam- ten, sondern aus Richtern bestehen. Die Zentralisa­tion der Verbote fti sehr bedenklich. Reichsminister Eradnauer erwiderte, daß die Verordnung sich nicht gegen die Parteien, sondern gegen fme Elemente richte, deren Verhalten eine Gefährdung des öffentlichen Frie­

dens bedeute. Der Reichs'-at stimmte schließt! h t»m in der Verordnung vorgesehenen Beschwerdeausschuß zu.

Der Eindruck der Regierungsmaßnahmen auf England.

Dle gesamte engliche Presiie stellt mit Befriedi­gung Re Maßnahmen uer Berliner Regierung, ins« besondere den Erlaß gegen den Mißbrauch der Uniform zu Propogandazwecken, fest. Die Berliner Kund­gebung am 30. August machte in London großen Ein- druck, zumal weil sie Whig verlaufen ist, was der be- fonnenen Haltung t>?r Regierung zugeschrieben wird. Die Prest- glaubt, daß der schwierigste Punkt der Kri­sis überwunden sei.

Eine Vetwarnnng an Kaiser Wilhelm.

Der.Evening Standard^ erfährt, daß daS bri­tische Auswärtige Amt die aitgenbltckltche Krise iw Deut chland mit der ernstesten Sorge verfolgt, da es im Interesse der Alliierten liegt, daß die Regie­rung Wirth, die loyal versuche, ihre Berpsitchtungem aus dem Frieden wertrag von Versailles zu erfüllen, an der Macht bleibe. Aus diesem Grunde stellte es im Haag dar, daß die vor kurzem von dem ehe­maligen Kaiser an ferne Anhänger in Deutschland gerichteten aufreizenden Telegramme nach Ansicht der beiden Regierungen einen Bruch der Beding­ungen, unter denen dem ehemaligen Kaiser Alyl- rechte gegeben wurden, bedeuten. Die holländische Regierung hat nach den Angaben deS englischen Blattes daraufhin dem vormaligen Kaiser eine energische Warnung" erteilt.

sie dies bei ihm gewohnt war. Er selbst bemühte sich, passenden Ersatz für die alte Eo zu finden.

Er halte zu diesem Zwecke schon in verschiedenen Blättern Inserate einrücken lasten; unter all den ein- Seinen Damen, die sich darauf meldeten, konnte er sich zu keiner Wahl entschließen. Ganz zuletzt war dann noch ein Vries angekommen. Die Schrift und Schreib- weise der Absenderin war ihm sympathisch gewesen, die klaren einfachen Schrifizüge ließen darauf schließen, daß sie natürliche, einfache, bescheidene Charaktereigen, schäften besaß. Er gab deshalb eine ziemlich zusagende Antwort und bat um persönliche Darstellung.

Einige Tage später meldete Ev eine Dame. Joseph war überrascht. Eine Dame?l wer mochte das wohl sein? Die neue Haushälterin doch nicht! Er hatte ja ausdrücklich bemerkt, daß et eine ruhige, ältere, allein» stehende Frau zur Führung seines Haushaltes wünsche. Doller Spannung begab er sich in den Salon. Als er dort eintrat, erhob sich die Besucherin und trat ihm einige Schritte entgegen. Wie gebannt blieb er einen Moment regungslos stehen: mit weit geöffneten Augen starrte er die Fremde an.

Da durchzitterte ein leiser Laut der Ueberraschung die Stille des Salons er war von den Lippen der fremden Dame gekommen.

,Lst's möglich! Fräulein Marianne. Sie?" rief Joseph im Tone höchster Ueberraschung und rasch tarn er mit ausgestreckten Händen auf sie zu.

Wie mit Blut übergossen stand Marianne vor ihm Vergebens bemühte sie sich einige Worte der D:grü- ßung herauszubringen. Ihre Kehle war wie zuge- fdjnürt; in ihrem Stopfe jagten sich wild die verschieden, ften Gedanken. Vollständig fassungslos stand sie ihm gegenüber; ihre Hand, die in der feinen lag, bebte.

