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» 199.

Mittwoch, 31. August 192L

- Fuldaer Leitung

Druck bet Fuldaer Aetieudrackerei in FuldL

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Trotz der erst am Samstag nachmittag herausge- «efienen Bekarümachung, daß die Einfcgnungsfrteriich- teiten am Sornttog morgen in dem durch die Lahn sehr schwer erreichbaren Oppenau im badischen Schwär. vaL stat'finden würden, war ein großer Teil der un. übersehbaren Menge der Leidtrogendm mit

Früh^gen vom badischen Oberland und von Karlsruhe eingetroffen, um dem großen christlichen Staatsmann dir letzte Ehre auf badischer Heimaterde w erweisen ein lebendiges Zeugnis der ttotz aller Lnf-indungen unerschütterlichen Anhänglichkeit seiner Glmibensgenossen. Unter ihr befanden sich Altreichs­kanzler Fehrenbach als Vertreter des deutschen Reichstages, Rrichspostminister Giesberts eis Vertreter der Reichsregierung, van der badischen Staatsregierung Staatspräsident Trunk, Fttmnz- minister Köhler, Minister des Innern Remmels uiti) Staatsrw v. Eyck, Regierungsrat Schwarz al« Vertreter des Reichskanzlers und des ReichssinanMini» fteriums. Ferner war die gesamte Zentrumsfraktion des badischen Landtags unter der Führung des Partei­chefs Geistl. Rat Dr. Schäfer erschienen. Don Karlsruhe waren drei Züge der Sicherheitspolizei ein- grtroffen, die zur Begleiümg der Leiche nach Berlin ausersehen waren.

Um halb 10 Uhr wurden im Krankenhaus von Oppenau, wo die Leiche Erzbergers, umrahmt von den Kränzen und Blumen des Schwarzwaldes, aufgebahrt lag, die Einsegnungsfeierlichkeilen von Domkapitular Weber, der als Vertreder des Hochw. Herrn Erz- brfchofs abgefandt war, oorgenommen. Auf dem Wege zum Krankenhaus, das auf einer kleinen Anhöhr mitten im friedlichen Renchtal gelegen, hatte die Karls- ruher Sipo und die Bürgergarde von Peterstal m malerischer All Renchtäler Tracht Aufftellung genom­men, während die Umgebung des Krankenhauses von der Oppenauer Bevölkerung umsäumt war. Unterdes- sen statteten die aus allen Teilen Badens erschienenen Eesinnungsgenosien in tiefer seelischer Bewegung dem toten Parteifreund den letzten Besuch ab. Dm Golles- stieden auf dem bleichen Antlitz, dm Rosenkranz, sei­nen steten und treuen Begleiter aus allen Weg^n, um die blutleeren Finger geschlungen, lag der Kämpfer und Dulder im schlichten gelben Sarge.

Beim Erscheinen der Gemahlin Erzbergers sprach der Staatspräsident noch einmal ter Tieferschütterten das innigste Beileid der badischm Staatsregierung aus, daß dieses furchtbare Verbrechen in dm friedlichen Setgen des badischen Landes verübt wordm sei und gelobte, daß die Justiz alles ausbietm werde, um die Mörder der gerechten Süchm zuzuführen. Rach Schlich der Einsegnungsfeierlichkeiten, die im Freien angesichts der ragmden Schwarzwaldberg?, weihevoll unwohmt von Musik und Gesang der Oppenauer Ver­eine. stattfonden, setzte sich der Trauung unter dem Geläut? der Glockm zur Küche in Bewegung. Ent­blößten Hauptes bildeten Hundert« und Tausend« der Bewohner des Renchtales auf dem Weg« vom Kran­kenhaus zur Kirche, wo das Zierliche Requiem von Domkapitular Weber unter Assistenz der Oppenauer Geistlichkeit abgehattm wurde, Spalier. Die Größe und Schwere des Augenblickes hatte all« ergriffen. Ter Sarg, umgeben von den zahlreichen umflorten Ban- «ent der katholischen Vereine, fand vor dem Hochaltar Aufstellung, während Domkapitular Weber die Kan­zel des überfüllten Gotteshauses bestieg, um pon ge­weihter Stätte die Verdienste des Verstorbenen zu rühmen und Wort« des Trostes für die Hinterbliebenen zu sprechen.