Joseph wußte sich den Besuch und das eigentümlich verlegene Benehmen nicht zu beuten. Weshalb? Sie wollte ihn ja doch besuchen, wie käme sie sonst daher? Was aber wollte sie von ihm? Blitzartig durch'uhr es auf einmal sein G Hirn: Himmel! wenn hier vielleicht am Ende gar sein Inserat mit dem Besuch zusammen, hing! Doch schon im nächsten Augenblick sagte er sich wieder, daß dies doch ganz unmöglich fei. (Forts, f.)

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Der SÄnsebub.

Fränkischer Dorfroman von Sina Ernst berge r.

83] __________

Als die Mutter bei Tisch wieder in Joseph drang, zu verkaufen und mit ihr heimzuziehen, ging er schein, bar auf ihren Borschlag ein. Seine Finanzen halten sich so vermehrt, daß er sich getrost in das Privatleben zurückziehen konnte. Er stand ihr nicht mehr ablehnend gegenüber. Als er dies feiner Muitex sagte, strahlte ihr sonst so besorgtes, ängstliches Gesicht vor Freude. Wenn er auch zunächst noch nicht in das Dorschen mit zurück­zukehren versprach, wenn er nur mal erst das Geschäft verkauft hatte! Daß er bann, trotz sein s G.ldes mit ihr das Ausnahmestübchen im Ftickschusterhäuschen be­zog und um sein Glück voll zu matten, die '-bürgemeifter* Kundl heiratete, schien ihr unzweifelhaft. Heftig wehrte sie ab, als er davon sprach, ein villenartiges Wohnhaus für sie in der Heimat bauen zu lassen.

Josephs werd net wieder stolz, daß Du Dem Glück verscherzest", mahnte sie ernstZu was hab' ich denn mein Ausnahmestüble; des is groß genug für Dich und mich. Wennst's Glück haben sollst und die Kundl nimmt Dich, unberufen I (dabei klopfte sie mit dem Finger traf- tig auf den Tisch, dadurch sollte das Wortunberufen" eine verstärkte Wirkung haben) bann kommst Du ja so zum Bürgermeister 'nunter, denn die Kundl trieat amal ihr' War'!"

Joseph antwortete nicht. Cs schien ihm verlorene Müh' leine Mutter in ihren Ansichten bekchren zu wol. len. Gerade ihr Heiratsprojekt an dem sie so hartnäckig hing, bewies ihm wie wenig Verständnis sie für ihn "nd seine Verhältnisse hatte. Ohne ft- davon etwas ®iffen zu '"sfen, beauftragte er einm Architekten mit 6em Dau ter schönen modernen Villa in feiner Hei- juat. Der Name des Bauherrn sollte aber auch den Dörflern gegenüber unbekannt bleiben.

Eher ais er gedacht hatte war das Ho'ek an eine Aklienqesellschaft um eine Million und cchchunderttaw send Mark verkauft worden. Er mietete sich in der Rahe des Hotels eine große, elegante Wohnung und eine alte, treue Person zur Führung seines

ÄUS Anlaß -es Todes Lrzbergers geht uns vom evangelischen Dezernat des ReichsgeneralsekretariatS der Deutschen Zentrums­partei folgender Aufruf zu:

Evangelische Parteifreunde! Erzberger ist einem feigen Meuchelmorde zum Opfer gefallen. Die Hetze der Rechtspresse und der Rechtsparteien, die sich so gern mit christlichen und besonders evangelischen Fe­dern schmücken, hat ihie blutige Frucht gezeitigt. Mit Ekel haben wir uns stets von dieser Kampsmethode gewandt. Jetzt ist die Stunde gekommen, um ein tig und kräftig Protest einzulegen gegen eine ß' Ost­politik, die jedes freie und christliche F eien ; . die politische Ueberzeugung unmöglich ma Wtr j ..» gelischen im Zentrum wollen unS den ptozc Kund­gebungen anschließen, bte in diesen ege von der Deutschen Zentrumspartei im ganzen Rei veranstaltet werden. Den Worten folge die politische Tat! Sie be­kunde sich zunächst darin, daß wir noch eifriger als bisher die Evangelischen, die sich voll Entrüstung von der Katastrophenpolitik der äußersten Rechten abwen- Den, hereinholen ins .um, daS allem eine ehr­liche Politik der wtitte auf christlicher Grundlage un:er Ausschluß pver konfessionellen Eigenbrötelei garantiert. Elsern wir dem Do, bilde der aufopserungS- vollen Hingabe an DaS deutsche Vaterland und der rast­losen Einsetzung aller Kräfte nach, wie es Erzberger uns gegeben hat. Das dürfte der beste Dank an den Heimgegangenen fein. gez. Otto Timmermann.