. . . Sein unermüdlicher Geist sann, um ununterbro- chen deutsches Heil und Glück für die Zukunft zu wirken. Großes hat Erzberaer in feinem Heben geleistet, aber die größten Taten seines Lebens warteten auf ihn, da wir um Frieden bitten mußten. Als viele, die berufen waren, sich zurückzogen, hat er sich geopfert. Und die­ses Opfer, diese unermüdliche Wirksamkeit, floß aus fern gewaltigen sittlichen Bewußtsein, daß keine Kräfte anbenutzt bleiben dürften. Nicht Ruhm und Ehre gab'S im zertrümmerten Vaterland zu holen, sondern nur Rettung des Volkes war fein Ziel. Er war ein Mann von kindlich frommem Herzen, ein Katholik unerfchrocke- nen Bekenntnisses, der auch al» Staatsmann feinen Rosenkranz betete. Ein solche» Leben schafft ewige Werte. Die von ben Missionären gerühmten Taten für die Heidenmission und die unbeschränkte Wohltätigkeit im Sinne der christlichen Nächstenliebe für alle Armen und Bedrückten leuchten ihm in» ewige Leben. Der gemordete Mann bat in feinem politischen Wirken nur da» Beste und das Wohl des Vaterlandes gewollt, er hatte ober nicht das Glück, ein reiches Vaterland für

Der Sänsebub.

Fränkischer Dorfroman von Dina 6rn ft berget. 81] ---------

-Hamttt gg wahr, hockst Du da briitna?" rief zum Guckloch herein eine wohlbekannte Stimme, und zu gleicher Zeit erschien bas bärtige wüste Gesicht feine« neuen Freunde« und Verbündeten, de« Schneiders-Gör. gen, am (Bitter. So lange Hanni denken konnte, war ihm noch nie ein Gesicht so liebreizend erschienen, wie de« Schneiders-Görg'n in diesem Moment. Ganz' ent. rückt schaute er empor zum kleinen Guckloch, Freuden, tonen standen ihm im Auge.

D (Borg! Mach' um Himmelswill'n schnell die Tür llusl" schrie er aus Leibeskräften feinem Freunde zu.

-Wo ist denn der Schlüssel, Hanni?"

»Der steckt im Schlüsselloch."

-Da steckt keiner, sonst hätt' ich gleich ausg'machl." Der schlechte Preuß' bat an Schlüssel mitg'nomma. O lieb's Herzala, jetzt muß ich brinna bteibn."

Sei stad, Hanni! Reg' Dich net so auf," beruhigte man von außen durch das Schlüsselloch den Aufgeregten. Wir hofn an Schmiedheint, der muß die Tür auf. fprenga." ,

Aoch ehe sich der schwer geängstigte Hanni von sei- nem Schrecken erholt hallte, klangen schwere Hammer, schlage gegen die Türe des Gefängnisses. Jeder Ham. merfchlag nahm einen Teil von Hannis Jammer mit fort, und als endlich die Widerstandskraft der rostigen Sigeln den wuchtigen Hieben des Dorflchm'edes erlag und knirschend die Türe sich öffnete, entfloh Hanni mit einem einzigen, mächtigen Sprung der grausigen Nacht die ihn gefangen hielt, und fchüllelte dankerfüllt die Hände seiner Befreier. 3m Triumphzug geleitete man den Wiedergefundenen ins Wirtshaus. Dort feierte »an bei Gesang und Bier Hannis treue Pstichterfül. lung und feinen amtlichen Heldenmut.

Noch spät in der Nacht hörte man imOchsen". Wirtshaus bierschwere Stimmen brüllen; ln höchsten tönen trug dann dazwischen wieder der Held des Tages ** Hanni heimatliche Weisen vor. bis endlich mit letzten Stehmaß auf der Straße die seltene Feier 8 Ende ging und der letzte schauerlich.füße Ton ver- hallte.

sein Wirken, sondern ein armes, für da» Opfer gebracht werden mußten, anzutreffen. Welch eine Entartung, daß wir solche Taten sehen. Unsere Gesinnung muh eine andere werden, eine christliche, denn, wenn Gott nicht htlst, bauen alle umsonst. Der großen Stunden bewußt, wollen wir für eine Umwandlung beten.

Nach dem Requiem wurde der Sarg auf dem Kirchplatz, den Tausende umsäumten, mitten im Herzen Oppenaus aufgebahrt. StaatsPräsidentTrun k legte im Namen des badischen Staate» und seiner Regierung einen Kranz au» Schwarzwaldheidekraut am Sarge nieder,als letzte Ehre für den bedeut- samsten Politiker, den christlichen Staatsmann und Minister, alsBeitrag zurSühne für die feigeMördertat .

Um Erholung von aufreibender Arbeit zu suchen, ist Erzberger in das friedliche Schwarzwaldtal eingekehrt, wir hofften ihn gestärkt wiederzusehen. Es kam ander». Ec ist gemordet worden von seiger Mörderhand, um den Geist mit Gewalttat zu brechen, dem sie nicht ge­wachsen waren. Namens deS badischen Volkes spreche ich meine tiefste Entrüstung au8. Wir wollen der trauernden Witwe Ehre schaffen und alle», waS Menschenwille tun kann, soll geschehen, um die Schande zu tilgen. Stehet zusammen, um das Vaterland zu retten vor Verzweifluna, Wirrsal, Unglück und Not, in das es Verbrechen, Selbstsucht und Haß zu stürzen versuchen. WaS Menschen tun können, um Sühne zu schaffen, an denen, die einen großen deutschen Mann und einen deutschen Bruder gemordet haben, soll ge­schehen.

Namens des Reichstags sprach Reichskanzler a. D. Fehrenbach:

ES ist ein fluchwürdige» Verbrechen, mit frevler Menschenhand in Gottes Willen und Bestimmung ein- zugreifen. Die ganze gesittete Menschheit wird einen Schrei der Empörung über diese Tat ausstoßen. Hier steht ein politischer Mord fest. Man weiß, daß da» politifche Leben mit ernsten Kämpfen verbunden ist. Auch Erzberger war ein Mensch, der ein leidenschaftlicher Kämpfer war. Aber wenn dieser Kampf getränkt ist mit Infamie und Unwahrheit, wie wir es in der Presse der letzten Jahre gesehen, dann erfüllt e» die ganze Menschheit mit Entrüstung. Ercherger war ein Mann von tadelloser Moralität und Lebensführung. Dieje­nigen, die feine gehässigen Feinde waren, wollten feinen Tod nicht auf diese Art, aber sie haben das Gift ge­streut, auS dem nun diese Saat deS Verbrechens aufge­gangen war. Umkehr zur christlichen Eitle ist not und als Schrei möchte ich bieS in alle verwilderten Kreise deS deutschen Volkes hinauSruferr. Wenn das nicht kommt, dann wird Deutschland 'nidji von den Feinden, sondern von innen heraus zermürbt, zu Grabe getragen werden. Eines ist noch zu sagen. Erzberger war ein deutscher Patriot, wie eS nur wenige in Deutschland gibt. Er hegte im Anfang des Krie­ges auch die Hoffnung auf Gewinn, aber mehr und mehr brach sich die Einsicht Bahn, daß der Uebermacht nicht mit Erfolg begegnet werden könne. Darum ver­suchte er den Frieden herbeizufübren, und wenn das deutsche Volk diesen Wegen gefolgt wäre, so würde es heute anders aussehen. So ist es denen gefolgt, die sich bis zum bittren Ende Wahnideen hingegeben haben. Er hat als christlicher Patriot baB Interesse deS deut­schen Volke» wahrgenommen, wo viele sonst Berufene versagten. ES mußten Opfer gebracht werden, und der neuerliche Anlaß zu weiteren Opfern hat nun abermals genügt, Bitterungen gegen ihn auSzustohen. Er war ein braver deutscher Mann, ein deutscher Patriot ist er dec Vielgelästerte. Gott kennt ihn besser al» die Men­schen und wird ihm ein gnädiger Richter fein.

Im Auftrage der Reichsregierung sprach Reichs- postminister Giesberts die tiefste Entrüstung über das Verbrechen und inniges Beileid den schwer- geprüften Hinterbliebenen aus.