Vas vestnden der Abg. vi ez.

Reichskanzler Dr. Wirth besuchte gestern in Rudolf zell am Bodensee den Abg. Diez, der bei dem Attenta auf Erzberger em en Schuß in een Oberschenkel und durch die Lunge erhalten hat. DaS Befinden Diez ist befriedigend. Er ist außer Lebensgefahr

Die Lohnbewegung.

Einigung in der Beamlenbesoldungssrage.

Die Organisation der Reichsbeamten und Reichs­angestellten haben zu dem Ergebnis der Verhandlungen über die Gehaltserhöhungen ©teHung genommen und ihre Stellungnahme dem Reichsfinanzministerium mit- Stellt. Die Organisationen sind übereinstimmend der nsicht, daß trotz beachtenswerter Zugeständnisse der Regierung in einzelnen Punkten bas Gesamtergebnis nicht voll befriedigen konnte. 3m beson­deren konnte es nicht gulgeheißen werben, daß der von den Organisationen vertretene Grundsatz einer stärkeren sozialen Sicherung, wie fir in der Forderung einer einheitlichen Teuerungszulage zum Ausdruck kam, nicht verwirklicht wurde und daß die Regierung iw Verkennung der Nostag« der gering besoldeten ©nip­pen mk dem gleichen prozentualen Teuerungszuschlag testhielt. In Rücksicht auf die Notlage der Beamten, Ang.stellten und Arbeiter, dir eine sofortige D.rsor- gung mit Geldmitteln notwendig macht, sahen sich jedoch die Organisationen trotz schwerwiegender Be-' denken nach schwierigen und harten Auseinandersetzung gen gezwungen, das jetzt erzielte Ergebnis hinzu- nehmen. Sie verlangen jedoch, daß dir Regierung Ärsammen mit den Organisationen uiw.rzügtich dis Weitrrberatungen der grundsätzlichen Fragen sortsetzt." Das Reichswirlschaflsminlsterium und die Bergarbeiter.'

Reichswirtschaftsministrr Schmidt hatte in Bo­chum eint Aussprache mit Vertretern b:r vier Berg- arbeiternerbändo, in der sich der Minister über die wirischastliche und soziale Lage der Ruhrdergleute unds auch über die (Stimmung derselben zu unterrichten oer-, suchte. Die ArbeiirrvrrtreuTr forderten von der Re-' gierung eine feste Hand gegenüber den natwualistifchen und milnärifchen Macher.schäften; sie verlrnk^en, Satz die Lohnbewegung schnellstcus in günstigem Ausmaße gelöst werde. Auch mühte vte Sozialpolitik energisch fortgeführt und endlich ein Reichsderckgcfttz geschossen werden. Der Minister dankte den SU« Önern der vier Organisationen für die eimniitige Unterstutz-.ng in der Verteidigung der oersasfungs»naßigen Zustände. Die sozialpolitischen Wünsche der Bergarbeiter fanden stet» seine vollste" Ausmerksamkeit und seine Unterstützung. Die Regelung der Lchnsrage sei zwar schwierig, ober er hoffe, daß trotzdem in den nächsten Tagen ein yi*, fttcüenstclliuiües Ergebnis erzielt werd«

Vie Verordnung vom 29. Sugust.

Die Ausführungsbestimmungen zu der Ausnahmeverordnung des Reichspräsidenten vom 29. August sagen im wesentlichen, daß sowohl das Verbot periodischer Druckschriften, als auch daS Verbot von Versammlungen, Vereinigungen, Auf­zügen und Kundgebungen außer vom Reich-Minister des Innern auch von den OrlSPolizeibehörden lotoie den ihnen vwgeseyren Polizeibehörden ausge prochen werden kann. Das Verbot ist binnen 24 Stunden zu begründen und mit der Begründung fvsort dem Verleger bzw. dem Beranstaiter mitzuieilen. liebet die Zusammensetzung des Reich sratsauS schufies, der über die Beschwerden gegen Verbote dieser Art

Haushalts mit. Vergebens hatte er sich bemüht, seine Mutter zum Dableiben zu bewegen. Als sie die große, seine Wohnung sah, schüttelte sie wieder mißbilligend den Kopf.