Ein fluchwürdiges Verbrechen ist mit diesem Mord geschehen. Noch wissen wir nicht, ob nicht noch neue revolutionäre Wirren mit unsäglichem Elend die Folge sein werden, oder ob dieses den Abschluß dieser Be­wegung bilden soll. Aber daS verspreche ich heilig, wir werden nichts unversucht lassen, alle Mittel zu ergreifen, um jedes Attentat auf den Bestand der Regierung in der Republik niederzuschlagen. Er ist gemordet, aber die Fahne, die ihm entfunlen, werden wir hochhalten, auch wenn er nicht der letzte fein sollte, der einem heimtückischen Mord zum Opfer gefallen. Die neue Zeit muß sich durchsetzen, wenn Deutschland gesunden soll. In den letzten fünf Jahren bin ich in innigster Berührung mit Erzberger gestanden, ich weiß, waS er für das deutsche Volk bedeutete. Sein Tod bedeutet einen unersetzlichen Verlust. Alle katholischen Arbeiter­vereine Deutschlands werden Trauerkundgebungen ver­anstalten und Seelenmessen lesen lassen und au8 Millionen Herzen wird daS Gebet für feine Seele zum Himmel sturmen.

Namens des badischen Zentrums sprach der badische Parteichef Geistl. Rar Dr. Schäfer:

Mit Stolz können wir heute sagen, daß wo je einem Führer die Treue gehalten wurde, eS die badische Heimat gewesen ist und so soll eS in Zukunft sein. Erzberger war eine Kämpfernatur, aber von unendlich feinem Empfinden, und schwer empfand et das Unrecht,

Die Flickschusterin aber hatte an diesem Abend um­sonst auf den angekündigten zweiten Besuch ihres Reise­begleiters gewartet.

Als sie am nächsten Morgen frühzeitig aufstand, um Gras zu holen, tag Hannis hochachtbare, amtliche Dienst, müße ganz respektwidrig im Staube des Straßen­grabens. ;

8. Kapitel.

Seit mehrere» Wochen weilte die Flickschusterin nun schon bei Joseph. Ob es Hannis Ueberrebungstunft ge­lungen war, die alte Frau zu diesem Entschlüsse zu bt. wegen oder ob auch noch andere Beweggründe eine Rolle dabei spielten, wußte niemand so recht genau, am wenigsten die Flinichusterin selbst. Hanni hatte sich aller- bings eine unendliche Mühe gegeben. Tagelang hatte er dann gegrollt und über die menschsiche Undankbar- keit philosophische Betrachtungen gehalten als er eines Tages plötzlich erfuhr, die Flickschusterin hätte in De. gleitung ihres Sohnes Peter die lange besprochene Reise zu 3oseph unternommen.

So oft hatte er ihr feine Begleitung großmütig an- getragen; nun dankte sie ihm feine Hochherzigkeit damit, ohne ihm auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu sagen.

Wäre nicht die Sache mit der Schneiderrgörg'n-Kundl und die damit eng verknüpfte Bürgermeisterwahl ge. wesen, er hätte der ganzen Flickfchusterfamifie samt dem Joseph Rache geschworen; so glaubte er, daß es besser sei, vorläufig noch die Faust in der Tasche zu machen. War er nur einmal Bürgermeister, bann wollte er schon bie Beleibigungen alle zurückzahlen.

Mit der Flickschusterin hatte er schon verschiedene Male bei seinen häufigen Besuchen die Heiratsangele­genheit besprochen. Sie hatte sich der Sache gar nicht so abgeneigt gezeigt. Im Gegenteil. Der Gedanke, daß Joseph bet seiner Herzenswahl eine von den Töchtern des Dorfes beglücken könnte, war auch Ihr schon öfter gekommen, und immer hatte sie sich mit stiller Befriebi- gung solchen Gedanken f)ingegeben. Sie war allerdings mehr für die Bürgermeisters-Kundl eingenommen. Der große Geldsack der Schneiders-Kundl schien Ihr zu zwei, felhaft. Hanni war im großen Ganzen ein ehrlicher Charakter. So oft ihm die Frau Bürgermeister ein Stück Dörrfleisch ober eine große Wurst ober ein Fläsch­chen Schnaps und dergleichen mit ben bebeutungSDoUen

das die Menschen turmhoch auf ibn gehäuft. Seine ganze innere Größe zeigte sich in dem geduldigen Er­tragen des furchtbaren Unrecht». Abbitte am Earge gilt e» angesi»,» der ZeitungSstimmen zu leisten, die nicht einmal da» blutende Opfer de» Mörder» nach dem Tode verschonen. DaS ist nicht deutsch« Art, das ist politische Verkommenheit. DaS deutsche Volk hat diesen Mord nicht begangen, aber der Haß. und Rachegeist, der in weite Schichten unseres Volkes geträufelt wurde, trägt die Schuld. Erzberger hat ein Testament hinter­lassen, das fordert: Arbeit mit Gott für Volk und D ater land, und diese Forderung stellte er des­halb auf, weil er ein Patriot vom Scheitel bis zur Sohle war. Den Körper kann man zwar bezwingen und totschlagen, nicht aber Ideen, die ihre Banner- träger für immer haben werden. In der Not der Ver­gangenheit haben wir der Idee gedient^ und so Gott will werden wir sie zum Siege führen können. Denn die Wahrheit mutz sich bahnbrechen.

Der tote Erzberger ruft un8 aus seinem Sarge noch zu, seid einig, einig, einig, laßt euch nicht aus­einanderbringen und keinen ohne Schutz und Deckung, der von den politischen Feinden angegriffen und ver­lästert wird. Geschlossenheit tut not. ES wird für da» badische Zentrum eine Ehrensache sein, dem toten Führer an der Mordstelle ein Denkmal zu fetzen. Und tief­erschüttert ruft der badische Parteiführer dem toten Freunde zu:Aus Wiedersehen in einer besseren Welt, auf Wiedersehen im ParadteSl"

Lautlos hatten die Tausende ben Worten der führenden Katholiken der Gegenwart gelauscht. _ Es folgte noch die Niederlegung einer Anzahl Kränze, die Rückführung des Sarges ins Krankenhaus, und die schlichte Traueifeier war zu Ende. Hunderte und Tausende Renchtäler umlagerten nach dem Be­richt deS ,Bad. Beob/ die Bahnhöfe bis nach Appen­weier, um wenigstens noch einmal den Sarg er­blicken zu können.

Zum KapitelTeuerung" erhalten wir folgende Zuschrift, der wir, um verschie­dene Mißverständnisse und Unklarheiten zu beseitigen, Aufnahme gewähren: Es liegt gewiß im Interesse vieler, die Zweifel zu beheben, die beim Lesen von Zeitungsnotizen entsteh«» müssen, wenn von Teue­rungspunkten, Indexziffern, Teuerungszahlen und Der- hältniszahlen gesprochen wird. Zu diesem Zwecke sei hierdurch zu den amtlichen Teuerungsstatistiken ein» kurze Aufklärung gegeben.

In den Orten mit mehr als 10 000 Einwohnern werden schon längere Zett hindurch allmonatlich in Kommissionen» zu denen Vertreter der Arbeitgeber uttd Arbettnchmer hinzugezogen werden, die Preise für etwa 50 der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse, wie Brot, Mehl, Fleisch, Fett, O?l, Butter, Obst, Gemüse, Brennstoffe usw. genau festgestellt und in ein von der Regierung oorgeschriebenes Nachweisungsformular A eingetragen, uttb zwar in Pfermigw-erten für je 1 Kg., bei Kohlen tmb Hotz für 1 Zentner. Eine weitere Nachweisung dient zum Eintrag der amtlich zugeteilten Lebensmittel nach Menge und Preis.