Für des dumm Zeug is die Kundl net eingnom» men*, sagte sie ernst.Wenn Du willst, daß die Dich nimmt, mußt naus aufs Dorf. Die geht net fort van ihrer War'!"

Dadurch, daß Joseph nie etwas über diesen Heirats. plan sagte, war es ihr zur unumstößlichen Gewißheit geworden, daß er fest damit einverstanden sei. Als sie zum erstenmal ihren Herzenswunsch wegen dieser Heirat äußerte, tat sie das ganz zaghaft und ängstlich; sie war sogar vorbereitet gewesen, daß er ft» butr .n und einfältig nennen würde und alle ihre schäum Pläne rasch zerstöre. Statt besten hatte er sie erst ganz über- roscht angeschaut, dann hatte er hellauf herzlich gelacht. Die Flickschusterin wähnte, das wäre vor Freude geschehen.

Seitdem war diese Heirat nicht nur ihr Herzens­wunsch, sondern auch ihr Lieblingsthema.

Endlich war Joseph in seine neue Wohnung ringe- zogen. Seine Mutter hatte sich bewegen lasten, die ersten Wochen noch bei ihm in der neuen Wohnung zu verbleiben. Der Architekt hatte Joseph mitgeteUt, daß die Billa nahezu fertig fei. Joseph fand es nun an der Zeit, seine Mutter endlich davon in Kenntnis zu setzen. Das war ein heißer Tag für sie und ihn! Als die Flickschusterin nach stundenlanger, heftiger Aus. einanderletzung das Zimmer ihres Sohnes verließ, hatte sie alle ihre süßen Zukunstspläne und heißen Wünsche begraben. Ihr war's, als wäre Joseph ihr plötzl ch in die Ferne gerückt; als trennte sie beide ein breiter, klaffender Riß. Tagelang war es bei den gemein­samen Mahlzeiten recht still und einsilbig gewesen. Eines Tages erklärte dann bte Flickschusterin, daß sie sich nun endlich entschlossen habe, auf Josephs Vorschlag einzugehen und das neue Wohnhaus in der Heimat zu beziehen. Die alte Eo, die bisher Josephs Haushalt geführt hatte, und mit der sich seine Mutter sehr gut vertrug, sollte mit ihr ziehen.

Joseph hatte daraus bestauben, baß sie im neuen Heim genau in derselben Weise weiter l*en sollte, wie

ten Konst ffion. An der polttischen Drganifation ton­nen sich auch Evangelische beteiligen, aber freilich nur solche, die fest und treu auf dem Boden der (Bottes- furcht und des Glaubens an den Erlöser stehen. Denn aus dieser religiösen Grundlage schöpft auch die Zett- Irumspartei in allen ihren Ztveigen den Lebenssaft und die Triebkraft.

Der libi e Berichterstatter scheint bas auch selbst empfunden zu haben, denn er weist hin auf den Appell des Reickiskanzlers an das teltgiöfe Ef-wispen und schließt mit dem Bekenntnis:

Es ist eigenartig und gehört mit zu den wert- vollsten Erfahrungen, zu denen uns diese Zeit des inneren Ringcns führt, wie rem politische Wirkungen von innersten und tiefsten Kräften ausgehen, wie religiöser Glauben, reine Gottesminne reale Kräfte auslöst Ein fast mittelalterliches Geschehen!"

Ja, das Mittctalier hatte auch sein Gutes und Schönes. D'e besten Triebkräfte auf der Weit sind die ewigen, die in der Offenbarung und Erlösung wur­zeln. Möge die Erkenntnis von der heilsamen Kraft der Reftgion dazu führen, daß alle Gutgesinnten, auch wenn sie in anderer Weltanfchauung verstrickt sind, doch frisch und treu zufammenarbeiten mit der chri ft- lichen Bolkspartei, die den Kern der staats- erhaltenden Kräfte bildet.

Das Scho des ttatholikentages.

Eine libeiale Zeilungsstimme.

Es ist ein Großes um diese Millionen gemeinsame Freude an einem ewigen Gott, an einem religiösen Besitz um diesen Stotz, katholisch zu heißen."