Neben diesen beiden Nachweisen besteht mm noch ckin amtliches Verzeichnis, aus dem «rsichtlW ist, welche Verbrauchsmengen an Lebensmitteln einer Fa­milie von 5 Personen (Mann, Frau und drei Kindern im Alter von 11, 7 und 1% Jahr) monatlich ju? gebilligt werden müssen. Aus den erwähnten drei Unterlagen werden die Teuerungszahlen berechnet. So z. B. für Brot: Bedarfsmenge 47 000 Gr., amtliche Menge 37500 Gr., frei zu kaufen 9500 Gr. Preis für die amtliche Menge 37,5 x 352 (Pf.) ----- 13 200 Pf., für die frei zu kaufende Mmg? 9,5 v 480 Pf. ----- 4560 Pfg. Gesamt aufwendung 17 760 Pfg. Zu dieser Zahl werden die übrigen für Mehl usw. gezählt. Die Gesamtsumme stellt dann die Teuerungszahl des betreffenden Ortes dar. Aus praktischen Gründen wer- ben die gewonnenen Teuerungszahlen mit 100 gekürzt; statt 96 700 schreibt man 967, statt 105 400 1054. Eine Teuerungszahl vom 1125 bedeutet demnach: In X braucht eine fuiffnpsige Familie im Monat 112 500 Pfg. ----- 1125 Mark'für Beschaffung der in der Nach­weisung A angegebenen Lebensmittel, ganz abgesehen van Kleibern, Schuhen, Ausgaben für Erholung, Ge­sundheitspflege usw. Die Sprache der Deuerungszahlen ist eine recht deutliche, sie beweist, daß affe jene, die auf festen Lohn oder Gehalt angetDtcfetr sind, vielfach sehr schlecht bezahlt werden. Zwischen den auf vor­stehende Weise errechneten Teuerungszahlen und den vom Statistischen Amt« herausgegebenen bestehen meist kleinere ober größere, jedoch nicht sehr wesentliche Unter* schiede, weil die amtliche Bereif) rtung manche Bedürf­nisse von anderen Gesichtspunkten aus bewertet.

Neben den Teuerungszahlen rechnet die Statistik noch mit Berhältniszahlm. Bei ihrer Festsd?llung wird Worten:As kommt scho mehra noch, Hanni!", in ben Arm legte, fühlte er schwere Gewissensbisse ob seiner Hanblungsweise. Schließlich aber mutzte er sich bann immer wieber zu seiner Beruhigung sagen, daß sich je, der doch selbst der Nächste sei und die Bürgermeister würbe solch kleinen Verrat wohl wert ist. In ben nächsten Wochen wollte er sich gleich mal aufmachen zu einer Reise in die Stobt, um mit Joseph und seiner Mutter bas Nähere zu besprechen. Er meinte, die bange Scheu, bie ihm her erste Besuch bei Joseph verursachte, würbe diesmal nicht wieberkehren, benn was sich bie Flickschusterin getraute, bas durfte er erst recht wagen; fühlte er sich doch, was Wissen und Bildung anbelangte, hocherhaben über diese Frau. Was hatte er doch in die­ser Beziehung durch ben Verkehr dereinst mit feinem ehemaligen Feldwebel und fetzt im Umgang mit ben verschiedenen HerrenBezirks" schon alles gelernt] Nein, was Anstand und Bildung bettaf, brauchte er sich vor dem eingebildeten Portier und auch nicht vor ben schwarz bestockten Faulenzern zu fürchten.

Währenb Hanni so sich feine Pläne für ben bevor, stehenben Besuch zurechtlegte, satz bie Flickschusterin am Fenster eines elegant eingerichteten Zimmers im Hotel Bellevue" unb sah hinab auf bas bunt bewegte Stra- tzenleben vor ihr. Statt ber bunten fränkischen Klei- düng trug sie ein einfache«, schwarze« Kleid unb anstelle des scheckig geblümten Kopftuches tag an den weißen, dünnen Hoarsttöhnen ein kleines Spitzenhäubchen. Nie- manb vom Dorfe würde in ber ehrwürdigen, alten Dante wieder die arme Flickschusterin erkannt haben.

C« war ihr anfangs nicht leicht geworden, bie hei­matlichen Kleiber abzulegen. So oft sie anfangs ihr Bill) im Spiegel erblickte, prallte sie zurück; sie konnte sich gar nicht so sehen. Scheu blieb sie anfangs ben gan- zen lag in ihrem Zimmer sitzen; sie kom ocbentlich in Verlegenheit, wenn bas Hotelpersonal so liebenswürdig und zuvorkommend zu ihr war unb fsindhoft erschien ihr ba«, wenn man sie so bebiente. Ost, wenn sie am Tische saß, unb alle möglichen Leckerbissen vor ihr ftan, den kamen ihr bie Tränen in bie Augen: sie mute« ber Zeit gedenken, wo sie unb ihr verstorbener Mann sich nicht einmal am trockenen, schwarzen Brot sattessen kannten, bamlt bie Kleinen nicht Hunger leiden mußten. Damals gab es oft Tage, wo sie nicht fünf Pfennige ihr eigen nennen konnte. Hunger und Not lernte sie schon

ausgegangen von jenen Teuerungszahlen, bi« sich er­geben, wenn man in die oben genannbm Nachweisun­gen die Preise von 1913-14 einsetzt. NatmgernSß sind diese Friedensteuerungszahlen sehr niedrig, sie bewegen sich im allgemeinen zwischen 70 und 130. Als ge» meinsame» Maßstab setzt man jedoch 100 ei» unfr rechnet:

Ort Z. hat eine Friedensteuerungzzahl von 95 ---100 jetzige Teuerungszahl ist 1120 = ?

Lösung: 100X1120 = 1178

95

Für Z ist also die Derhälttriszchl 1178. Di« B?r- hältiiiszohlen zeigen dem Statistiker, welche Orte be­züglich der Preissteigerung die größten bezw. kleinsten Sprünge gemacht hoben, für den Laien haben sie nur geringen Wert.

Die beiden Ausdrücke Teuerungszahl und Verhütt, niszahl sind die amtlichen Bezeichnungen. Es ist des­halb verkehrt mtb irreführend, in der Presse von Index- ziffenr ober Teuenmgspunkten zu sprechen, ohne zu sagen, für welchen amtlichen Ausdruck der Ersatzname gelten soll. Erst vor kurzem wurde das Wort Teue­rungspunkte ohne Hinweis auf seine Bedeutung m der auswärtigen Presse ganz allgemein für Verhältniszahl gebraucht, und zwar an Stellen, wo es selbst von Kennern der Statistik nur als Tmecungszahl ange- sprachen werden konnte.

Aus den vorstehenden Erläuterungen geht hervor, daß aus den für Fulda angegebenen Teuerungspunkten (hier gleichgesetzt für Verhältniszahl) geschlosflen werden mußte: Unter den 47 Gemeinden, auf Grund deren Meldung die Tcuerungs- bezw. Verhältniszahben für den Monat Juli errechnet worden sind, steht Fulda mit an der Spitze jener, die feit Krtegsbeginn die ge­waltigste Preissteigerung erfahren haben. P. S.

aus dem Nachbargediet.

* Rotenburg. Der ehemalige Bulgaren« k ö n i g Ferdinand von Koburg, der augenblicklich in Salzschlirf zur Kur weilt, traf kürzlich im Automobil mit seinen Kindern hier ein, um im hiesigen Schloss» > nach alten Ahnenbildern Umschau zu hallen. Schon acht Tag« zuvor war er zu gteietjem Zwecke hier. Der anscheinend sehr such- unb kunstverständige fürst­liche König soll auch ihn interessierende Bilder ausge­funden haben.

* Rengshausen (Kreis Rettenburg). Ein furcht­bares Unwetter ging über unserer Gemarkung nieder. Wolkenbruchartiger Stegen mit Hagelschlag dauerten über eine Stunde an. Die Belfer wurde in kurzer Zeil zu einem reißenden Strom. Die Wiesen des Beijertoles unterhalb des Dorfes wurden über­schwemmt, die Felder zerrissem Die Kartoffelernte wurde etwa zu einem Viertel vernichtet. Die Feld­wege sind aufgewühll. Der Schaden, der sich vorläu­fig noch nicht feststelbrn läßt, ist sehr groß.

mc Frankfurt a. 211. Die Voruntersuchungen tm großen Bestechungsprozeß gegen die Gebrüder Hei­delberger sind mmmhr nahezu abgeschlossen. Die umfangreiche Verhandlung, die wohl mehrere Wochen in Anspruch nehmen wird, soll noch im Laufe des Winters stattfinden. Die Heidelbergers haben mit Miütärbeamten während des Krieges rnmderwertigs Munition verschoben, wofür sie Hundertausende afl Schmiergeldern zahlten.