So fchreibt ter Berichter st aller eines liberalen, de« rnokraiiichen Blattes, unter dem Eindruck der Frank­furter BeranstaltunK Wir halten biejen Artikel in der Vvsfijchen Zeitung" für sthr beachtenswert, weit er zeigt, daß auch in Reihen derAufgeklärten" die Er- tenntms aufeämmert von der großen und fruchtbaren Kraft, die von der Religion ausströml und auch ht äetn angeblich weltlichen Getriebe des öffentlichen Ledens sich segensreich geltend macht.

Der Berichtitrst^tter will feftjtelL.n, daß der Katho­lizismus an religiöser Vertiefung gewonnen habe. Ln diesem Anerkenntnis für die G genwart steckt eine Kri­tik der Vergangenheit, die nicht begründet ist. Der Be­richterstatter glaubt nämlich, erstdas innerlich ver- nrbeiteic Erlebnis der letzten Jahre habe den Katholi­zismus von emcr glänzenden Oberfläche hmabgefuhN ,$u einer liefe, in der die Urkraft des Lebens wohnt". Dieglänzende Oberfläche" war allerdings vorhanden und ist noch vorhanden, aber wer früher dieliefe" vermißt hat, ist kurzsichtig gewesen. Hat denn der ruhmvoll durchge-ührte Kulturkampf gegen Bismarck und Falk nicht schon in den siebziger Jahren gezeigt, daß im katholijcken Bolksteil die Urkraft des Lebens wirksam war? lind in den weiteren Kämpfen, Rin­gen und Schaffet, der katholifchen Volksvertreter sowie in den herriichün und sruchtbaren Generatverfamm- lungen bis zum Ausbruch des Weltkrieges bekundete sich schon die schöpseirische Krast der Religion in ähnlicher Weise, wie aus der lagung von Frankfurt. Ader wenn die Erkenntnis des Berichterstatters etwas spät kommt, so wollen wir doch gern von ihr Akt nehmen. Er schreibt:

Der Katholizismus ist in den Jahren nationaler Hochspannung, furchtbaren Erlebens weder verslacht nod) verzweifelt. Er hat mit ungeheurem Ernst seelsor- gcrifch gearbeitet und ist davon reicher geworden. Die Mystik als Urquell religiöser Krast fließt in ihm. Kein Einschlag ist («t Frankfurt) so deutlich geworden, wie dieser mystische. Kein Bekenntnis kam so warm aus den Seelen, als das zur Goltesmim», die zur Bruder­liebe fuhr: .... Das zeigt sich nicht mir Dann, wenn von der Eucharistie und dem Wunder der Vereinigung der Seele mir Gott die Rede war, von der Schönheit und inneren Große des Katholizismus. Es war für mich em Erlebnis tiefsten Berührtwerdens, wie stark im Katholizismus das Verantwortiichkeits- b e w u ß t f e i n sich entwickelt hat. Richt nur kirch­liche Iradillon mit der Reinheit der Lehre gegenüber. Die Seele des Bruders zu erlösen, zu erretten, zu starken, daran sind biefe Frauen und Männer als an das Allert-eiligste gebunden. Und von hier aus führt ein einfacher Weg zu dem anderen: der Dienst am zerschlagenen, innerlich erschütterten, ungewiß ge­wordenen Volk. So stark ist das Bewußtfein der Deraniwortlichkeit, daß es diesmal nicht beim religiö­sen Dienst halt macht. Die Mitarbeit am wirt­schaftlichen Wiederaufbau wird als religiöse Pflicht empfunden und als solche den Gläubigen auf das Gewißen gelegt."

Wir möchten hmzufügen, daß das religiös geweckte Gefühl der Verantwortlichkeit auch über das wirt­schaftlich-soziale Gebiet hinübergreift m das politi- sche Getriebe.

Wenn die eigentliche Politik aus den katholischen Generalversammlungen nicht näher dchandelt wird, so bedeutet das keineswegs ein Verkennen des Zusam­menhangs von Religion und Politik, sondern erklärt sich daraus, daß für di« praktische Politik befondene Organe vorhanden sind, die ihre Ausgaben in einem weiteren Rahmen und mit anderem Rüstzeug zu lösen suchen, als die Generalversammlung einer bestimm-

FuldaerZeitung

Amklicher Anzeiger für den kreis und die Skadk Fulda.

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