Limburg. Der Kreistag beschloß einstimmig, für die Besetzung des Landratspostens dem Minister den bisherigen kommissarischen Landrat, Regierungsrat Dr. Huesker vorzu schlagen, der die Geschäfts bereits seit 5 Monaten fuhrt.

Kur Geisa und Umgebung.

Vacha. Herr Oberschulrat Schnabel aus Weimar hielt sich vorigen Freitag hier auf, um mit Herrn Direk- tor Dr. Jesinghaus wichtige Fragen Über das Schul­wesen tm 4. weimari sehen Verwaltungsbezirk zu be­sprechen. Wie wir hören, scheint die Absicht zu be­stehen, in unserem Bezirk ritte Anzahl von Mittel­schulen einznrichten. Von diesen soll der lieber- gang zu einer höheren Dollanstatt ermöglicht werden.

vermischtes.

* Eisenbahnräuber. In Magdeburg ist eine große, völlig organisierte Eisenbahnräuberbande unschädlich gemacht worden, bie den Eifenbahnfiskus um triefe Millionen geschädigt Hai. 43 Berfonen, Geschäfts­leute, Eisenbahner, Gastwirte au; Magdeburg und Um- gegend sowie Berliner Schieber, sind zur Anzeige ge»

in den Tagen ihrer frühesten Kindheit kennen; wie sollte sie sich nun, am Ende eines langen Lebens, plötzlich an solchen Uebersluß gewöhnen können?

Joseph war ängstlich bemüht, ihr bas Einleben in die neuen, so völlig fremden Verhältnisse möglichst zu erleichtern. Lede freie Minute verbrachte er auf ihrem Zimmer. (Er konnte gar nicht müde werden, sie immer wieder mit neuen Ueberraschungen zu unterhalten und zu zerstteuen; sie aber konnte trotz allem die Heimat­fehnsucht nicht zum Schweigen bringen. Ost saß sie in der Dämmerstunde am Fenster und ihre Blicke suchten sehnsüchtig dos Stteifchen Himmel ab, bas zwischen ben hohen Häusern sichtbar war, nach einem Sternchen, ba« ihr auch in ber Heimat schien unb aus dem Auge rollten schwere, heiße Tränentropfen. Dann dachte sie bes ftil. len, kleinen Heimatdörfchen, unb Heimweh nach ber trauten, niederen Hütte zog durch ihre Seele; im Geist suchte und grüßte sie dann all' die teuren, heimatlichen Stätten. Von ber Straße herauf brang ber Großstadt wildes, hastiges Treiben, sie aber hörte nichts; ihre Ge. danken weilten weit, weit fern von hier, und burdj bas laute Stimmengewirr und durch bas Räberrasseln von unten hörte sie ein leises, süßes Klingen ber Heimat Abenbgtockenklangl

Wie boch ganz anbers lebte es sich hort. >So frei, so ungebunben unb trotz Not unb Armut dennoch auch zufrieden. Hier hat sie alles, was ihr Herz sich wünscht; was ie bei andern ihr als Glück erschien, warb ihr zuteil; boch feltfamt Ihre Seele fühlte sich krank; sie kann, wie sie auch ringt, bie alte Armut unb bes Dor. fes Stille nicht entbehren.

Wie sie als Staut einst einzog in bas künftige Heim, ba nahm sie von bem Grad der Mutter eine Blumen- pflanze mit, bie roilb, ganz ohne Pflege, an ber teuren Stätte wuchs unb bie bas Grab mit reichem Blüten- schmucke zierte. Sie pflanzte baoon einen Zweig in ihren (Barten unb pflegte ihn unb sorgte ängstlich, baß er weiter wuchs und blühe. Er wurzelte auch in der neuen Erde unb trieb junge Zweige, boch waren seine Blätter klein und spärlich, unb als er Blüten tragen sollte, trauerte bie Krone unb starb ab. Weinend zeigte sie damals den welkcnk Stock der Nachbarin; ihr schien das eine trübe Vorbedeutung für die Zukunft, der Stock hatte ihr bas ferne Grab ersetzen sollen.

(Fortjetzung folgt)